FRAUEN IN DER ISLAMISCHEN GESCHICHTE
V - Zukunftsperspektiven
Zielsetzung dieser Übersicht kann es nicht sein, sich auf
historischen Lorbeeren auszuruhen. Es ist wohl einerseits
wichtig, das gängige Geschichtsbild zu korrigieren, das
Vorbild unserer Mütter und Schwestern zu vergegenwärtigen und die
in Qur'an und Sunna aufgezeigten Ideale und Möglichkeiten immer
wieder mit Beispielen von ihrer Verwirklichung zu veranschaulichen. Andererseits dürfen wir nicht darüber hinwegsehen,
daß
es keineswegs eine lineare Entwicklung auf ein Ideal zu gegeben
hat, sondern auch allzuvieles, was kritik- und verbesserungsbedürftig ist.
A. In der Vergangenheit
- Bildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten waren nicht allen Frauen
(und
Männern) zugänglich. Manchmal lag es ganz einfach an fehlenden
Verkehrsverbindungen oder finanziellen Mitteln, manchmal standen auch
Sachzwänge oder gesellschaftliche Konventionen im Weg. Vieles war
allein von der Eigeninitiative abhängig. Oft bestand ein
tiefgreifender
Unterschied zwischen städtischen Kulturzentren mit Moscheen, Schulen,
Bibliotheken, öffentlichen Veranstaltungen usw. und der "Provinz", wo
das Analphabetentum weit verbreitet war und sowohl praktisches Wissen und
Volksweisheit als auch Aberglaube und Autoritätshörigkeit
mündlich von einer Generation zur anderen weitervermittelt wurde.
Meist bestand auch eine (nicht mit islamischen Grundsätzen zu
vereinbarende) soziale Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten.
- Dies stand in Wechselwirkung mit den Kräften, die gegen den Geist
des Islam opponierten, nämlich Machtinteressen und
Unterdrückungsmechanismen. Wie in der Geschichte anderer Religionen,
so hat es auch hier das Phänomen gegeben, daß opportunistische
Machthaber das Gesetz zu ihren Gunsten entstellt und im Namen der Religion
die Menschen zu Untertanen machten und ausbeuteten, während dem Volk
aus Unkenntnis der Mut fehlte, dagegen aufzubegehren. Dabei blieben die
Frauen mehr oder weniger sich selbst überlassen, während sich
für Männer in Armee und Verwaltung Gelegenheit zu Karriere und
Konkurrenzkampf bot. Auf lange Sicht ist es jedoch eine
Gesetzmäßigkeit, daß Machtmißbrauch, Gewalt,
Unwissenheit, Unterdrückung, Korruption und Ausbeutung Nationen und
Kulturen zersetzen. Sie führten hier zu jenem Niedergang der
Gesellschaft, der in die Kolonialzeit einmündete.
B. In der Gegenwart
Übriggeblieben sind Völker, denen vielfach das Wissen um ihre
kulturellen Wurzeln überhaupt fehlt, deren Werte und Ideale in
Vergessenheit geraten sind, deren religiöse Ausdrucksformen und
gesellschaftliche Normen weitgehend ihren Sinn verloren haben,
und deren Identität durch einen trügerischen Nationalismus
ersetzt worden ist. Dazu gehört auch die Unwissenheit über Wesen
und Intention des Islam, so daß einfache Gläubige, die ansonsten
Gott und den Gesandten aufrichtig lieben, oft weder den Mut noch
die Möglichkeit haben, überkommene Formen und äußere
Herausforderungen im Sinne von Qur'an und Sunna zu hinterfragen.
Völlig unislamische Vorstellungen werden da manchmal als
"islamisch" empfunden und verteidigt, darunter auch eine
erschreckende Doppelmoral in bezug auf die Stellung von Mann und
Frau.
- Religiösen und menschlichen Werten stehen weltweit
materialistische
Werte gegenüber. Materialistische Zielsetzungen versprechen
unmittelbare, greifbare Ergebnisse, während ethische Erwägungen
oft auf den ersten Blick mit Einschränkungen verbunden zu sein
scheinen,
denn sie transzendieren individuelle Interessen und sind auf das Gemeinwohl
und auf eine verantwortlich gestaltete Zukunft hin ausgerichtet. Der
materialistischen Wertmaßstab interpretiert Vergangenes und
Gegenwärtiges auf seine eingene Weise, ohne Entwicklungen (ethische,
geistige, kulturelle, menschliche) miteinzubeziehen, die für ihn nicht
meßbar sind. Insofern gleicht er der eschatologischen Figur des
Dajjal,
der nur mit einem Auge sieht und Tiefendimensionen nicht erkennen kann.
Spirituelle Defiziterscheinungen werden dann oft durch kommerzialisierte
Formen des Religiösen ersetzt. Das erschwert die Orientierung vor
allem
für junge Menschen, deren Lebenserfahrung noch nicht ausreicht,
Schlagwörter und Zielvorstellungen zu durchschauen, mit denen sie
ständig konfrontiert werden, ganz zu schweigen von eigenen
Zukunftsvisionen.
- In Verbindung mit der Industrialisierung hat sich eine Arbeitssituation
ergeben, die die Familienstrukturen zerstört, ohne daß
Alternativen vorhanden sind. Das ist besonders nachteilig für
ältere Menschen, die sich selbst überlassen bleiben oder ggf. in
Heimen untergebracht werden, wo sie sich überflüssig fühlen
und ihre Lebenserfahrung nicht ins Gesellschaftsleben einbringen
können.
Noch schwerer wiegen die Nachteile für Kinder, die kaum noch
Möglichkeiten haben, in einer gesunden Beziehung zu mehreren
Generationen in die Gemeinschaft hineinzuwachsen und die Wechselfälle
des Lebens zu entdecken. Nicht zuletzt wirkt sich diese Situation belastend
und behindernd auf die Frauen aus. Wenn sie ihrer Rolle als Mutter
Priorität geben, sind sie oft auf Jahre hinaus mit kleinen Kindern im
Haus isoliert und müssen ihre Probleme weitgehend allein
bewältigen, ohne daß ihre Arbeistleistung, die ja nicht in der
Öffentlichkeit erbracht und bezahlt wird, gesellschaftlich voll
anerkannt wird. Daran ändert auch das immer besser werdende
Weiterbildungsangebot nicht viel. Eine Erwerbstätigkeit erfordert
andererseits oft eine lange Abwesenheit von zu Hause und führt in der
Praxis meist zu einer Doppelbelastung, die wenig Freizeit und kaum
wirkliche
Entfaltungsmöglichkeiten offenläßt, zumal die meisten
Arbeitsplätze nicht gerade der Selbstverwirklichung dienen. Hinzu
kommt, daß die Forderung "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"
bislang noch nirgends in der Welt praktisch verwirklicht worden ist und
daß Frauen nicht selten auch bei gleicher Qualifikation Männern
gegenüber benachteiligt werden. Auch die Hoffnung auf menschliche
Kontakte ist bei den meisten Arbeitsplätzen trügerisch. Dies
alles
gilt mehr und mehr auch für die sogenannten "Entwicklungsländer",
die heute zudem vielfach zu "Auswanderungsländern" geworden sind.
- Die Folge ist zunehmende Vereinsamung und Resignation, auf einer
anderen
Ebene aber auch zunehmende Ichbezogenheit. Dies erschwert eine Lösung
der Probleme noch zusätzlich, denn es löst Kettenreaktionen aus
Ängsten, Depressionen, Erwartungen, Frustration und Fanatismus aus,
die
die Menschen immer mehr in ihre Abhängigkeit verstricken. Auch heute
gibt es muslimische Frauen, die wie ihre Schwestern in der Vergangeheit von
ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten zu ihrem eigenen Nutzen und
zum
Wohl anderer Gebrauch machen, aber es gibt gleichzeitig viel zu viele, die
ihre Möglichkeiten nicht einmal kennen.
Wie gestalten wir unsere Zukunft?
Es ist eine allgemeine menschliche Erfahrung, daß Klagen allein
keine Veränderungen herbeiführen. Auch die Suche nach einem
Sündenbock mag erleichtern, da sie die persönliche Verantwortung
relativiert, führt aber sonst eher zu Vorurteilen und
Feindbildern als zu wirklichen Lösungsmöglichkeiten, und ist
nicht geeignet, die Komplexität der Situation zu erfassen, von
der die Stellung der Frau in der Gesellschaft ein symptomatischer
Teil ist.
"Gott ändert die Lage eines Volkes erst dann, wenn das Volk sich
selbst ändert" - so drückt der Qur'an eine in der
menschlichen
Gesellschaft wirksame Gesetzmäßigkeit aus. Uns selbst
ändern -
das hat eine intellektuelle und spirituelle und eine
soziopolitische Komponente, die eng miteinander verknüpft sind.
- "Das Streben nach Wissen ist eine heilige Pflicht für jeden
Muslim,
Mann oder Frau," betonte Gottes Gesandter (s). Obwohl er dies seinen
Gefährten und Gefährtinnen nicht nur nachdrücklich ans Herz
legte, sondern auch tatkräftig dafür sorgte, daß die
Muslime
Wissen aller Art erwarben und vermittelten, ist dieser Satz in der
Zwischenzeit oft in Vergessenheit geraten, relativiert oder sogar
mißbraucht worden, in erster Linie im Interesse von Machthabern, denn
"Wissen ist Macht", die vorhandene Strukturen durchaus in Frage stellen
kann.
In diesem Sinne ist den Gläubigen z.B. oft davon abgeraten worden,
selbst den Qur'an zu lesen und darüber nachzudenken, mit schrecklichen
Drohungen vor den Gefahren des Irrtums, während von diversen
Herrschern
bezahlte Hoftheologen das Monopol beanspruchten, den Qur'an verbindlich
auszulegen, und zwar ganz im Sinne ihrer Brotherren und ganz im Gegensatz
zu
der Aufforderung des Qur'an selbst, zu studieren und nachzudenken und nicht
kritiklos irgendwelchen Autoritäten zu folgen, mit dem immer
wiederkehrenden Hinweis, daß Gott bereit ist, den aufrichtig
Suchenden
zu führen und ihm Irrtümer und Fehler zu vergeben.
Ähnlicherweise ist die Beziehung zwischen der Theologie und anderen
Wissenschaftsgebieten oft unter dem Vorwand abgebrochen worden, kritische
Forschung könne dem Glauben Abbruch tun - obwohl der Qur'an immer
wieder
auf die Gesetzmäßigkeiten in der Natur, in der Geschichte und
sogar in unserem eigenen Inneren als "Zeichen Gottes" hinweist und uns
auffordert, diese zu beobachten und Schlüsse daraus zu ziehen.
"Zeichen für Leute, die ihre Vernunft verwenden", sagt der
Qur'an und legt und damit nahe, Wissen zu erwerben und verantwortlich damit
umzugehen. Wir müssen uns heute verstärkt auf diesen Aspekt
besinnen und nicht zuletzt auch um die Kenntnis der kulturellen Wurzeln
unserer eigenen Identität bemühen. Menschen, die Wissen erlangen
und vermitteln, wurden vom Propheten (s) mit denen gleichgesetzt, die sich
im Jihâd für Gottes Sache befinden. Wer das Privileg hat, Wissen
zu erwerben, ist mit dem zu vergleichen, der materiellen Wohlstand besitzt,
und analog dazu verpflichtet, mit anderen zu teilen.
- Wissen darf uns nicht zur Arroganz veranlassen. Es erlangt erst dann
seine volle Qualität, wenn es nicht für eigennützige Zwecke
vereinnahmt, sondern vernünftig eingesetzt wird. Dies erfordert
Selbsterkenntnis und Selbsterziehung. Wir müssen uns über unsere
Wertmaßstäbe und Ziele klar werden. Wesentlich ist hier das
Bewußtsein, daß Gott überall anwesend ist, wir also nicht
uns selbst überlassen und letztendlich auch Ihm allein verantwortlich
sind, wie es unserer Würde als Statthalter Gottes auf der Erde
entspricht. Dies sollte uns die Motivation und Zivilcourage geben, für
die Verwirklichung unserer Ideale einzutreten, nachdem wir sie einmal
erkannt
oder wiedergefunden haben. In der Praxis bedeutet dies, daß wir ein
gesundes Gleichgewicht herstellen zwischen unseren eigenen berechtigten
Interessen und den Zielvorstellungen von Frieden, Gerechtigkeit und Liebe,
auf die hinzuarbeiten unsere irdische Aufgabe ist. Es erfordert die
Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, die Veredlung der
Charaktereigenschaften,
Selbstbeherrschung, eine Erkenntnis der wirklichen Probleme und
Solidarität
mit denen, die weniger privilegiert sind.
- Hier liegen auch die erzieherischen Einflußmöglichkeiten auf
andere, vor allem auf unsere eigenen Kinder. Sie sind die ersten, die ein
Anrecht darauf haben, nicht nur unser theoretisches Wissen zu erben,
sondern
von unserem Vorbild zu profitieren. Selbst von unseren Fehlern und
Schwächen können sie lernen, wie gläubige Menschen damit
umgehen, indem sie nämlich ihren Schöpfer und Erhalter um Hilfe
und
Vergebung bitten und sich immer wieder aufs neue bemühen. Ob es sich um
unsere leiblichen Kinder handelt oder um andere Menschen: Erziehung ist
immer
ein Austausch, der unsere eigene Aufrichtigkeit auf die Probe stellt.
Wichtig
ist die Erziehung zum Gemeinschaftsleben, das Qualitäten erfordert wie
Mitgefühl, Solidarität, Geduld, Zivilcourage, Vertrauen,
Standhaftigkeit und die Bereitschaft, einander zu ergänzen. Nicht
zuletzt sollten wir uns daran erinnern, daß Gottes Gesandter (s) und
aufgefordert hat, Jungen und Mädchen eine gleichwertige Erziehung
zukommen zu lassen.
- Individuelle Bemühungen zu den ersten drei Punkten und
entsprechende
Selbsthilfemaßnahmen können uns durchaus schon ein gutes
Stück
voranbringen. Auf lange Sicht sind jedoch auch soziopolitische
Überlegungen
und Maßnahmen notwendig. Dies gilt besonders für die
Bildungspolitik, wo es letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen
Stein ist, wenn wir uns individuell oder in kleinen Gruppen z.B. über
islamische Inhalte informieren, während in den Massenmedien immer
wieder
ein ganz bestimmtes Bild vertreten wird. Dies gilt ganz besonders
hinsichtlich
der Praxis bezüglich der Frauen. Es ist wichtig, daß wir der
allgemein verbreiteten Darstellungsweise unsere islamischen Zielsetzungen
anschaulich entgegenhalten, indem wir verstärkt im Sinne von Qur'an
und
Sunna das Bildungsniveau muslimischer Frauen anheben, ihnen in
Notfällen
Zugang zu Hilfe und Selbsthilfe ermöglichen und unsere Kenntnisse und
Fähigkeiten nicht zurückhalten, sondern uns damit positiv in der
Öffentlichkeit engagieren, sowohl im sozialen als auch im
wissenschaftlichen und politischen Bereich. Diejenigen unserer Brüder,
denen aus traditionellen Gründen diese Vorstellung ungewohnt ist,
sollten sich auf die Beispiele aus der Zeit des Propheten (s) und der der
unmittelbar darauffolgenden Generationen besinnen und sich zumindest
darüber klar werden, daß ihre eigenen Nachkommen nur
benachteiligt
sind, wenn ihre Mütter weltfremd und unwissend gehalten werden. Sowohl
Männer als auch Frauen sollten sich vor Augen halten, daß in
jeder
Hinsicht das Bewußtsein der Verantwortung vor Gott schwerer wiegen
muß als jede Rücksicht auf "soziale Kontrolle".
- In einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Verhältnisse schnell
wandeln, müssen wir eine eigene Zukunftsvision entwickeln und eigene
Impulse einbringen. Qur'an, Sunna und unsere historischen Erfahrungen
ermöglichen uns, sowohl unsere eigenen gegenwärtigen Traditionen
und Vorstellungen als auch die unserer nichtmuslimischen Umgebung kritisch
zu hinterfragen. Damit kommen wir zugegebenermaßen zunächst
einmal
auf ein Stück Niemandsland. Um so näher stehen wir aber damit
auch
den prophetischen Persönlichkeiten und Gottsfreunden, die in
unermüdlicher Arbeit den Grundstein reichhaltiger islamischer Kulturen
gelegt haben.
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