Der Name meiner Träume

Story von Gabi Stiene


 
 

"Gib’ das wieder her." Bareil beugte sich vor, um an Kiras ausgestreckten Arm zu kommen, doch die Frau war schneller. Mir einem satten Klong verabschiedete sich die Kommunikationseinheit aus dem Fenster. "Das kannst du nicht machen." Bareil war ans Fenster geeilt und versuchte, mit den Augen das kleine Gerät im Gebüsch des Klostergartens auszumachen. In seinem Rücken packte Kira ungerührt weiter ihren Rucksack. "Du siehst doch, daß ich es machen kann." Als Bareil nicht vom Fenster zurückkam, legte sie ihren Rucksack auf dem Bett ab und trat hinter ihn. Sie schlang ihre Arme um seine Brust und drückte sich an ihn. "Bareil, wenn ich dich schon mal für mich alleine haben kann, dann möchte ich das auch ausnutzen. Kai Winn wird dich früh genug wieder zurückbekommen. Sie hat diesen wenigen freien Tagen vor dem Beginn der Friedensverhandlungen zugestimmt, also sollten wir sie auch beim Wort nehmen. Entspann dich und freu dich einfach auf unseren kleinen Urlaub."

Bareil entwand sich aus ihrer Umarmung und drehte sich um. "Das war Ordenseigentum. Das Neueste vom Neuen, was Bajor zu bieten hat," schalt er seine Geliebte. Aber unter Kiras grinsendem Gesicht konnte er seinen Ärger nicht lange aufrecht halten. Seufzend erwiderte er ihre Umarmung. "Die Verhandlungen sind mir einfach sehr wichtig, Nerys," flüsterte er in ihr Haar. "Es ist das erste Mal seit Besatzungsende, daß wir eine wirkliche Chance bekommen. Die Propheten haben mich mit dieser Aufgabe betraut und ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich in irgendeiner Weise Bajors Zukunft im Wege stünde."

Jetzt war es Kira, die sich von ihm losmachte. Überrascht blickte sie ihm in die Augen. "Meinst du, ich wüßte nicht, wie wichtig es ist," fragte sie fast beleidigt, "ich habe schließlich mein gesamtes Leben dafür gekämpft." "Das wollte ich nicht damit sagen, Nerys. Es tut mir leid, daß ich momentan so angespannt bin." Kira lächelte wieder, während sie eine Fingerspitze über seine Lippen zog. "Und genau deswegen machen wir diesen Ausflug, geliebter Vedek. Du sollst deine Aufgabe für Bajor erholt antreten. Und ganz nebenbei..." Sie ließ ihrem Finger einen flüchtigen Kuß folgen. "...ist es das letzte Mal für eine lange Zeit, daß ich dich für mich alleine haben werde." Sie nickte mit dem Kinn zum Fenster. "Die Kai wird dich nicht unbedingt in den nächsten zwei Tagen brauchen. Und das Gerät ist ja nur verlegt, nicht verloren," fügte sie rasch hinzu, bevor Bareil ihr eine Kostenaufstellung der Gebrauchsgegenstände im Orden vorlegen konnte. Dann faßte sie an ihre Uniformjacke und löste ihren Kommunikator ab. "Meiner bleibt ebenfalls hier." Bareil schüttelte den Kopf, während er zusah, wie Kira nun die gesamte Uniform ablegte, um sie gegen eine wetterfeste Jacke, wie er sie selbst auch trug, einzutauschen.

"Ist es nicht etwas unvorsichtig, ohne Kontaktmöglichkeiten in den Anteral-Dschungel zu gehen?" "Bareil! Das ist ein Ausflug," kam es gedämpft unter der Jacke hervor, die Kira eben über den Kopf zog. "Ich würde sagen, den schaffen wir sehr gut ohne die Hilfe des Ordens oder meiner Station." Ihr Kopf kam wieder zum Vorschein, geziert von einem verführerischen Lächeln. "Oder meinst du nicht? Zur Not bin ich ja da, um dich gegen alle bösen Ungeheuer zu verteidigen, die uns in so großer Zahl begegnen werden." "Da bin ich aber beruhigt." Der Vedek warf ihr den gepackten Rucksack entgegen. "Besser wir brechen jetzt auf, bevor dir noch irgend etwas einfällt."

««««

Der Anteral-Dschungel war ein wenig bekanntes Gebiet. Seit Ende der cardassianischen Besatzung gab es viele Flecken auf den bajoranischen Karten, in welche Wissenschaftler seither keinen Fuß gesetzt hatten. Die Neuerkundung landwirtschaftlich nicht nutzbarer Flächen stand momentan so ziemlich an letzter Stelle der Prioritätenliste. Um so lieber hielten sich ehemalige Widerstandskämpfer wie Kira Nerys in ihrer Freizeit in diesen Gebieten auf. Aus alter Gewohnheit heraus bewegte sie sich lieber auf allgemein unbekanntem Terrain. Der Anteral-Dschungel beherbergte ein Vielzahl an verschiedenen Tier- und Pflanzenarten und war besonders in der jetzigen Jahreszeit, da die Solkayan-Büsche in seinem Unterholz in Blüte standen, ein atemberaubender Anblick, den Kira mit jeder Faser ihres Daseins genoß.

Vedek Bareil hingegen genoß das Unterholz momentan weniger. Kira hatte darauf bestanden, daß sie den vorgezeichneten Weg verließen und sich alleine durch den Wald schlugen. Immer mit der Behauptung, daß sie sich sehr gut in unwegsamem Gelände auskannte und jederzeit den Weg zurückfinden würde. Bareil überlegte sich mittlerweile ernsthaft, ob er seinen Ohrring nicht ablegen sollte. Zum vierten Mal war er damit nun schon im Gehölz eines der wunderbar in Blüte stehenden Solkayan-Büsche hängengeblieben.

"Nerys, kannst du dir keinen gangbareren Weg suchen?" murrte er, "ich bin es leid an jedem Busch ein Stück meiner Selbst zurückzulassen." Kira stoppte in ihrem Marschschritt, um sich umzuwenden und den Vedek an der Hand zu fassen. "Na komm’ schon, Bareil, es ist nicht mehr weit. Du wirst den Platz lieben, den ich für unser Lager ausgesucht habe." Bareil seufzte resigniert, als er sich von der Bajoranerin weiter durch das Gebüsch ziehen ließ. "Wart’ nur, was ich heute Nacht mit dir mache, wenn sich meine Ohrenschmerzen nicht gelohnt haben sollten."

Eine Stunde und zwei schmerzhafte Begegnungen später traten sie aus dem Unterholz auf eine Lichtung hinaus. Ein Wasserfall ergoß sich schäumend über den Rand einer Felsformation. Sein Wasser nährte einen kleinen Teich und einen daraus entspringenden Bach, der sich am gegenüberliegenden Ende in der Undurchdringlichkeit des Dschungels verlor. Der umgebende Wald wurde von zahllosen Solkayan-Büschen zurückgehalten, deren Blüten von der untergehenden Sonne in ein sanftes rotes Licht getaucht wurden. Ihr Duft hüllte die Lichtung ein. Kira wandte sich erwartungsvoll zu dem Vedek um. "Und? Was sagst du?" Der Geistliche ließ seinen Blick über den Teich wandern und erwiderte dann mit völlig ernstem Gesicht: "Mein Ohr tut mir weh." Kira starrte ihn einen Moment fassungslos an, dann bemerkte sie das verräterische Zucken um seine Mundwinkel. Sie versetzte ihm einen spielerischen Nasenstüber. "Dir wird gleich noch etwas ganz anderes weh tun als nur dein Ohr, mein lieber Vedek." Er fing ihren Arm ab. "Es ist ein wunderschöner Platz, Nerys," versicherte er lachend, "du hast das wunderbar ausgesucht. Kira entzog ihm ihre Hand und ging am Wasser entlang zu einem Wiesenstück, das sie sich als Nachtlager ausgesucht hatte. Dort legte sie ihren Rucksack ab.

"Ich hätte Lust auf ein Bad, wie ist es mit dir?" Bareil hatte ebenfalls sein Gepäck abgelegt und betrachtete nun die sich entkleidende Kira. "Keine schlechte Aussicht," bemerkte er zweideutig.

Kurze Zeit später befanden sie sich beide im Wasser. Es dauerte nicht lange, bis sie sich am flach auslaufenden Uferrand einander in den Armen lagen. Das Mondlicht glänzte auf Kiras feuchtem Rücken, während Bareils Körper ihren Bauch wärmte. "Ich könnte die ganze Nacht hier liegen bleiben," seufzte Kira. "Ja," pflichtete Bareil ihr bei, "eine bessere Decke könnte ich mir auch nicht vorstellen." Er räkelte sich ein wenig, um seine "Decke" in die richtige Position zu rücken. "Ich fürchte nur, daß wir uns den Tod holen, wenn wir noch länger so ruhig im Wasser liegen bleiben. Es wird langsam kalt." "Oh, was das ‘ruhig’ herumliegen betrifft, so wüßte ich schon Abhilfe," raunte sie ihm ins Ohr. Bareil lachte anzüglich auf. "Kannst du immer nur an das ei..."

Kiras Hand verschloß ihm den Mund. Er konnte erkennen, wie sie den Kopf gehoben hatte und intensiv zu ihrem Lagerplatz hinüber starrte. Langsam löste sie ihre Hand wieder von ihm, während sie flüsterte: "Im Gebüsch hat sich etwas bewegt. Da ist jemand an unseren Sachen." Bareil verdrehte seinen Kopf so gut es in dieser Stellung ging, mußte aber aufpassen, daß er das Gesicht dabei nicht unter die Wasseroberfläche brachte. Die Anspannung in Kiras Körper konnte er deutlich spüren. Im Dunkel der Bäume bewegte sich tatsächlich ein Schatten. "Das sieht nicht aus wie ein Tier," raunte Bareil. "Das ist kein Tier." Der Schatten hatte sich nun aus den Bäumen gelöst und bewegte sich auf ihre Rucksäcke zu. Im Mondlicht wurde deutlich, daß die Haut ihres ungebetenen Gastes mit Auswüchsen überwuchert war. Je nach seiner Bewegung glänzten feuchte Stellen auf.

Kira hatte sich wieder auf Bareils Körper hinunter geduckt. Sie rechnete sich ihre Chance aus, vor dem Eindringling am Gepäck und damit ihrem Phaser zu sein, wenn sie jetzt aufsprang. Die Chance war gleich Null. Aber als sie die aussatz-übersäten Finger ihre Vorräte berühren sah, nahm die Wut in ihr überhand. Mit einem lauten Schrei sprang sie aus dem Wasser auf und rannte nackt wie sie war zum Lager hinüber. Bareil hatte nicht mit einer derartigen Aktion seiner Gefährtin gerechnet und brauchte dementsprechend länger, um sich zu erheben. Als er stand, konnte er sehen, wie der Vorratsräuber mit einem entsetzten Ausruf in die Büsche zurückgewichen war. Einen Teil ihres Proviants hatte er allerdings dabei in der Hand behalten. Kira streifte Hose und Jacke in Rekordzeit über und setzte ihm mit gezogenem Phaser nach.

"Nerys!" Bareil rannte nun ebenfalls zu ihren Rucksäcken hinüber. "Nerys, mach keinen Blödsinn! Komm zurück!" Er griff ebenfalls nach seiner Hose, zog sich aber auch die Stiefel an, bevor er Kira in den Wald folgte. Er verspürte keine Lust, auch noch seine Füße in dem Gehölz zu ruinieren. Des öfteren mußte der Vedek stehen bleiben, um sich auf seinem Weg nach den Geräuschen zu orientieren. Mehr als einmal fluchte er laut, wenn er in einen Ast lief, oder seine Zehen gegen einen Felsbrocken stieß. Fluchen war auch etwas, was er erst seit seinem Zusammensein mit Kira gelernt hatte. Er nahm sich vor, später in sich zu gehen, um sich diese unangenehme Angewohnheit abzugewöhnen. Aber für den Moment erleichterte es ungemein. "Verdammt!" Ein weiterer Ast peitschte ihm über die Wange. Warum hatte Nerys nicht im Lager bleiben können? Bareil hoffte sehr, daß sie den Rückweg würden finden können. Wieder hielt er inne, um zu lauschen. Die Geräusche brechenden Holzes waren deutlich in einiger Entfernung zu vernehmen. "Nerys!" rief er noch einmal in der Hoffnung, sie endlich zum Umkehren bewegen zu können. Dann hörte er sie schreien. Es war ein kurzer, erschrockener Schrei, aber er genügte, um dem Vedek das Herz stocken zu lassen. Was sollten sie machen, wenn einem von ihnen hier draußen etwas zustieß? Warum hatte Nerys darauf bestanden, mit den Kommunikationseinheiten Springball zu spielen? "Nerys!" rief er noch einmal, diesmal panischer. Als er erneut anhielt, war es gespenstisch still um ihn herum. Kein knackendes Geäst, kein Rascheln von Füßen über dem Waldboden. Nichts. Bareil stieß ein stummes Stoßgebet aus. Das durfte einfach nicht sein, nicht Nerys, und nicht hier. "Verdammt!" Bareil war noch nie so erleichtert gewesen, Kira fluchen zu hören. "Nerys, wo bist du?" rief er noch einmal, während er sich schon in Richtung ihres Fluchs in Bewegung setzte. "Hier unten! Paß auf, da ist ein Hohlweg." Der Vedek folgte ihrer Stimme, bis er an den Abhang gelangte. Im diffusen Mondlicht, welches durch die Blätterdecke schien, war die bewachsene Kante kaum auszumachen. "Nerys?" "Ich muß mir den Knöchel übertreten haben", hörte er ihre Stimme aus dem Weg herauf. Vorsichtig kletterte er den Hang hinunter. Seine Gefährtin saß an einen Felsen gelehnt auf dem Boden und untersuchte ihren rechten Fuß. Besorgt kniete Bareil sich neben ihr nieder - aber auch erleichtert darüber, sie wieder gefunden zu haben. "Warum mußtest du ihm hinterherrennen?" schalt er sie sanft, während er ihre Finger beiseite schob und selbst die Fessel betastete. "Autsch!" Kira griff nach seiner Hand. "Kannst du nicht vorsichtiger sein?" Bareil schüttelte den Kopf. "Gebrochen", bemerkte er resigniert. "Meine Liebe, da hast du dir wirklich einen idealen Ort dafür ausgesucht. Nein...", Kira wollte sich aufrichten, "beweg’ dich nicht, du machst es nur noch schlimmer." Er beugte sich vor und faßte die protestierende Kira unter Rücken und Knien. Mit einem Ruck richtete er sich wieder auf. "Laß mich runter," maulte sie. "Ich kann sehr gut auf dem anderen Fuß stehen, wenn du mich stützt!" "Das glaube ich dir. Aber ganz ehrlich gesagt, bist du mir so sicherer. Wie ich dich kenne, hält dich nicht mal ein gebrochener Fuß davon ab, Dummheiten anzustellen." Bareil wog sie ein wenig in seinen Armen, um sicherzustellen, daß er mit ihrem Gewicht umgehen konnte - aber Kira war eine sehr leichte Person. Wenn die Situation nicht zur Sorge Anlaß gegeben hätte, hätte der Vedek es genossen, die Frau in den Armen zu halten. Ein Vergnügen, das er sich bei einer gesunden Kira niemals würde leisten können. Die Wolken rissen ein wenig auf, und erlaubten es dem Mond, Kiras Gestalt in sanftes Licht zu tauchen. Ihre dunklen Augen blitzten wütend. "Warte nur, wenn ich wieder laufen kann, dann zahle ich...", sie stockte, und auch Bareil hatte die Bewegungen bemerkt. In dem Augenblick, als der Mond die Gestalten der beiden Bajoraner erhellt hatte, waren sie aus dem Unterholz hervorgekommen. Jetzt näherten sie sich zögernd und vorsichtig auf dem Hohlweg. Im ersten Moment glaubte Kira, sich in einem Alptraum zu befinden. Plötzlich war sie froh, nicht auf Bareils Schulter zu lehnen, denn so hatte sie beide Hände für den Phaser frei, den sie nicht eine Sekunde aus der Hand gelassen hatte. Langsam hob sie die Waffe und zielte auf die näherkommenden Gestalten. Das Mondlicht ließ keinerlei Zweifel an ihrer Intention aufkommen. Aber es verbarg auch nicht die Körper der Näherkommenden. Es waren zwei Personen, einer mit nässenden Auswüchsen überzogen, der andere trug einen Verband um den Kopf, der die Hälfte des Gesichtes verbarg und nur erahnen ließ, was sich dahinter zeigte.

"Keinen Schritt näher, oder es ist euer letzter", Kiras Stimme schnitt drohend durch die nächtliche Stille. Der Ton schien auch Bareil wieder aufzurütteln, der bisher - Kira auf den Armen - nur den Leuten entgegengestarrt hatte. Jetzt drehte er seinen Oberkörper ein wenig und brachte damit Kira aus ihrer Ziellinie. "Was soll das?" fluchte die junge Frau. "Nicht, Nerys", Bareil setzte sie vorsichtig ab. "Das sind Bajoraner. Sie wollen uns nichts antun", er hob seine Stimme an und sprach direkt zu den Näherkommenden. "Ihr wollt uns nichts antun!?"

Die beiden verunstalteten Bajoraner waren bei Kiras Drohung sofort stehengeblieben. Es war ihren ausgezehrten Gesichtern deutlich anzusehen, daß Fluchtimpuls und etwas, das Bareil als Hoffnungsschimmer bezeichnet hätte, darin einen Kampf ausfochten. Kira steckte ihren Phaser in die Jacke und balancierte nun auf ihrem gesunden Bein. Die Leute sahen in der Tat wesentlich ängstlicher als angriffslustig aus. Ihre Verunstaltungen ließen sie wie Gestalten aus einem Alptraum erscheinen. Die Bajoranerin hoffte innigst, daß das, was sie auch immer so gezeichnet hatte, nicht auf diese Entfernung ansteckend war. Bareil hob nun beide freien Hände und zeigte die Handflächen. "Ich bin ein Vedek." Ein Raunen erklang von ihren Gegenübern. Eine der Gestalten wagte einen weiteren Schritt vorwärts.

"Wir wollen euch nichts antun." Kira wunderte sich über die klare Stimme, irgendwie hatte sie ein Krächzen erwartet. Der Mann mit den Geschwüren im Gesicht nickte in ihre Richtung. "Ihr braucht Hilfe." Wortlos formten Kiras Lippen die Worte Wir brauchen Hilfe? Dieser Ausspruch erschien ihr seltsam fehl am Platz. Wenn hier jemand Hilfe brauchte, dann doch wohl ihre Gegenüber. "Seid Ihr auf der Flucht?" fragte der Mann weiter. "Auf der Flucht?" Jetzt formulierte sie ihre Verwunderung laut. "Einer von euch Typen hat unsere Vorräte geklaut und ich habe versucht, ihn zu erwischen! Ohne euch wäre ich überhaupt nicht in dieser Verfassung!" "Das tut uns leid. Es geschah nicht in böser Absicht..." "Ha!" "Was ist mit euch geschehen?" Bareils Frage unterbrach die Schuldzuweisung. "Vedek", der Mann neigte seinen Kopf leicht. "Wir konnten aus einem Lager ausbrechen. Ich weiß nicht, wie lange das her ist. Wir halten uns hier im Dschungel versteckt, damit sie uns nicht wieder finden." "Wer Sie?" Er blickte den Vedek verwundert an. "Die Cardassianer natürlich...", dann verengten sich seine Augen in fürchterlichem Verdacht. "Ihr seid Kollaborateure....!" Er machte auf dem Absatz kehrt, um in das Dickicht zu flüchten. "Nein!" rief Bareil. "Bleibt, wir brauchen eure Hilfe!" Sie verharrten zögernd. Von den beiden Bajoranern ging keine imminente Bedrohung aus, nicht mit dem gebrochenen Fuß, also konnten sie es sich leisten, zuzuhören. "Ich weiß nicht, was ihr durchgemacht habt," sprach der Vedek leiser weiter. "Aber die Besatzung ist zu Ende." "Was?" Der Sprecher der Gruppe wirbelte fassungslos herum. "Ihr macht Scherze." "Nein", Kira schüttelte ebenfalls den Kopf. "Bajor ist frei - seit über zwei Jahren."
 
 

««««

Bareil hatte Kira gegen ihren Protest wieder auf den Arm genommen, um besser im Dickicht zurechtzukommen. Flüchtig dachte er an seinen Ohrring, der noch immer beim Rest seiner Kleidung am Teich lag. Nun folgten sie in einem gewissen Abstand den beiden seltsamen Bajoranern. Kira hatte auf diesen Abstand bestanden, sie wußten immer noch nicht, ob die Verunstaltungen von einer ansteckenden Krankheit herrührten. Der Sprecher, der sich nach dem anfänglichen Schock über Kiras Eröffnung als Weden Gorit vorgestellt hatte, hatte darauf gedrängt, daß sie sich erst einmal in ihr Lager zurückbegäben, bevor beide Seiten die Umstände näher erklärten. Er wollte nicht zu lange im ungeschützten Wald bleiben.

Nach einiger Zeit gelangten sie an eine Felswand, in welcher sich ein vom Dickicht fast zugewachsener Durchgang befand, durch welchen sich die Bajoraner hindurch schoben. Dahinter öffneten sich die Felsen zu einem natürlichen Kessel, der idealen Schutz vor Aufklärern und Patrouillen bot, die sich vielleicht einmal während der Besatzung in diesen Dschungel verirrt haben sollten. Im Inneren des Kessels hatte sich die Gruppe der geflohenen Lagerinsassen ein Dorf errichtet. Kira und Bareil konnten stabile Hütten und Geräte erkennen, die Leute hatten sich eine eigene kleine autarke Wirklichkeit erschaffen. Weden deutete auf eine der Hütten. "Bringt sie dort hinein, Vedek. Wir werden uns um ihren Fuß kümmern." Bareil zögerte. "Ich möchte euch nicht zu nahe treten, aber es wäre mir lieber, wenn ich mich um sie kümmere", ein kräftiges Nicken von Kiras Seite, "denn verzeiht, wenn ich das sage, aber so lange ich nicht weiß, welchen Ursprung eure Krankheit hat, möchte ich den Kontakt so weit wie möglich vermeiden." Weden nickte traurig. "Ich verstehe Eure Vorsicht, Vedek. Folgt mir, ich stelle Euch die Instrumente zur Verfügung. Und dann werde ich Euch unsere Geschichte berichten, daß Ihr seht, daß von uns keine Gefahr droht." Bareil folgte dem Bajoraner zu der Hütte hinüber. Kira fühlte sich unwohl in den Armen des Geistlichen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß hier im wahrsten Sinn des Wortes über ihren Kopf hinweg diskutiert wurde. Sie war froh, als Bareil sie im Innern der Hütte endlich auf einem Heubett ablegte, und sie nahm sich vor, das nächste Mal, wenn sie sich von hier erhob, es auf eigenen Füßen zu tun. Der Vedek schien ihre Gedankengänge zu erraten, denn er blickte von ihrem Bein auf, wo er gerade die Hose über ihr Knie zurückgeschoben hatte. Ein sanftes Lächeln spielte um seine Lippen. "Nerys, ist es so entsetzlich, einmal für kurze Zeit von mir abhängig zu sein?" Sie rümpfte die Nase. "Soll ich ehrlich sein? Ja! Ich kann es nicht ausstehen, wenn du mich wie eine Puppe in der Gegend herumschleppst." Ein leises Lachen ließ sich von Bareil vernehmen. "‘Meine Puppe’...", dann verengten sich seine Augen nur um einen Bruchteil, "Nerys, wenn du jetzt nicht die Klappe hältst, werde ich deinen Fuß mit Gewalt und ohne Betäubung richten, verstanden?" Kiras Mund klappte zu. Bareil mußte scherzen, sie hatte niemals zuvor ein lautes Wort oder eine Drohung von ihm gehört. Sein Blick, der nun auf ihr ruhte, war vollkommen ernst und verriet nichts von seiner wahren Absicht. Kira kniff die Augen zusammen. "Das war jetzt nicht dein Ernst, Bareil?" forschte sie nach. Er erhob sich von seinen Knien und kam zur Kopfseite des Lagers. Dort beugte er sich nieder und strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht. "Natürlich nicht, Nerys. Aber du kannst es mir wirklich manchmal schwer machen, Geliebte. Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich in meine Hände geben - ich dachte, das hättest du mittlerweile gelernt. Ich würde dich niemals wie eine Puppe behandeln." Sie lächelte wehmütig. "Das weiß ich, Bareil. Aber ich habe es immer noch nicht gelernt, von jemandem abhängig zu sein. Ich war bisher immer alles, was ich brauchte. Entschuldigung," fügte sie leise hinzu. Er küßte sie flüchtig auf die Stirne, zog den Kopf aber wieder hinauf, als er Weden Gorit die Hütte betreten hörte. Der Bajoraner brachte eine medizinische Notfallausrüstung mit sich. Bareil registrierte, daß sie cardassianischen Ursprungs war. "Danke...", er nahm sie entgegen und kniete sich dann wieder neben Kiras Fuß nieder. "Weden Gorit, willst du mir erzählen, was mit euch los ist?"

Der Mann setzte sich an die gegenüberliegende Wand der Hütte - es tat dem Vedek weh zu sehen, wie der Mann darunter litt, diesen Abstand bewahren zu müssen, aber er wollte erst wissen, mit was er es hier zu tun hatte. Sein hohes geistliches Amt machte es ihm leicht, diesen Abstand durchzusetzen. Während Bareil sich um Kiras Knöchel kümmerte, begann Weden zu erzählen: "Wir waren in Kaldorat. Habt Ihr davon gehört?" Sowohl Bareil als auch Kira schüttelten den Kopf. "Das wundert mich nicht", fuhr Weden fort. "Nach allem, was ich dort mitbekommen habe, wußten auch nur gewisse Kreise auf Cardassia davon. Wir sind nicht zu Minenarbeiten herangezogen worden, nicht zu anderen Sklavendiensten - wir waren Versuchstiere!" Kira starrte den mißgebildeten Mann an, der mit gesenktem Kopf an der Wand lehnte. Eine längst begraben geglaubte Woge des Hasses peitschte in ihr auf. "Diese Schweine!" rief sie zornig. "Sie haben an euch Versuche durchgeführt?" Er nickte. "Ja, das haben sie. Ich weiß nicht, was es alles war. Einige von uns sind Strahlungen ausgesetzt worden, andere Drogen. Bei mir...", er sah wieder auf und berührte voller hilfloser Wut eines der Geschwüre auf seiner Wange. "... haben sie an den Genen herumgespielt - ich weiß nicht, was sie herausfinden wollten, ich weiß es einfach nicht. Alles, was wir wußten, war, daß wir dort heraus mußten, solange noch eine bajoranische Faser an uns existierte," sein Blick wanderte zur Tür hinüber, durch welche man das ins Mondlicht getauchte Lager sehen konnte. "Wir haben viele bei der Flucht verloren. Es war ein verdammt gut bewachter Sicherheitstrakt, aber uns war es lieber, auf der Flucht erschossen zu werden als so weiterzuleben. Wir haben uns hier in den Dschungel geschlagen und uns versteckt. 10 von uns haben bis heute überlebt, alle anderen sind langsam und schmerzhaft an den Folgen der Experimente eingegangen..."

Bareil entfernte sich von Kiras Fuß und ging zu Weden hinüber. Er verspürte nun eine heiße Scham in sich brennen, dafür, daß er auf den Abstand zu einem Bajoraner bestanden hatte, der mehr durchmachen mußte als er sich auch nur im Entferntesten vorstellen konnte. Vorsichtig berührte er Wedens Schulter, dann nahm er ihn in den Arm. "Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid.... Die Propheten mögen mir meine Kälte vergeben." Der andere faßte zögernd nach Bareils Arm. Er versuchte, den Geistlichen von sich zu drücken. "Nicht, Vedek. Ihr dürft mich nicht berühren. Ich..." "Oh doch, ich werde dich berühren, wie ich jeden hier im Lager berühren werde," versicherte Bareil. "Wir bringen euch zurück, wir werden euch helfen. Was die Cardassianer euch angetan haben, darf nicht vergessen oder verschwiegen werden", ließ sich Kiras Stimme entschlossen vom Bett her vernehmen. "Ich hatte keine Ahnung, daß diese Tiere Experimente an Bajoranern durchgeführt haben - und ich bin mir sicher, daß dies eine Tatsache ist, die ein ganz anderes Licht auf die Verhandlungen werfen wird!" Die Verhandlungen! Bareil blickte nachdenklich zu Kira hinüber. Wie würde sich ihre Entdeckung auf die Friedensverhandlungen auswirken? Sie waren zu nahe an einem verbrieften Frieden, um ihn noch in Gefahr bringen zu dürfen. Bajor dürstete nach dem Friedenszugeständnis von Cardassia. Langsam wandte er sich wieder zu Weden. "Ja," bestätigte er. "Wir werden euch zurückbringen." Alles weitere werden wir dann sehen, fügte er in Gedanken hinzu.

Der Bajoraner blickte ihn fragend an. "Ist es wirklich wahr, daß die Cardassianer fort sind? Ich kann es nicht glauben." "Oh doch!" Jetzt mischte sich ein wenig Triumph in Kiras Stimme. "Sie sind abgezogen, wir haben ihnen zu viele Verluste beigebracht, als daß sich die Besatzung noch gelohnt hätte." Bareil schwieg. Er wußte, daß Kira sich an diese Vorstellung klammerte, klammern mußte, denn sie war es, die all den Brutalitäten, die sie während ihrer Zeit in der Shakaar begangen hatte, einen Sinn gab. Ganz gleich, was sie getan hatte, sie hatte ihr eigenes Ziel erreicht. Bareil selbst neigte eher, der Version Glauben zu schenken, die Commander Sisko ihm einmal auf DS9 erklärt hatte, daß die Bodenschätze soweit erschöpft waren, daß sich der Soldaten- und Materialaufwand nicht mehr weiter gelohnt hätte, und sich Cardassia viel eher aus innen- statt aus außenpolitischen Gründen von Bajor zurückgezogen hätte. "Ich hätte nicht gedacht, daß wir das noch einmal erleben dürften", Tränen schimmerten in Wedens Augen. "Wenn ich das den anderen morgen mitteile, wird ein Freudenfest ausbrechen." Er sah flehentlich zu Bareil. "Und wir dürfen zurückkehren? Man wird uns helfen können?" Der Vedek nickte. "Ihr steht unter meinem Schutz und meiner Verantwortung." Weden erhob sich an der Wand und neigte seinen Kopf vor dem Geistlichen. "Ich danke Euch. Die Propheten haben Euch gesandt." Dann hob er den Kopf wieder und deutete zur Türe. "Ich werde mich jetzt zurückziehen, damit Ihr schlafen könnt. Morgen beginnt der erste Tag unseres Lebens!" Als Weden die Hütte verlassen hatte, kehrte Bareil zu Kiras Lager zurück. Im schwachen Licht, welches durch das Fenster schien, war deutlich ihre Wut zu erkennen. "Ich fasse es einfach nicht!" flüsterte sie heiser. "Immer dann, wenn ich denke, ich kann beginnen zu vergessen, reißt mich die Realität wieder heraus. Ich hatte keine Ahnung davon. Wir haben immer nur Arbeitslager befreit, wir sind niemals auf eine andere Einrichtung gestoßen." "Ich kann es auch nicht begreifen", Bareil setzte sich neben ihren Kopf. "Was für ein Hirn müssen solche Personen besitzen?" "Ein cardassianisches!" schnaubte Kira verächtlich. "Sie hatten ja auch keine Bedenken zu foltern und zu vergewaltigen - es ist nur noch ein kleiner Schritt zu genetischen Experimenten! Ich möchte die Gesichter sehen, wenn sie sich da herausreden wollen..." "Nerys", seine Stimme war nachdenklich. "Ich möchte dich bitten, mir die Angelegenheit zu überlassen. Ich habe nur diese eine Bitte an dich, erzähl’ niemandem davon, ohne mich zuerst informiert zu haben..." "Bareil!" Sie starrte ihn ungläubig an. "Versuchst du mir hier zu erklären, daß ich es verschweigen soll?" "Nein, nicht direkt...", er strich sich über die Schläfe. "Nerys... ich bin verantwortlich für das Zustandekommen des Friedensvertrages. Es ist entsetzlich, was diesen Leuten hier passiert ist, aber ist es nicht besser, wenn wir uns zuerst in aller Ruhe um sie gekümmert haben, bevor wir Anschuldigungen äußern?" "Ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig höre! Du warst zu lange mit Winn zusammen!" Sie biß sich auf die Zunge, als sie diese Worte geäußert hatte. Im Prinzip wußte sie, wie schwierig Bareils Stellung war. Er war derjenige, der Kai Winn auf den moderaten Weg bringen mußte, er war derjenige, der sich für die Föderation auf Bajor einsetzte, er war eine der wenigen Personen, die überhaupt mit Cardassia verhandeln konnten, weil er äußerlich ohne Haß und Ambitionen aus der Besatzung hervorgegangen war. Sie hatte kein Recht, ihm Feigheit oder gar Verrat vorzuwerfen. Wenn Bajor seine alte Stellung einnehmen wollte, brauchte es mehr Bajoraner wie ihn.

"Es tut mir leid", flüsterte sie. "Ich habe es nicht so gemeint." Sie nahm seine Hand in die ihren. "Aber das hier darf nicht verschwiegen werden." "Das wird es auch nicht", versicherte der Vedek. "Aber laß es mich bitte auf meine Weise machen, in Ordnung?" Sie hob ihren Oberkörper ein wenig, um ihn auf den Mund zu küssen. "In Ordnung."

««««

Der Lärm vom Lagerplatz weckte sie am nächsten Morgen auf, bevor noch die Sonnenstrahlen durch das Fenster fallen konnten. Verschlafen setzte sich der Vedek auf. Neben ihm saß Kira aufrecht im Bett, ihre Hand hatte schon nach ihrem Phaser getastet. Sie benötigte nur den Bruchteil von Bareils Zeit, um aus dem Tiefschlaf hellwach zu werden. Als sie begriff, daß dem Lärm von draußen keine Gefahr zuzuordnen war, lockerte sich ihr Griff wieder. "Ich werde nach draußen gehen," murmelte Bareil, als er noch müde nach seinen Stiefeln fischte. Nachher mußten sie unbedingt zum Teich zurückgehen und den Rest ihrer Ausrüstung wieder besorgen. Kira saß hier ohne Schuhe und er ohne Jacke. "Es hört sich an, als ob Weden Gorit den anderen mitgeteilt hat, daß die Besatzung zu Ende ist."

"Ich komme mit", verkündete Kira und war schon dabei, sich aufzurichten, als eine Hand sich auf ihre Brust legte und sie wieder ins Bett zurück drückte. "Auch auf die Gefahr hin, daß ich mir jetzt wieder irgendwelche Anschuldigungen von dir werde anhören müssen - du bleibst ruhig liegen, solange der Knöchel nicht vernünftig versorgt ist." Er erwiderte ihren entschlossenen Blick mit gleicher Sturheit. Eine Zeit lang lieferten sie sich einfach nur ein schweigendes Gefecht, dann brach Bareil die Stille. "Bitte." Er legte soviel sanftes Flehen in seine dunklen Augen, wie er zustande brachte. Und so wenig Kira Nerys mit Stärke beizukommen war, so wenig konnte sie doch eine Bitte abschlagen. Murrend legte sie ihren Kopf zurück. "Also gut. Aber glaube nicht, daß du mir jetzt jedesmal so kommen kannst", warnte sie. "Dieser Blick zieht nicht immer!" Er küßte sie auf die Stirne. "Es genügt mir, wenn er für den Moment zieht. Ich bin gleich wieder zurück." Als der Vedek die Türe öffnete, wurde er schon erwartet. Die zehn überlebenden Bajoraner hatten sich in der Mitte des Talkessels um Weden Gorit versammelt. Auf ihren teils entstellten Gesichtern zeigte sich Hoffnung. Bareil konnte erkennen, daß die Auswirkungen der Experimente äußerlich sehr verschiedene Spuren bei ihnen hinterlassen hatten. Nicht alle waren so gezeichnet wie Weden. Am Rand der Gruppe stand sogar eine Bajoranerin, die auf den ersten Blick gesund aussah. Bevor er sie aber besser betrachten konnte, wandte sich der Sprecher an ihn. "Vedek, Ihr müßt ihnen erklären, daß Bajor frei ist, sie wollen es mir nicht glauben." Bareil neigte den Kopf ein wenig. "Weden Gorit hat recht. Vor zweieinhalb Jahren haben sich die Cardassianer zurückgezogen. Es geht Bajor noch nicht wieder sehr gut - aber ja, wir sind frei!" Erst zögernd, dann entfesselt brach Jubel aus. Bareil ging zu der kleinen Gruppe hinüber. "Wie geht es Eurer Frau, Vedek?" erkundigte Weden sich unter den Hochrufen der anderen. Bareil lächelte bei der Implikation dieses Satzes; das wäre wieder ein Punkt, der Kira sicherlich zur Weißglut bringen würde: sie und verheiratet! "Danke, es geht ihr gut. Ich wollte nur nicht, daß sie schon wieder aufsteht. - aber sie ist nicht mein Frau, Weden Gorit", stellte er richtig. Zwei der Bajoraner knieten vor ihm und faßten seine Hände. Der Vedek mußte sich zusammennehmen, um nicht vor der Berührung zurückzuschrecken. Immer wieder rief er es sich ins Gedächtnis zurück, daß er nicht so arrogant reagieren konnte, sich Ekel im Angesicht dieser so gezeichneten Personen zu erlauben. Es war leichter gewesen, Weden gestern Nacht zu umarmen. Das schwache Mondlicht hatte vieles beschönigt. Aber jetzt herrschte das Licht der aufgehenden Sonne und zeigte deutlich die nässenden Geschwüre, die offenen Wunden. Er wußte zu gut, daß er ihnen keinen Dienst erwies, wenn er sich seine Abscheu anmerken ließ. "Segnet uns, Vedek", bat ein Mann zu seinen Füßen. Bareil nickte. Er hob seine Hände und legte sie auf die Köpfe der beiden vor ihm Knieenden. "Die Propheten mögen auf uns herab lächeln. Ihr alle seid frei, ihr alle werdet Hilfe erhalten. Das verspreche ich euch im Angesicht der Propheten." Er nahm seine Hände von den Köpfen der beiden Bajoraner vor ihm. "Und steht jetzt bitte auf, ihr sollt nicht vor mir knien. Das ist überholt." Sein Blick glitt wieder über die kleine Gruppe. Diesmal betrachtete er die junge Frau länger, die am Rand stand. Ihre Unterarme waren mit Tüchern eingewickelt, so daß er annahm, daß sie dort Spuren ihrer Gefangenschaft trug, aber ihr Gesicht war ungezeichnet. Die Sonne war mittlerweile hoch genug gestiegen, daß er ihre Züge völlig erkennen konnte.

Sie waren ihm sehr vertraut: die großen fast schwarzen Augen, die kleine Nase, der Schmollmund. Kira hatte ihm gegenüber niemals etwas über ihre Verwandten geäußert. Er wußte, daß ihre Eltern früh gestorben waren und daß sie zwei Brüder hatte, aber das war alles. Diese Ähnlichkeit jedoch, die ihm jetzt entgegen blickte, mußte genetisch bedingt sein. Er ging zu der Frau hinüber. "Wie heißt du?" Sie blickte ihn verwundert an. "Rell Valron... warum fragt Ihr?" "Kennst du eine Kira Nerys oder jemand anderen der Familie Kira?" Rell schüttelte den Kopf. Weden trat neben Bareil. "Als ich Eure Gefährtin gestern Nacht sah, habe ich mir das Gleiche gedacht, Vedek. Sie müssen aus der selben Familie stammen." Er wandte sich an die junge Frau. "Valron, die Frau, die mit dem Vedek kam, könnte eine Schwester von dir sein. Ihr müßt miteinander sprechen, ich bin mir sicher, ihr seid irgendwie verwandt." Rell zuckte mit den Schultern, folgte aber dem Vedek, der sie aufforderte zur Hütte hinüber zu kommen.

Kira lag immer noch auf ihrem Lager und überlegte sich gerade, ob es sich lohnte, Bareils verletzten Blick auf sich zu nehmen, um der Tatenlosigkeit dieses Bettes zu entgehen. Aber diese Entscheidung wurde ihr abgenommen, als die Türe aufging, und das Geschehen zu ihr hereinkam. Eben wollte sie den Vedek anmurren, daß sie sehr gut aufstehen könnte, als sie die Frau bemerkte, die hinter ihm die Hütte betrat. Beim Anblick der zierlichen Frau mit den langen roten Haaren, blieb jeder Kommentar unausgesprochen in Kiras Kehle stecken. Sie starrte ihre Vergangenheit an, das Bild, welches ihr aus cardassianischen Akten entgegen sprang, sooft sie die Unterlagen aufrief, die Tote auf der Bahre - stolz präsentiert von einem Mitglied des Obsidian Order. "Iliana!" Was ein Ausruf hätte werden sollen, erstarb fast als Flüstern. Ihr ungläubiger Blick wurde bei der Verwendung dieses Namens fast noch intensiver von der Bajoranerin an Bareils Seite kopiert. Die junge Frau stürzte beinahe auf Kiras Lager zu. Noch während sie neben ihr auf die Knie sank, faßte sie die Hand der Major. "Iliana!" wiederholte sie drängend. "Das ist der Name, den ich in meinen Träumen trage!"

Bareil sah von einer Frau zur anderen. Sie starrten sich immer noch an. "Kennt ihr euch?" fragte er leise. Beide Frauen schüttelten intensiv den Kopf, was den Vedek nur noch mehr verwirrte. Er hatte den Eindruck, in etwas Magisches hineingeraten zu sein, aber nicht die leiseste Ahnung, was das war. Kiras Gedanken wirbelten. Sie war sich fast sicher, die cardassianische Spionin vor sich zu haben. Aber wie konnte sie es ihr sagen? Wenn sie wirklich Iliana war, dann hatte sie nicht die geringste Ahnung davon, wohin sie tatsächlich gehörte. Was sollte sie machen? Die junge Frau drückte ihre Hand noch fester. "Sie haben mich Iliana genannt, warum? Warum?! In meinen Träumen ruft mich jemand bei diesem Namen - und es ist ein Cardassianer. Wie kommen Sie zu diesem Namen?" Ihre Stimme drohte umzukippen. "Iliana, ich..." "Ich heiße nicht Iliana!" Kira nickte. "Gut, wie heißen Sie?" "Rell Valron." "Rell, ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, es Ihnen zu erklären... können Sie mir erzählen, was Sie in Ihren Träumen sehen?" "Warum sollte ich?" Rell betrachtete sie mißtrauisch. ".... die Cardassianer haben Sie geschickt - es ist eine Lüge, daß die Besatzung vorbei ist, nicht wahr?" "Nein, das ist keine Lüge, Valron," Bareil löste sich von der Wand und kniete sich neben die beiden Frauen nieder. "Ich weiß auch nicht, worauf Nerys hinaus will. Aber ich bitte dich, Ihr zu vertrauen. Die Propheten sind meine Zeugen, daß wir dir nichts antun wollen." Rell betrachtete Bareil mißtrauisch, schien dann aber gewillt, seinem Rang zu trauen. "Ich möchte, daß Gorit auch dabei ist", forderte sie. "Ich möchte jemanden um mich haben, dem ich vertrauen kann." Bareil wollte sich eben erheben, um ihrem Wunsch nachzukommen, als Kira ihn am Arm faßte. "Nein, es ist besser, wenn Weden nicht erfährt, was ich Ihnen zu erzählen habe." "Warum nicht?" fragten Rell und Bareil wie aus einem Mund. "Sie werden es verstehen." Immer noch mißtrauisch setzte Rell sich auf die Fersen zurück. "Also, was haben Sie mir zu erzählen?" Kira erhob sich ein wenig auf ihrem Lager. Dies hier war eigentlich nicht ihre Rolle, es wäre eine Aufgabe für Bareil gewesen, aber diesem hatte sie nie die Einzelheiten ihres Zusammentreffens mit Legat Ghemor erzählt. "Was sehen Sie in Ihren Träumen, Rell?" Rell blickte noch einmal zu dem Vedek hinüber, der ermunternd nickte, dann zuckte sie mit den Schultern. "Sie kommen immer öfter. Früher hatte ich sie vielleicht einmal im Monat, aber mit den Jahren sind sie häufiger geworden. Und jetzt träume ich fast jede Nacht davon. Ich stehe in einem möblierten Raum, in der Ferne sehe ich einen Cardassianer, der mich sieht und auf mich zukommt. Seltsamerweise habe ich in meinen Träumen keine Angst vor ihm. Er erscheint mir fast gütig - und er scheint froh zu sein, mich zu sehen. Er kommt also auf mich zu und ruft meinen Namen...", sie sah wieder mißtrauisch zu Kira, "‘Iliana’. Im Traum erscheint es mir völlig natürlich, daß ich diesen Namen trage. Dann kommt immer der Punkt, an welchem ich mich umdrehe und in einen Spiegel sehe, der an der Wand hängt - und aus diesem Spiegel starren mir die Züge einer Cardassianerin entgegen." Sie schüttelte sich, so als ob sie ihren Traum in ihr Gedächtnis zurückriefe. "Und dann wache ich auf. Anfangs habe ich geschrien, aber der Traum kommt jetzt so oft, daß ich mich fast daran gewöhnt habe...", sie sah kurz zu den beiden anderen auf, bevor sie wieder den Boden betrachtete. "Es muß von den Experimenten kommen, welche die verdammten Cardassianer mit mir angestellt haben, denn die Träume haben erst nach meiner Flucht begonnen." "Die Cardassianer haben auch mit Ihnen experimentiert?" fragte Kira erstaunt. Rell schoß ihr den nächsten mißtrauischen Blick zu. "Mit uns allen.... warum?" Bareil verstand immer noch nicht, worauf seine Gefährtin hinauswollte, aber er wollte ihr helfen, wenn möglich, so bemerkte er: "Valron, du bist weniger gezeichnet als die anderen." Sie nickte. "Nach den ersten beiden Sitzungen...", sie spie das Wort fast aus, "haben sie mich über eine Woche nicht mehr geholt, und bevor sie es wieder machen konnten, sind wir ausgebrochen." Kira schüttelte den Kopf. "Sie müssen ihren Fehler bemerkt haben, und dann wußten sie nicht, was sie machen sollten," murmelte sie. "Was für einen Fehler?!" Rell packte Kira an den Schultern und schüttelte sie, "Verdammt, jetzt sagen Sie endlich, was Sie zu wissen glauben." Kira warf Bareil einen verzweifelten Blick zu, warum konnte er nicht helfen? Aber wie sollte er auch! "Der Cardassianer, der Sie in Ihren Träumen ruft, ist ein älterer Mann, groß, ein wenig korpulent, die Haare beginnen schon grau zu werden. Er hat eine ruhige, liebenswerte Stimme..." Rell starrte sie fassungslos an. "Woher wissen Sie das? Woher?!" "Weil ich in Ihrem Traum war, Iliana. Ich bin vor Kurzem vom Obsidian Order entführt worden, weil sie glaubten, mit meiner Hilfe einen Dissidenten enttarnen zu können: Legat Ghemor. Sie haben mich chirurgisch verändert und versucht, mir einzureden, daß ich keine Bajoranerin wäre, sondern eine cardassianische Undercover-Agentin, die langsam wieder ihr Gedächtnis zurück erlangt - und ich sei die Tochter von Legat Ghemor* ," sie schloß die Augen, als sie sich daran zurückerinnerte, wie sie in diesem möblierten Raum aufgewacht war. "Und ich habe das Entsetzen gespürt, als ich nicht mehr mich im Spiegel sah, sondern Iliana Ghemor." Rell lachte auf, es war nahe an Hysterie. "Sie versuchen mir einzureden, daß ich eine Cardassianerin bin? Das ist lächerlich!" Kira schüttelte den Kopf. "Ich weiß, wie lächerlich das ist. Ich habe genau dasselbe durchgemacht. Ich habe mit jeder Faser an meinen Erinnerungen festgehalten, weil es Momente gab, in denen ich wirklich glaubte, was man mir versuchte einzureden." Sie sah Rell in die Augen und versuchte, irgendwie die Ernsthaftigkeit ihrer Behauptung mit Blicken herüberzubringen. Sie konnte deutlich erkennen, daß die junge Frau ihr kein Wort glaubte. Warum sollte sie auch? Wäre sie, Kira Nerys, in der selben Situation, würde sie auch kein Wort glauben. - Und sie war beinahe in der selben Situation gewesen. "Um Legat Ghemor davon zu überzeugen, daß es sich tatsächlich um seine Tochter handelt, mußten sie jemanden nehmen, der ihr ähnlich sah. Sie haben mich genommen - und die Ähnlichkeit zwischen uns beiden ist nicht zu verleugnen." Rell lachte wieder auf. Was sonst hätte sie tun sollen? Die gesamte Situation wirkte so unglaublich, daß sie nicht wußte, wie sie reagieren sollte. Und doch, warum wußte diese Fremde von ihren Träumen? "Und wenn das stimmen sollte, was Sie hier erzählen... wer sagt Ihnen denn, daß nicht Sie diese Cardassianerin sind?" Kira blickte sie traurig an. "Weil ich nicht träume."

««««

Bareil hatte Kiras Kopf in seinem Schoß. Sie starrte die Wand an, aber der Vedek spürte genau, wie sehr sie sich bemühte, ihre Tränen zurückzuhalten. Rell Valron - Iliana - war zur Hütte hinaus gestürmt. Der Vedek war ihr gefolgt, aber sie hatte niemanden sehen wollen. Weden hatte ihn erschrocken gefragt, was passiert sei, aber er hatte es ihm nicht erklären können. Kira hatte Recht, sie wußten nicht, was die Bajoraner machen würden, wenn sie wüßten, daß eine der Ihren vielleicht eine cardassianische Spionin war. So war er wieder zur Hütte zurückgekehrt und versuchte nun, die Frau, die er liebte, zu beruhigen. Langsam drehte Kira sich von der Wand fort und in seinen Schoß hinein. Ein einzelnes Schluchzen schüttelte ihren schlanken Körper. Sie faßte seinen Oberschenkel und hielt sich eine Zeitlang einfach nur daran fest. Schließlich hob sie ihren Kopf. "Ich hätte es ihr nicht sagen dürfen", flüsterte sie. "Ich habe alles verkehrt gemacht." "Shhh, du hattest überhaupt keine andere Wahl", er faßte ihr Kinn, um ihr in die Augen zu sehen. "Soll ich dir etwas verraten, Nerys. Ich saß die ganze Zeit über genauso fassungslos wie sie da, aber nicht nur wegen der Enthüllung, sondern aus Achtung davor, wie überzeugend du die Sache gehandhabt hast. Ich hätte es nicht so gut machen können. Aber es war nicht zu vermeiden, daß sie beinahe hysterisch reagiert hat. Ihre gesamte Welt ist von einer Minute zur anderen vollständig eingestürzt. Ich kann nicht einmal beginnen, mir vorzustellen, wie sie sich fühlen muß." "Ich kann es", Kira drehte sich auf den Rücken, um ihm jetzt vollständig in die Augen sehen zu können. "Ich weiß genau, wie sie sich jetzt fühlt. Aber ich hatte den Vorteil, daß ein Teil meines Bewußtseins immer genau wußte, wer ich wirklich war. Sie kann das jetzt nicht." "Du bist dir völlig sicher, daß sie eine Cardassianerin ist?" Kira nickte. "Sie ist Iliana Ghemor, ja, da bin ich mir völlig sicher. Im Allgemeinen träumst du nicht das Leben eines anderen - wenn du nicht vom Obsidian Order umprogrammiert worden bist." "Wie kommt es dann, daß sie hier ist?" "Ich kann nur vermuten, daß die Rechte nicht wußte, was die Linke tat. Sie mußten sie für eine Bajoranerin halten - dafür war die ganze Maskerade ja gedacht. Wenn es stimmt, was Weden uns erzählt hat, daß diese Versuchsanstalt nicht einmal unter allen Cardassianern bekannt war, dann wurden die Akten der Opfer garantiert nur einem minimalen Kreis zugänglich gemacht - worunter wohl niemand war, der sie als eine der ihren hätte identifizieren können." Sie schnaubte verächtlich. "Ich kann mir die Gesichter vorstellen, als die Wissenschaftler sich plötzlich bei den Ergebnissen der Experimente mit cardassianischer DNA konfrontiert sahen. Mit Sicherheit begann dann die lange Reihe der Schuldzuweisungen - und ich könnte wetten, daß Iliana nicht länger überlebt hätte, wäre der Ausbruch nicht dazwischen gekommen. Der Skandal auf Cardassia, wenn herausgekommen wäre, daß sie an ihren eigenen Leuten genetische Experimente vorgenommen hatten! Oh, Bareil, ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich diese Leute verabscheue!" Der Vedek streichelte ihr gedankenverloren über die Wange. Was Kira da als Möglichkeit ausgeführt hatte, klang sehr wahrscheinlich. Aber das hieß auch...

"Aber das heißt auch, daß sie auf keinen Fall nach Cardassia zurückkehren kann", meinte er nachdenklich. Kira schüttelte den Kopf. "Ihr Vater lebt im Exil, schon deshalb hätte sie nicht zurückkehren können. Oh, Bareil, ich weiß nicht einmal, ob wir die Möglichkeit haben, ihr zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit zurückzuerlangen - oder ob sie das überhaupt möchte.... Hätte ich doch bloß den Mund gehalten!" "Jetzt hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Sie hat selbst gesagt, daß seit ihrer Gefangenschaft die Träume gekommen sind, und daß sie immer häufiger werden. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Experimente aus Versehen den Konditionierungsmechanismus getriggert haben, so daß sie sich mit der Zeit immer mehr daran erinnern würde, eine Cardassianerin zu sein." Bareil blickte zum Fenster auf. Die Sonne stand jetzt schon hoch am Himmel. "Es wird Zeit, daß ich mich aufmache", wechselte er das Thema. Wie vermutet, sprang Kira sofort darauf an. "Was heißt hier, Du machst dich auf?" fragte sie mißtrauisch. Er lachte leise. "Ich werde dich nicht durch diesen Dschungel zurücktragen..." "Das möchte ich mir auch verbitten!" "... daher möchte ich zurück, um einen Transporter zu organisieren." Nun war es an ihr zu lachen. "Was?" fragte Bareil offensichtlich verwirrt. Sie gluckste. "Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie du wieder aus dem Dschungel zurückkommst." Er packte ihren Kopf und hielt ihn fest zwischen seinen Händen. "Du machst dich nicht zufällig lustig über mich?" verlangte er zu wissen. "Nie!" murmelte sie so gut es in seinem Klammergriff ging. Als er etwas lockerer ließ, fügte sie hinzu: "Aber jetzt sei doch ehrlich, du weißt doch nicht einmal, in welche Richtung du laufen solltest." "Deswegen werde ich auch Weden Gorit mitnehmen," gab Bareil zurück. "Kann ich dich hier zurücklassen, ohne daß du das Lager aufmischst?" "Ungern", knirschte sie. "Was soll ich hier?" "Als erstes kannst du versuchen, mit Rell zu sprechen. Sie braucht dich jetzt dringend, du bist ihr einziges Band zu ihrer Identität."
 
 

««««

Der Rückweg durch den Dschungel dauert länger als Bareil es in Erinnerung gehabt hatte. Sie hatten beim Teich einen Stop eingelegt, um seine und Kiras Sachen zu holen. Wie zu erwarten gewesen, war vom Proviant nicht mehr viel übriggeblieben, die Tiere des Dschungels hatten die günstige Chance sofort wahrgenommen. Aber ihre Kleidung und Ausrüstung war unbeschädigt und vollständig. Die Sonne war bereits wieder am Untergehen, als Weden und Bareil schließlich den Rand des Dschungels erreichten. Nach einem Marsch von einer weiteren halben Stunde trafen sie auf die Station des Transportshuttles. Außer ihnen wartete niemand zu dieser Zeit. Bareil setzte seinen Rucksack ab und betrachtete dann nachdenklich seinen Begleiter. Weden hatte sich seit Verlassen des Dschungels ununterbrochen umgesehen, immer in Furcht davor, einen cardassianischen Aufklärer zu erspähen. Auch jetzt musterte er mißtrauisch die Haltestation des Transportshuttles. "Weden Gorit, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber vielleicht ist es besser, wenn du eine Kapuze oder ein Tuch überziehst, bis wir in der Stadt sind...", der Vedek machte die Bemerkung nicht gerne, aber er konnte sich lebhaft die Reaktion anderer vorstellen. Der Angesprochene nickte nur stumm und tat wie ihm geheißen. Als das Shuttle schließlich kam, blieb Bareil dicht bei Weden, denn er spürte, daß der Mann immer noch hinter jeder Tür und jedem Sitz einen Cardassianer vermutete. Er bereute es erneut, Kiras Wunsch nachgegeben zu haben, keine Kommunikationseinheiten mitzunehmen. Es wäre soviel einfacher gewesen, einen Transporter vom Kloster anzufordern. Als Vedek besaß er die Autorität dazu. Natürlich wurde es aus Kostengründen nicht gerne gesehen, wenn die Maschinen für Privatzwecke verwendet wurden, aber niemand außer der Kai selbst hatte ihm Fragen zu stellen. Und ‘Privatzwecke’ konnte man diese Angelegenheit sicherlich nicht nennen. Der Flug in die Stadt schien Ewigkeiten zu dauern, doch keiner der anderen Fahrgäste schenkte ihnen größere Beachtung. Als sie die äußeren Bezirke der Stadt passierten, wurde Wedens bisher ruhige Gestalt lebhafter. Jetzt konnte er mit eigenen Augen die Veränderungen sehen. Nur noch gelegentlich waren Zeugnisse der Vernichtung übriggeblieben. In den meisten Gegenden hatte die Errichtung neuer Gebäude oder die Wiederherstellung der alten begonnen. In den Straßen bewegten sich Bajoraner ohne Angst, ohne ständige Blicke nach oben oder zu den ehemaligen, großen Bewachungsgebäuden hinüberzuwerfen. Nicht ein einziger Cardassianer war auf der gesamten Fahrt zu sehen. Bareil konnte von der Seite sehen, wie Tränen in Wedens Augen blitzten, und er betete zu den Propheten, daß er sein Versprechen um Hilfe würde einlösen können.



««««

Kira lehnte im Türrahmen und sah auf das Lager hinaus. Bareil war nicht da, also auch niemand, der ihr Vorschriften machen konnte, ob sie liegen zu bleiben hatte oder nicht. Die Bajoraner waren eifrig damit beschäftigt, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken. Die Major beobachtete sie nachdenklich, waren die bajoranischen Ärzte gut genug, um verunglückte cardassianische Experimente zu heilen? Sie zweifelte daran. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr und wollte schon herumfahren, aber der Gedanke an Bareils ärgerliches Gesicht, wenn sie ihren Knöchel belasten würde, ließ sie innehalten. So wandte sie sich langsam um. Iliana - Rell verbesserte sie sich in Gedanken - kam auf sie zu. Kira konnte im Gesicht der Frau nicht lesen, wie diese sich fühlte. "Sie sollen nicht aufstehen." Die Major verdrehte die Augen. War Bajor mit Bareils übersät? "Der Vedek hat mir aufgetragen, nach Ihnen zu sehen." Natürlich! Das sah ihm ähnlich. Auf diese Weise hatte er sichergestellt, daß Kira im Bett blieb und daß die beiden Frauen gezwungen waren, sich noch einmal zu sprechen. Sie lächelte schwach. "Das brauchen Sie nicht, Rell. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Und ich verspüre keine Lust, in der dunklen Hütte zu liegen, wenn hier draußen die Sonne so warm scheint." Rell bot ihre Schulter als Stütze an. "Dann sollten Sie sich aber zumindest setzen." Kira erlaubte der Frau, sie zu einer Bank zu führen. Als sie saß, blickte sie in das so familiäre Gesicht auf. "Es tut mir leid, was ich Ihnen gesagt habe. Ich habe nicht nachgedacht... ich", sie zerschnitt frustriert mit ihren Händen die Luft. "Ich habe Sie gesehen, und die Erinnerung war einfach da. ... Es tut mir leid." Rell winkte ab. "Ich habe darüber nachgedacht. Nein, ich nehme es Ihnen nicht mehr übel. - ich muß gestehen, vorhin hätte ich Ihnen am liebsten die Gurgel umgedreht", fügte sie schwach lächelnd hinzu. "Ich bin mir sicher, daß Sie tatsächlich an das glauben, was Sie mir gesagt haben. Aber das stimmt einfach nicht. Es müssen die Experimente der Cardassianer gewesen sein. Sie haben mir diese falschen Erinnerungen eingepflanzt. Ich bin mir sicher, daß es so war." "Vielleicht...", Kira betrachtete den Boden zu ihren Füßen. Aber sie glaubte nicht daran... Es war bereits dunkel, als Bareil und Weden Gorit mit dem Transporter zurückkehrten.



««««

Bareil war nahe davor, mit dem Fuß aufzustampfen. "Was heißt hier: wer übernimmt die Kosten? Wäre es vielleicht möglich, diesen Personen zu helfen und sich danach über Nebensächlichkeiten Gedanken zu machen?" Die Bajoranerin auf der anderen Seite des Schreibtisches fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. "Vedek", sie senkte den Kopf, um ihm zu versichern, daß sie seinen hohen Rang anerkannte, aber andererseits auch, um seinem Blick zu entgehen, "Kosten laufen bei uns leider nicht unter Nebensächlichkeiten. Es wäre niemandem lieber als mir selbst, wenn wir endlich wieder soweit wären, daß wir uns nicht mehr darum kümmern müssen, wer was bezahlt." Bareil hob seine Hände in einer entschuldigenden Geste. "Es tut mir leid. Ich weiß, wie schwierig unsere Situation ist. Ich bin noch etwas mitgenommen von dem, was diese Leute mitmachen mußten. Sie haben natürlich Recht. Ich bin sicher, mein Orden wird die Kosten übernehmen." Die Frau gab etwas in ihr Terminal ein. "Um welche Krankheit handelt es sich denn?" Bareil stockte. Er konnte unmöglich etwas über die cardassianischen Experimente verlauten lassen. Ohne Frage würde eine solche Enthüllung sich sofort über die Grenzen des Krankenhauses hinaus ausbreiten und die öffentliche Meinung beeinflussen. Er konnte sich das für die bevorstehenden Verhandlungen im Prinzip nicht erlauben. Er war froh, daß er Kira bei den anderen im Transporter zurückgelassen hatte! Die Tragweite ihrer Entdeckung hatte ihn im Affekt handeln lassen. Etwas, was er sich eigentlich nicht leisten durfte. Er hatte sich überhaupt keine Vorstellungen darüber gemacht, wie die Bajoraner medizinisch versorgt werden sollten, wenn er den Ärzten nicht die wahre Ursache der Entstellungen mitteilen konnte. Es würde nötig werden, vertrauensvolle Wissenschaftler unter ein Schweigegelübde zu stellen. Doch dies war eine Angelegenheit, die er nicht mehr selbst entscheiden durfte. "Vedek, welche Krankheit?" Bareil unterbrach seinen Gedankengang, um der Beamtin entschuldigend zuzulächeln: "Verzeihung, ich denke, ich werde mich zuerst mit der Kai in Verbindung setzen." Unter dem forschenden Blick der Frau hinter dem Schreibtisch verließ er eiligst das Anmeldezimmer. Er hoffte, daß sich die Hitze, die er momentan spürte, nicht in seinem Gesicht zeigte. Wenn er bei den bevorstehenden Verhandlungen ebenso kopflos reagieren würde, wäre es vielleicht besser, Kai Winn um einen anderen Stellvertreter zu bitten.

Kurze Zeit später betrat er wieder den Transporter. Kiras erwartungsvolles "Und?" begrüßte ihn schon. Er seufzte, als er sich zu den anderen setzte. "Wir müssen zuerst mit Winn sprechen." "Warum?" wollte Kira wissen. "Ich habe einfach nicht die Autorität, das alleine zu machen. Ich hatte gerade eben nicht einmal eine Antwort auf die Frage nach der Art der Krankheit." "Was für Probleme gibt es, Vedek?" fragte Weden. Bareil seufzte erneut. Er kam sich schäbig vor, den nächsten Satz zu äußern. "Weden Gorit, wir befinden uns momentan in einer schwierigen Phase." Er überhörte das verächtliche Schnauben Kiras, die genau wußte, mit was der Vedek nun wieder beginnen würde. "Die cardassianische Regierung ist zum ersten Mal seit Besatzungsende bereit, unseren freien Status offiziell anzuerkennen und bedingt Wiedergutmachung zu leisten. Die Verhandlungen beginnen in der nächsten Woche, und es wird nicht einfach werden. Deswegen..." Weden hob die Hand. "Wir sind ein Problem," stellte er leidenschaftslos fest. Der Vedek senkte seinen Kopf und seufzte zum dritten Mal. "Nicht ihr seid das Problem, aber ich bin mir sicher, daß die Verhandlungen scheitern werden, wenn die Existenz von Kaldorat öffentlich bekannt wird. Es würde nicht nur die bajoranische, sondern mit Sicherheit auch die cardassianische Öffentlichkeit in Aufruhr versetzen." "Wir sind das Problem," wiederholte Weden resigniert. Kira warf Bareil einen wütenden Blick zu und legte dem gezeichneten Bajoraner eine Hand auf die Schulter. "Oh nein, ihr seid nicht das Problem. Das Problem sind feige Bürokraten." "Nerys!" Bareil wandte sich wieder Weden zu. "Ich habe mein Wort gegeben, euch zu helfen. Und das werde ich halten. Aber für die Zukunft Bajors müssen wir behutsam vorgehen. Es ist das Beste, wenn ich Kai Winn aufsuche, um die Angelegenheit mit ihr zu besprechen. Sie weiß das Richtige zu tun." "Ha!" Kira lachte humorlos auf, "das wäre ja das erste Mal in ihrem Leben." Bevor der Vedek zur Verteidigung seiner Vorgesetzten anheben konnte, unterbrach ihn Wedens erstaunte Frage: "Kai Winn? Was ist mit Kai Opaka geschehen?" "Die Propheten haben sie zu sich gerufen und Vedek Winn zu ihrer Nachfolgerin erkoren." Er schoß Kira einen Blick zu, daß sie sich doch bitte den Kommentar, der ihr sicherlich auf der Zunge lag, verkneifen sollte.
 
 

««««

Kira war bei den anderen geblieben. Bareil hatte dafür gesorgt, daß sie im Kloster etwas zu Essen bekamen und sich jemand um Kiras Knöchel kümmerte. Nun stand er wieder in seine Robe gekleidet mit gesenktem Haupt vor der Kai. "Wo sind sie jetzt?" Winns Stimme drückte ihr Mißfallen deutlich aus. "Ich habe sie in meinem Flügel untergebracht, Eminenz." "Dann sorgt dafür, daß sie von dort möglichst unauffällig wieder verschwinden!" Bareil sah auf. "Eminenz?" "Wir können es uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht leisten, daß dieser Vorfall an die Öffentlichkeit gelangt. Ihr seid für die Leute verantwortlich. Ich erwarte von Euch, daß Ihr eine Lösung findet. Wenn die Bevölkerung herausbekommt, was in Kaldorat geschehen ist, wird sie fordern, daß wir diesen Vorfall in den Verhandlungen zur Sprache bringen. Und das bedeutet mit Sicherheit das Aus. Das muß ich Euch doch wohl nicht erklären?" Der Vedek schüttelte den Kopf. "Natürlich nicht, Eminenz. Über die Konsequenzen bin ich mir völlig im Klaren. Major Kira ..." Die Kai verzog das Gesicht bei der Nennung dieses Namens. "...vermutet sogar, daß die verantwortlichen Kreise auf Cardassia selbst keinerlei Interesse haben, daß die Existenz von Kaldorat bei ihnen publik wird, und ich pflichte ihr in dieser Ansicht bei." "Dann verstehen wir uns ja, Vedek." Die Kai wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu. Bareil blieb vor ihr stehen. Er bekam den Eindruck nicht los, daß ihm ein wichtiger Punkt entgangen war. "Eminenz? Diese Bajoraner benötigen dringend medizinische Versorgung." Die Kai sah von ihren Daten auf. Ihrem Blick war deutlich anzusehen, daß sie sich fragte, was der Vedek immer noch hier tat. "Das ist mir klar. Tut für sie, was Ihr für richtig haltet, Bareil. Aber sorgt dafür, daß zumindest im Augenblick niemand von ihrer Existenz erfährt." Er wollte etwas erwidern, doch die Kai gestikulierte ungeduldig. "Ihr dürft gehen, Vedek Bareil." Der große Mann verneigte sich, ging ein paar Schritte rückwärts und verließ dann das Arbeitszimmer der Kai. Wehmütig dachte er an die Zeit zurück, da er aus diesem Raum stets mit neuer Zuversicht und Trost getreten war. Tut für sie, was Ihr für richtig haltet. Bareil trat auf den Korridor hinaus. Was hatte er erwartet?
 
 

««««

"Du siehst nicht besonders glücklich aus." Kira erhob sich von dem Tisch, an welchem sie mit den anderen gegessen hatte. Ihr Knöchel befand sich in einer Bandage, aber sie schien wieder gut darauf stehen zu können. "Nein, das kann man auch nicht so behaupten." Die Major war sensibel genug, sich ein "Ich habe es dir ja gesagt" zu verkneifen. "Was jetzt?" fragte sie statt dessen. Bareil schenkte der am Tisch sitzenden Gruppe einen Blick, der weitaus zuversichtlicher war als er sich fühlte. "Die Kai hat mir Handlungsspielraum zugesichert. Ich werde mich nun mit der Klinik in Verbindung setzen." Nachdem er den Raum wieder verlassen hatte, legte Rell ihre Gabel beiseite. "Das ist also das freie Bajor! Nicht viel anders als vorher, hm?" "Valron," Weden legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Der Vedek hat doch gesagt, daß er mit einem Mediziner spricht." "Du hast doch sein Gesicht gesehen, er glaubt ja selbst nicht an das, was er sagt." "Das ist nicht wahr," fuhr Kira auf. "Vedek Bareil ist einer der ehrbarsten Männer, die Bajor hat," entrüstete sie sich. "Er hat euch doch erklärt, welche Schwierigkeiten wir haben. Aber er wird alles in seiner Macht stehende unternehmen, um euch zu helfen." Sie betrachtete ihr Glas unwillig und gab dann zu: "Ich selbst würde am liebsten sofort die Bevölkerung über euer Schicksal informieren. Aber wenn er der Meinung ist, daß dies nicht zu Bajors Bestem ist, füge ich mich seiner Weisheit. Auch für mich ist es einfach das Allerwichtigste, diesen Vertrag zustandezubringen." "Das verstehen wir vollkommen," versicherte Weden. "Jeder einzelne von uns hat schließlich Zeit seines Lebens auf seine Weise für Bajor gekämpft und gebetet. Nichts läge uns jetzt ferner als Hindernisse in Bajors neuer Freiheit darzustellen."
 
 

««««

Das Ergebnis der Untersuchungen war alles andere als zufriedenstellend. Der Mediziner, den Bareil unter das Schweigegelübde genommen hatte, mußte gestehen, daß es auf dem gesamten Planeten keine Klinik gab, die gut genug ausgerüstet war, um den cardassianischen "Experimenten" beizukommen. Das Mindeste, was er gebraucht hätte, wären die cardassianischen Unterlagen. Und diese zu besorgen, stand außer Frage.

Um eine Illusion ärmer betrat der Vedek das Wartezimmer. "Nerys, Dr. Feyan ist der Meinung, daß der Föderationsarzt uns am ehesten weiterhelfen kann." "Bashir?" Kira rümpfte die Nase. "Doch, ja, ich kann mir vorstellen, daß er sich dieser Sache mit Begeisterung annehmen wird." "Du meinst, er kann uns helfen?" Kira zuckte die Schultern. "Das weiß ich nicht, aber den Versuch ist es wert, oder nicht? Hier hilft uns ja niemand."
 
 

««««

Der Anblick, der sich Commander Sisko bot, als er in die Krankenstation gelangte, war nicht im mindesten das, was er sich vorgestellt hatte. Doktor Bashir und seine Assistentin waren eifrig damit beschäftigt, eine Gruppe von Bajoranern zu untersuchen, die mit Leichtigkeit einem der alten Horrorfilme entsprungen sein könnten. Er mußte sich zusammennehmen, um seinen Magen daran zu hindern zu revoltieren. Sein erster Offizier ging dem Doktor mit Eifer zur Hand, und in einer Ecke der Station, in welcher er nicht im Weg stand, sprach Vedek Bareil leise mit einem Teil der Patienten. Der Umstand, daß er, Sisko, Kommandant dieser Station war, schien nicht im geringsten zu bedeuten, daß er auch informiert sein mußte, was darauf vor sich ging. "Vedek," er zollte dem Geistlichen mit einem Kopfnicken seinen Respekt, dann durchlöcherte sein Blick seine beiden Offiziere. "Major! Doktor! Wäre es zuviel verlangt, wenn mich jemand informieren würde, was hier vor sich geht?" Der Geistliche entfernte sich von dem Patienten, mit dem er zuletzt gesprochen hatte, und trat auf Sisko zu. "Commander, bitte vergeben Sie unser unangekündigtes Eindringen. Die Propheten wissen, daß wir Sie nicht belästigen wollten. Doch wir sahen keinen anderen Weg." Bareil berichtete dem Commander in wenigen Sätzen, was vorgefallen war. Als er geendet hatte, kratzte sich Sisko nachdenklich am Schädel. "Ich glaube gerne, daß die cardassianische Regierung nicht unbedingt mit dieser Angelegenheit konfrontiert werden möchte," meinte er. Der Vedek faßte ihn am Arm und zog ihn ein wenig aus der Hörweite der anderen. "Nerys ist der Meinung, daß es sich bei einer der Flüchtlinge um die cardassianische Agentin Iliana Ghemor handelt. Wenn herauskäme, daß an ihr ebenfalls Experimente durchgeführt wurden, würde es einen Skandal auf Cardassia bedeuten. Diese Information in den Händen der Gegner des Friedensvertrages - und unsere gesamte Arbeit war umsonst. Commander, ich flehe Sie an, im Namen Bajors, gewähren Sie diesen Leuten Unterkunft, bis wir einigermaßen wissen, wie wir uns verhalten sollen." Sisko seufzte. Er schätzte den moderaten Vedek und beschloß daher, für dieses Mal über die Eigenmächtigkeit seines ersten Offiziers hinwegzusehen. "Ich hoffe nur, daß ich es rechtzeitig erfahre, falls meine Station wieder in das Kreuzfeuer irgendwelcher Aktivisten geraten sollte." Bareil lächelte. "Ich verspreche, daß Sie auf dem Laufenden gehalten werden. Wenn wir Glück haben, dann kann uns Ihr Dr. Bashir helfen, und das Problem ist in kürzester Zeit von der Hand."

Natürlich war das Problem nicht in kürzester Zeit von der Hand. Bashirs Prognose unterschied sich nicht im Wesentlichen von derjenigen der bajoranischen Ärzte. Der Mediziner konnte bei Dreien der Flüchtlinge etwas ausrichten, für die anderen hatte er nur oberflächliche Hilfe. Die genetischen Veränderungen waren so stark, daß er ohne die Versuchsprotokolle nicht mehr weiterkam. Es würde ihn Monate und eine äußerst teure Starfleet-Ausrüstung kosten, um die Genom-Mappen aufzustellen. Da er keinen Sinn darin sah, die Bajoraner unter Quarantäne oder Beobachtung zu stellen, hatte Bashir es dem Vedek überlassen, für sie Quartiere zu organisieren. Nun saß er über dem Display und wartete auf die Analysen der Gewebeproben.

"Und?" Kiras befehlsgewohnter Tonfall ließ den jungen Arzt ein wenig von seinem Stuhl aufspringen. "Nerys! Wollen Sie mich umbringen, oder was?" Er wandte sich zur Major um. Als er Kiras entschuldigendes Gesicht sah, begann er zu grinsen. "Was kann ich für Sie tun?" Sie deutete mit dem Kinn auf die Anzeigen. "Wie sieht es aus?" Bashir schüttelte leicht den Kopf. "Nicht gut, tut mir leid. Wenn ich beginne, ohne genaues Wissen über die Experimente an ihren Genen herumzupfuschen, dann ist die Chance größer, daß ich alles noch verschlimmere, als daß ich etwas verbessere. Immerhin", fügte er hinzu, "ist der Zustand der Leute mehr oder weniger stabil. Keiner von ihnen befindet sich in akuter Lebensgefahr." "Natürlich nicht", erwiderte sie verbittert, "diejenigen sind in den letzten Jahren ja auch schon hilflos eingegangen!" Der Arzt bezog ihre Verbitterung zum Teil auch auf sich. "Ich mache, was ich kann, Major," versicherte er daher verteidigend. "Natürlich", sie zwang sich ein umgängliches Gesicht auf, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte. "Das weiß ich. Es ist nur so verdammt ungerecht - Ich hatte es mir wesentlich einfacher vorgestellt. Ich denke, Ihre Medizin kann sogar Tote erwecken." "Schön wäre es," seufzte Bashir, als er sich wieder den Datenkolonnen widmete. "Schön wäre es." "Was ist mit den Daten von Rell Valron?" wechselte die Frau das Thema. "Was soll mit ihnen sein?" murmelte Bashir zwischen zwei Eintragungen. "Sie ist keine Bajoranerin, oder?" "Wie bitte?" der Arzt blickte wieder auf, nur um dann sofort die Probe der fraglichen Frau aufzurufen. Er hatte ihr weniger Beachtung geschenkt, da die Ausschläge an ihren Armen einer der drei Fälle waren, in welchen Bashir keine Probleme mit einer Heilung sah. Ansonsten war ihm die Frau gesund erschienen. Jetzt betrachtete er die Basenfolgen auf dem Schirm. Kira starrte die Buchstabenreihen ebenfalls an, aber sie sagten ihr absolut nichts. "Und?" drängte sie daher. "Einen Augenblick bitte!" Bashir warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. Er schätzte es nicht so unheimlich, wenn er bei seiner Arbeit gedrängt wurde. "Computer, Vergleich mit bajoranischem und...", er blickte fragend zu Kira auf. "Cardassianisch." "... cardassianischem Genom." Wenige Augenblicke später verkündete die maschinelle Stimme, daß die Genausstattung tatsächlich auf cardassianischen Ursprung schließen ließ. Entsetzt betrachtete Bashir den Schirm. "Um Himmels Willen, sie haben das Genom vollständig verändert, es grenzt an ein Wunder, daß die Frau keine größeren Schäden abbe..." "Nein", unterbrach Kira ihn ungeduldig, die Bestätigung ihrer Vermutung erfüllte sie mit leichtem Triumph. "Sie ist keine Bajoranerin, an welcher umfangreiche Experimente vorgenommen worden sind. Sie ist eine plastisch veränderte Cardassianerin." "Eine Spionin?" Sie nickte. "Sie erinnern sich daran, als Sie mich operiert haben, nachdem mich der Obsidian Order entführt hatte. - Genau das ist mit ihr geschehen. Sie ist die Frau, die ich sein sollte." "Du meine Güte", Bashir vergrößerte die Vergleichsreihen. "Das ist ganze Arbeit."



««««

Kira fand die Frau schließlich an einem abgeschiedenen Tisch in Quark’s. Vedek Bareil hatte den Flüchtlingen einen bescheidenen Betrag aus seiner eigenen Tasche zur Verfügung gestellt, so daß sie sich mit dem Nötigsten versorgen konnten, ohne jedesmal auf ihn oder Kira angewiesen zu sein. Außer Rell zogen sie es allerdings vor, sich nicht in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Weden Gorit und fünf andere saßen mit dem Vedek zusammen und diskutierten Bajors Entwicklung seit Ende der Besatzung. Die übrigen hatten sich der Stationsbibliothek bedient und unterrichteten sich so über die Geschehnisse. Einzig Rell verspürte momentan keinerlei Bedürfnisse, über Bajors Geschichte nachzudenken. Sie hatte versucht zu schlafen, aber die Träume hatten überhand genommen. Es war nicht mehr nur das Zimmer und der ältere Mann, der sie rief; nun liefen ganze Ereignisreihen aus ihrem Unterbewußtsein ab. Sie hatte mit einer Frau gespielt, die sie in ihren Träumen "Mutter" genannt hatte, sie war in der Schule gewesen, sie hatte ihren "Vater" in seinem Büro besucht, sie hatte mit anderen gesprochen - und immer waren Cardassianer um sie herum gewesen. Nicht ein Bajoraner bewohnte ihre Träume. Es fiel ihr immer schwerer, diese Bilder zu ignorieren. Je fester sie nach dem griff, was bisher ihre Identität gewesen war, desto deutlicher rann es ihr durch die Finger. Jetzt sah sie die Major auf sich zukommen - und innerlich versuchte sie, ihr die Schuld an allem zu geben.

"Hallo!" Kira deutete auf einen der leeren Stühle. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" Rell zuckte mit den Schultern. "Lassen Sie sich nicht aufhalten." "Wie geht es Ihnen?" "Oh, das ständige Jucken hat fast schon aufgehört", sie hob die nun unbandagierten Unterarme zur Betrachtung empor. Bashir hatte sie mit einem leichten Sprühverband versehen, der die Haut durchscheinen ließ. Sie war an einigen Stellen noch sehr gerötet. "Das meine ich nicht", schüttelte die Major ihren Kopf. Rell ließ die Arme wieder sinken und blickte in ihr Glas. "Das weiß ich." Kira überlegte, wie sie es ihr am diplomatischsten mitteilen konnte, aber sie war keine Diplomatin. "Dr. Bashir hat Ihr Genom untersucht... es ist cardassianisch." Ihr Gegenüber sah von ihrem Glas auf. Augen, die den ihren so ähnelten, betrachteten sie hilfesuchend. Kira konnte in ihnen lesen, daß Rell Valron sich allmählich aufzulösen begann und Iliana Ghemor zutage trat. Aber die Frau war nicht bereit, Rell loszulassen - und Kira konnte es ihr nicht verdenken. "Iliana", sagte sie leise. "Ich weiß, daß es schwer ist. Aber sie müssen sich daran gewöhnen, wer Sie wirklich sind..." "Und warum?!" Die Frau schlug mit der Faust auf den Tisch, so daß das Glas auf dem Boden zersprang. Etliche Gäste wandten sich verwundert um, und auch Quark wollte sich schon auf den Weg zu ihnen machen, aber Kira hielt ihn mit einem eindeutigen Blick davon ab. "Die letzten Jahre wußte ich sehr gut, wer ich war!" "Bitte", die Major hielt Rells Hände fest. "Bitte... ich möchte Ihnen helfen, so gut es geht..." "Was?" Im Blick der Frau hatte sich etwas verändert. "Einer Cardassianerin?" Und mit einem Mal wurde es Kira bewußt, daß die wahre Iliana Ghemor freiwillig und gegen den Willen ihres Vaters in die Dienste des Obsidian Order getreten war - zur Unterdrückung ihres Volkes. Instinktiv zog sie ihre Hände von der Frau fort. Ihr Gegenüber triumphierte beinahe. "Na bitte, habe ich es doch geahnt." "Nein", versuchte Kira ihr Zurückzucken zu verbergen. "Ich habe gelernt, daß ich nicht alle Cardassianer gleich ansehen darf. Wie es jeder von uns gelernt hat.... Ich habe Ihren Vater..." "Ilianas Vater!" "...Ilianas Vater kennengelernt. Und er ist einer der wunderbarsten Menschen, die mir jemals begegnet sind. Er kämpft für sein Cardassia auf seine eigene Weise, auf eine Weise, die ich verstehe und gutheiße. Ich habe selbst die tiefe Liebe gespürt, die er für seine Tochter - für Sie - empfindet. Nein..." wehrte sie einen erneuten Einwand der jungen Frau ab. "Ich möchte, daß Sie ihn kennenlernen - und ich wünschte mir, er bekäme seine Tochter wieder zurück." Kira holte ein Schmuckstück aus ihrer Tasche, welches sie vor der Frau auf den Tisch legte. Diese nahm es argwöhnisch auf. Es kam ihr bekannt vor. Sie erinnerte sich, die Frau, die sie in ihren letzten Träumen gesehen hatte, hatte es getragen. "Das gehörte Ilianas Mutter. Legat Ghemor hat es mir an Tochterstelle geschenkt - nichts wäre mir lieber als wenn die wahre Iliana Ghemor es erhielte." Kira hielt die Frau davon ab, es über den Tisch zurückzuschieben. "Bitte, behalten Sie es. Vielleicht macht es Ihnen die Erinnerung leichter."
 
 

««««

"Mein junger Freund, Sie sehen aus, als ob Sie etwas bedrückt." Garak setzte sich mit seinem Teller an den freien Platz gegenüber Dr. Bashir im Replimaten. Der Arzt hatte mit dieser Reaktion des neugierigen Schneiders gerechnet und sich daher bemüht, einen besonders nachdenklichen Blick aufzusetzen. Es war immer leichter, mit etwas an den Cardassianer heranzutreten, wenn dieser von sich aus kam. "Garak!" Er sah gespielt überrascht auf. "Ihnen entgeht aber auch nichts... Ich habe in der Tat ein Problem." Der Cardassianer lächelte gutmütig - es war dieses Lächeln, das Bashir immer die Vermutung nahe legte, daß er einen Teil seines Essens im Gesicht verteilt hatte, der Schneider aber zu höflich war, um es ihm direkt mitzuteilen. "Darf man wissen, was Sie bedrückt, guter Doktor?" Bashir schien ein wenig zu zögern, während er auf seinem Teller herumstocherte. Er wollte sein Gegenüber nicht gleich überfallen, Garak sollte das Gefühl bekommen, ihm die Sache aus der Nase ziehen zu müssen. "Hängt es mit den Bajoranern zusammen, die Major Kira und ihr Vedek auf die Station gebracht haben?" fragte der Cardassianer. Jetzt war Bashir ehrlich erstaunt. "Sie haben davon gehört?" "Oh", Garak machte eine gleichgültige Handbewegung. "Es gehen Gerüchte auf der Promenade um, daß die armen Leute an schrecklichen Hautkrankheiten leiden sollen. Ich habe jemanden von ‘Monstern’ reden hören..." Der junge Arzt seufzte. "Ich möchte einmal etwas erleben, was auf dieser Station nicht innerhalb von fünf Minuten Allgemeinwissen wird." Aber er ergriff den Faden sofort: "Ja, es hängt in der Tat mit diesen bedauernswerten Personen zusammen. Sie haben nicht zufällig gehört, woher sie ihre Entstellungen haben?" Garak schüttelte den Kopf. "Nein, mein Bester. In diesem Fall haben Ihre Leute tatsächlich den Mund gehalten." Er beugte sich verschwörerisch über den Tisch vor. "Was ist passiert? Ist es ansteckend?" "Interessant, daß Sie nach der Ursache fragen", Bashir hatte sich gleichfalls nach vorne gebeugt, so daß ihrer beider Köpfe beinahe aneinanderstießen. "Ich kann mich darauf verlassen, daß Sie Schweigen bewahren?" "Wie immer." "Es könnte sogar sein, daß Sie mir helfen können", Bashir spielte den Nachdenklichen. Garak verengte die Augen. "Wie das?" "Haben Sie schon einmal etwas von Kaldorat gehört?" Der Cardassianer zuckte merklich ein Stück zurück, bevor er neutral erwiderte: "Nein... um was handelt es sich denn dabei?" Bashir fixierte ihn nun mit ernstem Blick. "Höchstwahrscheinlich um eine Einrichtung des Obsidian Order, wenn Major Kira recht hat, und dort sind genetische Experimente an bajoranischen Gefangenen durchgeführt worden. Die Personen, die sich jetzt auf DS9 befinden, sind die einzigen, die überlebt haben. Sie hatten sich im Anteral-Dschungel versteckt, und wären Major Kira und Vedek Bareil nicht zufällig auf sie getroffen, hätten sie immer noch keine Ahnung davon, daß Bajor frei ist." "Ach?!" Garak hatte sich wieder auf seinen Stuhl zurückfallen lassen. Seine Miene war undurchdringlich wie immer, aber Bashir zweifelte keine Sekunde daran, daß es hinter der Stirn des Cardassianers in ungeheurer Geschwindigkeit arbeitete. Er hoffte nur, daß das Ergebnis eines sein würde, was ihm weiterhelfen konnte. "Sie hatten doch Verbindung zum Obsidian Order...", hakte er nach und rückte damit endlich mit der Bitte heraus, die ihm von Anfang an auf der Zunge gelegen hatte, "Wenn ich Einsicht in die Versuchsprotokolle hätte, hätte ich eine reelle Chance, diesen Leuten zu helfen." Garak blickte ihn weiter schweigend an. Dann erhob sich der Schneider abrupt, murmelte etwas von "Ich habe noch einen Termin zur Anprobe" und verließ den Replimaten ohne weiteren Kommentar. Bashir starrte ihm entgeistert hinterher. Würde er es jemals lernen, was im Kopf dieses Mannes vor sich ging? Es war ihm bewußt, daß er den Cardassianer zu irgendwelchen Aktivitäten angestachelt hatte - er konnte nur hoffen, daß sie sich nicht negativ entwickeln würden.

Eine halbe Stunde später deaktivierte Garak sein Terminal. Er lehnte sich nachdenklich in seinem Sessel zurück. Was er eben erfahren hatte, machte die gesamte Angelegenheit nicht gerade einfacher. Einer neuen Eingebung folgend aktivierte er den Schirm wieder, nach ein paar geschickten Handgriffen hatte er, was er suchte. Dr. Bashir hatte die persönlichen Daten der neuen Patienten natürlich nicht vor fremden Zugriffen gesichert. Eilig überflog er die Liste und blieb dann am Namen ‘Rell Valron’ hängen.
 
 

««««

"Doktor?" Bashir sah von seinen Daten auf zu der großen, rot gekleideten Gestalt. "Vedek Bareil, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?" Der Geistliche deutete mit dem Kinn auf die Journal-Texte, die Bashir aufgerufen hatte. "Haben Sie etwas gefunden?" "Leider nein", der Arzt schüttelte den Kopf. "Ich habe einfach nicht genügend Informationen und kann keinerlei Referenzfälle finden." Er seufzte laut auf. "Es wäre um einiges einfacher, wenn ich an diese Unterlagen herankäme. Aber ich glaube nicht, daß Garak..." "Garak?" unterbrach der Vedek ihn. "Der Schneider hier auf der Station?" Bashir nickte, er hoffte, nicht zu viel gesagt zu haben. Er kannte Kiras Liebhaber so gut wie nicht und er verspürte wenig Lust, sein einigermaßen gutes Verhältnis mit Garak aufs Spiel zu setzen, wenn er zu viel über den Cardassianer verriet. Er hatte in seiner Zeit hier genügend radikale Bajoraner erlebt. Aber in Bareils Gesicht glaubte er, nur ehrliche Sorge zu lesen, daher sprach er weiter: "Ich hatte ihn gefragt, ob er von dem Lager wisse..." "Und?" Er zuckte mit den Schultern. "Er behauptete ‘nein’, aber ich bin mir sicher, daß dies nicht stimmt. Wenn uns jemand helfen kann, dann er. Aber", fügte er sofort hinzu, als er einen Funken Entschlossenheit in den Augen des Vedek wahrnahm, "es hat überhaupt keinen Zweck, ihn irgendwie unter Druck zu setzen. Es ist besser, wenn nur ich mit ihm spreche - ich kenne ihn einigermaßen. Überlassen Sie das lieber mir." Bareil nickte, aber der Entschluß, den Cardassianer selbst aufzusuchen, festigte sich schon in seiner Vorstellung.



««««

Die junge Frau starrte das Armband an. Sie wußte nicht, wie oft sie es nun schon in ihren Fingern gedreht und gewendet hatte. Es veränderte seine Form nicht, aber mit jeder Umdrehung schien sich die Form ihrer Gedanken zu ändern. Kira Nerys hatte ihr die wenigen Aufzeichnungen, die von ihrem Vater während dessen Aufenthaltes auf der Station gemacht worden waren, zur Verfügung gestellt, und es bestand nicht der geringste Zweifel daran, daß dies der Mann aus ihren Träumen war. Wenn sie jetzt an ihn dachte, waren diese Gedanken nicht mehr mit Angst erfüllt, sondern mit der Art Zuneigung, die aus ständigen kleineren Meinungsverschiedenheiten herrührt. Sie erinnerte sich wieder daran, daß ihr Vater dagegen gewesen war, als sie sich dem Obsidian Order zur Verfügung gestellt hatte. Sie träumte nicht mehr davon, nein, sie erinnerte sich tatsächlich. Ihre bajoranische Identität war nach wie vor dominant in ihren Gefühlen. Doch sie hatte aufgehört sich gegen dieses andere "Ich" zu sträuben. Sie war Iliana Ghemor - und allmählich begann sie tatsächlich, daran zu glauben. Mit der Erinnerung an ihren Vater kam auch die Erinnerung an ihren Eifer und ihren Glauben an ihr Volk zurück. Sie hatte sich dem Obsidian Order zur Verfügung gestellt, weil sie an dessen Sache glaubte, weil sie die bajoranischen Terroristen, die ihre Landsleute töteten, bremsen und vernichten wollte. Wieviel von diesem Glauben war noch in ihr? In Rell Valron, welche die Grausamkeiten der Cardassianer am eigenen Leib gespürt hatte? Major Kira hatte ihr gesagt, daß sie nur aus Versehen in Kaldorat gelandete war, und daß sie der Meinung war, die Wissenschaftler hätten sie umbringen lassen, wäre sie nicht geflohen - um ihren Fehler zu vertuschen. Iliana Ghemor wollte nicht glauben, daß ihre eigenen Leute dies getan hätten, das war nicht, wofür sie sich eingesetzt hatte - aber Rell Valron war sich sicher, daß die Major recht hatte. Verzweifelt ließ sich die junge Frau auf ihr Bett zurückfallen. Was würde übrigbleiben, wenn die Kämpfe in ihrem Kopf aufhörten? Eine Frau, die diese Station und die Personen, die ihr helfen wollten, hassen würde? Oder eine Frau, die sich selbst und ihre Rasse haßte? Sie wußte nicht, welche Version, ihr lieber gewesen wäre.



««««

Garak war überrascht, daß er zu später Abendstunde Besuch in seinem Quartier erhielt. Noch erstaunter war er, als sich die Türe öffnete und ihm zeigte, wer zu Besuch kam. Seine Augen verengten sich und er wich einen Schritt zurück, um sicherheitshalber einen Stuhl zwischen sich und den Bajoraner zu bringen. Er hatte sich in den letzten zwei Jahren einigermaßen auf seinem Zwangsexil eingelebt, aber es gab immer noch bestimmte Bajoraner, denen er nicht über den Weg traute. Und dazu gehörte mit Sicherheit der gesamte Bekanntenkreis von Major Kira.

"Sie sind Vedek Bareil, nicht wahr?" verlangte er mißtrauisch zu wissen, als der Geistliche einen Schritt in sein Quartier tat, und sich die Türe wieder hinter ihm schloß. Bareil hob seine Handflächen nach außen, um seine Friedfertigkeit zu verdeutlichen. "Ja, Mr. Garak, ich bin Vedek Bareil. Ich komme zu Ihnen mit einer Bitte - und ich hoffe, ich störe Sie nicht zu dieser Stunde." Der Schneider hob einen Finger. "Sie haben mit dem guten Doktor gesprochen?" "Das muß ich gestehen", nickte Bareil. "Er hat es mir aber auch nahegelegt, mich nicht an Sie zu wenden. Ihn trifft also keine Schuld, wenn ich Sie jetzt störe." Er stand immer noch mitten im Raum. Garak überlegte kurz, ob er ihm einen Sessel anbieten sollte, aber es war ihm lieber, wenn der Bajoraner dort stand, wo er ihn gut in der Sicht hatte. Diese weiten Vedek-Roben boten das ideale Versteck für Waffen jeglicher Art. Natürlich, der Mann sah harmlos aus - aber das konnte nur ein weiterer Trick sein. "Hat Dr. Bashir vergessen zu erwähnen, daß ich keinerlei Ahnung von Ihrem Problem habe und Ihnen daher auch nicht helfen kann?" fragte er nun. "Er hat erwähnt, daß Sie etwas in dieser Richtung gesagt hätten, ja", gestand Bareil ein. "Aber er war auch so hilfreich, seine Zweifel an dieser Behauptung zu äußern...." "Sie nennen mich einen Lügner?" "Bei den Propheten, nein!" beeilte Bareil sich zu versichern. "Bitte, Mr. Garak. Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen Wortspiele zu spielen - darin bin ich ohnehin nicht gut. Ich bin hier, um für meine Landsleute zu bitten. Dr. Bashir hat keine Möglichkeit, ihnen zu helfen ohne Kenntnis der Experimente, und Sie..." "Ich weiß von überhaupt nichts", stellte Garak klar. "Gut", der Vedek machte eine fragende Geste zu einem der Sessel. Unwillig nickte Garak, er verspürte keine Lust, dem Bajoraner zu erlauben, sich hier häuslich niederzulassen. Aber wenn er ihn hinauswarf, konnten die Konsequenzen auf dieser Station vielleicht noch unangenehmer werden. Also sah er einfach nur zu, als sich der große Mann setzte. "Sie wissen von nichts und Sie haben keinerlei Kontaktmöglichkeiten zum Obsidian Order... Könnten wir nun einfach einmal annehmen, Ihnen wären doch diese Möglichkeiten gegeben?..." er hob die Hände abwehrend, als Garak etwas einwerfen wollte, "Nur rein hypothetisch." Mit einem wenig begeisterten Murmeln setzte der Cardassianer sich ebenfalls. Er hegte wenig Sympathie für Bajoraner, aber er mußte seinem Gegenüber zu Gute halten, daß er sich äußerst vernünftig und ruhig verhielt. Major Kira hätte ihn in einer ähnlichen Situation mit Sicherheit schon am Kragen seiner teuren Designerjacke gepackt gehabt. "Von Kaldorat wissen auf bajoranischer Seite momentan nur die überlebenden Flüchtlinge, die Kai, Major Kira und ich", fuhr Bareil unbeirrt fort. Er hatte noch nie mit dem Schneider zu tun gehabt und nicht die geringste Ahnung, wie er ihn anfassen mußte. Doch sehr viele Alternativen blieben ihm nicht mehr, wenn er den Bajoranern helfen wollte. "Und ich gebe mein Wort im Antlitz der Propheten, daß dies so bleiben wird. Unsere beiden Regierungen stehen kurz vor Friedensverhandlungen, und ich vermute, daß der cardassianischen Seite absolut nichts daran liegt, daß Kaldorat bekannt wird..." Garak kniff erneut die Augen zusammen. "Wie kommen Sie darauf, Vedek?" Bareil hob entschuldigend die Hände. "Die Lagerinsassen haben mir berichtet, daß die Einrichtung nicht einmal auf Bajor stationierten Cardassianern bekannt war. Und Major Kira hatte ebenfalls noch nie etwas davon gehört. Daher nehme ich an, daß sie unter Geheimhaltung stand, da genetische Experimente an Bajoranern nicht einmal auf Cardassia eine breite Öffentlichkeit gefunden haben. Desweiteren scheint es so zu sein, daß die Einrichtung unter Befehl des Obsidian Order stand, und die Militärregierung vielleicht ebenfalls nicht darüber unterrichtet war..." "Sie sind sehr gut informiert, Vedek", gestand der Cardassianer mißbilligend zu. "Ich muß es sein." "Was fordern Sie also, wenn ich - rein hypothetisch natürlich - helfen könnte?" "Nichts, ich fordere überhaupt nichts, Mr. Garak. Ich bin hier als Bittsteller für meine Leute. Ich kann Ihnen nichts bieten, und ich geben Ihnen mein Wort, daß ganz gleich, wie Ihre Antwort ausfällt, niemand von Kaldorat erfahren wird. Alles, was ich möchte, ist, daß diesen Leuten wieder erlaubt werden kann zu leben - ohne physische Schmerzen, ohne die Brandmarkung der Aussätzigen." Der Schneider betrachtete sein Gegenüber nachdenklich. "Was ist so besonders an diesen Leuten, daß Sie sich verpflichtet fühlen, ihnen zu helfen?" "Es sind Bajoraner", war die schlichte Antwort des Geistlichen.

Garak erhob sich aus seinem Sessel. Nachdenklich schritt er im Zimmer auf und ab. Dabei wandte er dem Vedek teilweise auch den Rücken zu, aber er hatte das Gefühl bekommen, ihm trauen zu können, daß er ihn nicht in den Rücken dolchen würde. Er wußte nicht einmal, ob er imstande war, diese Unterlagen überhaupt zu besorgen. Und warum sollte er auch? Was ging ihn das Schicksal von ein paar Bajoranern an? Es hatte ihn während der Besatzung reichlich wenig interessiert, warum sollte es das jetzt tun? Er warf einen Blick über seine Schulter zu dem Geistlichen, der immer noch geduldig im Sessel saß; kein Zorn, keine Ungeduld war in dessen Zügen zu lesen. Wenn Bajor über mehr Leute wie ihn verfügt hätte, wäre seine Meinung von der Bevölkerung vielleicht nicht so schlecht ausgefallen. Aber ein Problem blieb nach wie vor bestehen. Sein Kontakt im Obsidian Order hatte ihm von der außer Kontrolle geratenen Spionin erzählt, die sich eventuell unter den Überlebenden befinden könnte. Es war von äußerster Priorität, daß diese Person weder nach Bajor noch nach Cardassia zurückkehrte. Da der Vedek nichts davon erwähnt hatte, nahm er an, daß sie noch nicht herausgefunden hatten, daß eine der Bajoranerinnen überhaupt keine war. Bevor dies geschehen konnte, mußte sie verschwunden sein. Schließlich wandte er sich wieder Bareil zu. "Ich kann nichts machen, Vedek. Das müssen Sie verstehen. Ich bin nur ein einfacher Schneider, der im Exil lebt... aber ich werde mich umhören. Vielleicht.... und das ist ein sehr vages Vielleicht... kommt mir etwas zu Ohren." Der Vedek stand mit einem Lächeln auf. "Ich danke Ihnen von Herzen, Mr. Garak..." "Ich sagte, daß es ein sehr vages Vielleicht ist!" bestärkte der Schneider sicherheitshalber sofort. "Das weiß ich." Bevor Bareil das Quartier verlassen konnte, rief Garak ihn noch einmal an. "Vedek, wenn ich richtig gehört habe, dann werden Sie die Friedensverhandlungen auf bajoranischer Seite führen..." "Ich unterstütze die Kai so gut es in meinem Vermögen steht", entgegnete der Geistliche. "Warum benutzen Sie Ihr Wissen nicht, um meine Regierung unter Druck zu setzen? Sie wissen, daß Sie das könnten." Bareil nickte. "Ja, das weiß ich. Aber was wird uns eine neue Auseinandersetzung nützen? Ein neues Aufflammen des Hasses? In meinem Volk beginnen die Wunden langsam zu heilen, ich will nicht, daß sie wieder aufgebrochen werden. Ich will Frieden für meinen Planeten - und wenn es heißt, daß er auf dem kleinsten möglichen Nenner entsteht. Und nur, wenn er freiwillig gegeben wird, wird er auch eine Bedeutung haben."

Als sich die Türe hinter dem Vedek geschlossen hatte, setzte Garak sich erneut an sein Terminal.
 
 

««««

Kira kehrte beladen mit zwei dampfenden Tellern an den Tisch zurück. Ihr Dienst war beendet und sie hatte ihre Uniform gegen bequemere Kleidung eingetauscht, um mit dem Vedek im Replimaten zu Abend zu essen. Bareil räumte das tragbare Display beiseite, an dem er eben gearbeitet hatte. Seine Finger massierten unwillkürlich seine Schläfen, als Kira den Teller vor ihm abstellte. Es war offensichtlich, daß er unter Kopfschmerzen litt. "Du solltest dir etwas von Dr. Bashir geben lassen." Kira zog seinen Arm beiseite, um ihm in die Augen blicken zu können. "Du siehst nicht gut aus." "Danke für das Kompliment", lächelte er schwach. "Vorhin habe ich ein Kommuniqué von Kai Winn erhalten. Sie legte mir nahe, die Flüchtlinge bis zu ihrer möglichen Behandlung doch erst einmal auf einer weiter entfernten Basis unterzubringen und mich endlich wieder im Kloster blicken zu lassen." Er seufzte. "Sie hat ja recht. Ich sollte mich viel intensiver auf die Verhandlungen vorbereiten...." "Was tust du denn die ganze Zeit?" Kira schnippte mit dem Finger das Display an, welches momentan die cardassianische Innenpolitik der letzten Monate im Abriß zeigte. "Schläfst du denn überhaupt noch?" In seine müden Züge schlich sich ein anzügliches Grinsen. "Das solltest du doch am besten wissen..." Aus einem Affekt heraus, hob er ihre Hand an und hauchte einen Kuß auf die Innenseite. "Oh Nerys," seufzte er wieder. "Die Kai möchte die Leute am liebsten ohne größere Umstände aus der Sicht haben, um die Verhandlungen nicht zu gefährden. Der Obsidian Order möchte die Leute am liebsten aus der Sicht haben, um seine Stellung nicht zu gefährden. Die Militärregierung darf die Leute gar nicht in die Sicht bekommen, um ihre Stellung nicht zu stärken. Und dein Commander sieht auch nicht zu glücklich aus, daß wir seine Station als vorübergehendes Exil mißbrauchen..." "Es ist unsere Station", warf Kira ein. "Ich hatte nicht geglaubt, daß es so ein Problem geben würde, ein paar Leuten medizinische Hilfe zukommen zu lassen", fuhr er fort. "Manchmal frage ich mich, ob ich nicht einfach zu naiv bin - vielleicht ist dein Zorn und deine Vorgehensweise doch die bessere..." Sie schüttelte den Kopf. "Ich schätze, eine vernünftige Mischung aus uns beiden wäre ideal..." Er blickte verschwörerisch auf - Kira fragte sich, wieviel denn passieren mußte, um ihm den Schalk auszutreiben, der ihn manchmal in ihrer Gegenwart überfiel - "Eine Mischung aus uns beiden.... das ließe sich bewerk..." Dann riß er entsetzt die Augen auf. "NEIN!"

Vor Schreck rutschte Kira das Glas aus der Hand, als der Vedek sich in ihre Richtung stürzte. Sie hatte nicht mitbekommen, was er Alarmierendes gesehen hatte, aber sie ließ sich instinktiv sofort seitlich vom Stuhl fallen, um noch im Sturz herumzuwirbeln. Bareil hatte sich auf einen Mann geworfen, der hinter ihr gestanden hatte. Das Messer, welches dafür gedacht gewesen war, sich der sitzenden Kira in den Rücken zu bohren, traf den Geistlichen in den Magen. Die Ablenkung erlaubte es der Major jedoch, den Angreifer mit zwei gezielten Faustschlägen unschädlich zu machen. Ein Teil ihres Bewußtseins fragte sich erstaunt, warum ein Bajoraner sie hatte angreifen wollen, aber das war jetzt nebensächlich. Sie stürzte zu Bareil hin, der die Hände auf einen immer größer werdenden dunklen Fleck in seiner Robe gepreßt am Boden lag.

Im Augenwinkel bemerkte Kira die Sicherheitsoffiziere, die in den Replimaten gerannt kamen, als sie auf ihren Kommunikator einschlug: "Krankenstation! Ich brauche sofort ärztliche Hilfe! Messerstecherei im Replimaten... Bashir, sofort!"



««««

Bareil öffnete die Augen. Er überließ sich der momentanen Orientierungslosigkeit, als er versuchte, die Eindrücke, die in seinem Kopf spukten, in eine vernünftige Reihenfolge zu bekommen. Dann erkannte er Dr. Bashir, der an einer der Wandkonsolen saß. "Doktor..." Sofort war der junge Arzt bei ihm. "Ruhig liegen bleiben!" ermahnte er den Vedek. Auf die Frage in dessen Augen antwortete er: "Sie haben ein Messer in den Magen bekommen. Nichts, was wir nicht wieder zusammenflicken können, aber ich möchte, daß Sie sich so wenig wie möglich bewegen, bis die Wunde wieder verheilt ist." "Natürlich", nickte Bareil. Bashir starrte ihn einen Moment verblüfft an. "Was? Kein Ich habe keine Zeit dafür, die Station bricht zusammen, wenn ich nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten aus der Krankenstation herauskomme?" "Wie bitte?" Bareil blickte ihn völlig unverständig an. Der Doktor schüttelte den Kopf, er mußte sich zusammennehmen, um nicht über den verdatterten Blick des Vedek zu lachen. "Entschuldigung, aber es ist nicht gerade der Regelfall, daß meine Patienten einfach anstandslos das machen, was ich ihnen verordne." Der Geistliche wollte lächeln, dann verdüsterte sich sein Gesicht. "Was ist mit Nerys?" "Sie ist in Ordnung, der Angreifer hat nur Sie erwischt. Wollen Sie mit ihr sprechen? Ich glaube, sie wartet noch draußen." "Sehr gerne, wenn Sie es erlauben." Mit einem weiteren Kopfschütteln ging Bashir zur Tür hinüber. Es war ein äußerst ungewohntes Gefühl, einmal nicht von einem Patienten herumkommandiert zu werden. Kaum hatte er die Türe geöffnet und mit "Nerys, er..." begonnen, schoß Kira auch schon an ihm vorbei ins Zimmer. Sie war zum Beispiel eine Person, die er am liebsten weit weg von jedem Krankenbett sah - und das nicht nur aus freundschaftlicher Sorge um ihre Gesundheit. Sie trug noch immer ihre zivile Kleidung, woraus der Vedek schloß, daß er nicht allzulange ohne Bewußtsein gewesen war. "Bareil!" Sie stoppte ihren Dauerlauf neben dem Bett des Vedek. "Wie geht es dir?" "Ich glaube, gut...", er drehte seinen Kopf fragend zu Bashir um. Der Arzt nickte. "Wer war der Mann?" fuhr Bareil fort. "Warum hat er dich angegriffen?" Sie zuckte mit den Schultern. "Wir bekommen nichts aus ihm heraus. Odo hat ihn eingesperrt, aber er ist stur wie nichts. Wenn ich ehrlich bin, will mir nicht einmal eine vernünftige Vermutung einfallen. Das einzige, was mir in den Sinn käme, wäre ein Gegner der Friedensverhandlungen... aber dann wiederum: warum sollte er mich angreifen. Dann wärst eher du das Ziel gewesen..." Bareil lächelte schwach. "Das bin ich nun ja auch." "Aber nur, weil du dich todesmutig dazwischen werfen mußtest", neckte sie ihn. "Ich bin dir dankbar, daß du mir das Leben gerettet hast. Aber mach das bitte nicht noch einmal mit dem Einsatz deines Körpers. Meine Reflexe sind rasch genug, daß eine Warnung gereicht hätte." Sie strich ihm liebevoll durch die Haare. "Ich möchte nicht noch einmal neben dir stehen müssen, in der Angst, daß du vielleicht sterben könntest." "Versprochen", lächelte er schwach, um dann das vorherige Thema wieder aufzugreifen. "Meinst du, es kann etwas mit den Flüchtlingen zu tun haben? Es wäre mir äußerst unangenehm, wenn doch etwas wegen des Lagers nach außen gesickert ist..."

"Wenn ich Sie wäre, würde ich die DNA ihres Gefangenen überprüfen." Die Köpfe der Drei wandten sich zur Tür um. "Garak! Was machen Sie hier?" Bashir tat einen überraschten Schritt auf den Cardassianer zu. "Und was wollen Sie damit andeuten?" "Ich habe überhaupt nichts angedeutet", wehrte der Schneider sofort wieder ab. "Ich habe lediglich einen Vorschlag gemacht. Ich glaube nämlich, daß wir ein Problem haben..." "Ach!" Kira schnaubte. "Was für ein Problem könnten WIR hier haben?" "Nerys", Bareil griff nach ihrer Hand, um sie zu besänftigen. "Er ist unsere einzige Hoffnung." "Da hören Sie es, Major. Ich bin Ihre einzige Hoffnung." Kira schoß ihm giftige Blicke zu, was Bashir dazu veranlaßte, einen mutigen Schritt zwischen Cardassianer und Bajoranerin zu tun. Er hielt seinen Arztkoffer in der Hand. "Kann ich es wagen, dem Gefangenen einen Besuch abzustatten, oder muß ich befürchten, daß ich bei meiner Rückkehr nur noch Leichen vorfinde?" "Sie können es wagen", versicherte Bareil. "Ich werde mich zur Not wieder dazwischenwerfen." "Nein!" Kira und Bashir waren sofort am Bett des Vedek. Bareil winkte ab. "Ich hatte das bildhaft gemeint. Ich sorge dafür, daß hier nichts geschieht, Doktor."

Als Bashir kurze Zeit später wieder zurückkehrte, saß Kira an Bareils Bett und Garak in einer weiter entfernten Ecke des Zimmers, aber beide wirkten unverletzt. Er sah kurz die Daten auf dem medizinischen Scanner an, der sich über Bareils Körpermitte spannte, dann wandte er sich zufrieden wieder ab. "In Ordnung, Garak. Ich habe eine Blutprobe..." "Und ein blaues Auge, wie mir scheint, mein Freund," fügte der Cardassianer mit einem mitleidigen Lächeln hinzu. Jetzt war es an Bashir, ihm einen ärgerlichen Blick zuzuwerfen. "Unser ‘Gast’ zeigte sich etwas unkooperativ." Er stellte die Tasche ab und ließ den Probenbehälter in den dafür vorgesehenen Halter gleiten. "Computer, DNA-Analyse und Vergleich mit...", dieser Befehl kam ihm vertraut vor. Er blickte zu Kira, die anscheinend ebenfalls zu begreifen begann, dann zu Garak, bevor er fortfuhr: "... cardassianischem Genom."

Es dauerte nicht lange, bis die neutrale Stimme des Computers meldete: "Positiv." "Was?" rief Kira aus. "Ein verd... Cardassianer wollte mich umbringen.." "Nicht Sie, Major. Das war eine Verwechslung." "Eine Verwechslung?!" Dann dämmerte es ihr. "Il...", sie biß sich auf die Zunge. Doch ein Blick zu Garak verriet ihr, daß er wußte. Wie konnte dieser Cardassianer von den Flüchtlingen wissen? Der Cardassianer seinerseits schien ehrlich überrascht zu sein, daß Kira wußte. Er blickte Bareil an, der keine Miene verzog. Der Bajoraner hatte also doch über die Spionin Bescheid gewußt und es ihm verschwiegen. Bashir sah Garaks Blick zu Bareil und starrte den Vedek ebenfalls an, hatte er ihn nicht gebeten, nicht zu dem Schneider zu gehen...? Eine Zeit lang blickten die vier Personen im Raum sich einfach nur an und versuchten so herauszubekommen, wer wem wieviel erzählt hatte. "...ana Ghemor", beendete Kira schließlich ihren Satz. Garak nickte. "Ich bin überrascht, daß Sie über sie Bescheid wissen. Ihr Vedek ließ mich in dem Glauben, daß es sich nur um Bajoraner handelt." "Ich wußte nicht, wieweit...", setzte Bareil zur Verteidigung an, wurde aber von Bashir unterbrochen: "Hatten Sie mir nicht versprochen, nicht zu Garak zu gehen? - Liegenbleiben!" fügte er sofort hinzu, als er sah, daß der Vedek sich aufrichten wollte. "Du hast mit dem Cardassianer gesprochen und mir nichts davon gesagt?" Kira blitzte ihren Liebhaber an. Der Vedek hob abwehrend die Hände. Er fühlte sich reichlich schutzlos so an das Bett gebunden. "Bitte, ich wollte all die Animositäten, welche hier auf der Station herrschen, nicht noch weiter anstacheln. Ich hatte das Gefühl, als Außenstehender etwas unbefangener an die Sache heranzutreten. Bitte verzeiht mir, wenn ihr euch in irgendeiner Weise hintergangen fühlt. Das war nicht meine Absicht." Die Atmosphäre wurde von Garaks Lachen aufgelockert. "In der Tat ein Politiker, verehrter Vedek. Eure Propheten haben gut gewählt." "Garak", Bashir nutzte den Umschwung, um das Thema zu wechseln. "Da Sie anscheinend recht gut über unsere Seite unterrichtet sind, wäre es nur fair, wenn Sie uns sagen, was Sie wissen." "In der Tat, mein Lieber, in der Tat. Es wäre nur fair", er setzte sich mit einer Lässigkeit auf einen der Stühle vor den Konsolen, die schon wieder die Wut in Kira hochtrieb. "Für mich doch etwas überraschend kennen Sie die Identität von Iliana Ghemor. Das erspart mir natürlich etliche Erklärung - und es macht Ihr Versprechen zu schweigen noch nobler", wandte er sich an den Vedek. "Du hast ihm irgend etwas versprochen?" "Bitte, Nerys...." "Major, ich kann auch einfach wieder gehen", bemerkte Garak ruhig. "Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen in irgendeiner Weise zu helfen..." "Ich kann mir denken, was Sie zu sagen haben", erwiderte die Bajoranerin. "Da Sie von Iliana Ghemor wissen, wissen auch Ihre Kontaktmänner von ihr. Die haben den nächsten Undercover-Spion geschickt, um sie daran zu hindern, daß sie mit der Wahrheit herausrückt. Und welche bessere Möglichkeit gibt es da, als das in Frage befindliche Objekt einfach kaltzustellen? Zu dumm, daß wohl nur wenig Fotomaterial von ihr auf Cardassia vorhanden ist, und daß der Spion nicht gut genug informiert war, daß sie mir recht ähnlich sieht. Nicht wahr? Es wundert mich nur, warum Sie den Auftrag nicht gleich selbst erledigt haben." Kira war jetzt vor den Cardassianer getreten und funkelte ihn herausfordernd an. Garak gab sich unbeeindruckt. Er war sich sicher, daß die beiden Männer, die sich noch im Raum befanden, die Major von jeder Handgreiflichkeit zurückhalten würden. "Gut kombiniert, Major. Aber sie überschätzen meine Rolle in diesem Plot." Keine Miene verriet die Gefühle, die er gehabt hatte, als ihm tatsächlich befohlen worden war, Iliana Ghemor zu eliminieren. Doch wie so oft hatte man in ihn kein allzu großes Vertrauen gehabt und einen zweiten Mann geschickt - einen stümperhaften noch dazu! "Darf ich mal kurz unterbrechen?" fragte Bashir dazwischen. "Ihre Leute wollen ihre eigene Spionin umbringen?" "Ich fürchte, damit haben Sie bedauerlicherweise recht, mein lieber Doktor." wandte Garak sich dem Arzt zu. "Na, das wird ihr Vertrauen in ihre neugefundene Identität sicherlich stärken", spottete Kira. Der Schneider fuhr überrascht zu ihr herum. "Sie weiß, wer sie ist?" fragte er sichtlich erstaunt. "Ach, das war Ihnen nicht bekannt? Wie beruhigend..."

"Schluß jetzt!" Alle drei wandten sich zum Krankenbett um, wo Bareil sich nun doch etwas erhoben hatte. Bashir war sofort an seiner Seite, um ihn wieder in das Kissen zurückzudrücken. Der Vedek ließ es widerstandslos geschehen, aber immerhin hatte er nun erreicht, daß die drei anderen sich um sein Bett versammelten, und er nicht mehr einflußlos daneben lag. "Das ist der Grund, warum ich versucht habe, so viel wie möglich alleine zu machen", bemerkte er verärgert. "Wir stehen hier doch alle auf der selben Seite, oder?" Diese Frage stellte er direkt an den cardassianischen Schneider. Dessen Gesicht blieb neutral, deutete aber ein minimales Nicken an. "Warum blockieren wir dann jedes Vorankommen durch Haßgefühle?" Als er sicher war, die Aufmerksamkeit der anderen zu haben, fuhr er fort. "Unsere Priorität muß jetzt darin liegen, Iliana zu schützen. Mr. Garak, wissen Sie, wieviele Personen auf sie angesetzt worden sind?" Der Cardassianer schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe leider nicht die geringste Ahnung." "Nerys, meinst du, ob Iliana bereit wäre, ihrem Vater ins Exil zu folgen? Auf Cardassia wäre ihr Leben nicht mehr sicher - und auf Bajor auch nicht." Kira zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, ich fürchte, sie kommt mit ihren beiden Identitäten nicht zurecht. Ich kann ihr einfach nicht weiter helfen - ich weiß es wirklich nicht." "Um ihre Identitäten kann ich mich vielleicht kümmern," ließ sich Garak vernehmen. "Sind Sie imstande, die plastische Operation rückgängig zu machen, Doktor?" "Ich denke schon", nickte Bashir. "Ich habe die genauen Aufzeichnungen von Ihrer Operation noch hier, Major. Wenn ich es richtig verstehe, dann sieht die richtige Iliana genauso aus." Kira bejahte. "Ihr Vater hat mich für seine Tochter gehalten." "Dann würde ich vorschlagen, daß wir aus ihr wieder eine Cardassianerin machen - innerlich und äußerlich." Garak wandte sich zum Gehen. "Bringen Sie sie hierher und ich veranlasse den Rest." Als der Schneider durch die Türe verschwunden war, faßte Bareil Kiras Hand. "Danke." Sie zuckte abermals mit den Schultern. "Es mag ja sein, daß du recht hast. Aber ich möchte ihm trotzdem am liebsten die Gurgel umdrehen. Er ist so selbstgefällig und arrogant - ich kann ihn nicht ausstehen!" Der Vedek zog sie ein wenig am Ärmel, so daß sie sich zu seinem Gesicht hinunterbeugte, um sich küssen zu lassen. "Tu es einfach für mich, geliebte Nerys." "Ich mache es nur für dich... und für Iliana", fügte sie leiser hinzu, als sie sich wieder erhob. "Ich werde jetzt mit ihr sprechen."

««««

"Herein!" Iliana Ghemor hatte sich im Bett aufgesetzt, als Kira das Zimmer betrat. "Habe ich Sie aus dem Schlaf gerissen?" Erst als sie das dunkle Zimmer und das Bett gesehen hatte, war ihr bewußt geworden, daß es mitten in der Stationsnacht sein mußte. Die junge Frau schüttelte den Kopf. "Ich konnte nicht schlafen. Ich kann überhaupt nichts mehr machen", ihre Stimme begann, einen gefährlich hysterischen Unterton anzunehmen. "Wissen Sie, wie es ist, sich selbst zu hassen? Ganz gleich, in welche meiner Identitäten ich mich flüchte, ich hasse mich für die andere!" Sie sprang aus dem Bett und war mit zwei Schritten bei Kira. Diese ließ zu, daß sie am Kragen gepackt wurde. Sie würde einiges darum geben, der Frau zu helfen. Durchgeschüttelt zu werden war eine kleine Buße. "Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden! Helfen Sie mir, verdammt!" "Iliana...!" "Und hören Sie auf, mich Iliana zu nennen!" "In Ordnung." Kira hob die Arme. "Hören Sie, ich bin gekommen, weil wir Ihnen vielleicht helfen können." Die Frau hörte auf, die Major zu schütteln. Statt dessen blickte sie die Bajoranerin erwartungsvoll an. "Ja?" "Was ich Ihnen jetzt sagen muß, wird Sie sicherlich nicht erfreuen - aber der Obsidian Order hat Killer losgeschickt, um Sie aus dem Weg zu räumen." "Sie machen sich über mich lustig," lachte sie auf, aber das Lachen war nicht echt. "Sie haben doch selbst gesagt, daß ich zu ihnen gehöre..." "Sie sind ein Sicherheitsrisiko geworden. Ihre früheren Arbeitgeber fürchten Sie als lebenden Beweis ihres kleinen Kunstfehlers," erklärte Kira so vernünftig wie möglich. "Vorhin ist ein Anschlag auf mich verübt worden - von einem cardassianischen Spion." "Weil Sie eine Bajoranerin sind..." "Nein", Kira schüttelte den Kopf. "Seit über zwei Jahren gibt es für Cardassia keinen Grund mehr, Anschläge auf Bajoraner zu planen. Man hat mich mit Ihnen verwechselt." Ihr Gegenüber ließ die Schultern der Major los. Dann begann sie, im Raum auf und ab zu gehen. "Und wie wollen Sie mir helfen? Wo soll ich bleiben, was soll ich tun?" "Ich bin gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie wieder Ihr cardassianisches Äußeres annehmen wollen und dann zu Ihrem Vater gehen. Es ist ein Leben im Exil, aber Sie werden nicht alleine sein." "Ich werde mich hassen, wenn ich in den Spiegel sehe", murmelte sie leise; es war nicht zu überhören, daß sie darum kämpfte, Tränen zurückzuhalten. "Vielleicht nicht", Kira schüttelte den Kopf. "Wollen Sie mit mir zur Krankenstation kommen? Dort ist jemand, der Ihnen vielleicht wirklich helfen kann." "Habe ich eine Wahl?" "Natürlich haben Sie die."



««««

Als sie die Krankenstation betraten, blieb Iliana Ghemor stehen. Neben dem Arzt, den sie schon vorher kennengelernt hatte, stand ein Cardassianer. Ein Teil in ihr wollte auf ihn zugehen, um endlich ein vertrautes Gesicht zu sehen; der andere Teil wollte die Flucht vor dem Feind ergreifen. Als Quintessenz blieb die junge Frau einfach nur angewurzelt stehen und starrte den Schneider an. Dieser wandte sich nun zu ihr um. "Ah, verehrte Freundin", begrüßte er sie. "Sie sehen Major Kira in der Tat recht ähnlich. Da kann man die Stümperhaftigkeit des Attentäters fast entschuldigen." Sie blickte ihn ängstlich an. Mit einer solch glatten Höflichkeit hatte sie nicht gerechnet. Kira schob sie sanft weiter in den Raum hinein.

Auch der Arzt kam jetzt auf sie zu. "Hat Major Kira Ihnen unseren Vorschlag erklärt?" fragte er. Sie nickte. "Ich habe ja wohl keine andere Wahl, als wieder zu dem zu werden, als was ich geboren wurde..." "Aber, aber... keine solch abfälligen Worte", ließ sich wieder der Cardassianer vernehmen. "Bei Ihrer Konditionierung wurde Ihnen Ihre bajoranische Vergangenheit eingepflanzt. Dadurch, daß Sie sich jetzt so unkontrolliert beginnen, an Ihr früheres Leben zu erinnern, kommen Sie vollständig durcheinander. Das Projekt war nie dafür gedacht, daß die Agenten ihre alte Erinnerung von selbst wieder erhalten. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie aus der Operation wieder erwachen, haben Sie keine Zweifel mehr, wer Sie sind - und keine Reue. Dies hier", er hielt eine kleine Phiole in die Höhe, "löst die Konditionierung auf." "Wo haben Sie das her?" wollte Kira wissen. "Erzählen Sie mir nicht, daß das zur Grundausstattung eines Schneiders gehört - das nehme ich Ihnen nicht ab!" "Aber Major, es käme mir nie im Leben in den Sinn, Ihre Intelligenz dermaßen zu beleidigen." Bevor sie sich auf den Schlagabtausch einließ, schielte sie um die Ecke in das andere Zimmer hinüber, in welchem Bareil lag. Der Vedek schien zu schlafen. Sie sah Bashir fragend an. "Ich habe ihm etwas gegeben", informierte der Arzt sie, setzte aber gleich hinzu: "Das heißt aber nicht, daß Sie beide sich jetzt ungestört in den Haaren liegen können. Dieses Versprechen hat er mir abgenommen!" "Wie kommen Sie an das Zeug?!" wollte die Major nichtsdestotrotz wissen. "Das ist doch jetzt gleichgültig. Die Hauptsache ist, daß ich es habe und unserer Freundin damit helfen kann," entgegnete Garak.

Während die beiden sich weiter stritten, bat Bashir die junge Frau, mit ihm zu kommen. Er ließ sie auf einem Stuhl vor einem Monitor Platz nehmen und rief dann die Aufzeichnungen von Kira auf, welche er damals vor deren Operation gemacht hatte. "Das werde ich sein?" fragte sie unsicher nach. "Jawohl, das ist Iliana Ghemor," bestätigte Bashir. "Ich möchte, daß Sie sich diese Aufzeichnungen sehr genau ansehen und mir dann mitteilen, ob Sie mit der Operation einverstanden sind. Ich kann Ihnen nicht mit Sicherheit sagen, was für ein Mittel das ist, welches Mr. Garak in seinem Besitz hat, aber ich vertraue ihm, wenn er sagt, daß Sie danach eher wissen, wer Sie sind, als daß Sie dies im Moment tun." "Major Kira scheint ihm aber nicht zu vertrauen", stellte sie mit einem Seitenblick auf die beiden anderen fest. Bashir schüttelte den Kopf. "Das tut sie auch nicht. Aber das hat nichts mit Garak zu tun, sondern damit, was er ist..." "Was bedeutet, daß sie mich mit der selben Abscheu ansehen wird, wenn ich wieder eine Cardassianerin bin?" "Nein, das ganz bestimmt nicht. Ich habe nicht viel von ihrem Erlebnis auf Cardassia mitbekommen, aber was ich weiß, ist, daß sie Ihren Vater sehr verehrt hat. Man kann auch als Cardassianer unter ihre harte Schale kommen." Sie schloß die Augen. "Ich werde also eine Cardassianerin sein." "Sie werden Iliana Ghemor sein." Ein Hoffnungsschimmer glomm in ihren schwarzen Augen auf. "Und wenn wir es einfach umkehren, daß ich alle Erinnerungen an meine cardassianische Identität verliere und nur noch Rell Valron bin?" "Tut mir leid", Bashir schüttelte wieder den Kopf. "Das steht nicht in meiner Macht." "Nein, das tut es wohl nicht." Sie blickte mit Augen auf, in denen die Tränen nur mühsam zurückgehalten wurden. "Dann beeilen Sie sich, bevor ich den Mut verliere." "Sie sind sich sicher?" Sie nickte.

Für die Operation mußte Bashir seine bajoranische Assistentin aus dem Schlaf reißen und einweihen. Er nahm sich vor, sie so lange in der Station zu behalten, bis der Vedek wieder erwachte. Wenn dieser ihr ins Gewissen redete, daß sie schweigen mußte, würde sie es sicherlich befolgen. Garak und Kira hätte er am liebsten aus seiner Krankenstation verbannt, aber der Cardassianer bestand darauf, bei der ‘Rückführung seiner Landsmännin’ - wie er es ausdrückte - anwesend zu sein. Kira war immerhin soweit zu bewegen, daß sie in den Nebenraum zu Bareil ging.

Der Stationsmorgen brach schon an, als Bashir endlich seine Instrumente aus der Hand legte. Er war erschöpft zum Umfallen, aber die lange Zeit hatte sich gelohnt. Die Haut war noch weich und verletzlich und mußte noch mit Bandagen bedeckt werden, aber die junge Frau vor ihm auf dem OP-Tisch hatte sich in eine Cardassianerin verwandelt.

"Also gut", wandte er sich an niemanden bestimmten. "Das hier muß unter uns bleiben. Niemand, absolut niemand darf davon wissen. In den Akten werde ich Rell Valrons Tod fingieren - wenn mir etwas Vernünftiges eingefallen sein sollte. Und Sie, Garak", sprach er den Cardassianer, der immer noch auf einem Stuhl in der Nähe saß, an, "geben diese Information irgendwie auch so weiter." Der Schneider nickte ebenfalls müde. "Das sollte den Obsidian Order für den Moment zufrieden stellen." "Sie meinen, die nehmen das ab?" Bashir ließ sich in einen Stuhl neben dem Cardassianer fallen. Dieser zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, mein Guter. Aber es wird genügen, bis sie von der Station ist. Hat Major Kira sich schon mit Legat Ghemor in Verbindung gesetzt?" Bashir schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht...," er zögerte kurz, "Ich denke, es ist besser, sie macht dies nicht in Ihrer Gegenwart." "Da sind wir doch wieder einer Meinung, guter Doktor", stimmte Garak ihm zu. "Sagen wir, es ist für alle besser, wenn ich mich nicht mit dem Wissen um Legat Ghemors Aufenthaltsort belaste." "Sagen wir es so." Aus einem Affekt heraus, griff er nach Garaks Hand und drückte sie fest. "Danke." "Aber, aber", wehrte der Schneider ab. "Kein Grund, um sentimental zu werden. Ich werde es früh genug bereuen, Ihnen geholfen zu haben. - Ich kann mich darauf verlassen, daß mein Name mit dieser gesamten Sache nicht in Verbindung gebracht werden wird?" "Wie immer", Bashir nahm seine Hand zurück. "Darf ich fragen, warum Sie uns geholfen haben?" "Auf eine ähnliche Frage hat mir ein weiser Mann vor kurzem eine sehr einfache Antwort gegeben", erwiderte der Schneider. "... weil sie eine Cardassianerin ist."

Mit einem Lächeln stand der junge Arzt wieder auf und ging zur Verbindungstür zum Nebenraum hinüber. Dort blieb er stehen und beobachtete das Bild, welches sich ihm bot. Kira Nerys konnte so schön sein, wenn sie nicht ihre harte Schale zur Schau stellte. Im Augenblick lag ihr Gesicht völlig ruhig und entspannt auf der Brust des Vedeks. Sie hatte sich neben ihn gesetzt und war irgendwann im Verlauf der Nacht eingeschlafen. Bashir betrachtete ihre Züge eine Zeit lang: der Vedek war schon zu beneiden um diese Frau. Dann stieß er sich vom Türrahmen ab und trat leise an den medizinischen Scanner heran. Die Werte sahen gut aus. Wenn er sich die Wunde selbst noch einmal angesehen hatte, konnte er dem Geistlichen sicherlich erlauben aufzustehen, wenn er dabei vorsichtig war. Im Augenwinkel bemerkte er, daß der Vedek sich bewegte. Bareil hatte Kiras Kopf auf seiner Brust bemerkt und streichelte ihr nun leicht über die kurzen Haare. Er fing Bashirs Lächeln auf und warf einen fragenden Blick in Richtung des Operationsraumes. Der Arzt nickte zufrieden, was Bareil ebenfalls zu einem Lächeln veranlaßte. Dann machte er sich daran, vorsichtig den Scanner vom Körper des Vedeks zu entfernen.
 
 

««««

Das Erste, was sie bemerkte, als ihr Bewußtsein zurückkehrte, waren die Bandagen, die ihr die Sicht nahmen - das nächste, die Gewißheit, wer sie war. Hätte der Stoff sie nicht aufgesaugt, wären Iliana Ghemor Tränen der Erleichterung über ihre Wangen hinabgelaufen. Ja, sie war Iliana Ghemor! Alles erschien ihr wie gestern: der Streit, den sie mit ihrem Vater kurz vor ihrer Mission gehabt hatte, der Ärger, in welchem sie ihn schließlich verlassen hatte, ohne daß sie es geschafft hätte, das unterschwellige Schuldgefühl dabei aus der Welt zu schaffen. Sie war immer so stolz auf ihren Vater gewesen. Es hatte ihr weh getan, daß er nicht einsehen konnte, daß auch sie ihren Teil für ihre Heimat beitragen wollte. Ihre Heimat... sie erinnerte sich an die Gespräche mit Vertretern des Obsidian Order, die Lehrgänge, an denen sie teilgenommen hatte. Ihren Stolz, als sie mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. Aber sie erinnerte sich auch an ihre Zeit auf Bajor - nicht mehr als die Erinnerungen von Rell Valron, sondern als die Erinnerungen von Iliana Ghemor. Und es war nicht mehr so deutlich zu bestimmen, ob alles richtig gewesen war, was ihre eigene Regierung getan hatte. Dann erinnerte sie sich an die Zeit in Kaldorat - mit einem Ruck richtete sie sich auf. Ihre Hände begannen, an den Bandagen zu reißen, die ihren Körper bedeckten. "Dr. Bashir! Sie ist aufgewacht!" Stimmen und Geräusche um sie herum. Eine Hand versuchte, sie auf das Bett zurückzudrücken und sie hörte ein beruhigendes: "Es ist alles in Ordnung, Iliana. Sie befinden sich auf der Station Deep Space Nine, ehemals Terok Nor. Bajor ist nicht mehr von Ihrem Volk besetzt, Cardassianer und Bajoraner bereiten sich auf einen Friedensvertrag vor. Sie sind gerade eben plastisch operiert worden, ich habe ihre Haut und die fehlenden Knochenplatten wieder ersetzt. Alles ist in Ordnung, bitte beruhigen Sie sich."

Sie ließ ihre Hände langsam wieder auf das Bett zurückgleiten. Richtig, sie war auf diese Station gekommen, und sie hatte beinahe begonnen durchzudrehen. Ängstlich forschte ihr Geist nach den Erinnerungen an ihre gespaltene Identität, aber da war nichts mehr. Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen, während andere Hände - nicht die ihren - die Arbeit des Entbandagierens übernommen hatten. Frei! Sie war frei! Sie versuchte sich daran zu erinnern, wer sich alles im Raum befinden müßte, um auf den Anblick vorbereitet zu sein. Helles Licht brannte durch ihre Lider, und sie öffnete die Augen. Der terranische Arzt war da, seine freundlichen großen Augen strahlten Stolz und Freude aus, sie konnte nicht widerstehen und lachte ihn an. Es war noch ein zitterndes Lachen, aber es kam aus tiefstem Herzen. Nur zu gerne ergriff sie die Hand, die er ihr entgegenstreckte, um ihr beim Aufsitzen zu helfen. Da war die bajoranische Major und der Vedek, beide strahlten sie an, keine Abscheu über ihr jetziges Aussehen zeigte sich auf den Zügen. Und da war der Cardassianer, er erschien ihr nun anders als vor ihrer Operation, realer und richtiger. Er war auch der erste, der sprach: "Sie sehen wunderbar aus, Iliana Ghemor, eine wahre Schönheit." Es war kein Spott in seiner Stimme. Der Arzt ließ sich einen tragbaren Spiegel geben und hielt ihn ihr vor das Gesicht. Ja, der Cardassianer hatte recht, sie war schön. Versuchsweise tastete sie nach den Knorpeln in ihrem Gesicht, sie zog ein wenig daran: alles fest, alles echt. "Ja," seufzte sie schließlich. "Ich weiß jetzt, wer ich bin." Sie drehte ihren Oberkörper auf dem Bett ein wenig, so daß sie Kira ansehen konnte. Diese streckte ihr beide Hände entgegen, Iliana ergriff sie nur zu gerne. "Jetzt bin ich in meinen Träumen."



««««

Es war spät am nächsten Abend, als Vedek Bareil seine Sachen in Kiras Quartier packte. Kai Winn duldete keinen weiteren Aufschub. Er war schon zu lange auf der Station geblieben. Kira würde dafür sorgen, daß Iliana Ghemor unbemerkt die Station verlassen konnte, um mit ihrem Vater zusammenzutreffen. Er lächelte, als er daran dachte, wie sehr der Legat sich freuen mußte zu hören, daß seine vermißt geglaubte Tochter noch lebte. Eigentlich war Bareil aber nicht nach Lächeln zumute. Er hatte den ganzen Tag bei Weden Gorit und den anderen verbracht. Er hatte ihnen die Nachricht vom Tod Rell Valrons gebracht - Bashir hatte nun eine unvorhersehbare allergische Reaktion auf eines der Medikamente in ihre Datei eingegeben - und mit ihnen über ihr eigenes Schicksal gesprochen. Er hatte ihnen gestehen müssen, daß er auch nicht mehr weiter wußte. Dr. Bashir hatte ihm zwar versichert, daß er weiterarbeiten würde, aber es war ihm so klar wie dem Arzt selbst, daß dieser andere Aufgaben hatte, als sich intensiv um eine Hand voll Bajoraner zu kümmern. Weden und die anderen würden mit ihm zusammen nach Bajor zurückfliegen. In eine ungewisse Zukunft, in welcher sie höchstwahrscheinlich genauso abgeschottet leben mußten, wie zur Zeit der Besatzung. Ironisch, für sie würde sich nichts ändern - und der Vedek war nicht imstande gewesen, sein gegebenes Versprechen einzulösen. Bareil hoffte, daß die Umstände sich bessern würden, wenn der Friedensvertrag besiegelt war. Aber er wagte nicht einmal, eine Prognose abzugeben, wann das sein würde. Dies hier waren seine letzten freien Tage für eine lange Zeit. Vor ihm lagen endlose Debatten und die Gewißheit, daß er alles dafür geben mußte, um Bajor den endgültigen Frieden zu bringen... Der Türsummer ertönte. "Ja?" In der Tür stand ein ihm unbekannter Mann. "Vedek Bareil?" fragte dieser. Der Vedek nickte. "Ich soll Ihnen das hier überbringen." Er reichte ihm eine kleine Schachtel. Bareil nahm sie verwundert entgegen und wollte eben fragen, von wem sie stammte, als der Überbringer auch schon wieder gegangen war. Vorsichtig öffnete er die Verpackung. Auf einer weichen Stoffunterlage lag ein Datenchip. Mit zitternden Fingern griff er nach dem darunterliegenden Zettel und las die schlichten Worte: "Weil sie Bajoraner sind."
 
 


ENDE

zurück

1