Bella's Viecherlseite
Mäuschen geb. ca.1983,  gestorben  am 09. September 1996

Mäuschen verdankte ihr Leben der Freundlichkeit eines Landtierarztes, der sie -eine gesunde Katze- nicht töten wollte, bloß, weil sie "über" war.
Mäusi wohnte auf dem Dorf, zusammen mit ihrem Frauchen. Irgendwann konnte das Frauchen nicht mehr allein leben und kam in ein Pflegeheim. Der Sohn, der von Süddeutschland in einem großem Mercedes anreiste, wollte zwar gerne das Haus übernehmen, nicht aber die Katze.
Er wählte die einfache Lösung: das Tier sollte getötet werden. Einmal schon fing er sie ein und brachte sie zum Tierarzt, aber direkt vor der Praxis brach Mäusi aus dem Korb aus und floh. Alles weitere war ihm wohl zu zeitaufwendig, er beauftragte den Nachbarn, die Katze wieder einzufangen und zum Tierarzt zu bringen. Was der auch tat.
Da saß sie nun beim Tierarzt auf dem Tisch, zitternd vor Angst, stocksteif wie ein Plüschtier. Und er tötete sie nicht.
Stattdessen legte er sie in Narkose, rasierte ihr Fell, weil sie Hautprobleme hatte und rief den Tierschutzverein an.
Ich kam, um die Katze ins Tierheim zu holen.
Sie saß im Transportkorb, schon wieder wach. Am ganzen Körper rasiert und frierend; ein Leckauge. Sie sah äußerst unglücklich und grimmig aus. Sie sei leider zickig, außer ihrem Frauchen hatte keiner das Tier je streicheln können, ansonsten aber, obwohl nicht mehr die jüngste und etwa zehn Jahre alt, topfit. Den Namen wußte er nicht.

Auf dem Weg zum Tierheim machte ich zu Hause Station. Der Sommer war vorbei und es wurde schon kühl. Der Tag ging zu Ende.
Aus keinem besonderen Grund nahm ich die Katze mit ins Haus, ich glaube, sie tat mir leid, weil ich dachte, sie würde nun im Tierheim frieren müssen. Im Wohnzimmer stellte ich den Korb auf den Boden und öffnete die Tür. Die Katze kam ohne weitere Umstände und ohne besondere Eile heraus. Als sie drei Schritte weg war, sagte ich "na Mäuschen, ist das okay hier?". Und sie drehte sich um, kam zu mir, schnurrte und gab Köpfchen. Das war ihr Einzug und ihre Taufe.

Wir mußten Mäusi erst zeigen, daß es okay war, wenn sie aufs Sofa kam. Das wir gerne mit ihr schmusten. Das sie nun ein geliebtes und respektiertes Familienmitglied war. Sie mußte lernen, daß ihr beim Tierarzt nichts Schlimmes passieren würde, daß wir auch dort bei ihr blieben und sie in den Arm nahmen.
Sowie sie all dies begriffen hatte, ließ sie sich nie wieder von irgendjemandem irgendetwas gefallen, was ihr nicht paßte.
Sie war unsere grimmig guckende Königin, unsere häßliche Primadonna.

                                                                  

Drei Jahre später, eines späten Abends, als ich gerade telefonierte, wachte sie auf, sprang von dem Sessel herunter und versuchte zu gehen. Sie fiel immer wieder um. Sie machte keinerlei Schmerzgeräusche und maunzte auch nicht. Es war kein Fieber festzustellen.
Nachdem ich das eine halbe Stunde oder so beobachtet hatte, ohne das eine Änderung eintrat, rief ich nachts um 0.30 Uhr die Tierklinik an. Die diensthabende Tierärztin nahm die Sache nicht ernst und meinte nur, wenn das Tier keine Schmerzen hätte, solle ich ruhig bis zum Morgen warten und dann während der Sprechstunde anrufen.
Am nächsten Tag fuhr ich mit Mäusi hin. Der nun anwesende Chef brauchte keine Minute, um eine Diagnose zu stellen: Schlaganfall. Welcher immernoch anhielt, was leicht an den hin und her zuckenden Augen zu erkennen sei.
Mäusi bekam eine Spritze und wurde an den Tropf gelegt. Ich wurde dahingehend vorgewarnt, daß jede Minute, die der Blutpfropfen weiter die Blutzufuhr im Gehirn unterbreche, das Gehirn weiter geschädigt werde.
An drei aufeinanderfolgenden Tagen bekam Mäusi die gleiche Behandlung. Ohne wirklich erkennbare Änderung.

Mäusi war nun schwerstbehindert. Sie konnte nicht mehr laufen, nur manchmal tat sie ein paar Schritte. Sie saß einfach nur da, mit wackelndem Kopf und betrachtete staunend ihre Umwelt. Sie war wieder zu einem drei Wochen alten Kätzchen geworden. Ebenso unfähig, richtig zu fressen oder auf die Toilette zu gehen.
Und ich wollte sie noch nicht einschläfern lassen, ich wollte noch nicht aufgeben.
Also legte ich sie jeden Morgen -es war Spätsommer- auf eine kuschelige Decke unter einen kleinen Baum in den Halbschatten. Ich fütterte sie, putzte ihr den Po, machte gymnastische Übungen mit ihr, streichelte sie und redete mit ihr.
Die anderen Katzen ließen sie in Ruhe und taten ihr nichts.

Nach zwei Wochen kam ich eines morgens ins Zimmer und fand sie im Sterben liegend vor.
Ich rief sofort die Tierärztin an und bat sie, zu kommen. Mäusi brauchte keine Angst in einer kalten Praxis bei klappernen Instrumenten  zu haben.
Ein letztesmal nahm ich mein Mäuschen mit nach draußen in den Garten und setzte mich unter den kleinen Baum auf die Bank. Die Tierärztin saß neben mir. Und dort, auf meinem Schoß, bekam sie in aller Ruhe die letzten beiden Spritzen und schlief ganz sanft ein.


 
 

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