Moskau Marathon 2000

Moskau-Marathon ---- Analyse ---- Streckenplan

Die Teilnahme am Moskau-Marathon 2000 ergab sich für mich aus einer Reihe von Zufällen.
Der erste davon war eine Projektverzögerung, da der der Factory Acceptance Test für die vom MSC (Moscower Software Center) erstellte Software um 6 Wochen im beiderseitigem Interesse verschoben wurde.
Der zweite war meine Teilnahme an dem Ende dieses Testes, die ich eigentlich gar nicht vor hatte und alle anderen verhindert waren.
Der dritte war das zufällige hineinsehen ins Internet in Moskau, wodurch ich den Zeitpunkt für den Marathon entdeckte.

Den ersten Hinweis auf den Moskau-Marathon bekam ich durch Artur von der Dominkanischen Republick über lauftreff.de, der mal eine Informationen im März 2000 über Marathons in Russland suchte.
Irgendwie hatte ich damals wohl schon die ungefähre Zeit September im Unterbewusstsein abgespeichert.
Als ich nach Moskau kam (6.9.) hatte ich meine Trainingsplanung noch voll auf den HM in meinem Wohnort Bruchköbel abgestimmt, wo ich eigentlich eine neue Bestzeit laufen wollte. Also bin ich am 6.9. die letzten harten im ZSKA-Stadium Intervalle gelaufen. Im Volumen allerdings reduziert, da ich vom Samstag noch den Jungfrau-Marathon und vom Sonntag den Brienzerseelauf in den Muskeln hatte.
Am Donnerstag (7.9.) hatte ich zwischen einzelnen Projektbesprechungen mal Zeit ins Internet zu sehen, was ich schon über eine Woche nicht mehr gemacht hatte. Als ich sah, wie viele da in Berlin laufen wollten, ist mir irgendwie der Moskau-Marathon eingefallen. Die Homepage über HotBot zu finden war nicht schwer. Als mir dann plötzlich das Datum für den Moskau-Marathon entgegenblinkte, schoss mir das Blut in den Kopf, da ich aufgeregt zu rechnen anfing. 11Uhr Start + 3:30 Laufzeit + Umziehen + Transportzeit zum Flughafen = nicht zu schaffen bis 14:30.
Aber es war eigentlich für mich schon klar, wenn ich schon hier bin, dann will ich diesen Marathon auch mitnehmen. Meine Kollegen rieten mir ebenfalls dazu. Also rief ich bei uns im Sekreteriat in Frankfurt an, wie es denn mit einem Umbuchen für eine spätere Zeit bestellt wäre. Die Anwort kam kurze Zeit später: kein Problem, um 19:10 geht noch eine Maschine. Daraufhin rief ich in Moskau bei der Marathon-Hotline an und fragte, ob ich mich noch anmelden könnte - was mir bejaht wurde, wenn ich 25$, meinen Reisepass mitbringen und das Anmeldeformular ausfüllen würde. Also wurde der Flug umgebucht.
Am Freitag bin ich nochmals früh morgens um 6:30 in einem Park nahe dem Art-Hotel zum "Auslaufen" gewesen. Dabei habe ich festgestellt, dass die Moskauer Hunde ein gerade zu stoisches Verhältnis gegenüber Joggern habe. Gerade mal ein Bobtail hob seinen Kopf, oder wars sein Hinterteil und sah mich etwas neugieriger an. Alle anderen Hunderassen von Zwergmischung bis Dobermann ignorierten mich mit einer gerade zu verletzenden Arroganz.
Um 10 Uhr fuhr ich dann mit der Metro zum Zentrum, da die Anmeldung gegenüber vom Hotel Rossia sein sollte. Dieses Hotel kann man nicht übersehen, da es ein rechteckiger Kastem mit ca. 5000 Hotelbetten ist und einen 21 stöckigen Turm hat. Also habe ich angefangen dieses Gebäude langsam zu umrunden in der Hoffnung riesige Plakate zu entdecken, die mir den Weg zur Anmeldung weisen würden. Nichts war da, jede Zigarettenklame war besser zu sehen. Nachdem ich den Kasten bereits einmal umrundet hatte, sind mir einige "Einheimische" in sportlicher Tracht (Sportschuhe, Sporthosen, Sporttaschen) aufgefallen. Also bin ich denen gefolgt, die mich dann auch direkt zur Anmeldung unterhalb des Rossia an der Strasse zur Moskwa lotsten.
Endlich hatte ich eine offene Eingangstür gefunden und bin nicht schlecht erschrocken, als ich mich am Ende einer ca. 200köpfigen Schlange befand. Geduldig ergab ich mich meinem Schicksal, als ich einen Tisch sah, wo man Anmeldeformulare abholen konnte. Vorsichtig näherte ich mich, als mir ein netter Wortschwall entgegenflatterte. Ich erklärte auf englisch, dass mein Russisch dem untersten Level = nichts entspräche. Das schien die Dame wiederum aufs höchste zu erfreuen, denn sie nahm mich ans "Händchen" und führte mich an der ganzen Schlange vorbei zu einem separaten Anmeldetisch für Ausländer.
Dort empfing mich ein sehr gut englischsprechender junger Mann, gab mir die Formulare auf denen ich mich verewigen konnte und als Tausch für die 25$ bekam ich dann einen schwarzen Championchip (ohne Leihgebühr), das Finisher-T-Shirt :-))) und noch ein paar nette Erinnerungsstücke (Wimpel, Button, Streckenplan, Poster) mehr.
Am Abend war eine Projektfeier zur Beendigung der erfolgreich durchgeführten 1.Testphase vorgesehen. In einem Georgischen Lokal mit entsprechender Musik durfte ich in netter Gesellschaft den Abend bei Wasser, Saft und Wodka bis ca. 2Uhr nachts geniessen. Die Kombination Wasser, Saft und Wodka ist übrigens sehr bekömmlich. Denn ohne Kopfschmerzen und nur etwas müde habe ich mich dann am Samstag zum Frühstück aufgerafft, um meine deutschen Kunden noch zu verabschieden.
Den Samstag verbrachte ich mit einem weiteren deutschen Kollegen mit ausgesuchten Touristenzielen. Unser erstes Ziel war ein riesiger illegaler CD Markt, auf dem man die neuste Musik, die neuste Software und Games zu für uns sehr erschwinglichen Preisen erstehen konnte. Eine normale CD Supernatural von Santana 6DM. Der neuste Flight-Simulator von Microsoft für 10DM. Nachdem wir uns etwas mit Musik eingedeckt haben, sind wir in die Arbat-Strasse einer mehr für Touristen eingerichteten Fussgängerzone gefahren, die uns bis auf pflastermüde werdenenden Füsse keine neuen Erkenntnisse gebracht hat.
Der Tag ging dann mit einem obligatorischem Nudelgericht und dem Kofferpacken zu Ende.
Am nächsten Morgen bin ich gegen 7Uhr aufgestanden und habe nach einem kleinen Frühstück, meine Nachdemmarathon-Umziehsachen in den von meinem Kollegen entliehenen Rucksack eingepackt. Zum Laufen habe ich T-Shirt und lange Hosen gewählt, da mir die Temperatur von 12 C am Morgen durch den bedeckten Himmel und der Wind ganz schön kühl vorkam. Gegen 9:30 haben wir uns in Richtung Metro begeben, nachdem wir das Hotel bezahlt und unsere Koffer untergestellt hatten.
Das Fahren mit der Metro in Moskau macht wirklich Spass. Alle 1:30 Minuten kommt eine ca. 100m lange Bahn öffnet die Türen und nach 15sek. geht's wieder weiter. Für uns beträgt der Fahrpreis ca. 30Pfennige. Dafür kann man soviel umsteigen wie man will, solange man die Metro nicht verlässt. Da es in Moskau auch einen inneren Ring gibt, sieht man im Winter Personen (ohne Unterkunft), die sich in der Nacht in diese Ringbahn legen und bis zum nächsten Morgen im Warmen durchfahren.
Dann fing das Suchen wieder an. Der Weg über den roten Platz war abgesperrt. Über einen Umweg gelangte ich wieder zum Anmeldegebäude, wo auch die Rucksäcke und Sporttaschen abgegeben werden konnten. Man durfte sein Gepäckstück selber plazieren, um es nach dem Rennen wieder zu finden.
Mit dieser Suche und noch ein paar Fotos, (Bild01: zwischen Start und Kreml)
die mein Kollege (der übrigens um 13Uhr dann zum Flughafen entfleuchte) machte, verging die Zeit bis zum Start um 11Uhr ganz schnell. Die Läufer wurden hinter Schildern "10km" und "Marathon" in einem kleinen Aufmarsch von ca. 500m vom Hotel Rossia an den Start geführt. Viele der Läufer hatten einen Luftballon in der Hand, der mit dem Startschuss losgelassen wurde. Manche haben ihn aber auch bis zum Ziel durchgetragen. (Bild02: Start unterhalb des Kremls)
Den Marathon wollte ich eher locker in ca. 3:30 durchlaufen. Aber der erste Schreck durchfuhr mich, als ich überhaupt keine Kilometermarkierungen entdecken konnte. (Bild03: zurück zum Start)
Also bin ich stur nach Puls gelaufen. Die ersten km so um die 155, was etwas mehr als 75%Hfmax bei mir entspricht. (Bild04: bei km 3 den roten Platz vor Augen) Da die 10km Läufer gleichzeitig mit uns gestartet sind, waren eine Reihe von Kindern unterwegs. (Bild05: Gross und Klein) Da habe ich nicht schlecht gestaunt als mir die 8-12jährigen ganz locker zwischen den Beinen rumgerannt sind. Mit der Zeit wurde ich immer unsicherer, da selbst bei 5km kein Entfernungsschild zu entdecken war. Anhand des Verpflegungstandes konnte ich aber ungefähr abschätzen, wo ich lag.
Übrigens Verpflegung gab's etwa alle 5km: Wasser und warmer Tee und im zweiten Teil dann auch Brot. Ab km 10 trank ich dann wie schon im Jungfrau-Marathon an jedem Stand ca. 0,5Liter 2Becher Wasser + 3Becher Tee. Kann ich inzwischen in windeseile, obwohl mein T-Shirt dann entsprechend aussieht. Zum Essen hatte ich drei Isostar-Rigel mit, von denen ich zwei unterwegs verspeiste. Nur die wenigsten Läufer in meinem Zeitbereich nahmen sich richtig Zeit zum Trinken, so dass mein "Abfüllen" sehr schnell ablief.
Beim 10.km war dann endlich eine Anzeige und ich war schneller als ich wollte so in 46:00 Minuten durchgelaufen. Ab diesem km lichteten sich die Läuferreihen merklich, da die 10km-Läufer (Sieger in 29:30) nicht mehr dabei waren. Daraufhin habe ich mich entweder an eine Gruppe dran gehangen oder habe ab km 15 selber Zugführer gespielt. (Bild06: ungefähr so)
Die Strecke, wie man auf dem Plan erkennen kann war sehr langweilig. Es ging nach der Anfangsschleife auf eine Strasse, die 4*hoch und runter gelaufen werden musste.
Der Wind kam von Westen, so dass bei bestimmten Abschnitten im Rennen die Zeit langsamer und auf der Rücktour wieder schneller wurden. Daher war ich über die langen Hosen ganz froh, da der Wind trotz steigender Temperaturen und ab 13:30 Sonne pur den Körper schön runter kühlte.
Ab km 15 wurde mir irgendwie klar, dass ich den Marathon gleichmässig durchlaufen wollte, da er einfach zu langweilig war und nur wenige Zuschauer vorhanden waren. Die Organisatoren hatten sich sehr viel Mühe gegeben und einige Cheerleader-Gruppen an den Wegrand aufgestellt, die unermüdlich die Läufer anfeuerten. So habe ich dann auch angefangen einen Läufer nach dem anderen einzuholen, da viele zu schnell am Anfang waren und dann ihr Tempo nicht mehr halten konnten.
Entfernungsangaben gab es bei 10, 20, 25, 35, 40 und das Ziel natürlich, was eine stetige Geschwindigkeitskontrolle ziemlich schwierig machte. Aber wie gesagt auf meinen Puls kann ich mich gut verlassen und bei etwas ansteigendem Puls bis so ca. 162 konnte ich meine Geschwindigkeit durchlaufen und müsste eine netto Zeit um 3:15 erreicht haben.
Unterwgs habe ich noch einen ca.60-65 jährigen Läufer getroffen, der aus Sibirien angereist war. 10000km bis Moskau, da kam ich ja fast aus der Nachbarschaft. Ausserdem habe ich zum ersten mal gesehen, dass ein Hund (dt. Schäferhund) sogar mit offizieller Startnummer an so einem Lauf teilgenommen hat und brav an der Seite seines Herrchens neben her lief.
Im Ziel hat man noch eine Medaille, Getränke, Plastikregen- bzw. windmantel erhalten. Als ich mich gerade in Richtung Umkleide bewegen wollte, sprach mich ein junger Mann für einen Bericht an, den man in seiner Originalsprache abgeben sollte, der dann von irgendeinem Radiosender ausgestrahlt werden soll. Ich habe ihm den Gefallen getan und mich somit bei den Marathonläufern in Deutschland aus Moskau gemeldet.
Der Rest ist schnell erzählt. Nach Abgabe eines Coupon durfte ich meinen Rucksack wieder suchen, habe mich im gleichen Saal, wie die anderen auch umgezogen. Bin dann wieder zur Metro und dann das letzte Stück zum Hotel gewatschelt. Inzwischen wurde ich doch etwas müde. Im Hotel habe ich gerade noch die Start-Crashscene aus Monza miterlebt und bin dann anschliessend zum Aeroport gefahren worden. Wo ich mich bis nach Hause ständig von einem Sitz zum nächsten weiter bewegte. Gegen 22Uhr Deutschlandzeit war ich dann endlich wieder zu Hause.

Ich hoffe, dass dies nicht die erste und letzte ungeplante Teilnahme an einem offiziellen Marathon für mich gewesen ist.

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