Deutsche Übersetzung der Rede auf spanisch Sehr geehrter Herr Botschafter, Herr Honorarkonsul, Herr Präsident des Schulvorstands, Frau Rektorin, sehr geehrte Eltern und Kollegen , meine Damen und Herren , liebe Schüler, Gestatten Sie mir , daß ich zuerst all meinen Vorrednern für ihre freundlichen Begrüßungsworte danke. Ich weiß, daß mit meiner Ankunft viele Hoffnungen aber auch manche Ängste verknüpft sind. Das Neue oder in meinem Fall der Neue weckt immer Interesse und auch manchmal Mißtrauen. Ich hoffe, daß ich in den Jahren meines Aufenthaltes in der Lage sein werde, ihre Hoffnungen zu erfüllen und ihre Bedenken zu zerstreuen. Ich möchte meine kleine Rede mit einer Anekdote aus meinem Leben beginnen, die vielleicht manches im Hinblick auf meine Person und das, was ich ihnen sagen möchte, erhellt: Vor etwa einem Monat , als meine Frau und ich unsere Koffer für unsere Reise nach Guayaquil packten, als wir ein letztes Mal unsere Möbel und die Kisten überprüften , die wir mitnehmen wollten oder die in Deutschland bleiben sollten, fand ich inmitten all dieser Papiere und Gepäckstücke, inmitten all dieses Krimskrams, welches sich im Laufe der Jahre anhäuft, ein altes Buch , bedeckt vom Staub der Jahre: Hier war dieses Buch aus dem Jahre 1952 mit dem Titel: 'Mittel- und Südamerika. Conny Pünnebergs abenteuerliche Reise'. Ich öffnete das Buch und begann zu lesen und mich zu erinnern. Als kleiner Junge mit etwa sieben Jahren hatte ich zum ersten Mal dieses Buch in der Hand gehalten. Meine Mutter hatte damals immer statt Butter Margarine der Marke Sanella gekauft, weil das in dieser Zeit nach dem Krieg billiger war , und obwohl ich diese Margarine eigentlich nicht ausstehen konnte, wartete ich begierig auf jede neue Packung. Denn in jeder Packung gab es jene farbigen Bildchen, die ich begeistert sammelte und in dieses Album einklebte: Bilder von fremden Ländern, Zeichnungen von exotischen Menschen, die mich faszinierten und meine Neugier und mein Interesse weckten. Ich schmökerte weiter in diesem Buch und hier , auf Seite 60 , las ich plötzlich etwas , was ich schon als kleiner siebenjähriger Junge gelesen hatte, und woran ich mich nun erinnerte: " Guayaquil , die Stadt mit den Säulengängen. Die Küste Ecuadors ist regenreich; es gibt große Plantagen im Tiefland und Guayaquil ist die Haupthafenstadt. Hier wimmelt es wieder von Negern und Mulatten, Indianern und Mestizen Autobusse sausen durch die Straßen. Jeder Wagen hat einen eigenen Namen. Dort drüben hält 'Pizarro'; hier fährt eben 'Columbus' vorüber'. Oh, aber die Sonne brennt hier furchtbar. Und die Moskitos sind auch keine schöne Zugabe. Die Häuser haben alle überdeckte Lauben- und Säulengänge. Das sieht sehr schön und malerisch aus, hat aber auch einen ganz praktischen Zweck. Die Laubengänge sollen vor der glühenden Äquatorsonne Schatten bieten und vor den Wasserfluten schützen, wenn die Regenzeit kommt. Wie in allen größeren Städten Südamerikas ist auch hier ein toller Verkehr auf den Straßen. Aber in Guayaquil wird nur die eine Fahrbahn benutzt. Auf der anderen hockten Neger und trockneten riesige Mengen von Kakaobohnen, mitten auf der Straße." Das hatte ich vor mehr als 40 Jahren über die Stadt gelesen, die wir jetzt im Jahre 1996 kennenlernen würden. Irgendwie , so schien mir, schloß sich nun ein Kreis oder eine Geschichte , die vor langer Zeit begonnen hatte, wurde fortgesetzt. Und als ich mir nun dieses Buch ansah, wurde mir vieles deutlich : ich erinnerte mich an die Träume meiner Kindheit, an meine Neugier und mein Interesse, die mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert begleitet hatten.
Selbstverständlich war es nicht bei diesem Buch geblieben und es hatte andere Bücher über Afrika und Asien , über Menschen, Sitten und Gebräuche ferner Länder gegeben. Ich bin überzeugt, daß in diesen frühen Jahren der Grundstein für mein Interesse an den Menschen und der Kultur ferner Länder und Kontinente gelegt wurde. Ich glaube, daß diese ersten Erlebnisse meiner Kindheit ein erster Schritt auf meinem späteren Lebensweg waren. Jetzt, mehr als vierzig Jahre später, habe ich viele Länder aus meinen Kinderträumen kennengelernt . Ich habe in Asien, Afrika und Amerika gelebt und gearbeitet und ich habe viel von dem gesehen, was meine Neugier als Kind geweckt hatte. Liebe Schüler, wie ihr an dieser Anekdote seht kann auch viel von dem, was ihr jetzt hört oder lernt, und was ihr mit Feuer und Flamme begehrt und mit Sehnsucht erträumt, wahr werden, wenn ihr dieses Ziel mit aller Anstrengung und Beharrlichkeit verfolgt. Und - noch etwas : Als Kinder und Jugendliche habt ihr viele Fragen, ihr fühlt eine tiefe Neugier, ihr wollt wissen und erfahren : meine Rat für Euch , verliert nicht diese Gefühle, hört nicht auf zu suchen und zu fragen. Ihr werdet immer Menschen finden, die Euch bei Eurer Suche helfen und Eure Fragen beantworten werden. Ich möchte nochmals auf dieses Buch meiner Kindheit zurückkommen : Das Guayaquil aus meinem Sammelalbum existiert nicht mehr. Guayaquil hat sich verändert, die Welt hat sich verändert. Und so wie sich die Welt verändert , verändert sich natürlich auch die Schule und wird und muß sich auch in Zukunft ändern und verändern. Lassen Sie mich etwas zu diesen Veränderungen und der damit verbundenen Beunruhigung , die auch mich in meiner Arbeit der Lehrerfortbildung und Lehrplan- und Schulentwicklung in den letzten Jahren in Deutschland begleitet hat, sagen. Wir leben jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der wieder einmal überall auf der Welt die Frage nach den Zielen von Schule und Ausbildung gestellt wird und wieder , wie vor 2000 Jahren werden wir uns der Tatsache bewußt, daß wir nicht für die Schule sondern für das Leben lernen müssen. Non scholae sed vitae.- so wie man es schon vor langer Zeit ausdrückte. Ein Leben, das heute durch eine Informationsflut charakterisiert ist, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Eine alltägliche Wirklichkeit, die geprägt ist von neuen Technologien, eine Wirklichkeit, die uns mit Begeisterung und Hoffnung erfüllt, die uns aber auch vor neue Probleme und globale Bedrohungen stellt. Lassen Sie mich einige nennen: Wie können wir weiterleben in einer Welt, in der die Rohstoffreserven zurückgehen , in der die Umwelt zerstört wird, in der das natürliche Gleichgewicht verloren geht und in der die Nahrungsmittel für eine ständig steigende Bevölkerungszahl knapp werden ? Und noch eine Frage: Wie können wir all die Information, die täglich auf uns einstürzt, empfangen, kanalisieren, verarbeiten und weitergeben? Die Schule kann all diese Fragen nicht beantworten und auch keine einfache Lösung liefern. Aber die Schule kann die Schüler darauf vorbereiten, daß sie imstande sind ,sich diesen Problemen zu stellen. Die Schule kann und muß dem Schüler beibringen, wie man lernt. Lernen zu lernen wird immer mehr zum Hauptziel der Schule, weil Lernen nicht mit dem Unterricht in der Schule beendet ist. Wir müssen vorbereitet und bereit zu lebenslangem Lernen sein.
Gestatten Sie mir, daß ich zu Beginn meiner Arbeit als Schulleiter dieser Schule einigen Wünschen Ausdruck verleihe. Sehr geehrte Lehrer, liebe Schüler, sie lehren und ihr lernt in einer der schönsten Schulen, die ich in meinen Reisen in viele Länder gesehen habe. Ich hoffe, daß der äußere Schein und der innere Geist Hand in Hand gehen. Lassen Sie mich eine Metapher benützen. Wir haben hier ein wunderschönes Haus. Warum wollen wir nicht versuchen, hier eine Familie zu bilden ? Die Humboldtfamilie. Was soll das heißen ? - In einer Familie hat jeder seine Rechte und Pflichten. Es gefällt uns nicht, wenn jemand schlecht von unserer Familie redet. Deshalb müssen wir uns auch dementsprechend verhalten. - In einer Familie hilft der eine dem anderen. Deshalb muß die gegenseitige Unterstützung ein Grundprinzip unserer Humboldtfamilie sein. Bitte, verstehen Sie das nicht falsch ! Wenn ich von der Humboldtfamilie spreche, meine ich nicht, daß wir hier wie auf einer privilegierten Insel leben, die mit der Welt außerhalb nichts zu tun hat. So wie eine Familie nicht allein leben kann , muß unsere Humboldtfamilie auch Kontakte mit der Außenwelt haben, mit anderen Schulen, mit Firmen, mit Institutionen und Organisationen. Der Gedankenaustausch mit anderen Familien ist notwendig und nur wenn wir die Schule als Lebensraum begreifen, können wir Erfolg haben. Ein Rat an alle Schüler und Lehrer: In einer Familie kennen wir die Defekte, die Schwächen und Stärken der Familienmitglieder, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten. Wir wollen nicht die Fehler der anderen mit der Lupe suchen, sondern ihnen helfen, ihre Stärken zu entwickeln, zum Wohle aller! Wie in einer Familie müssen wir versuchen , unsere gemeinsame Aufgabe mit Zuneigung und gegenseitigem Verständnis in Angriff zu nehmen. Ich hoffe, daß wir alle, Eltern, Lehrer und Schüler der Humboldtfamilie einige unserer Probleme lösen können und daß wir solidarisch zusammenarbeiten auf der Grundlage von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Friedensliebe. Wir müssen das festigen, was gut ist, und das verändern, was zu verändern ist. Ich meinerseits bin bereit, meinen Teil zu dieser unserer gemeinsamen Arbeit beizutragen und hoffe auf die Mitarbeit der gesamten Humboldtfamilie. Vielen Dank.