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Fischweib

"Echt, schon Halbacht?"

Hinter den Stallungen stieg das Gelände an, obenauf ein Wäldchen. Von einem Setter umspielt kam uns blondlächelnd das Fischweib entgegen. Höchstens zweiundzwanzig und gesund, als habe sie noch bis eben Jauche gerührt. Der Setter war verschwunden, als sie uns erreichte. Ob wir aus Berlin seien, fragte sie. Ich war neidisch - vielleicht wegen der frischen Luft. "Ja", antwortete ich. Ich schien der Einzige zu sein, der wusste, wie der Hase läuft. Also zeigte ich empor und versuchte, am Himmel die Erde auszumachen, doch es war noch zu hell. Nur der Mond war schon zu sehen. Sie hätte es sowieso nicht verstanden und die anderen wahrscheinlich auch nicht, also tat ich einfach so, als habe ich mich am Kopf kratzen wollen. An mir war es dann, die Fische klar zu machen. Ich kratzte und sie nahm mir die blöden Fragen ab.

"Ihr seht aus, als ob ihr aus Berlin seid", sagte sie. "Ich studiere Biologie in Berlin."

Und-jetzt-Semesterferien-und-du-zu-Hause", faulte es grinsend aus mir hervor.

Neidisch, ja, aber nicht wegen Pappas Fischfarm. Ihre Kindheit: Schweine ärgern, Schulbus, sich nie Gedanken über Sweatshirts machen. Und dann Berlin: ankommen und verstehen wollen. Neid, Neid, Neid.

"Forellen woll'n wa: zwei, drei, viere, ... fümf Stück."

"Ey, der Dicke will doch eine, sagt er!"

"Na also! Stücker sechse dann. Aber große!" (Arme ausbreiten, Haifischlänge zeigen: lacht. Au, wie blöd. Trotzdem).

Wir betraten den ehemaligen Stall, durch dessen schmutzgepuderte Fensterchen kaum die halbe Dämmerung drang. Ich flitzte umher zwischen grauen Bassins, gaffte, beugte mich, tauchte Finger in randvolle Becken, auf deren Oberflächen sich hektisch von dunklen Fischrücken wölbten, und versuchte von schräg und oben und wieder von schräg zu erkennen, was sich dort tummelte, doch es war bereits zu dunkel. Sie knipste auch kein Elektrisches an. Vielleicht erschrecken davon die Viecher. Mist.

Sie ergriff einen Kescher und langte in einen stinkenden Sack: "Die ist vom Lande", dachte ich. Sie warf das Futter aufs Wasser, das sofort aufkochte. Begeisterte Forellen wurden eine Hand breit über die Oberfläche hinausgeschleudert. Ich stand eine Weile nachdenklich im plätschernden Halbdunkel, dann als Forelle in einer Ecke des Bassins, starrte vor mich hin, fror und ignorierte den johlenden Gesang meiner Genossen über mir. Sie sammelte sechs Exemplare in einem Eimer, der einmal eine unappetitliche Menge Mayonnaise enthalten hatte: Putzi, putzi - Na, ihr Dummerchen, wolltet ihr mal wieder die Art erhalten? Die Sechs kratzten zappelnd über den Gussgrat, der aus dem Boden des Plastikeimers hervorragte. Jetzt noch schnell den Tod dosieren, um sich so für die vorherige Gier zu entschuldigen: Sowas kann ich leiden. Wie stand es noch gleich mit Kreide auf die Bahnwagons gekritzelt: "Auf Wiedersehen in drei Wochen in Paris!"? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Selber schuld.

Schweigend folgten wir dem applaudierenden Eimer in einen anderen Raum. Einsame Insel, Fischweib - gäbe sicher eine interessante Zivilisation.

Sie wetzte ein Messer, streifte Gummihandschuhe über, grabschte sich eine Dreieinigkeit und zerlegte sie in Kopf, Rumpf und Eingeweide. Der Fischkopf rebellierte und blies getreu zur Flucht. Die Order erreichte den ausgeweideten Rumpf erst, als dieser bereits in einem Korb lag. Von dort vollführte der schmackhafte Muskel einen finalen Sprung, der ihn ein gutes Stück über den Rand des Korbes in die Höhe beförderte. Dem Gesetz der Schwerkraft gehorchend klatschte er zurück und starb. Kopf und Eingeweide hatten wohl schon zuvor den Geist aufgegeben. Während das Fischweib die verbleibenden Fünf drittelte, betrachtete ich die anwachsenden Haufen zitternder, japsender und sich leise windender Einzelteile. Alles Lebendige zeugt, gebiert und verfault, stieß es mir auf. Also fügte ich die drei Komponenten wieder zu einem funktionierenden Fisch zusammen. Ich streichelte die Kreatur liebevoll und setzte sie in einem ganz tollen See aus. Dann wischte ich meine vom Forellenschleim schmierigen Hände an meiner Hose ab und ordnete mein Haar. Die Schöpfung der Forelle hatte mich angestrengt. Ich kramte eine Weile nach dem Hustenbonbon, das während jener Tage in meinen Taschen herumgeisterte und brach das Schweigen: "Find' ich echt gut, dass der Geist Gottes auf dem Wasser schwebt", sagte ich. Man trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, der Dicke nickte zustimmend, andere brummten. Nur das schweigende Fischweib grub mit dem Messer dort zwischen den Gräten, wo einst eine Schwimmblase war.

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