Die Berliner Republik und ihre Medien
Von Matthias Sommer
"Schultheiss statt Kölsch"
(die Berliner Zeitung zum Umzug
des aktuellen Studios der ARD
von Bonn nach Berlin)
Alles beim alten oder nichts wie es war? Irgendwann kommt wohl jede Debatte über die noch so junge Berliner Republik bei dieser Gretchenfrage an. Und schnell scheiden sich die Geister: Die einen heben die ungebrochene Kontinuität von der Bonner zur Berliner Republik hervor oder behaupten gar, von einer Berliner Republik im engeren Sinne könne gar keine Rede sein. Die Bonner existiere ja weiter wie eh und je. Die anderen werden nicht müde zu betonen, mit dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin werde alles anders, vor allem was das Zusammenwachsen von West- und Ostdeutschland betrifft. In Berlin - so der Gedanke - könne aus dem Bonner Kapitalfehler A + B = A endlich doch noch die Zukunftsformel A + B = C werden.
Was für die Berliner Republik im allgemeinen gilt, trifft auch auf ihr Verhältnis zu den Medien zu. Es gibt geteilte Meinungen. Die eine Seite ist der Auffassung, daß sich die enge Verzahnung zwischen Politik und Medien, wie sie ja für die Bonner Republik so typisch war, in Berlin fortsetzen wird. So glaubt Peter Ellgaard, Leiter des neuen Berliner ZDF-Studios, die Bonner Plauderrunden zwischen Politikern und Journalisten würden sich auch in Berlin wieder herausbilden: "Die werden sich neue Kneipen suchen, und dann geht es weiter." Die andere Seite - und hierzu gehört unter anderem Ellgaards ARD-Kollege Jürgen Engert - , sieht hingegen neue Zeiten anbrechen. Zwar liege das neue ARD-Haupt-stadt-studio nur einen Katzensprung vom Reichstag entfernt, "aber die journalistische Distanz soll größer werden".
Wird er funktionieren, dieser Spagat zwischen räumlicher Nähe und geistiger Distanz? Wird das Verhältnis von Politik und Medien in Berlin tatsächlich ein anderes, ein weniger klüngelhaftes als in Bonn? Werden sich die Medien mit Anbruch der Berliner Republik überhaupt wesentlich verändern? Und wenn ja: in welche Richtung? - Die Liste der Fragen, mit denen sich der Zukunft Löcher in den Bauch fragen lassen, ließe sich beliebig erweitern. In diesem Beitrag soll sie jedoch verdichtet werden - auf die grundlegende und generelle Frage: Wie sieht die Zukunft der Medien in der Berliner Republik aus, welchen Charakter werden sie haben, welche Rolle werden sie in und für die Berliner Republik spielen?
Mit Sicherheit beantworten läßt sich diese Frage natürlich nicht. Dafür ist irgendwann einmal die Geschichtsschreibung zuständig. Heute lassen sich nur Entwicklungen aufzeigen, die vielleicht erahnen lassen, was die Natur der Medien der Berliner Republik ausmachen wird und welche Konsequenzen dies für den Bürger hat.
Das Erbe der Medien
Die Berliner Republik - das Vorwort sagt es - bewegt sich zwischen den Polen Bonn, Brüssel und Budapest, verstanden als Symbole für die alte rheinische Republik, die EU-Perspektive und die Transformation Europas Ende der 80er Jahre. Auch die Medien der Berliner Republik sind keine Geburt aus dem Nichts. Sie haben eine Vergangenheit, ein Erbe, das ihnen Bonn, Brüssel und Budapest mit auf den Weg gegeben haben. Dieses Erbe will ich kurz unter die Lupe nehmen, bevor ich mich der Frage nach der Zukunft der Medien zuwende. Denn wer nicht weiß, was ist, muß man nicht fragen, was wird.
Das Bonner Erbe: Medien als Hüter der Demokratie
Medien sind eine vielgesichtige Angelegenheit, die Rollen und Funktionen, die ihnen innerhalb einer Gesellschaft zugeteilt werden, sind mannigfaltig und letztlich je nach Blickwinkel und Anspruch verschieden. Man könnte sich stunden- bzw. seitenlang damit aufhalten, die Informations-, Service- und Orientierungsfunktion der Presse zu besprechen oder von ihren Aufgaben bei der Bildung öffentlicher Meinung; Kontrolle und Vermittlung zwischen Bürgern und Staat zu sprechen. Das kann aber nicht Sinn und Zweck dieses Beitrages sein. Hier muß vielmehr geklärt werden, welche grundlegende gesellschaftliche Funktion die Bonner Republik ihren Medien zudachte.
Um die Sache zuzuspitzen: Die Medien waren für Bonn vor allem eines: "Hüter der Demokratie". Zugegeben, dieser Ausdruck ist ein recht hochtrabender. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß den Medien in der Bonner Republik eine für das Funktionieren der Demokratie grundlegende Funktion zugedacht war. Und das implizierte nach den Erfahrungen mit Weimar und vor allem dem Dritten Reich in erster Linie unabhängige, freie Medien. Die Presse als Klavier, auf dem eine nationalsozialistische Regierung nach Belieben spielen könne, dieser vermessene Anspruch Joseph Goebbels sollte ein für allemal der Vergangenheit angehören.
Also wurde die fundamentale Bedeutung von Pressefreiheit und Zensurverbot herausgehoben, indem beide im Grundgesetz (Artikel 5) verankert wurden. Und schon vorher, noch unter der Pressepolitik der Besatzungsmächte, wurden Strukturen herausgebildet, die den demokratiestützenden Charakter der Medien der Bonner Republik nachhaltig prägten. Dazu gehört zum Beispiel auf der Ebene der Medien-Organisation die Lizenzpolitik von Amerikanern, Briten und Franzosen, die - im Detail jeweils unterschiedlich - darauf ausgelegt war, die Erlaubnis zur Herstellung von Zeitungen und damit öffentlicher Meinung auf möglichst viele und untereinander heterogene Verleger zu verteilen. Dazu gehört auf inhaltlicher Ebene aber auch die Einführung der strikten Trennung von Nachricht und Kommentar, wie sie für das angelsächsische Pressewesen typisch ist.
Mehr noch als im Printbereich wurde beim Aufbau des Rundfunks auf Staatsferne geachtet. Dies war auch nötig, da es aus wirtschaftlichen und technischen Gründen zunächst nur eine (deutschsprachige) Rundfunkanstalt pro Sendegebiet gab, was eine Pluralität der Medien untereinander ausschloß. Bald schon setzte sich das öffentlich-rechtliche Modell nach britischem Vorbild durch. Es schien geeignet, einen staatlich gelenkten Rundfunk, wie er zur Zeit des Nationalsozialismus üblich war, unmöglich machen. Durch die Besetzung der wichtigsten Organe einer jeden Sendeanstalt nach pluralistischem Prinzip wurde gewährleistet, daß alle maßgeblichen Gruppen der Gesellschaft zu Wort kommen.
Was die Besatzungsmächte angelegt hatten, wurde später vom Bundesverfassungsgericht konsequent fortgeführt. Rundfunk sei eine "staatsfreie, öffentliche Aufgabe" und Ländersache, der Bund habe lediglich Kompetenzen hinsichtlich der Sendetechnik war - dies war die Antwort des BVG auf Konrad Adenauers Versuch, ein Deutschland-Fernsehen zu gründen. Mit dem ersten Rundfunkurteil von 1961 war dieser Traum eines staatsnahen "Kanzler-Fernsehens" ausgeträumt.
Auch in seinen weiteren Urteilen hat das Verfassungsgericht stets die demokratietragende Rolle des Rundfunks und der Medien allgemein hervorgehoben, so zum Beispiel im "Spiegel-Urteil" von 1966: "Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates." In Bezug auf den Rundfunk sah und sieht das BVG die Meinungsfreiheit generell in den Händen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besser aufgehoben als bei den privatrechtlichen Anstalten. So sprach es den öffentlich-rechtlichen Anstalten den Grundversorgungsauftrag, diese für die flächendeckende, umfassende politische Meinungs- und Willensbildung der Bürger und damit das Funktionieren der Demokratie so grundlegende Aufgabe zu.
Das Brüssel Erbe: Medien als Ware
Brüssel, der Name steht hier für den Einfluß der Europäischen Gemeinschaft bzw. Europäischen Union auf unser Mediensystem. Dieser Einfluß spielte lange Zeit kaum eine Rolle, Medien galten als Kulturgut und Kultur war innerhalb der Europäischen (Wirtschafts-) Gemeinschaft vor allem eine nationale Angelegenheit. Seit Einführung des privaten Rundfunks in den Ländern der Gemeinschaft, hat sich dies geändert. Denn der private Rundfunk ist ein kommerzieller Rundfunk und er verlangt nach großen (länderübergreifenden) Märkten, um profitabel betrieben werden zu können. Und für wirtschaftliche Angelegenheiten dieses Ausmaßes war und ist die EG bzw. später EU zuständig.
Was die Bundesrepublik angeht, so machte sich der Einfluß Europas auf das Mediensystem schon bei der Einführung des privaten Rundfunks bemerkbar: Ohne die Vorbilder aus Italien und Luxemburg, die in gewisser Weise einen Trend setzten, den es nicht zu verpassen galt, wäre die Etablierung des privatrechtlichen Rundfunks in Deutschland wahrscheinlich nicht so problemlos verlaufen: Zu fest war noch in den 80er Jahren in vielen tonangebenden Kreisen die Vorstellung verankert, für den Rundfunk komme nur die öffentlich-rechtliche Organisationsform in Frage. Dies war der Tenor vieler BVG-Urteile (oder zumindest der gängigen Interpretationen der Urteile). Hierfür spricht auch, daß in Bayern 1973 per Referendum Artikel 111a in die Verfassung eingefügt wurde: "Rundfunk wird in öffentlich-rechtlicher Verantwortung und in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft getrieben."
Nachdem das duale Rundfunksystem, also das Nebeneinander von öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Radio- und Fernsehveranstaltern in Europa eingeführt war, galt es auf EU-Seite dieses System zu vereinheitlichen, was direkte und indirekte Folgen hatte. Zu den direkten Auswirkungen zählt Schulz u.a., daß Kapitalbeteiligungen an Medienunternehmen über Ländergrenzen hinweg begünstigt werden. Direkt würden sich länderübergreifende rechtliche Regelungen auswirken, mit denen die nationale Souveränität auf dem Mediensektor eingeschränkt werde. Bestes Beispiel hierfür sei die Rundfunkrichtlinie der EG-Kommission.
Gerade diese EG-Fernsehrichtlinie war es, die den Rundfunk in Deutschland nachhaltig kommerzialisierte. Hieß es in Deutschland bis zur Verabschiedung der Richtlinie, Rundfunk sei eine "öffentliche Aufgabe", so machte die EU jetzt deutlich: die Fernsehtätigkeit ist eine "Dienstleistung". Inhaltlich geht es bei der EG-Fernsehrichtlinie um wirtschaftliche Angelegenheiten wie die Vereinheitlichung von Werberegelungen und den Anteil europäischer Anbieter am ausgestrahlten Programm, zu dessen Verwirklichung "die Bildung von Märkten für Fernsehproduktionen in den Mitgliedstaaten zu begünstigen" sei. Dabei wurde bereits 1986 in Hamburg auf der Konferenz der Ministerpräsidenten deutliche Kritik an der "Schaffung eines an wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichteten EG- Rundfunkbinnenmarktes" laut.
Allzu gut vernehmlich scheinen die Bedenken nicht gewesen zu sein, zumindest haben sie sich nicht durchgesetzt: Der wirtschaftliche Aspekt des Rundfunks in Europa hat den kulturellen, den es ja auch gibt (z. B. in Form interkultureller Programme wie ARTE, Programmaustausch etc.) deutlich zurückgedrängt. Und so kommt man insgesamt - gerade innerhalb einer idealtypischen Einteilung wie dieser mit ihren zwangsläufig zugespitzten Rollenzuteilungen - nicht umhin festzustellen, daß Medien für die EU an erster Stelle Waren sind, Waren, die nach den Gesetzen des Marktes, nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage gehandelt werden.
Das Budapester Erbe: Medien als Revolutionäre
Budapest steht für die "Revolution und Transformation Europas", heißt es im Vorwort zu diesem Buch. Und folgerichtig geht es in diesem Kapitel um die Rolle der Medien beim Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa. Budapest ist dabei nicht wörtlich zu verstehen, in dem Sinne, daß hier von der Transformation in Ungarn die Rede wäre. In diesem Buch geht es um die Berliner Republik und da liegt es nahe, die tiefgreifenden Umwälzung in Osteuropa am Ende der 80er Jahre und die Beteiligung der Medien daran am Beispiel Ostdeutschland zu betrachten.
Was den Anteil der Medien an diesem Prozeß betrifft, so besteht dieser für einen Teil der Beobachter hauptsächlich in der Rolle eines Katalysators, der die Vorgänge beschleunigt, ohne selbst ursächlich dafür verantwortlich zu sein. Für andere waren die Medien im Jahr 1989 eine wesentliche, wenn nicht gar die entscheidende Ursache für das Ende der DDR. Sie sprechen von der "ersten Fernsehrevolution der Welt". Welche Ansicht auch immer man vertritt, unstrittig ist, daß die Medien bei der Wende eine wesentliche Rolle spielten.
Bevor hier gezeigt werden kann, worin sie im einzelnen bestand, zunächst ein Blick auf die Ausgangssituation, die Rolle der Massenmedien in der DDR. Laut Studienführer der für die journalistische Ausbildung zuständigen Universität Leipzig war der sozialistische Journalist der DDR in erster Linie "Funktionär der Partei der Arbeiterklasse [...], der mit journalistischen Mitteln an der Leitung ideologischer Prozesse teilnimmt." Presse, Rundfunk und Fernsehen sollten - in Übereinstimmung mit der Leninschen Pressetheorie - "als kollektive Agitatoren, Propagandisten und Organisatoren unseres sozialistischen Vormarsches" wirken.
Doch es kam anders. Die Medien der DDR leisteten nicht etwa der proletarischen Revolution Vormarsch, sondern dem aus SED-Sicht konterrevolutionären Umsturz vom Herbst 1989. Und paradoxerweise gerade weil sie so intensiv als sozialistisches Propaganda-Mittel benutzt wurden: Der Ideologie-Gehalt der DDR-Medien war gegen Ende der 80er Jahren so aufdringlich, daß er die Abwendung der DDR-Bürger von ihren Medien und ihre Hinwendung zu den Westmedien geradezu herausforderte.
Westmedien, das waren hier vor allem die bundesdeutschen Rundfunk-Programme, die Ende der 80er Jahre bis auf die Gegend um Greifswald und das "Tal der Ahnungslosen" um Dresden empfangen werden konnten - im Gegensatz zu Zeitungen und Zeitschriften, die nicht eingeführt werden durften und deshalb auch kaum erhältlich waren. Die westlichen Fernsehprogramme wirkten dabei auf zweierlei Art und Weise: Zum einen, indem sie über Werbung und Unterhaltungssendungen einen glamourösen westlichen way of life versprachen und damit die Unzufriedenheit vieler DDR-Bürger mit ihrem zunehmend bankrotten Wirtschaftschaftssystem erhöhten. Zum anderen, weil sie das Bedürfnis der Ostdeutschen nach kritischen Informationen über ihr Land stillen konnte, was umso wichtiger war, als die DDR-Medien diese Art der Information bis fast zuletzt nicht ansatzweise boten - selbst dann nicht, als kritische Information in anderen Ostblock-Staaten schon zum Alltag gehörte: .Noch 1988 verfügte die SED-Führung, "daß das Material der sowjetischen Auslandspresseagentur ‚Nowosti‘ nicht mehr zur Veröffentlichung benutzt werden darf." Dies erklärt, warum Ende der 80er Jahren die Hinwendung der DDR-Bevölkerung zu den West-Medien so hoch war, daß schätzungsweise 90 Prozent regelmäßig westdeutsche Radio- und Fernsehprogramme nutzten.
Der Umstand, daß im West-Fernsehen offen über die Entwicklungen in der DDR ab Sommer 1989 berichtet wurde und die Tatsache, daß dies so gut wie alle DDR-Bürger mitbekamen, waren letztlich die Voraussetzung für den wichtigen Anteil der Medien an der Wende von 1989. Dieser bestand mit den Worten von Mitgliedern der Bürgerbewegung vor allem darin, "daß ein kollektives Oppositionsbewußtsein unter den Aktiven gefördert sowie der Umbruchprozeß forciert wurde". Das heißt: Erst durch eine Berichterstattung, die die vereinzelten, für sich betrachtet ohnmächtigen Oppositionsgruppen zu einer massiven Oppositionsbewegung zusammenfaßte und diese den DDR-Bürgern als solche vor Augen hielt, konnte die Opposition schließlich tatsächlich jene kritische Masse erreichen, die die Wende ermöglichte: "Die Fernsehbilder der Demonstrationen ordneten diesen nicht nur ein Vielfaches an politischem Stellenwert zu [...]. Sie wirkten auch wie Verifikationen der Ereignisse, wie eine zusätzliche Bürgschaft für die Wahrheit dieser Botschaften." Und weil die großen Demonstrationen vor laufenden Kameras und damit vor den Augen der Welt stattfanden, konnte ein blutiges Eingreifen von Stasi und Militär verhindert werden, konnte die Wende als "friedliche Revolution" in die Geschichte eingehen.
Die Zukunft der Medien
... und konnte es zur Berliner Republik kommen, möchte man dem Verlauf der Geschichte folgen. In dieser sind wir nun angekommen. Mit uns die Medien: Kaum ein bedeutendes überregionales Medium der Bundesrepublik, das nicht in den letzten
Monaten sein Hauptstadtbüro, seine Hauptstadtredaktion in Berlin eröffnet hätte. Doch welche Zukunft erwartet sie hier? Werden die Medien ihr Erbe aus Bonn, Brüssel und Budapest antreten? Wenn ja, wie führen sie es fort? Welche Konsequenzen ergeben sich aus gewandelten Medien für die Gesellschaft? Welche neuen Risiken, aber auch Chancen tun sich auf? Das sind die Fragen, auf die es hier Antworten zu suchen gilt.
Die Zukunft des Bonner Erbes
Zunächst zum Bonner Erbe: Werden die Medien ihre "Rolle als Hüter der Demokratie" - um bei dem Begriff zu bleiben - in Berlin weiterspielen? Vieles deutet daraufhin. Die freie, die kritische Berichterstattung scheint nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Sie ist inzwischen auch in Ostdeutschland zur Selbstverständlichkeit geworden. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihrem umfassenden Informationsangebot hat das Bundesverfassungsgericht eine Bestands- und Entwicklungsgarantie gegeben. Die privaten haben erkannt, daß man allein mit Spielshows und Action auch nicht mehr auf die Quoten von einst kommt und setzen auf die Info-Offensive.
Was noch wesentlicher ist: ARD und ZDF haben ihr Hauptstadtstudio in Berlin und so gut wie alle wichtigen Tageszeitungen haben hier eine "Hauptstadt-Redaktion" eröffnet. Die politische Berichterstattung in Deutschland wird also in Zukunft eine Berichterstattung aus Berlin sein. Und Berlin, das ist zur guten Hälfte Ost-Deutschland. Das heißt zum einen, daß Ostdeutsche sich nun endlich auch in der Bundespolitik wiederfinden können - und sei es zunächst auf dem Umweg über die Orte, an denen Politik gemacht und vermittelt wird. Dieser Sich-in-den-Medien-wiedererkennen-Effekt, der in den 80er Jahren ganz maßgeblich für den unerwarteten Erfolg des lokalen Engagements von Zeitungen (Lokalteile, Landkreis-Ausgaben etc.) verantwortlich war, wird auch hier nicht ohne Wirkung bleiben: Ein Bürger, der sich und seine Umwelt in der politischen Berichterstattung wiederfindet, wird sich leichter mit seinem Land identifizieren können.
Zum anderen ziehen maßgebliche Journalisten nach Berlin - und sicherlich nicht alle nach Dahlem oder Grunewald. Sie stoßen in Berlin - und da die allermeisten aus Westdeutschland kommen - vor allem in Ostberlin auf eine Realität, die sie sich so wahrscheinlich nicht träumen ließen, als sie noch in ihren Redaktionen in München, Hamburg der Köln saßen. Eine Realität, die über kurz oder lang in ihre Berichterstattung Einzug halten und dazu führen wird, daß diese gesamtdeutscher - und das heißt in diesem Zusammenhang vor allem ostdeutscher - wird. Auch das kann das Verhältnis der Bürger zu ihrer Demokratie positiv beeinflussen.
Negativ hingegen wirkt sich eine andere Entwicklung aus, die in letzter Zeit immer deutlicher zutage tritt und die Möglichkeiten der Medien für die Stärkung der Demokratie doch eher fragwürdig erscheinen läßt: Es ist der "Bedeutungsverlust der Medien als Mittler politischer Information". Wie Marie-Luise Kiefer in ihrer Langzeitstudie zur Mediennutzung und -bewertung feststellt, werden die Medien immer weniger genutzt, um sich politisch zu informieren. "So weichen Jugendliche und junge Erwachsene zum Beispiel politischer Information im Fernsehen 1995 deutlich häufiger aus als 1990." Besonders stark scheinen diese "Informationsvermeidungsstrategien" bei Anhängern des privaten Rundfunks ausgeprägt zu sein. Was heißt dies für die Berliner Republik? Zumindest dieses: Die Gruppe der politisch-informierten Bürger, die ja nach klassischem Verständnis Grundlage einer funktionierenden Demokratie ist, wird deutlich kleiner werden. Wachsen wird die Gemeinde derer, für die die Berliner vor allem eine Spaßrepublik ist: Medien werden zunehmend zur Unterhaltung genutzt.
Die Zukunft des Brüsseler Erbes
Wie steht es mit dem Brüsseler Erbe der Medien? Europa wächst mehr und mehr zusammen und das macht sich auch auf dem Mediensektor bemerkbar - als stetig anhaltende Ver-Marktung. Information als Ware, die den Gesetzen des Marktes entsprechend gehandelt wird, auch das wird die Zukunft der Medien in der Berliner Republik sein.
So, wie es im Augenblick aussieht, wird auch in naher Zukunft das Angebot an Medien weiter steigen. Die Anzahl der empfangbaren Sender, die Zahl der Programmstunden wird sich weiter erhöhen, die Zahl der erhältlichen Zeitschriften und Buchtitel wird steigen - ganz zu schweigen von der noch immer explosionsartig anwachsenden Zahl an Internet-Sites. Dabei fragt man sich ja schon jetzt: Wer soll das Angebot denn nutzen? Wer hat überhaupt noch den Überblick über die gigantische Informationsflut, die täglich über einen hereinbricht? Und werden wir wirklich - wie viele ausmalen - bald so viel Freizeit haben, daß wir uns noch mehr als bisher der Mediennutzung hingeben können?
Vieles spricht dafür, daß in nicht allzu ferner Zukunft eine Sättigungsgrenze erreicht sein wird. Nicht zuletzt der Markt, dessen Gesetze ja nun auch für das Mediensystem zuständig sind, spricht eine deutliche Sprache: Wie in anderen Branchen, die sich auf übersättigten Märkten behaupten müssen, ist auch auf dem Mediensektor ein eklatanter Preisverfall zu beobachten. Wobei Preisverfall die Sache schon kaum noch trifft: Immer mehr Medien werden umsonst angeboten: vom privaten Hörfunk über das Privat-Fernsehen zur Zeitung an der U-Bahn reicht die Palette der Gratis-Medien - um vom Internet mit seinem immensen Info-Angebot einmal ganz zu schweigen.
Daß der Nulltarif natürlich eigentlich keiner ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Umsonst produziert niemand eine Zeitung oder ein Fernsehprogramm und wenn der Kunde beim Erwerb der Zeitung nicht zahlt, dann muß er es später an der Supermarktkasse tun: Mit jedem Produkt, das er erwirbt, finanziert er ja zugleich die entsprechende Werbekampagne. Doch damit nicht genug: Der Kunde zahlt nicht nur - über die Werbekosten, die ja zu wesentlichen Teilen in die Medien fließen - das Medienprodukt, das ihm als umsonst "verkauft" worden ist. Er muß auch noch mehr und mehr Werbung über sich ergehen lassen. Und die zunehmende Durchdringung der Medien mit Werbung verändert deren Charakter: Redaktionelle Inhalte werden mehr und mehr zum "Werbeumfeld" degradiert, nach Kriterien ausgewählt, plaziert und gestaltet, die sich in erster Linie nicht an den Bedürfnissen des Rezipienten, sondern an denen der werbetreibenden Wirtschaft ausrichten. Und "wir machen die Bekanntschaft mit ganz neuen Programmformen wie Game-Shows oder Teleshopping, die zu nichts anderem erfunden wurden als zur Anpreisung oder sogar zum direkten Verkauf von Produkten."
Was hat aber Brüssel mit alledem zu tun? Brüssel stand bisher in starkem Maße für die Kommerzialisierung der Medien und es wird dies auch in naher Zukunft tun. Die EU wird dafür sorgen, daß Werberichtlinien weiter vereinheitlicht und Konzentrations-Bestimmungen angeglichen werden. Deregulierung und Internationalsierung sind hier die Themen, denen sich die Union in vollem Umfang verschrieben hat. Und da Entscheidungen in ihr immer noch auf der Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners stattfinden, haben diese - zahlreiche Erfahrungen bestätigen es - nicht gerade das höchste Niveau.
Der Sturz der deutsch-österreichischen Buchpreis-Bindung, den die EU-Wettbewerbshüter mit so unglaublicher Vehemenz betreiben, ist nur ein - wenngleich überdeutliches - Anzeichen hierfür. Die EU wird wahrscheinlich erfolgreich sein und die Buchpreisbindung kippen. Dann herrscht zuletzt auch auf dem Buchmarkt das reine Gesetz des Marktes. Die Folgen lassen sich unschwer erraten: Anspruchsvolle, aber selten verlangte Belletristik wird es dann nicht mehr geben, genauso wenig wie die Buchhandlung in Hintertupfing. Aber Lebenshilfe-Texte für 2,50 DM bei Aldi - zwischen eingelegten Heringen und Pentium-PC.
Damit nicht genug: Das Erbe Brüssels ist gerade dabei, den Besitzer zu wechseln. Nicht mehr das Zusammenwachsen Europas, nein, das der Welt steht für die Zukunft auf dem Programm. Für den Medienmarkt bedeutet dies einen weiteren Kommerzialisierungsschub. Gigantische Medienkonzerne wie Bertelsmann oder das Murdoch-Imperium werden an die Stelle kleiner Verlage und Gesellschaften treten. Der Filmrechte-Handel wird weiter Aufschwung haben. Hollywood-Konzerne werden ihre aufwendigen (und teilweise ja auch anspruchsvollen) Produktionen ausnahmslos im Bundle verkaufen, nur wird es nicht beim heute üblichen Verhältnis von etwa 1:3 bleiben, sondern mit einem Qualitäts-Streifen werden 5 oder mehr C-Pictures im Paket liegen.
Die Zukunft des Brüsseler Erbes
Bleibt als drittes die Rolle der Medien als Revolutionäre. Hier gilt noch mehr als oben: Alles bleibt beim Alten und wird dennoch ganz neu. Denn ihre Rolle als Revolutionäre werden die Medien beibehalten, aber mit der Wende von 1989 hat die anstehende Kommunikationsrevolution nichts gemein. Diesmal verändern nicht die Medien ein politisches System oder haben maßgeblichen Anteil daran. Diesmal verwandeln sich die Medien selbst. Sie werden digital.
Begonnen hat der Prozeß der Digitalisierung bereits. Im Printbereich - Zeitungen und Zeitschriften hatten hier eine Vorreiterrolle - setzte er mit der Texterfassung und -bearbeitung ein. Schon Ende der 80er Jahren wurde diese zunehmend am Computer durchgeführt. Und bald wurde auch das Layout nicht mehr auf dem Papier, sondern am Computer entworfen. Heute sind die meisten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage dabei, auf digitalen Druck und digitale Fotografie und Bildbearbeitung umzustellen.
Auch der Rundfunk hat inzwischen seine ersten digitalen Kinderschritte hinter sich. Das Digital-Audio-Broadcasting wurde inzwischen erfolgreich getestet und auch das digitale Fernsehen ist - zumindest aus technischer Perspektive - bereits markttauglich. Der Boom des Internet - dieses digitalen Mediums par excellence - hat gerade eingesetzt.
Die Digitalisierung der Medien wird tiefgreifende Veränderungen zur Folgen haben, Umwälzungen, die es gerechtfertigt erscheinen lassen, von einer Revolution zu sprechen. So führt zum Beispiel die Digitalisierung des Rundfunks dazu, daß die Übertragungskapazitäten stark ansteigen. Die Zahl der übertragbaren Radio- und Fernsehkanäle wird also weiter zunehmen. Geradezu explosionsartig entwickelt sich das Informationsangebot im Internet. Der Möglichkeit, sich online über die ausgefallensten Dinge zu informieren, sind keine Grenzen gesetzt.
Apropos Internet. Mit diesem Medium erhöht sich nicht nur die Quantität, sondern auch die Vielfalt der Information - weil zu den klassischen Medien ein neues hinzutritt, das ganz spezifische, bisher nicht dagewesene Qualitäten mitbringt. Beim Internet ist dies zum Beispiel die Geschwindigkeit: Internet-Sites lassen sich jederzeit aktualisieren, sind also potentiell immer auf dem letzten Stand. Das Internet ermöglicht auch einen viel bequemeren Zugriff auf Informationen, als dies bisher möglich war: Ein Online-Dokument kann von zuhause aus und jederzeit heruntergeladen werden - von einer unbegrenzten Zahl von Menschen. "Das Buch ist leider ausgeliehen" - diesen Fluch der Gutenberg-Ära kennt das Internet nicht. Hinzukommt, daß das Privileg zu publizieren, das ja bisher nur einigen wenigen Journalisten zuteil wurde, mit dem Aufkommen des Internet einer breiten Masse zugefallen ist. Außerdem ist das Internet das erste Medium, das die Bezeichnung "global" voll und ganz verdient: Informationen auf einem europäischen Server sind in den USA genauso abrufbar wie in Japan oder Südafrika. Gerade letzteres hat weitreichende politische Konsequenzen: Eine Informationsabschottung, wie sie bisher für totalitäre Systeme typisch ist, wird in Zukunft so gut wie unmöglich werden.
Dies ist die eine, die positive Seite. Es gibt natürlich auch eine negative. So bringt beispielsweise die Explosion des Informationsangebotes die Gefahr einer Informationsüberlastung mit sich. Das vor kurzem noch so wertvolle Gut "Information" droht zunehmend zur Infoflut zu verkommen: Wie Dieter Weinrich feststellt, konnte eine mittelalterliche Klosterbibliothek das gesammelte Wissen ihrer Zeit noch in 600 Bänden unterbringen. "Heute stehen allein in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt auf kilometerlangen Regalen 14 Millionen Bände, und niemand wird behaupten, das sei die gesammelte Weisheit der Menschheit." Mit dieser Un-Menge von Wissen umzugehen, aus dieser unglaublichen Masse von Informationen die jeweils relevanten herauszuholen, wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft werden.
Problematisch ist, daß ein Teil der Bevölkerung für diese Herausforderung wesentlich besser gewappnet ist, als der andere, so daß die Kluft zwischen gut und schlecht informierten Bürgern weiter anwachsen wird: "Wer eine gute Ausbildung und hohe Medienkompetenz besitzt, politisch interessiert und vorgebildet ist, kann das erweiterte Medienangebot am besten nutzen. [...] Wer bisher schon in dieser Hinsicht unterprivilegiert ist, wird durch ein vermehrtes Informationsangebot nur überfordert."
Die Gefahr einer ansteigenden Wissenskluft wird noch dadurch größer, daß die Nutzung des Internet, das ja als das Zukunftsmedium überhaupt gilt, an eine besonders hohe Medienkompetenz gekoppelt ist: Wer sich ins Netz einwählen will, muß nicht nur über dieses selbst und seine Struktur Bescheid wissen, sondern außerdem eine gehörige Portion Computerkenntnisse mitbringen. Und er muß Geld genug auf der Tasche haben, um sich einen Computer leisten zu können. Denn ins Internet kommt man auch in naher Zukunft nur über den Personal-Computer. Öffentliche Rechner mit Internetanschluß, wie sie heute vereinzelt in Bibliotheken und ähnlichen Einrichtungen stehen, werden auch in den nächsten Jahren die absolute Ausnahme bilden.
Auch der ureigene Charakter der Medien der Zukunft verschärft das Risiko einer ansteigenden Wissenskluft: Weil sie digital sind, sind sie wesentlich leichter und perfekter manipulierbar als zu analogen Zeiten. Dies betrifft die Fotografie in Zeitung und Internet oder als bewegtes Bild im Fernsehen, das ja bisher als authentischer Spiegel der Wirklichkeit galt, nicht zuletzt deshalb, weil es - im Gegensatz zum geschriebenen oder gesprochenen Text - nur mit großem Aufwand und in schlechter Qualität verfälscht werden konnte. Mit digitalen Methoden sind Bildmanipulationen hingegen so gut zu machen, daß sie nur schwer als solche zu erkennen sind. Und in Form von Simulationen tauchen realitätsgetreue, wenngleich computergenerierte Bilder vermehrt in den Medien auf. "Die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Wahrheit und Täuschung wird dadurch immer schwieriger." Differenzieren kann nur, wer über eine gehörige Portion Medienkompetenz verfügt.
Fazit
Und das zeigt letztlich eines: Medienkompetenz wird zu einer zentralen Anforderung an den Bürger der Berliner Republik: Die Medien haben ihr Erbe aus Bonn, Brüssel und Budapest in die Berliner Republik mitgenommen. Hier spielen sie ihre alten Rollen vor neuer Kulisse - das ergibt ein neues Stück. Noch ist dessen Ausgang offen. Ob es ein guter wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob möglichst alle Menschen dieser Republik die Fähigkeit besitzen, Medien zu ihrem Besten zu nutzen.
Philip Quéau schrieb, der digitale Code sei "eine neue 'Schrift', die von allen beherrscht werden sollte, wenn sich zwischen den gebildeten und allmächtigen Hohepriestern und den digitalen Analphabeten [...] nicht immer tiefere Gräben bilden sollen." Ich würde sagen: Es wird an den Politikern unserer Generation sein, den sozialen Rollstuhlfahrern der Berliner Republik eine Spur auf der neuen Datenautobahn zu reservieren.
Matthias Sommer
Verwendete Literatur