last update: 05.11.96



Zu einer zünftigen Jugendbewegung gehört auch eine passende Freizeitbeschäftigung, nur sinnentleert und gefährlich genug muß sie sein. Nach Hochhausfreeclimbing und Fahrstuhlsurfen wird heutzutage das Hostienschänden immer populärer. Hostienschänden gilt angesichts der Risiken, denen man sich dabei aussetzt (Blitzschlag, Exkommunizierung, ewige Verdammnis etc.) als die riskanteste unter den illegalen Sportarten.
Die Tatsache, daá man sich nur mit einer mächtigen italienischen Organisation, sondern sogar mit dem Herrscher des Universums anlegt, gibt der Angelegenheit zusätzlich einen rebellischen Pfiff.




Hostien in größeren Mengen sind schwer zu beschaffen. Überfälle auf bewachte Hostientransporte bedürfen monatelanger Planung und gehen nur selten ohne Blutvergießen und Wehgeschrei vonstatten. Einfacher ist es, die Hostien einzeln aus dem Gotteshaus zu entführen:
Besuchen Sie ein Hochamt, lassen sie die Predigt über sich ergehen, heucheln Sie ein bißchen Demut und empfangen Sie die heilige Kommunion. Schmuggeln Sie die Hostie unter der Zunge aus der Kirche, wickeln Sie sie in ein schmutziges Taschentuch und verschleppen Sie sie zu sich nach Hause.


Aller Anfang ist schwer. Wenn Ihnen die Blasphemien zunächst nur zaghaft über die Lippen kommen - das ist normal. Schubsen Sie die Hostie ein wenig herum, murmeln Sie ein paar Ketzereien, lästern Sie Gott in Ihrer Anwesenheit ("Gott ist tot !", "Gott ist doof !", "Heil Satanas !" u.ä.). Wenn Sie einmal warmgelästert haben, können Sie härtere Kaliber auffahren.


Lesen Sie der Hostie laut aus den Schriften Nietzsches und anderer berüchtigter Ketzer vor. Zeigen Sie Videos mit Filmen von Kenneth Anger und Teresa Orlowski, erzählen Sie Papstwitze. Legen Sie sie als Lesezeichen in den Koran, besuchen Sie mit ihr einen evangelischen Gottesdienst.


Ziehen Sie sich nackt aus, schlachten Sie eine Ziege und zelebrieren Sie eine Schwarze Messe. Halten Sie der Hostie eine Predigt aus den Werken Alistair Crowleys, bestreichen Sie sie mit koscherem Brotaufstrich, stecken Sie sie in einen Umschlag und schicken Sie sie nach Mekka.

[aus: W. Moers: Schöner Leben mit dem Kleinen Arschloch]
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