DAS GEBET

Vortrag im Rahmen der "Arbeitsgemeinschaft Interreligiöser Dialog" am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg

Das regelmäßige Gebet ist ein Grundbestandteil der religiösen Praxis und hat eine zentrale Stellung unter den "5 Säulen des Islam" (Glaubenszeugnis, Gebet, Armenabgabe, Fasten, Pilgerfahrt) unmittelbar nach dem Glaubenszeugnis. Im Qur'an wird wiederholt dazu aufgefordert:

Ihr, die ihr glaubt, suchet Hilfe in Geduld und Gebet. Gott ist mit den Geduldigen (Sura 2:154).

Und sucht Hilfe in Geduld und Gebet; und das ist freilich schwer, es sei denn für die Demütigen im Geiste, die sich dessen sicher sind, daß sie ihrem Herrn begegnen und zu Ihm zurückkehren werden (Sura 2:46-47).

Und lade die Deinen zum Gebet ein und sei selbst ausdauernd darin ... (Sura 20:133).

Oft wird das Gebet in unmittelbarem Zusammenhang mit Zakât, der Armenabgabe, erwähnt:

Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind untereinander Freunde. Sie fordern zum Guten auf und verwehren das Bäse und verrichten das Gebet und geben die Zakât und gehorchen Gott und Seinem Gesandten. Ihrer wird sich Gott erbarmen. Gott ist allmächtig, allweise (Sura 9:71).

Und die geduldig bleiben im Verlangen nach dem Angesicht ihres Herrn und das Gebet verrichten und von dem, was Wir ihnen gegeben haben, heimlich und öffentlich spenden und das Böse durch Gutes abwehren - sie sind es, die den Lohn der Wohnstatt erhalten (Sura 13:23).

In solchen Fällen steht Gebet auch für die beständige Pflege des spirituellen Lebens im allgemeinen, während Zakât oder "spenden" für sozuales Engagement an sich steht. Dieses Begriffspaar finden wir sehr häufig, ähnlich wie "glauben und Gutes tun". Wir wollen also den islamischen Gebetsbegriff bzw. alle Begriffe, die mit "Gebet" übersetzt werden, einmal näher betrachten.


I - Das rituelle Gebet

Das regelmäßige tägliche Gebet wird als Salâh bezeichnet. Dieses Wort stammt von dem Verb salla, yusalli mit der Grundbedeutung verbinden, wie im folgenden Vers:

Die den Bund brechen, nachdem sie ihn geschlossen haben, und trennen, was Gott zu verbinden gebot, und Unheil auf Erden stiften, diese sind die Verlierenden.(Sura 2:28).

Salâh ist also von der Grundbedeutung her Verbindung, ähnlich wie lat. religio, und wird auf verschiedenen Weise übersetzt:

  1. wenn der Mensch (oder sonst ein Geschöpf) die Verbindung anknüpft: Gebet
  2. wenn Gott die Verbindung anknüpft: Segen

Ihr, die ihr glaubt, gedenket Gottes in häufigem Gedenken und lobpreiset Ihn früh und spät. Er ist es, der euch segnet (yusalli 'alaykum), und Seine Engel beten für euch, daß Er euch aus den Finsternissen zum Licht führe, und Er ist barmherzig gegen die Gläubigen (Sura 33:42-44).

Der Gedanke ist der einer Kommunikation zwischen Mensch und Gott, und so kommt es im Gebetsritual zum Ausdruck, das ein Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch darstellt. Das regelmäßige Gebet dient der Erinnerung an Gottes Gegenwart und an unserer Verantwortung für uns selbst und unsere Mitgschöpfe, der inneren Läuterung und der Orientierung und ist somit ein Mittel, Gott näherzukommen:

Siehe, Ich bin Gott. Es gibt keinen Gott außer Mir. Darum diene Mir und verrichte das Gebet zu Meinem Gedächtnis (Sura 20:15).

Trage vor, was dir in der Schrift offenbart wurde, und verrichte das Gebet. Das Gebet hält ab von Schändlichkeit und Unrecht, und das Gedenken Gottes ist das Größte. Und Gott weiß, was ihr tut (Sura 28:46).

Dabei ist dies nicht ein Privileg des Menschen allein, sondern alle Geschöpfe haben die Möglichkeit, die Verbindung mit ihrem Schöpfer zu pflegen:

Siehst du nicht, daß es Gott ist, den alle lobpreisen, die in den Himmeln und auf Erden sind, und die Vögel auch mit ausgebreiteten Schwingen? Jedes kennt sein Gebet und seine Lobpreisung, und Gott weiß wohl, was sie tun (Sura 24:42).

An einer anderen Stelle werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß wir von dem Gebet und den Lobpreisungen anderer Geschöpfe wenig oder gar nichts verstehen, und ihre Beziehung zu ihrem Schöpfer ist vielleicht auch eine ganz andere als unsere. Ähnliches gilt womöglich für die verschiedenen Gebetsformen der Religionen über die wir uns allerdings im Dialog verständigen und gegenseitig bereichern können.

Wenn in der Übersetzung auffällig oft steht: "das Gebet verrichten", dann soll damit das arabische iqâmat as-Salâh wiedergegeben werden, was bedeutet: "das Gebet als Bestandteil des Lebens aufrechterhalten". Damit soll betont werden, wie wichtig es ist, die Verbindung zu Gott durch das Gebet mit entsprechender Übung der Konzentration und Selbstdisziplin zu pflegen. Dementsprechend werden wir auch davor gewarnt, das Gebet zu vernachlässigen:

Sie gehören zu denen von den Propheten, denen Gott Gnade erwiesen hat unter den Nachkommen Adams und derer, die Wir mit Noah (über das Wasser) trugen, und unter den Nachkommen Abrahams und Israels und derer, die Wir geführt und erwählt haben. Wenn ihnen die Zeichen des Erbarmers vorgetragen wurden, fielen sie nieder, anbetend und weinend. Dann kamen jedoch Nachfahren nach ihnen, die das Gebet vernachlässigten und Leidenschaften folgten und darum dem Untergang entgegengehen (Sura 19:59-60),

denn dadurch wird das Bewußtsein von ethischen und spirituellen Werten geschwächt und durch eigennützige Interessen in den Hintergrund gedrängt. Folglich ist das Gebet eine individuelle religiöse Pflicht, die sowohl Geist und Körper des Einzelnen als auch das Gemeinschaftsleben umfaßt. Im Normalfall gibt es also täglich fünf rituelle Gebete, die in den Tagesablauf eingebettet sind und diesem einen bestimmten Rhythmus von Arbeit und Gebet geben:

  1. das Morgengebet in der Morgendämmerung vor dem Sonnenaufgang
  2. Das Mittagsgebet nach Überschreiten des astronomischen Mittags in der ersten Hälfte des Nachmittags
  3. das Nachmittagsgebet in der zweiten Hälfte des Nachmittags bis vor dem Sonnenuntergang
  4. das Abendgebet nach dem Sonnenuntergang in der Abenddämmerung
  5. das Nachtgebet nach dem völligen Dunkelwerden.

In den islamischen Ländern wird i.d.R. am Anfang dieser Zeiten zum Gebet gerufen, und unmittelbar im Anschluß daran findet das Gemeinschaftsgebet in der Moschee statt. Daran nehmen aber zumindest tagsüber nur wenige und meist ältere Menschen teil, die anderen beten da, wo sie gerade sind, und irgendwann innerhalb des Zeitraums, der für das jeweilige Gebet vorgesehen ist, wie sie es am besten einrichten können, denn nicht immer kann der Arbeitsprozeß zum Gebet unterbrochen werden. Außerdem hat der Dienst am Menschen Vorrang. Ein Gebet kann man ggf. nachholen, nicht aber bestimmte Tätigkeiten in der Krankenpflege, als Fluglotse oder in anderen Bereichen, wo große Aufmerksamkeit notwendig ist. Wer nicht am Gemeinschaftsgebet teilnimmt, betet allein oder bildet mit den Menschen in seiner Umgebung eine Gebetsgemeinschaft. Im Islam gibt es kein Priestertum, und jeder geistig gesunde Muslim kann theoretisch ein solches gemeinsames Gebet leiten. In einigen Ländern ist es unüblich, daß Frauen am Gebet in der Moschee teilnehmen - sie beten dann zu Hause, auch mit den Kindern, gemäß der Weisung des Propheten (s), "die Häuser nicht in Gräber zu verwandeln", wobei Frauen dies manchmal sogar als besonderen Ausdruck weiblicher verinnerlichter Spiritualität sehen und auf diese Weise gelegentlich auch zusätzliche eigene Andachtsformen entstanden sind. Allerdings hat der Prophet (s) ausdrücklich verboten, Frauen am Besuch der Moschee zu hindern.

Die Moschee ist aber nicht ausschließlich dem Gebet vorbehalten, sondern Unterrichtsveranstaltungen, Vorträge (vor allem zu religiösen Themen), theologische Diskussionen sowie Gespräche über aktuelle Probleme der Gemeinschaft haben seit jeher in der Moschee stattgefunden, und viele Initiativen, von der Armenspeisung bis zur politischen Widerstandsbewegung, sind aus solchen Gesprächen entstanden. Auf lange Sicht ist also jemand, der an dieser Form des Gemeinschaftslebens nicht teilnehmen kann, benachteiligt, und das gilt auch für Frauen, die von einem solchen Rollenschema betroffen sind, abgesehen davon, daß es der Sunna (der Praxis des Propheten (s) und seiner Gefährten und Gefährtinnen) widerspricht, einen Teil der Gemeinschaft von den Aktivitäten in der Moschee auszuschließen.

Die Moschee ist auch kein "geweihter Ort", sondern masjid, der Ort, an dem man sich niederwirft und der dementsprechend saubergehalten und gereinigt wird, sowohl von äußerlichem Schmutz (daher zieht man z.B. die Schuhe aus) als auch von ablenkenden Faktoren und schädlichen Einflüssen (darum gibt es z.B. keine Bilder von Menschen und Tieren, sondern ruhige Farben und Muster, die die Konzentration fördern). Sie ist auch Jâmi', Versammlungsort, und diese Bezeichnung wird vor allem für größere Moscheen verwendet, in denen das Freitagsgebet stattfindet und Unterrichtsveranstaltungen gehalten werden. Viele der ca. 30 Hamburger Moscheen sind kleine Gebetsräume, die knapp für die täglichen Gebete und den grundlegenden Qur'anunterricht ausreichen und Freitags völlig überfüllt sind. Dann legt man Teppiche oder Matten auf den Korridor oder gelegentlich bis auf die Straße, so daß sich die übrigen Teilnehmer dem Gebet anschließen können. Voraussetzung ist nämlich nicht eine "Moschee" im Sinne eines Gebäudes, sondern ein Stück saubere Fläche, und in diesem Sinne ist nach einer Aussage des Propheten (s) "die ganze Erde eine Gebetsstätte".

Abgesehen von der Sauberkeit des Gebetsortes sollen auch Körper und Kleidung des Betenden sauber und rituell rein sein; die rituelle Reinigung vor dem Gebet verbindet hygienische Sauberkeit mit dem inneren Streben nach reinen Gedanken und Absichten und Lauterkleit der Wünsche und Zielsetzungen.

Eine weitere äußere Voraussetzung ist die Gebetsrichtung. Man wendet sich nach Mekka, der Stadt, in der der Islam seinen Anfang nahm, indem der Prophet Muhammad (s) dort die ersten Offenbarungen bekam, in der aber auch (nach arabischer Überlieferung) viel früher schon Abraham (a) und Ismail (a) das erste Gebetshaus der Menschheit bauten, das dem Einen Gott geweiht war. Alle mit dem Gebet verbundenen Handlungen haben eine symbolische Bedeutung. So machen wir, indem wir uns diesem Zentrum zuwenden, einen großen Kreis um die Welt, zu dem man auch dann dazugehört, wenn man irgendwo "allein" betet. Jenes erste Gebetshaus der Menschheit, die Ka'ba, ein leeres würfelförmitges Gebäude, symbolisiert das menschliche Herz, das leer sein muß von allen "Götzen" (Anhaftungen an irdische Phänomene oder idolisierte Ideen), um "Haus Gottes" sein zu können. Zur Gebetsrichtung heißt es im Qur'an:

Und jeder hat ein Ziel, dem er sich zuwendet. Wetteifert darum miteinander zu guten Handlungen. Wo immer ihr seid, Gott wird euch zusammenführen, und Gott hat Macht über alle Dinge. Und woher immer du kommst, richte dein Antlitz auf die Heilige Moschee (in Mekka), denn dies ist die Wahrheit von deinem Herrn, und Gott ist nicht achtlos dessen, was ihr tut. Und woher immer du kommst, richte dein Antlitz auf die Heilige Moschee; und wo immer ihr seid, richtet euer Antlitz auf sie, damit die Menschen kein Argument gegen euch haben, abgesehen von den Ungerechten unter ihnen - doch fürchtet nicht sie, sondern fürchtet Mich, damit Ich Meine Gnade gegen euch vollenden kann und auf daß ihr rechtgeleitet werdet (Sura 2:149-151).

In der Moschee wird die Gebetsrichtung durch eine Nische (Mihrâb) angezeigt. Wenn man an einem unbekannten Ort betet, orientiert man sich anhand des Sonnenstandes oder mit einem Kompaß - ein Gag aus moderner Zeit ist ein Gebetsteppich mit eingebautem Kompaß. Sonst kann man die Richtung auch einfach schätzen, und das Wichtige ist ohnehin die innere Ausrichtung:

Nicht darin besteht Tugend, daß ihr euer Antlitz nach Osten oder Westen wendet, sondern tugendhaft ist derjenige, der an Gott glaubt und den Jüngsten Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten und aus Liebe zu Ihm Vermögen aufwendet für die Angehörigen und für die Waisen und Bedürftigen und den Reisenden und die Bittenden und zum Loskauf von Sklaven, und der das Gebet verrichtet und die Zakât zahlt; sowie diejenigen, die ihr Versprechen halten, wenn sie etwas versprochen haben, und die in Armut und Krankheit und Furcht geduldig sind: sie sind es, die sich als redlich bewähren, und sie sind die Achtsamen (Sura 2:178).

Das Gebet selbst faßt verschiedene Bestandteile in sich zusammen, die teilweise außerdem eine eigene Existenz und Funktion außerhalb des Rituals haben. Hier zunächst eine Übersicht über den Ablauf des rituellen Gebets:

1. Stehen Wir stehen der Gebetsrichtung zugewandt, heben die Hände und sprechen: Allâhu akbar (Gott ist der Größte oder Gott ist größer, nämlich als alles, was uns gerade beschäftigt). Wir machen uns bewußt, daß wir in Gottes Gegenwart stehen wie bei der Auferstehung und konzentrieren uns auf unser Gespräch mit Ihm. Mit der Konzentration hat es zu tun, daß religiöse Musik ihren Platz in einem anderen Rahmen hat als diesem, und daß beim Gemeinschaftsgebet i.d.R. Männer und Frauen nicht durcheinander stehen, sondern je nach den örtlichen Gegebenheiten in voneinander getrennten Reihen.

2. Rezitation Wie wir einem menschlichen Gesprächspartner zuhören würden, so hören wir nun Gottes Wort aus dem Qur'an, indem wir es entweder selbst rezitieren oder der Rezitation des Imam zuhören. Die Rezitation erfolgt grundsätzlich in der arabischen Originalsprache. Sie beginnt mit der Sura al-Fâtiha (der 1. Sura des Qur'an):
Alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der Welten, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem Meister des Gerichtstages. Dir allein dienen wir, und Dich allein rufen wir um Hilfe an. Führe uns den rechten Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erweist, nicht den Weg derer, die Zorn auf sich laden, und nicht den Weg der Irregehenden.
Dann folgt ein weiterer Text nach eigener Wahl, z.B. durchaus einer von denen, die zuvor erwähnt wurden. Beliebt ist auch der folgende:
Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt, der das Verborgene und das Sichtbare kennt. Er ist der Erbarmer, der Barmherzige. Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt, der König, der Heilige, der Friede, der Spender der Sicherheit, der Beschützer, der mächtige Freund, der Verbesserer, der Majestätische. Hoch erhaben ist Gott über alles, was man Ihm zur Seite stellt. Er ist Gott, der Schöpfer, der Gestalter, der Bildner. Sein sind die schönsten Namen. Ihn verherrlicht, was in den Himmeln und auf der Erde ist, und Er ist der mächtige Freund, der Weise (Sura 59:23-25).

3. Beugung Wir verbeugen uns mit auf die Knie gestützten Händen wie ein Lastträger, der bereit ist, seine Last aufzunehmen - in diesem Fall ist es unsere menschliche Verantwortung für unsere eigene Entwicklung, unsere Gesellschaft und unsere Mitgschöpfe. In der Beugung sprechen wir dreimal: "Preis sei meinem Herrn, dem Großen."

4. Aufrichten mit Lobpreisungen Dabei sagt der Imam: "Gott hört den, der Ihn lobt," und die Gemeinschaft antwortet im Geradestehen: "Unser Herr, Dir sei Lob." Wenn man allein betet, spricht man beides selbst. Das Lob Gottes, hier in Worten ausgedrückt und im Alltagsleben in Handlungen, durch die Gutes verwirklicht wird, gibt unserem Leben einen Sinn und erhält uns aufrecht.

5. Zweifache Niederwerfung Wir knien nieder und berühren mit Händen und Stirn den Boden. Diese Haltung ähnelt der eines ungeborenen Kindes im Mutterleib: in Gottes Gegenwart sind wir ebenso abhängig und geborgen. Dabei sprechen wir Lobpreisungen und Bitten aller Art. Zwischen beiden Niederwerfungen richten wir uns kurz zu einer sitzenden Haltung auf, in der wir um Vergebung bitten. Die Niederwerfung erfolgt zweimal und erinnert uns an unseren Zustand vor der Geburt, dieses Leben (Sitzen) und den Tod mit der Aussicht auf Auferstehung. Sie erfolgt auch zweimal aus Dankbarkeit: einmal für alles Gute, das wir erhalten und erlebt haben, und einmal für alle guten Anlagen, die wir noch entfalten dürfen. (Damit ist die erste Gebetseinheit beendet, und wir stehen auf zur zweiten, die genauso verläuft.)

6. Sitzen Nach der zweiten Gebetseinheit und zum Schluß des Gebets bleiben wir in respektvoller Haltung sitzen als Gäste Gottes wie Prophet Muhammad (s) auf seiner Himmelsreise. Dabei sprechen wir Grußworte, das Glaubensbekenntnis, Segenswünsche und ggf. eigene Bitten und Fürbitten für andere.

7. Der Friedensgruß Zum Abschluß wenden wir uns nach rechts und links und sagen: "Friede sei mit euch und Gottes Barmherzigkeit." Damit grüßen wir unsere Mitgeschöpfe, wenn wir nach dieser eigenen individuellen "Himmelsreise" ins Alltagsleben zurückkehren.

Gelegentlich höre ich den Einwand, das rituelle Gebet könnte leicht zur Gewohnheit werden, so daß es automatisch verrichtet wird und den Sinn verliert. In diesen Bereich gehört eine Geschichte, die der bekannte Mystiker Nizâmuddîn Awliyâ' Anfang des 14. Jahrhunderts in einem Vortrag über die geistige Gegenwart erzählte, nach der ein Sufi namens Hasan Afghani zufällig in Multan an einer Moschee vorbeikam, in der gerade zum Gebet gerufen wurde: Auch er betrat die Moschee und stellete sich hinter dem Imam in die Reihe. Als aber das Gebet vorbei und die Leute weggegangen waren, ging Hasan auf den Imam zu und sagte: "Am Anfang des Gebets stand auch ich in der Reihe hinter dir. Dann bist du im Gebet von hier aus nach Delhi gereist und hast dort Sklavinnen gekauft. Dann bist du von dort zurückgekommen und hast diese Sklavinnen nach Khorasan gebracht und dort weiterverkauft. Danach bist du wieder nach Multan zurückgekommen und hast diese Moschee betreten. Ich mußte die ganze Zeit hinter dir herreisen. Das war aber ein anstrengendes Gebet!"

Tatsächlich gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Konzentration schwierig und das Gebet eher eine Pflichtübung ist. Dieses Problem wird auch von al-Ghazzâli in seinem Werk Ihya 'Ulûm ad-Dîn behandelt, wo er verschiedene Maßnahmen vorschlägt, damit umzugehen, indem man etwa die Augen schließt, um ablenkende Sinneseindrücke zu vermeiden, den Text beim Rezitieren langsamer und deutlicher ausspricht als gewohnt, eine geringfügig andere Haltung einnimmt, sich auf verschiedene Weise (durch Wiederholen des Gebetsrufes, einleitendes Bittgebet usw.) einstimmt und dergleichen. Es gibt aber andererseits durchaus Zeiten - mit zunehmendem inneren Training und bewußter Lebenshaltung auch immer öfter und intensiver - in denen das Gebet tatsächlich eine Himmelsreise und eine Begegnung mit dem Schöpfer wird. Diese wechselnden Zustände kommen aus unserem eigenen Inneren, und so ist das Gebet ein Maßstab, den wir an uns selbst anlegen können und so allmählich lernen, in jeder Lage das innere Gleichgewicht wiederzufinden, vorausgesetzt, wir stellen uns aufrichtig dieser Situation. Vor Unaufrichtigkeit im Gebet und in der Beziehung zwischen diesem und dem Alltagsleben werden wir im Qur'an eindringlich gewarnt:

Siehst du nicht den, der die Religion unglaubwürdig macht? Das ist der, der die Waise zurückstößt und nicht dazu anregt, die Armen zu speisen. Wehe darum den Betenden, die ihres Gebets uneingedenk sind, sondern nur gesehen werden wollen, die kleinen mitmenschlichen Dienste aber verweigern (Sura 107)!

Wenn es die Situation auf einer Reise, im Arbeitsleben oder in einem Notfall erfordert, kann man das Mittags- und das Nachmittagsgebet zusammenlegen, z.B. in die Mittagspause, ähnlicherweise auch das Abend- und das Nachtgebet, und ggf. kann man einige Gebete abkürzen. Wenn es bei Krankheit, Behinderung u.dgl. nicht möglich ist, die Gebetsgesten körperlich durchzuführen, führt man nur die tatsächlich durch, die möglich sind, und vollzieht die anderen innerlich nach. Ich habe schon so manchen Rollstuhlfahrer in der Moschee in den Reihen der Betenden sitzen sehen.

Abgesehen von den fünf täglichen Gebeten kann man zusätzliche rituelle Gebete verrichten:

Das rituelle Gebet verbindet die Muslime - von geringfügigen Abweichungen abgesehen, die aber im Gemeinschaftsgebet keine Rolle spielen - übr Kontinente, Kulturen und Zeitalter hinweg, d.h. man kann sich auch in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht versteht, leicht in irgendeiner Moschee dem Gemeinschasftsgebet anschließen und darüber Kontakte zu den Menschen dieser Gemeinschaft anknüpfen. Es ist für Muslime das "Gebet an sich", die Gemeinsamkeit, an der man bei allen Meinungsverschiedenheiten doch immer wieder zusammenfinden kann. Auch wenn das deutsche Wort "Gebet" viele Formen des Gebets, der Andacht, der Meditiation usw. bezeichnet, wird ein deutschsprachiger Muslim, wenn er es hört, dabei zuerst an das rituelle Gebet denken, nicht zuletzt deswegen, weil es - richtig ausgeführt - alle diese Formen auf vollkommene Weise in sich vereint, also Rezitation und Hören, Meditation, Bewußtwerden der Gegenwart Gottes, Lob und Dank, Bitte um Vergebung und Segen, ggf. Klage, Fürbitte usw., die später noch einzeln erörtert werden sollen. Speziell das rituelle Gebet, wird denn auch als Gottesdienst ('Ibâdah) im engeren Sinne empfunden.


Dies muß deutlich sein, wenn man von der Möglichkeit eines Gebets oder Gottesdienstes spricht, an dem Angehörige verschiedener Religionen beteiligt sind. Dabei gibt es folgende Möglichkeiten:

  1. Die Teilnahme von Nichtmuslimen am rituellen islamischen Gebet. Voraussetzung dafür ist, daß die Teilnehmer den Ablauf kennen und sich mit Formen und Inhalten identifizieren können. Probleme könnte es dabei z.B. für Polytheisten und Atheisten mit dem ersten Satz des Glaubensbekenntnisses geben ("Es gibt keinen Gott außer dem Einzigen Gott") und für Juden und Christen ggf. mit dem zweiten Satz ("Muhammad ist Gottes Gesandter").
  2. Die Teilnahme von Muslimen an nichtmuslimischen Gottesdiensten, Gebeten und Meditationen. Hier wird es nicht möglich sein, an Symbolhandlungen aktiv teilzunehmen, die man nicht kennt oder nicht mit der eigenen Einstellung in Einklang bringen kann (vorausgesetzt, daß von seiten der betreffenden Religionsgemeinschaft kein Hindernis besteht). Eine passive Teilnahme (Anwesenheit) hängt von der Fähigkeit des Einzelnen ab, sich auf die damit verbundenen Eindrücke einzulassen und damit umzugehen. Islamische Beiträge zu einem ansonsten christlichen Gottesdienst o.ä. sind ggf. nach Absprache möglich.
  3. Eine multireligiöse Andacht oder Gebetsrunde, zu der also Angehörige verschiedener Religionen ihren Anteil nach Absprache beitragen, etwa in Form von Mediatations- und Gebetstexten, Liedern, kurzen Ansprachen usw. Voraussetzung ist die Fähigkeit der Teilnehmenden, sich aufeinander einzustellen und gegenseitige Verletzungen zu vermeiden. Solche Andachten und Gebete hat es im Hinblick auf Frieden und Verständigung unter den Völkern vor allem angesichts von Kriegen und Spannungen gegeben, wo sie mehr bewirkt haben als alles Reden. Sie können auch durchaus zu einer regelmäßigen Einrichtung werden und sehr bereichernd sein. Für Muslime sind sie aber ebensowenig ein Ersatz für das regelmäßige rituelle Gebet wie andere islamische Andachtsformen.

Das Gebet II
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