Der Sprung

 

Noch vor einer Woche hat er gelebt, heute wurde er beerdigt.

Mit Tränen im Gesicht denke ich an meinen Freund Jens zurück. Er war ein charmanter, netter Typ mit blauen Augen und schlanker Figur. Er küsste immer so zart; wurde aber nur 22 Jahre alt.

Letzte Woche erfuhr ich, dass er mit einer anderen geschlafen hat. Daraufhin trennte ich mich von ihm. Scheinbar schien er das aber nicht zu verkraften, denn am Montag rief er mich an, dass er gleich von der Brücke springen will, um sich sein Leben zu nehmen. Ich wollte ihn noch fragen, von welcher Brücke, aber er legte auf. Von den mehr als zwanzig Brücken konnte ich unmöglich alle absuchen. Doch schnell fiel mir ein, welche Brücke er meinen könnte, nämlich auf der, wo wir uns vor drei Jahren kennen gelernt haben. Ich fuhr also schnell hin und tatsächlich sah ich ihn auf der Brücke stehen. Er rauchte gerade eine Zigarette und weinte scheinbar vor Liebeskummer. Ich stieg aus dem Wagen aus und lief auf ihn zu. Als er mich sah, zeigte er auf mich, dass ich stehen bleiben soll. Ich blieb, etwa fünf Meter von ihm entfernt, stehen und versuchte mit ihm zu reden. Doch ich bekam einfach kein Wort aus dem Mund. Mein Kopf war genauso leer und durcheinander, wie seiner. Wir sahen uns tief in die Augen, als wenn wir uns mit den Blicken unterhalten würden. Es war für mich wie eine Ewigkeit ihn anzuschauen. Aber es waren vielleicht nur dreißig Sekunden; bis ich den Zug anrollen hörte. Ich fing an zu weinen und wollte es nicht glauben, was ich sah. Er warf noch mal einen Blick in meine Augen, dann stieg er auf die Brüstung, ich rannte los; aber es war zu spät; Jens sprang.

Ich versuchte noch seine Hand zu fassen, aber ich konnte ihn nicht mehr erreichen. Die zwanzig Sekunden sah ich in Zeitlupe ablaufen. Doch dann geschah es. Der Zug versuchte noch zu bremsen, aber Jens wurde von der Lok erfasst, fünfzig Meter mitgeschleift und anschließend in eine Böschung zur Seite geschleudert.

Ich zitterte, denn ich sah, dass er noch lebte. Also rannte ich schnell zu ihm hinunter und tatsächlich, er lebte. Aber ich wusste, dass er es nicht schaffen würde, denn ein Arm und Bein von ihm sind weggerissen, sein Bauch wurde halb aufgeschlitzt und sein ganzer Körper war Blutüberströmt. Ich erzählte ihm, wie Leid es mir tat und das alles wieder gut werden würde.

Wir sahen uns tief in die Augen, während neben ihm die Pfütze aus Blut immer größer wurde. Mit letzter Kraft sagte er zu mir: „Meine letzte Stunde hat geschlagen. Carisma, versprich mir, dass mein Grab wie ein Herz aussieht und dass Du unser gemeinsames Photo, als Erinnerung auf Grab stellst. Und bitte; bitte such Dir einen neuen Freund, mit dem Du bis an Dein Lebensende glücklich wirst und eine Familie gründest. Vielleicht nennst Du Deinen Sohn ja auch Jens, damit Du Dich immer an die schöne Zeit von uns beiden erinnern kannst. Doch eins sollst Du nicht vergessen: Ich liebe Dich auf Ewig.“

Nach diesen Worten atmete er noch drei Mal ganz laut;

dann schloss er seine Augen;

und starb.

 

 

[Es wählen etwa genauso viele Menschen hierzulande den Freitod, wie Menschen durch Drogen und Verkehrsunfälle zusammen umkommen. Bei den männlichen Jugendlichen bis 20 Jahre ist Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache, nach dem Unfalltod. Familiäre Probleme gehören mit 33 % zu den häufigsten Suizidauslösenden Faktoren, gefolgt von Partnerschaftsproblemen (Liebeskummer!) mit 16 % und immerhin noch Schul- und Ausbildungsprobleme mit 12 %. Jedes Jahr bringt sich in Deutschland eine kleine Stadt auf den Straßen um (in 1998 waren es etwa 8000, in 1999 mehr als 11000 Menschen), fast dreimal so viele Männer wie Frauen.]

 

[In meiner Heimatstadt Weißwasser stehen weit mehr als 10 Kreuze an den Bahnschienen. Ca. 70 % von denen begingen Selbstmord.]

 

Siehe auch:

http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/tabellen/selbstmorde_deutschland.htm

und

http://www.buchegger.de/selbstmord.html

 

 

„Der Sprung“ von Christian Frohs, verfasst am 13. Juni 2004 in Albufeira (Algarve, Portugal)                  Wörter: 528

 

 

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