Ihr Herr antwortet ihnen also: "Ich lasse das Werk des Wirkenden unter euch, ob Mann oder Frau, nicht verlorengehen. Ihr gehört zueinander. Die also ausgewandert sind und aus ihrer Heimat vertrieben wurden und um Meiner Sache willen verfolgt wurden und gekämpft haben und getötet wurden, von ihnen will Ich ihre Übel hinwegnehmen und sie in Gärten führen, durch die Ströme fließen. Ein Lohn von Gott, und bei Gott ist der schönste Lohn" (Sura 3:196). |
Bei den Frauen in der Politik besteht beinahe das umgekehrte Problem wie bei den Frauen in den Naturwissenschaften. Hier mangelt es nämlich nicht an Namen und Lebensdaten. Um so schwieriger ist jedoch - ebenso wie bei den politisch bedeutsamen Männern - die Frage nach der charakterlichen Integrität zu beantworten, ganz abgesehen von der allgemeinen Frage nach der Legitimität des Systems, die sich Monarchen und Diktatoren gefallen lassen müssen. Der wichtigste Maßstab, der an politisches Verhalten angelegt werden muß - und das gilt für Widerstandskämpfer ebenso wie für Regierende - ist der Grundsatz "Gutes gebieten, Böses verwehren", also die Frage nach Ethik und Motivation. Eng damit verbunden ist auch das Prinzip der gegenseitigen Beratung (Shûrâ), das die Grundlage aller politischen Entscheidungen bilden soll, im Gegensatz zum "pharaonischen System", in dem ein Autokrat mit seinem finanziellen und ideologischen Machtapparat willkürlich die Geschicke eines Volkes lenkt und dies ggf. zu Prestigeprojekten ausnutzt und durch eine Teile-und-Herrsche-Politik gefügig macht. Im Qur'an werden uns Frauen in zwei extremen politischen Situationen vor Augen geführt:
Bereits früher wurde anhand einiger Beispiele darauf hingewiesen, welchen Beitrag Frauen zur Zeit des Propheten (s) und in den unmittelbar darauffolgenden Generationen zum Aufbau der Gesellschaft, zu ihrer Verteidigung und zur Verwirklichung islamischer Werte geleistet haben, sei es auf dem Gebiet der Bildung und Kultur, sei es bei der politischen Entscheidungsfindung oder sogar im bewaffneten Kampf. Die frühislamische Geschichte stand zunächst unter dem Vorzeichen der Auseinandersetzung mit den beiden Großmächten Byzanz und Persien, die in der Botschaft des Islam eine Herausforderung für ihre Position sahen, später aber auch der Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen, denn die Umayyaden, Abbassiden und andere Herrscherdynastien handelten bei weitem nicht immer im Sinne von Qur'an und Sunna. Vorislamisches Prestigedenken drang allmählich wieder durch, und auch ganz fremde Einflüsse machten sich bemerkbar. Auf lange Sicht hatten nicht zuletzt die Frauen unter diesen gesellschaftlichen Veränderungen zu leiden. War es in der Frühzeit des Islam noch durchaus möglich, daß eine Frau den Kalifen 'Umar öffentlich in der Moschee wegen einer politischen Maßnahme kritisierte, oder daß eine Frau in Medina zur Marktinspektorin ernannt wurde, so setzte sich im Zeitalter der Dynastien immer mehr die Ansicht durch, Frauen - besonders die der einflußreichen Bevölkerungsschichten - hätten sich dem öffentlichen Leben fernzuhalten (ganz abgesehen davon, daß die Herrscher selbst sich vor der Öffentlichkeit und ihrer Kritik abschirmten. Sie übten dann oft indirekt über ihre Ehemänner, Söhne oder Brüder Macht aus wie etwa die Damen am Hofe der Abbassidenkalifen oder später im osmanischen Reich die jeweilige Valide Sultan. Auf solche Frauen sind Projekte zurückzuführen wie der Bau von Moscheen, Hochschulen oder Krankenhäusern oder auch die Ausstattung der Pilgerstraßen mit einem Netz von Brunnen und Rastplätzen. Bemerkenswert ist vielleicht, daß die Damen des Hofes oft ehemalige Sklavinnen waren, die bei ihrem Verkäufer eine gute Bildung genossen hatten (wenn auch nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern um ihren Verkaufspreis um ein Vielfaches zu steigern) und später als Mütter von Söhnen, ggf. von Thronerben, freigelassen worden waren wie z.B. Khaizuran, die Mutter von Harun ar-Rashid. In den anderen Bevölkerungsschichten teilten die Frauen die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Männer - in Bauern- oder Handwerkerfamilien bedeutete dies eine Arbeitsteilung je nach der Wirtschaftslage sowie politische Einflußnahme etwa in einer Dorf- oder Stadtteilgemeinschaft je nach den lokalen Gegebenheiten, vor allem bei selbstorganisierten Hilfsinitiativen.
Islamische Werte und Ideale wurden von Menschen wie den Imamen aus der Familie des Propheten (s), den Nachkommen seiner engsten Gefährten oder Persönlichkeiten wie Abu Hanîfa, Mâlik, Ahmad bin Hanbal, ash-Shâfi'i, Sufyan ath-Thawri oder Hasan Basri und ihren Angehörigen und Schülern lebendig erhalten, meist in aktiver Auseinandersetzung mit den Herrschenden oder im passiven Widerstand. Wir dürfen uns nicht mit der oberflächlichen Sichtweise mancher Historiker zufriedengeben, diese Vertreter der islamischen Ethik hätten nicht über angemessene politische Machtmittel verfügt und wären demnach bedeutungslos. Selbst wenn jemand ein zurückgezogenes Leben führte und "nur" lehrte, ist doch diese erzieherische Tätigkeit ein Einfluß auf die Gesellschaft von nicht zu unterschätzender politischer Tragweite. Dies gilt gleichermaßen für Frauen, die durch Lehre und Vorbild wirksam waren, sowohl für die Frauen in der Frühzeit des Islam als auch für die Lehrerinnen und Mystikerinnen späterer Zeiten. Nicht umsonst stehen diese Frauen in so hohem Ansehen, daß ihre Gräber bis heute besucht werden.
Dem traditionellen Frauenbild widerspricht vielleicht am meisten das Verhalten muslimischer Frauen bei kriegerischen Auseinandersetzungen, jedenfalls in frühislamischer Zeit. Sicher hatten Frauen in der Regel andere Prioritäten als den bewaffneten Kampf. Sie kümmerten sich um das Wohl ihrer Kinder und um die Geschäfte ihrer abwesenden Männer, oder sie begleiteten die kämpfenden Truppen, um ihre männlichen Angehörigen zum Einsatz zu motivieren, Verwundete zu behandeln, das Lager zu bewachen und für Verpflegung und Nachschub zu sorgen. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß sie nicht aufmerksam und kritisch das Kampfgeschehen beobachteten und eingriffen, wo und wann auch immer dies notwendig wurde. Ein erstes Beispiel hierfür war Safîya, eine Tante des Propheten (s). Während des Grabenkrieges hielt sie sich mit den Frauen und Kindern von Medina in einer Befestigungsanlage auf, als sie bemerkte, daß ein Spion den Zugang dazu erkundete. Kurz entschlossen ergriff sie in Ermangelung anderer Waffen einen Zeltpfosten, erschlug den Eindringling und bewahrte somit die Festung vor feindlichen Übergriffen.
In der Schlacht von Maisan standen die Muslime persischen Truppen gegenüber, während sich die begleitenden Frauen in einem weiter entfernten Lager befanden und die Entwicklung des Kampfes beobachteten. Arda, die Tochter von Hârith, schlug schließlich ihren Kameradinnen einen Plan vor, in das Kampfgeschehen einzugreifen. Aus Kleidungsstücken machten die Frauen Fahnen und marschierten auf das Schlachtfeld zu. Die Perser glaubten, es handle sich um eine Verstärkung der muslimischen Truppen, und zogen sich fluchtartig zurück.
Auch bei den Auseinandersetzungen mit den byzantinischen Truppen wird von Frauen berichtet, die eine entscheidende Rolle spielten, u.a. von Umm Aban, die im Umgang mit Pfeil und Bogen eine Expertin gewesen sein muß und den Kampf um Damaskus entschied, indem sie einem Priester das goldene Kreuz aus der Hand schoß, das dieser symbolisch für den Sieg der Oströmer hochhielt.
Frauen als Regentinnen sind überall in der Weltgeschichte eine Ausnahme, und ihre Geschichten sind meist mit so viel romantischem Beiwerk - im positiven wie im negativen Sinne - versehen, daß es nicht immer einfach ist, historische Fakten bis ins Detail zu klären. Aber auch Thesen wie die, daß eins der beiden Geschlechter durch seine jeweiligen Charaktereigenschaften besser als das andere zum Regieren geeignet sei, lassen sich aufgrund der historischen Erfahrungen nicht halten.
Zu den bekanntesten Beispielen aus der islamischen Geschichte zählen zwei Königinnen namens Asma und Arwa. Asma war die Frau von Ali as-Suhaili, dem Begründer einer fatimidischen Dynastie im Yemen, der 1080 n.C. auf dem Weg nach Mekka ermordet wurde. Nachdem sie selbst zwei Jahre in Gefangenschaft verbracht hatte, übernahm sie die Regierung, und offensichtlich gelang es ihr, den wirtschaftlichen Wohlstand und die gesellschaftliche Zufriedenheit in ihrem Land zu fördern, Straßen und Gärten anzulegen und durch geschickte Diplomatie kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. Sie war auch bekannt dafür, daß sie Verträge genauestens einhielt. Nach ihrem Tode 1137 folgte ihr ihre Schwiegertochter Arwa, die ihren Regierunsstil fortsetzte, sich aber gegen allerlei Intrigen zur Wehr setzen mußte. An ihrem Hof wurden zahlreiche junge Männer und Frauen erzogen. Najmuddin Umara al-Hâkimi, ein yemenitischer Dichter, schildert ausführlich verschiedene Aspekte aus dem Leben der beiden Königinnen, und im Volk haben sie eine sprichtwörtliche Berühmtheit erlangt.
Ein weiteres Beispiel ist Radiya, die 1236 ihrem Vater Iltutmish in Delhi auf den Thron folgte. Es gelang ihr, die Ambitionen der Adlingen im Zaum zu halten, und sie setzte sich für die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit ein. Durch Verrat wurde sie jedoch nach wenigen Jahren von einem weniger fähigen Bruder abgelöst.
Der Reisende Ibn Battuta berichtet von einer Regentin namens Khadîja auf den Malediven, die ihn eine zeitlang an ihrem Hof als Qadi beschäftigte. Bis ins 17. Jahrhundert hinein erfahren wir von Frauen, die die Sultanate des malaiischen Inselreiches regierten. Übrigens hat es nie jemand als Widerspruch empfunden, daß die Gesellschaften der Muslime in einigen Gebieten Afrikas, Südindiens und Indonesiens mutterrechtlich organisiert waren; erst die Europäer haben während der Kolonialzeit versucht, diese Gesellschaften umzustrukturieren.
Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung und moralischer Verfall kennzeichnen die Zeit, die in die Kolonialzeit einmünden sollte. Zu groß wurde die Kluft zwischen korrupten Herrschenden, die sich an persönlichen Machtinteressen orientierten statt an ethischen Werten, und den Massen, die dem Druck der Steuern und des Militärdienstes ausgesetzt waren, so daß sie kaum Zeit und Möglichkeiten hatten, sich für höhere Werte als das bloße Überleben zu interessieren. Insofern war die Kolonialzeit mit ihren gewaltsamen Umwälzungen vielleicht ein heilsamer Schock. Zu weit entfernt hatte sich die gesellschaftliche Wirklichkeit von den Idealen von Qur'an und Sunna. Von Frauen ist in diesem Zeitraum kaum noch die Rede. Frauen aus reichen und gebildeten Familien verschwanden aus der Öffentlichkeit in ein zweifelhaftes Privatleben, während Frauen aus armen Familien mit ihren Brüdern das Schicksal der Unwissenheit, der kulturellen Entfremdung und des Ausgebeutetwerdens teilten, und zwar in um so stärkerem Maße, denn auf ihnen ruhte nicht nur die Last des Überlebens, sondern auch die Sorge um die nächste Generation. Das, was ihnen als "Islam" nahegebracht wurde, war ihnen keine Hilfe, sondern im Gegenteil eine von der Obrigkeit gebilligte Ideologie, die der Erhaltung des status quo diente und jede kritische Frage im Keim ersticken sollte. Angesichts dieser Entfremdung von islamischen Werten wundert es nicht, wenn sich Anfang dieses Jahrhunderts muslimische Frauen für ihre Rechte einzusetzen begannen, indem sie gleiche Bildungschancen, gleiche bürgerliche Rechte, Abschaffung der Prostitution und Schutz vor Willkür im Familienrecht forderten, und zwar einstimmig mit ihren europäischen Schwestern und tragischerweise oft ohne das Bewußtsein, daß dieses nach Qur'an und Sunna ohnehin ihre legitimen Rechte sind. Noch verzerrter wird das Bild dadurch, daß sogenannte "Gelehrte" ihnen diese Rechte im Namen eines entstellten Islam mit fadenscheinigen Begründungen verweigern wollen. In gebildeten Kreisen wurden diese Frauen oft von ihren Männern unterstützt, aber manchmal setzten sie auch ihr Familienleben aufs Spiel. Frauen wie Halide Edib-Adivar und Sultan Jahan Begum leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet der Mädchenerziehung. Frauenorganisationen sorgten dafür, daß die Probleme in der Öffentlichkeit bewußt gemacht und ihre Forderungen durchgesetzt wurden.
Gleichzeitig erfolgte aber auch ein Anstoß in Richtung auf eine Besinnung auf wirkliche islamische Werte und die eigenen historischen Erfahrungen. Verschiedene Autoren versuchten, gewohnte Traditionen kritisch zu überdenken und die religiöse Entwurzelung zu überwinden. Mit den Vorstellungen von einer islamischen Gesellschaft wurden auch Beispiele von Frauen aus der Frühgeschichte des Islam wieder als Vorbilder aufgeführt, allerdings oft mit viel Pathos und mit rein apologetischen Zielsetzungen. Aber es entstanden auch ernstzunehmende Programme zur Befreiung von kolonialen Einflüssen und zur gesellschaftlichen Neugestaltung auf der Grundlage einer islamischen Ethik. Auch Frauen waren hieran maßgeblich beteiligt. So arbeitete z.B. Fatima Jinnah zusammen mit ihrem Bruder Muhammad Ali Jinnah für die Begründung und den Aufbau Pakistans, setzte sich für Frauenbildung und soziale Projekte ein und kandidierte lange nach dem Tod ihres Bruders für die Präsidentschaft. Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Befreiung Algeriens, im palästinensischen Widerstand, in Afghanistan, im Irak, im Iran und in der islamischen Bewegung überall in der Welt, und zwar heute fast wieder auf jedem Gebiet, auf dem auch die Frauen in der Frühzeit des Islam ihren Beitrag leisteten.