WAHRHEIT
TRUTH
PRAVDA
VERDAD

ÜBER DEN SINN UND
MÖGLICHE FOLGEN,
FRAUEN DIE WAHRHEIT
ZU SAGEN
DAS UNGLAUBLICHE GESCHIEHT...
 
Ich hasse Superlativen. Das Beste, das Schnellste, der Dümmste... Eines Tages ist es widerlegbar. Eines Tages heißt es: "Jaja, richtig... das war mal nett... Aber heute gibts was besseres" Vielleicht möchte ich mich nicht festlegen und das Risiko eingehen, daß ich eines Tages nicht mehr mit einer alten, bloßen Behauptung recht behalte.
Es war Ende August diesen Jahres als ich meinen PC eingeschaltet hatte und mit dem Gedanken spielte, mich wieder mit Leuten zu unterhalten. Über das Internet. Ich wählte einige Themenbereiche wie Unix und IRC-Clients, sowie auch den berühmt-berüchtigten Flirt-Bereich im "Internet-Relay-Chat". Ich fand einige Leute mit denen es sich nett "sprechen" ließ und sah, wie jemand namens "Mely" den Bereich betrat. Ich clickte auf ihren Namen und begann sie auszuquetschen wie alt sie war und wo sie wohnte. Und nach kurzer Zeit merkte ich, daß ich mich mit ihr ausgezeichnet unterhalten konnte und schließte sodann auch die restlichen Fenster auf meinem Bildschirm um mich voll und ganz auf jene Person zu konzentrieren.
Es ist nicht einfach über das sogenannte IRC den Menschen hinter dem Decknamen zu erkennen. Was ist wahr, was ist gelogen? Schreibt die Person Tatsachen oder nur Quatsch? Schon alleine bei der Auswahl des Decknamens treiben manche ihren Unfug. Das Erkennen von dem jeweiligen Geschlecht ist ebenfalls nicht so einfach. Auch hier wird "Spaß" gemacht, ein Mann gibt sich für eine Frau aus und albert herum. Sowas kristallisiert sich erst nach einigen Minuten heraus, da diese Spaßvögel entweder betrunken oder sehr jung sind und es sich in Gesprächsthemen und Wortwahl niederschlägt.

Doch hier hatte ich eine bezaubernde Frau auf dem Bildschirm, die mit jedem Wort ihren Charme und Intellekt unterstrich. Ich wollte mehr von ihr wissen und bohrte weiter. Dabei stellte sich heraus, daß sie idealerweise Sozialpädagogik und Sport studiert hatte... In meinem Kopf hatte sich ein riesiges Blatt kariertes Papier entfaltet auf dem alle (natürlich nur positiven) Eigenschaften sich auflisteten... In jenem Moment war die Liste noch längst nicht fertiggestellt, ich sollte noch weit mehr positive Eigenschaften von ihr zu hören bekommen. Ich fragte nach Lastern und wollte etwas auf Drogen hinaus, doch als Antwort kam nichts, was mit Drogen im herrkömmlichen Sinne zu tun hat. Sie schrieb, daß sie gerne mit ihrem Partner schlief und ich war in dem Moment so perplex, daß ich lachen mußte. Ich lachte auch deswegen, weil sie so ein Gezeter darum machte. Dabei ist mir kein Mensch bekannt, der nicht gerne mit seinem Partner schläft. Doch dieses Lachen wertete sie als Beleidigung und verschwand aus dem Internet. Ich bemerkte endlich mein Fehlverhalten und wartete und schrieb ihr Emails, doch lange Zeit hatte sie sich nicht gemeldet. Ohne zu übertreiben, bemerkte ich wie viel sie mir bedeutet und wie sehr sie mir nun fehlt. Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, jemand anderes anzusprechen und die Zeit einfach so tot zu schlagen. Aber ich wußte, daß sie eine ganz besondere Person ist.
Es kam mir vor wie die Ewigkeit, doch endlich erschien wieder der Hinweis, daß sich Mely wieder in dem Bereich aufhielt. Sofort clickte ich sie an und entschuldigte mich für das alberne und kindische Lachen. Sie war verletzt und zeigte mir mit jeder Silbe, daß sie sich von mir auf den Arm genommen fühlte.
Ich war verzweifelt. Was sollte ich bloß machen um ihr Vertrauen wieder zu erlangen? Bald verloren wir dieses Thema aus den Augen und unterhielten uns über Autos, Wetter und andere Nichtigkeiten. Wieder lenkte ich das Gespräch auf ihre Person und wieder merkte ich, daß ihre Art sehr zurückhaltend war.

Wir beide "verabredeten" uns für den folgenden Abend und beendeten die Sitzung. Kaum hatte ich den Computer ausgeschaltet, hatte ich sie vermißt. Was war mit mir los? Wieder sah ich das große Blatt mit den vielen Eigenschaften und legte mich gedankenverloren in mein Bett. Ich dachte darüber nach, warum ich an sie so sehr denken mußte. Mir war bewußt, daß jener Flirt-Bereich im Internet böse Folgen haben kann und konnte mich auch von solchen Erfahrungen nicht freisprechen. Ich versuchte klar über sie nachzudenken, mir vor Augen zu halten, ob ich wirklich etwas für die Person empfinde oder sie als ein Objekt auf meinem Bildschirm oder oder als Ersatz meiner vor wenigen Wochen beendeten Beziehung sehe.

Schattenspringer
Ich beendete einen arbeitsreichen Tag und setzte mich in mein Auto, fuhr zum Tagungsgebäude und tauschte Akten aus, düste nach Hause wie ein Irrer und setzte mich vor meinen PC. Wieder dachte ich an sie. Na, was war sie nun für mich? Ich hatte immer noch keine Idee. Ich schaltete den Rechner ein und startete mIRC, um mich mit der Frau im Internet zu treffen die ich am vorigen Abend so verärgert hatte, obwohl ich soviel für sie empfinde. Ich blätterte einige Themenbereiche durch und wie verabredet trafen wir uns wieder in dem Flirt-Bereich vom Vortag.
Ich war aufgeregt und glücklich darüber. Ich schüttelte den Kopf. Was war mit mir los? Meine Worte zielten wieder auf ihre Person. Ich wollte mehr über sie wissen. Plötzlich sendete sie mir Gedichte, die sie vor einiger Zeit geschrieben hatte. Ich las sie durch. Sie klangen nach Angst, Alleinsein und Kälte. Ich schrieb ihr, wie ich die Gedichte empfand und sie war überrascht, daß jemand über ihre Gedichte urteilte und interpretierte. Ich las auch eine Adresse bei einem Gedicht und wußte nicht, wie ich es verstehen sollte. Ich würde sie nie besuchen, wenn sie es nicht bei klarem Bewußtsein ausdrücklich wünscht. Vielleicht hatte sie ihre Gedichte auch mal ausgedruckt und weitergegeben... Ich verdrängte wieder die Existenz jener Adresse und unterhielt mich mit ihr über zwischenmenschliche Beziehungen, ehemalige Partner und über weitere, persönliche Dinge, die mir über sie die Augen öffneten:

Das Bild eines Traumpartners ist nicht nur durch die erzieherische Vergangenheit, sondern auch durch meine Erfahrungen und meinem Freundeskreis und natürlich durch die Medien gestaltet. Zu meinem Entsetzen habe ich ein sehr präzises Bild von dieser Traumperson. Durch die Beziehungen die ich hatte hinweg machte ich wie jedermann Abstriche, schließlich war ein derart fein gezeichnetes Bild von einer Person nicht so at toc zu finden. Ich machte mir auch nichts vor, ich dachte nicht im Traum daran, exakt diese Person mit all diesen Eigenschaften zu finden.

Doch hier ist sie. Das ist der Grund warum ich so aus dem Häuschen war.

Ich schrieb ihr, daß ich sie immens hoch einschätze, sie gerne heiraten würde und möglichst viele Kinder haben will. Weiterhin schrieb ich ihr ständig, daß ich sehr viel für sie empfinde. Und das war keineswegs untertrieben.
Sie konnte sich garnicht vorstellen, eine Person über das Internet so genau einzuschätzen. Ich wollte keine größere Diskussion entbrennen lassen und fuhr fort. Als ich abermals wieder etwas von meinen Ansichten einbrachte, schrieb sie:

<mel_> ich fühle mich veralbert
<MrSunrise> wie bitte?
<MrSunrise> zweifelst du an meiner ernsthaftigkeit???
<mel_> ich glaube dir allmählich nicht das du wirklich ein Mann bist
<MrSunrise> sag ma
<MrSunrise> jetzt gehts rund
<mel_> ja
<MrSunrise> ich mach das jetz nur sehr ungern...
<MrSunrise> aber gleich schick ich dir 'frische' beweisfotos
<mel_> was
<MrSunrise> LOL
<mel_> ne ruf mich an !
<MrSunrise> glaubst du allen ernstes ich bin ne frau?
<mel_> ja
<MrSunrise> dann würd ich ja den ganzen tag an meinen brüsten spielen... nenene, wahrscheinlich hab ich deswegen keine
<MrSunrise> LOL
<MrSunrise> sorry
<MrSunrise> :)
<MrSunrise> wo bleibt die nummer
<mel_> hm
<MrSunrise> na,
<MrSunrise> aufgrund dieser ordinären haltung bin ich doch wieder mann, oder?
<MrSunrise> :)
<mel_> 0..31/ .. .. ... ich muß mich erst ausloggen
<MrSunrise> ungern
<MrSunrise> *grummel*
<mel_> ha
<MrSunrise> aber das hab ich befürchtet
<mel_> was nun
<MrSunrise> daß du mich verlässt
<mel_> also doch
<MrSunrise> wahrscheinlich seh ich dich nicht mal mehr virtuell
<MrSunrise> also bis gleich

Das konnte ich nicht glauben... Sie hat gedacht, daß ich eine Frau bin! Das war der Hammer schlechthin. Ich habe schon viel gehört, viel Lob und viele Beleidigungen, aber wie ich das nun einstufen sollte, war mir keineswegs klar. :-)
Ich rief sie an. Ihre Stimme war sehr angenehm und ihre Reaktionen waren die selben wie im Internet. Wir telefonierten die Nacht durch bis zum frühen Morgen und hatten zeitweise kleine Pausen, die ich von mir garnicht kenne. Doch im Verlauf des Gesprächs erwähnte sie, daß sie einen Freund hatte und irgendwie garnicht so beeindruckt ist. Ich unterstellte ihr mehrere Ehemänner, da solche perfekten Frauen wie sie mir erschien, doch heiß begehrt sind. Sie widersprach meine These. Mely argumentierte mit ihrem Aussehen (welches nebenbei bemerkt ebenfalls charmant wirkt) ihren "Spätpubertären Symptomen" wie ich es scherzhaft nannte, doch ich ignorierte es. Ich sagte ihr, daß mich Äußerlichkeiten nur sekundär interessieren und gab abermals ihr gegenüber offen zu, daß ich sehr viel für sie empfinde.
Sie erwähnte ihre Nase (wie fast jede Frau) und das nicht nur die Größe sie störe, sondern auch die Ähnlichkeit mit der Nase ihres Vaters. Oh je. Plötzlich hatten wir ein Thema bei dem sie ruhig blieb, doch ihre Worte waren voller Enttäuschung. Ich unterhielt mich mit ihr über das Familienleben, erwähnte noch meine Verwandten in Tirol, die in einem riesigen Haus zusammenleben, was natürlich bei drei Generationen verzeihbar ist.
Wir beendeten das Gespräch und ich schrieb ihr am nächsten Morgen vor der Arbeit eine scheinbar endlose Email die ich abschickte und flott zur Arbeit fuhr. Während der Mittagspause bestellte ich fünfzig rote Rosen. Ich wollte ihr deutlicher zeigen, daß mir wirklich sehr viel an ihr liegt, kein warmes Gerede. Eigentlich hätte eine rote Rose vollkommen ausgereicht, aber dafür hätte sich die Fahrt nicht rentiert. Schließlich wußte ich nicht mal wo ich die Rosen abgebe. Ich hatte zwar bereits einen Plan, welcher aber voraussetzte, daß ich ihre Wohnungstür finden würde und ihr Freund nicht darüber stolpert. Ich erinnerte mich wieder an die Adresse bei jenem Gedicht und ihre Worte in dem letzten Telefongespräch, daß sie von ihren Eltern in der Stadtmitte raus in den Stadtrand gezogen ist. Dann werde ich sehen, bei wem ich bin.
Der Abend war gekommen. Ich hetzte los in den Blumenladen, holte die Rosen und ein bißchen Deko-Material und brauste los. Es war ein tief-blauer Himmel, vollkommen wolkenlos. Geile Musik lief im Radio, kaum Verkehr... Ich fühlte mich gut. Als ich das Ortseingangsschild passierte, dachte ich mir, daß die Deppen bestimmt am Ortseingang eine Radarfalle aufgebaut haben.... Also bremste ich von achtzig auf sechzig km/h herab, doch es nutzte nichts. Ein greller Blitz erleuchtete die schon dunkle Straße. Es war mir völlig egal. Wenn ich gut gelaunt bin, kann mir ein besoffener Busfahrer in mein Auto fahren, dreißig Dachziegel auf die Motorhaube fallen... Gibt schlimmeres :-)
So fuhr ich einige hundert Meter durch die Stadt und parkte mein Auto in der Stadtmitte. Ich fragte eine Passantin nach der Straße. Und sie kannte sie! Und sie konnte mir auch sagen wie ich hinkam! Ich war begeistert. So muß ein Tag laufen! :-) Ich stieg wieder in mein Auto und brauste los, verpaßte einige Male die Abfahrt in die Seitenstraße und fuhr von der anderen Seite hinein. Ich parkte ziemlich weit vorne in der Nähe eines Internet-Cafes. Ach was gibt's denn hier schönes... :-) Ich sah nach der Hausnummer und schluckte.
Nach einem Fußmarsch durch die ganze Straße sah ich auch schon das Haus. Witzigerweise war kein Namensschild mit ihrem Namen zu erkennen.... So klingelte ich zuerst bei den nicht bezeichneten und nach einer kleinen Pause bei anderen, doch auch dort tat sich nichts. Zähneknirschend schritt ich wieder Richtung Auto und dachte mir, daß ich genauso gut die Rosen über einen Mitarbeiter des Cafes überreichen lassen kann... Es war Wochenende und ich wußte durch ihre Erzählung, daß sie "weg" sei. Ich vermutete bei ihrem Freund... Ich öffnete die Tür und setzte mich an die Theke, bestellte eine Cola und rauchte eine Zigarette. Ich begann das Gespräch mit dem Mitarbeiter und brabbelte über den Hub und die Verteilung der IP's, was denn so ein Zeug kostet und wieviel Verkehr hier herrscht. Nach zwanzig Minuten schaute ich ihm verzweifelt in die Augen und sagte: "Kannst du mir einen riesigen Gefallen tun?"  "Was denn?", fragte er mich. Ich erklärte ihm, daß ich meiner Freundin Blumen übergeben wollte, ich aber jetzt von Frankfurt komme und wieder weiter muß. "Wie heißt sie denn?" Klasse. Ich holte die Blumen aus dem Auto, stellte sie ihm auf die Theke und machte einen Zettel mit ihrem Namen darauf an das Papier. "Sie kommt Montag Mittag", versprach ich ihm, rauchte noch mit ihm eine Zigarette und verabschiedete mich dankend.
Zu Hause angekommen, schrieb ich ihr eine Email mit der Bitte, etwas bei diesem Internet-Cafe abzuholen.
Montag abend prüfte ich den Eingang für meine Emails und fand eine von ihr vor. Ich rief sie an. Verwirrt fragte sie mich, was sie denn dort holen solle, außerdem sei sie krank, Magen-Darm-Grippe. Ich deutete es leicht an, sagte ihr aber nicht konkret, daß es sich um Rosen handelt. Sie versprach mir, sie spätestens morgen zu holen und mich anschließend anzurufen.
Dienstag abend erreichte mich ihr Anruf. Sie bedankte sich für die Blumen. Nach zehn Minuten Gespräch sagte ich ihr, daß ich sie gleich zurückrufen werde. Ich legte auf, hastete in die Küche, stopfte mir alles mögliche (ich hatte leider nicht gesehen, was es alles war) in den Hals, spülte mit Cola nach und rannte wieder zum Telefon und rief sie an. Sie zeigte sich verwirrt. Im Rückblick auf unsere Unterhaltung über das Internet war es natürlich nicht besonders leicht für sie, zwischen meinen "ROTFL" und "LOL"s ein Minimum an Ernsthaftigkeit herauszuhören. Ihr Verhalten zeigte mir wieder Angst vor meiner Person in mehreren Punkten: Ich war in ihrer Stadt, bei ihren Eltern und mußte ihr auch noch fünfzig rote Rosen auf's Auge drücken. Drei Punkte, die ihr schwer zu schaffen machten. Sie fragte mich, wie ich denn zu dieser Adresse käme. Doch aus unerklärlichen Gründen verschwieg ich ihr die Herkunft. Weiterhin zeigte sie sich nochmals geschmeichelt, doch auch wieder mit dem symbolisch "hoch gehaltenem Finger" als sie ihren Freund zur Sprache brachte und die Unmöglichkeit des Schlußmachens mir vorhielt.
Wie die Vergangenheit zeigte, ist es nicht sonderlich sinnvoll, viel und schon garnicht alles für eine Frau machen zu wollen. Doch sie ist meine Traumfrau und für sie würde ich bedingungslos alles machen. Und sie hatte es immer noch nicht geglaubt. Im Verlauf des Gesprächs sprach ich nochmals meine Ernsthaftigkeit an, doch abermals ohne Erfolg. Sie wollte es nicht glauben. Warum nicht? War es so abwägig für sie? Wie würde ich mich in ihrer Rolle fühlen..... hm, geschmeichelt, neugierig... Nachdenklichkeit machte sich bei mir breit. Warum zeigte sie kein weiteres Interesse an mir und lud mich in ihre Stadt ein?
Durch unsere Telefonate wußte ich, daß sie ein sehr vorsichtiger und ängstlicher Mensch ist, ich hätte für sie einen Sicherheitsabstand von 30 Metern eingehalten, doch auch das wollte sie nicht. Ich war am verzweifeln.


ANGST UND ÄRGER
Ich hatte plötzlich die Bedenken, daß ich zu offen über meine Gefühle gesprochen hatte. Mein Gott! Sie ist meine Traumfrau! Diese Person trifft man einmal im Leben! Wenigstens konnte ich mir mein Verhalten größtenteils selbst verzeihen, doch ich bekam Angst, ihr Angst gemacht zu haben...
Ich war mit den Nerven fertig. Nach Feierabend sagte ich bei der EAA ab und fuhr in ihre Stadt und setzte mich in eine Pizzaria die gegenüber von dem Internet-Cafe liegt. Ich fühlte, wie Angst und Depression heraufkrochen und mir den Appetit verdarben.
Ich setzte mich an eine Parkbank und dachte über sie nach. Was sollte ich bloß machen... Eines war klar: Ich bin keinesfalls der Typ Mensch, der Pärchen auseinander bringt um irgendeine Schnecke abzugrasen. Ich wußte zwar, daß sie mein Traum ist, doch war mir ebenfalls im selben Moment bewußt, daß es wohl ein Traum bleiben würde. Ich erinnerte mich an ihre Worte, als sie von ihm erzählte... Wochenendbeziehung, Desinteresse, Starrheit. Also legte ich fest, daß ich mich ein letztes Mal anbieten würde um die Sache zu beenden. Es kostete mich Schlaf und Konzentration und eine Menge Nerven. Auch sie erwähnte einige Male Unruhe in ihrem Gemüt. Also: Auf ein Letztes.

Ich fuhr gedankenverloren nach Hause und rief sie an. Wieder telefonierten wir, diesmal allerdings bis zu dem Zeitpunkt, bei dem ich normalerweise aufstehe und unter die Dusche krieche: bis 07:00 Uhr hatten wir dieses Mal telefoniert und wieder brachte sie Angst und Verärgerung mit rein. Sie war verwirrt über meinen Trip in ihre Stadt. Sie fühlte sich abermals in ihrem Territorial verletzt. Ich verzweifelte. Als ich sie am nächsten Abend wieder anrief entbrannte eine heftige Diskussion über unser Kennenlernen. Sie erwähnte einmal kurz und beiläufig, daß ich doch jetzt vorbei kommen soll. Doch ich wollte es ein zweites Mal und ausdrücklich hören. Und genau das kam nicht. Ich hatte Angst davor, ihr mich in dieser Situation aufzuzwängen, nicht das ich sie nach mir betteln hören wollte... Ich hatte nur Angst, daß sie es nicht ernst meinen würde.
Wie sie hatte ich bereits eine Beziehung die ihren Ursprung im Internet hat. Es wäre auch nicht die einzige Bekanntschaft. Ich weiß wie ich mit jemandem umzugehen habe, wenn ich ihn unbedingt kennenlernen will und ein Treffen erzwingen möchte. Bislang gab es nie Probleme, doch ihr wollte ich nichts und niemals etwas aufzwingen. Sie ist mir einfach zu viel wert. Sie ist meine Traumfrau.


DIE RECHNUNG DER EHRLICHKEIT 
Niemand kann behaupten, daß ich jemals sie angelogen hatte. Und ich kann reinen Gewissens behaupten, daß ich sie niemals angelogen hätte. Ich schrieb ihr so oft, wieviel ich für sie empfinde und das sie meine Traumfrau ist, doch ihre Reaktion war stets beschwichtigend. Es tat mir jedesmal weh wenn ich von ihr hörte oder las, daß sie mich nicht ernst nahm. Es kam mir vor wie ein Hilfe-Schrei von mir und ein "Na komm, mach dir nix draus" von ihr.
Wie ich zuvor beschrieben hatte, lernte ich einige Frauen über das Internet kennen. Niemals hatte ich eine Frau angelogen, wenn ich Komplimente machte, waren sie niemals überschwenglich, sondern immer wahr und zeitlich gut plaziert. Es kam nie die Situation auf, in der ich lügen mußte. Würde ich einer Frau sagen, daß sie einen guten Geschmack hat und den sie definitiv nicht vorweisen kann, würde ich mich damit auch selbst belügen. Jenes Selbstbelügen hatte ich mir schon sehr früh abgewöhnt. Doch wäre nun der richtige Zeitpunkt dafür gekommen.
Sie schrieb mir eine Email mit der Aufforderung, sie in Ruhe zu lassen. Das war im ersten Moment okay. Das war ein klarer Wunsch, den ich ihr selbstverständlich auch versprach zu erfüllen.

Ich hätte nicht eine Frau in meinem Leben kennengelernt, hätte ich ihr so zugesetzt wie Mely. Ich hatte ihr zuoft geschrieben, was ich von ihr halte und was ich für sie fühle.

Nun sah ich die Rechnung meiner überschwenglichen Ehrlichkeit und meiner Angst, diese Traumperson wieder zu verlieren in Form einer häßlichen Email.

So einfach.... 'Lass mich in Ruhe, du machst mir Angst'
Ich hatte so einfach die Traumfrau vertrieben, mit Dingen, die ihr Angst machten, obwohl ich doch wußte was ihr Angst machen würde.
Nein.
Ich hatte Angst. Angst sie zu verlieren. Auch wenn wir nicht -- wie wir es in einem Telefonat vereinbart hatten -- in drei Jahren heiraten und zwei Kinder haben, ich hatte sie bereits als guten Freund vermißt, mit dem ich lange Telefongespräche führen und über Gefühle sprechen konnte.



ENDSTATION -- BILANZ UND HOFFNUNG
Ich hatte den bisher größten Aufwand für das Kennenlernen einer Frau betrieben. Bishin zum Sperren meines Telefonanschlusses kamen noch zusätzliche finanzielle Belastungen auf mich zu. Im Gespräch mit Freunden wurde ich ausgelacht und kopfschüttelnd gefragt, wie ich nur so dumm sein könnte, mein Leben von einer Frau durcheinander bringen zu lassen. Auch sie hatten nicht verstanden, daß es meine Traumfrau war. Bin ich zu unfähig es verbal auszudrücken?
Der Anschluß ist immer noch gesperrt, was sich hoffentlich zum ersten November ändern wird. Doch Mely hatte sich nicht mehr gemeldet. Weder Mobilfunk noch Email.

Nun stecke auch ich in einer Wochenendbeziehung, die ich so verurteilt hatte. Daran hat sich auch nichts geändert. Denn meine Wertschätzung an dieser Person kann niemals so hoch sein wie bei Mely. Folglich ist es für mich nicht weiter interessant, ob ich sie dreieinhalb Tage oder fünf Tage in der Woche sehe.


Ich habe Angst.





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