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Der Pumpenwärter

Ich war ein Pumpenwärter. Mit einer Hand hielt ich mein Ölkännchen, mit der anderen griff ich auf das Geländer der Galerie, die meine Pumpen umsäumt. Blieb eine von ihnen stehen, so kletterte ich von der Galerie hinab und balancierte über ölverschmierte Bretter hindurch zwischen sausenden Schwungrädern und Kolben zu der Maschine: Ich tat meine Pflicht. Und es gab viel zu tun. Mit meinem Lappen, den ich noch immer in der Tasche trage, wischte ich das schmutzige Fett von der Schubstange, goss aus meinem Kännchen frisches Öl darüber und verteilte es vorsichtig. Hier spannte ich einen Treibriemen oder schmierte ein Gelenk, dort stellte ich ein Lager nach oder reinigte behutsam das Typenschild. Wenn ich fertig war, nahm das große, eiserne Rad Schwung auf, und bald fauchte und stampfte die Pumpe wieder gleich den anderen, deren lebendiges Tosen den Raum erfüllte. Zurückgeklettert hinter den Messinglauf des Geländers sah ich mich um, und immer wusste ich sofort, wohin ich als Nächstes zu eilen hatte. Unter dem geschwärzten Kuppeldach, das sich über mir aufspannt, gibt es viele Pumpen. Ich pflegte sie mit Leidenschaft und Hingabe. Wäre ich bei einer einzigen je nachlässig gewesen, ja hätte ich nicht meine ganze Liebe auf sie verwandt, sie wäre für immer stehen geblieben. Nie habe ich mich niedergesetzt, nie habe ich mich müßig auf das Geländer gelehnt. Den Schaden, der so entstanden wäre, hätte ich nicht wieder gut machen können. Auch die Zeit ist ein Pumpen: man hält mit ihr Schritt oder sie läuft einem davon, und ist dies geschehen, gelingt es nicht, sie einzuholen. Wie eine Sehne durchzog mich ein zäher Wille, der mich aufrecht hielt und einen Schritt vor den anderen setzen ließ. Meine Pumpen dankten es mir mit ihrem lebendigen Auf und Ab. Sie waren meine Welt - ich war ihr Herr und Diener, ihr König und Kerkergenosse. Vom Zenit der schwarzen Kuppel fiel das Licht einer einzigen Lampe auf uns herab. Nie war es mir in den Sinn gekommen, zu fragen, ob sich außerhalb der Mauern etwas regt.

Zwischen den Steinen, kniehoch über der Galerie hatte sich ein fingerbreiter Spalt aufgetan. Ein Lichtstrahl fiel durch die Öffnung. Flach und orangefarben tauchte er auf, wurde heller, beschrieb einen Viertelkreis im Staub, brannte weiß, um sich allmählich wieder abzuschwächen, sich abzuflachen, die Bewegung zum Halbkreis zu strecken, sich orange und endlich rot zu verfärben und schließlich zu verlöschen. Nach einiger Zeit begann die Verwandlung von Neuem, gerade dort, wo sie auch zuvor angefangen hatte. Einmal, als ich an der Stelle vorüberging, schien das Licht für einen Augenblick auf meinen Schuh. Durch das ölverschmierte Leder hindurch spürte ich seine Wärme. Ich eilte fort, erschrocken, stieg die Leiter hinab und lief zu der erstbesten Pumpe, doch ihr Schwungrad drehte sich munter, sie brauchte mich nicht. Und als ich mich umblickte, liefen auch alle meine anderen Pumpen. Da stand ich für einen Moment verwirrt und untätig, und es schien mir, als wärme das Licht noch immer meinen Fuß. Das nächste Mal, als ich an dem Mauerspalt vorüberging, verlangsamten sich meine Schritte, genauso war es beim darauf folgenden Mal und so immerfort, bis ich erneut in den Lichtstrahl trat.

Etwas Grünes, Drahtartiges war durch den Spalt hindurchgewachsen und eine handbreit an den Steinen emporgeklettert. Als ich mich hinabbeugte, spürte ich den lauen Luftzug, der dem Riss in der Mauer entströmte. Wieder und wieder führte mich mein Weg dort vorbei und immer häufiger blieb ich stehen. Das Gewachsene verzweigte sich und brachte gezackte Folien von feiner Struktur hervor. Eine tropfenförmige Kapsel bildete sich, die anschwoll und aufsprang und aus der sich ein wunderbares weißes Folienwerk entfaltete. Jeder Augenblick, den ich damit verbrachte, diese Erscheinung zu betrachten, kam mir erfüllter vor als mein bisheriges Leben. Nur mit aller Kraft riss ich mich davon los. Ich rannte die Galerie entlang, dass meine Schritte nur so durch die Halle schallten, ich wischte und ölte in Windeseile, angewidert vom Gestank und Getöse und besessen von dem Wunsch, zum Spalt in der Mauer zurückzukehren. War so die spärliche Wartung erledigt, trat ich grob in die Räder, und zu meiner Überraschung liefen sie an, obwohl doch meine Liebe inzwischen dem Licht, der Luft und dem fein gezackten Gewächs galt.

In dem Maße aber, mit dem der Lichtschein jedes Mal, wenn er wiederkehrte, kaum spürbar flacher über den Boden der Galerie glitt, und die Luft, die durch den Spalt drang, allmählich kühler und herber wurde, in dem Maße, in dem das Gewächs seinen Saft verlor und verblasste, wurden auch meine Schritte entlang der Galerie kürzer. Eine nach der anderen, blieben meine Pumpen stehen. Oft lehne ich nun am Geländer und blicke hinab auf die schmutzigen Maschinenleiber und stillen Räder, aus denen das Leben gewichen ist. Zeit verstreicht, bis ich mich umwende und zurückkehre zu meinem Platz an der Mauer.

Einmal noch kletterte ich die Leiter hinab. Ich wischte so gut ich konnte, doch fehlt mir mein Ölkännchen. Ich muss es irgendwo liegen gelassen haben und werde es wohl nicht wiederfinden. Ich versuchte die Pumpe anzuwerfen, doch wie eine alte Uhr, die bald wieder schweigt, nachdem man sie geschüttelt hat, blieb auch sie wieder stehen.

Durch den Spalt in der Mauer dringt nunmehr ein fahler Schein. Ein eisiger Lufthauch zieht zu mir herein und macht ein vertrocknetes Gewächs rascheln.

 

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