Strasse (II)
Faust. Mephistopheles.
FAUST: Wie ist's? Will's foerdern? Will's bald gehn?
MEPHISTOPHELES: Ah bravo! Find ich Euch in Feuer? In kurzer Zeit ist Gretchen Euer. Heut abend sollt Ihr sie bei Nachbar' Marthen sehn: Das ist ein Weib wie auserlesen Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!
FAUST: So recht!
MEPHISTOPHELES: Doch wird auch was von uns begehrt.
FAUST: Ein Dienst ist wohl des andern wert.
MEPHISTOPHELES: Wir legen nur ein gueltig Zeugnis nieder, Dass ihres Ehherrn ausgereckte Glieder In Padua an heil'ger Staette ruhn.
FAUST: Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen muessen!
MEPHISTOPHELES: Sancta Simplicitas! darum ist's nicht zu tun; Bezeugt nur, ohne viel zu wissen.
FAUST: Wenn Er nichts Bessers hat, so ist der Plan zerrissen.
MEPHISTOPHELES: O heil'ger Mann! Da waert Ihr's nun! Ist es das erstemal in eurem Leben, Dass Ihr falsch Zeugnis abgelegt? Habt Ihr von Gott, der Welt und was sich drin bewegt, Vom Menschen, was sich ihm in den Kopf und Herzen regt, Definitionen nicht mit grosser Kraft gegeben? Mit frecher Stirne, kuehner Brust? Und wollt Ihr recht ins Innre gehen, Habt Ihr davon, Ihr muesst es grad gestehen, So viel als von Herrn Schwerdtleins Tod gewusst!
FAUST: Du bist und bleibst ein Luegner, ein Sophiste.
MEPHISTOPHELES: Ja, wenn man's nicht ein bisschen tiefer wuesste. Denn morgen wirst, in allen Ehren, Das arme Gretchen nicht betoeren Und alle Seelenlieb ihr schwoeren?
FAUST: Und zwar von Herzen.
MEPHISTOPHELES: Gut und schoen! Dann wird von ewiger Treu und Liebe, von einzig ueberallmaecht'gem Triebe- Wird das auch so von Herzen gehn?
FAUST: Lass das! Es wird!- Wenn ich empfinde, Fuer das Gefuehl, fuer das Gewuehl Nach Namen suche, keinen finde, Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife, Nach allen hoechsten Worten greife, Und diese Glut, von der ich brenne, Unendlich, ewig, ewig nenne, Ist das ein teuflisch Luegenspiel?
MEPHISTOPHELES: Ich hab doch recht!
FAUST: Hoer! merk dir dies- Ich bitte dich, und schone meine Lunge-: Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge, Behaelt's gewiss. Und komm, ich hab des Schwaetzens Ueberdruss, Denn du hast recht, vorzueglich weil ich muss.
Garten
Margarete an Faustens Arm, Marthe mit Mephistopheles auf und ab spazierend.
MARGARETE: Ich fuehl es wohl, dass mich der Herr nur schont, Herab sich laesst, mich zu beschaemen. Ein Reisender ist so gewohnt, Aus Guetigkeit fuerliebzunehmen; Ich weiss zu gut, dass solch erfahrnen Mann Mein arm Gespraech nicht unterhalten kann.
FAUST: Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhaelt Als alle Weisheit dieser Welt. (Er kuesst ihre Hand.)
MARGARETE: Inkommodiert Euch nicht! Wie koennt Ihr sie nur kuessen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was hab ich nicht schon alles schaffen muessen! Die Mutter ist gar zu genau. (Gehn vorueber.)
MARTHE: Und Ihr, mein Herr, Ihr reist so immer fort?
MEPHISTOPHELES: Ach, dass Gewerb und Pflicht uns dazu treiben! Mit wieviel Schmerz verlaesst man manchen Ort Und darf doch nun einmal nicht bleiben!
MARTHE: In raschen Jahren geht's wohl an So um und um frei durch die Welt zu streifen; Doch koemmt die boese Zeit heran, Und sich als Hagestolz allein zum Grab zu schleifen, Das hat noch keinem wohlgetan.
MEPHISTOPHELES: Mit Grausen seh ich das von weiten.
MARTHE: Drum, werter Herr, beratet Euch in Zeiten. (Gehn vorueber.)
MARGARETE: Ja, aus den Augen, aus dem Sinn! Die Hoeflichkeit ist Euch gelaeufig; Allein Ihr habt der Freunde haeufig, Sie sind verstaendiger, als ich bin.
FAUST: O Beste! glaube, was man so verstaendig nennt, Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.
MARGARETE: Wie?
FAUST: Ach, dass die Einfalt, dass die Unschuld nie Sich selbst und ihren heil'gen Wert erkennt! Dass Demut Niedrigkeit, die hoechsten Gaben Der liebevoll austeilenden Natur-
MARGARETE: Denkt Ihr an mich ein Augenblickchen nur, Ich werde Zeit genug an Euch zu denken haben.
FAUST: Ihr seid wohl viel allein?
MARGARETE: Ja, unsre Wirtschaft ist nur klein, Und doch will sie versehen sein. Wir haben keine Magd; muss kochen, fegen, stricken Und naehn und laufen frueh und spat; Und meine Mutter ist in allen Stuecken So akkurat! Nicht dass sie just so sehr sich einzuschraenken hat; Wir koennten uns weit eh'r als andre regen: Mein Vater hinterliess ein huebsch Vermoegen, Ein Haeuschen und ein Gaertchen vor der Stadt. Doch hab ich jetzt so ziemlich stille Tage: Mein Bruder ist Soldat, Mein Schwesterchen ist tot. Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not; Doch uebernaehm ich gern noch einmal alle Plage, So lieb war mir das Kind.
FAUST: Ein Engel, wenn dir's glich.
MARGARETE: Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich. Es war nach meines Vaters Tod geboren. Die Mutter gaben wir verloren, So elend wie sie damals lag, Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach. Da konnte sie nun nicht dran denken, Das arme Wuermchen selbst zu traenken, Und so erzog ich's ganz allein, Mit Milch und Wasser, so ward's mein Auf meinem Arm, in meinem Schoss War's freundlich, zappelte, ward gross.
FAUST: Du hast gewiss das reinste Glueck empfunden.
MARGARETE: Doch auch gewiss gar manche schwere Stunden. Des Kleinen Wiege stand zu Nacht An meinem Bett; es durfte kaum sich regen, War ich erwacht; Bald musst ich's traenken, bald es zu mir legen Bald, wenn's nicht schwieg, vom Bett aufstehn Und taenzelnd in der Kammer auf und nieder gehn, Und frueh am Tage schon am Waschtrog stehn; Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen, Und immer fort wie heut so morgen. Da geht's, mein Herr, nicht immer mutig zu; Doch schmeckt dafuer das Essen, schmeckt die Ruh. (Gehn vorueber.)
MARTHE: Die armen Weiber sind doch uebel dran: Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.
MEPHISTOPHELES: Es kaeme nur auf Euresgleichen an, Mich eines Bessern zu belehren.
MARTHE: Sagt grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden? Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?
MEPHISTOPHELES: Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert.
MARTHE: Ich meine: ob Ihr niemals Lust bekommen?
MEPHISTOPHELES: Man hat mich ueberall recht hoeflich aufgenommen.
MARTHE: Ich wollte sagen: ward's nie Ernst in Eurem Herzen?
MEPHISTOPHELES: Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.
MARTHE: Ach, Ihr versteht mich nicht!
MEPHISTOPHELES: Das tut mir herzlich leid! Doch ich versteh- dass Ihr sehr guetig seid. (Gehn vorueber.)
FAUST: Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder, Gleich als ich in den Garten kam?
MARGARETE: Saht Ihr es nicht, ich schlug die Augen nieder.
FAUST: Und du verzeihst die Freiheit, die ich nahm? Was sich die Frechheit unterfangen, Als du juengst aus dem Dom gegangen?
MARGARETE: Ich war bestuerzt, mir war das nie geschehn; Es konnte niemand von mir Uebels sagen. Ach, dacht ich, hat er in deinem Betragen Was Freches, Unanstaendiges gesehn? Es schien ihn gleich nur anzuwandeln, Mit dieser Dirne gradehin zu handeln. Gesteh ich's doch! Ich wusste nicht, was sich Zu Eurem Vorteil hier zu regen gleich begonnte; Allein gewiss, ich war recht boes auf mich, Dass ich auf Euch nicht boeser werden konnte.
FAUST: Suess Liebchen!
MARGARETE: Lasst einmal! (Sie pflueckt eine Sternblume und zupft die Blaetter ab, eins nach dem andern.)
FAUST: Was soll das? Einen Strauss?
MARGARETE: Nein, es soll nur ein Spiel.
FAUST: Wie?
MARGARETE: Geht! Ihr lacht mich aus. (Sie rupft und murmelt.)
FAUST: Was murmelst du?
MARGARETE (halblaut): Er liebt mich- liebt mich nicht. FAUST: Du holdes Himmelsangesicht!
MARGARETE (faehrt fort): Liebt mich- nicht- liebt mich- nicht- (Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.) Er liebt mich!
FAUST: Ja, mein Kind! Lass dieses Blumenwort Dir Goetterausspruch sein. Er liebt dich! Verstehst du, was das heisst? Er liebt dich! (Er fasst ihre beiden Haende.)
MARGARETE: Mich ueberlaeuft's!
FAUST: O schaudre nicht! Lass diesen Blick, Lass diesen Haendedruck dir sagen Was unaussprechlich ist: Sich hinzugeben ganz und eine Wonne Zu fuehlen, die ewig sein muss! Ewig!- Ihr Ende wuerde Verzweiflung sein Nein, kein Ende! Kein Ende! (Margarete drueckt ihm die Haende, macht sich los und laeuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)
MARTHE (kommend): Die Nacht bricht an.
MEPHISTOPHELES: Ja, und wir wollen fort.
MARTHE: Ich baet Euch, laenger hier zu bleiben, Allein es ist ein gar zu boeser Ort. Es ist, als haette niemand nichts zu treiben Und nichts zu schaffen, Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen, Und man kommt ins Gered, wie man sich immer stellt. Und unser Paerchen?
MEPHISTOPHELES: Ist den Gang dort aufgeflogen. Mutwill'ge Sommervoegel!
MARTHE: Er scheint ihr gewogen.
MEPHISTOPHELES: Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.
Ein Gartenhaeuschen
Margarete springt herein, steckt sich hinter die Tuer, haelt die Fingerspitze an die Lippen und guckt durch die Ritze.
MARGARETE: Er kommt!
FAUST (kommt): Ach, Schelm, so neckst du mich! Treff ich dich! (Er kuesst sie.)
MARGARETE (ihn fassend und den Kuss zurueckgebend): Bester Mann! von Herzen lieb ich dich! (Mephistopheles klopft an.)
FAUST (stampfend): Wer da?
MEPHISTOPHELES: Gut Freund!
FAUST: Ein Tier!
MEPHISTOPHELES: Es ist wohl Zeit zu scheiden.
MARTHE (kommt): Ja, es ist spaet, mein Herr.
FAUST: Darf ich Euch nicht geleiten?
MARGARETE: Die Mutter wuerde mich- Lebt wohl!
FAUST: Muss ich denn gehn? Lebt wohl!
MARTHE: Ade!
MARGARETE: Auf baldig Wiedersehn! (Faust und Mephistopheles ab.)
MARGARETE: Du lieber Gott! was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschaemt nur steh ich vor ihm da Und sag zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreife nicht, was er an mir findt. (Ab.)
Wald und Hoehle
Faust allein.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet. Gabst mir die herrliche Natur zum Koenigreich, Kraft, sie zu fuehlen, zu geniessen. Nicht Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, Vergoennest mir, in ihre tiefe Brust Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. Du fuehrst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brueder Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, Die Riesenfichte stuerzend Nachbaraeste Und Nachbarstaemme quetschend niederstreift Und ihrem Fall dumpf hohl der Huegel donnert, Dann fuehrst du mich zur sichern Hoehle, zeigst Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust Geheime tiefe Wunder oeffnen sich. Und steigt vor meinem Blick der reine Mond Besaenftigend herueber, schweben mir Von Felsenwaenden, aus dem feuchten Busch Der Vorwelt silberne Gestalten auf Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird, Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne, Die mich den Goettern nah und naeher bringt, Mir den Gefaehrten, den ich schon nicht mehr Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech, Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts, Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt. Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer Nach jenem schoenen Bild geschaeftig an. So tauml ich von Begierde zu Genuss, Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde. (Mephistopheles tritt auf.)
MEPHISTOPHELES: Habt Ihr nun bald das Leben gnug gefuehrt? Wie kann's Euch in die Laenge freuen? Es ist wohl gut, dass man's einmal probiert Dann aber wieder zu was Neuen!
FAUST: Ich wollt, du haettest mehr zu tun, Als mich am guten Tag zu plagen.
MEPHISTOPHELES: Nun, nun! ich lass dich gerne ruhn, Du darfst mir's nicht im Ernste sagen. An dir Gesellen, unhold, barsch und toll, Ist wahrlich wenig zu verlieren. Den ganzen Tag hat man die Haende voll! Was ihm gefaellt und was man lassen soll, Kann man dem Herrn nie an der Nase spueren.
FAUST: Das ist so just der rechte Ton! Er will noch Dank, dass er mich ennuyiert.
MEPHISTOPHELES: Wie haettst du, armer Erdensohn Dein Leben ohne mich gefuehrt? Vom Kribskrabs der Imagination Hab ich dich doch auf Zeiten lang kuriert; Und waer ich nicht, so waerst du schon Von diesem Erdball abspaziert. Was hast du da in Hoehlen, Felsenritzen Dich wie ein Schuhu zu versitzen? Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein Wie eine Kroete Nahrung ein? Ein schoener, suesser Zeitvertreib! Dir steckt der Doktor noch im Leib.
FAUST: Verstehst du, was fuer neue Lebenskraft Mir dieser Wandel in der Oede schafft? Ja, wuerdest du es ahnen koennen, Du waerest Teufel gnug, mein Glueck mir nicht zu goennen.
MEPHISTOPHELES: Ein ueberirdisches Vergnuegen. In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen Und Erd und Himmel wonniglich umfassen, Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen, Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwuehlen, Alle sechs Tagewerk im Busen fuehlen, In stolzer Kraft ich weiss nicht was geniessen, Bald liebewonniglich in alles ueberfliessen, Verschwunden ganz der Erdensohn, Und dann die hohe Intuition- (mit einer Gebaerde) Ich darf nicht sagen, wie- zu schliessen.
FAUST: Pfui ueber dich!
MEPHISTOPHELES: Das will Euch nicht behagen; Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen. Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, Was keusche Herzen nicht entbehren koennen. Und kurz und gut, ich goenn Ihm das Vergnuegen, Gelegentlich sich etwas vorzuluegen; Doch lange haelt Er das nicht aus. Du bist schon wieder abgetrieben Und, waehrt es laenger, aufgerieben In Tollheit oder Angst und Graus. Genug damit! Dein Liebchen sitzt dadrinne, Und alles wird ihr eng und trueb. Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne, Sie hat dich uebermaechtig lieb. Erst kam deine Liebeswut uebergeflossen, Wie vom geschmolznen Schnee ein Baechlein uebersteigt; Du hast sie ihr ins Herz gegossen, Nun ist dein Baechlein wieder seicht. Mich duenkt, anstatt in Waeldern zu thronen, Liess' es dem grossen Herren gut, Das arme affenjunge Blut Fuer seine Liebe zu belohnen. Die Zeit wird ihr erbaermlich lang; Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn Ueber die alte Stadtmauer hin. "Wenn ich ein Voeglein waer!" so geht ihr Gesang Tage lang, halbe Naechte lang. Einmal ist sie munter, meist betruebt, Einmal recht ausgeweint, Dann wieder ruhig, wie's scheint, Und immer verliebt.
FAUST: Schlange! Schlange!
MEPHISTOPHELES (fuer sich): Gelt! dass ich dich fange!
FAUST: Verruchter! hebe dich von hinnen, Und nenne nicht das schoene Weib! Bring die Begier zu ihrem suessen Leib Nicht wieder vor die halb verrueckten Sinnen!
MEPHISTOPHELES: Was soll es denn? Sie meint, du seist entflohn, Und halb und halb bist du es schon.
FAUST: Ich bin ihr nah, und waer ich noch so fern, Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn, Wenn ihre Lippen ihn indes beruehren.
MEPHISTOPHELES: Gar wohl, mein Freund! Ich hab Euch oft beneidet Ums Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.
FAUST: Entfliehe, Kuppler!
MEPHISTOPHELES: Schoen! Ihr schimpft, und ich muss lachen. Der Gott, der Bub' und Maedchen schuf, Erkannte gleich den edelsten Beruf, Auch selbst Gelegenheit zu machen. Nur fort, es ist ein grosser Jammer! Ihr sollt in Eures Liebchens Kammer, Nicht etwa in den Tod.
FAUST: Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen? Lass mich an ihrer Brust erwarmen! Fuehl ich nicht immer ihre Not? Bin ich der Fluechtling nicht? der Unbehauste? Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste, Begierig wuetend nach dem Abgrund zu? Und seitwaerts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen, Im Huettchen auf dem kleinen Alpenfeld, Und all ihr haeusliches Beginnen Umfangen in der kleinen Welt. Und ich, der Gottverhasste, Hatte nicht genug, Dass ich die Felsen fasste Und sie zu Truemmern schlug! Sie, ihren Frieden musst ich untergraben! Du, Hoelle, musstest dieses Opfer haben. Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkuerzen. Was muss geschehn, mag's gleich geschehn! Mag ihr Geschick auf mich zusammenstuerzen Und sie mit mir zugrunde gehn!
MEPHISTOPHELES: Wie's wieder siedet, wieder glueht! Geh ein und troeste sie, du Tor! Wo so ein Koepfchen keinen Ausgang sieht, Stellt er sich gleich das Ende vor. Es lebe, wer sich tapfer haelt! Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt. Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt Als einen Teufel, der verzweifelt.
Teil11