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Yggdrasil

Der Kadaver war unberührt, doch er hatte sich verändert. Er war zu einem aufgegorenen Ballon angewachsen. Ich überquerte den Platz. Erst als ich direkt davor stand, bemerkte ich den Gestank. Ich spuckte aus und trat gegen einen der Hinterbacken, bis der Leib in Schwingungen geriet. Mit einem Geräusch entwich Gas aus seinem Inneren. Man hätte es sicher anzünden können.

Ich sammelte die unverbrannten Reste unseres letzten Feuers ein. Viel war es nicht. Wenn der große Balken erst richtig brennt, überlegte ich, könnten wir versuchen, die Hufe zu verfeuern. Sicher sind Sehnen und Knorpel bereits aufgelöst, so dass man sie an den Fesselgelenken herauslösen könnte. Es war jedoch unmöglich, sich den Hufen zu nähern, denn Kopf und Körper lagen dem Wind zugewandt. Ich riss am Rand des Platzes trockenes Krautzeug aus. Mich wunderte, dass die Ratten sich nicht am Kadaver gütlich getan hatten. Es gab Ratten. Sie flüchten in die Rohre und waren daher leicht zu fangen. Einer von uns kletterte ihnen gebückt hinterdrein, schrie und schlug von innen gegen die eiserne Wand, während wir mit Steinen und Knüppeln am anderen Ende warteten. Nur einmal ist uns eine entwischt. Es hatten gleich zwei Ratten im Rohr gehockt. Die zweite kam hervor, als wir noch auf die erste einschlugen. Für einen Moment starrte sie mich an, dann verschwand sie unter dem Stapel. Die Ratten klopften wir auf den Rohren breit, wo die Sonne sie ausdörrte. Wenn sie trocken waren, verfeuerten wir sie. Ich fächerte das Unkraut über der Asche auf. Inzwischen dürfte der Kadaver selbst für sie giftig sein, dachte ich. Dann kletterte ich auf einen Stapel und streckte mich aus. Der Wind war kühl, doch die Sonne hatte das schwarze Eisen angenehm erwärmt. Lange blickte ich hinab auf den Platz, der von unseren Fußspuren übersät war. Das Maul stand weit offen, die Lippen waren zurückgegangen, die Zunge hing in den Sand. Hier oben merkte man nichts vom Gestank. Ich betrachtete die feinen Linien auf den Innenseiten meiner Hände und stellte mir vor, in einem Hubschrauber zu sitzen. In weiten Schleifen galoppierte sein Schatten über die geschwungenen Täler zwischen den Stapeln hinweg. Ich suchte die anderen. Ich wollte sie sehen. Ich wollte, dass sie unterwegs waren, dass sie kommen würden, doch ich konnte sie nirgends entdecken. Man verlief sich leicht dort draußen. Im Rohr unter mir summte der Wind und ich blinzelte. Aus meiner Position konnte ich erkennen, welche der umliegenden Stapel bereits abgesackt waren. Es wurde Zeit, mich um den großen Balken zu kümmern.
Zuvor wendete ich das Unkraut. Es trocknete schnell. Dann holte ich den flachen Stein hervor, den wir zum Graben benutzen, und machte mich an die Arbeit. Ich prüfte einen Stapel, unter dem wir noch nicht gegraben hatten, und wählte einen Balken aus, der nicht zu lang war und auf den noch für eine Weile die Sonne scheinen würde. Man fror leicht im Schatten. Die Rohre an der Basis jedes Stapels lagerten auf langen Balken. Wenn man den Kopf an den Boden legte, konnte man unter den Rohren hindurch schauen. Wir trugen die harte, von Steinen durchsetzte Erde um das Holz herum ab, bis wir den Grund darunter wegkratzen konnten. Manchmal zerbarst das Holz, wenn der Stapel absackte. Lag endlich kein Gewicht mehr darauf, stand einem der größte Teil der Arbeit noch bevor. Man musste solange weitergraben, bis man den Balken herausziehen konnte. Wir schlugen ihn gegen die Flansche der Rohre oder trieben scharfkantige Steine hinein, bis er auseinander splitterte. Jedes noch so kleine Stückchen wurde aufgesammelt. Abgesehen vom Unkraut und den Ratten waren die Balken unser einziges Brennmaterial.

Alles war vorbereitet, wenn wir das Feuer entfachten. Das Aufflackern der trockenen Blätter fingen wir mit feinen Splittern auf. Erst wenn größere Scheite brannten, öffneten wir den schützenden Wall aus Sand und Steinen und ließen den Wind hineinfahren. Zuletzt kam der große Balken aufs Feuer. Wenn aus den Poren an seinen Enden gelber Dampf zischte, wurde es Abend, und bald stoben Funken in die sternklare Nacht. Unsere Feuer brannten lange. Manchmal knackte es noch am nächsten Morgen in der Kohle.

Sie kamen. Ich hörte in der Ferne, wie sie auf die Rohre schlugen.

 

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