26.9:
Die Fahrt in die Berge Darjeelings war angenehm. Pralle, grüne, feuchte Landschaft, von Farnen umrankte Bäume und die leicht modrige, aber dennoch klare Luft. In der umfangreichen Traveller-Bibliothek meines schnuckeligen Hotels fand ich einen Roman. Den Nachmittag über las ich das Buch im Bett. Dort war es nicht nur schön bequem, sondern das Liegen unter der Bettdecke hatte auch die erfreuliche Folge, dass meine Körperwärme die Klammheit des Bettzeuges minderte. Die Luft ist dieser Tage und Wochen ziemlich feucht in Darjeeling.
Als ich abends meine Jacke aus dem Rucksack fischen wollte, sah ich die Bescherung. Der Rucksack wies an der Vorderseite vier Schnitte auf, zwischen zwei und fünf Zentimeter lang. Ich hatte am Busterminal in Siliguiri wohl nicht gut genug aufgepasst, und konnte froh sein, dass der backpack nicht viel übler aufgeschlitzt worden war. Sachen fehlten keine. Es war definitiv ein Fehler, den Rucksacküberzug zu Hause zu lassen!
28.9.:
Frühstückszeit! 10.40 Uhr. Welch weise Entscheidung, von Khulna nach Darjeeling zu fahren. Hier gefällt es mir ausnehmend gut. Mein Zimmer ist in eineinhalb Tagen mein Zuhause und das Restaurant mein Wohnzimmer geworden. Die Familie besteht aus ihm, 51 Jahre, pensionierter Soldat, seiner Frau und zwei Söhnen. Sie alle sind freundlich und zu jedem Scherz bereit, sprechen gut Englisch und besser Deutsch als ich Hindi.
Gestern regnete es den ganzen Tag. Nach dem heissen Klima der letzten Wochen war es angenehm, die frische Kühle zu spüren. Mit einem geliehenen Regenschirm erkundete ich Darjeeling. Im Zoo wollte ich unbedingt den Schneeleoparden sehen, aber sein Käfig war leer. Am Nachmittag kam ich im Wohnzimmer mit Gerald aus Wien ins Gespräch. Er hatte gestern auch schon da gesessen. Sein trüber Blick, das langsame Herausfliessen seiner Worte und seine eingeschränkte Aufnahmefähigkeit hatten den Joint leicht erratbar gemacht. Geralds lange Haare, die schwarze Plunderhose und seine abgewetzte Jeansjacke hatten in mir nicht die Erwartung geweckt, seine Gesellschaft könne besonders amüsant und nett sein. War sie aber. Gerald erwies sich als hervorragender Schachspieler, soweit ich das beurteilen kann..., und erklärte mir einige Züge und Varianten, die ich leider vergessen haben werde, wenn ich sie mal gebrauchen kann. Um 21 Uhr schloss das Restaurant, in Darjeeling geht man früh ins Bett. Gerald und ich gingen auf mein Zimmer und erzählten noch bis Mitternacht. Anschliessend las ich noch bis 2 Uhr. "Die fünfte Frau", von Maria Faygas, gefällt mir fabelhaft, starke Charakterzeichnungen und eine dichte Atmosphäre.
5.40 Uhr weckte mich heftiges Türklopfen. Schlaftrunken wankte ich aus dem Bett und öffnete die Tür. Vor mir stand, völlig hektisch, der Hausherr. Mr. Darjeeling sagte, dass ich sofort rauskommen müsse. Der Himmel sei sonnig und die Sicht erlaube einen oder auch mehrere Blicke auf die zentrale Himalayakette. Rein in die Hose und rauf auf den Hügel hinter dem Haus. Der Kanchanjunga, der dritthöchste Berg der Welt, glänzte schneeweiss vor strahlend blauem Hintergrund. Traumhaft. Ein majestätischer Berg. Und irgendwo dahinten war Shangri-La. Oder ist.Jetzt sitze ich wieder im Restaurant, zusammen mit einem Japaner, einem Engländer und einem französischen Paar. Der Chef und seine Familie geben uns allen das Gefühl, dass wir zur Familie gehören. Das macht das kleine Hotel "Aliment" zu etwas ganz besonderem.
18 Uhr: Wenn morgen nicht die Sintflut über Darjeeling hereinbricht, fahre ich um 7 Uhr nach Manebhanjang und gehe auf Wanderung. Vielleicht kommt der Japaner mit, aber er hat keine Wanderschuhe und bisher sind alle Versuche, welche zu beschaffen, fehlgeschlagen. Die letzte Chance ist Mr. Darjeeling. Aber der ist ausser Haus und kommt hoffentlich bald zurück.
25.9.:
Auch Mr. Darjeeling konnte keine Schuhe herbeizaubern. Ich machte mich heute also alleine auf den Weg zur Busstation. Der 7-Uhr-Bus fuhr nicht. Prinzipiell fährt er täglich, nur eben heute nicht. Warum nicht, weiss ich nicht, aber auch mit Begründung wäre es nicht wirklich tröstlicher gewesen. Rauf zum Hotel und ab ins Bett. Ich schlief wieder ein, frühstückte gegen halb elf und nahm den 12.30-Uhr-Bus, der 14 Uhr losfuhr. Der unvermeidliche Reifenschaden aller indischen Busse ereilte uns erst einen Kilometer vor Manebhanjang, so dass wir Fahrgäste zu Fuss in den Ort gehen konnten.
Ich freue mich auf morgen. Hauptsache das Wetter spielt mit, wie seit Tagen schon, ist es auch heute nicht zu gut.
30.9.:
Start 9 Uhr, Ankunft in Garibais 14.40 Uhr. Ein feuchter Tag. Nebel und Nieselregen wechselten mit rauschendem Regen. Bei klarer Sicht muss die Landschaft atemberaubend sein. Meine Ausblicke waren leider auf Augenblicke, und in diesen auf fünf bis zehn Meter, beschränkt. Morgens konnte ich mich nicht so richtig entscheiden, ob das Wandern bei diesem Wetter nun Spass oder doch nur Nässe brachte. Aber als ich mittags in einer Hütte in Megma sass, neben mir eine Schale glühender Kohlen zum Wärmen, vor mir einen Teller Reis mit Dal und in der Hand einen heissen Milchtee, da wusste ich, dass die Welt es gut mit mir meinte.
Hinter Megma verlief der Weg dann kurzzeitig auf nepalesischem Gebiet. Es gab auch ein Grenzhäuschen, das aber unbesetzt war.
Das Trekker-Haus, so eine Art Jugendherberge, in Garibais ist genauso sauber wie basic. Strom gibt es nicht, deswegen nutze ich gerade das letzte Tageslicht zum schreiben. Unter den Pulli habe ich ein trockenes T-Shirt gezogen, Pullover und Hose müssen am Körper bleiben, damit sie trocknen.
Als ich eben meine Stiefel ausziehen wollte, und mit dem rechten begann, machte es ein Geräusch wie "Krrrrg" oder so. Das Leder über der Ferse war entzwei. Ich habe ein Stück Kompressionsriemen des Schlafsackbeutels mit Superkleber von innen drübergeklebt. Der Riemen ist aus Nylon oder sowas in der Art, jedenfalls stabil. Dann habe ich mein Nähzeug zur Hand genommen und den Riss zusätzlich genäht. Eine kleine, dünne Nadel ist für dickes Leder übrigens suboptimal. Die Schuhe sind in den letzten Jahren so beansprucht worden, dass sie auseinanderfallen dürfen, aber es hätte ja nicht unbedingt auf einer Wanderung passieren müssen.
1.10.:
Während der Nacht peitschte ein Sturm den Regen an mein Zimmerfenster, und ich dachte darüber nach, wieviel Wasser eine geschlossene Wolkendecke enthalten könne. Optimistisch kam ich zu dem Schluss, dass auch die grösste Wolke irgendwann leer sein muss. Und tatsächlich hatte der Regen aufgehört, als kurz vor sieben Uhr mein Wecker rasselte.
8.20 Uhr machte ich mich an den Aufstieg von Garibais nach Sandakphu, von 2621 Meter auf 3636 Meter. Knappe zwei Stunden später stärkte ich mich mit Nudeln und Tee in Kali Pokhari. Acht Kilometer und die Hälfte der Höhendifferenz lagen hinter mir. Auf dem Weg hatte ich ein amerikanisches Paar überholt, beide so Mitte oder Ende Dreissig, die mit zwei Trägern für ihre Rucksaecke und einem Führer unterwegs sind. Es gibt doch noch Wunder: Amerikaner, dazu noch aus New York, die wandern.
Die zweite Etappe des Tages, die restlichen 500 Höhenmeter verteilt auf vier Kilometer, hakte ich nach einer Stunde und 55 Minuten ab. War allerdings ein echtes Stück Arbeit.
An der Trekker-Hütte in Sandakphu wird noch gebaut. Es gibt schon ein eingerichtetes Dormitory. Auf Wasseranschluss, Elektrizität und Toilette muss der Besucher noch verzichten.
Ich bin rundum zufrieden. Nur ist es ein wenig kalt hier.
2.10:
Gestern abend sassen Maxine, Joel (die zwei Amis), Sanjay (ihr Führer) und ich in der Trekkers Hut und staunten, dass die Jungs vom Service es noch nicht mal auf die Reihe brachten, einen simplen Tee für uns zu kochen. Das lag weniger an bösem Willen, sondern vielmehr an der totalen Desorganisation. Wahrscheinlich waren die Jungs mit drei Wanderern auf einmal überfordert. Der Tee hätte dabei sehr gut getan, denn es war schweinekalt. Wir vier sassen um eine Schale glühende Kohlen und träumten von einem grossen Kamin. Trotz aller Widrigkeiten, oder deswegen, war es eine gemütliche Runde. Maxine und Joel sind frisch verheiratet und der Indien-Trip ist ihre Hochzeitsreise. Trekking in den Flitterwochen! Und in der Nacht hatten sie nicht mal ein Doppelzimmer, weil es schliesslich nur ein Dormitory in der Hütte gibt.
Heute morgen war das Wetter genauso gut wie an den Vortagen. Ich verzichtete darauf, die beiden New Yorker nach Phalut zu begleiten und ging nach Rimbik. Erst fing es an zu nieseln, dann regnete es richtig. Die 1400 Höhenmeter Abstieg rutschte ich mehr als dass ich sie wanderte. Übel waren die Passagen, wo Ton oder Lehm oder so den Grund bildeten, das war wie Seife. Und die letzten zweieinhalb Stunden gab es keinen anderen Untergrund. Jeden Schritt musste ich mit voller Konzentration vorausplanen und dann gehen. Wenn ich mit einer Hand über meine beschlagene und zugeregnete Brille wischen wollte, hatte ich zumeist mehr Bodenkontakt als mir lieb war. Irgendwann probierte ich aus, erst stehenzubleiben und dann die Brille zu putzen. Das klappte besser.
Nach fünfeinhalb Stunden kam ich in Rimbik an und nahm das erste Hotel, das am Weg lag. Der Wirt begrüsste mich mit den Worten, dass sein Hotel "lonely planet recommended" sei, worauf ich wusste, dass ich es nicht schlecht getroffen haben konnte.
Ich bin geschafft, aber zufrieden. Die drei Tage waren trotz des miesen Wetters schön. Es ist ein gutes Gefühl, gegen Ende des Urlaubs noch mal aktiv gewesen zu sein.
Dialog an der Zimmerwand:
"Hey, du alte Trekkersocke! Wer das liest, muss mir schreiben, wie es dir gefallen hat. Unbedingt." Th. Damm, Leverkusen, 16.4.1991
"Spitze! Wie im Erzgebirge!" E. Stender, Dresden, 22.3.1992
3.10.:
Die vorige Nacht schlief ich nicht besonders ruhig. Auf der Strasse gaben Hunde ein Platzkonzert, unsichtbare Tiere, die im Bettzeug wohnten, brachten mir juckende Bisse bei und das Bett war einfach zu kurz für mich. Ich hasse zu kurze Betten.
Den ersten Teil des fehlenden Schlafes holte ich im Bus nach Darjeeling nach. Im Hotel legte ich mich ins Bett und schlief den Rest nach. Jetzt ist früher Abend und ich bin immer noch müde. Was nun fehlt, ist eine heisse Dusche. Muss Mr. Darjeeling nachher mal fragen, ob das heute noch klappt. Erstmal gibt`s Bohnen auf Toast mit einem Spiegelei obenauf.
4.10.:
Ich bekam meine Dusche - und weiss jetzt auch, warum man nicht jederzeit duschen kann. Auf der Terrasse vor Mr. Darjeelings Wohnung, ein Stockwerk über den Gästezimmern, hängt ein grosser, metallener Wassertank. Um das Wasser darin zu erhitzen, macht Mr. Darjeeling unter dem Behälter ein Holzfeuer. Zwei, drei Stunden später ist Duschzeit. Mr. Darjeeling sagt, ein elektrischer Boiler hätte bei der hiesigen Elektrizitätsversorgung keinen Sinn.
Da ich kein Zugticket für morgen abend nach Varanasi bekommen habe, kaufte ich eine Busfahrkarte nach Patna. Wird eine lange Fahrt, morgens fahre ich nach Siliguiri, irgendwann am Abend, die Zweigstelle hier wusste nicht mal die genaue Abfahrtszeit von Siliguiri, geht`s weiter.
Es ist schade, dass ich nicht länger bleiben kann. Seit zwei Stunden sitze ich im Restaurant und scherze mit Mr. Darjeeling, bringe seiner Frau einige deutsche Sätze ("was wollen sie essen?") bei (war ihr Wunsch, nicht meine Idee) und erzähle mit dem 19jährigen Sohn.
Eben ist der Japaner dazugekommen. Prima Typ. Er reist seit sechs Monaten, zuerst Thailand, dann Frankreich, jetzt Indien. "Was zum Teufel wolltest du während einer Asienreise in Frankreich?", fragte ich ihn. Antwort: "I mistaked"
Wie alle reisenden Japaner spricht er kaum Englisch. Er hat als Software-Entwickler gearbeitet (natürlich). Vielleicht brauchen japanische Computerspezialisten kein Englisch, weil alle Neuentwicklungen in Japan stattfinden.
Gerade habe ich meine in Calcutta erworbene John Denver-Cassette in den Restaurantrecorder eingelegt. Country road!, ach, hier ist es einfach fabelhaft.
Und das kleine Kätzchen sitzt, wie jeden Abend, auf dem Kühlschrank und spiegelt sich im Fernseher. John Denver singt gerade "Sunshine on my shoulders makes me happy".
Momente, Augenblicksaufnahmen sind es, die zu Erinnerungen werden.
Eben sind drei Amis oder so reingekommen und haben sich nach zwei Minuten über die Musik beschwert. Sie mache traurig. Mr. Darjeeling schaute sie an und sagte: "I love it. Two people here like it, me and Mr. German." Thema durch.
6.10.:
Ich habe mich selbst reingelegt. Was ich eigentlich vorher hätte wissen sollen: kaufe niemals ein Ticket in Ort A, wenn du von Ort B losfährst.
Die Fahrt nach Siliguiri am gestrigen morgen verlief noch komplikationslos. Dort sollte ich zur "Gupta Travel Agency" gehen. Deren Büro entpuppte sich als eine dieser Bretterbuden an den Busbahnhöfen kleiner Orte, die immer irgendwie wie ein Provisorium aussehen. Es hätte mich am Vortag stutzig machen sollen, dass die Filiale von "Greenland Travel" in Darjeeling in Siliguiri "Gupta Travel" heisst. Aber nachher ist man immer schlauer.
Mein Ticket ab Siliguiri hatte keine Abfahrtzeit, weil "Gupta" die Touris auf noch nicht ausgebuchte Busse verteilt. Gut für die Busgesellschaften, weil die ihre Busse vollbekommen, gut für "Greenland/Gupta", weil die ihre Provision kriegen, weniger gut für Touristen, weil die in Siliguiri am Busterminal stehen und warten. Nein, um 16 Uhr ginge nichts mehr, aber um 18.30 Uhr werde es klappen. Ja, meinen Rucksack könne ich im Office abstellen, aber meine Wertsachen solle ich doch bitte rausnehmen. Naja.
Kurz vor 18 Uhr sagte mir ein Mitarbeiter der Agency: "Der 18.30-Bus fährt nicht". Auf meine Nachfrage bestätigte mir ein anderer Gupta-Mensch das gerade gehörte. Er lieferte immerhin eine andere Begründung als der erste. Man habe aber einen Notplan für mich ausgearbeitet: Bus 1 werde mich nach soundso bringen, Bus 2 von da in zwei Stunden nach Patna. Und ich müsse nichts dazuzahlen.
Heute um 14 Uhr kam ich in Patna an. Während der Nachtfahrt vergass ich meinen Frust zeitweilig, weil der Bus sehr interessant war. Es war ein alter Bus, der schon viele, viele Kilometer in seinem Leben zurückgelegt hatte. Während wir über unzählige Schlaglöcher hinwegdonnerten, wartete ich darauf, dass der Bus auseinanderfallen würde. Falls er noch Stossdämpfer hatte, waren sie wohl altersschwach, denn jedes Schlagloch liess die Fahrgäste erzittern. Ich sass genau über der Hinterachse und überlegte, was passieren würde, wenn sie plötzlich durch den Boden geschossen käme.
Weil ich wenig Lust hatte, gleich wieder in einen Bus zu steigen und nach Varanasi zu fahren, suchte ich mir ein Hotel. Dann buchte ich ein second sleeper-Ticket für morgen nach Delhi. Meine Zeitplanung ist hin. Für Varanasi fehlt mir jetzt der heutige Tag. Und nur hinfahren, um dagewesen zu sein, ergibt keinen Sinn. Da hätte ich gleich einen Tag länger in Darjeeling bleiben können und wäre Mittwoch Abend, also heute, direkt nach Delhi gereist. Aber der Plan war okay, nur die Ausführung gestaltete sich unerwartet kompliziert.
18.32 Uhr: Ich habe einen Fernseher im Zimmer (danach habe ich das Hotel auch ausgewählt) und nach nur drei Stunden Suche im Äther habe ich MTV gefunden. Jetzt wird es ein schöner Abend.
21.15 Uhr: Die Pappnasen haben MTV abgedreht und speisen statt dessen einen indischen Film in meinen Fernseher. Oh nein!