Studierzimmer
Faust. Mephistopheles.
FAUST: Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
MEPHISTOPHELES: Ich bin's.
FAUST: Herein!
MEPHISTOPHELES: Du musst es dreimal sagen.
FAUST: Herein denn!
MEPHISTOPHELES: So gefaellst du mir. Wir werden, hoff ich, uns vertragen; Denn dir die Grillen zu verjagen, Bin ich als edler Junker hier, In rotem, goldverbraemtem Kleide, Das Maentelchen von starrer Seide, Die Hahnenfeder auf dem Hut, Mit einem langen, spitzen Degen, Und rate nun dir, kurz und gut, Dergleichen gleichfalls anzulegen; Damit du, losgebunden, frei, Erfahrest, was das Leben sei.
FAUST: In jedem Kleide werd ich wohl die Pein Des engen Erdelebens fuehlen. Ich bin zu alt, um nur zu spielen, Zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Was kann die Welt mir wohl gewaehren? Entbehren sollst du! sollst entbehren! Das ist der ewige Gesang, Der jedem an die Ohren klingt, Den, unser ganzes Leben lang, Uns heiser jede Stunde singt. Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf, Ich moechte bittre Traenen weinen, Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf Nicht einen Wunsch erfuellen wird, nicht einen, Der selbst die Ahnung jeder Lust Mit eigensinnigem Krittel mindert, Die Schoepfung meiner regen Brust Mit tausend Lebensfratzen hindert. Auch muss ich, wenn die Nacht sich niedersenkt, Mich aengstlich auf das Lager strecken; Auch da wird keine Rast geschenkt, Mich werden wilde Traeume schrecken. Der Gott, der mir im Busen wohnt, Kann tief mein Innerstes erregen; Der ueber allen meinen Kraeften thront, Er kann nach aussen nichts bewegen; Und so ist mir das Dasein eine Last, Der Tod erwuenscht, das Leben mir verhasst.
MEPHISTOPHELES: Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.
FAUST: O selig der, dem er im Siegesglanze Die blut'gen Lorbeern um die Schlaefe windet, Den er, nach rasch durchrastem Tanze, In eines Maedchens Armen findet! O waer ich vor des hohen Geistes Kraft Entzueckt, entseelt dahin gesunken!
MEPHISTOPHELES: Und doch hat jemand einen braunen Saft, In jener Nacht, nicht ausgetrunken.
FAUST: Das Spionieren, scheint's, ist deine Lust.
MEPHISTOPHELES: Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.
FAUST: Wenn aus dem schrecklichen Gewuehle Ein suess bekannter Ton mich zog, Den Rest von kindlichem Gefuehle Mit Anklang froher Zeit betrog, So fluch ich allem, was die Seele Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt, Und sie in diese Trauerhoehle Mit Blend- und Schmeichelkraeften bannt! Verflucht voraus die hohe Meinung Womit der Geist sich selbst umfaengt! Verflucht das Blenden der Erscheinung, Die sich an unsre Sinne draengt! Verflucht, was uns in Traeumen heuchelt Des Ruhms, der Namensdauer Trug! Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt, Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug! Verflucht sei Mammon, wenn mit Schaetzen Er uns zu kuehnen Taten regt, Wenn er zu muessigem Ergetzen Die Polster uns zurechte legt! Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben! Fluch jener hoechsten Liebeshuld! Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allen der Geduld!
GEISTERCHOR (unsichtbar): Weh! weh! Du hast sie zerstoert Die schoene Welt, Mit maechtiger Faust; Sie stuerzt, sie zerfaellt! Ein Halbgott hat sie zerschlagen! Wir tragen Die Truemmern ins Nichts hinueber, Und klagen Ueber die verlorne Schoene. Maechtiger Der Erdensoehne, Praechtiger Baue sie wieder, In deinem Busen baue sie auf! Neuen Lebenslauf Beginne, Mit hellem Sinne, Und neue Lieder Toenen darauf!
MEPHISTOPHELES: Dies sind die Kleinen Von den Meinen. Hoere, wie zu Lust und Taten Altklug sie raten! In die Welt weit, Aus der Einsamkeit Wo Sinnen und Saefte stocken, Wollen sie dich locken. Hoer auf, mit deinem Gram zu spielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frisst; Die schlechteste Gesellschaft laesst dich fuehlen, Dass du ein Mensch mit Menschen bist. Doch so ist's nicht gemeint Dich unter das Pack zu stossen. Ich bin keiner von den Grossen; Doch willst du, mit mir vereint, Deine Schritte durchs Leben nehmen, So will ich mich gern bequemen, Dein zu sein, auf der Stelle. Ich bin dein Geselle, Und mach ich dir's recht, Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!
FAUST: Und was soll ich dagegen dir erfuellen?
MEPHISTOPHELES: Dazu hast du noch eine lange Frist.
FAUST: Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist Und tut nicht leicht um Gottes willen, Was einem andern nuetzlich ist. Sprich die Bedingung deutlich aus; Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.
MEPHISTOPHELES: Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; Wenn wir uns drueben wiederfinden, So sollst du mir das gleiche tun.
FAUST: Das Drueben kann mich wenig kuemmern; Schlaegst du erst diese Welt zu Truemmern, Die andre mag darnach entstehn. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag, was will und kann, geschehn. Davon will ich nichts weiter hoeren, Ob man auch kuenftig hasst und liebt, Und ob es auch in jenen Sphaeren Ein Oben oder Unten gibt.
MEPHISTOPHELES: In diesem Sinne kannst du's wagen. Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen, Mit Freuden meine Kuenste sehn, Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.
FAUST: Was willst du armer Teufel geben? Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben, Von deinesgleichen je gefasst? Doch hast du Speise, die nicht saettigt, hast Du rotes Gold, das ohne Rast, Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt, Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt, Ein Maedchen, das an meiner Brust Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet, Der Ehre schoene Goetterlust, Die, wie ein Meteor, verschwindet? Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht, Und Baeume, die sich taeglich neu begruenen!
MEPHISTOPHELES: Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht, Mit solchen Schaetzen kann ich dienen. Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran, Wo wir was Guts in Ruhe schmausen moegen.
FAUST: Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, So sei es gleich um mich getan! Kannst du mich schmeichelnd je beluegen, Dass ich mir selbst gefallen mag, Kannst du mich mit Genuss betruegen- Das sei fuer mich der letzte Tag! Die Wette biet ich!
MEPHISTOPHELES: Topp!
FAUST: Und Schlag auf Schlag! Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schoen! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn! Dann mag die Totenglocke schallen, Dann bist du deines Dienstes frei, Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, Es sei die Zeit fuer mich vorbei!
MEPHISTOPHELES: Bedenk es wohl, wir werden's nicht vergessen.
FAUST: Dazu hast du ein volles Recht; Ich habe mich nicht freventlich vermessen. Wie ich beharre, bin ich Knecht, Ob dein, was frag ich, oder wessen.
MEPHISTOPHELES: Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus, Als Diener meine Pflicht erfuellen. Nur eins!- Um Lebens oder Sterbens willen Bitt ich mir ein paar Zeilen aus.
FAUST: Auch was Geschriebnes forderst du Pedant? Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt? Ist's nicht genug, dass mein gesprochnes Wort Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten? Rast nicht die Welt in allen Stroemen fort, Und mich soll ein Versprechen halten? Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt, Wer mag sich gern davon befreien? Beglueckt, wer Treue rein im Busen traegt, Kein Opfer wird ihn je gereuen! Allein ein Pergament, beschrieben und bepraegt, Ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen. Das Wort erstirbt schon in der Feder, Die Herrschaft fuehren Wachs und Leder. Was willst du boeser Geist von mir? Erz, Marmor, Pergament, Papier? Soll ich mit Griffel, Meissel, Feder schreiben? Ich gebe jede Wahl dir frei.
MEPHISTOPHELES: Wie magst du deine Rednerei Nur gleich so hitzig uebertreiben? Ist doch ein jedes Blaettchen gut. Du unterzeichnest dich mit einem Troepfchen Blut.
FAUST: Wenn dies dir voellig Gnuege tut, So mag es bei der Fratze bleiben.
MEPHISTOPHELES: Blut ist ein ganz besondrer Saft.
FAUST: Nur keine Furcht, dass ich dies Buendnis breche! Das Streben meiner ganzen Kraft Ist grade das, was ich verspreche. Ich habe mich zu hoch geblaeht, In deinen Rang gehoer ich nur. Der grosse Geist hat mich verschmaeht, Vor mir verschliesst sich die Natur Des Denkens Faden ist zerrissen Mir ekelt lange vor allem Wissen. Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit Uns gluehende Leidenschaften stillen! In undurchdrungnen Zauberhuellen Sei jedes Wunder gleich bereit! Stuerzen wir uns in das Rauschen der Zeit, Ins Rollen der Begebenheit! Da mag denn Schmerz und Genuss, Gelingen und Verdruss Miteinander wechseln, wie es kann; Nur rastlos betaetigt sich der Mann.
MEPHISTOPHELES: Euch ist kein Mass und Ziel gesetzt. Beliebt's Euch, ueberall zu naschen, Im Fliehen etwas zu erhaschen, Bekomm Euch wohl, was Euch ergetzt. Nur greift mir zu und seid nicht bloede!
FAUST: Du hoerest ja, von Freud' ist nicht die Rede. Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuss, Verliebtem Hass, erquickendem Verdruss. Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, Soll keinen Schmerzen kuenftig sich verschliessen, Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, Will ich in meinem innern Selbst geniessen, Mit meinem Geist das Hoechst' und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen haeufen, Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern, Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.
MEPHISTOPHELES: O glaube mir, der manche tausend Jahre An dieser harten Speise kaut Dass von der Wiege bis zur Bahre Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut! Glaub unsereinem, dieses Ganze Ist nur fuer einen Gott gemacht! Er findet sich in einem ew'gen Glanze Uns hat er in die Finsternis gebracht, Und euch taugt einzig Tag und Nacht.
FAUST: Allein ich will!
MEPHISTOPHELES: Das laesst sich hoeren! Doch nur vor einem ist mir bang: Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang. Ich daecht, ihr liesset Euch belehren. Assoziiert Euch mit einem Poeten, Lasst den Herrn in Gedanken schweifen, Und alle edlen Qualitaeten Auf Euren Ehrenscheitel haeufen, Des Loewen Mut, Des Hirsches Schnelligkeit, Des Italieners feurig Blut, Des Nordens Dau'rbarkeit. Lasst ihn Euch das Geheimnis finden, Grossmut und Arglist zu verbinden, Und Euch, mit warmen Jugendtrieben, Nach einem Plane zu verlieben. Moechte selbst solch einen Herren kennen, Wuerd ihn Herrn Mikrokosmus nennen.
FAUST: Was bin ich denn, wenn es nicht moeglich ist, Der Menschheit Krone zu erringen, Nach der sich alle Sinne dringen?
MEPHISTOPHELES: Du bist am Ende- was du bist. Setz dir Peruecken auf von Millionen Locken, Setz deinen Fuss auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was du bist.
FAUST: Ich fuehl's, vergebens hab ich alle Schaetze Des Menschengeists auf mich herbeigerafft, Und wenn ich mich am Ende niedersetze, Quillt innerlich doch keine neue Kraft; Ich bin nicht um ein Haar breit hoeher, Bin dem Unendlichen nicht naeher.
MEPHISTOPHELES: Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen, Wie man die Sachen eben sieht; Wir muessen das gescheiter machen, Eh uns des Lebens Freude flieht. Was Henker! freilich Haend und Fuesse Und Kopf und Hintern, die sind dein; Doch alles, was ich frisch geniesse, Ist das drum weniger mein? Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, Sind ihre Kraefte nicht die meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, Als haett ich vierundzwanzig Beine. Drum frisch! Lass alles Sinnen sein, Und grad mit in die Welt hinein! Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert, Ist wie ein Tier, auf duerrer Heide Von einem boesen Geist im Kreis herum gefuehrt, Und rings umher liegt schoene gruene Weide.
FAUST: Wie fangen wir das an?
MEPHISTOPHELES: Wir gehen eben fort. Was ist das fuer ein Marterort? Was heisst das fuer ein Leben fuehren, Sich und die Jungens ennuyieren? Lass du das dem Herrn Nachbar Wanst! Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen? Das Beste, was du wissen kannst, Darfst du den Buben doch nicht sagen. Gleich hoer ich einen auf dem Gange!
FAUST: Mir ist's nicht moeglich, ihn zu sehn.
MEPHISTOPHELES: Der arme Knabe wartet lange, Der darf nicht ungetroestet gehn. Komm, gib mir deinen Rock und Muetze; Die Maske muss mir koestlich stehn. (Er kleidet sich um.) Nun ueberlass es meinem Witze! Ich brauche nur ein Viertelstuendchen Zeit; Indessen mache dich zur schoenen Fahrt bereit! (Faust ab.)
MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide): Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, Des Menschen allerhoechste Kraft, Lass nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Luegengeist bestaerken, So hab ich dich schon unbedingt- Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, Der ungebaendigt immer vorwaerts dringt, Und dessen uebereiltes Streben Der Erde Freuden ueberspringt. Den schlepp ich durch das wilde Leben, Durch flache Unbedeutenheit, Er soll mir zappeln, starren, kleben, Und seiner Unersaettlichkeit Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben; Er wird Erquickung sich umsonst erflehn, Und haett er sich auch nicht dem Teufel uebergeben, Er muesste doch zugrunde gehn! (Ein SCHUeLER tritt auf.)
SCHUeLER: Ich bin allhier erst kurze Zeit, Und komme voll Ergebenheit, Einen Mann zu sprechen und zu kennen, Den alle mir mit Ehrfucht nennen.
MEPHISTOPHELES: Eure Hoeflichkeit erfreut mich sehr! Ihr seht einen Mann wie andre mehr. Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?
SCHUeLER: Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an! Ich komme mit allem guten Mut, Leidlichem Geld und frischem Blut; Meine Mutter wollte mich kaum entfernen; Moechte gern was Rechts hieraussen lernen.
MEPHISTOPHELES: Da seid Ihr eben recht am Ort.
SCHUeLER: Aufrichtig, moechte schon wieder fort: In diesen Mauern, diesen Hallen Will es mir keineswegs gefallen. Es ist ein gar beschraenkter Raum, Man sieht nichts Gruenes, keinen Baum, Und in den Saelen, auf den Baenken, Vergeht mir Hoeren, Sehn und Denken.
MEPHISTOPHELES: Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt ein Kind der Mutter Brust Nicht gleich im Anfang willig an, Doch bald ernaehrt es sich mit Lust. So wird's Euch an der Weisheit Bruesten Mit jedem Tage mehr geluesten.
SCHUeLER: An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen; Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
MEPHISTOPHELES: Erklaert Euch, eh Ihr weiter geht, Was waehlt Ihr fuer eine Fakultaet?
SCHUeLER: Ich wuenschte recht gelehrt zu werden, Und moechte gern, was auf der Erden Und in dem Himmel ist, erfassen, Die Wissenschaft und die Natur.
MEPHISTOPHELES: Da seid Ihr auf der rechten Spur; Doch muesst Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
SCHUeLER: Ich bin dabei mit Seel und Leib; Doch freilich wuerde mir behagen Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib An schoenen Sommerfeiertagen.
MEPHISTOPHELES: Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen. Mein teurer Freund, ich rat Euch drum Zuerst Collegium Logicum. Da wird der Geist Euch wohl dressiert, In spanische Stiefeln eingeschnuert, Dass er bedaechtiger so fortan Hinschleiche die Gedankenbahn, Und nicht etwa, die Kreuz und Quer, Irrlichteliere hin und her. Dann lehret man Euch manchen Tag, Dass, was Ihr sonst auf einen Schlag Getrieben, wie Essen und Trinken frei, Eins! Zwei! Drei! dazu noetig sei. Zwar ist's mit der Gedankenfabrik Wie mit einem Weber-Meisterstueck, Wo ein Tritt tausend Faeden regt, Die Schifflein herueber hinueber schiessen, Die Faeden ungesehen fliessen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlaegt. Der Philosoph, der tritt herein Und beweist Euch, es muesst so sein: Das Erst waer so, das Zweite so, Und drum das Dritt und Vierte so; Und wenn das Erst und Zweit nicht waer, Das Dritt und Viert waer nimmermehr. Das preisen die Schueler allerorten, Sind aber keine Weber geworden. Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben, Sucht erst den Geist heraus zu treiben, Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt, leider! nur das geistige Band. Encheiresin naturae nennt's die Chemie, Spottet ihrer selbst und weiss nicht wie.
SCHUeLER: Kann Euch nicht eben ganz verstehen.
MEPHISTOPHELES: Das wird naechstens schon besser gehen, Wenn Ihr lernt alles reduzieren Und gehoerig klassifizieren.
SCHUeLER: Mir wird von alledem so dumm, Als ging, mir ein Muehlrad im Kopf herum.
MEPHISTOPHELES: Nachher, vor allen andern Sachen, Muesst Ihr Euch an die Metaphysik machen! Da seht, dass Ihr tiefsinnig fasst, Was in des Menschen Hirn nicht passt; Fuer was drein geht und nicht drein geht, Ein praechtig Wort zu Diensten steht. Doch vorerst dieses halbe Jahr Nehmt ja der besten Ordnung wahr. Fuenf Stunden habt Ihr jeden Tag; Seid drinnen mit dem Glockenschlag! Habt Euch vorher wohl praepariert, Paragraphos wohl einstudiert, Damit Ihr nachher besser seht, Dass er nichts sagt, als was im Buche steht; Doch Euch des Schreibens ja befleisst, Als diktiert, Euch der Heilig Geist!
SCHUeLER: Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen! Ich denke mir, wie viel es nuetzt Denn, was man schwarz auf weiss besitzt, Kann man getrost nach Hause tragen.
MEPHISTOPHELES: Doch waehlt mir eine Fakultaet!
SCHUeLER: Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
MEPHISTOPHELES: Ich kann es Euch so sehr nicht uebel nehmen, Ich weiss, wie es um diese Lehre steht. Es erben sich Gesetz' und Rechte Wie eine ew'ge Krankheit fort; Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte, Und ruecken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; Weh dir, dass du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist, leider! nie die Frage.
SCHUeLER: Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt. O gluecklich der, den Ihr belehrt! Fast moecht ich nun Theologie studieren.
MEPHISTOPHELES: Ich wuenschte nicht, Euch irre zu fuehren. Was diese Wissenschaft betrifft, Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden, Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift, Und von der Arzenei ist's kaum zu unterscheiden. Am besten ist's auch hier, wenn Ihr nur einen hoert, Und auf des Meisters Worte schwoert. Im ganzen- haltet Euch an Worte! Dann geht Ihr durch die sichre Pforte Zum Tempel der Gewissheit ein.
SCHUeLER: Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein. MEPHISTOPHELES: Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu aengstlich quaelen Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Mit Worten laesst sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten, An Worte laesst sich trefflich glauben, Von einem Wort laesst sich kein Jota rauben.
SCHUeLER: Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen, Allem ich muss Euch noch bemuehn. Wollt Ihr mir von der Medizin Nicht auch ein kraeftig Woertchen sagen? Drei Jahr ist eine kurze Zeit, Und, Gott! das Feld ist gar zu weit. Wenn man einen Fingerzeig nur hat, Laesst sich's schon eher weiter fuehlen.
MEPHISTOPHELES (fuer sich): Ich bin des trocknen Tons nun satt, Muss wieder recht den Teufel spielen. (Laut.) Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen; Ihr durchstudiert die gross, und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu lassen, Wie's Gott gefaellt. Vergebens, dass Ihr ringsum wissenschaftlich schweift, Ein jeder lernt nur, was er lernen kann; Doch der den Augenblick ergreift, Das ist der rechte Mann. Ihr seid noch ziemlich wohl gebaut, An Kuehnheit wird's Euch auch nicht fehlen, Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut, Vertrauen Euch die andern Seelen. Besonders lernt die Weiber fuehren; Es ist ihr ewig Weh und Ach So tausendfach Aus einem Punkte zu kurieren, Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut, Dann habt Ihr sie all unterm Hut. Ein Titel muss sie erst vertraulich machen, Dass Eure Kunst viel Kuenste uebersteigt; Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen, Um die ein andrer viele Jahre streicht, Versteht das Puelslein wohl zu druecken, Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken, Wohl um die schlanke Huefte frei, Zu sehn, wie fest geschnuert sie sei.
SCHUeLER: Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.
MEPHISTOPHELES: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und gruen des Lebens goldner Baum.
SCHUeLER: Ich schwoer Euch zu, mir ist's als wie ein Traum. Duerft ich Euch wohl ein andermal beschweren, Von Eurer Weisheit auf den Grund zu hoeren?
MEPHISTOPHELES: Was ich vermag, soll gern geschehn.
SCHUeLER: Ich kann unmoeglich wieder gehn, Ich muss Euch noch mein Stammbuch ueberreichen, Goenn Eure Gunst mir dieses Zeichen!
MEPHISTOPHELES: Sehr wohl. (Er schreibt und gibt's.)
SCHUeLER (liest): Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum. (Macht's ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)
MEPHISTOPHELES: Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange, Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottaehnlichkeit bange! (Faust tritt auf.)
FAUST: Wohin soll es nun gehn?
MEPHISTOPHELES: Wohin es dir gefaellt. Wir sehn die kleine, dann die grosse Welt. Mit welcher Freude, welchem Nutzen Wirst du den Cursum durchschmarutzen!
FAUST: Allein bei meinem langen Bart Fehlt mir die leichte Lebensart. Es wird mir der Versuch nicht gluecken; Ich wusste nie mich in die Welt zu schicken. Vor andern fuehl ich mich so klein; Ich werde stets verlegen sein.
MEPHISTOPHELES: Mein guter Freund, das wird sich alles geben; Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.
FAUST: Wie kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?
MEPHISTOPHELES: Wir breiten nur den Mantel aus, Der soll uns durch die Luefte tragen. Du nimmst bei diesem kuehnen Schritt Nur keinen grossen Buendel mit. Ein bisschen Feuerluft, die ich bereiten werde, Hebt uns behend von dieser Erde. Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf; Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf!
Teil7