Olaf Kaltenborn
Politik und Architektur. Bonner und Berliner Ansichten
Abstract
In the springflood of political change and the every day policy the symbolical speech of architecture can demonstrate a long run continuity. To "read" the specific expressions of architecture can be very usefull, facing the real will of a political system and a grown political culture. Under this focus, architecture could help us, to reflect our own position, standing in the flow between past and future.
In comparison with the past Bonner Republik, the autor tries to point out, in which way the new born Berliner Republik expresses itself in its new architecture. Is there continuity in the change from Bonn to Berlin? Is there a so called global spirit in these new symbols? Or is there a new German monumentalism growing, that remembers on the dark points of German history?
1. Vorbemerkungen
Zu wissen, wohin die Reise geht, ist der Wunsch aller, die unterwegs sind. Deutschland ist zur Zeit unterwegs. Nach dem Umzug von Regierung, Institutionen und Parlament wissen wir zwar schon, dass jetzt die Musik in Berlin spielt. Doch wissen wir auch, was das eigentlich bedeutet? Wissen wir wirklich, auf welche Reise sich die Bundesrepublik mit diesem Umzug begeben hat und wo wir schließlich in zehn, zwanzig, dreißig Jahren ankommen werden? Denn so lange wird es wahrscheinlich dauern.
So wird der Wunsch verständlich, im augenblicklichen Gewühl, wo scheinbar noch nichts richtig abgeschlossen ist und noch nichts richtig neu begonnen hat, schon mal nach Zeichen des Dauerhaften und Deutbaren Ausschau zu halten. Als solche Ankerpunkte, an denen sich Prognosen über Zukünftiges und Urteile über Bestehendes mitten im Wandel festmachen lassen, scheinen sich Bauwerke und ihre architektonische Symbolsprache in besonderer Weise zu eignen. In der Frage danach, wie in Bonn gebaut wurde und wie jetzt in Berlin schwingt eben viel mehr mit als nur Zeitgeist, Geschmack, Geld oder Zufall. Gleichsam überschattet werden solche eher oberflächlichen Faktoren von anderen Fragen. Zum Beispiel von der, als was man uns in der Welt künftig sehen soll und als was nicht mehr. Und nicht zuletzt: Wie wir uns selbst gerne sehen würden. Wie sich die junge Berliner Republik zukünftig nach außen (und auch nach innen) darstellt, ist also alles andere als beliebig. Die Bundesrepublik steht hier unter enormem (und zum Teil selbstgemachtem) Erwartungs- und Erfolgsdruck. Auch über diesen Ehrgeiz und die ihm zugrunde liegenden Ängste gibt Architektur denen Auskunft, die gelernt haben, ihre Sprache zu deuten.
2. Politik und Architektur - Einige Anmerkungen zu einem problematischen Verhältnis
Noch einige grundsätzliche Anmerkungen zum Verhältnis von Politik und Architektur. Helmut Spieker schreibt im Vorwort zu seinem Buch "Totalitäre Architektur": "Architektur ist nie ideologiefrei" (Spieker 1981: 3). Diese Aussage gilt allerdings nicht nur für den platonischen Totalstaat, den absolutistischen Idealstaat oder den preußischen Kasernenstaat - um nur drei Beispiele zu nennen - mit ihrem gleichsam sich unmittelbar aus dem totalitären politischen Programm ergebenden Hang zur monumentalen Stilisierung, sondern schlechterdings für jede politische Form. Keine politische Form, keine politische Herrschaft ist denkbar, der das Bedürfnis gänzlich fremd wäre, sich über die Art ihrer Architektur symbolisch darzustellen. Die Tatsache, dass etwa in demokratischen Staaten prinzipiell eine größere Heterogenität der Baustile besteht, als in totalitär verfaßten oder regierten, kann man daher grundsätzlich auf zweifache Weise deuten.
Solche Debatten gibt es tatsächlich. Auch mit dieser klaren Frontstellung. Der noch immer schwelende Streit um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, den ich 1992/93 während meiner Volontariatszeit bei der Berliner Zeitung publizistisch begleitet habe, wäre ein solches Beispiel. In weiten Teilen glich dieser mit großem Engagement ausgetragene Streit einer Grundsatzdebatte darüber, wieviel Monumentalität sich Demokratie überhaupt leisten kann, ohne dass sie in Widerspruch zur eigenen politischen Kultur gerät. Angereichert wurde die Debatte dadurch, dass just auf den Trümmern des ehemaligen Stadtschlosses zu DDR-Zeiten der Palast der Republik errichtet worden war, der für die Wiederherstellung des Stadtschlosses erst hätte abgerissen werden müssen. Ein regelrechter Kulturkampf entbrannte da zeitweilig zwischen Ost und West. Ein Kulturkampf, der sich letztlich um die Frage drehte, wer die symbolische Oberhoheit in dieser Stadt und damit auch im Land besitzt. Wer darf bestimmen, welche Symbole geeignet sind, das wiedervereinigte Deutschland würdig zu repräsentieren? Eine Debatte wie eine Wetterfahne. Ließ sie doch schon ahnen, aus welchen Hauptrichtungen in der neuen Republik künftig die Winde wehen könnten. Eine Debatte, ausgetragen mit einem nationalen Ernst, wie er in den 50 Jahren der Bonner Republik undenkbar gewesen wäre.
3. Der Doppelbruch des Symbolischen in Berlin
Es gibt, meine ich, eine kulturspezifische Schmerzgrenze. Sie verläuft in Deutschland und gerade in Berlin aufgrund der Bemächtigung vieler symbolischer Formen der Klassik durch die Nationalsozialisten und durch den real existierenden Sozialismus anders als in England oder Frankreich. Die durch nichts zu überbrückende doppelte Gebrochenheit des Symbolischen in der neueren deutschen Geschichte macht jede Hoffnung auf das Wunder einer nachträglich rekonstruierbaren Kontinuität oder Einheit des symbolischen Ausdrucks im Dienste einer republikanischen Tradition zunichte. In diesem Sinne gibt es in Berlin keinen einzigen historischen Raum, der sich gleichsam unschuldig neubesetzten ließe wie weiland die Bonner Provinz. In der augenblicklichen Baueuphorie stößt man überall auf Spuren, an denen dieser Doppelbruch virulent wird. Der britische Architekt Norman Foster hat diese Gebrochenheit bei der Sanierung und Neugestaltung des Reichstages mit in sein Konzept integriert. Jene vieldeutigen Spuren der Vergangenheit, die bei den umfangreichen Bauarbeiten zutage traten, wurden von ihm nicht einfach beiseite gewischt, sondern zum Teil konserviert. Andere Spuren fehlen, wie Kritiker bemängeln. So ist die kurze Phase der ersten deutschen Republik symbolisch nicht präsent. Leider ist gerade dieser Teil des Reichstages öffentlich nicht zugänglich.
In krassem Kontrast zu Fosters Konservierungsstrategie der problembeladenen Berliner Geschichtssedimente steht die totale symbolische Vernichtungsstrategie der manischen Straßenumbenennung nach der Wende. Auch sie habe ich während meiner Berliner Volontariatszeit mit verfolgt. Keine Woche verging, in der wir nicht wieder melden mußten, dass irgendwo ein Karl-Marx-Platz oder eine Grothewohl-Straße von einer historischen Wahrheitskommission mit einem neuen, unverdächtigen Namen geschmückt worden war. Auch dies wiederum in seinem moralischen Rigorismus ein typisch deutsches Verhalten, das man im Ausland ebenfalls mit Kopfschütteln aufnahm.
Das Symbolische ist also gerade in Berlin noch immer hochgradig kontaminiert. Es gehört zur Eigenart dieser Kontamination symbolischer Räume der Architektur, dass sie sich auch nicht mit der verbalen Wasserspritze der neuen deutschen Normalität saubermachen läßt. Man sieht es an den beiden genannten Beispielen: Gerade in der sogenannten zweiten Berliner Republik kann es, anders als in den demokratischen Nachbarländern, auch weiterhin keine Rückkehr zur Unbefangenheit im Umgang mit dem Symbolischen der eigenen Geschichte geben.
4. Funktionswandel der Öffentlichkeit und Symbolsprache der Architektur
Eine andere Frage ist es, was es für Demokratie bedeutet, wenn die Mehrzahl der Bürger nach wie vor geneigt sind, sich symbolisch eher in Schinkel- als etwa in transparenten Behnisch-Bauten einzurichten. Offenbar befindet sich zwischen Kapitellen und Balustraden, zwischen verspielten Erkern und Türmchen, zwischen klassizistischen Säulenkolumnen und repräsentativen Aufmarschplätzen einfach mehr ästhetischer Stoff, woran das Auge seinen Anhalt findet. Das Auge ist schließlich unser verführbarstes Sinnesorgan. Und deshalb scheint es sich buchstäblich von allein in den Ornamenten und Verzierungen einzunisten, eben weil es sich auch verfangen und verführen lassen will. Dass die Architektur des Monumentalismus auch heute noch durch unmittelbare sinnliche Verführung wirkt, zeigt, wie tief sich uns diese Wahrnehmungsmuster eingeprägt haben. Und wie sehr diese einheitsstiftende politisch-ästhetische Formsprache der Klassik gerade in einer "postmodernen" demokratischen Gesellschaft unterschwellig weiterwirkt. Eine Gesellschaft, die unter ihrem eigenen Individualismus leidet und darauf mit romantischen Fluchtreflexen in die "gute alte Zeit" reagiert. Nach nichts scheint sich unsere scheinbar bedeutungsschwindsüchtige Epoche mehr zu sehnen als nach stabilen, geerdeten, über jeden Zweifel erhabenen Wahrheiten, die sich nicht gleich wieder im Rausch der Zeichen auflösen. Mit dieser modernen Sehnsucht nach Geschlossenheit und Vertrautheit werden architektonische Räume unbewußt konfrontiert und besetzt. Damit erfüllt gerade die historisierende Architektur jener verspäteten Klassik, wie sie vor allem für Berlin typisch geworden ist, auch heute noch eine unmittelbar politische Funktion, die mehr ist als bloße Repräsentation.
Allerdings ist diese Funktion innerhalb des Horizonts einer Demokratie eine andere als im Horizont jener Macht, zu deren Lobpreis sie einmal errichtet worden war. Jene Macht nämlich, die es als selbstverständlich empfand, sich in der Vollständigkeit und stilistischen Geschlossenheit dieser sinnlichen Ordnung selbst als absolut zu stilisieren. Zwischen dem mäandernden Netz von Verzierungen sollte erst gar kein Raum aufkommen, um ein kritisches Hinterfragen der tieferen Bedeutung dieser Formsprache als Bekundung einer absolutistischen Macht zu ermöglichen. Jene sinnesfrohe Repräsentationsordnung wandte sich an eine vollständig andere Öffentlichkeit als die, welche uns heute geläufig ist. Öffentlichkeit stand dort funktional für das möglichst maximale Offenbarwerden von Macht. Aus diesem Offenbarwerden speiste sich u.a. das Gefühl nationaler Identität. Der Mutter aller schönen Künste, der Architektur, kommt hier eine zentrale Bedeutung als symbolische Sinn- und Gemeinschaftsstifterin zu.
Aus dieser gleichsam naturalistischen Betrachtungseinstellung heraus scheint es noch heute einen versteckten Widerwillen gegen die Zumutung einer Reflexion zu geben, wie sie dem Auge durch die komplexe, abstrakte und gleichzeitig sparsame Formsprache der modernen Architektur abverlangt wird. Statt Einheit entstehe Diffusion, Beliebigkeit. Verkannt wird dabei, dass die moderne Architektur vielfach mit voller Absicht nicht mehr auf die Geschlossenheit einer einheitlichen Formsprache aus ist, sondern im Gegenteil auf Offenheit und Transparenz. Durch sie soll der Blick, an festen Anhalt des repräsentativ Symbolischen gewöhnt, hindurchfluten.
Gerade an der Architektur wird so auch der dramatische Funktionswandel der Öffentlichkeit von einem Offenbarwerden von Macht hin auf ein Transparentwerden ihrer Strukturen deutlich, so wie er sich in der moderneren Architektur Bonns vielfach studieren läßt. Doch die demokratische Öffentlichkeit, um deretwillen inzwischen sogar Verwaltungsgebäude durchsichtiger werden - unter Zuhilfenahme des demokratischen Baustoffes Glas - scheint mental irgendwie noch nicht bei der ihr gemäßen Architektur angekommen zu sein. Anders ist die gleichsam "natürliche" Distanz vieler Menschen zu den Formsprachen der modernen Achitektur und der modernen Kunst nicht zu erklären. Es wird diesen Künsten als formaler Mangel angekreidet, dass an ihnen einfach nichts mehr haften bleiben will. Das vertraute Koordinatennetz der klassischen symbolischen Welt verfängt hier nicht mehr. An der sparsam eingesetzen Formsprache des neuen Bundestages von Behnisch in Bonn, der Plastik Henry Moores vor dem Kanzleramt verfängt sich kein Auge mehr in so unmittelbarer Weise wie an Schinkels historisierenden Prachtbauten Unter den Linden. Dem Auge scheint einfach der sinnliche Kitt zu fehlen, der seine Aufmerksamkeit an ein Bau- oder Kunstobjekt fesselt. So steht das Auge in der ständigen Gefahr, an den kalten, klaren Glasfassaden abzugleiten und sich im Nirgendwo zu verlieren.
5. Hinter dem Rausch der Zeichen: Verschwindet Bonn?
Auf Bonn als neue Bundesstadt und Ex-Bundeshauptstadt trifft in gewisser Weise das eben über die moderne Architektur Gesagte in besonderer Weise zu. An ihm blieb im politisch-symbolischen Sinne ebenso wenig Verdächtiges haften wie an einer Teflon-Pfanne. Bonn blieb auf erstaunliche Weise harmlos und als Stadt im Hintergrund. Als jetzt die Umzugswagen Richtung Berlin rollten, befürchteten politische Beobachter gar, Bonn würde verschwinden. So schrieb zum Beispiel Andreas Bernard in der Süddeutschen Zeitung, in Bonn gehe zur Zeit die Angst um,
"dass sich hinter den Kulissen aus abgesperrten Alleen und dunklen Limousinen, aus Kameras und Mikrophonen vielleicht nichts mehr befinden könnte. Dass Bonn einfach abgebaut wird und von der Stadt so viel übrig bleibt wie von jener Plastik auf dem Rasen des Kanzleramtes: ein heller Fleck" (SZ 101/99: 16).
Mit Erstaunen nehmen politische Kommentatoren, die selbst oft Jahrzehnte in Bonn verbracht haben, erst mit dem Umzug nach Berlin zur Kenntnis, dass Bonn in gewisser Weise wirklich ein unbeschriebenes Blatt geblieben ist. Gunter Hofmann, ehemaliger politischer Korrespondent der Zeit in Bonn:
"Aber vielleicht nahm man diese Stadt überhaupt nicht wahr, vielleicht hatte man immer nur das politische Bonn vor Augen? (...) Die Stadt und ihre Größe oder Provinzialität zählte bei alledem gar nicht. Das Nicht-Identische, hier ist es Ereignis geworden. Und schlecht war das nicht. Keine Stadt mit Vergangenheit versperrte den Blick. Keine Symbole mußten interpretiert werden, kein Bendler-Block, kein Reichstag, kein Brandenburger Tor, keine Wilhelmstraße" (In: Neue Frankfurter Hefte 4/99: 324f.).
Bonn also als Chiffre jener unbedingten Nachkriegssehnsucht nach Unschuld, in der man nicht mehr mit den belasteten Symbolen der eigenen Vergangenheit konfrontiert sein wollte. Und dennoch kein schlechter Anfang, wenn nicht sogar der einzig mögliche Anfang nach dem Desaster, weil hier nichts mehr rauschhaft zu Kopf steigen konnte. Bonn schien der geeignete Ort für die politische Ausnüchterung zu sein. Denn am meisten Angst hatten die Deutschen vor einem Rückfall. Und man wollte nicht mehr erinnert werden. Der italienische Publizist Pietro Citati beschreibt seine Eindrücke über das Deutschland der Nachkriegsjahre so:
"In den Gedanken der damaligen Deutschen herrschte kein Perfekt, existierten nicht die schrecklichen Kriegs- und Hitlerjahre. Einerseits versank der Geist weit zurück in die Zeiten von Meister Eckhart und Luther, von Goethe und Hölderlin und fand dort einen Trost. Andererseits wandet er sich der unmittelbaren Gegenwart zu...: Ich verstand, dass jene Amputation des Perfekt, der nahen Vergangenheit notwendig war. Zu groß war die Last des Schmerzes, um dem Geist zu erlauben, dort zu verweilen" (zit. nach Duve. In: SZ 127/99: 15).
Was Deutschland zweifellos gutgetan hat - eine Hauptstadt ohne Haupt - führt nun bezogen auf die Stadt selbst zu der Befürchtung, Bonn habe lediglich als eine Ansammlung von Zeichen existiert. Noch einmal Andreas Bernard:
"Bonn. Niemals wurde diese Stadt als tatsächlicher Ort wahrgenommen, sondern als bloße Chiffre, als vorangestellte Ortsbezeichnung, wenn in Zeitungsartikeln oder Fernsehnachrichten von politischen Neuigkeiten die Rede war. Im Moment kann man dabei zusehen, wie diese Zeichen abgetragen werden und Bonn Stück für Stück verschwindet" (SZ 101/99: 16).
In der Tat wäre jetzt zu fragen, in welchem Sinne Bonn wirklich verschwindet oder sogar schon verschwunden ist. Es wäre zu fragen: Was gehört zum dauerhaften Fundament von Bonn und was war nur Teil einer vorübergehenden und transportierbaren Glasur der politischen Repräsentation? Diese Inventur, die Überprüfung der Dinge auf ihre traditionelle Verwurzelung mit dem Boden der Stadt steht wohl noch aus. Sie ist um so schmerzhafter, als Bonn nach dem Krieg ja gerade wegen seiner Unbeschriebenheit ausgewählt worden war und damit auch nur als ein Provisorium wahrgenommen wurde.
"Es galt", so Klaus Happrecht,
"die allgemeine Überzeugung, dass die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ein Provisorium war. Die Abgeordneten fühlten sich, trotz aller ideologischen Differenzen, als Mitglieder einer demokratisch legitimierten Führungsgruppe einer provisorischen Demokratie, die in ihre nationale Wiedervereinigung hineinwachsen wollte" (ebd.).
Doch obwohl Bonn stets nur als Provisorium angesehen worden war, so verstummte doch im Laufe der Jahre mit dem Fortdauern des Kalten Krieges mit seinen auf ewig zementiert scheinenden politischen Antagonismus die Frage nach einem Danach; man hatte es sich im Provisorischen bequem gemacht. Und damit gewann es eine erstaunliche Kontinuität, so die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann:
"Als Bonn 1948 zum Sitz des Parlamentarischen Rates und ein Jahr später zur provisorischen Bundeshauptstadt gewählt wurde, ahnte wohl kaum jemand, dass die westdeutsche Politik über Jahrzehnte aus dieser kleinen, zerbombten Universitätsstadt gesteuert werden würde. Ob Bonn wollte oder nicht : die Politik wurde schnell vom vorübergehend vermuteten Gast zum zumindest mitbestimmenden Faktor für die Entwicklung der Stadt. Zunächst noch irgendwo draußen in der Brache zwischen Bonn und seiner vornehmen Nachbarstadt Bad Godesberg, nahm nach und nach ein Regierungsviertel Gestalt an. Die Notwendigkeit der Politik sich immer unprovisorischer zu etablieren, führte Bonn und Bad Godesberg schließlich zusammen. Das Bundeshaus wuchs um den Langen Eugen, aus dem real existierenden Tulpenfeld wurde eine Pressezentrum, Ministerien zogen aus Kasernen und anderen Altbauten um in neue repräsentative Gehäuse, die Bundestraße 9, die Diplomatenrennbahn, zu den Residenzen in Bad Godesberg, entwickelte sich zur Allee der Verbände mit immer aufwendigeren Büropalästen...Die Hauptstadt der kurzen Wege ließ - allen Behauptungen zum Trotz - keine wirkliche Ghettoisierung der Politik zu" (Frankfurter Hefte 4/99: 362).
Erst im Angesicht des Abzuges der politischen Welt aus dem respektierten aber nie geliebten Provisorium stellt sich nun plötzlich die Frage, was die wirkliche Essenz von Bonn ausmacht. Was etwa wird aus den Stationen "Auswärtiges Amt" oder "Bundesinnenministerium", wenn die Bezeichnung nicht mehr mit dem Bezeichneten übereinstimmt? "Die Stadt stehe", so resümiert Bernard, "vor einer semiotischen Krise" (ebd.).
Diese semiotische Krise kündigte sich bereits in einigen der zentralen Bauvorhaben der letzten Jahre an, die schon gezeichnet waren vom Hauptstadtbeschluß aus dem Juni 1991. Im Zentrum dieser semiotischen Krise Bonns steht zweifellos der bereits erwähnte Behnisch-Bundestag. Es gehört zur Ironie seines Schicksals, dass er bereits geplant, aber noch nicht fertiggestellt war, als im Juni 1991 im Bonner Wasserwerk der Hauptstadtbeschluß mit denkbar knapper Mehrheit gefällt wurde. Auch die tragische Posse um den Schürmann-Bau, dessen Fundament sich bei einem Jahrhunderthochwasser stellenweise um 60 Zentimeter hob, ist gleichfalls schon Ausdruck der beginnenden semiotischen Krise Bonns. Im Bann der Wiedervereinigung brachte man nicht einmal mehr die Kraft auf, sich darüber einig zu werden, was nun mit dem Bau geschehen sollte. Die ehemalige Bauministerin Irmgard Adam-Schwätzer mußte darüber ihren Hut nehmen. Noch immer ziert das ausladende Grundstück vor dem Langen Eugen ein nicht enden wollender weißer Bauzaun aus undurchdringlichen Brettern, um die städtebauliche Schmach wenigstens vor den Augen der Passanten zu verbergen. Und wer weiß, ob die architektonisch meisterhaft gestaltete Museumsmeile tatsächlich noch gebaut worden wäre, wenn die deutsche Wiedervereinigung fünf Jahre früher stattgefunden hätte. Auf diese Weise hat Bonn auf den letzten Drücker gleichsam wenigstens noch baulich und kulturell gewonnen.
6. Auferstanden aus Maschinen: Phoenix Berlin?
Um Bonns Zukunft wird man sich dennoch keine Sorgen machen müssen. Immerhin sechs Ministerien (Bildung/Forschung, Umwelt, Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft, Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Verteidigung) verbleiben am Rhein, vermeldet die Oberbürgermeisterin stolz, die auch weiterhin für die Interessen Bonns kämpfen will. Außerdem haben sich inzwischen 300 Firmen der Informations- und Kommunikationsbranche hier niedergelassen. Die noch spannendere Frage lautet also: Wie wird Berlin die neue Hauptstadtfunktion verkraften?
6.1 Der Potsdamer Platz
Alle diese Fragen und andere können vorerst nur in den Raum gestellt werden. Keine läßt sich jetzt auch nur in Ansätzen beantworten. Jenen neuen Geist indes, der Berlin bereits vor dem Umzug erfaßte, hat der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom bei einem Rundgang über die damals noch größte Baustelle Europas am Potsdamer Platz meisterhaft in Worte gefaßt:
"Ich stand auf einer, wie es schien, provisorischen Brücke, die unter den schweren Lastwagen erzitterte, und wußte nicht, wohin ich als erstes schauen sollte. Tief unter mir werkelten Schwärme von Arbeitern an den Fundamenten für den Turm von Babel, für einen Tunnel nach Moskau, hier war anscheinend alles möglich...und ich fragte mich, wer das alles steuerte...Es schien...als sei eine riesige Stadt im Begriff, sich aus der Erde zu erheben oder als wolle sich eine ganze Stadt einfach realisieren und bahne sich mit Naturgewalt einen Weg, und gleichzeitig spürte ich so etwas wie Euphorie ob dieses Geschehens an sich und auch, ich gebe es zu, so etwas wie einen Schauder ob der Implikation, der Macht, die hier sichtbar wurde und die in so krassem Gegensatz zu dem leisen Gejammer zu stehen schien, das sich in diesem so reichen Land erhebt, als sei das alles eine Maskerade, ein theatralischer Trick, um den Rest der Welt in den Schlaf zu wiegen. Wenn das, was ich hier sah, kein Potemkinsches Dorf war, dann mußte es doch einfach sein, was meine Augen sahen, eine Vision künftiger Macht. Hier wurde mit der donnernden Gewalt einer Ramme eine Seite umgeblättert, hier wurden nicht weniger als drei Vergangenheiten zugleich verschüttet, in dieser Zauberlandschaft orgiastischer Arbeit wurde die Geschichte untergegraben wie von einem Maulwurf, eine Million Bilder pro Sekunde, Straßenbahnen, Moden, Armeen, Bunker, Sperren, Mauern, Hohenzollern, Vopos, alles verschwand unter dem Fundament der Tempel der neuen Mächte...Und dann plötzlich, albern inmitten all dieser Gewalt, das mit einemmal zwergenhaft klein gewordene ´Hotel Esplanade´, und im selben Moment schrumpften meine Erinnerungen. Wie hatte es eigentlich ausgesehen? Und wieso konnte es auf einmal so klein sein? Es stand merkwürdig eingebaut in die ovale, glänzend aufragende Sony-Gewalt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sich dort später Mercedesse und BMWs in die Parkgarage schleichen würden, wie sich die Neureichen von Warschau bis Novosibirsk hinter den Fenstern der neuen Suiten nach den Ritualen der neuen Zeit amüsieren würden, verwöhnt von philippinischen Dienstmädchen das leise Gesäusel des Dow Jones, des Dax und des Nikkei im Hintergrund..." (In: Die Zeit 51/97).
Das Wertvolle an Nootebooms Beobachtungen ist die Perspektive des auswärtigen Blicks. So also kann das aktuelle Berlin auf jemanden wirken, der es von früher her kannte und es jetzt nicht mehr wiedererkennt. Nachdenklich macht in Nootebooms Beschreibung vor allem die häufige Verwendung der Worte Macht und Gewalt. Kaum kann sich der Schriftsteller selbst noch dem orgiastischen Baurausch entziehen, in den sich Berlin gestürzt hat. Vokabeln wie Naturgewalt umschreiben den Prozeß einer geradezu manischen Umgestaltungssucht, die in dieser Heftigkeit weltweit ihresgleichen sucht. Zumindest am Potsdamer Platz wurde die Vergangenheit nicht nur einfach untergepflügt, sie wurde planvoll und großtechnisch mit deutscher Gründlichkeit bis auf den letzten Stein aus dem Antlitz und dem Boden dieser Stadt getilgt. Natürlich gibt es noch ein paar Mauerstücke. Aber die wirken zehn Jahre nach dem Mauerfall schon so unwirklich wie Kulissen einer Theaterinszenierung. Man hat es mit Hilfe dröhnender Kommerzarchitektur verstanden, sie symbolisch restlos zu marginalisieren.
"Irgendwo in der Ecke standen wie beiseite geschobene Kulissenteile nach einer verunglückten Vorstellung, noch ein paar Mauerstücke herum. Was war es gewesen, eine Operette? Ein Wagner in modernem Kostüm? Ein Stück von Heiner Müller? Oder doch nur Wirklichkeit?" (ebd.)
Natürlich ist man, wie bereits am Beispiel des Reichstages erwähnt, nicht überall so rücksichtslos mit den Spuren der Vergangenheit umgegangen wie am Potsdamer Platz. In Berlin berichten u.a. die Wannseevilla und die Erinnerungslandschaft "Topographie des Terrors" über die Machtapparate der Nationalsozialisten. Doch noch immer, bemängeln Kritiker, fehle ein zentraler Ort, an dem der Blick sowohl auf die Opfer als auch auf die Täter fällt. Und es fehlt, um den Politologen Peter Reichel zu zitieren, "eine rege mentale Erinnerungslandschaft", in der so ein zentrales Mahnmal, oder was immer auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz entstehen wird, eingebettet wäre. Denn Erinnerungslandschaft, das sollte man wohl so verstehen, dass man nicht nur einen Ort fürs zentrale Gedenken auswählt, sondern überall in der Stadt Spuren freilegte, und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Eine Kultur des angemessenen Erinnerns wird also weiterhin gesucht, die vor allem dem Zwang entgeht, sich selbst wieder ins Monumentale steigern zu müssen. Davon ist in Berlin bisher nicht sehr viel zu sehen. Bedauerlich ist, dass diese Chance z.B. am Potsdamer Platz vertan wurde. Wahrscheinlich passen Elemente einer Erinnerungslandschaft nicht mehr in die von Cees Nooteboom beschriebene glatte Geschäftswelt, in der man einfach an nichts mehr erinnert werden möchte.
Wohl auch deshalb scheint sich Berlin in einem einzigen Anfall von Gestaltungswut ein neues Gesicht geben zu wollen. Die irrwitzige Eile, mit der hier im Sturmschritt und wehendem Mantel oft über die Zeugnisse der Geschichte hinweggegangen wird, korrespondiert dabei in bemerkenswerter Weise mit dem Stil jenes schröderistischen Polithappenings, wie es die junge Berliner Republik zur Zeit erstaunt mit verfolgt. "Abermals", bedauert Peter Reichel,
"läßt sich Berlin nicht Zeit zum Denken. Und abermals scheint es, läuft die Stadt Gefahr, ihr Gedächtnis zu verlieren und Geschichte ungeschehen zu machen. Dabei käme es darauf an, die Bestände zu sichten, behutsam zu bewerten, das eben noch Getrennte zu verknüpfen und das gespaltene Geschichtsbild zu integrieren" (Reichel. In: Hipp/Seidl 1996: 291).
Statt dessen aber werden die Wunden und Narben, die sich jetzt im Zuge der Bauarbeiten überall im Stadtgebiet auftun, möglichst schnell wieder geschlossen oder schönheitschirur-gisch gleich ganz entfernt.
6.2 Der Reichstag
Noch ein paar abschließende Betrachtungen zum neugestalteten Reichstag. Er scheint in jeder Hinsicht ein gelungener architektonischer Kompromiss zu sein. Schillert er doch zwischen den bereits angedeuteten Prinzipien historistischer Stilisierung und Monumentalität auf der einen und demokratischer Transparenz auf der anderen Seite. Die Architekturkritikerin Petra Kipphoff schreibt, der Reichstag sei das "ambivalente Ergebnis eines hochdotierten Kunstpuzzles" (Die Zeit 17/99: 51). Der für 600 Millionen Mark umgestaltete Wallot-Bau wurde auf Anhieb zu einem der beliebtesten Ausflugsziele Berlins. Dies natürlich vor allem wegen seiner spektakulären Glaskuppel, die nach Angaben des Umgestaltungs-Architekten Foster sogar alle Prinzipien einer oecological correctness erfüllt. Von "Volkseigentum" will da gar die konservative FAZ sprechen. Volkseigentum, weil die Glaskuppel tatsächlich öffentlich begehbar ist. In ihrem Inneren schraubt sich eine Rampe einer Doppelhelix gleich immer höher in den Berliner Himmel, um von oben eine atemberaubende Aussicht zu gewähren.
Der "Debatten-Dom" (FAZ 90/99: 49), wie Heinrich Wefing den neugestalteten Reichstag in der FAZ bezeichnete, will tatsächlich alle architektonischen Prinzipien auf einmal verwirklichen: "Ähnlich wie das durchsichtige Debattenforum von Behnisch in Bonn ist auch das Berliner Plenum weniger auf Konzentration angelegt als auf Entgrenzung" (ebd.). Zwölf schlanke Betonsäulen umstehen den Saal, dessen gläserne Decke und raumhohen Glaswände es erlauben, den Blick frei vom Ost- zum Westportal und hinauf in die Kuppelkonstruktion schweifen zu lassen. Erstmals können auch die Bürger von der Straße aus ihren Gesetzgebern bei der Arbeit zusehen. "Sir Norman Foster", schreibt Heinrich Wefing
,"hat dem Plenarsaal ein Maß an Transparenz verliehen, das angesichts der massiven Hülle erstaunt. Die flankierenden Natursteinwände und ihre mächtigen Rundbogenfenster verleihen dem Herz des Parlaments gleichwohl etwas von einer antiken Basilika" (ebd.).
Allerdings - bei aller lobend hervorgehobenen Transparenz - beschleicht den Kritiker am Ende doch noch eine "verstörende" Vorahnung. Der Reichstag könne eher geeignet sein als das Bonner Bundeshaus, über Krieg und Frieden zu debattieren, Staatsbegräbnisse abzuhalten oder Orden zu verleihen. Hier sei der Inszenierung des Politischen eine Kulisse geschaffen worden, die große Worte zwar nicht erzwingt, sie aber auch nicht architektonisch unterläuft:
"Das Hohe Haus ist groß und breit und eindrucksvoll. Die immerwährende rheinische Zivilität und Unauffälligkeit haben darin keine Wohnung mehr". Es scheint, "als besitze das Land plötzlich ein allegorisches Zentrum - eine Karriere, die dem Bonner Bundeshaus nie vergönnt war" (ebd.).
Der Autor ist Diplomjournalist, Studium der Philosophie, Geschichte und Politik in Bochum, Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität GH Essen im Fach Politik; Autor der innenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Im nächsten Jahr erscheint im Fink-Verlag, München, seine Dissertation
e-mail: olaf.kaltenborn@uni-essen.de
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