Ich weiß, daß ich nichts weiß
Schon Sokrates wäre es wohl schwergefallen, eine Abiturrede zu
halten, von der zum Abschluß eines Lebensabschnittes Abschließendes
erwartet wird; erhebt doch diese grundlegende philosophische
Erkenntnis das Rätseln zu einer wichtigen, akademischen Tugend. Um so
schwerer muß es uns da doch fallen, etwas mit Sinn und Gehalt, etwas
Wohlformuliertes und rhetorisch Gestaltetes zu Papier und schließlich
zu Ihrem Gehör zu bringen. Über mögliche Inhalte und Stilformen haben
wir diskutiert, doch festlegen konnten wir uns nicht. Zu sagen wissen
wir nichts, doch gerätselt haben wir viel:
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Würden wir z.B. die Gefühle eines Abiturienten beschreiben wollen,
der das Abitur in der Tasche hat und damit seine Schullaufbahn
beendet weiß, so müßten wir gerade diese Schulzeit beschreiben. Denn
nicht das Schildern von Zukunftsperspektiven, sondern das Sprechen
von Erinnerungen ließe deutlich werden, daß wir an einem Ende
angelangt sind. Deshalb lassen Sie uns ein wenig in Erinnerungen
kramen, an Erinnerungen v.a. an unsere Gymnasialzeit.
Unsere Gymnasialkarriere begann hauptsächlich ehrfurchtsvoll.
Ehrfurcht hatten wir vor den Großen, am allermeisten vor den ganz
Großen, den sog. Abiturienten. Die hatten es zu was gebracht, nämlich
zum Abitur. Jeder von uns schwor sich, irgendwann und irgendwie zum
gleichen Ziel zu gelangen. Und mancher Durchhaltevermögen war bedingt
durch die köstliche Vorstellung, auch dereinst als Gekrönter durch
die heiligen Hallen zu wandeln, während die Dienerschaft in
Demutshaltung, bescheiden das Haupt senkend ihre Ehrfurcht bezeugt.
Derartigen Höhenflügen folgt meist ein harter Fall. Von Demutshaltung
war leider nichts zu spüren, bat man, noch vergeistigt aus der
Bibliothek kommend einen seiner Untertanen um das Mitbringen einer
Wurstsemmel. Die Konsequenz: Hole dir deine Wurstsemmel selber!
Hatte es jedoch verheißungsvoll begonnen, unser Kollegiatendasein,
nämlich schon in der 11. Klasse mit der gemeinsamen Studienfahrt nach
Sorrent. Viele wurden dort von einschneidenden Erlebnissen nachhaltig
geprägt. Dankbar sind wir noch heute unseren begleitenden Lehrkräften
für die vortrefflichen Kleidungstips, als wir einen Ausflug auf den
Vesuv unternehmen wollten. Herr Sommer empfahl uns dringend, die
kürzesten Höschen, die leichtesten T-Shirts und den höchsten
Sonnenschutzfaktor anzulegen auf Grund der zu erwartenden Hitze in
der glühenden Sonne. Von den tatsächlich herrschenden Minusgraden,
dem Nordpolarwind und dem Nebel, den Jack the Ripper persönlich
bestellt zu haben schien, waren wir also nicht im mindesten
überrascht.
Ein weiteres einschneidendes Erlebnis, insbesondere für unser
europäisches Daseinsbewußtsein war unsere Fahrt nach Straßburg. Im
"Austrag" der politischen Crème durften wir lernen, was es heißt,
ein
mit den höchsten Weihen der politischen Kunst Ausgezeichneter zu
sein: ein Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Ganz nebenbei
wurden wir ausgestattet mit jeglichem lebensnotwendigem Equipe:
Einkaufen gehen wir jetzt mit einer europäischen Tasche,
Vesuv-Besuche absolvieren wir in Zukunft mit einem europäischen
T-Shirt und Abiturreden schreiben wir natürlich mit einem
europäischen Kugelschreiber.
Eigentlich durch Zufall ist unser Kollegstufenzimmer im Zuge seiner
Renovierung auch blau-gelb geraten, was ihm einen ziemlich
europäischen Touch gibt. Jedoch hat es bis jetzt kein noch so mutiger
Kollegiat gewagt, seinen europablauen Spind mit europagelben
Sternchen zu verzieren.
Womit wir im übrigen beim Ende unserer Schullaufbahn angelangt sind:
Denn das Abgeben des Spindschlüssels hatte nicht nur die Rückgabe der
zehn Mark Pfand zur Folge, sondern auch das Bewußtwerden des
absoluten Endes.
Oder auch: Spind gut, alles gut!
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Wir hätten auch - während wir an dieser Rede arbeiteten - uns auf die
Ideale der Jugend besinnen können, auf ihr revolutionäres Potential,
ihrem Drang nach Veränderung. Dann würden wir jetzt - unter Verzicht
auf jeden akademischen Schwulst - einfache, rauhe kämpferische Worte
im Munde führen, mit denen wir den Mörtel dieser Gesellschaft zu
erweichen trachteten. Wir würden die Erwartungen, die an uns gestellt
werden, ablehnen und darauf verzichten hier an dieser Stelle
irgendwelche Sympathien zu gewinnen. Die Werte und Ideale der Väter
würden wir in den Schmutz treten und unseren Staat als trist und grau
beschreiben, da die Menschlichkeit der Gier nach Macht und der Jagd
nach dem Geld geopfert worden sei. Weiterhin würden wir jetzt die
optimale Gelegenheit erkennen, die Rolle der Schule in diesem System
zu beleuchten: wir würden behaupten, die Schule schüfe lediglich das
Futter für Industrie und Wirtschaft und sei nicht im geringsten an
der Bildung und Erziehung des Menschen interessiert, sondern sei nur
ein weiteres Rad in einem System, in dem das Wachstum des BSPs zu
einem quasireligiösem Ziel entartet ist. Nun würden wir ein
rhetorische Pause einlegen und kurz aufsehen. Wir würden in entsetzte
und versteinerte Gesichter blicken, nur ab und an fänden wir ein
zustimmendes Lächeln: Doch gerade das würde uns bestärken, den
richtigen Weg eingeschlagen zu haben, denn an dem Grad der Ablehnung
würden wir den Erfolg unserer Rede messen.
Nach dieser Pause - angefüllt mit aggressivem Schweigen - würden wir
versuchen die Behauptungen, zu denen wir uns verstiegen haben, zu
beweisen. Wir würden versuchen unsere Bildung zu nutzen, Marx und
Engels, Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer bemühen. Dennoch
würden unsere Ausführungen nicht in Resignation kumulieren, sondern
in der Feststellung, das Wandel dringend geboten und unumgänglich
sei. Freie Liebe, die Waffenlosigkeit unseres Vaterlandes und
freiwilligen Konsumverzicht würden wir propagieren. Dabei müßten wir
die wesentliche Feststellung treffen, das der Wandel von der
vermeintlichen Basis, die wohl immer bei gesellschaftlichen
Neuerungen bemüht wird, getragen werden müßte und während wir dies
bemerkten, würden wir keinen Gedanken daran verschwenden, daß wir
mit, dem heutigen Tag dieser Basis einen weiteren Schritt entrückt
sind. Überhaupt wären unsere Worte von dem sicheren Gefühl der
Berechtigung unseres jugendlichen Eifers getragen, sie wären nicht
differenziert und nicht mehrdeutig, sondern mit entschlossener Stimme
vorgetragen. Sie ließen nichts davon ahnen, daß unzählige Jugendliche
heute in diese Welt hinausgeworfen werden, ohne sie formen und
gestalten zu könnnen, da Plan und Ziel fehlen, Wahrheit und Moral
heute zweifelhaft sind.
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Diese nächste mögliche Abiturrede wird nicht bestimmt sein von
Erinnerungen oder persönlichen Erfahrungen und Eindrücken. Vielmehr
soll sie mittels eines ganz allgemeinen Themas für jedermann
zugänglich werden. Ein allgemeines Thema, dem entscheidende Bedeutung
bezüglich des weiteren Lebensweges eines Abiturienten beizumessen
ist: "Herausforderungen an den Abiturienten in der heutigen Zeit".
Die erste Herausforderung, von der ich sprechen möchte, haben viele
von uns, ich möchte sagen die meisten bereits mutig und voll
Enthusiasmus angenommen, denn sie entsteht unmittelbar nach dem
bestandenen Abitur. Es ist die Herausforderung, die Feste so zu
feiern, wie sie fallen und sie fallen in der Zeit nach dem Abitur
besonders häufig.
Hieraus ergibt sich zwingend eine zweite Herausforderung, nämlich die
der zu erhaltenden Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität. Es gilt,
mit vielfältigen Experimenten und Mitteln jeglicher Stufe von
Verkaterung zu begegnen und diese zu überwinden, um weiterhin
konkurrenzfähig zu bleiben.
Eine weitere Herausforderung, die im Tagesablauf eines jeden
Abiturienten eine gewichtige Rolle spielen wird, stellt das
Zeremoniell des "lever" dar. Denn sich aus der Schlafstatt vor
Anbruch der Dunkelheit zu erheben, wird jeden Tag aufs Neue ein hohes
Maß an Initiative und Mobilität erfordern. Der Abiturient sieht sich
hier konfrontiert mit einer nie gekannten Problematik, die zu
bewältigen es gilt.
Die nunmehr vierte Herausforderung erfordert ein außergewöhnliches
Maß an Kreativität und Flexibilität: Es ist diese die zu erwerbende
Fähigkeit der geschickten Kombination von Frühstück und Mittagessen.
Künstler des Kulinarischen werden ihr eher zu begegnen wissen, als
Laien auf diesem Gebiet. Die Notlösung, beide Mahlzeiten innerhalb
kürzester Zeit hintereinander einzunehmen, wird jedoch niemand zum
Vorteil gereichen.
Eine fünfte Herausforderung fällt vergleichsweise gering ins Gewicht:
es ist die Zeit. Da Zeit von nun an jedoch im Überfluß vorhanden sein
dürfte im Tagesablauf eines Abiturienten, ergibt sich nur die
Problemkonstellation, sie erfolgreich totzuschlagen.
Weshalb die nächste Herausforderung allerdings nicht zu unterschätzen
sei, nämlich die Television. Der kompetente Umgang mit dem Fernsehen
setzt ein großes Vorhandensein an Qualifikation voraus. Die zeitlich
nicht zu überblickende Abfolge von Innovationen im Rahmen des
Fernsehprogramms verlangt nach Beweglichkeit und kombinatorischem
Geschick, um das als fundamental anzusehende Auswendiglernen des
Programms zu bewältigen.
Sie sehen also, daß diese eben genannten Herausforderungen bestimmend
sein werden für die nähere Zukunft des Abiturienten. In diesem Sinne
hoffen wir, daß die eben aufgezeigten Szenarien einen kleinen Beitrag
zur Zukunftsbewältigung leisten werden.
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Nun, da wir mit einem Reifezeugnis ausgestattet werden und die letzte
Hilfe bei unserer Zukunftsbewältigung erhalten haben, mit der
Erwartung nach Erwachsenheit und guten Benehmen konfrontiert sind,
werden wir das tun, was stets von uns erwartet, aber meistens
unterlassen wurde: Wir werden uns bedanken,
Bedanken wollen wir uns bei allen Lampen dieses Raumes, deren stetige
Bemühung, zahlreiche umschattete Lehrer- und Schülerseelen
intellektuell wie visuell zu beleuchten, allzu oft vergeblich war.
Bedanken wollen wir uns bei allen Stühlen und Tischen des Raumes 333,
die geduldig die Last schwitzender Schülerlaiber trugen, die über
zahllosen Prüfungen, deren spezifischer Beitrag zur Erlangung der
'Reife' meist zweifelhaft war, grübelten. Bedanken, wollen wir uns
bei Herrn Kraul, der leider die Schule schneller freizuschaufeln
vemochte, als wir sie zuschaufeln konnten. Bedanken wollen wir uns
bei allen Putzfrauen - und im Zeichen der Gleichberechtigung -
Putzmännern, die ihren stets vergessenen Beitrag zu unserer Bildung
leisteten. Bedanken wollen wir uns bei Frau Stolz, die uns zwischen
8:00 und 8:05 die Uhrzeit immer exakt mitzuteilen wußte. Bedanken
wollen wir uns bei Herrn Dr. Riedner, der - in Überwindung riesiger
historischer Gegensätze - das Fränkische an einer bayerischen
Bildungsanstalt salonfähig machte. Bedanken wollen wir uns bei Herrn
Richard, dem es gelungen war Leid und Vergnügen, Prüfungen und
Klassenfahrt zu organisieren. Bedanken wollen wir uns zu guter Letzt
bei allen Lehrern, bei manchen dafür, daß sie uns ein ideales
Feindbild lieferten und uns mit dem Leben in diesem bürokratisch und
hierarchisch organisiertem Staat schon in frühen Jugendjahren
vertraut machten, bei anderen dafür, daß. sie danach trachteten, uns
ein freie und offene Entwicklung zu ermöglichen.
Wir könnten jetzt weitere Formen des Dankes ersinnen, überlegen, wen
wir vergessen haben könnten, die Hilfe von Vätern. und Müttern,
Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten loben, auch. den allerletzten
Pflasterstein aufgrund seines besonderen Beitrages, erwähnen, doch
dann, ja dann könnte der Eindruck entstehen wir gleiten ins
Lächerliche ab und unsere Worte wären gar boshaft gemeint, manch ein
Lehrer würde dann vielleicht glauben, er müßte an althergebrachte
Traditionen anknüpfen und die Abiturrede im Lehrerzimmer als
Unverschämtheit, als jugendliche Plumpheit abtun und dem. Hobby eines
jeden Deutschen nachgehen und Beschwerde führen, um schließlich stolz
behaupten zu können, er habe seine Rechte und Würde verteidigt! - und
das, liebe Zuhörer, das wollen wir ja wirklich nicht!
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