zurück zur Seiter anderer alter shit
Die Wurzel allen Übels
– Georgia, Georgia. Ich ließ mich zurücksinken in die einschläfernde Schräge der Kunstlederpolster. – the whole day through. „Huuiiii!“ pfiff eine Turbine an einem der Behandlungsstühle links von mir. – it's just an old song, keeps Georgia on my mind
Vor einer Woche hatten wir den Termin vereinbart. „Dienstag, 23.4., 11:00 Uhr“ schrieb sie auf mein Kärtchen. Auf dem Heimweg dann war ich ins Schwärmen geraten. Was für ein Mund. Welch jungfräuliche Mäuseschrift. – it's just an old song, keeps …
Aufrecht sitzend beantwortete ich ihre Fragen: „Die ganze Seite war dick angeschwollen.“ – „Der Eingriff? Moment. Ja, das muss vor etwa zehn Tagen gewesen sein.“ – „Hier im Hause, ja. Ein Stockwerk tiefer. In der chirurgischen Abteilung.“ – „Ja, Penicillin.“ – „Fieber auch.“ – „Nein, keine Unverträglichkeiten oder Allergien.“
„G. Lindstad“ verschwieg dezent das über ihrer Brust angeheftete Namensschildchen. „Gerda“, überkam es mich, doch verwarf ich die abscheuliche Vorstellung sofort.
Sie werde die Wurzelkanäle meines Zahns aufbereiten, indem sie ihn von innen reinige und mit einem Mittel fülle, das die Bakterien abtötet, erklärte sie. Nach einer derart dramatischen Entzündung sei der Nerv längst abgestorben, die Behandlung werde daher schmerzfrei sein. „Im vierten Studienjahr“, antwortete sie auf meine ungeschickte Frage. „Wir arbeiten bereits vollkommen selbstständig“, fügte sie an, ergriff demonstrativ Sonde und Spiegel, ich durfte den Kiefer aufsperren, und unser Gespräch war fürs erste beendet.
Weiße Schuhe, weiße Hosen, ein weißer Kittel und auf diesem Sockel aus leinenem Marmor, vorgebeugt und versunken in den Aufbau meines Hartgewebes, die unbekannte zahnmedizinische Nofretete. Immerhin: wie ich mich in den ihren, vertiefte auch sie sich in meinen Mund. Bald stieg der vage Verdacht in mir auf, als sei das Interesse füreinander auf keiner Seite ausschließlich professioneller Art. Zu gern wäre ich dem auf den Grund gegangen, leider hatte sie mich mit Beginn der Behandlung sprachlos gemacht. „Bitte den Mund offen lassen“, hieß sie mich weiterhin schweigen.
Gertrud? Besser nicht.
„Bitte die Augen schließen“, komm, sprich es aus! Und dann beugst du dich noch ein Stück weiter vor und küsst mich. „Lass ab von dem verfaulten Rebellen, Gitta! Er ist bei weitem das Schlechteste an mir!“ klagten meine mundtoten Gedanken zu ihr empor, doch sie blieb unbarmherzig und bohrte die Reste der ehemaligen Zahnfüllung aus. Ich musste mich zusammennehmen: nichts als Löcher. Regelmäßige, tausendfach durchlöcherte Platten bildeten die Decke. Als gelte es, die Patienten an die Löcher in ihren Zähnen zu erinnern. Warum hat Michelangelo seine Deckenfresken nicht in den Behandlungssälen von Universitätszahnkliniken gemalt? Gabrièle, um Himmels Willen küss' mich! Oder beiße mir doch wenigstens in die Nase.
Es half nichts. Also reiste ich:
Ein Hubschrauber brachte mich zu ihr. Ich sprang ab und schwebte am Fallschirm auf das winzige Schweißperlchen zu, das sich auf ihrer Nasenspitze gebildet hatte. Ich stieg an der Westwand ihres Nasenflügels hinab, setzte Fuß um Fuß von einer Sommersprosse in die andere, während meine Hände sich in die Poren ihrer Haut klammerten. Ich durchwanderte die weite Ebene ihrer Wange. Unbarmherzig brannte mir die höher steigende Behandlungslampe ins Gesicht. Dann galt es, eine Fältchenspalte zu überwinden, die sich schroff vor mir auftat. Schließlich erreichte ich einen Dschungel. Im Schatten der Wimpernriesen sammelte ich meine Kräfte. Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Stämmen hindurch. Es war nur mühsames Fortkommen, denn Wimperntusche bedeckte die von Haarwurzeln durchzogene Haut. Hatte dort nicht etwas geschimmert? Und richtig! Wenig später schon trat ich aus dem Dickicht. Vor mir breitete sich ein riesiger Gletscher aus: ihr Augapfel. In seiner Mitte leuchtete der schönste aller Seen, der fantastische und sagenumwobene „lac d'Iris“, in dem noch nie ein Mensch gebadet hatte. Ich fällte einige Wimpern, zimmerte ein Floß und ließ mich auf einem der zarten Äderchen auf den See zutreiben. Es war eine gefährliche Fahrt voller Stromschnellen und Untiefen, doch welch Panorama tat sich vor mir auf: die anmutige Silhouette ihrer Nase, in weiter Ferne tiefrot leuchtend, das Massiv ihrer aufgewölbten Oberlippe, zur gegenüberliegenden Seite hin die lang gedehnten Züge ihrer dunklen Augenbrauen. Dahinter erstreckte sich die Hochebene ihrer Stirn, zeitweilig glatt, dann wieder von Falten zerklüftet. Noch weiter entfernt, gleich hinter dem Haaransatz, lagen die dichten Wälder ihrer Locken.
Als ich den See erreichte, war ich fassungslos – so unbeschreiblich leuchtete das Blau, das mich umgab. Zwar hatte ich von der Gefährlichkeit eines Lidschlags gehört, nachdem ich jedoch einmal in die unergründliche Tiefe geblickt hatte, war ich zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig. Nur einen Augenblick bevor ich mich zu meinem triumphalen Bad in die Fluten stürzen konnte, riss es mich mit ungeheurer Gewalt fort. Als ich wieder zu mir kam, lächelte sie und bat mich, ihr zu folgen. Benommen tappte ich hinter ihr drein.
Auf dem X-Mal bestrahlten Stuhl der Röntgenkabine war ich für einen Moment allein. Doch schon erschien ihr Antlitz im Rahmen des Bleiglasfensterchens – Schuss! – und es ging zurück auf den Behandlungsstuhl. Gracia, was mutest du mir zu?
Sie werde mithilfe stecknadeldünner Feilchen die Wurzelkanäle meines Zahns reinigen und erweitern. Allerdings ließe die Röntgenaufnahme erkennen, dass meine mesialen Wurzelkanäle ungewöhnlich stark gekrümmt seien. Die Behandlung werde voraussichtlich etwas länger dauern. Gilberta, was immer mesial auch bedeutet, wenn es für uns gemeinsame Zeit mit sich bringt, so will ich es gutheißen. Wer weiß denn, ob wir uns je wiedersehen?
So, wie sie im Moment stehe, käme sie an den Wurzelkanal nicht heran, beklagte sie, nachdem sie eine Weile lang erfolglos in meinem Zahn herumgestochert hatte. Also stellte sie sich hinter mich und stützte ihren kühlen Unterarm auf meine erhitzte Stirn. Nie habe ich einer Frau so tief in die Nase geschaut. Ein Zucken fuhr über ihre Oberlippe, sie hob sich und unter einer Reihe gesunder Zähne kroch ihre Zunge einen Millimeter weit hervor. Sie fand den Kanal – Oh Gislaine! -, sie stieß das Feilchen tief hinein in die faulige Masse toten Gewebes, das einst den Nerv meines Zahns gebildet hatte, sie begann zu feilen, hier begann sie zu feilen, hier war sie glücklich. Gina, amore mio, woher nur nimmst du diese odontologische Potenz?
Und sie erwiderte meinen Blick. Mich sah sie an – nicht länger meinen Zahn. Ich habe dir misstraut, Gloria. Ich habe falsch von dir gedacht. Deine Mäuseschrift, die kleine Perle in deinem Ohrläppchen, ich habe alles vollkommen falsch verstanden. Ich Narr hatte geglaubt, es sei nur mein Zahn, der dich interessiere. Vergib mir. Ich war im Unrecht. Dein sanftes Lächeln beweist es mir. Ja, ich werde Tickets für uns besorgen: Rio! Das ist es! Dein Dienst hier in der Klinik geht gewiss nur bis vier. Unten, vor der gläsernen Eingangstür werden wir uns endlich in die Arme fallen, und Standesämter müssen bis halb fünf geöffnet sein. Sie müssen! Oder wir lassen uns im Flugzeug vom Kapitän trauen. – Was? Dann halt von einer der Stewardessen! – Wieso denn nicht? Sieh, auf Schiffen dürfen sogar zollfreie Waren verkauft werden. – Nein? Gesine, wirklich nicht? – Ja, ich verstehe: erst das Studium. – Ja ja, ich nehme mich zusammen.
- Michelangelo, warum hast du mich verlassen? -
Aber ich könnte vor der Klinik auf sie warten und sie zu einem Kaffee einladen. Gioconda, dein Mund! Gudrun, deine Wurzelfüllung! Immer werde ich sie bei mir tragen. Der Geruch sterilisierenden Nelkenöls wird uns verbinden. Gundula, ein Leben lang wird mir das gierige Schlürfen eines Speichelabsaugers dein Bild vor Augen zaubern.
„Mesial zwei stark gekrümmte Wurzelkanäle“, berichtete sie erschrocken einem Professor, der plötzlich von der Seite herangetreten war, ohne Zögern ein Feilchen ergriffen hatte und sich an mir verging. Devot hielt sie dem Grobian die Röntgenaufnahme vor die Augen, während er in stumpfer Routine in mir herumfeilte. Ob sie auch den zweiten distalen Kanal gefunden habe, fragte er, indem er sie über den Rand seiner Brille hinweg prüfte. Hilflos starrte sie auf das Röntgenbild. Die Aufnahme zeige distal einen zweiten Wurzelkanal. Ob ihr das nicht aufgefallen sei?
Um es vorwegzunehmen: Der Mensch fand den Kanal. Er fand ihn auf anhieb. Distal, so sollte ich begreifen, bedeutet „ein kleines Stückchen weiter hinten“. Tief stieß er das Messer hinein und mich durchfuhr ein Schmerz, so schön wie der Dinnergongschlag zu meiner eigenen Totenmahlzeit. „Dieser Kanal ist offenbar noch vital. Exstirpieren und aufbereiten.“, befahl er. Und schon war er unterwegs zum nächsten Studenten, wahrscheinlich um dort den Austausch des Handbremsseils oder der Hydraulikflüssigkeit anzuordnen. Angstschweiß platzregnete auf meine Stirn hinab.
Und dann, als sie sich über den Instrumententisch beugte, um die Waffe zu wählen, – dann, als sie sich zu mir drehte, als sie da stand in ihrem chlorkalkweißen Kittel und zögerte, als sie schluckte und meinen Zahn anvisierte, in der Hand den raumetallenen Dolch, mit dem, mir zu Leibe zu rücken, sie gute Gründe sah, – dann, als mich wunderte, dass sich das Licht im Auge der antarztischen Dämonin so merkwürdig bricht: War das nicht eine halbe Träne, die sich dort sammelte? – dann, als mir klar wurde, dass diese vermeintliche Träne nicht mir galt, sondern herrührte von den Dämpfen der antiseptischen Essenzen, mit denen sie mich zu erkalten suchte: oder war sie gar ein Trugbild, jene Träne, die doch hatte hinablaufen sollen, sich vereinigen mit dem winzigen Schweißperlchen auf ihrer Nasenspitze und hinabtropfen, vorbei an meinen Frontzähnen, salzig-bitter, auf meine warme, weiche Zunge hinab? - dann fiel mir das Ende zu dieser Geschichte ein.
Ich werde nicht für den nächsten Dienstag erneut zu ihr in die Klinik bestellt, etwa weil die Wurzel meines Zahns, bevor sie ihn endgültig reparieren kann, erneut gereinigt werden müsse. Diese Geschichte wird nicht damit ausgehen, dass mir im Aufzug, auf den Lippen das Lied vom Anfang, mit jedem Stockwerk, das ich durchfahre, ein weiterer Name einfällt – 3.) Genoveva, 2.) Grete, 1.) Grace –, bis mir, im Erdgeschoss angelangt, der Seufzer entfährt: „Ach Georgia, wäre es doch nur schon wieder Dienstag.“ Nein, denn das wäre gegaukelt und gelogen.
Deine Antwort
auf mein Warten vor der Glastür steht doch seit Langem fest. Es wird keine
gemeinsamen Nachmittage geben. So vieles ist dir wichtiger, ich weiß. So viel
wahrhaft Ernsthaftes hast du zu erledigen. Da ist keine Zeit für gemeinsamen
Kaffee und erst recht nicht für ein Eiskrem. Zunächst dürfe ich doch sowieso
nichts essen, würdest du freundlich argumentieren. Zunächst müsse doch das
Innere meiner Füllung erhärten. Überhaupt ist mein Inneres zu weich, würde
ich daraufhin denken und meines Wegs gehen – wenn sich mir bis dahin ein Weg
aufgetan haben sollte. Glaub mir, ich würde ihn gehen.
zurück zur Seiter anderer alter shit