Liebeskummer
Eines Abends gingen meine Eltern und ich zum Abendessen in den Speisesaal unseres Hotels. Wir füllten unsere Teller mit reichlich Speisen und setzten uns anschließend an den Tisch. Es dauerte nicht lange, da sah ich einen gut aussehenden Jungen, vielleicht zwanzig Jahre alt. Ich verknallte mich sofort in ihn und konnte es kaum ertragen, immer wieder wegschauen zu müssen, damit ich nicht so auffällig wirkte. Aber es ließ mir einfach keine Ruhe. Nach dem Abendessen spielten meine Eltern und ich, und durch das Gitter des Balkons sah ich wieder diesen Typen. Ich wusste nicht, worauf sich meine Gedanken mehr konzentrierten, auf das Spiel oder auf ihn. Vor dem Schlafen gehen, schwirrten mir Gedanken und Gefühle durch den Kopf. Es schien, als wenn Schmetterlinge durch den Bauch tanzten. Ich war in ihn richtig verliebt. Am nächsten Tag hätte ich gerne gewusst, in welchem Appartement er wohl seinen Unterschlupf hatte. Aber ich sah ihn immer nur zu den morgendlichen und abendlichen Mahlzeiten. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, wurden meine Gefühle tiefer und tiefer. Doch dabei sollte es anscheinend nicht bleiben. Am dritten Tag unserer Reise, sah ich, wieder beim Abendessen, einen weiteren charmanten jungen Mann, höchstens so alt wie ich. Auch ihn konnte ich kaum außer Acht lassen. Nun hatte ich mich tatsächlich in zwei Typen verknallt. Erstaunlich, dass ich noch viel Essen konnte, obwohl mein Magen ständig von den Gefühlen in Bewegung geriet. Am nächsten Abend sah ich dann meinen ersten Schwarm unten am Pool sitzen. Es war mittlerweile dunkel und ich beobachtete ihn viele Minuten lang, während meine Eltern schon schliefen. Zu ihm setzte sich ein zweiter Kerl, der vielleicht um die Mitte zwanzig war. Doch wer war dieser Typ, dachte ich mir. Sind die beiden heimlich ein Paar ? Je nachdem, der Wind strich durch meine Haare und sagte etwas Ungutes in mir voraus. Die beiden Typen gingen dann in Richtung anderes Hotel oder zu den Klippen. Von da an sah ich ihn nie wieder, denn er erschien erstmalig nicht mehr zum Frühstück und so litt ich hinter ihm her. Nur zwei Tage vor unserer Abreise sah ich schon den dritten im Bunde, und ich machte mir ernsthafte Gedanken, wie viele es wohl noch werden könnten. Der dritte Typ war auch so in meinem Alter und hatte noch einen jüngeren Bruder bei sich, vielleicht um die vierzehn. Am Strand sah ich ihn dann oben ohne und nur in Badeshorts. Sein Körper sah einfach genial aus und ich wusste nicht mehr wohin, mit meinen Gefühlen. Ich war in drei Jungs gleichzeitig verliebt, auch wenn der erste schon längst wieder weggeflogen ist. Nie hätte ich in meinem Leben gedacht, dass mein Bauch die Schmetterlinge von gleich drei Typen aufnehmen konnte. Aber gleichzeitig fühlte es sich so schön an, einfach umwerfend und unbeschreiblich. Am letzten Abend, vor unserer Abfahrt, ging vor unserem Appartement auf einmal mein zweiter Schwarm vorbei, drehte sich zu mir und wir schauten uns an. War dies das Zeichen, dass er sich auch in mich verguckt hat ? Wahrscheinlich nein, denn im Anscheinen hat er mich nur, wegen meinem Bermudahemd angeschaut, welches ich zu diesem Zeitpunkt trug. Beim Abendessen sah ich dann auch noch mal meinen dritten Jungen, ehe ich beide zu dieser letzten Mahlzeit auch das letzte Mal sah. Als es dunkel war, und meine Eltern schon schliefen, ging ich auf dem Balkon, in der Hoffnung, einen noch mal zu sehen, aber vergebens. Wieder zog der Wind durch mein Haar und ich fühlte mich auf einmal so allein. So auch am nächsten Morgen. Wir standen bereits auf, als es immer noch dunkel war. Ich ging wieder auf den Balkon, und war nun ernsthaft traurig – Liebeskummer machte sich in mir breit. Der Bus fuhr los und wir verließen das Gelände, um weiter in Richtung Spanien zu fahren, weil wir dort unsere zweite Urlaubswoche erleben wollten. Die mehrstündige Busfahrt vom Hotel zum Flughafen und von dort nach Spanien hat meinen Liebeskummer noch weiter verstärkt. Als wir ankamen, sah ich viele Menschen, das Hotel war regelrecht voll. Doch das schlimmste: Keiner war in meinem Alter. Entweder unter zwölf oder über dreißig Jahre. Ich musste ununterbrochen an die drei aus Portugal denken und hätte sie gerne in Spanien wieder gesehen. Aber es wurde immer schlimmer. Das Hotelzimmer gefiel uns nicht so, wie wir es dachten. Dann geschah etwas eigenartiges. Draußen lief die Ballade „Everytime“ von Britney Spears. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir richtig schlecht. Ich hätte am liebsten bis zur Erschöpfung geheult, aber es ging irgendwie nicht, vielleicht, weil ich nicht alleine war. Der anschließende Strandspaziergang stürzte mich noch tiefer. Der Strand war total unsauber und ein Gestank machte sich breit, der einem den Magen verdrehte. Bei der Hitze wollte man irgendwie baden, aber hier ? Nein. Am liebsten wäre ich im Boden versunken und in Portugal aufgetaucht. Das Abendessen gefiel uns auch nicht so sehr, die Bedienung verstand keine Worte, die wie erzählten. Rundherum fast nur Engländer. War das noch ein Urlaub ? Ich glaube, es kam für mich wie ein endlos langer, aber realer Alptraum vor, aus dem es kein zurück mehr zu geben schien. Der Liebeskummer zu drei Menschen, in die ich mich verliebt habe und dann noch die vielen äußerst negativen Ereignisse in Spanien, brachten mich regelrecht zur Verzweiflung. Nach dreieinhalb Tagen, brachen wir den Urlaub in Spanien ab und wurden wieder nach Portugal geschickt. Ich hatte gehofft, wieder zu meinen beiden Typen zu kommen, aber das Hotel war leider schon ausgebucht. Auf dem Weg zu unserem dritten Hotel fuhren wir an unserem ersten vorbei. Am liebsten wäre ich jetzt ausgestiegen, doch es half nichts, ich musste mich nun durchkämpfen. Das dritte Hotel war auch nicht gerade das beste. Mangelware beim Essen und eine Bucht, bei der der Strand zu voll war. Die gesamte Stadt versammelte sich an diesem Ort. An den letzten Tagen unseres Urlaubes musste ich nur sehr wenig an meine drei denken, doch es kam alles wieder hoch, als wir auf der Rückfahrt zum Flughafen wieder an diesem Hotel vorbei fuhren und eine unglaublich schöne Ballade lief, bei der ich allerdings nicht wusste, wer sie sang und wie der Titel hieß. Auf dem Rückflug sah ich dann einen vierten gut aussehenden Typen, der ein paar Jahre älter sein musste, als ich. Einmal sah er mich an und lächelte. Aber wahrscheinlich nur, wegen meiner schönen Sonnenbrille, denn am Ankunftsflughafen, als ich ihn an sah, schaute er mich etwas grimmig an. Und so verging mein erster Urlaub mit Verliebt sein und Liebeskummer, wenn auch gleich in vierfacher Ausführung, was die Situation stark verschärft hatte. Nur fünf Tage später, war ich alleine im Westen zur Berufsschule. Ich kaufte mir die CD, die ich in Spanien gehört hatte. Abends hörte ich mir diese Ballade drei Mal in Folge an und endlich drückte ich meinen Liebesschmerz so richtig heraus. Ich weinte und war froh, denn danach ging es mir Tag für Tag besser und ich vergaß allmählich den Liebeskummer. Aber meine drei Schwärme vergesse ich nicht so schnell. Noch nie zuvor hatte ich wegen Liebeskummer weinen müssen.
[Liebeskummer hatte sicherlich jeder mal in seinem Leben gehabt.
Und genauso, wie es vielen Menschen täglich ergeht, so erging es auch mir, als ich im Portugalurlaub gewesen bin. Also, eine wahre Geschichte. Danach war ich mir nun sicher, dass ich schwul bin.]
„Liebeskummer“ von Christian Frohs, verfasst am Mittwoch, 22. September 2004.
Wörter: 1170