(von Heidi Stiene)
Du hast in meiner Einsamkeit zu mir gesungen
und ich habe aus deinen Sehnsüchten einen Turm in den Himmel erbaut
(Kahlil Gibran)
Ein Teil von ihr würde niemals wieder aufhören, die Sterne zu betrachten, wartend.
So wie ein Teil von ihr für immer Angst vor der Dunkelheit haben würde und vor den unkontrollierbaren Mächten, die unseren Schlaf heimsuchen.
Sie hatte geglaubt, nach ihrem besten Wissen zu handeln.
Manchmal ist unser bestes Wissen nicht mehr als eine schlecht kaschierte Ausflucht vor der Verantwortung dafür, daß wir die Glücklichen sind.
xxxxxxxxx
Dunkelheit .... Taubheit ... Eis.
Jeder Versuch einer Bewegung, jeder Gedanke, jeder Atemzug, jeder Herzschlag: Dunkelheit, Taubheit und Eis.
Nichts berührt, nichts berühren außer dem Gewicht, das auf Stirn und Brust preßt, den letzten Atemzug hinauspreßt, den nächsten unterbindet. Zu viel, um es zu ertragen, nicht genug, um dem Kampf ein Ende zu setzen.
Immer die Möglichkeit einzuatmen. Unter Schmerzen, mit Anstrengung, aus einem Reflex heraus nicht vom Bewußtsein gelenkt. Denn das Bewußtsein wünscht sich, daß es aufhört, will, daß das Atmen aufhört, damit der Schmerz vergeht und die Dunkelheit endlich siegt.
Und die Kälte.
Es ist so kalt; die einzige mögliche Bewegung, die Bewegung der Gedanken.
Manchmal ist das genug.
Manchmal ist es zu viel.
Wenn die Erinnerung zurückkehrt ...
Die Bauchmuskeln spannen sich an wie jeder Muskel im Körper, wartend ... wartend auf den Moment der Bewegung, der kommen wird. Kommen muß. Die Stimmbänder lahm, so viel nutzloses Gewebe. Die Kehle erdrückt vom Gewicht des Eises.
Und dennoch formt sich ein Schrei, wächst im Bauch, stößt sich durch die angespannten Muskeln, baut eine Spannung in der engen Kehle auf, fließt an den nutzlosen Stimmbändern vorbei, erfüllt jede Zelle, bis er den Ort erreicht, an dem die Dunkelheit nicht endgültig ist, wo immer noch eine Bewegung möglich ist.
In flammendem Schmerz und blendender Wut explodiert er.
Alleine!
"Es ist wieder passiert."
Der Anblick, den Counselor Deanna Troi den halb geöffneten Augen von Dr. Beverly Crusher bot, reichte aus, um augenblicklich jeden Gedanken an Schlaf aus deren Bewußtsein zu bannen.
Die Counselor stand im Türrahmen, den Rahmen als Stütze benutzend, dennoch unfähig, ihr Zittern zu unterdrücken. Sie war schweißgebadet, Strähnen ihres dunklen Haars klebten an ihrer Stirn und ihren Schläfen, ihre Augen brannten mit dem Schmerz des Wahnsinns. Sie versuchte zu lächeln, aber die Tränen verschlangen den Versuch, als sie ihre Stimme erstickten.
"Ich kann es nicht mehr länger aushalten."
Unter Schluchzen und Zittern, faßte sie die Ellbogen mit den Händen und sank im Türrahmen nach unten, bis sie auf dem Boden zusammengekauert saß.
Beverly hatte es schließlich geschafft, die Benommenheit, aus dem Tiefschlaf gerissen worden zu sein, abzuschütteln. Jetzt kniete sie sich neben der Counselor nieder.
"Sshhhh!" sie legte einen Arm um die Schulter der anderen Frau und zog deren Kopf an ihre Brust, in dem Versuch, sie von der offenen Tür irgendwie in ihr Quartier zu manövrieren. "Es war nur ein Traum."
Deanna befreite sich mit überraschender Kraft aus der beruhigenden Umarmung.
"Das war kein Traum, Beverly!" sie ließ zu, daß ihr auf die Füße und in den Raum geholfen wurde. Die Türen konnten sich nun endlich hinter ihnen schließen. "Ich hatte schon Alpträume zuvor, und das hier ist nicht das gleiche."
Die Ärztin nickte vorsichtig, als sie ihre Freundin zum Sofa führte und zwei Tassen Tee vom Replikator orderte
"Ich weiß, du sagtest, sie sind sehr lebendig... aber manche Alpträume sind das."
"Es wird stärker."
Dr. Crusher stellte eine der Tassen vor Counselor Troi ab und nahm ihr gegenüber Platz.
"Kann das nicht an der Wiederholung liegen?" fragte sie.
Die Betazoidin versuchte, ihre Tasse aufzunehmen, aber ihre Hände zitterten immer noch so sehr, daß sie den Versuch mit einem verlegenen Lächeln aufgeben mußte. "Es hat sich verändert," erklärte sie schließlich. "Es kommt nicht mehr länger von mir."
"Was meinst du damit?"
"Ich meine, daß das nicht meine Angst ist, die ich fühle. Wenn du Alpträume hast, dann solltest du mit deinen eigenen Ängsten konfrontiert werden, oder nicht? Ich war niemals an einem solchen Ort. Und ich war niemals so ... verängstigt."
Dr. Crusher hob eine Augenbraue. "Was für ein Ort?" fragte sie sanft.
Deanna schenkte ihr einen verwirrten Blick. "Was für ein Ort?" wiederholte sie.
"Du erwähntest einen Ort ..."
"Es tut mir leid, ich erinnere mich nicht."
"Verblassende Erinnerung," Beverly lehnte sich in ihrem Sessel zurück und versuchte ein ermutigendes Lächeln. "Würde das nicht für einen Traum sprechen?"
"Ja, das würde es." Die Counselor stützte ihre Kinn auf ihren gefalteten Händen auf. Sie verharrte in dieser Position für einige Zeit, tief in Gedanken. Als sie erneut aufblickte, brauchte es keine empathischen Fähigkeiten, um die Angst in ihren Augen zu erkennen. "Es kann nur kein Traum sein, denn um zu träumen muß man schlafen. Ich habe die Lichter angeschaltet, ich habe nach dem Computer gerufen, es ist alles aufgezeichnet", sagte sie, "die letzten gräßlichen Minuten war ich hellwach, Beverly, und es hörte nicht auf."
Die Ärztin schüttelte ihren Kopf, um ihren Geist zu klären ebenso wie um die Konsequenzen von Deannas Worten zu verneinen.
"Das würde uns mit der Möglichkeit zurücklassen, daß jemand ... seine Angst überträgt. Aber es ist niemand hier ..."
"Niemand auf diesem Schiff!" korrigierte Deanna sanft. "Ich habe dir gesagt, daß es stärker wird. Seit wir uns auf Kurs nach Khamar befinden."
"Das ist nicht möglich! Du hast selbst gesagt, daß Empathen nicht stark genug sind, um diese großen Entfernungen zu überwinden ..."
"Nein, ich sagte, daß ich niemals von empathischen Fähigkeiten dieser Stärke gehört habe." Deanna holte tief Atem. "Das ist ein Unterschied." Sie stand auf, ohne ihren Tee berührt zu haben.
Beverly betrachtete sie mit Sorge. "Was hast du vor?"
Die Counselor schenkte ihr ein kleines besorgtes Lächeln.
"Ich denke, es ist Zeit, den Captain zu warnen."
xxxxxxxxx
Captain Picard schenkte seiner Counselor einen beunruhigten Blick.
Sie sah schlecht aus. Der Streß zu vieler Nächte unterbrochenen Schlafes zeigte sich deutlich in ihrem Gesicht. Ebenfalls die Nervosität. Es war sehr beunruhigend, die sonst so ruhige und gefaßte Counselor zu sehen, wie sie Knoten in die Schulterbänder ihres Tricorders knüpfte, nur um sie ein paar Minuten später wieder zu entknoten.
Er tauschte einen raschen Blick mit Lt. Worf aus. Der Klingone hatte stumm zugestimmt, daß auf dieser Mission seine Hauptaufgabe nicht darin bestand, den Captain zu beschützen, sondern darin, die Counselor davon abzuhalten, sich vom Dach eines hohen Gebäudes zu stürzen.
Er war nicht besonders glücklich, daß sie mitgekommen war, nicht in dem Zustand, in welchem sie sich befand - und nicht auf diese Mission. Die Scans aus dem Orbit hatten es deutlich gezeigt, daß in der Kolonie keine Lebensform über dem Entwicklungsstand von Echsen zu erwarten war, also brauchte man auch keine Empathin. Dennoch war sie sich sicher, daß jemand hier war.
Jemand, der ihr Alpträume verursachte.
Als sie sich jedoch der Quelle des Notsignals näherten, welches sie zu der Kolonie von Khamar gerufen hatte, wurde es nur zu deutlich, daß sich hier keine Erleichterung für ihre Leiden einstellen würde.
Khamar war ein verlassener Ort, und das seit einer langen Zeit.
Die Kolonie war ein früher Versuch gewesen, eine Niederlassung auf einer verlassenen Welt zu gründen, bevor genügend Erforschungen stattgefunden hatten, zu früh in den Augen der meisten.
Sie schmiegte sich in den Schatten einer kleinen Bergkette, welche eine große Wüste begrenzte. Ein paar Arbeitshallen und einfache Behausungen waren um einen Brunnen erbaut worden. Das einzige hohe Gebäude stellte eine große Halle dar, die sich in der Mitte der Siedlung zu einer fremdartigen Kammer aus schwarzem Stein erweiterte. Vom Turm dieser Halle stammte das Notsignal.
Khamar hatte sich niemals über den Zustand des bloßen Existierens erheben können. Die Bewohner waren meist Farmer, die durch einen gemeinsamen Wunsch zusammengewürfelt worden waren: In ihrem Glauben alleine gelassen zu werden und ein ruhiges Leben zu leben. In der Kolonie hatten sie die Unabhängigkeit gefunden, nach der sie gesucht hatten und schließlich hatten sie die Kommunkation mit der Föderation eingestellt, hauptsächlich deswegen, weil es nichts mehr zu mitzuteilen gab.
Friedlich hatten sie sich aus dem Lauf der Geschichte verabschiedet.
Es war purer Zufall, daß die Enterprise gezwungen gewesen war, ihren Rückweg durch diesen Quadranten zu nehmen, und es war für alle als Überraschung gekommen, als sie das SOS-Signal aufgefangen hatten.
Als sie die Treppe zur Halle hinaufgestiegen waren und den Kontrollraum auf der oberen Etage erreicht hatten, wurde ihnen der Grund für die Verlassenheit klar.
Die kleine Einheit, die das Notsignal aussandte, befand sich in der Mitte des Raums, gespeist durch einen einzelnen Generator, denn die Computerterminals an den Wänden des Raumes waren durch eine Explosion auseinandergerissen worden. Das Ausmaß des Schadens war enorm.
Captain Picard wechselte einen nachdenklichen Blick mit seinem Sicherheitschef, der daraufhin seinen Leuten den Befehl gab, auszuschwärmen und Informationen zu sammeln. Er selbst richtete seinen Scanner auf den Hauptkern des Computersystems. Nach nur wenigen Momenten wandte er sich wieder an die anderen und schüttelte den Kopf.
"Es sieht so aus, als ob der Schaden durch die Möglichkeiten der Siedlung nicht behoben werden konnte", erklärt er kurz, "wir müssen annehmen, daß die Kolonisten wegen des Energieausfalls den Ort verlassen haben."
"Das ist möglich," Captain Picard rieb sein Kinn nachdenklich, "aber wo sind sie hingegangen, nachdem sie das Notsignal aktiviert haben?"
"Sir!" der Sicherheitsoffizier rannte beinahe. "Sir, wir ... haben etwas gefunden." Er nahm Haltung an, als sowohl der Captain als auch Lt. Worf sich mit einem ernsten Blick zu ihm umwandten. "Ich glaube, wir haben möglicherweise die Siedler gefunden", informierte er sie.
Ein amüsiertes Lächeln schlich sich über Picards Gesicht, als er eine Augenbraue hob.
"Was, alle?"
Bevor der Mann antworten konnte, wurde seine Aufmerksamkeit und die eines jeden anderen auf die Counselor gezogen. Sie war besorgniserregend bleich geworden und begann nun in beinahe schlafwandlerischer Art in die Richtung zu gehen, aus welcher der Offizier eben erschienen war.
"Counselor Troi!" rief Lt. Worf hinter ihr her, "Es ist besser, wenn die Sicherheit ..."
Sie antwortete nicht, statt dessen ging sie weiter einen der schmalen Korridore hinunter, die von der Hauptkammer ausgingen, bis sie die Tür an dessen Ende erreicht hatte, welche von der Eile des Sicherheitsoffiziers noch halb offen stand. Die Tür öffnete sich auf eine schmale Balustrade hinaus, welche das Innere eines riesigen Domes umrundete, einige 10 Meter über dem Boden der großen Halle. Deanna trat auf die Ballustrade hinaus, legte ihre Hände vorsichtig auf das Eisengeländer und lehnte sich nach vorne.
Anders als Captain Picard oder Lt. Worf hatte sie diesen Ausblick erwartet. Sie hörte Captain Picard scharf einatmen, während alles, was sie selbst verspürte, ein ungeheures Gefühl von Erleichterung war.
Irgendwie war diese Szene ein Teil ihrer Erinnerung geworden, oder eher ihrer Vorstellung. Sie hatte es niemals zuvor gesehen, doch sie hatte es geträumt.
Von Wand zu Wand war der Boden der großen Halle mit Leichen bedeckt. Der trockene Wind und das Fehlen von Feuchtigkeit hatten ihr Bestes getan, sie zu erhalten, so daß es nun wie ein Feld von Mumien wirkte. Sie konnte Männer, Frauen und Kinder unterscheiden, ihre Kleider teilweise unzerstört durch den Lauf der Zeit, ihre Körper aneinandergelehnt, kein Zeichen von Kampf. Sie waren schlicht zusammen gekommen, um hier zu sterben.
Alle.
Als sie den Captain einige Worte mit seinem Sicherheitschef wechseln hörte, traf das Gefühl sie.
Es war kalt.
Eiskalt.
"Counselor!" Worf war mit zwei großen Schritten an ihrer Seite und packte ihren Körper, als sie jeden Sinn für Gleichgewicht verlor und über die Ballustrade zu sinken begann. "Verdammt, wir hätten sie nicht hierherkommen lassen ..."
"Es geht mir gut, Worf, es war nur die Kälte." Sie faßte nach seinem Arm, um sich zu stützen. Sie mußte gegen einen fast übermächtigen Impuls ankämpfen, sich umzudrehen und wegzurennen. Sie waren sehr nah.
"Kälte?" Der Klingone betrachtete sie mit leichter Besorgnis. "Es ist etwa 28 Grad Celsius."
"Nicht die äußere Kälte." Sie begann sich umzusehen - und gefror.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle befand sich ein solides zweitüriges Eisentor. Ein schwaches Licht-Signal informierte sie, daß die Siedler ihre knappen Energiereserven nicht nur für das Notsignal aufgebraucht hatten. Sie schlossen ebenso die Dunkelheit ein.
Troi war zu der Wendeltreppe hinüber gerannt, bevor die überraschten Männer die Zeit hatten, zu erkennen, was vor sich ging. Für einen flüchtigen Moment wurde ihr klar, daß sie über die Mumien laufen mußte, um die Tür zu erreichen, doch sie verbannte diesen Gedanken aus ihrem Kopf.
Tote Menschen waren recht selten irgendeine Gefahr.
"Die Tür", sagte sie, als sie den Boden der Treppe erreicht hatte und ließ so erkennen, daß es ihr bewußt war, daß der Captain versuchte, sie einzuholen. "Es ist ein Energiefeld um die Tür. Ich glaube ... ich muß dorthin." Sie verfluchte sich im Stillen dafür, daß sie unfähig war, sich selbst rational zu erklären. Auf der anderen Seite der Tür würde die Dunkelheit warten.
Dunkelheit und Kälte.
Als die Sicherheitsoffiziere sich vorsichtig ihren Weg durch die Leichen gebahnt hatten, um mit dem Überprüfen der Eisentore zu beginnen, holte sie tief Luft, um den übelmachenden Eindruck von Müdigkeit zu bekämpfen, der sie zu überwältigen drohte. Wenn sie jetzt durch diese Tür ging, würde sie es niemals wieder machen müssen. Niemals jemals wieder, jede Nacht ...
"Ist es das, was Sie in Ihren ... Visionen ... gesehen haben?" fragte Captain Picard vorsichtig.
Deanna schenkte ihm ein schwaches Lächeln, dankbar für den Umstand, daß er das Wort Traum vermieden hatte. "Nein, ich sehe nichts. Es ist zu dunkel. Aber ... ich denke, was immer die Visionen verursacht, befindet sich auf der anderen Seite."
"Wir können keine vernünftigen Information erhalten, Sir", informierte Lt. Worf sie in diesem Augenblick. "Es scheint, daß der Fels unsere Scanner beeinflußt. Er strahlt Energie zurück ...."
Er sah zum Captain, welcher die Counselor anstarrte.
"Also hätte der orbitale Scan jedes Lebenszeichen in diesem Bereich übersehen", schloß er dann.
Als der Mechanismus in Aktion trat, aufheulend als er versuchte, Metall zu bewegen, welches für Jahrzehnte verschlossen war, war das erste, das sie alle wahrnahmen, die Kälte.
Und dann kam die Dunkelheit.
Hinter der Tür lag ein Teil des Alls, unendlich, eisig, und es verschluckte jedes Licht.
Beinahe augenblicklich als die Tür sich öffnete, begann das Geräusch in ihrem Kopf. Es war schwach, es war gleichmäßig, es war seltsam vertraut, doch sie konnte es nicht benennen.
"Ist alles in Ordnung?" fragte die Stimme des Captains.
Sie nickte schweigend. Nichts war in Ordnung. Doch es würde werden. Sobald sie in die Dunkelheit gegangen war.
Lt. Worf holte eine Taschenlampe aus seiner Tasche und begann, die Schwärze vor ihnen zu zerschneiden, als sie eintragen. Es befand sich ein Korridor aus schwerem Stein dahinter, dessen Wände ebenfalls aus Stein waren. Er schien dafür konstruiert, spiralförmig in den Mittelpunkt dessen zu führen, was sie betreten hatten. Sie gingen für eine endlose Zeit um Kurven, immer in die gleiche Richtung. Nach jeder Biegung blockierte ein neues Paar Türen ihren Weg, jede war mit einem anderen Code gesichert, was sie sehr langsam vorankommen ließ. Und mit jeder Tür wurde das Geräusch klarer, lauter, näher. Worfs Licht kletterte über die Wände, die Decken und den Boden. Er versuchte, jede mögliche Falle zu entdecken, doch alles, was er erleuchtete, war das gleiche Steinmuster.
Es wurde auch immer kälter.
"Was ist das für ein Ort?" brummte der Klingone. Sowenig ihn eine Armee bewaffneter Feinde berührte, er fühlte sich nicht wohl an Plätzen, die Emotionen zu erzwingen schienen.
Und dieser hier tat es. Nicht nur Deanna konnte das fühlen. In jedem Stein war Gewißheit, ein kalt berechneter Haß. Dies war kein Ort, der erbaut worden war, um zu überdauern, sondern um sicher zu gehen.
Mit plötzlichem Entsetzen erkannte sie, was die Geräusche waren.
"Es sieht aus wie eine Pyramide", beantwortete Picard Worfs rhetorische Frage "Die Art, wie der Stein verwendet wird." Er bemerkte den fragenden Blick des Klingonen und erklärte: "Pyramiden waren alte Arten von Grabstätten. Die Ägypter plazierten ihre toten Könige in der Mitte einer labyrinthartigen Anordnung von Korridoren innerhalb eines großen Steintetraeders, und dann verschlossen sie die Korridore."
"Genau das haben sie getan." Deanna wandte sich zu den Männern um, ihre Augen waren geweitet. "Nur haben sie nicht die Toten begraben! Ich kann Atmen hören!" Sie wirbelte herum und hetzte den schmalen Korridor hinunter, nur um ihren Weg von einer weiteren Tür blockiert zu finden. In einem Anfall von Frustration warf sie sich gegen die metallene Oberfläche.
Es war so kalt, keine Bewegung außer der Bewegung der Gedanken. Und das Atmen, erzwungen, schmerzhaft, doch es wollte nicht aufhören ...
"Treten Sie beiseite, Counselor." Lt. Worf begann damit, eine weitere Sequenz in das Sicherheitspanel in der Wand zu tippen. Nach endlosen Minuten, zeigte ein schwaches Zischgeräusch den Erfolg an.
Augenblicklich wurden sie von einer Wolke dampfförmigen Kohlenstoffs getroffen, die in den Korridor hinausströmte.
"Das ist eine kryogene Tiefschlafkammer", wisperte Captain Picard überrascht.
Deanna schob ihn sanft beiseite und näherte sich der Liege im Mittelpunkt des kleinen Raums. Sie bewegte sich wie durch Kaugummi, jeder Schritt schien eine Ewigkeit in Anspruch zu nehmen, jede Bewegung war mit Anstrengung verbunden. Es war nicht nur die Kälte, die sie betäubte, es war das Bewußtsein. Es erfüllte die Kammer. Jeder Quadratzentimeter vibrierte unter dem Eindruck eines Wesens, das dazu verdammt worden war, in diesen eisigen Dämpfen zu liegen, in perfekter Dunkelheit. Knöchel, Arme, Oberschenkel, Hüfte und Hals mit metallischen Bändern an der Liege befestigt, unbeweglich. Jahrzehnte festgesetzt in einem Kälteschlaf, der genau dies nicht gewesen war: Schlaf! Eine Lethargie, welche die Körperfunktionen paralyisiert hatte, doch niemals den Geist erreicht hatte.
Eine Ewigkeit in der kalten Dunkelheit mit nichts anderem als den eigenen Gedanken zur Gesellschaft.
Sie streckte ihre Hand vorsichtig zu dem bleichen Gesicht aus, welches kaum sichtbar unter den Dampfschichten lag.
"Counselor, wir sollten Dr. Crusher benachrichtigen ..." Die Stimme des Captains verstummte, als die zerbrechliche Kreatur auf der Liege die Augen öffnete.
Deanna begann zu fallen.
Sie stolperte durch einen Malstrom an Gefühlen, Eindrücken, Erlebnissen, überschattet von einem Schmerz, der weit größer als körperlicher Schmerz war, hinein in eine Dunkelheit, die hinter diesen Augen lag. Sie sah das Bild im Zentrum dieser Dunkelheit, um das jeder Gedanke, jeder Atemzug sich drehte.
Mit einem schmerzerfüllten Schrei gab sie es auf, gegen den Schwindel anzukämpfen und fiel in den Mittelpunkt, um sich Angesicht zu Angesicht mit ... sich selbst wiederzufinden.
Dieses Mal war Worf nicht schnell genug, sie aufzufangen.
xxxxxxxxx
"Ich muß meinen Verstand verlieren!" Deanna Troi hielt beide Hände gegen ihre Schläfen gepreßt, in dem Versuch, das Innere ihres Kopfes daran zu hindern, zur Decke der Krankenstation hinaufzustürmen. "Entweder das, oder du hast mir gerade irgend etwas Illegales verabreicht."
Dr. Beverly Crusher schenkte ihr ein verhaltenes Grinsen, als sie einen Finger auf ihre Lippen legte: "Shhh! Das bleibt unser Geheimnis, okay?" Sie legte den Scanner zurück, den sie für die Untersuchung von Deannas schmerzendem Kopf verwendet hatte, auf das Tablett zurück, bevor sie sich wieder ihrer Freundin zuwandte. "Genaugekommen hast du dir deinen Kopf an der Kante der Liege angestoßen, daher der Schmerz und die Verwirrung."
Die Betazoidin blickte einen Moment in ehrlicher Überraschung auf.
"Und da gibt es all diese Philosophen, die darüber nachdenken, daß Schmerz und Verwirrung die Bürde der menschlichen Existenz sind, während sie alle die Zeit lediglich nicht aufgepaßt haben, wo sie hintraten!" erklärte sie.
Beverly verengte ihre Augen. "Nicht alle von ihnen", flüsterte sie, "ein paar haben die Schmerzen auch dadurch verursacht, daß sie versucht haben, ihren Arzt zu veralbern."
"Kannst du mir sagen, was genau passiert ist?" fragte Deanna ernster.
"Ein Freund von mir hat es einmal passend ausgedrückt: Du hast gerade einen kurzen Ausflug zur Innenseite deines Kopfes hinter dir."
Etwas an Beverlys humorvoll gedachter Bemerkung machte sie schaudern. Ein kurzer Ausflug zum Inneren ... nicht ihres Kopfes. Sie schüttelte sich, um die Erinnerung zu unterdrücken. "Ich werde verrückt. Du wirst wahrscheinlich lachen. Aber als wir diese Kammer betraten, war ich ... nun, ich war davon überzeugt, daß der Schläfer mich angesehen hat!" Sie versuchte ein Lachen, aber der Ausdruck auf Beverlys Gesicht ließ den Ansatz in ihrer Kehle ersticken. "Er war ...? Aber, wie ist das möglich?"
Beverly sah sich um, um sicherzugehen, daß sie momentan niemand in anderen Teilen der Krankenstation benötigte, dann setzte sie sich auf der Kante des Betts der Counselor nieder.
"Ich weiß es nicht", gestand sie schließlich. "medizinisch gesprochen ..., sollte es nicht möglich sein."
"Ist er ...", die Worte am Leben wollten nicht über ihre Lippen kommen. Sie wußte nur zu gut, daß er am Leben war. Sie konnte immer noch sein Atmen in ihrem Kopf hören, " ... in Ordnung?"
"Das ist schwer zu sagen", Beverly lachte ein wenig. "Ich denke, du bist die richtige Person, um das zu beantworten. Physisch gesehen geht es ihm gut. Die üblichen Syndrome, wenn man aus dem Kälteschlaf erwacht, Disorientierung, Übelkeit. Ich bin ein wenig über den Allgemeinzustand seines Muskelgewebes besorgt. Trotz der Medikamente scheint er sich während der Stasis nur unzureichend entspannt zu haben. Einige Bereiche seines Körpers standen unter ständiger Anspannung. Ansonsten geht es ihm gut. Ein sehr angenehmer junger Mann, aus der Sicht einer Ärztin. Er tut, was ihm gesagt wird." Sie hob ihre Schultern, um einen unbelasteten Eindruck zu vermitteln, doch sie konnte nicht die Empathin täuschen. "Es ist nur ... was mit seinem Bewußtsein geschehen ist, kann ich nur zu erraten beginnen. Es existiert einfach keine medizinische Akte darüber, was mit einer Person passiert, die 50 bis 70 Jahre im Kälteschlaf verbracht hat bei vollem Bewußtsein."
"Ich weiß genau, was das dem Bewußtsein antut", flüsterte Deanna, als der Schrecken der Erinnerung zurückkehrte. "Ich hatte das Privileg, dieses Wissen zu teilen ..."
Beverly plazierte ihre Hände auf den Schultern der Counselor, zog deren Kopf an ihre Schulter, als das Zittern die junge Frau überkam. Für einen Moment beschützte sie ihre Freundin auf die einzige Art, die ihr bekannt war gegen das Äußere. Als das Zittern nachließ, nahm sie behutsam Abstand von ihr und versuchte ein kleines Lächeln. Zu ihrer Erleichterung reagierte Deanna.
"Es tut mir leid. Ich bin in Ordnung", sie strich ein paar Haarsträhnen aus ihrem Gesicht, bevor sie fortfuhr. "Wissen wir ... was er dort getan hat? Oder wer er ist? Oder ... warum alle anderen tot sind?"
Beverly schüttelte ihren Kopf.
"Sie arbeiten daran. Der Notruf war mit einer Reihe von Nachrichten gekoppelt, wahrscheinlich mit der Absicht, daß Rettungsmannschaften erst einmal mit Informationen ausgestattet werden sollten, bevor diese fortfahren." Sie gab der Counselor einen freundschaftlichen Stüber auf die Schulter. "Sie haben offensichtlich nicht damit gerechnet, daß Miss Deanna Troi eine Abkürzung verwendet."
"Und die Nachricht?"
"Ist so stark verstümmelt, daß nicht einmal Data irgendeinen sichtbaren Fortschritt macht. Er versucht, die erfolgversprechendsten Teile zusammenzusetzen, doch es wird eine Weile dauern"
"Kann ich ihn sehen?" fragte Deanna plötzlich.
Beverly sah überrascht auf. "Data? ...", dann erkannte sie, von wem ihre Freundin sprach. Sie legte die Stirn in nachdenkliche Falten. "Meinst du, du bist dem schon gewachsen?"
Deanna zog eine Grimasse. "Was glaubst du, wieviel schlimmer er in wachem Zustand sein könnte?"
Er war als Scherz gemeint gewesen, doch sie erkannte, daß diese Frage Beverly beinahe genauso ängstigte, wie es sie selbst tat.
Als sie schließlich an sein Bett trat, war das erste, was sie bemerkte, wie dünn er war, wie zerbrechlich. Wie konnte ein Geist wie der seine in einer solch zerbrechlichen Schale ruhen?
Dann bemerkte er seine Besucherin und wandte sich zu ihr um. Sie starrte in Augen von leuchtendem Grün, jedoch ohne Fokus, ohne das Lichtspiel, das sogar in den dunkelsten Augen Leben anzeigte. Seine Augen öffneten sich direkt in sein Bewußtsein, und was sie dort sehen konnte, war ... nichts.
Plötzlich veränderte sich etwas, der Zugang wurde ihr sanft verwehrt. Das Lächeln begann in den Augen, schob die Dunkelheit beiseite, bis nichts mehr übrig blieb als das warme Glühen der Wiedererkennung, als sich sein Geist vorsichtig zu ihr tastete. Er berührte ihre innersten Gedanken so leicht, suchte vorsichtig, bis er die Erinnerung fand, nach der er gesucht hatte, dann zog er sich respektvoll zurück.
Sie öffnete ihm ihren Geist, geleitete seine Suche, dürstete nach der Berührung, die alle Wunden heilen würde. Als sie schließlich wieder die Kontrolle erlangte, blieb das Lächeln. Zögernd, eine Entschuldigung und ein Willkommen und die Schrecken ihres Schlafs, der körperliche Schmerz, all das war ... gerechtfertigt.
Zitternd erwiderte sie seinen delikaten Händedruck.
"Es ist vorbei", hörte sie sich selbst sagen. "Ich habe Ihren Ruf gehört."
xxxxxxxxxx
Stille herrschte an dem ovalen Tisch, an welchem die Senioroffiziere sich versammelt hatten. Captain Picard saß in seiner üblichen Haltung, seine Hände auf der Tischplatte vor sich gefaltet, momentan bildeten sie den Fokus seiner Konzentration, seine Gesichtszüge unlesbar als er den Berichten lauschte.
"Es ist ihnen also gelungen, vom Rest des Universums isoliert zu leben", bemerkte er schließlich. "Und dafür haben sie mit ihrem Leben bezahlt."
Was Commander Data bisher von der Puzzlearbeit mit der verstümmelten Botschaft in Erfahrung hatte bringen können, war, daß es tatsächlich einen Absturz des Zentralcomputers gegeben hatte. Die Gründe dafür waren bisher noch unklar, die Auswirkungen jedoch hatten sie alle gesehen. In einer so kleinen Kolonie, wie das auf Khamar der Fall war, hatte innerhalb von Tagen alles aufgehört zu funktionieren. Die Schockwellen hatten sich durch die Transportsysteme ausgebreitet, die medizinischen Einrichtungen, die Lebenserhaltung. Es konnte nicht lange gedauert haben, bis auch die Wasserversorgung betroffen war. Menschen können sich an erstaunenswert beschwerliche Umgebungen anpassen, wenn ihnen Zeit gegeben wird. Mit nur wenig natürlichen Ressourcen war Zeit das eine, das den Siedlern nicht zur Verfügung gestanden hatte.
Was ein Rätsel blieb, war der Umstand, daß sie nicht die verbleibende Energie genutzt hatten, um ein starkes SOS-Signal zu senden, sondern beinahe die Hälfte ihrer Ressourcen dazu verwendet hatten, um einen einzigen Mann im Kälteschlaf zu halten. Damit hatten sie die Reichweite ihres Notrufs auf einen Sektor beschränkt, der beinahe unbewohnt war.
Dazu kam, daß der Mann anscheinend in keiner Aufzeichnung erwähnt wurde.
"Also, warum unser Freund?" Commander Riker sprach die offensichtliche Frage aus, und fokussierte damit jedermanns Aufmerksamkeit auf Counselor Troi.
Deanna hatte eine Haltung nicht unähnlich Picard angenommen. Als sie sich schließlich im Mittelpunkt des Interesses wiederfand, nickte sie mit dem Kopf, wie um sich selbst einen mentalen Stoß zu geben, während sie ihre Hände entfaltete. Schließlich blickte sie auf und schenkte der Runde an erwartungsvollen Gesichtern ein warmes Lächeln.
"Ich habe nicht die geringste Idee", gestand sie.
Der Anblick all dieser Gesichter, die sich wie auf ein Kommando von immensem Interesse zu enttäuschter Überraschung verwandelten, brachte sie beinahe zum Kichern.
"Ich komme nicht zu ihm durch", erklärte sie. "Er ist sehr gesprächig. Doch er schafft es, einen mit einer Menge von Details zu beschäftigen und erst nach der Unterhaltung bemerkt man, daß er immer noch nichts preisgegeben hat." Sie fühlte sich ein wenig albern, doch glücklicherweise kam Dr. Crusher zu ihrer Ehrenrettung.
"Mir ist es ähnlich ergangen", gestand diese. "Er ist charmant, scheint an allem Interesse zu zeigen, sehr höflich. Ich habe mich dabei ertappt, daß ich ihm eine gute Dreiviertelstunde die Funktion einer Diagnose-Einheit erklärt habe, anstatt sie an ihm anzuwenden. Ich lasse mich nicht leicht ablenken, doch er macht es irgendwie schwierig ... mit den Gedanken bei der Arbeit zu bleiben ..." Gegen Ende ihres Satzes wurde ihre Stimme leiser und leiser, als sie sah, wie ein anzügliches Grinsen auf Commander Rikers Gesicht entstand.
Sie tauschte einen raschen Blick mit Deanna aus. Sie wußten beide, was er nun sagen würde.
"Das hat natürlich nichts damit zu tun, daß unser kleiner Freund ziemlich ... hübsch ist?" fragte er beiläufig.
Deanna schenkte ihm einen vernichtenden Blick über den Tisch hinweg.
"Genaugenommen", hob sie mit Nachruck an, "hat es etwas damit zu tun, daß wir es hier mit einem extrem mächtigen Empathen zu tun haben."
"Sie denken, er manipuliert Sie?" fragte Captain Picard rasch, darauf bedacht, die Diskussion wieder auf eine professionelle Ebene zurück zu bringen.
"Auf jeden Fall! Es hat mich einige Tage gekostet, um meine eigenen Gefühle von den seinen zu trennen!"
"Was ist seine Absicht?"
"Ich denke nicht, daß er eine hat, er tut es einfach." Sie seufzte und versuchte das in verständliche Worte zu kleiden, was sich erst langsam über den Zustand einer Vermutung in ihren eigenen Gedanken manifestierte. "Wenn ein Empath normalerweise diese Art von Kontakt eingeht ... daß er oder sie Emotionen verursacht anstatt sie nur zu empfangen, gibt es eine Art von Warnung, eine leichte Irritation zum Beispiel, ein Geräusch, irgend etwas. Es gibt verschiedene Anzeichen, doch die Betroffenen stimmen darin überein, daß sie etwas gespürt haben. Besonders wenn es sich dabei um einen anderen Empathen handelt. Mit ihm ... nun, es ist einfach schon im Raum. Er strengt sich nicht im Mindesten an. Wenn ich so etwas täte ..."
"Wollen Sie damit sagen, daß sie dazu fähig wären, Emotionen zu beeinflussen, Counselor?" unterbrach der Captain sie überrascht.
Sie senkte ihren Kopf, fokussierte ihre Finger. "Wenn ich mich sehr stark konzentrierte, ja. Aber Sie würden es bemerken, ... ich würde nach ein paar Sekunden in kalten Schweiß ausbrechen. Es ist extrem schwer ... und," fügte sie rasch hinzu. "es wird als unethisch betrachtet und gebannt."
Es verärgerte sie ein wenig, als sie so etwas wie Erleichterung auf dem Gesicht des Captains bemerkte. Nach all der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, gab es wohl immer noch Raum für Zweifel. Sie atmete tief durch, bevor sie ihre neuste Entdeckung mit den anderen teilte.
"Ich vermute auch, daß er ein Telepath ist."
Zu Commander Rikers großer Belustigung schienen beide Frauen eher verlegen denn überrascht über diese Information.
"Bislang ist das nur eine Vermutung", fügte die Counselor hinzu. "Er hat sich noch durch nichts verraten ... aber die Hälfte der Zeit scheint er schon zu wissen, was ich sagen möchte. Vielleicht fällt es ihm deswegen so leicht, sich ausweichende Antworten auszudenken."
Captain Picard schüttelte seinen Kopf mit einem nachdenklichen Ausdruck.
"Das ergibt nicht viel Sinn", gestand er. "Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, daß sich Empathen oder gar Telepathen unter den Siedlern von Khamar befunden hätten. Sie waren einfach, gottesfürchtig, hart arbeitend, und gänzlich menschlich. Wir Menschen sind nicht für extreme mentale Fähigkeiten bekannt."
Er ließ seine Augen über die anwesenden Offiziere wandern. "Da es ihm gut genug geht, um die Krankenstation zu verlassen, sehe ich wenig Veranlassung, ihn dort festzusetzen. Doch ich wünsche, beschränkten Zugang für unseren Gast und eine persönliche Aufsicht durch die Sicherheit, bis wir wissen mit wem oder was wir es hier zu tun haben." Er erhob sich und gab damit das Signal zum Ende der Konferenz. "In der Zwischenzeit werden Commander Data und Counselor Troi ihre Arbeit fortführen. Informieren Sie mich, sobald Sie etwas Neues gefunden haben. Das wäre alles."
Als sie sich erhoben und sich daran machten, den Bereitschaftsraum zu verlassen, kam Deanna kurzzeitig der Gedanke, daß die Sicherheitsoffiziere nicht viel nützen würden.
Es war nicht ihr Gedanke gewesen.
xxxxxxxxx
"Wieviel von der Besprechung haben Sie mitbekommen?"
Die Betazoidin stand im Türrahmen, ihre Arme über der Brust verschränkt und sie versuchte ihr bestmögliches, um zumindest ärgerlich zu wirken, wenn autoritär schon nicht funktionierte.
Er blickte in gespielter Überraschung zu ihr auf. Für einen Augenblick gelang es ihm realistisch Verletzung zu projezieren, dann verriet ihn das leichte Zucken des Mundwinkels.
"Genug", bemerkte er lediglich. Selbst bei diesem einen Wort gelang es ihm, jeden einzelnen Buchstaben zu verwischen, bis sie miteinander verschmolzen und etwas anderes bedeuteten.
Während es ihr allmählich gelang, ihr Bewußtsein von den stärksten seiner mentalen Eindringversuche abzublocken, packte seine Stimme sie doch jedes Mal wieder. Während sie den kurzen Schauder, der sich über ihren Rücken ausgebreitet hatte, abschüttelte, drückte sie sich vom Türrahmen ab und betrat den Raum.
"Haben sie Ihnen nicht beigebracht, daß es als unhöflich erachtet wird, andere Leute zu belauschen?" fragte sie ein wenig amüsiert.
"Haben sie Ihnen nicht beigebracht, daß es unhöflich ist, über andere Leute hinter deren Rücken zu sprechen?" konterte er augenblicklich.
Für einen Augenblick starrte sie ihn an, dann begann sie zu lachen.
"In Ordnung, diese Runde geht an Sie. Doch ich hoffe, Sie sehen es selbst ein, daß wir nicht so viel über Sie sprechen müßten, wenn Sie uns mehr Information geben würden."
Sie setzte sich auf einen Stuhl, von dem sie annahm, daß er sich in einem sicheren Abstand befand. Sicher vor was, war sie sich nicht ganz im Klaren.
"Was für Information?" fragte er unschuldig.
"Zum Beispiel, wie Sie heißen."
"Mein Name ist irrelevant."
"Das ist ein seltsamer Name, den eine Mutter ihrem kleinen Jungen gibt, finden Sie nicht auch?"
Dieses Mal war es an ihm, überrascht aufzusehen.
Deanna lachte warm. "Wie das? Ich habe etwas gesagt, daß Sie nicht erwartet haben. Entweder lassen Ihre Kräfte Sie im Stich, oder Sie beginnen sich langsam an das zu halten, was ich über die Privatsphäre anderer Leute gesagt habe."
Seine Antwort sandte Schauer über ihren Rücken. "Wenn das Ihnen so viel bedeutet, dann werde ich nicht mehr in Ihren Geist eindringen, Deanna. Auch wenn es ein sehr schöner Ort zum Verweilen ist."
Sie hob eine fragenden Augenbraue, doch er ignorierte die Geste. Ihr kam der Gedanke, daß sie keine Möglichkeit hatte, herauszufinden, ob er die Wahrheit sprach. Dem folgte die Erkenntnis, daß es keinen Unterschied machen würde, ob er es tat oder nicht. Es gab einfach nichts, das sie ihm entgegensetzen konnte.
"Wir müssen Sie irgendwie nennen", sagte sie sanft.
Er blickte sie an, und für einen unbewachten Moment flackerte purer Haß in seinen Augen. "Warum nennen Sie mich nicht so, wie es alle anderen getan haben", entgegnete er scharf, dann hatte er sich selbst wieder unter Kontrolle und fuhr ruhiger fort: "Freak! Nett, kurz und leicht zu merken."
Keine Aufzeichnungen von Empathen oder gar Telepathen unter den Siedlern, kehrten die Worte des Captains zurück, als sich in ihr ein Bild zu formen begann.
"Ihre Eltern ...", sie wählte ihre Formulierungen vorsichtig, "haben Ihre Begabung nicht geteilt?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, so war es auf gewisse Weise nur konsequent, daß er nicht antwortete.
Sie wußte nicht, wie sie das Schweigen deuten sollte, doch sie beschloß, fortzufahren. Er konnte nicht mehr tun als sie weiterhin zu ignorieren. "Wie haben sie es herausgefunden?"
Diese Mal erhielt sie eine Antwort. Er grinste hinterlistig. "Wahrscheinlich als ich begann, mein Frühstück zu essen ohne die Gabel zu berühren."
Sie war sich nicht sicher, wie ernst er es meinte, doch sie beschloß, seine Bemerkung wörtlich zu nehmen.
"Was haben Sie dabei gefühlt?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Sie wissen, wie Kinder sind. Ich dachte, jeder könne das, doch daß es ihnen einfach zu langweilig geworden wäre."
Für einen Augenblick glaubte sie einen kurzen Blick auf den Mann werfen zu können, der er war, nicht auf den, den er versuchte vorzustellen. Ein kleiner Junge, der sicher war, einer von vielen zu sein, probierte sein neues Spielzeug aus, untersuchte die Gedanken derjenigen um ihn herum, nur um langsam aber sicher zu erkennen, daß es in seinem kleinen Universum keine zweite Person gab, die das tun konnte, was er zu tun imstande war.
Sie erinnerte sich an ihre eigene Angst, als sie eines Morgens aufgewacht war, um festzustellen, daß die Empfindungen, die sie erlebte, nicht ihre eigenen waren.
Doch es hatte andere gegeben, die ihr geholfen hatten, die ihr alles erklärt hatten.
Sie hatte Glück gehabt.
Wie hätte es sich angefühlt, wenn es niemanden gegeben hätten, an den sie sich hätte wenden können?
Trotz ihrer Vorsicht, Abstand zu halten, lehnte sie sich impulsiv nach vorne und legte ihre Hand auf die seine.
"Es muß schwierig für Sie gewesen sein", sagte sie.
Er lachte. Es war kein angenehmes Geräusch.
"Für mich? Nein, ich wußte, daß mit mir alles in Ordnung war! Es waren die anderen, die Probleme hatten." Er sah sie direkt an, und sie realisierte plötzlich, daß er tatsächlich ihr Bewußtsein verlassen hatte. Sie konnte seinen Ausdruck nicht mehr lesen. Ein Teil von ihr wünschte ihn sehnsüchtig zurück.
"Es ist immer einfach, der Freak zu sein, meinen Sie nicht auch? Man hat nicht mehr länger eine Wahl, also können die Fehler nur von den anderen gemacht werden." Als der Kontakt wiederhergestellt wurde, war es eine Erleichterung. Sie ließ sich selbst willig in die Umarmung seines Geistes sinken. "Wie hat es sich vorhin angefühlt, Deanna? Wie hat es sich angefühlt, als Ihre Freunde das Monster sahen, das Sie wirklich sind?"
Sie warf ihren Kopf zurück, bekämpfte das Gefühl des Fallens.
"Sie glauben nicht, daß ich ein Monster bin", verteidigte sie sich schwach.
"Doch sie haben Angst, daß Sie etwas mit ihren wertvollen, kleinen Gehirnen anstellen könnten."
"Ich bin nur eine schwache Empathin, sie wissen das ..."
"Schwach oder stark, was macht das für einen Unterschied? Das einzige, das zählt, ist der Unterschied!" Er legte eine bleiche Hand unter ihr Kinn und hob es sanft an. Es war das erste Mal, daß irgendeine Form von physischem Kontakt von ihm ausging, und die Erfahrung war berauschend. Ohne Zweifel eine weitere Manipulation, doch im Augenblick war ihr das gleichgültig. Sie wollte lediglich, daß das Gefühl nicht endete.
"Sie sind anders", flüsterte seine Stimme, "Sie haben meinen Ruf gehört. Sie sind wie ich."
Unwillig drehte sie ihren Kopf, um sich aus seiner Berührung zu befreien. Sie schnappte nach Luft. "ich bin nicht wie Sie. Ich beginne nicht einmal zu begreifen, was Sie sind", sagte sie.
Der plötzliche Schmerz in seinen Augen war real, und es war keine geistige Verstärkung notwendig, um ihn zu erkennen. Doch sie waren immer noch verbunden. Das Gefühl des Fallens übermannte sie. Für einen Augenblick stolperte sie wieder durch die Dunkelheit und die Kälte, die nicht der Kälteschlafkammer entstammte, sondern seinem Geist. Einen kurzen Moment teilte sie alles mit ihm, jeden Tag, jede Stunde des Alleinseins. Der physische Aufprall rüttelte sie auf, als sie gegen seine Schulter fiel. Die Schnelligkeit, mit welcher er sein Bewußtsein zurückzog, verursachte einen seltsamen stechenden Schmerz. Als der Nebel sich vor ihren Augen klärte, fand sie sich halb in seinen Armen wieder, seine Hand umklammert. Er streichelte ihr Haar, versuchte sie zu beruhigen.
"Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich wollte nicht ..."
Sorgsam stellte sie ihr Gleichgewicht wieder her, sie zog sich von seinen Armen zurück, ließ seine Hand los.
Sie versuchte ein Lächeln. Es gelang ihr beinahe.
"Es ist in Ordnung. Ich ... werde mich irgendwann daran gewöhnen."
Die Erfahrung hatte dort einen Eisklumpen hinterlassen, wo ihr Herz hätte sein sollen. Es erschwerte das Atmen enorm. Sie blickte auf und sah die Besorgnis in seinen Augen. Er wirkte so unendlich hilflos. Alles, was sie wollte, war seinem Schmerz ein Ende zu bereiten. Doch die Dunkelheit im Mittelpunkt seines Seins drohte ihn weit außerhalb ihrer Reichweite zu stoßen.
"Es gibt ... andere." Sie versuchte zu sprechen, doch ihr Hals schmerzte. "Leute, die wirklich wie Sie sind. Es ist eine Fähigkeit, die bei einigen Rassen sehr häufig anzutreffen ist ..."
"Doch nicht in meiner." Es war beinahe eine Frage.
Sie preßte ihre Lippen zusammen.
"Nein, nicht in Ihrer. Es geschieht äußerst selten bei Ihrem Volk. Daher fanden sie es so schwer zu akzeptieren. Doch an anderen Orten ... auf Betazed, wo ich herstamme, würde man Sie nicht einmal bemerken."
Es war eine gut gemeinte Lüge, das wußte sie. Doch es war nicht nötig, ihn jetzt mit dem wahren Ausmaß seiner Fähigkeiten zu konfrontieren. Was er mehr als alles andere brauchte, war ein Zugehörigkeitsgefühl. Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Sehnsucht.
"Und Sie werden mir diese Leute zeigen?" fragte er zögernd.
Nun hatte sie ihr professionelles Lächeln wiedergefunden.
"Ja", sagte sie mit Nachdruck. "Ich werde Sie an einen Ort bringen, wo man versteht, wer Sie sind. Sie werden Ihnen helfen, mit sich ins Reine zu kommen, und Ihnen zeigen, was Sie alles vermögen."
Ihr Lächeln war fest, als sie ihn anblickte.
Wenn es dafür nicht schon zu spät ist.
xxxxxxxxxx
"Eine Warnung?"
Alle Augen fokussierten sich auf Commander Data. Er legte den Kopf auf eine Seite und warf einen weiteren Blick auf sein PADD.
"Ja, es ist definitiv eine Warnung. Die Siedler waren sehr eindeutig in diesem Punkt. Die Tür sollte unter keinen Umständen geöffnet werden, bevor nicht Vorkehrungen getroffen worden sind."
"Was für Vorkehrungen?" verlangte der Captain zu wissen.
"Das, Sir, kann ich nicht sagen. Es scheint, daß diese Information in den beschädigten Teilen enthalten war."
"Vorkehrungen für oder gegen was?" Commander Riker gestikulierte vage mit der Hand.
"Vorkehrungen gegen Andersartigkeit." Deanna Trois Worte überraschten sie selbst. Alles begann langsam und erschreckend einen Sinn zu ergeben.
"Könnten Sie das näher erklären, Counselor?" verlangte der Captain.
"Es gab in der Tat kein Auftreten von Telepathie oder einer anderen Art von mentalen Fähigkeiten unter den Siedlern. Und plötzlich fanden sie diesen Jungen in ihrer Mitte, der alles konnte: ihre Gedanken lesen, ihre Emotionen, sie das denken lassen, was er wollte, vielleicht sie sogar das tun lassen konnte, was er wollte. Er muß ihnen eine ungeheure Angst eingejagt haben."
"Aber wie ist das möglich?"
"Ich denke, er ist das, was sie ihn nannten: Ein Freak." Dr. Crusher zuckte mit den Schultern. "die eine unter einer Million genetischer Mutationen, die latente psychische Kräfte zur Ausbildung bringt. Ich habe Anzeichen von chromosomaler Verdopplung bei ihm gefunden, doch das hat ihm körperlich nicht geschadet."
"Das würde den zweiten Teil der Botschaft erklären", fuhr Commander Data fort. "Es scheint, daß die Siedler ihn für das verantwortlich machen, was mit dem Computer passiert ist."
Der Captain hob eine Augenbraue. "Das ist eine ziemliche Beschuldigung, die sie einer Person auf die Schultern gelegt haben."
"Unter gottesfürchtigen Völkern", äußerte Beverly ihre Gedanken laut. "gibt es in der Regel zwei Möglichkeiten auf Andersartigkeit zu reagieren: Man hält es für näher an Gott als man selbst ist, oder für weiter von ihm entfernt." Sie sah die anderen an und hob beinahe entschuldigend ihre Schultern. "Näher schien keine Option für die Siedler gewesen zu sein."
"Vielleicht hat er ihnen einen Grund dafür gegeben, das zu glauben", vermutete Deanna.
Unter den überraschten Blicken der anderen, versuchte sie zu erklären. "Ich empfange eine gewisse Verachtung von ihm, wann immer er über die anderen spricht. Er hat sich sehr früh mit seiner Rolle als Freak abgefunden und sich als sehr verschieden von allen anderen wahrgenommen, seinen Eltern eingeschlossen. Er sagte etwas Interessantes darüber, daß dieser Umstand ihm keine wirkliche Wahl mehr gelassen hätte. Was immer in seinem Verhältnis mit den anderen schief ging, konnte er somit auf deren ungenügendes Einfühlungsvermögen schieben. Es ist aber auch sehr schwer, jemandem nahe zu kommen, der jede versteckte Angst lesen kann ..." Die Erinnerung an seinen Schmerz im Angesicht ihrer Zurückweisung überflutete ihr Bewußtsein. Sie erschauderte. "Die Frage ist", fuhr sie schließlich fort", wie er mit den Kräften umgegangen ist, die sich in ihm entwickelt haben."
"Wie gehen Sie damit um?" fragte der Captain, eine vernünftige Frage natürlich für jemanden, der keine Erfahrung in psychischer Weiterentwicklung hatte. Doch aus gewissen Gründen ärgerte sie die Frage. Einmal mehr fühlte sie sich selbst auf der einen Seite eines Grabens, der begann, sie von jedem zu trennen, den sie als Freund betrachtet hatte.
"Wie bei allen Fähigkeiten, brauchen auch psychische Fähigkeiten Nahrung, Führung, Praxis. Selbst unter meinem Volk, wo es genetisch verankert ist, manifestieren sich die Fähigkeiten nicht von Geburt an, sondern entwickeln sich, wenn man älter wird. Oft fällt es mit der Pubertät zusammen. Während man also damit zurecht kommen muß, wer man eigentlich ist, hat man auch noch das Problem, wessen Gedanken man gerade denkt. Ohne die Hilfe der Erwachsenen kann das eine sehr anstrengende Prozedur sein. Ich hatte Glück, daß ich meine Eltern hatte."
"... und er hatte niemanden, der ihm helfen konnte", schloß Beverly für sie.
Deanna betrachtete sie mit einem traurigen Lächeln.
"Bevor er mich traf, Beverly, wußte er wahrscheinlich nicht einmal, daß es noch andere wie ihn in diesem Universum gibt."
"Und was glauben Sie, wie er darauf reagiert hat?" kehrte Captain Picard zur eigentlichen Frage zurück.
Deanna zuckten mit den Schultern. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit so etwas umzugehen", entschied sie. "entweder lernt man selbst, es zu kontrollieren, oder man wird wahnsinnig."
Die Stille, die dem folgte, wurde nur zögernd von Commander Riker unterbrochen.
"Und welchen Weg hat er eingeschlagen?"
Sie schüttelte ihren Kopf.
"Ich will ehrlich sein. Ich weiß es nicht. Er scheint die meiste Zeit vollkommen ruhig und vernünftig zu sein. Aber ... es ist etwas ... in ihm. Da ist ..." Sie vollführte eine hilflose Geste, als einmal mehr Worte nicht genug waren. "Da ist ein Teil von ihm, der sich immer noch in der Kammer befindet. In welcher Verfassung er sich auch immer befunden hatte, bevor sie ihn teilweise eingefroren haben ... So lange alleine und bei Bewußtsein zu sein ... kein Gehirn kann das unberührt überstanden haben." Sie atmete tief durch, bevor sie fortfuhr. "Wessen ich mir nicht sicher bin, ist, ob es sich dabei um eine vorübergehende Verwirrung handelt, verursacht durch das traumatische Erlebnis oder um etwas Tiefergehendes."
"Können Sie das herausfinden?"
"Ich hoffe es."
Commander Riker seufzte und versuchte, die Information zusammenzufassen: "Unser Gast besitzt also übermenschliche Talente, benimmt sich deswegen vielleicht sehr merkwürdig, ist eventuell in keiner Weise kooperativ Als also der Computer und die Lebenserhaltung explodierte, entschieden sie natürlich, daß es der Freak war." Er blickte zu seinen Kollegen und Freunden auf. "Warum um alles in der Welt haben sie dann einen solchen Aufwand betrieben, ihn am Leben zu halten, während alle anderen dahinvegetiert sind? Ich würde doch annehmen, daß er der erste gewesen wäre, den sie gegessen hätten!"
Niemand hatte darauf eine Antwort.
xxxxxxxxx
Der Schmerz, den sie fühlte, war real, verursacht durch körperliche Unannehmlichkeit und sehr einfach in der Struktur. Als sie um die Ecke bog, war sie nicht wirklich überrascht, den Sicherheitsoffizier vorzufinden, wie er sich den Nacken rieb. Er richtete sich bei ihrer Ankunft auf, doch er litt offensichtlich unter starken Kopfschmerzen.
Deanna holte Luft, blockte ihre Gedanken von der Welle an frustriertem Ärger, der ihr zur zweiten Natur wurde, wann immer sie diese Räume betrat, und versuchte, dem Offizier ein ermutigendes Lächeln zu schenken.
"Kopfschmerzen? Ich bin sicher, das geht gleich vorüber", bemerkte sie freundlich. Ansonsten drehe ich ihm den Hals um.
Sie lächelte immer noch, als der Offizier beiseite trat und sie die Tür öffnen ließ. Sie lächelte, als sie ihren Kopf zum Gruß neigte, sie lächelte, als sie den Raum betrat und sich dem Mann zuwandte, der bequem auf einem Sofa ruhte. Dann hörte sie den Türmechanismus einrasten. Das Lächeln verschwand auf der Stelle.
"Hören Sie sofort damit auf!" forderte sie ärgerlich.
Er hob seinen Kopf, um sie anzusehen. Kein Zeichen von Emotion in dem bleichen Gesicht, nur ein leichtes Zittern der Lippen.
"Er stört mich", erklärte er kalt.
"Er macht nur seinen Job."
"Der Löwenbändiger?"
"Es ist nicht so ..."
"Warum versuchen diese Offiziere dann, mich daran zu hindern, den Raum zu verlassen?"
Deanna senkte ihren Kopf. Sie konnte nicht feststellen, ob er momentan ihre Gedanken las oder nicht. Sie fühlte sich unkomfortabel und allein, also entschied sie, daß er wohl nicht bei ihr war, und versuchte es mit einer Lüge.
"Es ist für Ihre eigene Sicherheit. Sie waren für sehr lange Zeit in einer sehr schwierigen Lage. Dr. Crusher ist zufrieden mit dem Fortschritt, den Sie machen, doch selbst sie kann nicht genau sagen, wie stark Sie vielleicht betroffen worden sind. Sie macht sich Sorgen um die Muskelanspannung. Sie sind immer noch schwach ..."
"Dr. Crusher ist eine wunderschöne Person", unterbrach er sie mit einem herausfordernden Lächeln. "Sie ist die einzige, die ich bisher getroffen habe, die sich wirklich darum sorgt, was mit mir passiert."
Es war ihr klar, daß er versuchte, sie zu provozieren, doch trotzdem konnte sie nicht verhindern, daß sie in die Defensive ging.
"Ich sorge mich ..."
"Sie ist ebenfalls", fuhr er unberührt fort, "eine weitaus bessere Lügnerin als Sie."
Der Atem, mit dem sie ihre Verteidigung in Worte kleiden wollte, entfloh in einem Seufzen. "Ich lüge nicht oft," erklärte sie, während sie sich ein wenig dumm vorkam. "Ich bekomme nicht viel Übung darin."
"Warum lügen Sie mich an?"
"Weil Sie uns immer noch nichts über sich selbst erzählt haben, das uns helfen könnte, Sie zu verstehen. Wir wissen immer noch nicht, wer Sie sind ..." Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß er erleichtert war, wann immer sie etwas in dieser Richtung äußerte. "Auf diesem Raumschiff leben 1000 Personen. Es ist einfach sinnlos, wenn Sie mit allen gleichzeitig zusammentreffen."
Er erhob sich mit eine fließenden Bewegung vom Sofa und tat einen Schritt auf sie zu.
"Das bin ich schon." Für einen kurzen Moment schien er sich beinahe zu fürchten. "1000, hm? Das erklärt vieles. Ich hatte ziemliche Probleme, das Geschnatter auszuschalten."
Deanna starrte ihn an, als er näher kam.
"Wollen Sie damit sagen, daß Sie alle Gedanken gleichzeitig gehört haben?" Die Schwere dieser Vermutung ließ sie sprachlos werden.
Er hatte sie jetzt beinahe erreicht. Erst aus der Nähe bemerkte sie das leichte Zittern, das seinen gesamten Körper ergriffen zu haben schien. Er bewegte sich nicht oft in ihrer Gegenwart. Sie hatte niemals einen Grund gehabt, Beverlys Sorgen um seinen Gesundheitszustand zu teilen. Doch von so nah wurde es offensichtlich, daß er sich selbst nur mit größter Anstrengung aufrecht hielt. Die Empörung, die sie über seine Verletzung der Privatsphäre in einer solchen Größenordnung verspürt hatte, machte sofort Platz für Besorgnis. Impulsiv streckte sie einen Arm aus, um ihn zu stützen. Er sah sie erste überrascht an, dann kehrte das Lächeln zurück.
"Glauben Sie, es ist interessant, in all diesen Gehirnen herumzuschnüffeln?" Er ließ zu, daß sie ihn zum Sofa zurück führte, amüsiert durch ihre Sorge, doch auch ein wenig geschmeichelt. "Ich werde Sie in ein Geheimnis einweihen, Deanna. Leute, besonders Menschen, verwenden 90 % ihrer Zeit, um über nichts nachzudenken. Und der Großteil der anderen 10 % ist ebenfalls nicht besonders spannend. All diese Angst wegen des Gedankenlesens ... es gibt nur wenige Dinge, die langweiliger sind als herauszufinden, wieviel Sand in den durchschnittlichen menschlichen Kopf paßt!" Er ließ ein verächtliches Schnauben hören. "Wenn die Leute an nichts denken, ergibt das ein Geräusch. Wie eine statische Störung." Er lehnte sich vor und starrte wieder direkt in ihre Augen. "Stellen Sie sich vor, in einem Raum voller Menschen zu sein und hundert verschiedene Versionen von ccccrrrkrkrkrkrkckrckrck zu hören!"
Sie zuckte unwillkürlich zurück, was ihn zu einem Lachen veranlaßte.
"Unangenehm? Um ehrlich zu sein, es kann einen wahnsinnig machen." Er neigte seinen Kopf und betrachtete für einen Moment seine Finger, "wenn man nicht lernt, es zu kontrollieren."
Das Zittern hatte zugenommen. Einmal mehr warf Deanna alle Vorsicht über Bord und griff nach seinen Händen, beschützte sie in ihren eigenen, versuchte, das Zittern zu beruhigen.
"Vielleicht sollten Sie Dr. Crusher aufsuchen. Sie sehen nicht gut aus ..." Sie versuchte, ihn dazu zu bringen, sie anzusehen, doch zum ersten Mal mied er ihre Augen. Vorsichtig ließ sie eine seiner Hände los, legte ihre Finger auf seine Wange und zwang seinen Kopf sanft zurück. Seine Angst drückte augenblicklich auf ihren Geist. Sie fühlte eine Welle von Übelkeit in ihrem Kopf, als sie rückwärts taumelte.
"Ich möchte Sie nicht verletzen", hörte sie seine leise Stimme. "Bitte zwingen Sie mich nicht, Ihnen weh zu tun."
Langsam realisierte sie, daß er immer noch nicht in ihrem Geist war. Was sie gerade erfuhr war nur ein Bruchteil der Gefühle, die an der Oberfläche seiner Qual lagen. Sie hatte sich dem unbewußt geöffnet und nun fand sie es beinahe unmöglich, die Verbindung zu unterbrechen. Es war ein Gefühl von Heimkehr in der Berührung seines Geistes, nach dem sie sich verzehrte, ein Gefühl der Zugehörigkeit.
In der Abwesenheit dieser Anwesenheit hielt sie sich an ihrem Körper, nur schwach bewußt, daß es an der Tür summte.
Einer der Sicherheitsoffiziere kam in den Raum.
"Ich habe ein Geräusch gehört ...", begann er.
In diesem Augenblick wandte er sich heftig zu dem Offizier um, eine Welle von Haß bildete sich in seinem Inneren und drohte, Deanna zu ertränken.
"Was!" rief er aus.
Mit schreckengeweiteten Augen sah Deanna, wie sich der Haß zusammenklumpte wie eine Faust und den Sicherheitsoffizier in der Brust traf. Der Aufprall hob den Mann von seinen Füßen und warf ihn gegen die Wand, wo er sich in einen wimmernden Ball zusammenrollte.
"Nein!"
Ihr Schrei brach seine Konzentration. Der Offizier sackte in einem bewegungslosen Haufen zusammen. In völliger Ungläubigkeit drehte sie sich um und starrte die zerbrechliche Kreatur vor sich an. Er schien nicht einmal von der geistigen Anstrengung berührt worden zu sein.
Die zweite Wache erschien nun im Türrahmen. Nach einem kurzen Blick auf die Counselor und seinen Kollegen, berührte er sein Intercom.
"Sicherheit an die Krankenstation. Wir brauchen ärztliche Hilfe.
Es hat einen ..." Er warf der schmalen Figur an Counselor Trois Seite einen
Blick zu. Er schien nur ein wenig interessiert an dem Grad an Aufregung,
die er verursacht hatte, nichts weiter. "Es hat eine Unfall gegeben."
xxxxxxxxx
Dr. Crusher räusperte sich.
"Er wird sich nicht erholen, wenn er sich nicht vollständig auf seinen Körper konzentrieren kann. Und er kann das nicht tun, wenn er ununterbrochen die Gedanken anderer Leute blockieren muß."
"Mit allem nötigen Respekt, Doktor." Lt. Worf erhob sich von seinem Stuhl und lehnte sich über den Tisch. "In seinem unkonzentrierten Zustand hat dieser Mann beinahe einen meiner Leute getötet. Und er hat ihn nicht einmal berührt!" Seine Augen blitzten bei diesem Gedanken. "Ich kann nicht zustimmen, daß es im Interesse des Schiffs liegt, seine Gesundheit wieder herzustellen!"
Beverly hob eine Hand in abwehrender Haltung.
Ich spreche als Ärztin. Meine einzige Sorge gilt der Gesundheit meines Patienten. Die Sicherheit des Schiffs ist Ihre Aufgabe."
"Das ist sie in der Tat, und ich schlage vor, daß wir dieses ... Ding ... in Ketten legen ..."
"Und dann was", fragte Commander Riker eisig. "Sollen wir beobachten, was er durch ein Energiefeld hindurch alles anstellen kann? Ich lege ehrlich gesagt keinen Wert darauf."
"Er hat ungenügende Kontrolle über seine Kräfte. Und sein schlechter Gesundheitszustand hilft dem Umstand nicht gerade." Die Ärztin versuchte, ihren Standpunkt zu verdeutlichen. "Es ist mir bewußt, was passiert ist, und ich bin mir des Risikos bewußt, das er darstellt. Doch ich bin mir sicher, daß dieser unglückliche Unfall teilweise durch seine physischen Probleme verursacht wurde. Er kann sich nicht genügend auf das konzentrieren, was er tut ..."
"Es tut mir leid, Doctor", unterbrach Datas ruhige Stimme sie, "aber ich glaube, daß sie im Irrtum sind, wenn Sie annehmen, daß es sich um einen Unfall handelt." Er hatte augenblicklich jedermanns Aufmerksamkeit. Nachdem er rasch ein Padd befragt hatte, fuhr er fort: "Es ist mir gelungen, den Großteil der Nachricht zu entschlüsseln. Es wird offensichtlich, daß die Siedler ihn nicht einfach für den Computerausfall verantwortlich machten. Sie hatten in der Tat Beweise dafür, daß er das System absichtlich zerstört hat, um alle umzubringen. Unfähig, zum System selbst vorzudringen, scheint es ihm gelungen zu sein, die Kontrolle über einige der Ingenieure zu erhalten. Dann hat er durch deren Hände die Explosionen ausgelöst."
"Das hört sich für mich an wie noch mehr hysterische Reaktion auf einen natürlichen Ausfall, muß ich zugeben", bemerkte Commander Riker.
"In der Tat, Sir. Jedoch scheint sich unser Gast zu diesem Zeitpunkt schon in einer Art von Gefängnis befunden zu haben für den Mord an der geistlichen und wissenschaftlichen Führung der Gemeinschaft. Es ist hier beschrieben, daß er den Mann aus einiger Entfernung emporgehoben hat und ihn eine Treppe hinab gestoßen haben soll, was in einem Genickbruch resultierte."
"Wie konnten sie ihn gefangensetzen? Uns scheint das ja nicht zu gelingen."
"Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es scheint, daß das Gebäude, in welchem wir ihn gefunden haben, von der Gemeinschaft über mehrere Monate hin gebaut wurde, mit dem ausdrücklichen Ziel, ein Gefängnis für ihn zu bilden. Die Mineralien im Gestein, die unsere Sensoren behindert haben, sollten seine mentalen Kräfte einschränken."
"Das klingt immer noch wie abergläubischer Blödsinn für mich. Wenn er so gefährlich war, warum haben sie ihn dann nicht einfach getötet?"
"Darüber gibt es keine Information, Sir."
"Wir sprechen jetzt also nicht mehr über einen Unfall, den er vielleicht verursacht hat, sondern über die absichtliche Auslöschung einer gesamten Kolonie. Er müßte ganz schon geistesgestört sein, um das zu tun!"
Jeder schien das als Stichwort zu nehmen, um sich zu Counselor Troi umzuwenden. Seit Beginn der Diskussion hatte sie geschwiegen, war in ihren eigenen Gedanken versunken gewesen, hatte nur von Zeit zu Zeit die verschränkten Finger vor sich bewegt. Auch jetzt reagierte sie nicht, bis der Captain sie ansprach.
"Haben Sie sich ein Urteil über unseren problematischen kleinen Freund gebildet?" wollte er wissen.
Als sie aufblickte, war der Schmerz nur zu deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.
"Ich habe viel Zeit mit ihm zugebracht", begann sie leise, als ob sie ihre Gedanken ordnete. "Ich bin ihm mehrmals nah gekommen. Sehr nah. Es ist mir gelungen, durch seine äußere Maske zu brechen, und zeitweise öffnete er sich selbst ein wenig. Ich glaube, ich sollte genug gelernt haben, um Ihnen einen Ratschlag zu geben, wie mit ihm verfahren werden soll. Unglücklicherweise gibt es zwei Seiten dieser Geschichte und ebenfalls in meinen Reaktionen ihm gegenüber." Sie schwieg für einen Augenblick und sah sich hilflos um. In Beverlys Blick fand sie Beruhigung, so blieb sie dort für eine Weile und beantwortete die unausgesprochenen Frage der anderen Frau mit einem leichten Kopfschütteln
"Das private Ich, die menschliche Seite, sagt mir, daß dieser Mann mehr erlitten hat, als jeder von uns sich vorstellen kann. Er war sein gesamtes Leben ein Ausgestoßener, gefürchtet, mißbraucht, als Freak aus der einzigen Gemeinschaft ausgestoßen, die er kannte, die einzige Gemeinschaft, die er erreichen konnte. Er hatte nicht einmal die Chance, sie zu verlassen, denn auf Khamar gab es keinen anderen Ort. Ein Leben verbracht in Schmerz. Von allen als Monster angesehen, begann er, sich wie eines zu verhalten. Er braucht unsere Hilfe. Mehr noch, er verdient sie." Sie konnte sehen, wie ihre Worte die anderen berührten, um so mehr zerriß es sie, daß sie fortfahren mußte. "Meine professionelle Meinung jedoch", merkte sie langsam an, "als Schiffs Counselor, verantwortlich für die geistige Gesundheit von jedem an Bord dieses Schiffes, sage ich, daß wir ihn zu dieser Pyramide zurückbringen und ihn dort so tief einschließen, daß nicht einmal mehr ein Empath zu ihm hindurchdringen kann."
In der schockierten Stille, welche ihren Worten folgte, war das einzige Geräusch das Atmen, sanftes, unbewußtes, ungezwungenes Atmen. Deanna schloß ihre Augen und ließ ihren Geist mit diesem wunderschönen, lebensbejaenden Geräusch anfüllen. Welch ein Frieden, den Atem nicht durch die Anstrengung des Willens alleine kontrollieren zu müssen ...
"Du kannst das nicht wirklich meinen." Beverlys ungläubige Worte brachten sie zurück in die Realität des Bereitschaftraums. "Es ist grausam und feige."
"Ich weiß das, es ist ebenfalls effektiv."
"Wollen Sie", Captain Picard versuchte angestrengt die Worte, die er gerade gehört hatte, mit der Counselor, die er so lange kannte, in Einklang zu bringen, "damit sagen, daß man ihm nicht helfen kann?"
Es war die Frage, die sie nicht beantworten konnte. In einem unendlichen Universum gab es unendliche Möglichkeiten. Wer war sie, die Autorität zu beanspruchen, eine Entscheidung von solcher Endlichkeit zu treffen?
"Ich kann es nicht." Das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte, drängte sich wieder in ihre Erinnerung, nagte in einer Ecke ihres Gehirns. Sie versuchte alles, es zu ignorieren. "Vielleicht vor 15, 20 Jahren. Vielleicht wenn ich dort gewesen wäre, als dieses ... dieses Ding in ihm sich zu entwickeln begann. Jemand hätte da sein müssen, als er eines morgens erwachte und herausfand, daß er wahrhaftig einzigartig war und allein! Jemand hätte da sein müssen, als sein langsamer Abstieg in die Isolation und den Haß begann. Niemand kann diese negativen Gefühle für immer aushalten, ohne daß sie die Persönlichkeit übernehmen. Als er erkannte, daß er nicht in der Gemeinde willkommen war, beschloß er, daß die Gemeinde bei ihm ebenfalls nicht länger willkommen war. Er begann, sich von ihr loszulösen, er begann, seine Andersartigkeit zu üben, um ein Meister des Unmöglichen zu werden. Er warf alle ethischen Überlegungen über Bord, denn die einzige Moral, die er kannte, war diejenige der anderen, die ihn zurückgewiesen hatten. Unfähig, sich physisch von der Siedlung loszulösen, hat er eine geistige Mauer errichtet, die so hoch war, daß kein Licht mehr zu ihm durchdringen konnte." Sie blickte auf, suchte erneut nach Beverlys Blick, flehte nach Verständnis, nach einer Lösung, die beweisen konnte, daß sie sich irrte. "In dieser Kammer eingeschlossen zu sein", sagte sie schließlich, "ist die logische Konsequenz seines Lebens! Er hat wenig mehr Verständnis für das Leben anderer als er es für das Leben einer Ameise hat."
"Natürlich liegt es außer jeder Frage, daß wir ihn nicht nach Khamar zurückbringen", entschied der Captain. "Wir müssen herausfinden, wieviel von dem, was die Kolonisten entschieden haben, auf Fakten beruht, und wieviel davon herrührt, daß sie ein Opferlamm gebraucht haben." Er tauschte einen beinahe entschuldigenden Blick mit seiner Counselor aus. "Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl als ihn zu fragen. In der Zwischenzeit müssen wir Starfleet von der Situation unterrichten. Wenn Counselor Troi der Meinung ist, daß es ihre Fähigkeiten übersteigt, dem Patient zu helfen und Dr. Crusher empfiehlt, daß es ihm besser ginge, wenn er isoliert wäre, dann ist es sicherlich das Weiseste ihn der Gerichtsbarkeit der Sternenflotte zu überantworten. Es liegt nicht mehr in unserer Hand, mehr Zeit in diese Aufgabe zu stecken."
"Im Interesse der Schiffssicherheit, Sir, schlage ich vor, daß wir ihn für den Rest der Reise in den Zustand von Bewußtlosigkeit versetzen", forderte Lt. Worf.
"Wir können ihn nicht in Kälteschlaf zurückversetzen", protestierte Beverly Crusher sofort. "Es würde ihn umbringen." Sie ließ es offen, ob sie im übertragenen Sinn gesprochen hatte oder nicht.
"Wäre es möglich, ihn einige Tage schlafen zu lassen ohne ihm Schaden zuzufügen?" fragte Captain Picard.
"Das ist natürlich möglich, ich ... ich bin mir nur nicht sicher, daß wir das bewerkstelligen können ohne Gewalt anzuwenden. Er hat wenig Grund, uns zu vertrauen, und ich wage zu behaupten, daß die Aussicht auf Bewußtlosigkeit nichts ist, das ihm zusagen wird."
"Können Sie nicht irgendeinen pseudomedizinischen Grund vorgeben?" schlug Commander Riker vor.
Beverly schenkte ihm ein Lächeln. "Haben Sie schon mal versucht, einen Gedankenleser anzulügen, Commander?"
"Ich werde mit ihm sprechen." Deanna hatte die Kante des Tischs gepackt, als wolle sie sich jederzeit von ihm fortstoßen. "Ich werde ihn nach seiner Rolle in diesem Unfall fragen, und ich werde ihm erklären, was wir entschieden haben." Sie blickte mit einem Lächeln auf, das ihre Unsicherheit nur ungenügend verbarg. "Ich habe ihm Hilfe versprochen. Ich schulde ihm die Wahrheit."
xxxxxxxx
Sie fühlte sich schäbig, sie fühlte sich falsch. Und sie fühlte sich ausgesprochen verängstigt. Die Erinnerung daran, was ein kurzer Augenblick der Wut ihn tun lassen konnte, hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Als der Türsummer ertönte, blickte sie sich eine irrationale Sekunde nach einem Versteck um.
Sie hatte darauf bestanden, daß er sie hier traf. In ihren Räumen, wo es wesentlich persönlicher war als in dem einfachen Quartier, in welchem er untergebracht war. Sie hatte gehofft, daß sie das entspannen würde, sie hatte ebenso darauf gehofft, daß es die Gegenwart der Sicherheitsoffiziere erträglicher machte. Im Augenblick wünschte sie sich, sie könnte mit ihnen den Platz tauschen. Vor der Tür erschien plötzlich ein viel begehrenswerterer Ort zu sein.
"Kommen Sie herein." Die Fröhlichkeit in ihrer Stimme überraschte sie selbst. Vielleicht konnte sie das hier doch durchstehen, ohne sich in ein zitterndes Wrack zu verwandeln.
Als sich die Tür öffnete und er eintrat, verschwand diese Hoffnung augenblicklich. Sie hatte bisher nicht viel Zeit damit zugebracht, seine äußere Erscheinung zu betrachten. Sie war stets damit beschäftigt gewesen, sich auf sein Bewußtsein zu konzentrieren und darauf, wie sie es blockieren konnte. Sie kannte jede Facette, jede Farbe der Emotionen, zu denen er fähig war, hatte Stunden damit verbracht, ihre eigenen Sinne zu schärfen, sich für den mentalen Kampf vorzubereiten, doch sie hatte schlicht und einfach vergessen, wie ausgesprochen gut er aussah. Über dunklen Hosen trug er ein gerade geschnittenes schwarzes Jacket, das bis zu seinen Knien reichte und sowohl seine schlanke Gestalt als auch seine bleiche Haut betonte. Mit dem undefinierbar hellen Haar aus dem Gesicht gekämmt, blieb nichts zurück, um den Blick von seinen unnatürlich großen Augen abzuwenden.
Sie standen in Flammen.
Bevor sie auch nur ein einziges Wort ausgetauscht hatten, konnte sie spüren, wie sie abermals begann, die Kontrolle zu verlieren. Mit Anstrengung schüttelte sie ihren Kopf und wandte ihm den Rücken zu. Diese Flucht verdeckte sie mit einer einladenden Geste, Platz zu nehmen.
"Es ist schön, daß Sie gekommen sind", sagte sie.
"Hatte ich eine Wahl?"
Ohne es zu wollen, wandte sie sich überrascht zu ihm um.
"Es war eine Einladung, kein Befehl. Wenn Sie nicht sprechen wollen ..." Ihre Stimme verstummte, als sie das vertraute Grinsen auf seinem Gesicht bemerkte. Fluchend wandte sie sich an den Replikator. "Wieder reingefallen, hmm?" murmelte sie.
Als seine Hand sanft gegen ihre Schulter strich, ließ sie beinahe das Glas fallen, welches sich gerade materialisiert hatte. Sie hatte nicht gehört, daß er sich bewegt hatte, sie hatte angenommen, er hätte Platz genommen. Jeden Muskel angespannt, stand sie vor dem Replikator, in beiden Händen ein Glas, unwillig sich zu einer Seite umzudrehen.
Mit einem leisen Lachen erlöste er sie von einem der Drinks.
"Mache ich Sie nervös?" fragte er, und die Unschuld, die er in seine Stimme legte, nahm ihr den Atem.
Sie wandte sich um, ihre Augen sprühten vor Ärger. "Nun, entschuldigen Sie mich. Aber das letzte Mal, als ich Sie sah, haben Sie versucht, einen Mann zu töten, und ich habe Sie noch nicht einmal fragen hören, wie es ihm geht."
Zu ihrer Erleichterung stand er nicht so nah wie sie es befürchtet hatte. Er sah sie in ehrlicher Überraschung an.
"Ich habe nicht versucht, ihn zu töten", bemerkte er ein wenig beleidigt. Er schien ehrlich verletzt von dieser Unterstellung. Ihr Ärger begann sich gerade aufzulösen, als seine Worte ihr Blut gefrieren ließen. "Wenn ich ihn hätte töten wollen, dann würde er jetzt nicht mehr leben."
Sie starrte ihn ungläubig an.
"Warum? Dieser Mann hat Ihnen überhaupt nichts getan ..."
"Und deswegen ist er auch noch am Leben."
"Ist das Ihre Art, mit Problemen umzugehen? Ist das die Art, wie sie mit Ihren Leuten umgesprungen sind?" Die Frage war über ihre Lippen, bevor sie sich dessen bewußt wurde. Sie trat einen Schritt zurück zum Replikator, aus Furcht, wie er reagieren würde. Nun, sie hatte ihn fragen wollen, deswegen war er hier. Jetzt war es geschehen. Vorsichtig stellte sie ihr Glas ab und wartete. Sie wollte ihre Hände frei haben, was auch immer nun passierte wenn sie auch nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie diese hätte einsetzen sollen.
Zu ihrer großen Überraschung lächelte er lediglich. Leise kichernd drehte er ihr den Rücken zu und ging hinüber zu der Sitzgelegenheit, die sie ihm anfangs angeboten hatte. Er stellte sein Glas auf dem kleinen Kaffeetisch ab und setzte sich, indem er ein Bein elegant über das andere legte. Mit einem Arm einladend über der Sessellehne, die andere Hand leicht an Kinn und Lippen, nur teilweise die Belustigung verbergend, schenkte er ihr eine verschwörerisches Lächeln.
"Ihren Leuten ist es also endlich gelungen, die Botschaft zu entschlüsseln", erkannte er.
Deanna versuchte angestrengt, sich nicht ihre Überraschung über seine fehlende Besorgnis anmerken zu lassen. Sie neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und sah ihn herausfordernd an.
"Das haben wir in der Tat. Sie enthält ein paar interessante ... Vorschläge."
"Die Sie hätten lesen sollen, bevor sie den Dämon erweckten." Er lachte erneut. Irgend etwas an dieser Situation amüsierte ihn. "Sie waren sich so sicher, daß sie gewonnen hatten. Als sie ihre netten kleinen Warnungen in dem Signal versteckt haben, waren sie sich so sicher, daß jeder, der den Ruf beantwortet, sie zuerst entdeckt. Und dementsprechend handelt. Sie haben nicht mit Ihnen gerechnet." Nun war er wieder ernst. Er machte eine kleine Geste mit seiner linken Hand zum anderen Sessel hinüber. Doch es war die Bitte in seinen Augen, der Blick zwischen Hoffnung und Sorge, der Deanna veranlaßte, das Angebot anzunehmen. Vorsichtig setzte sie sich in den anderen Sessel.
"Als Sie mich gerufen haben, haben Sie es geschafft, die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen", stellte sie fest.
"Sie waren sich so sicher, daß es jemanden wie mich nirgendwo mehr gab. So sicher, daß sie es beinahe geschafft haben, mich davon zu überzeugen." Die Einsamkeit seiner Worte traf sie, und der feine Eisschleier begann sich wieder auf ihren Geist zu senken.
"Doch sie hatten einen Grund, so vorsichtig zu sein", sagte sie sanft. "Sie glaubten es war Ihre Schuld. Ich denke, nach dem Unfall mit ihrem Anführer, war es eine seltsam logische Schlußfolgerung."
Für einen Augenblick kehrte Hoffnung in seine Augen zurück. Er war wie ein verlorenes Kind, das sich an ihre Worte klammerte. Doch dann traf er eine Entscheidung. Sie empfing die Veränderung, bevor ihr klar wurde, zu welcher Entscheidung er gekommen war.
"Dann glauben Sie also nicht, daß es meine Schuld war?" fragte er ruhig.
"Ich weiß es nicht. Ich frage mich selbst: Wie hat er all dieses Leiden verursachen können? In Fragen der Moral habe ich keine Antwort. In Fragen der Fähigkeit, jedoch, haben Sie uns eine recht gute Vorstellung von dem Wie gegeben."
"Hätten Sie nicht das selbe getan?"
Das war eine Frage, die sie ohne Zögern beantworten konnte.
"Nein! Ich hab es mir als Lebensaufgabe gestellt, Leiden zu mindern. Ich habe bisher noch keine Person getroffen, die nicht eine zweite Chance verdient hätte."
"Nicht einmal mich!" Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
"Besonders nicht Sie."
"Warum haben Sie mich dann aufgeben?"
Es lag keine Anklage in seiner Stimme, keine Forderung, nur eine einfache, traurige Aufzählung der Fakten. Es brach ihr beinahe das Herz.
"Wir müssen wissen, was passiert ist", sagte sie, teils, um zu vermeiden, ihm antworten zu müssen.
Er sah sie an, seine Augen weit geöffnet. Es gab keine Verstellung mehr, keine sprachlichen Spiele, als er sich leicht vorbeugte. "Warum fragen Sie mich dann nicht?"
Weil ich vor der Antwort Angst habe. Sie atmete tief durch und lächelte aufmunternd. "Nun, dann: Haben Sie die Kolonie ... zerstört? Haben Sie persönlich und bewußt den Tod dieser Siedler herbeigeführt?" Noch während sie die Frage formulierte, traf sie die Absurdität dieser Situation. Hier saß sie, nippte bequem an ihrem Drink, innerhalb der Reichweite eines Mannes, der fähig war, physischen Schmerz durch Wände hindurch zu verursachen, der es geschafft hatte, über Lichtjahre eine Botschaft an eine Person zu senden, von deren Existenz er nicht einmal wußte und sie hatte ihn eben beiläufig gefragt, ob er für ein Massaker verantwortlich war. Es war so absurd, daß sie beinahe seine Antwort überhörte.
"Wie bitte ...?"
"Ja, ich habe es", wiederholte er geduldig.
Es begann ihr langsam zu dämmern, daß sie auf diese Antwort nicht vorbereitet war.
"Dann ... müssen wir Sie ... der Sternenflotte ..." es war so lächerlich, daß sie den Satz nicht beenden konnte. Die vertrockneten Leichen, die sich von einer Seite der Halle zur anderen erstreckten. Sie war nicht einmal überrascht gewesen über deren Anblick. "Wie konnten Sie das tun?"
"Ich habe sie ihrem Schöpfer näher gebracht, ich habe ihnen damit vielleicht sogar einen Gefallen getan!" Er konnte ihrem Blick nicht standhalten und drehte den Kopf fort. Es war das erste Anzeichen für Verletzlichkeit und Reue, und sie liebte ihn dafür.
"Sie haben die passende Rache dafür gefunden. Eine Ewigkeit im Kälteschlaf ohne die Gnade der Bewußtlosigkeit. Sehr griechisch, finden Sie nicht?"
"Sie ... sie haben das mit Absicht getan?" Die Monstrosität der Geschehnisse war unbegreiflich für sie. Sie konnte nicht einmal beginnen, was für Gehirne in diesen Bahnen dachten auf beiden Seiten nicht.
Es gibt keine Grenze für die Grausamkeit der Menschheit.
Die Worte kamen langsam, ohne Überzeugung, als ob sie nur der Kanal war, durch den die Botschaft eines anderen übertragen wurde: "Wir halten ... es für das Beste .. wenn Sie schlafen ... bis wir die Raumstation erreichen ... Leute werden Ihnen dort helfen können ..."
"Die Leute, die Sie versprochen haben?" wieder machte es das Fehlen jeder Anklage nur noch schwerer, seine Worte entgegen zu nehmen.
Sie fühlte sich elend, als sie in sein trauriges Lächeln aufblickte.
"Sie haben recht. Es wäre die beste Lösung. Doch natürlich wird das nicht geschehen." Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, belustigt durch ihre Überraschung.
"Was meinen Sie damit ..."
"Ich meine, es wird nicht passieren, weil Sie es nicht zulassen werden, daß sie mir das antun!" Die Überzeugung, mit welcher er das sagte, verschlug ihr für einen Moment die Sprache.
"Ich habe keine große Wahl."
"Dann werden Sie die Regeln brechen."
"Warum sollte ich das?"
"Weil Sie mich mögen", antwortete er mit einem Zwinkern.
Sie atmete hörbar ein. Unfähig zu entscheiden, ob er es ernst meinte oder nicht, konnte sie schließlich seinem Grinsen nicht mehr widerstehen und begann selbst zu lächeln.
"Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?"
Er faßte ihre Hände so plötzlich, daß sie keine Chance hatte, sich zurückzuziehen. Ihre Handgelenke in sanftem doch bestimmtem Griff, antwortete er: "Ich bin das Beste, das Ihnen jemals passieren wird."
Sie starrte in seine Augen, es war so verführerisch, sich einfach gehen zu lassen und in die wartende Umarmung seines Geistes zu sinken, so gut, seine Berührung zu spüren. "Ist das eine Drohung", entgegnete sie, in dem Versuch, ein Selbstvertrauen vorzustellen, daß sie nicht mehr länger besaß. "Oder ein Versprechen!"
Daß seine Antwort aus einem Kuß bestand, war keine Überraschung. Was sie aber unvorbereitet traf, war die Sanftheit des Kusses. Seine Lippen waren weich und liebend, dennoch zitternd vor Unsicherheit. Als sie sich öffneten, suchten seine Augen ängstlich nach Zeichen der Zurückweisung in ihrem Gesicht. Er fand keine.
Schwer atmend traf ihr Blick den seinen, ihr Begehren beantwortete seine Ängste. Als sie den Kuß erwiderte, ließ er ihre Handgelenke los. Seine Finger folgten den Linien ihrer Wangen, vergruben sich in den dicken, weichen Locken ihres Haars, zogen sie näher, bis sie sich von ihren Sesseln erheben mußten, um den Abstand zu überwinden. Sie legte einen Arm um seine Schulter, den anderen auf seine Hüfte, preßte sich gegen ihn, bis alles, das sie fühlen konnte, die Wärme seines Körpers durch das leichte Material der Jacke war, das sanfte Heben und Senken seines Atems. Sie ließ sich in diesen Rhythmus fallen. Der erste Kontakt war zögerlich, ein scheues Klopfen gegen ihre mentalen Schilde. Sein Gesicht zog sich von ihrem zurück, lang genug, um die Ermunterung zu finden, die er benötigte. Als sein heißer Atem ihren Hals berührte, ließ sie den Kopf mit einem sanften Stöhnen zurücksinken und öffnete ihm ihren Geist. Fieberhaft entknöpfte sie sein Jacket, begierig darauf, seine nackte Haut zu berühren. Sie hoffte, daß seine eigene Hand den Kampf mit den Uniform-Verschlüssen gewann. Sein Verlangen füllte ihre Gedanken, spiegelte sie wider, wurde zurückgeworfen, endlos wie ein Bild in einem Bild in einem Bild bis in die Unendlichkeit. Das Gefühl war so unbeschreiblich. Jede Berührung war eine Berührung ihrer Haut so sehr wie seiner eigenen, jede Liebkosung ihre eigene, als sie tiefer in seine Seele sank. Anfangs unfähig, dann unwillig zu unterscheiden, wo seine Leidenschaft endete und die ihre begann. Sie wurden eins lange bevor ihre Körper sich vereinigten, sein Geist eine Vervollständigung ihres eigenen, sein Zorn durch ihr Verständnis geschwächt, ihre Liebe durch seine Bedürfnisse erhöht. Er schenkte ihr Feuer, wo sie unsicher gewesen war, sie gab ihm Frieden, wo er sich in Aufruhr befand. Als sie ihm ihren Körper auslieferte, öffnete er seinen Geist dem ihren; als er in sie eindrang, tauchte sie in die Tiefen seiner Gedanken, und was sie dort fand, überraschte sie. Im Herzen der Kälte und der Dunkelheit fand sie eine Liebe so offen, so rein und sie war gänzlich ihr eigen. Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf schrie eine Warnung, verlangte, daß sie aufhörte, sagte ihr, daß sie sich in allem geirrt hatte. Sie wollte ihm helfen, konnte ihm helfen. Sie mußte nur vertrauen und ihre Angst fahren lassen. Wie sie es jetzt tat. Die Bewegung ihrer Körper fand einen Rhythmus, den ihr beider Bewußtsein teilen konnte. Sie ergab sich vollständig dem Kind, das hinter dem Freak wartete.
xxxxxxxx
"Wie konnte ich nur so naiv sein." Sie ließ sich dankbar in den stützenden Arm sinken, den Beverly Crusher um ihre Schultern gelegt hatte, als sie zum Fenster hinausstarrte. Die Tür zur Brücke war offen und die aufgeregten Geräusche der Suche drangen zu ihnen herüber. Auch wenn sie nicht dort stehen und abwarten konnte, mußte sie wissen, was passierte.
"Er hat seine eigene Art, jemanden zu überzeugen. Das wissen wir alle."
"Natürlich, weil ich es euch gesagt habe. Und was mache ich? Ich laufe in die Falle mit weit geöffneten Augen ... Ich hätte ihn niemals in meine Räume lassen dürfen. Wer weiß, was er alles mit dem Zugangscode anstellen kann ..."
"Er hat das Schiff damit verlassen, soviel ist sicher."
Deanna versuchte, die Tränen zurückzukämpfen, die sie übermannen wollten. Es war schwer einzugestehen, doch mehr als alles andere hatte sie das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben. Er war ihr entglitten, als sie wußte, daß es einen Weg zu ihm gab. Sie hatte zugelassen, daß er die Sicherheitsoffiziere verletzte, obwohl es keinen Grund gab, jemanden leiden zu lassen. Sie hatte ihn in die Dunkelheit entfliehen lassen, als sie nur an Licht denken konnte. Es war gleichgültig, daß er sie reingelegt hatte, es zählte nicht, daß er sie in den Schlaf gewogen hatte, um zu entkommen. Es war eigentlich auch gleichgültig, daß er sich in den Besitz ihrer Sicherheitscodes gebracht hatte. Was zählte, war, daß er davon rannte, wenn es nichts mehr gab, vor dem er davonrennen mußte.
"Wir haben sein Signal" Lt. Worfs Stimme dröhnte in den Bereitschaftsraum. "Er ist im Computerzentrum auf Khamar."
"Was ist mit den Sicherheitsoffizieren, die wir dort stationiert haben?" wollte Captain Picard wissen. Es blieb einen Moment ruhig, bevor der Klingone erwiderte.
"Wir haben nur ein Lebenszeichen, das ist alles."
Deanna schloß ihre Augen als die Tränen kamen. Beverly drehte sie vorsichtig vom Fenster fort und nahm sie in ihre Arme.
"Niemand trägt die Schuld daran", versuchte sie die Freundin zu beruhigen. "Er hätte das jeder anderen Person zu jedem anderen Zeitpunkt antun können."
"Können wir ihn mit einem Transporterstrahl erfassen?"
"Sir, er trägt keinen Communicator, und so ist es unmöglich seinen Aufenthaltsort akkurat genug für den Transport zu bestimmen", erklärte Data ruhig.
"Mr. Worf. Wir brauchen ein Team, daß hinunter geht. Sie sollen bei Sicht betäuben. Wir können uns keine weiteren Verluste leisten."
"Aye, Sir."
"Ich hätte ihm helfen können", flüsterte Deanna. "Ich hätte diesen Offizieren helfen können. Verdammt, Beverly, es ist gleichgültig, ob mir jemand die Schuld gibt. Es war mein Job, diesen Leuten zu helfen, und ich habe es nicht getan."
Ein plötzlicher stechender Schmerz fuhr durch ihren Hinterkopf. Als er endete hinterließ er eine Leere.
Lange Zeit schien zu verstreichen, bevor sie Datas Stimme erneut von der Brücke hörten.
"Captain, wir erhalten nun kein Lebenszeichen mehr von Khamar."
"Er muß in die Kammer zurückgegangen sein. Informieren Sie das Außenteam."
"Das Team ruft uns."
Deannas Hand griff nach Beverlys Arm und ihre Finger gruben sich tief in die Uniform der Ärztin.
"Worf an Picard."
"Schießen Sie los, Mr. Worf."
"Sir, wir haben den Flüchtigen gefunden ..."
"Er ist tot", vervollständigte Deanna die Nachricht leise.
"Er scheint das Signal verwendet zu haben, um eine Nachricht zur Enterprise zu senden", fuhr die Stimme des Klingonen fort.
"Eine Nachricht? An wen ist sie gerichtet?"
"Es scheint sich um den persönlichen Computer von Counselor Troi zu handeln, Sir."
xxxxxxxxxx
Sie hatte geduscht. Sie hatte etwas Leichtes zu Abend gegessen. Sie war in bequeme Kleidung geschlüpft. Sie hatte sogar ihren Terminkalender für den nächsten Tag überprüft. Nun gab es nichts mehr außer sich dem Computer zuzuwenden.
Mit zitternden Fingern öffnete sie die Datei. Die Worte leuchteten ihr entgegen: Sie haben eine neue Nachricht.
Sie starrte so lange darauf, bis sie sich in flimmernde Flecken verwandelten.
Schließlich leerte sie ihren Geist von all den kleinen täglichen Sorgen. Da war eine Leere, wo er gewesen war. Für einen Augenblick vollständig zu sein, ließ sie nun mit der schmerzhaften Erkenntnis der Unvollständigkeit ohne ihn zurück. Der Verlust war real, er war physisch, und es gab nichts, womit sie ihn füllen konnte. Nichts außer ein paar Worten auf einem Computerschirm.
Sie berührte den Sensor, der die Nachricht aufrufen würden, und begann zu lesen:
Ich denke, ich habe eine Lösung für das Problem gefunden. Du hattest recht, die Dunkelheit ist die logische Konsequenz meiner Existenz. Dieses Mal habe ich vor zu schlafen. Sie sagen, daß wir aus der Asche toter Sterne erschaffen werden, und wenn wir sterben werden wir zu den Sternen zurückkehren und ein Universum erschaffen. Kannst Du Dir eine bessere Art zu gehen vorstellen? Sieh dich nach dem Universum um, daß ich kreieren werde, Deanna, so wie ich nach deinem suchen werde. Mit dem Licht, das du mir gegeben hast, werde ich den Rest überstrahlen. Schlaf gut, meine Geliebte. Die bösen Träume können dich nicht mehr länger verletzen noch mich.
Sie erinnerte sich nicht daran, wie lange sie den Schirm angestarrt hatte, aber als sie aufstand und zum Fenster hinüber ging, schmerzten ihre Augen und ihre Muskeln fühlten sich steif an. Sie starrte in den Raum hinaus, unterbewußt hielt sie nach einer Veränderung in der Sternenkonstellation Ausschau.
Ein Teil von ihr würde niemals wieder aufhören, die Sterne zu betrachten, wartend.
So wie ein Teil von ihr für immer Angst vor der Dunkelheit haben würde und vor den unkontrollierbaren Mächten, die unseren Schlaf heimsuchen.
Sie hatte geglaubt, nach ihrem besten Wissen zu handeln.
Manchmal ist unser bestes Wissen nicht mehr als eine schlecht kaschierte Ausflucht vor der Verantwortung dafür, daß wir die Glücklichen sind.
****
Ende