In einem qur'anischen Gebet heißt es:
Du läßt die Nacht übergehen in den Tag und läßt den Tag übergehen in die Nacht; Du läßt das Lebendige hervorgehen aus dem Toten und läßt das Tote hervorgehen aus dem Lebendigen, und Du gibst, wem Du willst, ohne zu rechnen (Sura 3:28). |
Im Qur'an werden Leben und Tod oft in dieser Weise gegenübergestellt. Tag und Nacht als Phasen der Aktivität und Ruhe, der Wechsel der Jahreszeiten mit Blüte, Reife der Früchte, Absterben der Pflanzen und Neubelebung des Bodens sind Aspekte derselben Existenz, Bestandteile desselben natürlichen Kreislaufes, zurückgeführt auf den Einen Urgrund des Seins, der alles paarweise geschaffen hat, und dasselbe gilt auch für Leben und Tod.
Und so ist es zwar durchaus menschlich, Angst vor dem Sterben zu empfinden, so wie man oft vor Unbekanntem, vor Veränderungen, Angst empfindet, oder traurig zu sein, denn für den Sterbenden geht es um den Abschied von einer Welt, die ihm vertraut war und in der er nützliche Erfahrungen machen konnte, und von Angehörigen und Freunden, die ihm nahestanden und nun ebenfalls von Abschiedsschmerz und vielleicht auch Sorge um die Zukunft ohne ihn erfüllt sind. Der Tod ist ein Übergang von dieser physischen Welt in einen anderen, uns unbekannten Zustand, aber - trotz aller Angst und Trauer, die damit verbunden sein kann - kein Zustand der Gottesferne. Vielmehr kehren wir zu Gott zurück. Das kommt auch in dem Satz zum Ausdruck, den wir sprechen, wenn wir vom Tod eines Mitmenschen erfahren und dadurch an unsere eigene Sterblichkeit erinnert werden: "Wir gehören Gott an, und zu Ihm kehren wir zurück." Im Qur'an wird dies z.B. auch folgendermaßen ausgedrückt:
... und daß zu deinem Schöpfer und Erhalter die endgültige Heimkehr ist, und daß Er lachen und weinen läßt, und daß Er Leben und Tod gibt, und daß Er beide Geschlechter erschaffen hat, männlich und weiblich ... (Sura 53:43-46) |
- beachte hier, wie so oft im Qur'an, die paarweise Anordnung.
Alles Erschaffene ist veränderlich und vergänglich, und alle Lebewesen sind sterblich. Dem Propheten (s) wird gesagt:
Wir haben keinem Menschenwesen immerwährendes Leben gegeben. Wenn du also sterben solltest, könnten sie etwa immerwährend leben? Jedes Lebewesen wird den Tod kosten, und Wir prüfen euch mit Schlechtem und Gutem, und zu Uns sollt ihr zurüchgebracht werden (Sura 21:35-36). |
Wenn hier gesagt wird: den Tod kosten, dann bedeutet dies, daß jedes Lebewesen den Tod erlebt, als eine Erfahrung des Überganges.
Leben und Tod werden nicht nur im biologischen Sinne verstanden. So bedeutet Leben auch Aktivität und Geben, Tod dagegen Passivität und Nichtgeben. Leben ist Begegnung, Austausch, Kommunikation. Gott wird in diesem Zusammenhang bezeichnet als der Lebendige, der nicht stirbt, während es andererseits heißt:
Und jene, die sie außer Gott anrufen, erschaffen nichts, sind vielmehr selbst erschaffen. Tot sind sie, nicht lebendig, und sie wissen nicht, wann sie erweckt werden (Sura 16:21-22). |
Gemeint sind alle Wesen oder Dinge, denen ein Mensch einen gottähnlichen Status einräumt, seien es Personen der Vergangenheit oder Gegenwart, denen man unkritisch Folge leistet und die man übermäßig verehrt, seien es Institutionen, auf die man sich in unvernünftigem Maße verläßt, seien es Ideen und Ideale, die man verehrt, statt zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Sie sind tot in dem Sinne, daß sie kaum etwas oder gar nichts bewirken geschweige denn unsere Hoffnungen erfüllen können, und sie sind geschaffen wie wir bzw. von uns zu dem gemacht worden, wofür wir sie halten. Gelegentlich wird im Qur'an darauf hingewiesen, daß sie uns im entscheidenden Augenblick im Stich lassen. Kraft, Trost und Hilfe finden wir letztendlich nur im Urgrund des Lebens selbst. Und so werden wir im Qur'an immer wieder aufgefordert, die Welt zu beobachten und Gottes Zeichen darin zu erkennen:
Zu Seinen Zeichen gehört dies, daß Er euch aus Erde erschuf. Sodann seid ihr Menschen, die sich weithin verbreiten. Zu Seinen Zeichen gehört dies, daß Er Lebenspartner für euch schuf aus euch selber, auf daß ihr Frieden in ihnen fändet, und Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind Zeichen für Leute, die nachdenken. Und zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind Zeichen für die Wissenden. Und zu Seinen Zeichen gehört euer Schlafen bei Nacht und bei Tag euer Bemühen um Seine Gnadenfülle. Hierin sind Zeichen für Leute, die hören. Und zu Seinen Zeichen gehört dies, daß Er euch den Blitz zeigt zu Furcht und Hoffnung und Wasser vom Himmel herniedersendet und damit die Erde belebt nach ihrem Tode. Hierin sind Zeichen für Leute, die von ihrer Vernunft Gebrauch machen (Sura 30:21-25). |
In diesem Sinne ist die Welt in qur'anischer Sprache 'Âlam, Mittel zur Erkenntnis, sowohl der unzähligen praktischen Dinge, die uns das Leben ermöglichen, als auch dessen, der sie geschaffen hat. Die Vielfalt in allen Dingen wird durchweg als positiv gesehen, sowohl als Bereicherung des Lebens als auch als Manifestation des Einen, der sowohl alle die zahllosen Phänomene hervorgebracht hat als auch die Gesetzmäßigkeiten, die sie zueinander in Beziehung setzen und ihr Zusammenwirken regeln.
Der Qur'an verweist immer wieder auf den Zusammenhalt der Welt oder auf ökologische Zusammenhänge als Hinweis auf den Einen Schöpfer. Aus solchen und anderen Texten hatt man denn auch oft versucht, rationale "Gottesbeweise" herauszulesen, vor allem in der heutigen Zeit, wo die Auseinandersetzung mit Agnostizismus und Atheismus mit im Vordergrund steht. Der Qur'an beschränkt sich jedoch nicht auf äußere Beobachtungen und Schlußfolgerungen daraus, sondern veranlaßt den Leser, über sich selbst nachzudenken und mit den eigenen Erfahrungen umzugehen:
Wie könnt ihr Gott verleugnen? Ihr wart doch ohne Leben, und Er hat euch Leben gegeben, dann läßt Er euch sterben, dann belebt Er euch wieder, und ihr kehrt dann zu Ihm zurück (Sura 2:29). |
An anderer Stelle wird unser allmähliches Werden im Mutterleib bis zur Geburt geschildert, Prozesse, die unserem Willen und Handeln unzugänglich sind; dazu gehört auch unser Heranwachsen als Kind und junger Mensch bis zu dem Alter, das oft als "Vollkraft" oder "Reife" bezeichnet wird, wenn wir Verantwortung für uns selbst und unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe tragen können, dann das allmähliche Nachlassen der Kräfte bis zum Ende des Lebens. Das Leben ist ein Entfaltungs- und Erziehungsprozeß; es besteht aus den Wechselwirkungen zwischen unseren Aktivitäten und Reaktionen einerseits und Einflüssen und Herausforderungen von außen andererseits, und in dieser Wechselwirkung entfaltet sich unser Potential. Gott erhält, begleitet und führt uns in diesem Prozeß - und das ist es, was das arabische Wort Rabb bedeutet, das meist ebenso einfach wie mißverständlich mit "Herr" übersetzt wird.
Das Leben wird auch als Prüfung" bezeichnet: Wir sind immer wieder Herausforderungen durch Gutes und Schlechtes ausgesetzt, auf die wir in irgendeiner Weise reagieren, so daß daran deutlich wird, wie weit wir unsere inneren Fähigkeiten, z.B. Geduld, Mitmenschlichkeit usw., entwickelt haben - gelegentlich entdecken wir dabei auch bisher unbekannte Fähigkeiten oder auch schlichtweg die eigenen Grenzen. Gutes, das wir verwirklichen konnten, wird gesegnet. Aber wir erfahren auch die Folgen von Bösem, das wir getan haben: wir haben die Möglichkeit, zur Einsicht zu kommen, umzukehren, aus dieser Erfahrung zu lernen und Vergebung zu erlangen, oder es zu verdrängen, nicht wahrhaben zu wollen und in naher oder ferner Zukunft damit konfrontiert zu werden, eine leidvolle Erfahrung, die wir Strafe nennen. In diesem Zusammenhang spricht man von "Früchten" guter oder schlechter Handlungen, die vielleicht lange brauchen, um zu reifen, die wir aber jedenfalls ernten werden:
Und wer auch nur ein Atomgewicht Gutes tut, der wird es sehen, und wer auch nur ein Atomgewicht Böses tut, der wird es sehen (Sura 99:8-9). |
Leben und Tod werden auch als Bestandteile dieses physischen Lebens verstanden. Wenn wir einen Menschen als ein Wesen sehen, das sich in der Entwicklung befindet, dann können wir sagen, daß jedes Stadium eine Welt und ein Leben für sich ist, die Übergänge vom einen zum anderen dagegen eine Art Tod, eine Umwandlung, ein Abschied vom Altgewohnten und ein Wiederentstehen mit neuen Gedanken und Gefühlen, auf die man sich neu einstellen und mit denen man sich neu orientieren muß. So "stirbt" man als Kind und entsteht neu als Erwachsener; man "stirbt" als Einzelwesen und entsteht neu als Ehepartner und Familienvater bzw. -mutter; man "stirbt" als Erwachsener und entsteht neu als alter Mensch, der Erfahrung und oft auch Weisheit mit anderen teilen kann. Zumindest Pubertät und Midlife Crisis werden meist bewußt als solche Übergangsphasen erlebt, und in vielen alten Religionen gab es zu solchen Anlässen Übergangsriten, die ganz deutlich Abschluß und Neubeginn (oft regelrecht als Neugeburt, ggf. mit einem neuen Namen) markierten. Heute stellt oft auch ein Berufswechsel, eine Scheidung, eine Auswanderung, eine schwere Krankheit oder die Heilung davon u.dgl. einen solchen Übergang dar, der ernsthafte Anfragen an das eigene Identitätsgefühl auslöst, einen intensiven Rückblick in die Vergangenheit mit einer Auswertung für die Zukunft bewirkt und zu entsprechenden neuen Plänen und Ansätzen führt. Deutlich erfahrbar ist dies für Menschen, die innerlich wach und lebendig sind. In den mystischen Disziplinen wird u.a. geübt, noch genauer hinzusehen und sich bewußt zu werden, daß jeder Augenblick ein solcher Augenblick des Sterbens und Neuerschaffenwerdens ist, im Vertrauen auf unseren Schöpfer und Erhalter, der uns bei allen diesen Herausforderungen und Veränderungen niemals fern ist.
Dies führt uns zu den Begriffen Leben und Tod auf einer weiteren Ebene. Ein lebendiges Herz öffnet sich, wendet sich Gott und den Mitmenschen zu, versteht und begreift. Andererseits kann ein Mensch durch eine ichbezogene Haltung der Illusion verfallen, unveränderlich zu sein, und innerlich absterben. So ist von einem "kranken Herzen" die Rede, das vor lauter Ichbezogenheit nicht mehr aufrichtig und klar ist, sondern zu Heuchelei und Opportunismus neigt. Man spricht auch von einem "blinden" Herzen, z.B. bei Menschen, die zwar weit genug herumgekommen sind, um die Zeugnisse historischer Erfahrungen wahrzunehmen, aber dennoch nicht bereit sind, aus ihrer Geschichte zu lernen und zu einem ethisch-moralischen Neuanfang zu kommen:
Sind sie denn nicht im Lande umhergereist, daß sie Herzen hätten, damit zu begreifen, oder Ohren, damit zu hören? Es sind doch nicht die Augen, die blind sind. Blind sind vielmehr die Herzen, die in der Brust sind (Sura 22:47). |
Bei Menschen, die sich trotz besserem Wissen der Einsicht und Offenbarung verschließen, spricht man von "versteinerten" oder "toten" Herzen; sie werden ermahnt:
Danach aber wurden eure Herzen verhärtet, bis sie wie Steine wurden oder noch härter. Selbst unter den Steinen gibt es nämlich solche, aus denen Ströme hervorquellen, und solche, aus denen Wasser fließt, wenn sie sich spalten, und gewiß gibt es unter ihnen manche, die sich in Demut und Ehrfurcht vor Gott niederwerfen, und Gott ist nicht achtlos gegenüber dem, was ihr tut (Sura 2:75). |
Es ist äußerst schwierig und bedarf womöglich erschütternder Erfahrungen, solche abgestorbenen Herzen wieder zum Leben zu erwecken.
Leben und Tod werden auch im überpersönlichen Sinne verstanden, wie folgendes Gedicht von Rumi veranschaulichen soll:
Siehe, ich starb als Stein und ging als Pflanze auf,
starb als Pflanze, nahm darauf als Tier den Lauf,
starb als Tier und ward' ein Mensch. Was fürcht' ich dann,
da durch Sterben ich nicht minder werden kann?
Und dann, wenn ich werd' als Mensch gestorben sein,
wird ein Engelsflügel mir erworben sein,
und als Engel muß ich sein geopfert auch,
werden, was ich nicht begreif': ein Gotteshauch.
(Übers.: Rückert)
Zumindest seit den Schriften der Ikhwân as-Safa (10. Jhd.) gibt es in den islamischen Naturwissenschaften die Vorstellung von der Schöpfung als einer langfristigen Entwicklung, wie es schon im Qur'an angedeutet ist, wo "Tage" Gottes als Zeiträume von 1000 oder 50.000 Jahren bezeichnet werden (wenn heutige Muslime den Darwinismus oft so vehemment ablehnen, beruht dies in erster Linie auf der Zufälligkeit und Sinnlosigkeit, die dort impliziert ist, während aus islamischer Sicht die Welt "in Weisheit" und "mit gerechten Maßstäben" erschaffen wurde und ein Mittel zur Erkenntnis des Schöpfers ist). Vergehen und Werden sind hier eng miteinander verknüpft und bedingen einander. Ständig entsteht aus alten Formen eine Vielfalt von neuen, die sich im Miteinander bewähren müssen, immer verbunden durch die organische Einheit miteinander und dem Einen Urgrund der Existenz. Wie wir gesehen haben, durchläuft ein menschliches Individuum im Kleinen ähnliche Stadien wie "die Welt" im Großen; in der Philosophie spricht man vom Menschen als dem "Mikrokosmos" gegenüber dem Makrokosmos des Universums. In beiden offenbaren sich Gottes Attribute, in beiden ist Gott anwesend.
Mit zwei Begriffen arbeitet die islamische Theologie allerdings nicht:
Kehren wir also zurück zum irdischen, biologischen Leben des Menschen zwischen seiner Geburt und seinem physischen Tod. Wir erleben Menschen in einer ungeheuren Vielfalt mit zahlreichen unterschiedlichen Begabungen, Temperamenten, Interessen und Einzelschicksalen. In Anbetracht dieser Vielfalt ist sicher auch die Frage interessant, inwiefern die Menschen "gleich" sind. Ähnlich, aber nicht gleich, ist auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Aus islamischer Sicht hat zunächst jeder Mensch seinen gleichen Wert als Mensch, Geschöpf Gottes und Individuum. Aber gerade als Individuum ist er einzigartig mit seiner eigenen Kombination von Anlagen und seiner eigenen Freiheit, sie zu nutzen und im Zusammenwirken mit anderen zu entfalten. Dem äußeren Erscheinungsbild nach sind Menschen alles andere als gleich, und jeder Versuch, sie äußerlich gleichzumachen, indem man sie z.B. in eine Uniform steckt, kann einige Aspekte ihres Menschseins, z.B ihr Verantwortungsbewußtsein, beeinträchtigen und ihr Selbstwertgefühl beeinflussen. Dementsprechend ist der qur'anische Gerechtigkeitsbegriff kein Begriff der formalen Gleichheit, sondern der Ausgewogenheit und gegenseitigen Ergänzung (veranschaulicht durch das Bild der Waage), und alle Anlagen und Gaben, die uns auf so verschiedene Weise gegeben wurden, werden mitberücksichtigt. Auf den Erziehungs- und Prüfungsprozeß dieses Lebens bezogen sagt der Qur'an, daß von niemandem mehr gefordert wird, als er leisten kann. Es zählt nicht als Versäumnis, das (noch) Unmögliche nicht zu erfüllen, während sich aus besonderen Fähigkeiten auch eine besondere Verantwortung ergibt, und jedem Menschen wird nahegelegt, sich selbst und die daraus resultierenden Lebensaufgaben zu erkennen. Gutes tun bedeutet insgesamt, das eigene gute Potential zu entfalten und zum Nutzen der Mitgeschöpfe in den Dienst des Schöpfers zu stellen; es führt zu Gutem sowohl für andere als auch für den Betreffenden selbst und wird gesegnet. Böses tun bedeutet insgesamt entweder, das eigene gute Potential nicht zu entfalten und dadurch sich selbst und anderen Schaden zuzufügen, oder es zu mißbrauchen; beides hat schlechte Folgen sowohl für andere als auch für den Betreffenden selbst, es sei denn, er kommt zur Einsicht und nimmt die Möglichkeit wahr, sein Verhalten zu ändern und Vergebung zu erlangen. Auch ein solcher Lernprozeß ist ein Segen.
Im Sprachgebrauch des Qur'an gibt es die Vorstellung, daß gute und böse Handlungen im Laufe eines Menschenlebens aufgezeichnet bzw. böse Handlungen, für die Vergebung erlangt wurde, auch wieder ausgelöscht werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem "Buch der Handlungen", dessen Inhalt die Zukunft eines Menschen nach dessen irdischen Tod bestimmt. Der Prophet (s) sagte: "Wenn ein Mensch stirbt, dann wird das Buch seiner Handlungen geschlossen, mit Ausnahme von drei Menschen: dessen, der etwas spendet, das seine Lebenszeit überdauert (z.B. eine Schule oder eine soziale Einrichtung); dessen, der ein wissenschaftliches Werk hinterläßt, von dem andere Nutzen haben; und dessen, der einen rechtschaffenen Nachkommen hinterläßt, der für ihn betet." In diesem Sinne kann ein Mensch durchaus über seinen Tod hinaus in der Welt wirken. Dies gilt ganz besonders für Menschen, die mit ihrem Leben und Sterben Zeugnis für Gottes Sache abgelegt haben.
Die Vorstellung von Schrift oder Buch spielt im Islam eine große Rolle und ist ein vielgebrauchtes Bild. Damit verbunden ist z.B. ganz konkret die Offenbarungsschrift wie der Qur'an bzw. auch biblische Schriften oder auch eine präexistente Urfassung davon. Das Buch der Handlungen ist demgegenüber eher eine Aufzeichnung von Dingen, die geschehen sind und fortwirken. Kitâb bedeutet aber nicht nur Schrift, Buch, Aufzeichnung u.dgl., sondern auch Vor-schrift oder Gesetzmäßigkeit. Wenn in diesem Zusammenhang also vom Buch der Schöpfung gesprochen wird, dann geht es dabei nicht einfach darum, daß alle Geschöpfe verzeichnet und ihre individuellen Handlungen registriert sind, sondern auch darum, daß ihre gegenseitigen Beziehungen bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen. Dementsprechend ist in der Theologiegeschichte oft die Frage diskutiert worden, ob die Todesstunde eines Menschen im voraus festgelegt sei, und zwar im Zusammenhang mit der Diskussion um das Für und Wider einer allgemeinen Prädestinationslehre. Die Vertreter der Prädestinationslehre beriefen sich auf Textes wie:
Und Er ist es, der eure Seelen nachts zu sich nimmt und weiß, was ihr am Tage schafft; darin erweckt Er euch dann wieder, so daß die festgelegte Frist erfüllt wird. Zu Ihm ist dann die Heimkehr; dann wird Er euch verkünden, was eure Handlungen waren (Sura 6:61), |
oder, mehr auf Gemeinschaften bezogen als auf Individuen:
Jeder Gemeinschaft (Umma, auch: Generation) ist eine Frist gesetzt. Wenn also ihre Frist abgelaufen ist, dann können sie (sie) auch nicht um einen Augenblick beschleunigen (Sura 7:35). |
Die Gegner der Prädestinationslehre begründen ihre Haltung vor allem mit der Lehre von der menschlichen Freiheit und individuellen Verantwortung, die im Qur'an konsequent vertreten und anhand vieler Beispiele veranschaulicht wird. Die "Frist", von der hier die Rede ist, ist nicht eine indi viduelle Frist mit von vornherein festgelegtem Anfangs- und Endtermin, sondern vielmehr eine natürliche, den Naturgesetzen entsprechende Lebensspanne, die normalerweise Individuen und Gemeinschaften zur Verfügung steht und, wenn sie sich ihrem Ende nähert, nicht mehr beeinflußt werden kann. Wohl aber kann sie durch Gewalteinwirkung von außen oder durch eigenes schädliches Verhalten vorzeitig abgebrochen werden, und darin besteht das Unrecht, das z.B. ein Mörder seinem Opfer zufügt. Wäre die Todesstunde festgelegt, dann wäre der Mord zwar eine gesetzwidrige Handlung, aber kein eigentliches Unrecht gegenüber dem Opfer, das ohnehin zu diesem Zeitpunkt gestorben wäre - und man könnte noch eine ganze Reihe andere unethische und gotteslästerliche Schlußfolgerungen daraus ziehen. Darüberhinaus würde eine Prädestination nicht nur die menschliche Freiheit und Verantwortung stark einschränken, sondern auf theologischer Ebene auch die Freiheit Gottes, der sozusagen auf einen einmal gefaßten detaillierten Plan festgelegt wäre, und das ganze qur'anische Konzept vom Leben als Erziehungs- und Prüfungsprozeß, die Lehre von guten Folgen für gutes Handeln und schlechte Folgen für böses Handeln sowie die Möglichkeit zu Reue und Umkehr hätten keinen Sinn.
Im Gegensatz zum allgemeinen Trend unserer Zeit, Krankheit, Verlust, Alter und Tod aus der Öffentlichkeit und dem Bewußtsein zu verdrängen, werden wir in den islamischen Quellen aufgefordert, an unsere eigene Vergänglichkeit zu denken und unser Leben dementsprechend so zu gestalten, daß wir nicht am Vergänglichen haften, sondern nach dauerhaften Werten streben, indem wir versuchen, Gutes zu verwirklichen und anzuregen. Dementsprechend sind wir auch gehalten, bei Verlust Geduld zu entwickeln, Kranke zu besuchen und ihnen Trost und Stütze zu gebben, letzteres besonders dann, wenn die Krankheit zur dauerhaften Behinderung wird, und alten Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen - wir dürfen ihnen die Fürsorge und den Schutz der Familie nicht entziehen, auch und besonders dann, wenn fachkundige Pflege und Betreuung notwendig ist, die wir nicht mehr selbst leisten können. Einen Sterbenden sollen wir nicht sich selbst oder fremden Menschen überlassen. Man soll versuchen, seine Schmerzen zu stillen, ohne sein Bewußtsein zu trüben oder ihn mit Medikamenten und Geräten zu quäalen. Einem sterbenden Muslim soll man aus dem Qur'an vorlesen oder vorlesen lassen, ihn an Gottes Barmherzigkeit erinnern, ihm helfen, letzte Probleme zu bewältigen und seinen Nachlaß zu ordnen, und ihm Gelegenheit zum Abschied geben. Alles dies hilft ihm und seinen Angehörigen. Es ist ebenfalls hilfreich, immer wieder das Glaubensbekenntnis zu sprechen und um Vergebung für sich selbst und den Sterbenden zu bitten. In der islamischen Welt gilt es bislang als selbstberständlich, daß ein Mensch zu Hause im Kreis seiner Angehörigen stirbt, wenn es nicht gerade ein plötzlicher Tod durch einen Unfall oder dergleichen ist, aber man sollte sich heute auch verstärkt darüber Gedanken machen, wie ein solcher Abschied im Krankenhaus ermöglicht werden kann, und wie man Sterbende begleiten kann, deren Angehörige nicht anwesend sein können.
Mitmenschliche Pflichten sind aus islamischer Sicht nicht institutionalisierbar. So gibt es denn bislang auch keine ausgesprochene "Krankenhausseelsorge", denn Angehörige, Nachbarn, Freunde und Bekannte sind gehalten, den Kranken zu betreuen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen. Ähnlicherweise ist es immer wünschenswert, in der Sterbestunde eines nahen Angehörigen anwesend zu sein, denn das Sterben ist ein gegenseitiger Abschied, und der Tod ist nicht mehr so furchtbar und mysteriös, wenn man auf diese Weise damit Bekanntschaft gemacht hat. Allerdings sind diese Handlungen nicht unmittelbare individuelle Pflichten, die für jeden verbindlich sind, wie z.B. Glaubensbekenntnis und Gebet, sondern fard kifâya, d.h. Pflicht, der genügt werden soll: wenn ein oder mehrere Mitglieder der Gemeinschaft diese Pflicht erfüllen, ist sie erfüllt, sonst ist sie von der ganzen Gemeinschaft versäumt worden. Das gilt vor allem auch für die Vorbereitung des Verstorbenen und die Beerdigung. So soll ggf. jemand dem Toten die Augen schließen und den Kiefer hochbinden, damit nicht sein Gesicht entstellt wird, und er soll in eine würdevolle Stellung gebracht werden. So bald wie möglich soll er gewaschen und mit der Totenkleidung bekleidet werden, die ungefähr der Kleidung eines Pilgers entspricht. Dabei soll eine verstorbene Frau von Frauen und ein Mann von Männern gewaschen und eingekleidet werden. Trauernde soll man ruhig weinen lassen, aber man soll nicht künstlich lamentieren, und bei Weinkrämpfen und lautem Schreien soll man die Betreffenden beruhigen. Großer Aufwand soll bei der Beerdigung vermieden werden.
Vor der Beerdigung wird das Totengebet verrichtet, das jedoch nicht wie andere rituelle Gebete Beugungen und Niederwerfungen enthält, sondern ganz im Stehen gesprochen wird. Dann soll der Verstorbene möglichst von seinen Verwandten zum Grab getragen werden, das so ausgerichtet ist, daß er darin mit der Blickrichtung nach Mekka liegt. In Großstädten wie Hamburg gibt es auf einigen Friedhöfen muslimische Abteilungen, wo alle Gräber so ausgerichtet sind. Jeder, der an der Beerdigung teilnimmt, wirft dreimal Erde auf den Toten im Grab und erinnert sich daran, daß wir aus Erde erschaffen wurden, zur Erde zurückkehren und aus der Erde wieder auferstehen. Man verläßt das Grab möglichst nicht, bevor es fertig ist, und man spricht Fürbittgebete für den Verstorbenen. An den folgenden Tagen besucht man die Angehörigen, um gemeinsam zu beten und den Qur'an zu lesen, gleichzeitig als Segen für den Verstorbenen und als Trost für die Hinterbliebenen.
Der Prophet (s) sagte: Drei Dinge begleiten einen Menschen bis ans Grab: seine Angehörigen, sein Eigentum und seine Handlungen. Eigentum und Angehörige kehren wieder um. Seine Handlungen aber begleiten ihn bis ins Grab und bleiben.