Das Wunschzettelpostamt
Es ist mal wieder Dezember und die Menschen befinden sich in der Adventszeit schon im Weihnachtsstress. Egal, ob vor, zwischen oder nach der Arbeit. Sie stürmen in die Läden, um noch Geschenke einkaufen zu können, bevor es vielleicht zu spät ist, schließlich sind es bloß noch zehn Tage bis Heiligabend. Doch es gibt auch gewisse Menschen, die ihren Weihnachtsstress während der Arbeit haben.
In einem kleinen Dorf in der zentralen Mitte Deutschlands befindet sich nämlich etwas ganz besonderes, welches in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur hat. Es ist das Wunschzettelpostamt.
In aller ersten Linie hört sich dieser Begriff schon etwas eigenartig an und man kann darüber vielleicht auch lachen. Doch in Wirklichkeit verbirgt sich dahinter das wohl bedeutendste Postamt Deutschlands, denn hier werden in der Adventszeit alle Wunschzettel gesammelt und bearbeitet. Natürlich können die dort nicht jeden Wunsch erfüllen, denn sie erhalten täglich tausende Briefe und Postkarten aus dem ganzen Land. Egal ob Postbote, Sekretär oder Geschenkeinpacker, im Amt haben mehr als 500 Menschen einen Arbeitsplatz gefunden. Darunter darf natürlich nicht der Chef, namens Bertold fehlen, der mit seinen Augen den Überblick über seine Firma behält. Das die meisten Menschen, vor allem die Kinder, ihn mit Weihnachtsmann oder Christkind anschreiben, daran hat er sich schon längst gewöhnt. Normalerweise lässt er ja keine Besucher in sein Postamt samt Werkstatt betreten, aber für mich machte er eine Ausnahme, sodass ich mir alles einmal anschauen durfte, wie es dort so vor sich ging. Per Post werden die ganzen Zuschriften an das Postamt geschickt. Und damit sich Bertold nicht tausende Briefe am Tag durchlesen muss, hat er immerhin fast hundert Mitarbeiter, die ihm dabei helfen. Kann man das Problem lösen, welches die Menschen ansprechen, geht der Brief weiter an die Werkstatt, wo die einzelnen Geschenke zusammengepackt werden. Ich bekam die Erlaubnis, mir mal ein paar Zusendungen durchlesen zu dürfen und wollte natürlich wissen, wie die Mitarbeiter die Probleme lösen. Das erste, was ich in die Hand bekam, war ein Brief eines zehnjährigen Jungen namens Paul, der sich endlich mal eine Modelleisenbahn wünschte, da er mal später bei der Deutschen Bahn arbeiten möchte. Der Brief ging weiter an die Werkstatt, die ihm eine Eisenbahn mit zwei Hängern und zehn dazu passenden Schienen einpackte. Dann hatte ich auch schon den zweiten Zettel in der Hand, der von dem zwölfjährigen Konrad geschrieben wurde. Trotz vieler Rechtschreibfehler sahen wir, dass er ein neues Fahrrad möchte, weil sein altes zu klein ist und er doch schon gewachsen ist. Klar, dass die Werkstatt ihm jetzt kein großes Fahrrad einpacken kann und somit landet der Zettel bei einer Firma, die Fahrräder herstellt. Beim nächsten Mitarbeiter fand ich einen Brief der kleinen Eva, die gerade mal fünf Jahre alt war. Sie konnte zwar noch nicht schreiben, aber trotzdem wussten wir, was sie wollte, denn sie hatte es auf dem Papier aufgemalt. Eva wollte unbedingt ein Puppenhaus geschenkt bekommen und das war auch für die Werkstatt kein Problem, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Wieder ging ich zum nächsten Mannschaftsmitglied vom Postamt und fand einen Brief, der etwas länger war, als die anderen. In ihm stand drin, wie ein dreizehnjähriger schildert, dass er seit nun schon zehn Jahren Diabetes hat und somit nicht soviel Süßes Essen darf. Er wünscht sich so sehr ein Paket, voll gepackt mit Diät-Schokolade, die er genüsslich verzehren kann, obwohl er es sich nicht vorstellen kann, dass der Weihnachtsmann so was überhaupt hat. Ich gab dem Sekretär den Brief, der darüber auch wenig lachte und meinte, dass Maurice, so heißt der Junge, jede Menge davon haben kann. Nachdem er das gesagt hat, las ich schon den nächsten Zettel. Sein Name ist Friedrich, 25 Jahre alt und so gut wie obdachlos. Der kalte Winter steht bevor und er hat kein Geld, um sich warme Kleidung kaufen zu können. Ich fragte den Mitarbeiter, wie er denn das Problem lösen soll. Dieser schaute sich den Zettel an und sagte: „Zum Glück hat der junge Mann seine Kleidergrößen angegeben. Wir geben ihn ein paar warme Sachen mit und legen auch noch ein wenig Geld mit hinein.“ Ich war froh, dass das Wunschzettelpostamt für scheinbar alles eine Lösung fand. Ich blätterte ein paar Briefe weiter und zog mir nun das vom Marcel heraus. Er ist 17 Jahre alt und er hat es langsam satt noch in seinem Alter Socken und Schals von der Oma zu bekommen. Es würde ihm ja reichen, wenn er dieses Jahr zu Weihnachten nur eine neue Uhr bekäme, aber bloß nicht wieder irgendwelche Sachen, die er dann sowieso nicht anzieht, weil die Kleidung nicht in der Mode seiner Altersgruppe mehr ist. Ich zeigte den Brief wieder dem Sekretär, der darauf antwortete: „Ja ja, die Jugend. Dieses Jahr eine Uhr und im nächsten Jahr wollen sie ein Auto oder Motorrad. Na ja, was soll’s. Auch dieser Wunsch wird erfüllt, denn ich kann ihn gut verstehen, dass er es nicht mag, wenn er immer nur Kleidungsstücke bekommt. Er hat zwar nicht geschrieben, was er für eine Uhr möchte, aber die meisten wollen Digitaluhren und die bekommt er für zirka 30 Euro.“ Dann sagte er mir, dass gleich eine Konferenz zwischen Bertold und zwanzig weiteren Mitarbeitern stattfindet, die sich zweimal täglich treffen, um schwierigere Fälle zu lösen. Ich solle mir das mal in Ruhe anschauen, weil es manchmal sehr interessant sein soll. Also ging ich hin und tatsächlich ließen sie mich mit bei der Konferenz dran teilnehmen. Bertold sagte zu mir, dass hier die Fälle bearbeitet werden, die sonst immer beim Sorgentelefon anzutreffen sind. Ich war ganz Ohr und hörte, wie der erste Brief vorgelesen wurde, welches wie folgt geschrieben wurde:
„Lieber Weihnachtsmann, ich weiß, dass du im Himmel zu Hause bist und von dort oben am Heiligabend mit deinen Rentieren zu uns kommst, um die Geschenke zu verteilen. Kannst du mir bitte was mitbringen ? Mein Vater sagte vor drei Monaten, dass meine Mama jetzt im Himmel ist. Ich vermisse sie aber schon sehr. Bitte bringt sie von dort oben mit, denn ich würde mich freuen, wenn unsere Mama zu Weihnachten wieder da ist. Ich will ihr nämlich was Schönes schenken. Deine Anne, 6 Jahre alt.“ Nachdem dieser Brief vorgelesen wurde, brauchten die Kollegen nicht lange überlegen, denn sie konnten dem Kind nicht helfen und die Mutter wieder lebendig machen. Es bekam aber einer die Aufgabe, es möglichst verständnisvoll an das Kind Zurückzuschreiben, sodass es nicht traurig ist. Es ging weiter in der Runde und so wurde schon der nächste Brief mit folgenden Worten vorgelesen, welches von der neunjährigen Katrin stammt: „Lieber Weihnachtsmann. Ich wünsche mir ein Bruder oder eine Schwester. Ich bin so allein und hätte gerne noch ein Geschwisterchen.“ Auch dieses Problem lässt sich nicht so einfach lösen und so appelliert Bertold einen aus der Konferenz, den Eltern zu schreiben, ob es nicht irgendwie möglich wäre, wenn die kleine Katrin noch Geschwisterchen bekommen könnte. Dann kam auch schon ein Zettel vom Alfons. Er ist vierzig Jahre alt und wünscht sich ganz gerne ein Lottogewinn, sodass er bis zur Rente nicht mehr arbeiten gehen muss. Alle Mitarbeiter mussten lachen, weil sie in ihren Köpfen sicherlich auch schon mal an das Gleiche gedacht haben. Natürlich konnte man dem Mann nicht Millionen schenken, aber über hundert Euro, wäre er wahrscheinlich auch nicht unglücklich. Dazu wurde ein Zettel gelegt mit der Antwort, dass er ruhig noch mal ein bisschen arbeiten gehen sollte. Im nächsten Brief schrieb die 15-jährige Diana, dass sie sich so gerne Frieden auf Erden wünscht. Sie bekam folgende Antwort zurück: „Liebe Diana. Du wirst sicherlich wissen, dass wir deinen Wunsch nicht erfüllen können, weil er einfach zu groß ist. Aber wir können, genauso wie du dazu beitragen ein wenig Frieden in die Welt zu setzen, indem sich zum Beispiel nach einem Streit wieder versöhnt wird. Gerade zu Weihnachten wäre es was ganz tolles, wenn alles um dich herum friedlich wäre. Mit lieben Gruß, der Weihnachtsmann.“ Anschließend kam der Brief der elfjährigen Christine in die Hände. Sie schrieb: „Hallo. In alle erste Linie muss ich Euch sagen, dass nicht ich den Brief, sondern meine Schwester geschrieben hat, denn ich bin seit Geburt an blind. Ich weiß ja, dass ihr mich nicht zum Sehen bringen könnt, aber ich würde mich freuen, wenn dafür ein anderes Kind in der Welt sein Augenlicht zurückbekommen könnte.“ Bertold überlegte eine Weile, kam dann aber zu folgenden Entschluss: „Christine ist für ihr junges Alter ein sehr starkes Mädchen. Und darum habe ich folgendes beschlossen: In Indien kostet eine Augen-Operation nur wenige Euro. Deshalb möchte ich, dass ihr den Brief kopiert und ihn an das Hilfswerk nach Indien mit zusätzlichen zweihundert Euro schickt. Und damit Christine auch was davon hat, bekommt sie von uns auch soviel Geld, außerdem die Antwort, dass wir sie bewundern und nicht nur den Menschen in Indien, sondern auch ihr helfen wollen, da sie nicht nur an sich gedacht hat.“ Alle klatschten, als sie die Lösung für das Problem hörten. Dann war auch schon der achtjährige Junge namens Adrian an der Reihe, der sich so gerne Schnee zum Heiligabend wünscht. Leider kann die Mannschaft keinen Schnee herzaubern, aber man schrieb ihm zurück, dass, wenn er in der Nähe von Bergen wohnen sollte, dort die Chancen für Weiße Weihnachten höher liegen, als im Tal. Nach einer kurzen Kaffeepause ging es mit der Elizabeth weiter, die schon 75 Jahre alt ist. Sie hat das Problem, wie fast jeder Mensch in dem Alter, dass man häufiger mal krank wird. Und da die Arzneimittel mit der Zeit teurer geworden sind, würde sie sich über ein Gesundheitspaket freuen. Bertold sagte zu den anderen, das man ein Paket aus den wichtigsten Medikamenten zusammenstellen sollte, beispielsweise was gegen Fieber und Schmerzen oder etwas für den Magen und natürlich auch reichlich Zusatzstoffe, wie Calcium, Magnesium oder Vitamine. Der Zettel ging sofort an die Werkstatt weiter, die das Gesundheitspaket auf Anweisung für Elizabeth zusammenstellten. Dann durfte auch ich einen Brief vorlesen:
„An das Wunschzettelpostamt. Ich heiße Frank, bin sechzehn Jahre alt und brauche Eure Hilfe. Seit vier Monaten bin ich Konsument von verschiedenen Drogen. Aus schulischen Problemen und durch das Überreden meiner Kumpels habe ich damit angefangen. Allerdings gestehe ich längst, dass es nicht die Lösung meiner Probleme ist. Ich habe versucht, langsam abzubauen, aber es klappt einfach nicht. Im kommenden Jahr möchte ich meinen Realschulabschluss schaffen, wobei es zurzeit nicht danach aussieht. Bitte, ich brauche Eure Hilfe.“ Nachdem ich diesen Brief vorgelesen habe, sagte Bertold nach einer Weile zu einem seiner Mitarbeiter: „Schreibe du an Frank zurück, indem du erwähnst, dass er nicht langsam, sondern sofort aufhören soll, Drogen zu nehmen, wenn er noch seinen Abschluss schaffen möchte. Ansonsten solle er sich einen Psychiater besorgen oder einen Entzug machen. Schreibe die Antwort möglichst mit viel Motivation.“ Der Schreiber verließ den Raum und ging weiter in sein Büro. Dann hatte mein Banknachbar auch schon den nächsten Zettel in der Hand, welches vom 18-jährigen Stefan kam. Er beschrieb, wie sehr er alleine sei und sich gerne einen Partner oder eine Partnerin zu Weihnachten wünsche. Ihm wurde geantwortet, dass man ihm natürlich keinen so schnell besorgen kann, aber sie hinterließen ihm auch ein paar Kontaktadressen, an die sich Stefan wenden könnte. Als nächstes kam ein Brief von der 91-jährigen Ingrid, die sich nichts Schöneres wünschen will, als einen friedlichen Tod. Sie hat niemanden mehr an ihrer Seite und lebt nun ganz allein. Doch diesen Gefallen werden weder Bertold, noch irgendein anderer Mitarbeiter tun, denn auch wenn sie alleine ist, sollte sie dennoch weiterleben. Die 65-jährige Margitta schrieb auf dem folgenden Stück Papier: „Vor zwei Monaten hatte mein Mann einen schweren Unfall und lag anschließend im Koma. Vor vier Wochen dann endlich, wachte er auf, muss allerdings ins Heim, da sein Gedächtnis darunter sehr litt. Ich bete zu Gott, dass er dort gut aufgehoben ist und sich nicht quält. Aber dennoch mache ich mir große Sorgen um ihn.“ Der Chef des Postamtes sprach in die Konferenz, dass einer, der Frau mal richtig Mut zusprechen und sie von ihren Ängsten ein wenig befreien solle. Daraufhin verließ wieder einer den Raum, während danach wieder derjenige den Saal betrat, der denn ersten Fall bearbeitete. Seine Arbeit hat er erledigt und war nun wieder ganz Ohr, welches Problem als nächstes anstand. Es wurde nicht lange herumdiskutiert, da lag ihm auch schon der nächste Brief vor der Nase. Dieser stammte von der 28-jährigen Ramona, die seit einiger Zeit einen Streit zwischen ihr und ihrer Schwägerin hat. Daraufhin Bertold: „Schreibe ihr zurück, dass gerade das Weihnachtsfest das Fest der Liebe, des Friedens, der Familie und der Versöhnung ist. Und ich glaube, dass Ramona dass auch verstehen wird.“ Draußen wird es mittlerweile schon dunkel, also beschloss ich, noch zwei Fälle abzuwarten und dann zu gehen. Aber scheinbar habe ich das auch schon richtig vorausgesagt, denn es lagen auch nur noch zwei Zettel in der Mitte des Tisches. Der erste stammt von einer 20-jährigen jungen Frau, die folgende Worte schrieb: „Ich bin im sechsten Monat schwanger und erwarte demnach in drei Monaten ein Kind. Allerdings wird dieses Kind eine Behinderung davon tragen müssen. Als der vier Jahre jüngere Vater des Kindes davon erfuhr, hat er mich zur Wahl gestellt. Entweder ich soll das Kind abtreiben oder er wolle von mir nichts mehr wissen. Bitte helft mir. Lieben Gruß Marion.“ Der Sekretär, der den Fall bearbeitete sollte nicht nur einen, sondern gleich zwei Briefe schicken. Eins schickte er der Marion und den anderen ihrem Freund, der das Kind zeugte. Denn zum Glück hat sie die Adresse ihres Freundes hinterlassen. Sie solle nicht aufgeben und er solle sich trotz aller Umstände und Schwierigkeiten ihr nahe stehen und sich mit um das gemeinsame Kind kümmern. Der letzte Brief für den heutigen Abend kam vom 19-jährigen Dominik, der sich wünscht, dass er die Abiturprüfung schafft und anschließend eine gesicherte Arbeitsstelle bekommt. Die Mannschaft vom Wunschzettelpostamt kann ihm zwar nicht bei der Prüfung helfen, aber sie gaben ihm eine Menge Lerntipps mit, die er gut gebrauchen könnte, und wünschten ihm natürlich alles erdenklich Gute für die bevorstehende Abiturprüfung und seinem weiteren Lebensweg. Nach diesen Worten erleuchteten die Lichterketten des gesamten Gebäudekomplexes. Ich bedankte mich noch mal bei dem Chef Bertold für die Gastfreundschaft und verließ somit langsam den Raum, um wieder in mein Auto zu steigen. Es war schon eine Erfahrung wert gewesen, an der Konferenz und Arbeit der Mitarbeiter teilzunehmen. Sicherlich haben sie in den nächsten Tagen noch eine Menge zu erledigen, bevor auch sie endlich Weihnachten feiern können. Zuhause habe ich mir auch noch mal ein wenig Gedanken über manch einen Fall gemacht. Es ist schwierig zu glauben, dass die Menschen so etwas zu Weihnachten erleben, aber leider gibt es diese Fälle und man kann für sie nur das Beste hoffen. Ich habe aber noch was vergessen. Am Ende meines Rundganges im Wunschzettelpostamt wünschten mir Bertold und seine Kollegen, all denjenigen, den ich darüber erzähle, ein frohes Weihnachtsfest.
„Das Wunschzettelpostamt“, verfasst von Christian Frohs, am 15./16. Dezember 2004
in Weißwasser.
Wörter: 2459