Es sah so aus als würde er husten. Vielmehr spuckte er seinen Ekel auf den Gehsteig. Ihn hatte noch nie etwas so schockiert. Gegenüber erfassten seine trüben Augen eine Telefonzelle. Der Wunsch, mit jemandem zu sprechen war groß. Aber wen sollte er anrufen?
Sicherlich hatte er die Nummer seiner Schwester im Kopf, aber ihre Stimme war zu schneidend. Sie würde seine rissigen und blasigen Gedanken regelrecht zerhacken. Eine heillose Struktur.- und Konturenlosigkeit führte nur wieder zu einer Deplatziertheit.
Eigentlich war ein Telefonat doch sinnlos. Was würde es denn bringen einer Stimmenwiedergabe zu lauschen?! Diese synthetischen Wellen waren pervers. Doch welche Möglichkeit blieb? Oder gar welche Möglichkeiten? Ihn packte der Wahnsinn. Es musste eine Möglichkeit geben, es musste... seine Hände und Hals zitterten.
Seine Augen blickten auf den starren Asphalt. Das Wasser floss durch seine bestimmte Bahn - eine von Zigarettenkippen nur so triefende Rinne. Einige trockene Blattfetzen ritten auf dem reißendem Strom. Sie trugen die Farben des Herbstes. Auch ersoffene Insekten wurden mitgerissen und Steine bahnten sich ihren weg ins Ungewisse. Sie würden früher oder später in einen Gulli fallen und dann die Rohre bevölkern.
Alles in der Natur breitete sich stets aus. Sowohl das Leben als auch der Tod, sowohl die Wüste als auch die Meere. Und es wurde permanent heißer. Jedes Jahr schien es nun, als wollte die Sonne jegliches Leben verglühen lassen.
Plötzlich durchfuhr es ihn. Ein grünes Blatt durchtrennte seinen Gedankenstrom und erweckte sein Interesse. „Woher das wohl kommen mag?“. Der späte Herbst hatte mittlerweile auch den letzten Bäumen ihre Blätter entrissen. „Woher das wohl kommen mag?“ Seine Anspannung war verflogen, ohne das er selbst es wahrnahm. Geradezu amüsant fand er die Vorstellung, wie dieses grüne Blatt mit Hilfe jeglicher kleiner Rinnsale bis hierher gereist war, wo es doch keine grünen Blätter mehr gab. Wie weit musste es geschwommen sein, um von außerhalb der Grenzen des unüberwindbaren Grenzen des herbstlichen Verfalls hierher zu gelangen? Diese Leistung verblüffte ihn, obwohl er genau wusste, dass es nicht wirklich etwas Besonderes war. Er hielt es einfach für erstaunlich. „Erstaunlich“ traf es gut.
Doch schnell wurde diese kleine Freude zerschlagen. Permanent hörte er ein knirschendes Geräusch zu seiner Rechten. Erst fasste er den Entschluss, es zu ignorieren, aber allmählich nervte es ihn. Seinen Drang, diesem Geräusch auf den Grund zu gehen, bereute er. Das schöne grüne Blatt, von dessen Reise er so kindlich geschwärmt hatte, war nicht weit gereist. Nur wenige Meter die Straße aufwärts lag ein Straus Blumen in der Rinne - völlig zertreten. Das Blatt war nur seinem Schicksal entkommen.
Der Strauß schien die Rinne regelrecht zu verstopfen, denn vor ihm sammelte sich der ganze Sand, Dreck und Schotter, den das wasser mit sich führte. Da lag nun also der Ursprung des Geräusches. Immer wenn ein Fußgänger die Straße überquerte, trat er mit seinen Schuhen in das Gemisch aus Sand und Schotter. Deshalb knirschte es die ganze Zeit. Es schien ihm als sei das Knirschen eine Art Schrei - die Steinchen verkündeten den Schmerz, den sie verspürten, wenn sie unter dem immensen Gewicht der Menschen auf den harten Beton gepresst wurden. Manche zerbrachen gar dabei. Er wunderte sich, dass er so enttäuscht war. Sonst bedeuteten ihm solche Sachen nicht viel. Er fand den Anblick unerträglich. Zielstrebig ging er auf den Strauß zu. Er musste sich hinknien, um dieses zertrampelte Stück Leben aus der Rinne zu nehmen. Zuerst zog es die Hand jedoch in das Wasser. Man konnte deutlich spüren wie es floss. Wenn eins der Herbstblätter vorüberglitt und die Hand berührte, konnte man glauben, man hätte sich geschnitten. Es war ein seltsam unangenehmes Gefühl.
Langsam kamen Schritte auf ihn zu, er hörte sie aber nicht. Es schienen die schritte einer Frau zu sein. Sie wirkten klein und leicht. Er kniete immer noch über der Rinne und hielt seine Hand in das kalte und schmutzige Wasser. Sein Gesichtsausdruck erschien ebenso trist wie der des Tages. Es hatte schon viele Stunden geregnet und der Himmel war immer noch wolkenverhangen. Dabei war es erstaunlich windstill. Der Regen prasselte einfach geradewegs auf die Erde - oder den Asphalt. Die letzten Tage waren allesamt gleich. Hätte jemand gefragt wie das Wetter war so hätte er lediglich gesagt: „Es ist Herbst, ja, aber kein Wind! Der versteckt sich irgendwo.“ Genau so war es, keinen Deut anders. Sicherlich wäre diese Antwort nicht besonders differenziert gewesen, aber warum sollt er mehr dazu sagen. Es war eben so und jede Ergänzung wäre unnütz oder gelogen gewesen.
Die Hand hielt er lange in das Wasser. Es schien beinahe, als sei die Zeit für ihn stehengeblieben. Die Schritte der Frau, denen er sich nie bewusst wurde, waren schon einige Minuten vergangen. Es war eine besonders streng gekleidete ältere Frau, die die Straße passierte. Als sie ihn sah, machte sie kurz Halt, weil sie sich erschreckt hatte und ging dann, einen Bogen beschreibend, an ihm vorbei. Und er merkte von alledem nichts. Auch die Personen, die in ihren schweren Stahlkästen vorüberfuhren, hatten nichts für ihn übrig. Sie zeigten vielleicht manchmal mit dem Finger auf ihn und sagten etwas, aber die meisten registrierten ihn gar nicht.
Der Lärm eines herannahenden LKW`s erschreckte ihn. Hastig zog er die Hand aus dem Wasser und nahm mit der anderen Hand den Straus zertrampelter Blumen. Durch die Wucht mit der er sich aufrichtete und mit der er den Strauß emporhob, trafen viele Tropfen wie kleine Geschosse seine Kleidung. Überall sah man dunkle nasse Stellen, jedoch wirkten sie geradezu natürlich, da sie ein uniformes Muster beschrieben. Der LKW raste vorüber. „Vie zu schnell“, dachte er, drehte sich um und verschwand in einer Gasse.
Ziellos schlenderte er durch die Stadt. Der Versuch, einen präzisen Gedanken zu fassen, schlug fehl. „Alles nimmt seinen Lauf - und bleibt dabei starr“, dachte er - eine Äußerung, die ihn nicht zum ersten mal verließ. Er stammelte sie nur vor sich hin, so dass die Passanten es nur als ein zitterndes Geräusch wahrnahmen. Diese Kette von Ereignissen schien nicht abzubrechen. Kein Riss im schweren Fels, der ihn endgültig in die Isolation trieb und dabei so gewissenhaft karg blieb, dass er ein Gefühl der Angst heraufbeschwor, dessen Intensität sich kriechend ausbreitete. Wie ein schwer gepanzerter Käfer sich einen Hang hinaufschleppend, implizierte diese Angst eine Desorientierung, deren Zustand zwingend einer Besessenheit glich. Und mit jedem Schritt der sechs Beine gewann der Panzer an Gewicht, bis der Käfer erschöpft und erniedrigt liegenblieb, verfault und von anderen Insekten mechanisch gefressen. Dieses seltsame und lähmende Gefühl der Angst überwältigte ihn. Seine Augen traten aus ihren Höhlen hervor, der Puls begann zu rasen - schnell erlosch das Tageslicht; ein grauer klebriger Schleier umhüllte das Gebäude Welt. Da stand er nun wieder, konfrontiert mit sich selbst, vor Ekel zitternd.
Doch schnell wurde er aus seiner Betäubung herausgerissen - eine Stimme schien sich ihm zu widmen, denn ihr Klang strömte durch seinen kopf. Mit dem Öffnen seiner Augen erkannte er den Sender dieser Signale. Es war ein älterer Herr in einem schmutzigen Anzug. Er war offensichtlich einer dieser Männer, die ihr Leben damit verbracht hatten, in einer schmutzigen Halle zu stehen, um eine Realisierung ihrer Träume nie auszuschließen. Mit Geld konnte man sich seine kleinen Wünsche und Bedürfnisse erfüllen. Dafür nahm man dann auch die nach Schweiß stinkenden und völlig abgestumpften Mitarbeiter hin, die gehässig lachten, wenn einer von ihnen eine erfundene Frauengeschichte erzählte, und dabei ihre verfaulten Zähne entblößten. All diese Erfahrungen und endlosen Stunden im Dreck und Gestank schienen auf den Schultern dieses Mannes zu lasten. Der erbärmliche Anzug hätte auch seine Schlüsse zugelassen, die Körperhaltung des Mannes ließ jedoch keine andere Interpretation zu. „Erniedrigt“ - immer wieder traf ihn diese Gewissheit.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Herr ohne dabei aufdringlich oder oberflächlich zu wirken. „Eigentlich könnte ich die Frage zurückstellen, aber andererseits ist die Antwort so eindeutig, dass mich eher die Abwägung plagt, wer von uns schlechter dran ist!“ In seiner Stimme verbarg sich eine dermaßen hohe Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit, dass der Herr zunächst verlegen und erschrocken auf seine Schuhe starrte. „Entschuldigen sie. Ich wollt sie nicht kränken.“, beteuerte er. Der ältere Herr wirkte nun größer als zuvor. In seinen Augen erstrahlte die Gewissheit über seine eigene Situation. „Ich glaube sie sind schlechter dran!“, entgegnete der Herr scharf.. Zwar wirkte er immer noch eingefallen, seine Stimme zerschnitt jedoch die Luft. Wie ein schlag traf ihn diese Wand aus Kälte und schneidender Helligkeit. „Aber wen interessiert das schon? Vielleicht bin ich der einzige Mensch, dem es gut geht...- sie sind aber sicherlich schlecht dran. Der Her starrte nun in sein fades Gesicht während er die Augen zukniff. Ohne weitere Worte und Gesten trennten sich ihre Wege. Immer wieder prasselten Regentropfen auf seinen Kopf. Langsam begannen kleine Tropfen wie Kristalle feine durchnässte Haarsträhnen hinabzulaufen bis sie sich schließlich hilflos an die Spitzen klammerten. Eigentlich wollte er einfach nur Interesse zeigen, aber der alte Mann hatte ihn völlig falsch verstanden. Er war geradezu empört gewesen über ihn und seine Dreistigkeit. Schließlich hatte er ihn dies auch deutlich wissen lassen.
Mit leichtem Buckel kauerte er nun auf dieser Bank und durchlief gedanklich immer wieder diese Situation. Und wieder ignorierte er ein knirschendes Geräusch, dass sich nun von seiner linken näherte. Das Geräusch näherte sich, bis es schließlich direkt neben ihm verstummte. Es waren die Schritte einer jungen Frau, die auf dem Kiesweg auf ihn zuging. „Ist bei ihnen alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig. „Ich sage ihnen, dass alles in Ordnung ist, denn ich will sie nicht kränken!“, sagte er mit einer Nüchternheit, die jegliche Emotion vermissen ließ, stand auf und ließ sie allein dort verharren. 1