Die Stadt der Toten

 

Ich liege auf dem Boden

Im Dreck von Staub und Schutt

Ein seichter Wind durchfährt mein Haar

Meine Augen geschlossen

Mein Gesicht schmutzig

Mein Körper durchzogen

Von Wunden und Blut

Um mich herum;

Still.

 

Ich öffne meine Augen

Und schaue hinaus in die weite Welt

Vor mir

Ein trüber Horizont

Eingenebelt vom Staub

Ich steh auf und dreh mich um

Vor mir

Trümmer

Schmerz

Leid

Blut;

Und Tod.

 

Ich fing an zu Laufen

Quälend zerrte es in den Wunden

Doch es ging weiter

Vorbei an Leichen;

Verbrannt

Erschossen

Zerrissen

Links und rechts

Am Rande der Straße;

Trümmer

Schutt

Und Asche

 

Ich ging ein paar Meter weiter

Die Luft stank;

Nach verbranntem

Nach Leichen

Nach Tod

Um mich herum;

Einsamkeit

Stille

Und Angst

 

Vor meinen Augen

Unsere Kirche

Zufluchtsort für viele Menschen

Doch ich sah nur eins;

Zerbombt

Eingefallen

Zusammengestürzt

Es zog mich vor den Eingang

Ich fand ein Kreuz

Selbst Gott schien hier zu fehlen

Nur ich bin noch hier;

Einsam

Verlassen

Allein

 

Ich ging weiter zu unserem Haus

Und fand meine Familie;

 

Meine Mutter

Ihr Körper

Übersät von

Einschusslöchern

Blut

Und Verzweiflung

 

In ihrem Arm

Mein kleinster Bruder

Zwei Monate alt

Erschossen

Von Sechs Kugeln

Und herausgerissenen Augen

 

Daneben mein Vater

Stolzer Soldat

Getroffen und getötet;

Keine Beine

Keine Arme

Keinen Kopf

 

Zehn Meter weiter

Meine Schwester

Gerade mal fünf Jahre alt

Verbrannt

Von Kopf bis Fuß

Der Mund

Weit geöffnet

Die Augen

Starr in den Himmel gerichtet

 

Wo bin ich nur

Dachte ich mir

Allein in einer Stadt;

Zerstört

Vernichtet

Verschwunden

Die vielen Seelen;

Im Himmel

In der Hölle

Im Nichts

 

Und ich ?

Allein;

Allein in einer fremden Welt;

Ohne Eltern

Ohne Menschen

Ohne Frieden

Gelandet auf einem Friedhof;

Voller Toten

Voller Trauer

Voller Schmerz

 

Die Welt;

Abgestürzt in das Tal der Toten

Ertrunken im Tal der Tränen

Verloren im Tal der Einsamkeit

Liebe überschattet von Hass

Freude verschlungen von Trauer

Frieden vergessen durch den Krieg

 

Und ich ?

Mittendrin

 

 

Ich schaute in alle Richtungen

Doch überall

Nur das Gleiche

Mir wurde klar

Mein Leben ist

Ohne Leben

Ohne Zukunft

Ohne Freude

 

In meinen Augen

Tränen;

Vor Wut

Verzweiflung

Und Trauer

Mein Leben;

Ohne Sinn

 

Ich sah auf der Straße

Einen Soldat meiner Truppe

Er, so wie ich;

Vierzehn Jahre

Und ohne Familie

Wir waren Freunde und nun;

Getrennt

Entrissen

Gestorben

 

Ich nahm seine Waffe

Ein Schuss war noch frei

Ich hielt sie an meinen Kopf

Und schoss.

 

 

[ Durchaus realistische Geschichte und sicherlich nicht nur im Zweiten Weltkrieg. Und deshalb dieser Aufruf: Kämpft ! Aber nicht für den Krieg und auch für keine Macht der Politik, sondern für den FRIEDEN ! ]

 

 

„Die Stadt der Toten“, verfasst von Christian Frohs am Dienstag, 17. Mai 2005 in Weißwasser.

Wörter: 405

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