Bundesdeutsche Gesellschaft zwischen Akzeptanz und Ignoranz?

Ausgewählte Aspekte zum Umgang mit rußlanddeutschen Aussiedlern

Beitrag für das Buchprojekt:

DIE JUNGE BERLINER REPUBLIK ZWISCHEN BONN, BRÜSSEL UND BUDAPEST

von

Karsten Roesler

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Der Autor, Jahrgang ‘69, Doktorand und Stipendiat der Friedrich-Naumann Stiftung, hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Staatlichen Universität St. Petersburg Politikwissenschaft, Slavistik (Russisch) und Neuere Geschichte studiert. Seit 1997 M.A., leitet er ehrenamtlich die Forschungssektion ‘Osteuropa’ der Arbeitsstelle für Interdisziplinäre Deutschland- und Europaforschung (AIDE) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.

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Der Buchtitel >Junge Berliner Republik zwischen Bonn, Brüssel und Budapest< ist ebenso spannend wie erklärungsbedürftig. Warum, so möchte man fragen, sind es gerade die genannten drei Städte, die den thematischen Rahmen der Untersuchung definieren? Die Festlegung auf Bonn, ehemalige Bundeshauptstadt in rheinischer Beschaulichkeit und Sinnbild eines gewachsenen deutschen Demokratiebewußtseins, mag kaum verwundern: Bonn gilt als bestandene Reifeprüfung der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Sachen Demokratie und Bescheidenheit und erhebt zu Recht Anspruch auf einen angemessenen Platz in den deutschen Geschichtsbüchern. Nachvollziehbar ist auch die Einbeziehung Brüssels. Die belgische Metropole, von der Hauptstadt unseres westlichen Nachbarstaates zum europäischen Machtzentrum mehr katapultiert denn gereift, weist uns den Weg ins gemeinsame Haus Europa und wird allein deswegen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Budapest schließlich, und dies wird niemand ernsthaft bestreiten wollen, läßt sich seit dem couragierten Auftreten der freiheitsliebenden Magyaren nicht länger auf seine touristische Bedeutung reduzieren: Immerhin wurden die ‘rostigen Stellen’ des Eisernen Vorhanges von der ungarischen Regierung um Außenminister Gyula Horn nicht nur erkannt, sondern ausgeschnitten und durch wahrhaft erfrischende Öffnungen ersetzt - ungeachtet aller Drohungen der alternden sozialistischen Brüder in der damaligen DDR.

Aber ist mit diesen Erklärungen bereits alles gesagt, kann mit diesem Verständnis dem Blickwinkel aller Beiträge ausreichend Rechnung getragen werden? Wohl kaum, denn der Titel enthält einen Teilaspekt, der erst bei näherer Betrachtung ins Auge fallen mag, obwohl gerade hier ein wesentlicher Gesichtspunkt im Verborgenen liegt. Die Spezifikation der Berliner Republik als junge Republik nämlich deutet auf ein Charakteristikum hin, das auch diesen Beitrag unmittelbar betrifft - zumindest insoweit, als man den Begriff ‘jung’ mit Äquivalenten wie ‘arm an Lebenserfahrung’, ‘unvoreingenommen’, ‘unbelastet’, ‘unverbraucht’ und vor allem ‘lernfähig’ für angemessen umschrieben hält. Dann drängen sich Fragen auf, die in erster Linie die Jugendlichkeit der Berliner Republik zum Gegenstand haben: Besteht darin nicht eine vielleicht einmalige Chance zum Aufbruch und zur Neuorientierung für ganz Deutschland, oder wird letztlich doch die Mentalität des unreflektierten ‘weiter so’ die Oberhand behalten, die besonders im Westen spürbar ist und sich allein durch die ‘siegreiche’ Beendigung des Kalten Krieges ausreichend legitimiert sieht? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die zwar vergrößerte, aber noch lange nicht geeinte Gesellschaft? Ist auch sie bereit und imstande, ihren Beitrag zum verantwortungsbewußten ‘Erwachsenwerden’ zu leisten?

Als Indikator zur Bemessung der vermuteten gegenwärtigen Jugendlichkeit, um bei der gewählten Terminologie zu bleiben, dient der schwierige Umgang der bundesdeutschen Gesellschaft mit in Deutschland lebenden ethnischen Minderheiten. Im Wissen um die Komplexität dieser Frage wird der Beitrag verengt auf die problematische Identitätsfindung und -wahrung der rußlanddeutschen Bevölkerung im Spannungsfeld zwischen alter und neuer Heimat, oder, um es in globaler Dimension auszudrücken, im Spannungsfeld zwischen Ost und West.

Die eigentliche Intention dieses Textes jedoch liegt weniger in der streng wissenschaftlichen Bearbeitung eines migrationsspezifischen Problemfeldes, als vielmehr darin, um eine Formulierung von Klaus J. Bade aufzugreifen, einen Beitrag zum "doppelten Dialog" zwischen Migrationsforschung und Gesellschaftspolitik zu leisten. Ein solcher Dialog, basierend auf der praktischen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Politik zur Bewältigung anstehender Probleme, mindestens aber zur Schadensbegrenzung, kann, und dessen ist sich der Autor vollauf bewußt, nur insoweit fruchtbar sein, als die geübte Kritik als konstruktiv begriffen wird.

Ein möglicher inhaltlicher Einwand, daß die bevorzugte Bearbeitung der "Geiseln der deutsch-russischen Entfremdung im 20. Jahrhundert", wie Valerij Gilmanov die Rußlanddeutschen ebenso treffend wie pathetisch umschreibt, angesichts der Vielzahl bereits seit Jahren -ja wenn nicht gar Jahrzehnten- in Deutschland lebender Türken und Angehöriger anderer Minderheiten nicht den Kern des Problems trifft, ist nicht nur wenig überraschend, sondern einkalkuliert. Zwei gewichtige Gegenargumente seien daher schon jetzt benannt:

Es kann nicht sein was nicht sein darf: Deutschland (k)ein Einwanderungsland?

Der massenhafte Zuzug rußlanddeutscher Aussiedler aus der GUS nach Deutschland zeichnet in erster Linie dafür verantwortlich, daß endlich auch in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit ein Erkenntnisprozeß eingesetzt hat, auf dessen Resultat die Migrationsforschung bereits seit Jahren verweist: Deutschland ist, allen gegenteiligen Verlautbarungen zum Trotz, faktisch längst zu einem Einwanderungsland geworden. Gut sieben Millionen hier wohnhafter Ausländer, bislang mehrheitlich tabuisiert und an die Peripherie der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung gedrängt, sind zu einem unübersehbaren demographischen Faktum geworden..

Dem ‘bewanderten’ bundesdeutschen Beobachter ist längst klar, was zumindest Teilen der politischen Entscheidungsträger im Land offensichtlich lange im Verborgenen blieb: Der Begriff ‘Multikulti’ ist weit mehr als nur ein Szenebegriff verträumter Visionäre und Idealisten, ‘Multikulti’ ist zum gesellschaftspolitischen Realität geworden - der normativen Kraft des Faktischen sei Dank!

Wie kaum ein anderes Beispiel eignet sich das neue Staatsbürgerschaftsrecht, genauer, die Debatte um die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft, als Beleg des allmählichen Bewußtseinswandels in Politik und Gesellschaft. Diese Debatte hat zwar, weil stark polarisiert und von parteipolitischen Interessen dominiert, an Pragmatismus und Sachlichkeit vermissen lassen, darf in ihrer Gesamtheit aber dennoch als Ausdruck des aktuellpolitischen Handlungsbedarfs gewertet werden. Nicht zufällig wird der, bedeutungsschwer zum ‘Jahrtausendwechsel’ vollzogene Aufbruch in die Staatsbürgernation, übrigens realisiert in Anlehnung an das Optionsmodell der F.D.P, selbst von der konservativen Presse als eines der wichtigsten Gesetze gerühmt, das in den letzten Jahrzehnten in Deutschland verabschiedet wurde. Daran vermag auch der Spott der türkischen Medien nichts zu ändern, die mit Blick auf die weiterhin bestehenden Unzulänglichkeiten des Gesetzeswerks, hier vor allem im Bereich der Nachweisführung von Deutschkenntnissen, in Richtung der Bundesregierung voller Sarkasmus prophezeiten: "Bald werden sie von uns verlangen, dass wir deutsche Volkslieder singen."

Der zweite Grund für die hier praktizierte Hinwendung zum rußlanddeutschen Paradigma besteht darin, daß diese Bevölkerungsgruppe, sofern einmal in Deutschland angekommen, in Anwendung des Art. 116 GG "als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes" anerkannt gilt. Hier liegt der eigentliche qualitative Unterschied im Vergleich zu dem rechtlichen Status anderer Migrantengruppen - Rußlanddeutsche sind sowohl vor dem Gesetz als auch ihrem Selbstverständnis nach Deutsche, auch wenn ihre Jahrhunderte währende Auswanderung, bekanntlich ein Ergebnis des Werbens der russischen Zaren Peter des Großen und Katharina der Zweiten, dies für viele Bundesbürger kaum nachvollziehbar erscheinen läßt. Das ist um so bedauerlicher, als viele Rußlanddeutsche in ihren traditionellen Siedlungsgebieten an der Wolga, an der Schwarzmeerküste, auf der Krim, in Westsibirien oder auch im nördlichen Kasachstan nicht nur an ihrer deutschen Identität festhielten, sondern außerdem über Generationen hinweg ihr ureigenes Bild von Deutschland als alter Heimat tradierten. Wer dies verkennt, der verleugnet nicht nur längst unstrittige historische Wahrheiten, sondern verschließt sich zudem der interessanten Frage, inwieweit sich das Deutschlandbild einer exterritorialen Minderheit im Moment ihrer Rückkehr noch mit der gegenwärtigen Verfaßtheit Deutschlands vereinbaren läßt und welche Konsequenzen daraus auch und gerade für die bundesdeutsche Bevölkerungsmehrheit abzuleiten sind.

Doch damit nicht genug, denn "die Waisenkinder der zerbrochenen Völkerehe" [zwischen Deutschland und Rußland, der Autor], wie Gilmanov die remigrierten Rußlanddeutschen an gleicher Stelle gewohnt anschaulich umschreibt, konfrontieren die Bundesrepublik spätestens im Moment der Ankunft in der sogenannten ‘Urheimat’ mit ihrer historischen Verantwortung für den ‘entfremdeten Nachwuchs’. Einer Verantwortung, die als Ergebnis der ungeliebten und lange verdrängten Vaterschaft Deutschlands im Grunde genommen zeitlebens bestand, nun aber plötzlich in neuer Qualität und erschreckender Deutlichkeit zu tage tritt. Vorbei sind die Zeiten, als man das ‘Sorgerecht’ für die Rußlanddeutschen, selbstverständlich immer unter Verweis auf den politischen Status Quo der Nachkriegsjahrzehnte und die unbedingte Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines souveränen Staates, stillschweigend und einvernehmlich der Sowjetunion bzw. dem alternden Mütterchen Rußland überließ.

Rußlanddeutsches Identitätsbewußtsein als Integrationshemmnis?

Unabhängig davon, ob sich ein politikwissenschaftlich orientierter Aufsatz vorwiegend der Identitätsproblematik der deutschen Minderheit in der GUS zuwendet oder analog dazu die rußlanddeutsche Bevölkerung in Deutschland thematisiert - die grundlegende Hypothese, daß beide Gruppen über ein ebenso ausgeprägtes wie vielschichtiges Identitätsbewußtsein verfügen, primär charakterisiert durch ein aus westlicher Sicht anachronistisch anmutendes Deutschland- und Heimatbild, wird sich nur schwerlich in Abrede stellen lassen. Die daraus resultierenden Problemstellungen und Konsequenzen für die jeweiligen Lebenssituationen sind gravierend - ganz gleich, ob in einem von der russischen Bevölkerungsmehrheit dominierten Siedlungsgebiet oder aber in der neuen ‘alten Heimat’ selbst. So ist zu beobachten, daß die besondere Akzentuierung der rußlanddeutschen Identität in der GUS, ob bewußt oder unbewußt, eine zweifache Funktion wahrnimmt: die äußere Abgrenzung von einem andersethnisch dominierten Umfeld einerseits und die innere Festigung durch die Besinnung auf eigene Spezifika in kultureller, sprachlicher und religiöser Hinsicht andererseits. Paradoxerweise sind die Parallelen im Falle einer Übersiedlung nach Deutschland und im Vergleich zu der hiesigen Lebenssituation unübersehbar. Auch ungeachtet der zumeist nur geringfügigen qualitativen Veränderungen des individuellen Identitätsbewußtseins im Verlauf des Migrationsprozesses wird die eigene Identität in der Bundesrepublik, wohl nicht zuletzt in Abhängigkeit von Erfolg und Mißerfolg des Integrationsverlaufs, nicht selten als dezidiert rußlanddeutsch interpretiert und somit neuerlich zu einem Mittel der Ab- und Ausgrenzung - nun allerdings von der deutschen Bevölkerungsmehrheit.

Wird nun, wie in den vergangen Jahren häufig geschehen, Rußlanddeutschen von offizieller Seite eine wichtige Mittlerrolle zwischen Rußland und Deutschland zuerkannt, oder, wie Altbundespräsident Richard von Weizäcker es formulierte, die Funktion einer "Brücke der Verständigung" zugewiesen, dann ist dafür ein deutlicher Bewußtseinswandel unabdingbar. Eine Brücke muß, so ihr denn auf Dauer eine verbindende Funktion zugedacht wird, beiderseits des Flusses bzw. der Grenze auf festem Fundament gebaut sein.

Soll bedeuten: Die Rußlanddeutschen werden dieser verbindenden Funktion nur dann gerecht werden können, wenn ihnen das selbstbewußte Bekenntnis zu beiden Lebenswelten, also zu ihrer Vergangenheit in Rußland wie auch zur Gegenwart und Zukunft in Deutschland ungenommen bleibt. Hier ist die bundesrepublikanische Gesellschaft von ihrer Mitverantwortung nicht ausgenommen: Entgegen der bis dato vorherrschenden Meinung bleibt zu hoffen, daß Integration von der Mehrheit der Bevölkerung auf Dauer nicht als gleichbedeutend mit der vollständigen und vor allem kritiklosen Assimilation an das hiesige Leben angesehen wird und infolgedessen auch nicht länger der alleinigen Zuständigkeit der Zuwanderer zugeschrieben wird. Daher ist den mahnenden Worten Jochen Welts, MdB und Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, nur zuzustimmen - Integration ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, unverzichtbar für das Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft. Dafür bedarf es einer möglichst großen Mitwirkung aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte!

Ein Appell, den es angesichts der verbreiteten Ermüdungserscheinungen, oder, um eine Formulierung Bismarcks aufzugreifen, den es angesichts der ‘Saturiertheit’ vieler Bundesbürger durchaus ernst zu nehmen gilt, zumal sich das Migrationsproblem nicht allein auf Deutschland reduzieren läßt. Die Parallelen zum Stimmungsbild in West-Europa in den frühen 1990er Jahren sind unübersehbar - die Angst vor einem steigenden Wanderungsdruck aus dem Osten Europas wie auch aus der ‘Dritten Welt’ nährten auch hier apokalyptische Visionen von einer Festung Europa, umbrandet von neuen Völkerwanderungen.

Doch zurück nach Deutschland: Der niedersächsische Landkreis Cloppenburg beispielsweise, noch vor wenigen Jahren für seine vorbildliche Integrationsarbeit bundesweit gerühmt, beklagt mittlerweile einen unübersehbaren Stimmungswandel in Teilen der einheimischen Bevölkerung. Besorgniserregend, wenn auch nicht repräsentativ, ist ein Flugblatt anonymer rechtslastiger Phrasendrescher, das vor gut zwei Jahren mit Slogans wie "Deutsche wehrt Euch" und "Deutsche rüstet auf’" die Bewohner der Ortschaft Garrel unweit von Cloppenburg aufschreckte und gegen die rußlanddeutschen Neubürger zu mobilisieren suchte. Zwar läßt die zentrale Forderung nach einem "kleinen Hitler, der es uns ermöglicht, wieder ruhig durch unseren Ort gehen zu können" keinen Zweifel an der gesellschaftlichen Abseitsstellung der Initiatoren zu, deren Aus- und Abgrenzungslogik eben nicht die Rußlanddeutschen isolierte, sondern ausschließlich die Verfasser selbst - ob dies allein jedoch bereits zur beruhigten Rückkehr der aufgeschreckten Bürger in ihr gewohntes Alltagsgeschäft berechtigt, ist zweifelhaft.

Integrationsfähigkeit der Gesellschaft: Reifeprüfung für Europa?

Wo genau sind Anfang und Ende eines Integrationsprozesses zu suchen und welche Möglichkeiten zur Mitwirkung bieten sich der alteingesessenen Bevölkerung? Beginnt Integration erst mit der Ankunft im Gastland, oder sind bereits im Vorfeld integrationsfördernde Maßnahmen denkbar? In einem erweiterten Kontext ist außerdem zu beleuchten, wie ‘europa-fähig’ die Deutschen wirklich sind, wenn der europäische Einigungsprozeß einerseits die Abkehr vom Nationalstaatsgedanken und der Nation als Identifikationsmerkmal impliziert, andererseits aber bei einem Teil der Bevölkerung eine erschreckende Anfälligkeit gegenüber Überfremdungsphobien zu konstatieren ist. Die reflexartige Überbetonung des ‘Eigenen’ bei gleichzeitiger Ausgrenzung des ‘Fremden’ gibt hier berechtigten Anlaß zur Sorge und ist sicher kein diskutabler Lösungsansatz - weder auf einzelstaatlicher noch auf gesamteuropäischer Ebene.

Wer diese Einschätzung nicht zu teilen vermag, die hier kritisierte dichotome Grundhaltung für übertrieben, wenn nicht gar für falsch hält, dem sei die öffentliche Diskussion über die Aussiedlerproblematik in Erinnerung gerufen. Selbige gewann Mitte der neunziger Jahre angesichts damaliger Aussiedlerzahlen von jährlich bis zu 220.000 Personen deutlich an Schärfe und reduzierte sich häufig in bester Stammtisch-Tradition auf die Meinung, bei den Aussiedlern handele es sich um keine richtigen Deutschen mehr. Unschöne Aussagen etwa dergestalt, daß lediglich der ‘Besitz eines deutschen Schäferhundes’ noch kein hinreichender Beweis der deutschen Nationalität sei, fanden immer weitere Verbreitung und bezeugten gravierende Informationsdefizite bei vielen Bundesbürgern. Das Lexem >Aussiedler<, zwischenzeitlich zum Reizwort in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit mutiert, wurde gleichzeitig auch Oberbegriff für die Vielfalt gebräuchlicher Termini zur Bezeichnung der Deutschen aus der früheren Sowjetunion. ‘Auslandsdeutscher, Sowjetdeutscher, Sowjetuniondeutscher, Rußlanddeutscher, Deutschstämmiger Sowjetbürger’, daneben aber auch ‘Emigrant, Umsiedler, Spätaussiedler, Vertriebener und Wirtschaftsflüchtling’ sind nur einige Beispiele der damals üblichen Bezeichnungen. Die Begriffsvielfalt läßt erahnen, in welchem Maße auch die Aussiedler selbst verunsichert sind, welche Schwierigkeiten ihnen die Selbstdefinition bereiten muß. Waren sie in der früheren Sowjetunion aufgrund der schrecklichen Erfahrungen vieler Russen mit Nazi-Deutschland generell als Kollaborateure stigmatisiert und sahen sich indes mit Beschimpfungen und Benachteiligungen, ja wenn nicht gar mit Deportationen und Arbeitslagern konfrontiert, so werden sie in Deutschland in Unkenntnis dieser traumatischen Lebenserfahrungen vorschnell mit Russen gleichgesetzt und als solche wahrgenommen.

Nachteilig wirkt sich daneben die ethnozentrische Haltung vieler Bundesbürger aus: So gründet ihr Vorwurf, bei den Zuwanderern aus Osteuropa handele es sich um keine richtigen Deutschen mehr, in erster Linie auf dem Vergleich der jeweiligen Kultur und Lebensformen. Die eigene Lebensform, die Tradierung spezifischer Moralvorstellungen, Sitten und Gebräuche wird von vielen Bundesdeutschen zum Axiom des ‘einzigen und wahren Deutschseins’ erhoben und gilt als alleiniger Maßstab seiner Beurteilung. Eine solche Denkweise ist für den Umgang von Majoritäten mit Minoritäten generell zwar nicht atypisch, übersieht jedoch, daß die Aussiedler aus der früheren UdSSR durchaus über ihre eigene deutsche Identität verfügen, auch wenn diese nicht zwangsläufig in allem mit der bundesdeutschen übereinstimmen muß. Anschaulich wird dies am Beispiel der Kontroverse um die deutsche Kollektivschuld an den Geschehnissen von 1933-1945 sowie den daraus resultierenden Schwierigkeiten der Bundesdeutschen bei der Vergangenheitsbewältigung und der Identitätssuche. Rußlanddeutsche haben sich dieser sensiblen Frage nicht zu stellen, denn sie gehörten, obwohl gänzlich unbeteiligt, häufig bis Mitte der 80er Jahre zu den Leidtragenden dieses schrecklichen Kapitels deutscher Geschichte. Der Umkehrschluß daraus ist für das bundesrepublikanische Selbstverständnis ebenso brisant wie unbequem: ‘deutsch sein’ (und erst recht ‘rußlanddeutsch sein’), so die simple Folgerung, ist nicht generell gleichbedeutend mit ‘schuldig sein’.

Exkurs: Sühne ohne Schuld? Der Leidensweg der Rußlanddeutschen

"War es ein Fehltritt der Geschichte, der Tausende von Deutschen im 18. Jahrhundert nach Rußland auswandern ließ?" so die provozierende und letztlich verneinte Frage von Eugen N. Miller, selbst rußlanddeutscher Abstammung und Chefredakteur der in Uljanovsk erscheinenden Zeitung ‘Rundschau’ in einem Artikel der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’. Die Geschichtswissenschaft gibt Anlaß genug, dieser Einschätzung mit Skepsis zu begegnen, denn im historischen Kontext hat sich die Qualität der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland respektive der UdSSR als dominierende Größe der Lebensbedingungen der deutschen Minderheit erwiesen - Grund genug also, der Geschichte hier einen Fehltritt zu attestieren. Die Beweisführung fällt nicht schwer angesichts der schrecklichen Erfahrungen des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahrzehnte:

Als Reaktion Stalins auf den Einmarsch der deutschen Wehrmacht (1941) sahen sich alle im Lande lebenden Deutschen pauschal dem Vorwurf der Kollaboration mit den Nationalsozialisten ausgesetzt, die Wolgarepublik wurde aufgelöst und alle im westlichen Teil der UdSSR lebenden Deutschen nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien deportiert. Bis zum Besuch Adenauers in Moskau (1955), der bekanntlich u.a. zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR führte, war nur wenig über eine mögliche Verbesserung des Schicksals der Rußlanddeutschen bekannt. Erst der Erlaß der sowjetischen Regierung "Über die Aufhebung der Beschränkung in der Rechtsstellung der Deutschen und ihrer Familienangehörigen, die sich in Sondersiedlungen befinden," infolgedessen die Deutschen aus den Arbeitslagern der Trudarmee entlassen wurden, bedeutete einen ersten Schritt in Richtung der sukzessiven Rehabilitierung. Der nächste Schritt ließ ganze zehn Jahre auf sich warten: Am 29. August 1964 sprach die Sowjetregierung per Erlaß die Deutschen von dem kollektiven Vorwurf der Kollaboration mit den Nationalsozialisten frei, bezeichnenderweise unter Hinzufügung der lapidaren Begründung, daß "das Leben gezeigt habe, daß die pauschalen Beschuldigungen unbegründet und ein Ausdruck der Willkür unter den Bedingungen des Personenkults Stalins waren." Erst zu diesem Zeitpunkt, also 23 Jahre nachdem die schweren Anschuldigungen erstmalig erhoben worden waren, erfolgte die offizielle Rehabilitierung. Das Recht auf die Rückkehr in die heimatlichen Gebiete blieb von diesen Erleichterungen jedoch noch weitere acht Jahre ausgenommen.

Das wahre Ausmaß dieser Tragödie wird erst dann nachvollziehbar, wenn man sich als Vergleichsmoment die damalige Situation in Deutschland in Erinnerung ruft. Zwar ist unbestritten, daß Deutschland massiv unter den Folgen der Teilung und -gerade in den 60er Jahren- den Folgen des Mauerbaus litt, aber ein Vergleich mit dem kollektiven Leid der Deutschen in Rußland ist damit sicher nicht gerechtfertigt. Immerhin war den Westdeutschen unter Bundeskanzler Adenauer und Wirtschaftsminister Erhard innerhalb weniger Jahre ein kaum für möglich gehaltener Wohlstand beschert, und auch in der damaligen DDR unter Generalsekretär Ulbricht vollzog sich ein allmählicher Wandel von der anfänglichen Etablierung des Staatswesens hin zu seiner Stabilisierung.

Angesichts dieser ungleichen Lebensbedingungen kann nur schwerlich bezweifelt werden, daß die Rußlanddeutschen allein aufgrund ihrer Nationalität unverhältnismäßig zu leiden hatten - fast ist man geneigt, sie als die eigentlichen Leidtragenden der Nachkriegsjahrzehnte zu betrachten. Wer mag es den betroffenen Menschen daher heutzutage verübeln, wenn sie von der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit kaum Gebrauch machten und auch bei dem zu Sowjetzeiten obligatorischen Paßeintrag zumeist der russischen Nationalität den Vorzug vor der deutschen gaben?

Die Antwort der Politik: Programmatik statt Pragmatismus

Schlimmer noch: Wie ist die gegenwärtig im Aufnahmeverfahren übliche Konzentration auf die Sprachkompetenz ausreisewilliger Rußlanddeutscher zu rechtfertigen, die durch Sprachtests in den Siedlungsgebieten ermittelt wird und anhand derer man Qualität und Intensität des Bekenntnisses zur deutschen Ethnie glaubt festmachen zu können? Viktoria von dem Bussche hat in einem bemerkenswerten Artikel in der ‘ZEIT’ diese fragwürdige Praxis zu Recht als "Abwehrwaffe Nummer eins" gegeißelt und damit das Problem auf den Punkt gebracht. Wieso bedarf es einer ‘Abwehrwaffe’ gegen rußlanddeutsche Migranten, so ist zu fragen, wenn gleichzeitig immer wieder betont wird, das ‘Tor für Rußlanddeutsche’ bleibt offen?

Das Primärziel der Sprachtests, das niemand offen benennt und dennoch jeder kennt, besteht aus einem spürbaren Rückgang der Aussiedlerzahlen. Die Effizienz dieses, auf Restriktionen gründenden politischen Instruments, steht außer Frage: Die jährlichen Aussiedler zahlen sind stark rückläufig, die nackten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache - das Ziel scheint erreicht. Wann und inwieweit allerdings der Vertrauensverlust in die Glaubwürdigkeit der Politik unter den betroffenen Menschen zu kompensieren sein wird, ist aus den offiziellen Statistiken leider nicht ersichtlich. Warum auch?

Treuebeweis der etwas anderen Art: Endogamie statt Exogamie

Bei zerstreut lebenden exterritorialen Minderheiten wie den Deutschen in der GUS spielt die Frage nach der Nationalität des Ehepartners eine wichtige Rolle, da eine rein deutsche Familie "eher am Erhalt der eigenen Gemeinschaft, Pflege der Sprache, Weitergabe von Traditionen und Kindeserziehung interessiert sein dürfte, als eine ethnisch gemischte Familie." Die Chance zur Weitergabe typischer Merkmale deutscher Nationalität ist, ebenso wie das Risiko ihrer Verlustwerdung, nicht nur im gesellschaftlichen Leben, sondern auch im privaten Bereich gegeben. Demzufolge lassen sich, in Abhängigkeit der Einstellung der Rußlanddeutschen zu Mischehen, Rückschlüsse darauf ziehen, inwieweit sich die Nationalität der Ehepartnerin und des Ehepartners sowohl auf ihr Heiratsverhalten als auch auf den Bestand der Ethnie insgesamt ausgewirkt hat. Steht im Falle exogamer Tendenzen eine weitere Schwächung zu erwarten, oder aber ist es gerade der vermeintlich endogamen Grundstimmung zuzuschreiben, daß sich die Rußlanddeutschen nie vollständig an ihr fremdethnisches Umfeld assimilierten? Aktualität und Umfang der in diesem Kontext durchgeführten Studien lassen zwar keine allgemeingültigen Schlüsse zu, gewähren aber zumindest einige interessante Einblicke. So kommen zwei unabhängig voneinander durchgeführte Studien mit rußlanddeutschen Spätaussiedlern Mitte der achtziger Jahre übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß über 90 Prozent der Respondenten in einer rein deutschen Ehe lebten beziehungsweise für die eigene Tochter oder den eigenen Sohn einem deutschen Partner den Vorzug geben würden. Bedenkt man zudem, daß Kategorien wie Alter und Ausbildung die Einstellung der Befragten zur Endogamie nur unwesentlich beeinflußten, so tritt das Primat der Nationalität noch deutlicher zutage. Warum dieses klare Bekenntnis zum Erhalt der rußlanddeutschen Ethnie, und dieser Einwand muß gestattet sein, bei der Bemessung einer eventuellen Ausreiseberechtigung eine untergeordnete Rolle spielt, erscheint fragwürdig und ist kaum nachvollziehbar.

Integriert oder isoliert? Momentaufnahmen aus Deutschland

Wird nun die Untersuchung auf die Situation rußlanddeutscher Aussiedler in Deutschland ausgedehnt, so sieht man sich mit der Frage konfrontiert, inwieweit das bereits für die Lebensumstände in der GUS signifikante Spannungsfeld von Integration versus Isolation auch in der neuen ‘alten’ Heimat eine Fortsetzung erfährt, oder ob, wie eigentlich naheliegend, die Integrationsschwierigkeiten der Zuwanderer aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Nation im Vergleich zu andersethnischen Migrantengruppen nur temporärer Natur sind. Die Bedeutung dieses Problems steht außer Frage, denn in Abhängigkeit von seiner Lösung eröffnen sich zwei antinomische Optionen der Ausgestaltung des Integrationsprozesses. Sollte sich allein der Besitz eines deutschen Passes für eine problemlose Integration als ausreichend erweisen, dann käme dies einer Entlastung der staatlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und privaten Träger von Integrationsmaßnahmen gleich. Ähnlich dem physikalischen Prinzip der Diffusion bestünde in diesem Fall berechtigter Grund zur Annahme, daß die bundesdeutschen und die rußlanddeutschen Spezifika im Moment ihres ungesteuerten Aufeinandertreffens miteinander diffundierten, also automatisch zu einem ausgewogenen Verhältnis zueinander gelangen würden. Die Verwendung des Konjunktiv erfolgt hier nicht von ungefähr, denn die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben diese Hypothese eindeutig widerlegt: Der Besitz eines deutschen Passes hat sich für die Integration der Aussiedler zwar als förderlich, nicht jedoch als ausreichend erwiesen.

Der erstgenannte Ansatz hingegen, der von einer Fortdauer des Spannungsfeldes sowie -als Konsequenz daraus- der Notwendigkeit flankierender Integrationsmaßnahmen von Politik und Gesellschaft ausgeht, ist realitätsnäher und entspricht der gängigen Praxis. Dennoch liegt die Schwierigkeit wie so häufig im Detail: Analog zur Komplexität des Begriffs der ethnischen Identität kann sich auch die Bewertung der Frage ‘Integriert oder isoliert?’ nicht lediglich an ein objektives Kriterium anlehnen, sondern muß die Gesamtheit möglicher Faktoren ebenso berücksichtigen, wie deren subjektive Wahrnehmung und individuelle Gewichtung durch den einzelnen Aussiedler selbst. Kurzum: Eine unstrittige Definition des Integrationsprozesses ist ebenso schwierig, wie die genaue Abgrenzung der diesen Prozeß bestimmenden Einzelkriterien. Peter Hilkes vom Osteuropa-Institut in München ist diesem Problem im Rahmen einer Aussiedlerbefragung durch die Formulierung "Angenommen, jemand wie Sie möchte (...) in die Bundesrepublik ausreisen. Was glauben Sie, wovon wird er enttäuscht sein?" angemessen begegnet. Von insgesamt sieben ermittelten Antwortkategorien entfielen die meisten Antworten auf die Sorge vor der drohenden Arbeitslosigkeit (68,1%), gefolgt von der Befürchtung unzureichenden Kontakts zu den in der Heimat verbliebenen Verwandten und Freunden (64,7%) und der Angst davor, keine deutschen Freunde zu finden (51,6%). Erst mit deutlichem prozentualen Abstand wurden eventuelle Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache (30,5%) oder Enttäuschungen über das Gehalt (4,7%) genannt.

Stichwort Familie: Hemmschuh oder Bindeglied im Akkulturationsprozeß?

Für die meisten Rußlanddeutschen bildet die Familie auch in Deutschland den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Im Unterschied zu dem Gros einheimischer Familien herrschen in den Aussiedlerfamilien häufig noch patriarchalische Strukturen vor, die sich primär in der traditionell geprägten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau widerspiegeln. Relevante Entscheidungen werden zwar zumeist im Familienverbund getroffen und sind für alle Familienmitglieder bindend, das letzte Wort aber hat in der Regel der Familienvater, dessen Machtposition auf der ökonomischen Abhängigkeit der Familie von seinen Einkünften gründet. Die ausgeprägten zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie sind für die Integration in die neue Umgebung problematisch, da das Leben in Deutschland in wesentlich höherem Maße individualisiert ist, als in den traditionellen Siedlungsgebieten im fernen Sibirien oder Kasachstan - ein Problem, vor dem sich rußlanddeutsche Zuwanderer häufig durch ihre freiwillige Ghettoisierung zu schützen suchen. Der Rat für Migration, angetreten mit dem Anspruch, Bundestag und Bundesregierung in ihrer Arbeit wissenschaftlich zu begleiten, umschreibt dieses Phänomen treffend mit der Formulierung eines "Rückzugs in ethnische Wir-Gruppen."

Zwar ist die Bedeutung der Familie als wichtige Stütze bei der Eingewöhnung in die neue soziale Umgebung unbestritten, gleichzeitig aber ist anzunehmen, daß gerade den Jugendlichen unter den Rußlanddeutschen aufgrund der Intensität familiärer Bindungen beim Eintritt ins Berufsleben oder bei der sozialen Orientierung nicht die Möglichkeit gegeben ist, sich im notwendigen Maße individuell zu entfalten. Die Konflikte, die aus einem solchen Spannungsverhältnis erwachsen können, sind nicht zu unterschätzen, wie u.a. das Beispiel der erschreckend hohen Gewaltbereitschaft belegt. Das Bemühen vieler Jugendlicher ‘dazuzugehören’, das ihnen ein hohes Maß an Konformität und ‘Verwestlichung’ abverlangt, steht in direktem Widerspruch zu der durch die Eltern vermittelten und in der Familie praktizierten Lebensform. Auch den Eltern bereitet die Übernahme bundesdeutscher Lebensweisen durch die eigenen Kinder Schwierigkeiten, weil sie sich dadurch der vermeintlichen Rückständigkeit ihrer überlieferten Wertvorstellungen in der neuen Umgebung gewahr werden.

Hier jedoch empfiehlt sich auf Seiten der bundesdeutschen Gesellschaft und der politischen Elite einmal mehr die kritische Selbstreflexion: Kann etwa der steigenden Kriminalitätsrate unter rußlanddeutschen Jugendlichen nicht mittels eines ganzheitlichen Konzepts wesentlich effizienter begegnet werden, bei dem nicht die Verbrechensbekämpfung mit den dafür zur Verfügung stehenden polizeilichen und rechtsstaatlichen Mechanismen im Vordergrund steht, sondern die präventive Verbrechensvermeidung, die auf einer vermehrten Berücksichtigung eben dieser Problemfelder basiert? Diskutable Ansätze zur Neuorientierung gibt es genügend - über Erfolg und Mißerfolg jedoch entscheidet nicht allein die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen, sondern vor allem ihre Akzeptanz in der Gesellschaft und die Teilhabe der Gesellschaft selbst. An diesem Punkt aber eröffnet sich mit dem möglichen Interessenkonflikt von Majorität und Minorität ein Folgeproblem, dem nur schwerlich zu begegnen ist. Wie ist es um die Toleranz der Majorität bestellt, wenn -wie etwa bei der Kontroverse um die Einführung des Wohnortzuweisungsgesetzes- ihre Interessen im direkten Widerspruch zu denen der Zuwanderer stehen? Ist die Durchsetzung der Mehrheitsinteressen die automatische Folge, oder sind Alternativen denkbar? Im gegebenen Fall fällt die Antwort eindeutig zugunsten der Majorität aus: Das Wohnortzuweisungsgesetz, das rußlanddeutsche Aussiedler für einen Zeitraum von zwei Jahren nach ihrer Übersiedlung an einen ihnen zugewiesenen Wohnort bindet und von dieser Restriktion nur dann befreit, wenn an einem Wohnort eigener Wahl sowohl ein Arbeitsplatz als auch eine Wohnung nachgewiesen werden kann, trägt den berechtigten Interessen derjenigen Städte und Gemeinden Rechnung, die über Jahre hinweg eine deutlich überproportionale Zuwanderung zu verkraften hatten. Die betroffenen Rußlanddeutschen hingegen, und auch das ist verständlich, fühlen sich dadurch eines ihrer wesentlichen Grundrechte (freie Wahl des Wohnortes) beraubt, denn ihnen ist zumindest für zwei Jahre die Möglichkeit genommen, zu ihren bereits ausgesiedelten Familienangehörigen zu ziehen. Die eigens geschaffene Härtefallregelung sorgt hier zwar für eine gewisse Linderung, der fade Beigeschmack der Erinnerungen an die traumatischen Erfahrungen aus der Zeit der sowjetischen Kommandatur aber bleibt.

Schlußbetrachtung

Mit Blick auf die eingangs formulierten Leitfragen ist festzuhalten, daß die junge Berliner Republik im Kontext der Integration andersethnischer Minderheiten ihre Jugendlichkeit eher als Chance denn als Problem begreifen sollte. In einem bereits rund zehn Jahre andauernden zeitgeschichtlichen Prozeß, in dem die Deutschen in Ost und West noch immer auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sind und sich nach wie vor darin gefallen, eher das Trennende zu beklagen denn das Verbindende zu benennen, muß endlich auch ein gesamtgesellschaftlicher Konsens zum Umgang mit andersethnischen Minderheitengruppen gefunden werden. Dabei wird eine öffentliche Debatte, sofern mit der gebotenen Seriosität geführt und an einer wirklichen Problemlösung interessiert, kaum die hier vertretene Hypothese ignorieren können, daß die bundesdeutsche Bevölkerungsmehrheit Integration nicht länger als Assimilation interpretieren darf, sondern selbst dazu aufgerufen ist, sich mit der Geschichte der Zuwanderer und ihren spezifischen Lebensumständen auseinanderzusetzen. Der Grundstein einer erfolgreichen Integration, so die Quintessenz des Beitrages, liegt in der Aufgeschlossenheit gegenüber der Ganzheitlichkeit der Biographien der Einwanderer - die Negierung der Lebensabschnitte in der GUS, von den Aussiedlern als Preis einer schnellen Integration zu zahlen, ist nicht nur ignorant, sondern kontraproduktiv: Wem nicht glaubhaft das Gefühl vermittelt wird, in seinen Sorgen, Ängsten und Erfahrungen ernst genommen zu werden, der schafft sich seine eigene Subkultur, zieht sich in die ‘innere Emigration’ zurück und wird für die Gesellschaft damit eher zu einer Gefahr, denn zu einer Bereicherung.

Transferiert man diese Problemkonstellation von der deutschen Ebene auf die supranationale Ebene des zusammenwachsenden Europa, so besteht gerade im Hinblick auf die Vision eines ‘Europa der Völker’, das selbst eine Art Multikulti-Staatsvolk von rd. 450 Millionen Menschen umfassen wird, und eben nicht eines ‘Europa als Staatenbund’, berechtigter Anlaß zur Sorge. Wie nämlich, so sei abschließend gefragt, soll sich eine auf Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Nationalitäten und Kulturen gründende gesamteuropäische Identität entwickeln können, wenn schon die zwischenethnischen Probleme auf einzelstaatlicher Ebene gegenwärtig nahezu unlösbar erscheinen?

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Kurzfassung:

Die Junge Berliner Republik steht am Scheideweg: will sie unter Mitwirkung breiter Bevölkerungsschichten die Vision eines einigen Europas realisieren, dann erscheint es unabdingbar, zunächst an der Lösung innerstaatlicher Probleme zu arbeiten. Weder die Delegierung ungelöster Problemfelder von der deutschen in die gesamteuropäische Verantwortung noch das reine ‘Aussitzen’ bilden hier ein tragfähiges Konzept für die Zukunft. Ein Beispiel des aktuellpolitischen Handlungsbedarfs besteht in dem Umgang der bundesdeutschen Gesellschaft mit andersethnischen Migrantengruppen. Wie am rußlanddeutschen Paradigma aufgezeigt, wird Integration häufig mit der Forderung nach Assimilation an die hiesigen Wert- und Moralvorstellungen gleichgesetzt, ohne jedoch die Biographien der Einwanderer ausreichend zu berücksichtigen. Wird als Gegenleistung für einen erfolgreichen Integrationsprozeß von den Immigranten die Lossagung von früheren Lebenserfahrungen erwartet, so sind Trotzreaktionen die Folge. Parallel- oder Subkulturen als mögliche Konsequenz sind dabei nur das kleinere Übel - die wirkliche Gefährdung für die Gesellschaft besteht in dem zu befürchtenden Rückzug in die innere Emigration, in der Ghettoisierung und vor allem in der steigenden Gewaltbereitschaft der Zuwanderer. Diesen Gefährdungen kann nur durch einen Bewußtseinswandel in der Gesellschaft wirksam begegnet werden: Akzeptanz statt Ignoranz, so die einfache Formel für Deutschland auf seinem Weg nach Europa.

Summary

The relocated federal government in Berlin stands at a cross-roads. If it chooses to achieve the vision of a united Europe with the co-operation of every level of the population, then it seems indispensable to find first a solution to internal problems. Neither pawning off exclusively German problems on the European Union or sitting out completely provide workable concepts for the future.

One example of the current political climate is the German society's handling of minority immigrant groups. In the case of the Russian-German paradigm, integration is frequently considered to be equal to assimilation of the local values and morals without, however, fully considering the background of immigrants. Are immigrants expected to renounce their ethnic identity as a repayment for successful integration. Regardless of the intent, this is often the result. Coexistent cultures or subcultures are lesser evils - the real danger for society is the feared backlash towards internal emigration causing the 'ghettoisation' and, worse yet, the increasingly willingness of immigrants to turn to violence.

Only through society's change of consciousness can these threats be addressed: Acceptance instead of ignorance - this is the formula for Germany on its way into a united Europe.

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