Über die "Stellung der Frau im Islam" wird viel geschrieben und diskutiert. Oft geht es dabei um rechtliche Fragen, die besonders Frauen interessieren, die in den vergangenen Jahren den Islam angenommen oder einen muslimischen Partner geheiratet haben. Im Zusammenhang mit der islamischen Neubesinnung und den Herausforderungen der säkularisierten Gesellschaft werden manchmal auch Idalvorstellungen von "der muslimischen Frau" geschildert, während andererseits eher soziologisch ausgerichtete Abhandlungen anklagend den Alltag vieler unserer Schwestern zwischen Indonesien und Marokko, manchmal aber auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wiedergeben. Klischeevorstellungen aus 1001 Nacht vervollständigen die Vielfalt von Frauenbildern, Meinungen und Thesen. Im folgenden soll es weniger um theoretische Erwägungen gehen, sondern um Möglichkeiten, von denen Frauen in der islamischen Geschichte Gebrauch gemacht haben.
Wir wissen vieles über das Leben bekannter muslimischer Männergestalten. In erster Linie ist da natürlich das Leben des Propheten Muhammad - Friede sei mit ihm - der für uns alle ein wichtiges Vorbild ist, und dann sind da seine engsten Gefährten, große Imame und Gelehrte, bedeutende Herrscher und Reformatoren. Oft geben wir unseren Söhnen ihre Namen und sehen sie für uns als persönliche Leitbilder. Schwieriger wird es jedoch, wenn wir näheres über Frauen in der islamischen Geschichte wissen wollen. Auf den ersten Blick entsteht oft der Eindruck, sie hätten bestenfalls eine Nebenrolle als Ehefrauen, Mütter, Schwestern oder Töchter der betreffenden Männer gespielt, ganz wie es auch den gängigen Vorurteilen entspricht. Besonders im deutschsprachigen Raum gibt es noch wenig Literatur zu diesem Thema. Um so überraschender ist die Fülle der Literatur in Arabisch und anderen Sprachen des islamischen Kulturbereiches, nicht nur aus der neueren Zeit wie das fünfbändige Lexikon wichtiger Frauenpersönlichkeiten (Omar Reza Kahhala: A'lâm an-Nisâ', Damaskus 1977), sondern vor allem die biographischen Sammlungen aus den ersten Jahrhunderten des Islam, in denen berühmte Frauen ganz selbstverständlich ihren Platz haben. Es kann hier sicher nicht unser Ziel sein, alle diese Quellen auszuwerten. Wie wollen aber anhand einiger Beispiele aufzeigen, wie Frauen danach strebten, islamische Ideale zu verwirklichen, Hindernisse dabei zu überwinden und an der Seite der Männer zur Entwicklung ihrer Gesellschaft beizutragen. Dadurch werden nicht nur die einschlägigen Texte des Qur'an und die Überlieferungen anschaulicher für uns, sondern wir können durch eine klarere Vorstellung von den Bemühungen unserer Schwestern aus vergangenen Zeiten motiviert und ermutigt werden, ihnen nachzueifern und unseren Töchtern eine entsprechende Orientierung zu geben.
Der Prophet steht den Gläubigen näher als sie sich selbst, und seine Frauen sind ihre Mütter ... (Sura 33:7) |
Wenn im Qur'an die Frauen des Propheten (s) als "Mütter der Gläubigen" bezeichnet werden, dann hat dieser Respekterweis einen ganz bestimmten Sinn. Eine Mutter übt als Erzieherin einen wesentlichen Einfluß auf ihre Kinder aus. In diesem Sinne hatten die Mütter der Gläubigen eine wichtige Funktion in der jungen islamischen Gemeinschaft. Sie unterwiesen vor allem Frauen, aber auch Männer in geistigen Dingen, überlieferten und erläuterten Lehren des Propheten (s) in allen Lebensbereichen, halfen Kranken und Niedergeschlagenen und dienten der Sache des Islam auf vielerlei andere Weise. Jede dieser Frauen hat ihr eigenes Schicksal, so daß ihr Lebenslauf nicht nur Einblicke in Familienleben und Lebensumstände der damaligen Zeit ermöglicht, sondern auch ein anschauliches Beispiel für die Rolle der Frauen bei der Ausbreitung des Islam und ein Schlüssel zum Verständnis vieler Quellentexte ist. Hier können nur einige Namen und Daten kurz erwähnt werden.
Khadîja bint Khuwailid war eine Handelsfrau in Mekka, der es gelungen war, nach dem Tod ihrer beiden früheren Ehemänner die Geschäfte weiterzuführen und sich dabei Repekt zu verschaffen. Sie nahm den jungen Muhammad in ihren Dienst, und da sie von seiner Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit beeindruckt war und auch grundlegende Gedanken und Interessen mit ihm teilte - beide waren stark sozial engagiert und hatten bereits durch verschiedene Projekte dazu beigetragen, das Los der Armen und Kranken in Mekka zu erleichtern und ihre Rechte durchzusetzen - bot sie ihm die Ehe an. Sie war diejenige, die siebzehn Jahre später nach seiner Berufung als erste seine Sendung und deren Tragweite erkannte und ihn auf jede nur erdenkliche Weise unterstützte. Viele Frauen aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis und deren Angehörige fanden durch sie den Weg zum Islam. An der Seite ihres Mannes durchlebte sie den moralischen und materiellen Druck und die Verfolgungen, denen die Muslime in Mekka ausgesetzt waren, und starb schließlich an den Folgen des Boykotts. Ihre besondere Stellung wird vor allem auch dadurch betont, daß Gott ihr in Seiner Offenbarung Grüße übermitteln ließ. Niemand hat sie dem Propheten (s) je ersetzen können.
Auch Sawda zählte zu den ersten Muslimen. Sie wanderte mit ihrem Mann zusammen nach Abessinien aus, wo dieser starb. Als Witwe kehrte sie nach Mekka zurück und heiratete auf Vermittlung den Propheten (s), in erster Linie in der Absicht, für ihn und seine Kinder zu sorgen und selbst wieder eine Familie zu finden.
Aisha, die Tochter von Abu Bakr, wurde nach der Hijra die Frau des Propheten (s), nachdem sie seit frühester Kindheit großes Interesse an seinem Wirken gezeigt und alle Offenbarungstexte auswendiggelernt hatte. Sie setzte sich zeitlebens für den Islam ein und war nicht nur eine der wichtigsten Lehrerinnen und Gewährspersonen für Überlieferungen vom Propheten (s), sondern eine anerkannte Autorität für Glaubens- und Rechtsfragen ihrer Zeit.
Hafsa war die Tochter von Umar. Ihr erster Mann erlag nach dem Kampf von Uhud seinen Verletzungen. Später heiratete sie auf Vermittlung ihres Vaters den Propheten (s). Sie war eine intelligente Frau, die oft den Propheten selbst in theologische Diskussionen verwickelte. Nach seinem Tod befand sich das Manuskript des Qur'an, nach dem bis heute alle Exemplare gedruckt werden, in ihrer Obhut. Auch sie war eine der wichtigsten Gelehrten und Lehrerinnen ihrer Zeit.
Umm Salama wanderte mit ihrem ersten Mann nach Abessinien aus und mußte im Zusammenhang mit der anschließenden Auswanderung nach Medina große Schwierigkeiten seitens ihres Stammes erleben. Ihr Mann erlag den Verletzungen aus einem Feldzug, und der Prophet nahm sie und ihre vier Kinder in seine Familie auf. Durch ihre Besonnenheit und ihre klugen Ratschläge spielte sie eine entscheidende Rolle beim Vertragsschluß von Hudaibiya. Sie begleitete den Propheten (s) auf mehreren Feldzügen und gehörte zu den Lehrerinnen der Gemeinschaft. Ihre Tochter Zeinab wurde später eine der besten Gelehrten ihrer Zeit.
Zeinab bint Jahsh war eine Kusine des Propheten (s), die zunächst mit dessen Adoptivsohn Zaid verheiratet war. Die Ehe verlief jedoch unglücklich und endete trotz aller Versuche des Propheten (s), die Harmonie wiederherzustellen, mit einer Scheidung. Daß der Prophet (s) selbst nachher Zeinab heiratete, war ein Schlüsselereignis für mehrere familienrechtliche Bestimmung, nicht zuletzt für das Selbstbestimmungsrecht der Frau bei der Wahl des Partners. Wie ihre Namensschwester, die auch zu den Müttern der Gläubigen gehört, so war auch sie eine der großzügigsten und hilfsbereitesten Frauen in Medina.
Umm Habîba war die Tochter von Abu Sufyân, der bis kurz vor der Einnahme Mekkas ein entschiedener und einflußreicher Gegner des Islam war. Sie selbst gehörte allerdings zu den frühen Muslimen. Ihr erster Mann, mit dem sie nach Abessinien ausgewandert war, wurde dort Christ und versuchte, auch sie zu bekehren. Er verließ sie, als sie nicht darauf einging. Später heiratete der Prophet(s) sie und holte sie nach Medina. Sicher hat ihr Einfluß eine Rolle beim Gesinnungswandel ihres Vaters gespielt.
Diese kurze Übersicht ist alles andere als vollständig. Es wird jedoch deutlich, daß alle diese Frauen eine entscheidende Rolle in der Geschichte der islamischen Gemeinschaft gespielt haben. Sie und die anderen Mütter der Gläubigen haben nicht nur selbst ihren aktiven Beitrag im Einsatz für den Islam geleistet, sondern auch Frauen und Mädchen späterer Generationen ein Beispiel gegeben und insgesamt das Frauenbild der damaligen Zeit grundlegend geändert.
Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind untereinander Freunde. Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und zahlen die Zakat und gehorchen Gott und Seinem Gesandten. Sie sind es, deren Gott sich erbarmen wird. Gott ist allmächtig, allweise (Sura 9:71). |
Fatima, die Tochter des Propheten (s) und seiner Frau Khadîja, wuchs zu einer Zeit auf, als die Muslime in Mekka eine verfolgte Minderheit waren. Von Anfang an wurde sie durch die Lehre der Offenbarung und das Vorbild ihrer Eltern geprägt, an deren von Entsagung gekennzeichnetem Alltagsleben sie teilnahm. Besonders mit ihrem Vater war sie eng verbunden, so daß sich sogar eine äußerliche Ähnlichkeit bemerkbar machte. Nach dem Tod ihrer Mutter infolge des Boykotts sorgte sie besonders für ihn, pflegte ihn, wenn er von den Angriffen seiner Gegner verletzt war, und tröstete ihn. Dies hat ihr schließlich den Beinamen "Mutter ihres Vaters" eingebracht.
Nach der Auswanderung nach Medina hatten die Verfolgungen ein Ende, nicht aber die wirtschaftliche Not. Hinzu kamen die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den heidnischen Quraish. In diese Zeit fällt Fatimas Hochzeit mit Ali, nachdem sie verschiedene andere Interessenten abgelehnt hatte; nur er erschien ihr als angemessener Partner. Eine prunkvolle Feier konnte es unter diesem Umständen nicht geben. Sie erhielt von Ali eine bescheidene Brautgabe und von ihrem Vater die wichtigsten Haushaltsgegenstände. Von ihrem Alltagsleben wissen wir, daß sie durch Spinnen zum Lebensunterhalt der Familie beitrug und auch später, als sich die wirtschaftliche Situation in Medina besserte, daraus nicht persönliche Vorteile zu gewinnen suchte, sondern aus diesen Mitteln Arme versorgte. Sie setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein, für die sie wie ihr Vater ein feines Gespür hatte, und begleitete ihren Mann und den Propheten (s) auf Feldzügen, wo sie gemeinsam mit anderen Frauen Verwundete behandelte und die Kämpfenden versorgte. Der Prophet (s) sagte von ihr: "Fatima ist ein Teil von mir. Wer ihr wehtut, der tut mir weh."
Nach dem Tod ihres Vaters mischte sich die Trauer mit der Besorgnis um den Zusammenhalt der islamischen Gemeinschaft. Sehr wohl erkannte sie die Kräfte, die Uneinigkeit und einen Rückfall in Machtstreben und Stammesdünkel verursachen wollten. Sie ermahnte die Führer der Gemeinschaft, sich ihrer Verantwortung bewußt zu sein und ihre Pflicht zu tun. Wenig später starb sie und wurde auf dem Friedhof al-Baqî in Medina begraben. Auch ihre Söhne Hasan und Husain und ihre Tochter Zeinab spielen in der Geschichte eine wichtige Rolle.
Der größte Jihad ist ein gerechtes Wort vor einem ungerechten Herrscher. Überlieferung vom Propheten (s) |
Zeinab war die Tochter von Ali und Fatima und die Schwester von Hasan und Husein. Der Grundstein ihrer Erziehung wurde vom Propheten (s) selbst und von ihrer Mutter gelegt. Auch ihr Vater hat später viel Sorgfalt auf ihre Erziehung aufgewendet, so daß sie zur Zeit seines Kalifats in Medina und Kufa und lange über seinen Tod hinaus als bekannte Lehrerin wirkte, die nicht nur in der Auslegung des Qur'an und der Überlieferungen versiert war, sondern auch in Rechtsfragen als Autorität anerkannt wurde; in diesem Zusammenhang wurde sie auch als "Stellvertreterin des Imam" bezeichnet.
Besonders eng verbunden fühlte sich Zeinab mit ihrem Bruder Husain. Nach Rücksprache mit ihrem Mann verließ sie ihre Familie und begleitete Husain auf der Reise, die mit der Tragödie von Karbala enden sollte. Sie mußte erleben, wie Husain und seine Begleiter von den Truppen des Umayyadenkalifen Yazîd belagert, vom Trinkwasser abgeschnitten und schließlich überfallen wurden, wobei die Angreifer besonders brutal vorgingen und sich nicht einmal scheuten, Husains kleinen Sohn in dessen Armen zu erschießen. Sein älterer Sohn Zainul-Abidîn überlebte das Gemetzel, weil er zu dieser Zeit krank war. Husain fiel im Kampf. Seine Leiche wurde geschändet und sein Kopf nach Damaskus gebracht. Zeinab und die anderen Überlebenden wurden als Gefangene zunächst dem Gouverneur von Kufa vorgeführt. Dort hielt sie eine bis heute überlieferte Rede, in der sie ihm sein Verhalten vorwarf, und rettete durch ihre Intervention Zainul-Abidîn das Leben. Die Gefangenen wurden schließlich unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Damaskus gebracht, wo Husains Tochter Sakîna im Gefängnis starb. Noch einmal gelang Zeinab die Intervention, als Yazîd Zainul-Abidîns Kopf forderte: in einer weiteren Rede vor dem Herrscher selbst stellte sie den wahren Sachverhalt dar und hielt ihm sein Unrecht vor, so daß Yazîd schließlich durch den Druck der öffentlichen Meinung gezwungen war, die Gefangenen freizulassen und ihnen die Rückkehr nach Medina zu ermöglichen.