ÜBER DEN SINN UND
MÖGLICHE FOLGEN,
FRAUEN DIE WAHRHEIT
ZU SAGEN
DAS
UNGLAUBLICHE GESCHIEHT...
Ich hasse Superlativen. Das Beste,
das Schnellste, der Dümmste... Eines Tages ist es widerlegbar. Eines
Tages heißt es: "Jaja, richtig... das war mal nett... Aber heute
gibts was besseres" Vielleicht möchte ich mich nicht festlegen und
das Risiko eingehen, daß ich eines Tages nicht mehr mit einer alten,
bloßen Behauptung recht behalte.
Es war Ende August diesen Jahres als
ich meinen PC eingeschaltet hatte und mit dem Gedanken spielte, mich wieder
mit Leuten zu unterhalten. Über das Internet. Ich wählte einige
Themenbereiche wie Unix und IRC-Clients, sowie auch den berühmt-berüchtigten
Flirt-Bereich im "Internet-Relay-Chat". Ich fand einige Leute mit denen
es sich nett "sprechen" ließ und sah, wie jemand namens "Mely" den
Bereich betrat. Ich clickte auf ihren Namen und begann sie auszuquetschen
wie alt sie war und wo sie wohnte. Und nach kurzer Zeit merkte ich, daß
ich mich mit ihr ausgezeichnet unterhalten konnte und schließte sodann
auch die restlichen Fenster auf meinem Bildschirm um mich voll und ganz
auf jene Person zu konzentrieren.
Es ist nicht einfach über das
sogenannte IRC den Menschen hinter dem Decknamen zu erkennen. Was ist wahr,
was ist gelogen? Schreibt die Person Tatsachen oder nur Quatsch? Schon
alleine bei der Auswahl des Decknamens treiben manche ihren Unfug. Das
Erkennen von dem jeweiligen Geschlecht ist ebenfalls nicht so einfach.
Auch hier wird "Spaß" gemacht, ein Mann gibt sich für eine Frau
aus und albert herum. Sowas kristallisiert sich erst nach einigen Minuten
heraus, da diese Spaßvögel entweder betrunken oder sehr jung
sind und es sich in Gesprächsthemen und Wortwahl niederschlägt.
Doch hier hatte ich eine bezaubernde
Frau auf dem Bildschirm, die mit jedem Wort ihren Charme und Intellekt
unterstrich. Ich wollte mehr von ihr wissen und bohrte weiter. Dabei stellte
sich heraus, daß sie idealerweise Sozialpädagogik und Sport
studiert hatte... In meinem Kopf hatte sich ein riesiges Blatt kariertes
Papier entfaltet auf dem alle (natürlich nur positiven) Eigenschaften
sich auflisteten... In jenem Moment war die Liste noch längst nicht
fertiggestellt, ich sollte noch weit mehr positive Eigenschaften von ihr
zu hören bekommen. Ich fragte nach Lastern und wollte etwas auf Drogen
hinaus, doch als Antwort kam nichts, was mit Drogen im herrkömmlichen
Sinne zu tun hat. Sie schrieb, daß sie gerne mit ihrem Partner schlief
und ich war in dem Moment so perplex, daß ich lachen mußte.
Ich lachte auch deswegen, weil sie so ein Gezeter darum machte. Dabei ist
mir kein Mensch bekannt, der nicht gerne mit seinem Partner schläft.
Doch dieses Lachen wertete sie als Beleidigung und verschwand aus dem Internet.
Ich bemerkte endlich mein Fehlverhalten und wartete und schrieb ihr Emails,
doch lange Zeit hatte sie sich nicht gemeldet. Ohne zu übertreiben,
bemerkte ich wie viel sie mir bedeutet und wie sehr sie mir nun fehlt.
Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, jemand anderes anzusprechen
und die Zeit einfach so tot zu schlagen. Aber ich wußte, daß
sie eine ganz besondere Person ist.
Es kam mir vor wie die Ewigkeit, doch
endlich erschien wieder der Hinweis, daß sich Mely wieder in dem
Bereich aufhielt. Sofort clickte ich sie an und entschuldigte mich für
das alberne und kindische Lachen. Sie war verletzt und zeigte mir mit jeder
Silbe, daß sie sich von mir auf den Arm genommen fühlte.
Ich war verzweifelt. Was sollte ich
bloß machen um ihr Vertrauen wieder zu erlangen? Bald verloren wir
dieses Thema aus den Augen und unterhielten uns über Autos, Wetter
und andere Nichtigkeiten. Wieder lenkte ich das Gespräch auf ihre
Person und wieder merkte ich, daß ihre Art sehr zurückhaltend
war.
Wir beide "verabredeten" uns für
den folgenden Abend und beendeten die Sitzung. Kaum hatte ich den Computer
ausgeschaltet, hatte ich sie vermißt. Was war mit mir los? Wieder
sah ich das große Blatt mit den vielen Eigenschaften und legte mich
gedankenverloren in mein Bett. Ich dachte darüber nach, warum ich
an sie so sehr denken mußte. Mir war bewußt, daß jener
Flirt-Bereich im Internet böse Folgen haben kann und konnte mich auch
von solchen Erfahrungen nicht freisprechen. Ich versuchte klar über
sie nachzudenken, mir vor Augen zu halten, ob ich wirklich etwas für
die Person empfinde oder sie als ein Objekt auf meinem Bildschirm oder
oder als Ersatz meiner vor wenigen Wochen beendeten Beziehung sehe.
Schattenspringer
Ich beendete einen arbeitsreichen Tag
und setzte mich in mein Auto, fuhr zum Tagungsgebäude und tauschte
Akten aus, düste nach Hause wie ein Irrer und setzte mich vor meinen
PC. Wieder dachte ich an sie. Na, was war sie nun für mich? Ich hatte
immer noch keine Idee. Ich schaltete den Rechner ein und startete mIRC,
um mich mit der Frau im Internet zu treffen die ich am vorigen Abend so
verärgert hatte, obwohl ich soviel für sie empfinde. Ich blätterte
einige Themenbereiche durch und wie verabredet trafen wir uns wieder in
dem Flirt-Bereich vom Vortag.
Ich war aufgeregt und glücklich
darüber. Ich schüttelte den Kopf. Was war mit mir los? Meine
Worte zielten wieder auf ihre Person. Ich wollte mehr über sie wissen.
Plötzlich sendete sie mir Gedichte, die sie vor einiger Zeit geschrieben
hatte. Ich las sie durch. Sie klangen nach Angst, Alleinsein und Kälte.
Ich schrieb ihr, wie ich die Gedichte empfand und sie war überrascht,
daß jemand über ihre Gedichte urteilte und interpretierte. Ich
las auch eine Adresse bei einem Gedicht und wußte nicht, wie ich
es verstehen sollte. Ich würde sie nie besuchen, wenn sie es nicht
bei klarem Bewußtsein ausdrücklich wünscht. Vielleicht
hatte sie ihre Gedichte auch mal ausgedruckt und weitergegeben... Ich verdrängte
wieder die Existenz jener Adresse und unterhielt mich mit ihr über
zwischenmenschliche Beziehungen, ehemalige Partner und über weitere,
persönliche Dinge, die mir über sie die Augen öffneten:
Das Bild eines Traumpartners ist nicht
nur durch die erzieherische Vergangenheit, sondern auch durch meine Erfahrungen
und meinem Freundeskreis und natürlich durch die Medien gestaltet.
Zu meinem Entsetzen habe ich ein sehr präzises Bild von dieser Traumperson.
Durch die Beziehungen die ich hatte hinweg machte ich wie jedermann Abstriche,
schließlich war ein derart fein gezeichnetes Bild von einer Person
nicht so at toc zu finden. Ich machte mir auch nichts vor, ich dachte nicht
im Traum daran, exakt diese Person mit all diesen Eigenschaften zu finden.
Doch hier ist sie. Das ist der Grund
warum ich so aus dem Häuschen war.
Ich schrieb ihr, daß ich sie
immens hoch einschätze, sie gerne heiraten würde und möglichst
viele Kinder haben will. Weiterhin schrieb ich ihr ständig, daß
ich sehr viel für sie empfinde. Und das war keineswegs untertrieben.
Sie konnte sich garnicht vorstellen,
eine Person über das Internet so genau einzuschätzen. Ich wollte
keine größere Diskussion entbrennen lassen und fuhr fort. Als
ich abermals wieder etwas von meinen Ansichten einbrachte, schrieb sie:
<mel_> ich fühle
mich veralbert <MrSunrise> wie
bitte? <MrSunrise> zweifelst
du an meiner ernsthaftigkeit??? <mel_> ich glaube
dir allmählich nicht das du wirklich ein Mann bist <MrSunrise> sag
ma <MrSunrise> jetzt
gehts rund <mel_> ja <MrSunrise> ich
mach das jetz nur sehr ungern... <MrSunrise> aber
gleich schick ich dir 'frische' beweisfotos <mel_> was <MrSunrise> LOL <mel_> ne ruf
mich an ! <MrSunrise> glaubst
du allen ernstes ich bin ne frau? <mel_> ja <MrSunrise> dann
würd ich ja den ganzen tag an meinen brüsten spielen... nenene,
wahrscheinlich hab ich deswegen keine <MrSunrise> LOL <MrSunrise> sorry <MrSunrise> :) <MrSunrise> wo
bleibt die nummer <mel_> hm <MrSunrise> na, <MrSunrise> aufgrund
dieser ordinären haltung bin ich doch wieder mann, oder? <MrSunrise> :) <mel_> 0..31/
.. .. ... ich muß mich erst ausloggen <MrSunrise> ungern <MrSunrise> *grummel* <mel_> ha <MrSunrise> aber
das hab ich befürchtet <mel_> was nun <MrSunrise> daß
du mich verlässt <mel_> also doch <MrSunrise> wahrscheinlich
seh ich dich nicht mal mehr virtuell <MrSunrise> also
bis gleich
Das konnte ich nicht glauben... Sie
hat gedacht, daß ich eine Frau bin! Das war der Hammer schlechthin.
Ich habe schon viel gehört, viel Lob und viele Beleidigungen, aber
wie ich das nun einstufen sollte, war mir keineswegs klar. :-)
Ich rief sie an. Ihre Stimme war sehr
angenehm und ihre Reaktionen waren die selben wie im Internet. Wir telefonierten
die Nacht durch bis zum frühen Morgen und hatten zeitweise kleine
Pausen, die ich von mir garnicht kenne. Doch im Verlauf des Gesprächs
erwähnte sie, daß sie einen Freund hatte und irgendwie garnicht
so beeindruckt ist. Ich unterstellte ihr mehrere Ehemänner, da solche
perfekten Frauen wie sie mir erschien, doch heiß begehrt sind. Sie
widersprach meine These. Mely argumentierte mit ihrem Aussehen (welches
nebenbei bemerkt ebenfalls charmant wirkt) ihren "Spätpubertären
Symptomen" wie ich es scherzhaft nannte, doch ich ignorierte es. Ich sagte
ihr, daß mich Äußerlichkeiten nur sekundär interessieren
und gab abermals ihr gegenüber offen zu, daß ich sehr viel für
sie empfinde.
Sie erwähnte ihre Nase (wie fast
jede Frau) und das nicht nur die Größe sie störe, sondern
auch die Ähnlichkeit mit der Nase ihres Vaters. Oh je. Plötzlich
hatten wir ein Thema bei dem sie ruhig blieb, doch ihre Worte waren voller
Enttäuschung. Ich unterhielt mich mit ihr über das Familienleben,
erwähnte noch meine Verwandten in Tirol, die in einem riesigen Haus
zusammenleben, was natürlich bei drei Generationen verzeihbar ist.
Wir beendeten das Gespräch und
ich schrieb ihr am nächsten Morgen vor der Arbeit eine scheinbar endlose
Email die ich abschickte und flott zur Arbeit fuhr. Während der Mittagspause
bestellte ich fünfzig rote Rosen. Ich wollte ihr deutlicher zeigen,
daß mir wirklich sehr viel an ihr liegt, kein warmes Gerede. Eigentlich
hätte eine rote Rose vollkommen ausgereicht, aber dafür hätte
sich die Fahrt nicht rentiert. Schließlich wußte ich nicht
mal wo ich die Rosen abgebe. Ich hatte zwar bereits einen Plan, welcher
aber voraussetzte, daß ich ihre Wohnungstür finden würde
und ihr Freund nicht darüber stolpert. Ich erinnerte mich wieder an
die Adresse bei jenem Gedicht und ihre Worte in dem letzten Telefongespräch,
daß sie von ihren Eltern in der Stadtmitte raus in den Stadtrand
gezogen ist. Dann werde ich sehen, bei wem ich bin.
Der Abend war gekommen. Ich hetzte
los in den Blumenladen, holte die Rosen und ein bißchen Deko-Material
und brauste los. Es war ein tief-blauer Himmel, vollkommen wolkenlos. Geile
Musik lief im Radio, kaum Verkehr... Ich fühlte mich gut. Als ich
das Ortseingangsschild passierte, dachte ich mir, daß die Deppen
bestimmt am Ortseingang eine Radarfalle aufgebaut haben.... Also bremste
ich von achtzig auf sechzig km/h herab, doch es nutzte nichts. Ein greller
Blitz erleuchtete die schon dunkle Straße. Es war mir völlig
egal. Wenn ich gut gelaunt bin, kann mir ein besoffener Busfahrer in mein
Auto fahren, dreißig Dachziegel auf die Motorhaube fallen... Gibt
schlimmeres :-)
So fuhr ich einige hundert Meter durch
die Stadt und parkte mein Auto in der Stadtmitte. Ich fragte eine Passantin
nach der Straße. Und sie kannte sie! Und sie konnte mir auch sagen
wie ich hinkam! Ich war begeistert. So muß ein Tag laufen! :-) Ich
stieg wieder in mein Auto und brauste los, verpaßte einige Male die
Abfahrt in die Seitenstraße und fuhr von der anderen Seite hinein.
Ich parkte ziemlich weit vorne in der Nähe eines Internet-Cafes. Ach
was gibt's denn hier schönes... :-) Ich sah nach der Hausnummer und
schluckte.
Nach einem Fußmarsch durch die
ganze Straße sah ich auch schon das Haus. Witzigerweise war kein
Namensschild mit ihrem Namen zu erkennen.... So klingelte ich zuerst bei
den nicht bezeichneten und nach einer kleinen Pause bei anderen, doch auch
dort tat sich nichts. Zähneknirschend schritt ich wieder Richtung
Auto und dachte mir, daß ich genauso gut die Rosen über einen
Mitarbeiter des Cafes überreichen lassen kann... Es war Wochenende
und ich wußte durch ihre Erzählung, daß sie "weg" sei.
Ich vermutete bei ihrem Freund... Ich öffnete die Tür und setzte
mich an die Theke, bestellte eine Cola und rauchte eine Zigarette. Ich
begann das Gespräch mit dem Mitarbeiter und brabbelte über den
Hub und die Verteilung der IP's, was denn so ein Zeug kostet und wieviel
Verkehr hier herrscht. Nach zwanzig Minuten schaute ich ihm verzweifelt
in die Augen und sagte: "Kannst du mir einen riesigen Gefallen tun?"
"Was denn?", fragte er mich. Ich erklärte ihm, daß ich meiner
Freundin Blumen übergeben wollte, ich aber jetzt von Frankfurt komme
und wieder weiter muß. "Wie heißt sie denn?" Klasse. Ich holte
die Blumen aus dem Auto, stellte sie ihm auf die Theke und machte einen
Zettel mit ihrem Namen darauf an das Papier. "Sie kommt Montag Mittag",
versprach ich ihm, rauchte noch mit ihm eine Zigarette und verabschiedete
mich dankend.
Zu Hause angekommen, schrieb ich ihr
eine Email mit der Bitte, etwas bei diesem Internet-Cafe abzuholen.
Montag abend prüfte ich den Eingang
für meine Emails und fand eine von ihr vor. Ich rief sie an. Verwirrt
fragte sie mich, was sie denn dort holen solle, außerdem sei sie
krank, Magen-Darm-Grippe. Ich deutete es leicht an, sagte ihr aber nicht
konkret, daß es sich um Rosen handelt. Sie versprach mir, sie spätestens
morgen zu holen und mich anschließend anzurufen.
Dienstag abend erreichte mich ihr Anruf.
Sie bedankte sich für die Blumen. Nach zehn Minuten Gespräch
sagte ich ihr, daß ich sie gleich zurückrufen werde. Ich legte
auf, hastete in die Küche, stopfte mir alles mögliche (ich hatte
leider nicht gesehen, was es alles war) in den Hals, spülte mit Cola
nach und rannte wieder zum Telefon und rief sie an. Sie zeigte sich verwirrt.
Im Rückblick auf unsere Unterhaltung über das Internet war es
natürlich nicht besonders leicht für sie, zwischen meinen "ROTFL"
und "LOL"s ein Minimum an Ernsthaftigkeit herauszuhören. Ihr Verhalten
zeigte mir wieder Angst vor meiner Person in mehreren Punkten: Ich war
in ihrer Stadt, bei ihren Eltern und mußte ihr auch noch fünfzig
rote Rosen auf's Auge drücken. Drei Punkte, die ihr schwer zu schaffen
machten. Sie fragte mich, wie ich denn zu dieser Adresse käme. Doch
aus unerklärlichen Gründen verschwieg ich ihr die Herkunft. Weiterhin
zeigte sie sich nochmals geschmeichelt, doch auch wieder mit dem symbolisch
"hoch gehaltenem Finger" als sie ihren Freund zur Sprache brachte und die
Unmöglichkeit des Schlußmachens mir vorhielt.
Wie die Vergangenheit zeigte, ist es
nicht sonderlich sinnvoll, viel und schon garnicht alles für eine
Frau machen zu wollen. Doch sie ist meine Traumfrau und für sie würde
ich bedingungslos alles machen. Und sie hatte es immer noch nicht geglaubt.
Im Verlauf des Gesprächs sprach ich nochmals meine Ernsthaftigkeit
an, doch abermals ohne Erfolg. Sie wollte es nicht glauben. Warum nicht?
War es so abwägig für sie? Wie würde ich mich in ihrer Rolle
fühlen..... hm, geschmeichelt, neugierig... Nachdenklichkeit machte
sich bei mir breit. Warum zeigte sie kein weiteres Interesse an mir und
lud mich in ihre Stadt ein?
Durch unsere Telefonate wußte
ich, daß sie ein sehr vorsichtiger und ängstlicher Mensch ist,
ich hätte für sie einen Sicherheitsabstand von 30 Metern eingehalten,
doch auch das wollte sie nicht. Ich war am verzweifeln.
ANGST UND ÄRGER
Ich hatte plötzlich die Bedenken,
daß ich zu offen über meine Gefühle gesprochen hatte. Mein
Gott! Sie ist meine Traumfrau! Diese Person trifft man einmal im Leben!
Wenigstens konnte ich mir mein Verhalten größtenteils selbst
verzeihen, doch ich bekam Angst, ihr Angst gemacht zu haben...
Ich war mit den Nerven fertig. Nach
Feierabend sagte ich bei der EAA ab und fuhr in ihre Stadt und setzte mich
in eine Pizzaria die gegenüber von dem Internet-Cafe liegt. Ich fühlte,
wie Angst und Depression heraufkrochen und mir den Appetit verdarben.
Ich setzte mich an eine Parkbank und
dachte über sie nach. Was sollte ich bloß machen... Eines war
klar: Ich bin keinesfalls der Typ Mensch, der Pärchen auseinander
bringt um irgendeine Schnecke abzugrasen. Ich wußte zwar, daß
sie mein Traum ist, doch war mir ebenfalls im selben Moment bewußt,
daß es wohl ein Traum bleiben würde. Ich erinnerte mich an ihre
Worte, als sie von ihm erzählte... Wochenendbeziehung, Desinteresse,
Starrheit. Also legte ich fest, daß ich mich ein letztes Mal anbieten
würde um die Sache zu beenden. Es kostete mich Schlaf und Konzentration
und eine Menge Nerven. Auch sie erwähnte einige Male Unruhe in ihrem
Gemüt. Also: Auf ein Letztes.
Ich fuhr gedankenverloren nach Hause
und rief sie an. Wieder telefonierten wir, diesmal allerdings bis zu dem
Zeitpunkt, bei dem ich normalerweise aufstehe und unter die Dusche krieche:
bis 07:00 Uhr hatten wir dieses Mal telefoniert und wieder brachte sie
Angst und Verärgerung mit rein. Sie war verwirrt über meinen
Trip in ihre Stadt. Sie fühlte sich abermals in ihrem Territorial
verletzt. Ich verzweifelte. Als ich sie am nächsten Abend wieder anrief
entbrannte eine heftige Diskussion über unser Kennenlernen. Sie erwähnte
einmal kurz und beiläufig, daß ich doch jetzt vorbei kommen
soll. Doch ich wollte es ein zweites Mal und ausdrücklich hören.
Und genau das kam nicht. Ich hatte Angst davor, ihr mich in dieser Situation
aufzuzwängen, nicht das ich sie nach mir betteln hören wollte...
Ich hatte nur Angst, daß sie es nicht ernst meinen würde.
Wie sie hatte ich bereits eine Beziehung
die ihren Ursprung im Internet hat. Es wäre auch nicht die einzige
Bekanntschaft. Ich weiß wie ich mit jemandem umzugehen habe, wenn
ich ihn unbedingt kennenlernen will und ein Treffen erzwingen möchte.
Bislang gab es nie Probleme, doch ihr wollte ich nichts und niemals etwas
aufzwingen. Sie ist mir einfach zu viel wert. Sie ist meine Traumfrau.
DIE RECHNUNG DER
EHRLICHKEIT
Niemand kann behaupten, daß ich
jemals sie angelogen hatte. Und ich kann reinen Gewissens behaupten, daß
ich sie niemals angelogen hätte. Ich schrieb ihr so oft, wieviel ich
für sie empfinde und das sie meine Traumfrau ist, doch ihre Reaktion
war stets beschwichtigend. Es tat mir jedesmal weh wenn ich von ihr hörte
oder las, daß sie mich nicht ernst nahm. Es kam mir vor wie ein Hilfe-Schrei
von mir und ein "Na komm, mach dir nix draus" von ihr.
Wie ich zuvor beschrieben hatte, lernte
ich einige Frauen über das Internet kennen. Niemals hatte ich eine
Frau angelogen, wenn ich Komplimente machte, waren sie niemals überschwenglich,
sondern immer wahr und zeitlich gut plaziert. Es kam nie die Situation
auf, in der ich lügen mußte. Würde ich einer Frau sagen,
daß sie einen guten Geschmack hat und den sie definitiv nicht vorweisen
kann, würde ich mich damit auch selbst belügen. Jenes Selbstbelügen
hatte ich mir schon sehr früh abgewöhnt. Doch wäre nun der
richtige Zeitpunkt dafür gekommen.
Sie schrieb mir eine Email mit der
Aufforderung, sie in Ruhe zu lassen. Das war im ersten Moment okay. Das
war ein klarer Wunsch, den ich ihr selbstverständlich auch versprach
zu erfüllen.
Ich hätte nicht eine Frau in meinem
Leben kennengelernt, hätte ich ihr so zugesetzt wie Mely. Ich hatte
ihr zuoft geschrieben, was ich von ihr halte und was ich für sie fühle.
Nun sah ich die Rechnung meiner überschwenglichen
Ehrlichkeit und meiner Angst, diese Traumperson wieder zu verlieren in
Form einer häßlichen Email.
So einfach.... 'Lass mich in Ruhe,
du machst mir Angst'
Ich hatte so einfach die Traumfrau
vertrieben, mit Dingen, die ihr Angst machten, obwohl ich doch wußte
was ihr Angst machen würde.
Nein.
Ich hatte Angst. Angst sie zu verlieren.
Auch wenn wir nicht -- wie wir es in einem Telefonat vereinbart hatten
-- in drei Jahren heiraten und zwei Kinder haben, ich hatte sie bereits
als guten Freund vermißt, mit dem ich lange Telefongespräche
führen und über Gefühle sprechen konnte.
ENDSTATION -- BILANZ
UND HOFFNUNG
Ich hatte den bisher größten
Aufwand für das Kennenlernen einer Frau betrieben. Bishin zum Sperren
meines Telefonanschlusses kamen noch zusätzliche finanzielle Belastungen
auf mich zu. Im Gespräch mit Freunden wurde ich ausgelacht und kopfschüttelnd
gefragt, wie ich nur so dumm sein könnte, mein Leben von einer Frau
durcheinander bringen zu lassen. Auch sie hatten nicht verstanden, daß
es meine Traumfrau war. Bin ich zu unfähig es verbal auszudrücken?
Der Anschluß ist immer noch gesperrt,
was sich hoffentlich zum ersten November ändern wird. Doch Mely hatte
sich nicht mehr gemeldet. Weder Mobilfunk noch Email.
Nun stecke auch ich in einer Wochenendbeziehung,
die ich so verurteilt hatte. Daran hat sich auch nichts geändert.
Denn meine Wertschätzung an dieser Person kann niemals so hoch sein
wie bei Mely. Folglich ist es für mich nicht weiter interessant, ob
ich sie dreieinhalb Tage oder fünf Tage in der Woche sehe.