Ein Engel schaut vom Himmel herab

 

Ich sitze hier zusammen mit meinen anderen Engeln auf einer Wolke, die sich gerade um den blauen Planeten bewegt. Unten auf der Erde ist gerade der 24. Dezember, Heiligabend, angebrochen. Ich schaue hinab und sehe so manche Dinge, die mein Herz berühren, aber auch ärgern, freuen und verletzen.

Weihnachten, das Fest der Familie, das Fest der Versöhnung und des Friedens. Doch es ist nicht überall so.

Ich sehe gerade einen älteren Mann, der sich vor Kälte eingemummelt in einer Straßenecke verbarrikadiert hat. Vor ihm liegt eine alte Mütze, in der etwas Geld liegt. Gerade ausreichend um sich am Tag eine kleine Schnitte zu besorgen. Dieser Mann ist ein Bettler, hat weder ein Dach überm Kopf, noch eine Familie, die ihn unterstützt.

Weinend sitzt er da und beobachtet die vielen Geschäfte und Menschen, die ihre letzten Weihnachtseinkäufe erledigen. Nur selten kommt einer vorbei, der ihm eine Münze in den Hut wirft. Er kann sich aus diesem Geld nicht einmal ein kleines Geschenk für sich selber machen.

Ich schaue eine Häuserecke weiter und sehe in einem Haus einen kleinen Jungen, vielleicht zehn Jahre alt, der gerade um seinen Vater weint. Daneben steht ein Arzt, der dem Vater nur noch wenige Stunden zum Leben gibt. Die Frau des Vaters, starb bei der Geburt des Kindes, der Vater hat seit zwei Jahren Krebs und wartet nun auf sein Ende. Ich werde ihn also bald hier oben treffen und vielleicht wird er ja auch ein Engel, wenn er gütig zu anderen Menschen war. Doch was wird aus dem Kind ? Beide Eltern verloren und auch keine Geschwister. Sicher ist, dass es ein Waisenkind wird und es muss in diesem Jahr Weihnachten ganz alleine feiern, oder besser gesagt trauern.

Auf der anderen Seite der Straße sehe ich vier Jugendliche. Alle so im Alter von 14 oder 15 Jahren. Was sie gerade machen, hat absolut nichts mit Weihnachten zu tun. Der eine spritzt sich Heroin, der andere nimmt Ecstasy-Pillen und die anderen beiden rauchen Haschisch und Hanf. Sie machen ihr Leben kaputt und wissen es dabei gar nicht. Statt dessen schweben sie angeblich im siebten Himmel, während sich ihre Lebenstage dabei verkürzen. Sie sind von ihren Elternhäusern abgehauen und glauben nun, mit Drogen durchs Leben zu kommen. Die werden hier oben bestimmt nicht zu Engeln werden.

Meine kleine Wolke zieht weiter und bringt mich nach Afrika, dem ärmsten Kontinent der Erde.

Da sehe ich in einer Siedlung eine Mutter, die gerade ihr zwei Monate altes Baby stillt. Doch beide haben eine schwere Krankheit, die niemand heilen kann, AIDS. Angesteckt wurde die Frau während einer Liebesnacht durch ihren Mann. Nun hat sie das tödliche Virus an das Kind weitergegeben. Alle drei haben also keine lange Lebensdauer mehr zu erwarten. Weihnachten ist für viele dort ein Fremdwort. Sie kennen keine Feiertage, keinen Weihnachtsmann und auch keine Geschenke. Das einzige Geschenk, was sie besitzen, ist jeder Tag, den sie überlebt haben.

Weiter geht´s auf meiner Wolke nach Europa.

Aus Eifersucht tötet ein Vater gerade seine Frau und seine beiden Töchter mit Messerstichen. Anschließend richtet er sich selbst. In letzter Zeit haben sie sich oft gestritten und das führte zu einem bitteren Ende.

Auf der anderen Seite der Stadt wird gerade ein Kind vergewaltigt und die Bilder gelangen ins Internet, als wenn dieses schlimme Verbrechen eine Weltanschauung wäre. Hoffentlich werden diese Bilder schnell aufgedeckt und der Täter kommt für immer hinter Gittern.

Des Weiteren verfolge ich eine Landstraße. Auf einmal prallen zwei Autos gegeneinander. Von den fünf Personen werden drei ihre Weihnachtszeit im Krankenhaus verbringen, die anderen beiden hier bei mir oben im Himmel. Alle Insassen beider Autos kamen gerade vom Weihnachtseinkauf für ihre Kinder. Zum Glück sind die Kinder schon groß und gebildet, so dass sie sich jetzt selbst versorgen können. Wären die Kinder noch klein oder gar Babys, dann wäre das Elend noch größer.

Dann schaue ich auf eine große Brücke. Unter ihr führen Eisenbahnschienen ihren Weg. Oben steht eine junge Frau, die im nächsten Jahr ihren 18. Geburtstag feiern wird. Doch ihr Freund hat sie soeben verlassen. Beide wollten ein schönes Weihnachtsfest feiern, doch sie konnten sich nicht einigen, wo sie feiern. Der Zug rollt heran und das Mädchen springt. Sie war auf der Stelle tot. Ihren Eltern hat sie einen Abschiedsbrief geschrieben, doch das ist kein Trost für die Eltern, denn sie können jetzt selber kein schönes Weihnachtsfest feiern.

In einer Wohnung liegt gerade eine alte Frau im Bett, umgeben von ihren Kindern und Enkelkindern. Kurz vor 20 Uhr am Heiligabend schläft diese Frau sanft ein. Sie wäre nur vier Stunden später 90 Jahre alt geworden.

Die kleine weiße Wolke, auf der ich gerade sitze, trägt mich nach Südamerika weiter.

Im Regenwald Brasiliens fällen drei Männer immer noch Bäume, um daraus Papier und Möbel herzustellen. Weihnachten scheint sie nicht zu interessieren, ihnen geht es nur ums Geld, was sie beim Abholzen dieser wichtigen Regenwälder verdienen. Und es ist für Brasilianer nicht wenig.

Ich ziehe weiter über den Pazifik, an den friedlichen Galapagos-Inseln vorbei hinüber nach Australien.

Weihnachten gibt es hier nie Schnee, denn auf dieser Seite, also auf der Südhalbkugel herrscht gerade Sommer. Doch Busch- und Waldbrände vermiesen den Heiligabend. Die Feuerwehrleute kämpfen gegen die Flammen und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Sie sind im Einsatz, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt mit ihren Familien das Fest feiern müssten. Aber das Leben von Tieren, Pflanzen und Menschen zu retten ist viel wichtiger. Ich glaube, wenn sie mal sterben werden, dann werden sie bestimmt zu Engeln.

Es zieht mich weiter zu die Philippinen, wo die Menschen vor einem Vulkanausbruch flüchten müssen. Ihr ganzes Hab und Gut haben sie durch die Lava verloren. Manche Menschen wollten ihre Häuser nicht verlassen und verbrannten bei lebendigem Leibe. Die Flüchtlinge aber müssen das Weihnachtsfest in Hallen und Notunterkünften verbringen.

Quer über den Indischen Ozean komme ich in Bangladesh an. Der Monsun-Regen mit seinen jährlichen Überschwemmungen forderte wieder hunderte Opfer. Hinzu kommt die Armut und Seuchengefahr, die durch das Hochwasser verursacht wurde. Dort leiden die Menschen ebenso wie in Afrika. Verbreitete Krankheiten, mangelnde Hygiene und zuwenig ärztliche Betreuung sind das Tagesbild in diesem Land.

Meine Wolke wird nun langsam kleiner, doch ich schaffe es noch nach Israel zu kommen. In Bethlehem wurde vor mehr als 2000 Jahren Jesus geboren, doch im Land herrschen immer noch Krieg, Gewalt, und Terror, genauso wie im Irak und in Afghanistan. Warum muss es heute und gerade zu Weihnachten immer noch Krieg und Leid auf dieser Erde geben ? Es ist doch auch das Fest des Friedens.

Ein letzter Schritt führt mich wieder zurück nach Europa.

Es ist mittlerweile tiefe Nacht und endlich sehe ich zwei glückliche Familien bei der Bescherung am Heiligabend sitzen. Bei der einen Familie haben die Kinder viele Geschenke bekommen. Sie konnten diesen Abend kaum erwarten. Das älteste Kind schenkt den Eltern auch was schönes und die Eltern sind froh darüber. Hier wird also das Fest der Familie so richtig gefeiert.

Bei der anderen Familie haben sich zwei Brüder nach einem langen Streit von mehreren Jahren wieder versöhnt. Nicht um sonst heißt Weihnachten auch das Fest der Versöhnung. Morgen fahren sie beide zu ihren Eltern und feiern zusammen mit der ganzen Verwandtschaft das Weihnachtsfest.

Doch ich sehe noch ein glückliches Pärchen an diesem Abend. Sie sind erst ein paar Stunden verlobt und haben ein festes Ziel gesetzt, denn sie wollen beide Heiraten und reichlich Nachwuchs auf die Welt bringen.

Meine Wolke hat sich nun völlig aufgelöst und ich muss sogleich auf die nächste hinüber fliegen. Doch für viele stellt sich die Frage: Wie feiern Engel eigentlich Weihnachten ? Engel wie wir feiern kein Weihnachten, sondern werden auserkoren, etwas für die Menschen auf der Welt zu tun, die uns auch wirklich brauchen. Sei es der Dienst als Schutzengel oder als Diener im Himmel, die die Welt beobachten und von neuen Dingen, die auf der Erde passieren, erfahren und an andere Engel weiter geben.

Und die, die Weihnachten glücklich in Frieden, Familie und Versöhnung verbringen, an die appelliere ich nochmal: Denkt bitte einmal daran, wie gut es Euch gut und sprecht ein Gebet für diejenigen, die es auf dieser Welt nicht leicht haben, an Weihnachten ein Lächeln auf die Wangen zu kriegen.

Alle Engel wünschen allen Menschen dieser Erde ein hoffentlich frohes Weihnachtsfest.

 

„Ein Engel schaut vom Himmel herab“ von Christian Frohs, verfasst am Sonnabend, 29. November 2003.                                                                                                                                                      Wörter: 1386

 

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