HM Bruchköbel 2000

Analyse

Auch im Jahre 2000 habe ich frühzeitig diesen Lauf in meinen Terminkalender aufgenommen. Immerhin bin ich jetzt schon zum 3. mal seit 1997 dort gelaufen.
Nachdem Hamburg-Marathon sollte dies eigentlich nach der Regenerationzeit und dem Sommertraining ein sehr schneller Lauf mit neuer Bestzeit über diese Strecke werden. Ausserdem wollte ich in meiner Altersklasse unter die ersten 3 und in der Gesamtwertung unter die ersten 10 kommen.
Mein Training war auch daraufhin abgestimmt. Trotz der drei Infektionen im Sommer war ich inzwischen soweit, dass ich schnellere Trainingszeiten als vor Hamburg verzeichnen konnte.
Doch die zwei Wochen davor (Jungfrau-Marathon/ Brienzerseelauf und Moskau-Marathon) und anderen "Trainingsläufen" mit über 150km innerhalb von 8 Tagen liessen meine Körper doch müde werden. So bin ich in den letzten 5 Tagen vor dem 16. zweimal zum gemütlichen Auslaufen gegangen und hatte keine Ahnung wie ich den HM. angehen sollte.
Nach dem schönen Wetter wurden für Samstag ein bedeckter Himmel und Schauer angesagt. In der Nacht zum Samstag hat es dann auch richtig gestürmt und geschüttet und ich überlegte schon, ob da überhaupt jemand laufen würde. Doch während des vormittags klärte es sich ein wenig auf und wurde trocken.
Schon eine Stunde vor dem Start um 15:15 Uhr hatte ich mich nach Bruchköbel begeben, um in Ruhe einlaufen zu können. Das Einlaufen war dann auch eher ein Eintraben. Bei einigen Steigerungsläufen habe ich gedacht, dass ich irgendwo vergessen hatte einige Zusatzgewichte von meinen Beinen zu entfernen.
Deswegen überlegte ich mir einfach hinter jemand hinterherzulaufen, dessen ungefähre Endzeit ich kenne und die so im Bereich von 1:30 laufen würden. Einfach solange dran bleiben, wie die Beine das mitmachen würden.
Guna, meine Frau, war inzwischen auch gekommen, um ein paar Fotos zu machen. (Bild01: Am Start)

Zum Glück entdeckte ich dann einen Läufer meiner Altersgruppe vom SCC Rodenbach, der einen HM locker in 1:25 laufen konnte und in unserer Gegend sehr bekannt ist. Da solch erfahrenen Läufer immer sehr vernünftig angehen, bin ich schon am Start seitlich neben ihm in "Stellung gegangen". Pünktlich mit dem Startschuss liess Petrus den Himmel öffnen und leichten Nieselregen auf uns herabkommen bei einer ansonsten sehr angenehmen Temperatur von ca. 15 C.
Der Rodenbacher lief dann auch "locker" an, gefolgt von zwei Club-Kollegen und mir. Die unterhielten sich noch lockerer, während ich dabei war meine Atmung auf die Geschwindigkeit einzustellen und froh war nicht gefragt zu werden, warum ich so anhänglich wurde. Die erste Km-Anzeige habe ich mal wieder übersehen, aber mein Puls der sehr schnell zwischenzeitlich von 150 nach 5 Minuten auf 165 gestiegen war, signalisierte mir, dass mein Tempomacher für meine Verhältnisse sehr schnell unterwegs war.
Die Anzeige 2.km sah ich schon von weitem und meine Durchgangszeit betrug 8:08min. Zwar konnte ich jetzt noch diesem Tempo gut folgen, aber die Vernunft sagte mir, dass ich dies bestimmt nicht durchhalten würde. Also liess ich den Rodenbacher langsam ziehen, was seine Club-Kollegen ebenso machten und sogar hinter mir zurückblieben.
Kurz darauf entdechte ich einen Nachbarn vor mir, der die 10km lief, und den ich bei km 4 einholte. Da er bei diesem Tempo ca. 4:10 min/km eine neue Bestzeit laufen würde, habe ich ihn "mitgezogen" und er mich praktisch gedrückt, weil ich dieses Tempo halten wollte. Während des 5.en km öffneten sich dann ganz gewaltig die Luken über uns, so dass wir zur Wasseraufnahme nur noch den Mund zu öffnen brauchten. Zum Glück war es aber ein lauwarmer Schauer. In dieser Konstellation liefen wir bis km 9 zusammen, dann musste er leider schon Richtung Ziel abbiegen.
Etwa 200m vor mir war dann der nächste Läufer zu sehen. Der wollte jedoch nicht langsamer werden, aber ich hatte dadurch einen Fixpunkt vor mir, an dem ich mich orientieren konnte. Mein Puls schwankte zwischen 168-172, also knapp unter 90% Hfmax(172)Rate. Ich merkte zwar meine Beine, aber richtig beissen musste ich nicht. Das alleine laufen, zehrte jedoch gewaltig an der inneren Überzeugungsarbeit das Tempo zu halten. Bis km 15 schwankten meine Durchgangszeiten von 4:12-4:16 min/km. Damit war ich selbst bei diesen Bedingungen noch im Bereich, um an meine Bestzeit heranzukommen.
Aber ab km 16 habe ich jedoch im Kopf etwas heruntergeschaltet, da sich der Abstand zu meinem Vordermann kaum veränderte und ich nicht wirklich denn Drang hatte bis zum Umfallen zu laufen. So pendelten sich meine km-Zeiten um 4:20 min/km ein. Bei km 20 hatte ich dann das Gefühl, dass von hinten jemand herangelaufen kommt. Ich drehte mich nicht um, aber erhöhte nochmals die Geschwindigkeit und mein Puls ging locker auf 175. Ca. 50m vor dem Ziel zog dann einer der Club-Kollegen mit einem richtigen Spurt an mir vorbei und kam (wie es sich später herausstellte) als 8. ins Ziel und belegte bei M40 den 3.Platz.
Dabei hat er mich auf den letzten km auf eine km-Zeit von 4:07 hochgeputscht und mich zu einer Gesamtzeit von 1:29:26 getrieben. (Bild02: Zieleinlauf)
17 Sekunden über Bestzeit. Schade, dass er nicht 2 km früher an mir dran war. Aber zwei Ziele hatte ich erreicht. 2. bei M50 und 9. in der Gesamtwertung. Ausserdem habe ich auch noch meinen ersten Pokal in meiner zweiten Läuferkarriere gewonnen. (Bild03: Pokal/Urkunde/Präsent) Bruchköbel ist eben eine generöse Stadt.

Nach diesen für mich 14 aufregenden Tagen lege ich jetzt eine ca. 6wöchige-Regenerationsphase ein, um mich dann auf mein nächstes Laufabenteuer im April 2001 gründlich vorzubereiten.

Die rote Linie im unten angefügten Diagramm gibt den Verlauf meines Pulses und die blaue Linie die Durchschnittsgeschwindigkeit min/km pro gelaufenen km wieder.

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