Leserbriefe

Stuttgarter Zeitung vom 11. Juni 1999

zu:Radlergruppe von Polizei gestoppt, 29. Mai 1999

Verkehrte Welt

Daß Stuttgart eine Stadt ist, die insgeheim dem Ideal der autogerechten Stadt nachhängt, ist wohl hinlänglich bekannt. Diese Politik der Autofreundlich - und damit Menschenfeindlichkeit treibt nun aber merkwürdige Stilblüten: Eine völlig friedliche Gruppe von Radfahrern, die sich zu einer Radtour durch die Innenstadt trifft, sich gemäß der Straßenverkehrsordnung verhält und damit den Verkehr nicht mehr behindert als jeder andere (motorisierte) Verkehrsteilnehmer auch, wird von einem unverhältnismäßig großen Aufgebot an Polizei eingekesselt und ihre Räder werden beschlagnahmt.

Dieses Vorgehen ist absolut unverständlich und eine Huldigung an egoistische Autofahrer, diemit Lärm und Abgasen ihre Mitmenschen belästigen und Fußgänger und Radfahrer gefährden. Eine Masse von Zehntausenden von Autofahrern, die alltäglich auf unseren Straßen unterwegs ist, soll vor 60 Radlern geschützt werden! Dies ist auch deshalb unfaßbar, da beispielsweise bei einer Fußball-WM allabendliche Autokorsos geduldet wurden, die nicht nur den Verkehr behinderten, sondern ihn über viele Stunden hinweg völlig lahmgelegt haben.

Christine Schmid, Heumaden

Festgehalten

Der beschriebene Polizeieinsatz hat sich für mich ganz anders dargestellt. Ich hatte mit mehreren Bekannten gerade ein Café in der Innenstadt verlassen und war per Rad auf dem Heimweg, als ich von einer Motoradstreife zum Verlassen der Straße aufgefordert wurde. Auf dem Bürgersteig stand bereits eine ganze Gruppe von Radlern. Wir wurden von schlagstockbewaffneten Polizisten umringt, für 90 (!) Minuten festgehalten, unsere Fahrräder beschlagnahmt.

Dieses Verhalten der Polizei, die ich ja immerhin mit meinen Steuern finanziere, ist doch sehr bemerkenswert. Als einzige Begründung für diese Maßnahme war zu erfahren, daß ich auf einer Bundesstraße gefahren bin, kein Polizist wußte, daß das völlig legal ist! Ich kam mir wie ein Verbrecher vor. Die Fahrradgruppe klärte mich auf, daß auch sie eine Fahrradtour in der Stadt unternommen hatte. Auch wenn es dabei zu einem Verstoß gegen die Verkehrsregeln gekommen sein mag, vermutet man ein solches Auftreten der Polizei nicht eher in anderen Staaten? Mit dem Auto ist mir so etwas noch nie passiert.

Werner Hobbing , Stuttgart-Süd

Stuttgarter Zeitung vom 21. Juni 1999

zu: Auf zwei Rädern durch die Stuttgarter Hügellandschaft, 16. Juni 1999

(Dieser Artikel berichtete über die neue Arbeit, die anläßlich des Kirchentages 300 Fahrräder instandgesetzt hat und diese an Kirchentagsteilnehmer vermietet, die so rasch und ohne Stau etc. an die verschiedenen Veranstaltungsorte gelangen können. Fahrrad fahren in der Stadt wurde hier von allen Seiten für gut befunden.)

Eine nachahmenswerte Aktion der neuen Arbeit, die aber wohl die Kirchentagsteilnehmer erheblichen Gefahren aussetzt, sollten sie sich zu Gruppen zusammenschließen. War nicht erst am 29. Mai zu lesen, daß viele Stuttgarter Autofahrer gar kein Verständnis für radfahrende Gruppen aufbringen können? Erst mit stark überzogenem Polizeieinsatz konnte das zweifelhafte Recht der Autofahrer auf selbstverursachten Verkehrsstau durchgesetzt werden. Wenn schon bei 30 Radlern angeblich der Autoverkehr, die Straßenverkehrsordnung und der Rechtsstaat zusammenbrechen (solche Reaktionen gab es an diesem Tag weltweit nur in Stuttgart!) was muß erst bei 300 Radlern während des Kirchentages befürchtet werden?

Kommt Zeit, kommt Rad. Ich wünsche mir noch mehr Aktionen wie diese. Aber ich begrüße auch die sogenannte Critical Mass, die anscheinend notwendig ist, um manchen Scheinheiligen den Spiegel vorzuhalten.

Ulrich Völker, Münster 1