Mäuschen
verdankte ihr Leben der Freundlichkeit eines Landtierarztes, der sie -eine
gesunde Katze- nicht töten wollte, bloß, weil sie "über"
war.
Mäusi wohnte auf dem Dorf, zusammen mit
ihrem Frauchen. Irgendwann konnte das Frauchen nicht mehr allein leben
und kam in ein Pflegeheim. Der Sohn, der von Süddeutschland in einem
großem Mercedes anreiste, wollte zwar gerne das Haus übernehmen,
nicht aber die Katze.
Er wählte die einfache Lösung: das
Tier sollte getötet werden. Einmal schon fing er sie ein und brachte
sie zum Tierarzt, aber direkt vor der Praxis brach Mäusi aus dem Korb
aus und floh. Alles weitere war ihm wohl zu zeitaufwendig, er beauftragte
den Nachbarn, die Katze wieder einzufangen und zum Tierarzt zu bringen.
Was der auch tat.
Da saß sie nun beim Tierarzt auf dem Tisch,
zitternd vor Angst, stocksteif wie ein Plüschtier. Und er tötete
sie nicht.
Stattdessen legte er sie in Narkose, rasierte
ihr Fell, weil sie Hautprobleme hatte und rief den Tierschutzverein an.
Ich kam, um die Katze ins Tierheim zu holen.
Sie saß im Transportkorb, schon wieder
wach. Am ganzen Körper rasiert und frierend; ein Leckauge. Sie sah
äußerst unglücklich und grimmig aus. Sie sei leider zickig,
außer ihrem Frauchen hatte keiner das Tier je streicheln können,
ansonsten aber, obwohl nicht mehr die jüngste und etwa zehn Jahre
alt, topfit. Den Namen wußte er nicht.
Auf dem Weg zum Tierheim machte ich zu Hause Station.
Der Sommer war vorbei und es wurde schon kühl. Der Tag ging zu Ende.
Aus keinem besonderen Grund nahm ich die Katze
mit ins Haus, ich glaube, sie tat mir leid, weil ich dachte, sie würde
nun im Tierheim frieren müssen. Im Wohnzimmer stellte ich den Korb
auf den Boden und öffnete die Tür. Die Katze kam ohne weitere
Umstände und ohne besondere Eile heraus. Als sie drei Schritte weg
war, sagte ich "na Mäuschen, ist das okay hier?". Und sie drehte sich
um, kam zu mir, schnurrte und gab Köpfchen. Das war ihr Einzug und
ihre Taufe.
Wir mußten Mäusi erst zeigen, daß
es okay war, wenn sie aufs Sofa kam. Das wir gerne mit ihr schmusten. Das
sie nun ein geliebtes und respektiertes Familienmitglied war. Sie mußte
lernen, daß ihr beim Tierarzt nichts Schlimmes passieren würde,
daß wir auch dort bei ihr blieben und sie in den Arm nahmen.
Sowie sie all dies begriffen hatte, ließ
sie sich nie wieder von irgendjemandem irgendetwas gefallen, was ihr nicht
paßte.
Sie war unsere grimmig guckende Königin,
unsere häßliche Primadonna.
Drei Jahre später, eines späten Abends,
als ich gerade telefonierte, wachte sie auf, sprang von dem Sessel herunter
und versuchte zu gehen. Sie fiel immer wieder um. Sie machte keinerlei
Schmerzgeräusche und maunzte auch nicht. Es war kein Fieber festzustellen.
Nachdem ich das eine halbe Stunde oder so beobachtet
hatte, ohne das eine Änderung eintrat, rief ich nachts um 0.30 Uhr
die Tierklinik an. Die diensthabende Tierärztin nahm die Sache nicht
ernst und meinte nur, wenn das Tier keine Schmerzen hätte, solle ich
ruhig bis zum Morgen warten und dann während der Sprechstunde anrufen.
Am nächsten Tag fuhr ich mit Mäusi
hin. Der nun anwesende Chef brauchte keine Minute, um eine Diagnose zu
stellen: Schlaganfall. Welcher immernoch anhielt, was leicht an den hin
und her zuckenden Augen zu erkennen sei.
Mäusi bekam eine Spritze und wurde an den
Tropf gelegt. Ich wurde dahingehend vorgewarnt, daß jede Minute,
die der Blutpfropfen weiter die Blutzufuhr im Gehirn unterbreche, das Gehirn
weiter geschädigt werde.
An drei aufeinanderfolgenden Tagen bekam Mäusi
die gleiche Behandlung. Ohne wirklich erkennbare Änderung.
Mäusi war nun schwerstbehindert. Sie konnte
nicht mehr laufen, nur manchmal tat sie ein paar Schritte. Sie saß
einfach nur da, mit wackelndem Kopf und betrachtete staunend ihre Umwelt.
Sie war wieder zu einem drei Wochen alten Kätzchen geworden. Ebenso
unfähig, richtig zu fressen oder auf die Toilette zu gehen.
Und ich wollte sie noch nicht einschläfern
lassen, ich wollte noch nicht aufgeben.
Also legte ich sie jeden Morgen -es war Spätsommer-
auf eine kuschelige Decke unter einen kleinen Baum in den Halbschatten.
Ich fütterte sie, putzte ihr den Po, machte gymnastische Übungen
mit ihr, streichelte sie und redete mit ihr.
Die anderen Katzen ließen sie in Ruhe und
taten ihr nichts.
Nach zwei Wochen kam ich eines morgens ins Zimmer
und fand sie im Sterben liegend vor.
Ich rief sofort die Tierärztin an und bat
sie, zu kommen. Mäusi brauchte keine Angst in einer kalten Praxis
bei klappernen Instrumenten zu haben.
Ein letztesmal nahm ich mein Mäuschen mit
nach draußen in den Garten und setzte mich unter den kleinen Baum
auf die Bank. Die Tierärztin saß neben mir. Und dort, auf meinem
Schoß, bekam sie in aller Ruhe die letzten beiden Spritzen und schlief
ganz sanft ein.