John Philipp Siegel, Jahrgang 1976,
studiert Verwaltungswissenschaften an der Universität Potsdam.
"Orange mit ein bißchen grau"
Ostdeutschland und das Erbe der DDR in der Berliner Republik
(Schulanfänger aus Berlin-Hohenschönhausen in der ZEIT, 1996)
Einleitung
"Willkommen in Berlin – Hauptstadt der DDR" prangte es an den Autobahnzufahrten noch vor wenigen Jahren, als Budapest für die Bewohner dieser Stadthälfte noch die Hauptstadt eines sozialistischen "Bruderstaates" und Brüssel wie Bonn unerreichbar waren.
Deutschland und Europa waren geteilt, damals anscheinend für noch sehr lange Zeit. Doch der realexistierende Sozialismus sollte schon bald von diesem Kontinent verschwinden.
Die Verfechter einer Ideologie hatten sich selbst und die Menschen überschätzt, überfordert und betrogen - die hohle Fassade war eingestürzt.
Die Deutsche Demokratische Republik starb in der Nacht zum 3. Oktober 1990. Sie verlor ihre Merkmale als Staat, da ihr Volk, ihr Gebiet und ihre Gewalt (Formulierung) auf die Bundesrepublik Deutschland übergingen Stimmt so nicht: Volk ging nicht auf die BRD über, die von jenem Tag an nicht mehr die gleiche (?) sein sollte wie die der ersten vierzig Jahre ihrer Existenz.
Leicht lassen sich Indizien dafür finden, dass ihr Verschwinden von der Bühne der Geschichte nicht vollkommen war. Exemplarische Stichworte dafür sind die oft glossierte "Ostalgie" oder die Rolle, welche die PDS heute im deutschen Parteiensystem spielt.
Der faktische Untergang der todtkranken DDR datiert von der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 mit der Entscheidung für die klar auf schnelle Vereinigung zielende "Allianz für Deutschland" aus neuen und alten Mitte-Rechts-Parteien. Deren Spitzenkandidat hieß schon wenige Monate nach "Wende" und Maueröffnung und ein halbes Jahr vor der förmlichen Vereinigung in Wirklichkeit Helmut Kohl, (und nicht Lothar de Maizière.) anders formulieren
Auch wenn es die DDR nicht mehr gibt, so beeinflussen die physischen und psychischen Folgen ihrer Existenz heute doch wesentlich die deutsche Gesellschaft, vom Solidaritätsbeitrag bis zu den unterschiedlichen politischen Kulturen in Ost und West.
Die junges Generation sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, deren Ursachen und Wirkungen im folgenden dargestellt und eingeordnet werden sollen.
Zum Umgang mit der Vergangenheit
Die DDR entstand im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges als künstliche Staatenbildung aus dem Machtkalkül der UdSSR und der SED heraus. Jedoch verbanden mit ihr viele ihrer Bürger einen Idealismus, der sich aus dem Willen speiste, die Zerstörungen des Krieges zu beseitigen und deren Ursachen zu überwinden. Die DDR sollte ein friedliebender Staat und Garant dafür sein, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehe. Dies war die Grundlage der Selbstdarstellung der Mächtigen und Selbstwahrnehmung der Menschen, die in der DDR lebten und einer belasteten Generation angehörten. Dass dieser Idealismus im Widerspruch zum realexistierenden Stalinismus mit Verfolgung und Internierungslagern, mit Propagandaschlachten und Ausgrenzung stand, ist ein Grundkonflikt der DDR-Geschichte, insbesondere was die vermeintliche Abgrenzung der DDR vom Nationalsozialismus betraf. Das totalitäre Prinzip, das dahinter stand, war ein ähnlichesDie beiden Systeme glichen sich / waren sich in vielem (sehr) gleich. Auch ihre Machthaber glaubten sich im Besitz des Steines der politisch Weisen und an ihr Recht, ihren Glauben mit Gewalt durchzusetzen.
Tatsächlich hat es fand eine konsequente, systematische Aufarbeitung der Nazivergangenheit nie gegebenstatt. Dies Das war auch gar nicht möglich, weil Partei und Staat sich zu den Parallelitäten in Ursache und Wirkung politischen Handelns hätten stellen einräumen müssen – sie wären durchschaubar worden.
Zu Vergleich und Vergleichbarkeit der beiden deutschen Diktaturen ist in Form einer gesellschaftlichen Debatte wenig argumentiert worden. Es gibt Gemeinsamkeiten(, etwa der totalitäre, eschatologische Charakter des Politischen,) Satzstellung ändern und Unterschiede. Die physischen und psychischen Opfer des DDR-Regimes sind zahlreich, doch ihre Zahl scheint gering im Vergleich zur unvorstellbaren Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Dieser Diskurs Debatte soll hier nicht ausgebautfortgeführt, aber doch angeregt werden, weil in Ostdeutschland die Illusion noch immer verbreitet ist, ob unterschiedlichen Ausmaßes und Intensität der Gewalt der Diktaturen seien sie nicht vergleichbar. Das ist falsch, und der Konflikt, der den notwendigen Erkenntnissen und Lehren vorausgeht, darf nicht gescheut werden – auch und gerade auf individueller Ebene im Gespräch zwischen den Generationen.
Auch in der Bundesrepublik gab und gibt es zweifellos Defizite bei der Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit und des damit verbundenen Unrechts, der Schuld Einzelner. Erst die Umwälzungen von 1968, also mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende, und die Debatten in deren Folge führten zu einer breiten Diskussion über Schuld und Verantwortung – getragen von einer Generation, die Krieg und Holocaust nicht mehr verdrängen konnte und wollte.
Die DDR hatte kein 1968, auch 1989 war nichts ähnliches, weil es hier große Teile des Volkes über Generationengrenzen hinweg Menschen mehrerer Generationen waren, die sich von ihrer Gegenwart befreiten, sich jedoch nicht von einer Vergangenheit zu distanzieren suchten.
Die totalitäre Vergangenheit blieb und bleibt weitgehend objektiv unbetrachtet und subjektiv unbewertet – durch diejenigen, die sie erlebten und mitverschuldeten. Die Erkenntnis, dass es sich bei der DDR um einen Unrechtsstaat handelte und dies moralisch verurteilenswert ist, hat sich bei wenigen Ostdeutschen durchgesetzt, ja sie ist kaum reflektiert, sondern verdrängt worden. Diese psychologischen Mechanismen erinnern tendenziell an die unmittelbare Nachkriegszeit, obgleich die Traumatisierungen zu jener Zeit ungleich umfassender und konkreter waren.
Ihre Wirksamkeit kann nur durch eine systematische Aufarbeitung – Vorschläge und Beispiele entsprechender Methoden gibt es zur Genüge (etwa der Täter-Opfer-Ausgleich, Wahrheitskommissionen usw.)– durchbrochen werden.
Dies setzt jedoch Bereitschaft zu Selbstkritik und Konfliktbereitschaft bei den Ostdeutschen voraus, die eben nicht pauschal verurteilt und angeprangert werden sollen, sondern so ihr Selbstbewußtsein durch Selbsterkenntnis von Fehlern und deren Ursachen und Wirkungen, von Erhaltenswertem, von Verantwortung für die und aus der Vergangenheit wiederherstellen sollen (Satzbau). Hinweise aus dem Westen der Republik sind nicht immer hilfreich, die Verantwortung für die Aufarbeitung und den Umgang damit muss den Ostdeutschen selbst überlassen bleiben. Weil dies beispielsweise bei den Mauerschützenprozessen nicht der Fall war, ist war der Beitrag zur selbstkritischen Aufarbeitung auch gegen Null tendiertentsprechend dürftig und hat im Gegenteil dazu geführtbeigetragen, dass jene Gehör und Zustimmung erhielten, die von "Siegerjustiz" sprachen.
Statt dessen geht der Selbstbetrug weiter, die Schuld für aktuelle Missstände wird abgewälzt (auf wen?), denn schon ist es nicht mehr die DDR-Planwirtschaft mit ihren Fehlleistungen, welche ursächlich für die Probleme am Arbeitsmarkt verantwortlich ist, sondern die Politik der Bundesregierung oder beispielsweise die. Vereinbarungen des Einigungsvertrages. Schuldzuweisung nach dem Motto "Haltet den Dieb!" und Verdrängung eigener Verantwortung gehen Hand in Hand. Selbstverständlich dürfen dadurch Fehlentscheidungen, die nach Wende getroffen worden sind, nicht relativiert oder gar ausgeblendet werden.
Als besondere Herausforderung im Umgang mit der Vergangenheit stellt sich der Widerspruch der politischen zu den individuell-lebensweltlichen Erfahrungen dar, die so gar nicht in das Bild vom schrecklichen Unrechtsstaat passen wollen. Dazu zählt der gemeinschaftliche Zusammenhalt, die (von wem?) vielzitierte Solidarität, die den Alltag prägte – die "kleine Gefälligkeit am Rande", ohne Frage nach Entlohnung oder Ausgleichsleistung. Diese symphatische, harmonische und zweckmäßige Hilfsbereitschaft (heute spektakulär besser: publikumswirksam oder medienwirksam von Kommunitaristen und sonstigen Anhängern der "Bürgergesellschaft" als tugendhaftes Ideal postuliert) gehörte nämlich auch zur Realität der DDR. Das ist eine Erfahrung, die für fast alle Menschen dortOstdeutschen wesentlich konkreter war als die Staatssicherheit, die Haft in Bautzen oder der Schießbefehl an der Mauer.
Zur politischen DDR-Erfahrung
Beachtlich war die in der DDR beobachtbare zu beobachtende Entpolitisierung der Bürger. Man zog es vor, sich ins Private zurückzuziehen, da man doch angesichts von Bürokratie und Ignoranz politisch ohnehin nichts bewirken konnte Verweis auf die Biedermeier-Zeit? Parallelen zu den wohlstandsgesättigten Westdeutschen der fünfziger Jahre?.
Frustration und Resignation gingen damit einher, nicht zuletzt bei denen, die der DDR eigentlich eine Chance geben und ein Gegenmodell zum Kapitalismus konstruieren und realisieren wollten.
Dazu gehörten etwa jene, die nach Krieg und Gefangenschaft voller Enthusiasmus an den Wiederaufbau des "neuen Deutschlands" gingen oder jene, denen die DDR Aufstieg durch Bildung ermöglicht hatte. Die Loyalität zu Staat und Partei wurden aberjedoch gerade denen unmöglich gemacht, die kritisch Missstände benannten – nicht um der DDR zu schaden, sondern um ihr und ihren Menschen zu nützen. Diese Idealisten wurden oft durch systemimmanente Barrieren gestoppt, insbesondere wenn sie nicht anpassungsfähig oder –willig waren (oder einfach nur undiplomatisch). Tendenziell betrafen diese Frustrationen jeden DDR-Bürger, etwa im Bereich bei der Versorgung mit Konsumgütern, wo Anspruch und Wirklichkeit z.T. verheerende Missverhältnisse aufwiesen besser:: oftmals i krassen Widerspruch standen?, elementarste (?) Bedürfnisse nicht befriedigt wurden.
Die fehlenden Möglichkeiten zur Artikulation von Enttäuschung und Kritik ("voice option") oder gar zur Abschaffung der grundlegenden Ursachen mussten, da man ja auch nicht einfach das Land verlassen konnte ("exit option"), zwangsläufig zu politischer Apathie weiter Teile des Volkes und dem Aufstau anders formulieren: von Veränderungswünschen in den Köpfen/ ... der Ostdeutschenführen.
Wagte jemand doch die stille oder offene Auseinandersetzung mit dem System oder seinen Repräsentanten, so bekam man schnell und deutlich die engen Grenzen der Menschen- und politischen Rechte aufgezeigt – mit psychischer und physischer Gewalt.
Repression, von der Verweigerung von Studienplätzen für Unbeugsame bis zur Einzelhaft und Folter in Bautzen, war in der DDR nicht die Ausnahme, auch wenn im öffentlichen Bewußtsein nicht allgegenwärtig. Ein perfektes Überwachungssystem aus Staatssicherheit, Polizei-"Abschnittsbevollmächtigtem" und "Hausgemeinschaftsleiter" sorgte dafür, dass jede oppositionelle Tätigkeit früh erkannt, gut beobachtet und wirksam bekämpft werden konnte. Individuelle Menschenrechte von der allgemeinen Würde des Menschen bis zum Schutz der Privatsphäre vor staatlichen Eingreifen wurden so, mehr oder weniger merklich, ständig missachtet. Viele wußten, dass Briefe geöffnet und Telefongespräche abgehört wurden –, man gewöhnte sich daran und berücksichtigte es.
Neben der Omnipräsenz von Partei und Staat von der Wiege bis zur Bahre in Massenorganisationen und am Arbeitsplatz drang der Staat ins Private vor., wovor sich die Bürger, die unbehelligt bleiben wollten, zogen sich weiter zurückzogen.
An folgendem ließ der DDR-Staat durch Reden und Handeln und durchaus ideologisch untermauert keinen Zweifel: an der Allzuständigkeit und Allverantwortlichkeit des Staates und mit ihm der Partei. Die SED hatte ein Monopol auf Fragen und Antworten. Auf seine Entmündigung reagierte der Bürger mit Bequemlichkeit und Heuchelei, Nischenbildung oder Widerstand Welcher? Wie sah der aus?.
Systematisch und nach ihren Maßstäben erfolgreich setzte die SED die Säkularisierung der DDR-Gesellschaft durch. Die - zu allen Zeiten von Spitzeln unterwanderte - Kirche war als Ort des gemäßigten, aber doch beharrlichen Widerstands gefürchtet, mit ihren ausgeprägten Westkontakt verfügte sie über Ressourcen zur kritischen Reflexion. Die SED-Propanda hatte es in diesen Kreisen schwer, da sie auf grundsätzliches Misstrauen und zum Teil offenen Widerstand stieß, gegen den sie nur bedingt vorgehen konnte. Unter dem halböffentlichen Dach der Kirche bildeten sich jene Institutionen, die es in der Öffentlichkeit nicht gab und geben konnte, die sich jedoch zu einer jedoch Opposition formierten und Kritik übten. Die Neuen Sozialen Bewegungen der Bundesrepublik deuteten sich hier an, etwa Umwelt- und Friedensbewegung. Die DDR hatte unerhörten Raubbau an der Natur betrieben, von der rücksichtslosen Zerstörung der Landschaft durch den Braunkohletagebau bis zur Gewässerverschmutzung und dem (wodurch verursachten? Waldsterben ist Folge)Waldsterben. Gewiss gab es diese Erscheinungen auch in der Bundesrepublik, doch artikulieren konnte sich Widerstand gegen die Ursachen (Wo? In der BRD?)nicht. Das hätte am modernen Verständnis der Partei der industriellen Arbeiterklasse gerüttelt, sie zu Selbstkritik gezwungen, die für sie unerträglich war. Postmaterialistische Werte (wie z.B....)waren der SED, ihrerseits Inkarnation des Materialismus, grundsätzlich diametral entgegengesetzt und forderten sie heraus.
Doch Ihr fehlten die Antworten, denn sie hatte längst die Fähigkeit , auf die Herausforderungen einzugehen, die sich ihr stellten, einzugehen,hatte sie längst verloren. Die Problemlösungskompetenz (auch hässliches Wort...)verarbeitungskapazität des politisch-administrativen Systems war inzwischen derart minimiert, dass diese enormen Anforderungen durch dieses nicht mehr zu erfüllen waren.
Die Friedensbewegung, die sich in Kirchenkreisen formierten, waren ebenso ein Affront gegen das Grundverständnis der DDR, nach der "der Friede bewaffnet sein" müsse. Die Kosten der Militärmaschinerie - Geld, Umweltzerstörung und Raub der individuellen Freiheit durch Wehrpflicht faktisch ohne Ersatzrecht – führten zu Fragen nach deren Verhältnismäßigkeit und Sinn angesichts der atomarern Bedrohung. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den diabolischen Werkzeugen der Zerstörung konnte angesichts fehlender Kontrolle durch die Öffentlichkeit und unabhängige Gerichte nicht garantiert werden. Die Herrscher reagierten an dieser Stellein dieser Frage äußerst empfindlich. Einer Friedensbewegung bedurfte es ihrer Ansicht nach nicht, denn die Herrschaft der "Partei der Arbeiter und Bauern" und die Armee des Volkes waren ihrerseits der beste und einzige Garantdie besten Garnten des Friedens. Andere Vorstellungen mussten dies bezweifeln und waren so (in der Lesart der herrschenden Klasse)automatisch gegen die "Friedenspolitik der DDR" gerichtet. Der antagonistische Charakter dieser Politik des Friedens angesichts der Allgegenwärtigkeit des Militärischen konnte der willige Beobachter durchaus erkennen. Zwar verfehlte die Anti-Nato-Propaganda ihren Zweck nicht, doch die unentwegte Zurschaustellung militärischer Potenz ging über Abschreckung offensichtlich hinaus. Über die Rolle des Soldaten und moralische Fragwürdigkeiten seines eventuellen Einsatzes, herrschte –natürlich– Denkverbot, ebenso über die offensichtlich nationale Schlagseite der DDR-Propaganda. In Patriotismus gekleidet ("Vaterland", "Heimat DDR") nutzte sie die nicht zu leugnende integrierende Kraft agitatorischer Komplexitätsreduktion.
Das Handeln der Altherrenclique der "Partei- und Staatsführung" war durch von Ignoranz, Abschirmung vor objektiven Information und ideologisch-dogmatischer Verblendung geprägt. Während das Politbüro Neubauwohnungen auf der grünen Wiese (?) an die Bevölkerung "übergab", verfielen ganze Stadtteile aufgrund fehlender Instandhaltung. Die Menschen nahmen dies wahr, während die Medien unentwegt von neuen Erfolgen, Fortschritten und Planerfüllungen "berichteten".
Die Unglaubwürdigkeit allen Staatlichens Handelns wurde so immer größer, teilweise bis zur Grenze der Lächerlichkeit oder darüber hinaus. Oft wurde, für viele leicht durchschaubar, schlichtweg die Unwahrheit gesagt. Der politische Witz feierte große Erfolge und entfaltete seine destruktive Kraft. Die SED und ihre Verbündeten auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Gesellschaft, mit Ausnahme des Sports, verloren so den Rest des Respekts und der Legitimität – Ausnahme des Sports (einzige Ausnahme war der stets im höchsten Maße geförderte Leistungs(?)Sport,.
Offensichtlich und für jeden spürbar waren die Mängel im Wirtschaftssystem. Beschäftigungsmängel(Wdh., genauer: zu viele Arbeitnehmer oder zu viele Arbeitsplätze oder...?) gingen zu Lasten der Produktivität, selbstverständlich angesichts vermeintlicher, postulierter Vollbeschäftigung.
Leistungsanreize gab es kaum, auch das Prämiensystem (genauer, Beispiel)verschleierte dies nur.
Von der technologischen Entwicklung, etwa in der Informations- und Kommunikationstechnologie, war die DDR zuletzt abgekoppelt. Der Anschluss war im Laufe der 70er und 80er Jahre unaufholbar verloren gegangen. Aber dass die Strukturen Innovationen ermöglichen oder gar fördern sollten war ausgeschlossen, angesichts von Resignation und Frustration gerade in der wissenschaftlich-technischen Elite, die Mängel natürlich besonders schnell und deutlich spürteerkannte. Innovationsdruck durch Wettbewerb und Konkurrenz war ein Fremdwort, Zu Innovation zwingender Wettbewerb und Konkurrenz gab es nicht, Die real existierende Marktwirtschaft fand man lediglich es sei denn auf Schwarzmärkten oder in Intershops.
Die ständige Konfrontation mit den "Segnungen" der westlichen Konsumgesellschaft durch Westmedien oder Bekannte und Verwandte jenseits des Eisernen Vorhangs, der durch das Fernsehen luzide geworden war, ließ für die DDR-Bürger keine Zweifel an der Rückständigkeit der DDR-Wirtschaft aufkommen, auch wenn die DDR-Medien wider besseren Wissens (bis zuletzt) das Gegenteil behaupteten.
Nicht wenige Menschen wurden, sei es aus politischen, sei es aus materiellen Gründen, zu "Antragstellern", wollten dem Land den Rücken kehren, obgleich sie mit erheblichen Repressalien zu rechnen hatten.
Angesichts zunehmend offensichtlich werdender Mängel des Systems und der Reformunfähigkeit in Verbindung mit der dreisten Ignoranz von Staat und Partei, waren Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Ernüchterung und Frustration die Kennzeichen der politischen Grundstimmung der DDR der 80er Jahre.
Deshalb war es selbstverständlich, dass eine Vielzahl von DDR-Bürgern jede sich bietende Chance nutzen würdengenutzt hätte, ihre Träume im Westen zu verwirklichen.
Zum Untergang der DDR
Während 1953 die Abhängigkeit von der Sowjetunion und deren Prärogative über das politische Handeln in der DDR deutlich mit Panzern und Gewalt demonstriert wurde, als das Volk zum ersten Mal aufbegehrte, hatte sich die Welt Ende der 80er Jahre grundlegend geändert: einzelne Verbündete, allen voran die UdSSR mit Gorbatschows "Glasnost und Perestroika", hatten sich der "normativen Kraft des Faktischen" gebeugt (gut!), der Kritik ihrer Bürger geöffnet bzw. ihrem Widerstand nachgegeben und Verantwortung für grundlegende Veränderungen übernommen, die letztlich überall in Europa zum Untergang des "realexistierenden Sozialismus" in seinern staatlichen Form / Gestalt (?) europäischen Versuchen führten.
Als mit der Ausreisewelle im Sommer 1989 und deren medialem Transport in die Wohnzimmer der DDR deutlich wurde, dass man von den Herrschenden nach wie vor keine wirkliche (Kritik und) Selbstkritik nicht von den Herrschenden zu Erwarten hatte, nahm das Volk bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und vergleichbaren Aktionen überall in der DDR die Verantwortung und damit seine Souveränität in die Hand, verlangte Rechenschaft und Perspektiven von denen, die es regieren wollten.
Der gesamte Stau von (bzw. Die) angestaute Frust(ration)Frustrationen und die Hoffnung auf neue Perspektiven unter demokratischen Bedingungen setzten ungeahnte Energien frei, mit dem sich das Volk seine die Rechte zurückholen wollte, die ihm von seinen Machthabern bislang vorenthalten worden waren.
Die Initiative und die Institutionalisierung (wovon?)trugen kritische und aus Erfahrung misstrauische Minderheiten aus inner- und ausserkirchlicher DDR-Opposition, politisierte DDR-Frustrierte, wie z.B. Ingenieure und Naturwissenschaftler.
Der "Runde Tisch" als typische Institution der Wende setzte die Beteiligung aller politischen Gruppen an der allgemeinverbindlichen Willensbildung und Entscheidungsfindung durch, bis die ersten freien Parlamente gewählt waren, nicht zuletzt auf kommunaler und regionaler Ebene.
Die DDR-Bürger machten interessiert und engagiert politische Erfahrungen.
Die Allgegenwart der politischen Diskussion am Arbeitsplatz und in der Familie, in der Universität und Schule, im Fernsehen und in der Zeitung verdeutlichte den einmaligen Zustand außergewöhnlicher Politisierung einer gesamten Gesellschaft. Viele lernten jetzt, offen die Meinung zu sagen, da es politisch ungefährlich war.
Natürlich pluralisierten sich zunehmend Ziele und Wege der Akteure. Die Bürgerbewegung hatte schnell ihre Mindestforderungen (Sicherung der Grundrechte, freie Wahlen) durchgesetzt und spaltete sich aufgrund unterschiedlicher Ideale und Schwerpunktsetzungen auf (in welche Gruppierungen? Wer waren die prominenten Vertreter bzw. die Leitideen?).
Dies brachte eine Erfahrung mit sich, auf die gelernten die in demokratischen Dingen noch unerfahrenen DDR-Bürger ebenfalls nicht vorbereitet waren: Konflikte. Sie hatten nie gelernt, den Konflikt als selbstverständlich zu begreifen, unterschiedliche Interessen als legitim und die Tatsache anzuerkennen, dass Kompromisse nicht selten schwer oder gar nicht zu erreichen sind, ja, dass der Kompromiss und dessen Anerkennung das wesentliche Merkmal und Instrument der Demokratie ist. Plötzlich wurde um Macht gekämpft, die traute Gemeinsamkeit des einstigen Kampfes zerbröckelte. Einige mussten lernen, dass sie sich für ungeeignete Organisationsformen oder Methoden entschieden hatten. Erwartungen wurden auch hier zahlreich enttäuscht. (GUT!)
Mit den Ereignissen desdem 9. Novembers 1989 setzte der Paradigmenwechsel ein, der sich am anschaulichsten mit dem Wandel der Losungen von "Wir sind das Volk!" zu "Wir sind ein Volk!" illustrieren läßt.
Alsbald wurden die Tagespolitik von der Frage der Einheit überschattet (inwiefern?)und mit dem Ausgang der Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990 war die Frage entschieden.
Die Umsetzung des Votums "Wir sind ein Volk" und "Keine Experimente" (Alt bekannt aus den 60ern, damals CDU-Spruch von Adenauer gegen die SPD –vielleicht einbauen im Sinne: "die Ossis von 1990 waren genauso konservativ wie die Wessis der 60er oder ähnlich)liess schnell und hart die Träume derer zerplatzen, die sich für eine langfristige vereinigungsorientierte (Konföderation) oder gar eigenständige Option einsetzten, die es de facto überhaupt nicht mehr gab.
Die Verheißung der D-Mark und des damit verbundenen Zutritts zur Konsumwelt waren zu stark und seit der Maueröffnung gab es kein Halten mehr: Man Die Ostdeutschen oder die Menschen oder ein (Staats)volk griff nach dem, was einem (ihm, ihnen?)jahrzehntelang vorenthalten worden war: Reisefreiheit und Wohlstand, Demokratie und Recht, all das in Form der einfachsten Lösung – durch Anschluss an die Bundesrepublik.
Erleichtert wurde dies durch die Versicherungen, es werde "blühende Landschaften" geben und keinem würde es schlechter und ,vielen aber besser ergehen als in der DDR.
Die schnelle Wirtschafts-, Währungs-, und Sozialunion trat am 1. Juli 1990 in kraft – damit waren de facto wesentliche Elemente der Vereinigung bereits vollzogen.
Die Eine rationale Reflexion der Risiken und Chancen, welche damitdie mit dem Anschluss verbunden waren, fand wenn überhaupt nurkaum und wenig tiefgreifend statt. Dafür war angesichts der Eile, mit der diese Projekte betrieben wurden, auch die zeitlichen Spielräume sehr eng. Der ZeitdruckDruck keine Zeit zu verlieren war sehr groß. Entscheidungen mußten schnell getroffen werden und selten blieb oder nahm man sich Zeit, Betroffene anzuhören. Interessengruppen waren zum Teil noch kaum oder gar nicht organisiert. So wurden Fehler gemacht, auch verhältnismäßig schwere, wie die Festlegung des Prinzips "Rückgabe vor Entschädigung" bei zu Unrecht enteignetem Alteigentum.
Auf den zu erwartenden, aber verdrängten oder ignorierten Wegbruch der Absatzmärkte in mittel- und osteuropäischen Staaten wurde ebenso wenig Rücksicht genommen wie auf den Zusammenbruch der Binnenabsätzmärkte bei der Überflutung mit im Westen produzierten Gütern.
Die Ostdeutschen, die Westwaren kauften, entzogen sich selbst den Boden ihrer Existenz, diejenigen, die Ostwaren wollten, konnten auf sie nicht mehr zugreifen, weil Ostunternehmen keinen Zugang zu den Absatzmärkten mehr bekamen. Die geringe Produktivität und das partielle Fehlen marktwirtschaftlich relevanter Kompetenzen (etwa im Marketing) taten ihr übriges, um die ostdeutsche Wirtschaft vor nur schwer zu bewältigende Aufgaben zu stellenalsbald das Wasser bis zum Halse reichen zu lassen (oder ähnlich).
Ohne Hilfe aus dem Westen waren die Probleme beim Aufbau demokratischer, "bundesrepublikanischer"westdeutscher Strukturen und bei der Bewältigung der Transformation v.a. in Politik, Verwaltung und Justiz nicht zu bewältigen. Zahlreiche Westdeutsche machten sich auf den Weg in den "Wilden Osten", bekamen als Ausgleich für den Aufwand durch das Engagement im "Beitrittsgebiet" Entschädigungen, die den vielsagenden, für Ostdeutsche unverschämten Spitznamen "Buschgeld" erhielten. Diese Terminologie war eine Ursache dafür, dass sich einige Ostdeutsche in ihrer gerade zurückgewonnenen Würde verletzt und als "Bürger zweiter Klasse" im wiedervereinigten Deutschland.
Übernommen wurde anscheinend das westdeutsche Parteiensystem, dies ließ zumindest der Ausgang der ersten gemeinsamen Bundestagswahl und der Landtagswahlen in den neuen Bundesländern vermuten. Die CDU unter dem "Kanzler der Einheit" konnte nur durch die überraschende Vereinigung und die Unterstützung der ostdeutschen Wähler ihre Regentschaft erneut verlängern oder in den Ländern installieren.
Der PDS als Nachfolger der SED wurden geringe Chancen unterstelltprognostiziert/ vorausgesagt, sich langfristig in der Parteienlandschaftim Parteiensystem etablieren zu können.
Zum Status Quo: Zehn Jahre staatlicher Einheit
Ostdeutschland ist im Jahr Zehn der Einheit heterogen und kaum zu fassen (was heisst das?). Verallgemeinerungen welche?sind schwerlich möglichdurchführbar und wenig sinnvoll.
Ängstlichkeit und Verunsicherung bestimmen ebenso das Bild wie selbstbewußte Darstellung des Erreichten, Errichteten oder Rekonstruierten. Viele moderne Straßen durchziehen das Land, Häuser sind renoviert und Einkaufszentren errichtet worden. Der Bundeskanzler amtiert zwischenzeitlich im ehemaligen Staatsratsgebäude. Das Wunder wird greifbar, blühende Landschaften sichtbar. Doch daneben existiert Resignation und Frustration, verkörpert durch verlassene Industrieanlagen oder Wartende im Arbeitsamt. Bürokratie wird beklagt, zwar einediesmal die andere, die die aber doch so (erschreckend/verblüffend?)gleich ist. Einzelne haben Angst um Befriedigung der Grundbedürfnisse, ein Alptraum, den sie nicht zu träumen gewagt hätten zu DDR-Zeiten, eben so wenig wie den Traum vom Urlaub auf Mallorca. Dorthin gibt es Direktverbindungen aus Leipzig oder Rostock, selbstverständlich. Ebenso sSelbstverständlichkeiten sind für viele auch Markenwaren aller Art oder das (pikierte, angewiderte)Wegsehen beim offensichtlicher Anblick von ObdachlosenObdachlosigkeit. Genuß und Verzweiflung liegen nah beieinander. Das ist kein spezielles Merkmal der Zustände im Osten, jedoch ist es hier besonders erwähnenswert, da die Ungleichheit in diesem Ausmaß für viele Ex-DDR-Bürger ungewohnt, ungewollt und unerwartet ist.
Die Ungleichheit ist das wesentlichsteeines der wesentlichen Merkmale Ostdeutschlands im Jahr 2000, und zwar deshalb, weil man damit nicht damit umgehen kann oder besser will, dass Freiheit und Gleichheit sich auch gegenseitig ausschließen(können). Gewiß waren auch in der DDR einige "gleicher als gleich", schon der Sozialismus konnte die Widersprüche seiner Universalforderung nach Gleichheit nicht verbergen, diesem Begriff, der ohne Erläuterung so nichtssagend ist wie jener der Gerechtigkeit. Gleichheit vor dem Gesetz ist gewährleistet und so selbstverständlich, als hätte der Rechtsstaat schon eh und je bestanden.
Errungenschaften werden relativiert, etwa mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass man die Reisefreiheit nur nützen könne, wenn man auch das nötige Kleingeld besitze. Waren denn die Ostdeutschen wirklich so naiv zu glauben, dass Freiheit auch immer automatisch die konkrete Möglichkeit bedeutet? Genauer: "Freiheit" meint "Freiheit von...", aber auch "Freiheit zu..."Die meisten waren es wohl nicht, aber darüber, dass es der gemeinsamen Republik ein Mangel an sozialer Gerechtigkeit bestehe, ist man sich grundsätzlich einig., Wweniger hingegen darüber, was soziale Gerechtigkeit denn eigentlich sein soll.
Die Politik soll bessere Chancen für Ostdeutsche bewirken, ihre logische Benachteiligung, etwa durch verhältnismäßig geringen Kapitalbesitz, ausgleichen. Gerechtigkeit bedeutet Anpassung des Lohnniveaus und anhaltende Transferleistungen, Umverteilung von West nach Ost und, wie die PDS fordert, von Oben nach Unten –schließlich sitzen die Ossis ja alle (wirklich oder nach Ansicht der PDS?) unten.
Hohe, oft irrationale Erwartungen gingen mit der Wende und vor allem der Vereinigung einher. Es war unmöglich sie alle zu erfüllen. Frustrierte gibt es viele - Einsicht, dass man möglicherweise zu viel verlangt und geglaubt hatte, ist da schon seltener.
Arbeitslosigkeit bestimmt das Leben einer großen Zahl von Menschen. Bbei ihnen selbst- oder in ihrem sozialen Umfeld, nicht selten in ganzen Orten oder Landstrichen. Mit der Arbeit fehlt Selbstverständliches, nicht zuletzt die Lebensaufgabe. Frauen sind hiervon besonders intensiv betroffen; Kinder wachsen unter dem Eindruck von Perspektiv- und Orientierungslosigkeit auf, die nicht selten mit schweren Konflikten innerhalb der Familie oder gar derendem Zerfall der Familien einhergeht. Psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen gehören zur Armut, ebenso wie der greifbare und doch unerreichbare relative Wohlstand derer, die es geschafft haben, sich ihr Erwerbseinkommen zu erhalten oder eines zu erlangen.
Die "zweite Arbeitswelt": Arbeitslosigkeit – Umschulung – Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – Arbeitslosigkeit, hat ihre Pforten zum ersten Arbeitsmarkt vielerorts geschlossen. Gelegentlich ist die öffentliche Beschäftigungsgesellschaft der größte Arbeitgeber vor Ort.
Berücksichtigt man die Bedeutung, welche die Arbeit, das Kollektiv für viele DDR-Sozialisierte hatten, dann erscheint die Phrase "Es war doch nicht alles schlecht!" angesichts des Verlustes fast verständlich.
Darüber, dass "der Staat" die Verantwortung für alle Fehler und Enttäuschungen, für alle Probleme und deren Lösung trägt, herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung Konsens. Daraus resultiert ein hoher Anpassungsdruck an politische Akteure, welche insbesondere in Wahlkämpfen gezwungen sind, den Eindruck zu erwecken, sie könnten diesen Ansprüchen nachkommen. Doch zumeistAnschließend scheitern sie an ihren subjektiven und objektiven engeren Grenzen und verstärken so die Frustration.
Die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Bürger trägt er, und wenn dieser Verantwortung nicht nachkommt, dann genügt er den Ansprüchen nicht. Diese Ansprüche sind hoch; der SPIEGEL sprach von dem "Staat, von dem man nichts hält und alles erwartet". Diese Formulierung mag übertrieben sein, doch sie trifft den Kern des weiten ostdeutschen Politikverständnisses.
Dass jedoch v.a. diejenigen erfolgreich sind, die eigenverantwortlich und nicht auf den Staat wartend ihre Chancen erkennen und wahrnehmen, spielt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle. Politiker, die mehr Eigenverantwortung von dender Bürger erwarten/einfordern, machen sich schnell unbeliebt.
Die Verschiebung von Verantwortung hat System. Sündenböcke werden gesucht und gefunden: die Ausländer, die Westdeutschen, das Kapital oder eben die Politiker. Mißtrauen und Angst bis zum Hass gegenüber vielem, was fremd und unbekannt ist oder scheint, sind keine Randerscheinungen. Die Jugendkultur its in vielen Gruppen eine rechtsradikale. Zusammenhalt ist wichtiger als Toleranz, die als Schwäche gedeutet wird. Schwäche ist in der aktuellen Lage nicht angesagt. Komplexität ist nicht einfach zu vermitteln, einfache Antworten werden aber verlangt und akzeptiert. Wer für Vernunft oder die Einsicht wirbt, dass komplexe Probleme nicht einfach zu lösen sind, hat oft einen schweren Stand. Staatsgläubigkeit und Ressentiments gehen mit Frustration und Resignation ein gefährliches fundamentalistisches das ist nicht fundamentalistisch Bündnis ein. Die Weltbildstabilität ist hoch, kognitive Dissonanzen bis hin zum Trotz werden politisch schließlich instrumentalisiert und so in einem Teufelskreis legitimiert. Rechtsparteien und PDS ernten nicht nur die Früchte, welche die Saat der totalitären DDR-Sozialisation hervorbringt, sie gießen auch eilig diese Pflanzen.
Autoritarismus und Etatismus lassen in ihren gegenwärtigen Ausmaß ehemalige Bürgerrechtler erschüttern, die Pluralismus und Toleranz erkämpfen wollten. Den Körper der DDR konnte man zerstören, doch ihr Geist lebt in den Schatten der Vergangenheit fort.
"Alles, was der Einheit mißlingt, wird der DDR posthum vergeben, zumal deren Utopie ihre Offenbarung in der Geschichte seit 1989 nicht mehr verantworten muß." schreibt Christoph Dieckmann treffend.
Jene, die sich der einfachen Lösungen bedienen wollen, die keine sind, sind in der Minderheit, prägen aber die Stimmung in Ostdeutschland mit.
Dass die pessimistische Grundstimmung auch im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung zur Nichtnutzung von individuellen Chancen führen könnte, darf nicht unbeachtet.
Chancen gab und gibt es zweifellos. Nur sind sie nicht ohne Risiko, nimmt man etwa das Beispiel einer beruflichen Selbständigkeit zur Hand. Risikobereitschaft ist jedoch gerade angesichts schlechter Erfahrungen wenig ausgeprägt. Dabei gibt es doch viele Potentiale zu nutzen, etwa hohe Ausbildungsniveaus oder das sprichwörtliche Improvisationstalent, das viele DDR-Bürger zwangsläufig erwerben und anwenden mussten. Die ZEIT-Reformwerkstatt: "Not macht erfinderisch. Wer nach neuen Ideen sucht, wird daher im Osten fündig. Quicklebendige Reformer reißen andere mit, Normalbürger beginnen zu experimentieren, gesunder Menschenverstand setzt sich gegen alte Gewohnheiten durch. Gedeiht dort am Ende ein Vorbild für den Westen?"
Der Wandel der Arbeitswelt, etwa in Gestalt von Patchwork-Biographien, Projektarbeit, Fortbildungen usw. ist den Ostdeutschen bestens vertraut, auch wenn die Erfahrungen hier nicht immer freiwillige waren. Aufstieg durch Bildung kann auch Ostdeutschen vergönnt sein, dies betrifft insbesondere die jüngere Generation, die sich wertvolles Wissen aneignen und dann anbieten oder selbständig verwerten kann, z.B. in den sogenannten Zukunftstechnologien.Gut! Welche Zukunftstechnologien?
Das Finden pragmatischer Lösungen gehört ja, wie man angesichts ausgeprägter Improvisationserfahrung oft hört, zu den besonderen ostdeutschen Talenten.
Fehler, die während des hastigen Einigungsprozess gemacht worden sind, beeinflussen nicht nur die Stimmung, sondern auch die objektiven Gegebenheiten für den Aufschwung. Das Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung" ist der verhängnisvollste in beiderlei Hinsicht. Restitutionsansprüche belasten politisches und wirtschaftliches Klima gleichermaßen. Ostdeutsche sehen sich (aus ihrer Perspektive durchaus nachvollziehbar und ungerecht) "Vertreibungen" ausgesetzt; Häuser können nicht saniert werden, weil die Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind oder der Alteigentümer seiner Verantwortung nicht nachkommt.
Die Arbeit der "Treuhandanstalt" und ihrer Nachfolger ist weitgehend im Sinne der ihr zugedachten Aufgaben erledigt worden. Doch symbolisiert sie den Verlust von Vertrauen der Ostdeutschen in das neue System – sie war der zuallererst Überbringerin der schlechten Nachrichten.
Konkrete Erfahrungen führten zu Misstrauen gegen Personen und Institutionen, die nach wie vor stark um Glaubwürdigkeit kämpfen müssen.
Absolute und relative Deprivation hinterlassen Narben, die kaum noch zu heilen sind.
Auch deshalb hat das politische System Westdeutschlands einen schweren Stand im Osten und muss sich Fragen nach seiner Angemessenheit stellen.
Das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen nimmt zwar zu, liegt aber deutlich unter dem Niveau Westdeutschlands. Die Parallele zur Skepsis der Neudemokraten in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre sollte hier aber zur Vorsicht mahnen, die Ostdeutschen allzu schnell und ungerechtfertigt als Demokratiemuffel zu schelten.
Interessant erscheinent in diesem Zusammenhang Zustände des politischen Systems oder der politischen Kultur in Ostdeutschland, welche die Zukunft Westdeutschlands vorwegnehmen könnten. Dazu gehören Besonderheiten im Wahlverhalten wie die geringe Zahl von Stammwählern und damit hohe Zahl von Wechselwählern, oder die Rolle von Einzelpersonen bei der Wahlentscheidung.
Auch die Organisationsdichte der Parteien ist sehr gering, was neue Formen politischer Arbeit Vorschub leistet ("Kommunikationsparteien"), aber natürlich auch erhebliche Probleme bewirkt, wie Personalengpässe oder Vermittlungsprobleme. So hat die SPD im gesamten Land Brandenburg, wo sie seit der Wende Regierungspartei ist, gerade einmal knapp 8000 Mitglieder und damit weniger als mancher westdeutsche Ortsverein. Die Stimmen der ostdeutschen Mitgliederschar in der Gesamtpartei sind mithin als marginal zu betrachten, wohlgemerkt in quantitativer Hinsicht. Lediglich –oder ausgerechnet- die PDS verfügt über ein verhältnismäßig umfangreiches, aber dafür deutlich überaltertes Parteivolk. Bei der Nachwuchsgewinnung stehen alle Parteien vor unlösbar scheinenden Aufgaben. Die Bereitschaft, sich langfristig, zurechenbar und verantwortlich politisch zu engagieren, ist in Ostdeutschland nur sehr gering ausgeprägt. Die apolitische Grundhaltung als Tendenz (bei der Jugend oder bei allen Altersgruppen?) wird so greifbar.
Statt dessen erfreut sich das Vereinswesen größter Beliebtheit, Bürgerinitiativen oder die Freiwillige Feuerwehr bilden nicht selten die lokale politische Elite.
Gesellschaftliche Elitepositionen werden in der neuen Bundesrepublik nur sehr selten von Ostdeutschen besetzt, lediglich in Medien und Politik nehmen sie in nennenswerten Umfang solche Stellungen ein. Bürklin u.a. wiesen nach, dass hingegen beispielsweise in Militär, Justiz oder Verwaltung kaum Ostdeutsche zu finden sind.Beleg
Zur Partei des Demokratischen Sozialismus
Unzufriedenheit ist populär in Ostdeutschland. Dem Machtkalkül folgend ist es nachvollziehbar und sogar legitim, Machiavelli hat hier mehr Schüler als in der "Neuen Mitte".
Auch vor der Instrumentalisierung eines komplexitätsreduzierenden Vademekums schreckt sie nicht zurück: des Ressentiments. Nicht die SED und ihre Politik, nicht die DDR und ihre Bürger tragen (Mit-)Verantwortung für Probleme in Ostdeutschland – Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus, Demokratieverdrossenheit – sondern machtvergessene Westparteien, profitgierige Westkonzerne, kommerzialisierte Ellenbogen-West-Kultur usw.
Der Westen hat sich erst mit blumigen Versprechungen ("Blühende Landschaften") den Osten einverleibt, dann ausgesogen (Treuhand) und verhindert nun Chancengleichheit und Angleichung der Lebensbedingungen ("Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"). In summa: der Westen interessiert sich nicht für den Osten und dessen Bürger, die daher um ihre legitimen Rechte – v.a. "soziale Gerechtigkeit" kämpfen müssen. So wird eine gesellschaftliche Spannungslinie konstruiert, an deren Rand die PDS als Vorkämpfer "ostdeutscher Interessen" auftritt.
Sie wird durch die alten, durch die Wende deprivierten DDR-Eliten unterstützt, kann frustrierte Protestwähler mobilisieren und versteht es, durch pfiffige, übrigens sehr amerikanische Wahlkämpfe mit Personalisierungen und einfachen Floskeln Wechselwähler zu erreichen.
Unterstützt wird dies durch ein zwar überaltertes, aber doch zahlreiches und aktives Parteivolk, das in Vorfeldorganisationen wie der "Volkssolidarität" den Zuspruch organisiert und sich durch pragmatische, nicht selten erfolgreiche Kommunalpolitik auszeichnet. Alte Netzwerke und Seilschaften- so weit sie noch bestehen - unterstützen die Arbeit nicht unbeträchtlich.
Die unvermeidlichen "neoliberalen" Anpassungsreformen, z.B. in der Rentenpolitik, kollidieren in Ostdeutschland mit einem ausgesprochen bedeutungsvollen und konservativen Verständnis von "sozialer Gerechtigkeit" als Staatsziel, das von der PDS bedient wird.
Dem Verlust der aus der DDR–Lebenswelt geschätzten Solidarität wird Resolidarisierung entgegengesetzt – in politischen Forderungen. In Sachen Solidarität in der DDR-Gesellschaft müssen zumindest Fragen erlaubt sein, ob sich zum einen inzwischen nicht zuviel Mythos um wahre Begebenheiten rankt und ob zum anderen das vermeintliche Verschwinden eben jener Behaglichkeit nicht doch an den Menschen und deren sich wandelnden Einstellungen begründet liegen könnte, und nicht in der abstrakten Ellenbogenkultur, die für nachbarschaftliches Engagement keinen Platz mehr lassen willsoll.
"Wer PDS wählt, erwirbt zweierlei: Ostidentität und die Lizenz zu uneingeschränkter Opposition" (Christoph Dieckmann).
Es bleibt die Hoffnung, dass die notwendige innerparteiliche Auseinandersetzung der PDS mit ihrer Verantwortung und für die und die daraus resultierende aus der DDR-Vergangenheit die gesellschaftliche Debatte anregt und befruchtet. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass sie sich dieser Auseinandersetzung verschließt und ihre totalitäre Vergangenheit verdrängt.
Zu den Menschen in Ostdeutschland
Den Ostdeutschen gibt es nicht, auch nicht als Typ. Die verschiedenen Ostdeutschen haben die DDR unterschiedlich erlebt, ebenso wie die Wende und die Wiedervereinigung.
Sie unterscheiden sich in ihren Wünschen und Zielen, in ihren Werten und Wertungen, Erfahrungen und Perspektiven. Sie unterscheiden sich so sehr oder so wenig von einander, wie die Mitglieder anderer Gesellschaften auch.
Die Verallgemeinerung, etwa die wissenschaftliche Analyse von "Megatrends", kann bei entsprechender Methodenkritik hilf- und lehrreich sein. Tiefenschärfe bieten diese Erkenntnisse gerade bei der Betrachtung sozialer Gebilde jedoch nur eingeschränkt.
Mit Pauschalurteilen über die Ostdeutschen lassen sich Betrachtungen der östlichen Bundesländer, die angeblich immer noch "neu" sein sollen, nicht bewerkstelligen, wenn das Ziel dieser Betrachtungen Analyse gesellschaftlicher Zustände und Entwicklung von Strategien und Konzepten zur Bewältigung sich daraus ableitender Herausforderungen ist.
1989 übernahmen die Menschen die Verantwortung dafür, einen neuen Gesellschaftsvertrag einzufordern, ihn auch gegen Widerstände zu erkämpfen und zu gestalten. Die Mehrheit der Ostdeutschen entschied sich für die Option, das in der alten Bundesrepublik erfolgreiche Modell zu übernehmen, mit allen Vor- aber auch Nachteilen. Wenn sich einzelne Bürger heute darüber beschweren, ihnen seien viele negative Wirkungen der Entscheidungen nicht bewußt gewesen – oder nicht bewußt gemacht worden -, so tragen sie trotzdem die Verantwortung dafür, denn sie hatten gewiss die Gelegenheit, auch die Warner zu hören.
Dass viele der negativen Folgen ebenso absehbar wie schmerzhaft waren, wie etwa der Zusammenbruch der Absatzmärkte in den ehemaligen RGW-Staaten (evtl. erklären), gehört zu jenen gern verdrängten Verantwortlichkeiten, zu denen sich heute niemand mehr rechtfertigen möchte.
Das Bild, welches die Öffentlichkeit von Ostdeutschland hat, ist gespalten wie die deutsche Gesellschaft insgesamt. In der Wahrnehmung durch den Westen der Republik spielt Ostdeutschland in der Regel nur dann eine Rolle, wenn es um den Solidaritätszuschlag geht oder das spezifisch ostdeutsche "Böse"ostdeutsche Bösartigkeiten wie spektakuläre Wahlerfolge von extremen Parteien und Ausgrenzungen von Immigranten und aus dem Westen Zugewanderten. Diese Phänomene sind gewiß Bestandteil der ostdeutschen Realität, aber eben nicht mehr als dasdie ganze. Dass sich Millionen von Bürgern mehr oder weniger in für sie grundlegend neue Verhältnisse eingelebt haben und in ihnen mehr oder weniger erfolgreich agieren, ist ob scheinbarer Gewöhnlichkeit kaum Gegenstand der Fremd- und Selbstbetrachtung Ostdeutschlands und seiner Bewohner. Gerade hier jedoch, in dieser enormen Anpassungsleistung, steckt das eigentlich sensationelle der Vereinigung als dauerhafter Prozeß, übrigens auch in der Unterstützung dieser Anpassungsleistung durch die finanzielle und persönliche Aufbauhilfe durch die "Alt"-Bundesbürger.
Angesichts von den scheinbaren oder auch tatsächlichen Bedingungen für Reformen in der Gegenwart erscheint es fraglich, warum dies nicht stärker zur Kenntnis genommen und genutzt wird.
Vielen Ostdeutschen entlocken nötigen die Debatten über einzelne Reformelemente gerade nur noch ein Schmunzeln ab, haben sie doch die Bewältigung unvergleichlich größerer Veränderungen erfahren. Diese Veränderungserfahrenheit ist der große Vorteil, den die Ostdeutschen insgesamt vielen Westdeutschen voraus haben.
Ostdeutschland in der Postmoderne
Die gesamte Welt unterliegt den tiefgreifenden Veränderungen der "Zweiten Moderne". Jeder Staat, jede Region, jeder Ort und jedes Unternehmen und jeder Mensch wird mit deren Wirkungen konfrontiert und muß darauf reagieren. Die (sprichwörtliche?) "normative Kraft des Faktischen" verschafft sich ihre Geltung auf allen Ebenen und an allen Orten menschlichen Zusammenlebens. Menschen haben die Macht, ihr Leben und ihre Umwelt grundlegend neu zu gestalten, müssen zugehörige Entscheidungen aber auch verantworten. Globalisierung und Individualisierung, die Entwicklung der Informations- und Wissensgesellschaft, Europäisierung der Politik und Wertewandel sind Phänomene, die eine starke relative Bedeutung haben. Für Ostdeutschland gilt, dass diese Erscheinungen in ihrer Verhältnismäßigkeit besonders ausgeprägt sind, zum Teil geradezu von einem Tag auf den nächsten das Leben der Menschen veränderten.
Während die DDR die Verhältnisse ihrer Frühzeit konservierte, hatten die Westdeutschen die Möglichkeit, die Auswirkungen der Megatrends der Postmoderne in ihren Ansätzen zu erleben, zu reflektieren und darauf zu reagieren. Für die Ostdeutschen kamen diese Zwänge erst mit Wende und Vereinigung, trafen sie weitgehend unvorbereitet und verursachten Probleme, die in ihren Ausmaßen dem schockartigen Charakter der Transformation entsprachen. Gerade in ökonomischer Hinsicht war die DDR quasi ohne Übergangsfristen und schrittweise Anpassung untergegangen, sondern schlagartig mit dem Tag der Wirtschafts- und Währungsunion mit der Bundesrepublik.
Diese hatte es ihrerseits versäumt, sich selbst an die neuen Bedingungen anzupassen, zumindest hatte sie notwendige Reformen verdrängt, und die Vereinigung sollte sie von ihrem "Weiter so!" (Kohl-Wahlkampfslogan 1994!!!)nicht abbringen können. In den Zeiten des greifbaren Wandels verließ man sich auf Konservative aller Couleurs und schob die Konzeption und Durchführung tiefgreifender Anpassungsreformen auf.
Ostdeutschland und seine Bürger sind geprägt durch die Schocktransformation. Werte und Kultur, Ökonomie und Recht, nicht zuletzt die Politik, haben sich im Zeitraffertempo vom Monismus der konservierten Moderne hin zum Pluralismus und Hyper-Komplexität der Postmoderne gewandelt. Die enorme Aufbau- und Anpassungsleistung ist beeindruckend und beispielgebend, auch oder gerade wegen damit verbundener Probleme und Herausforderungen durch enttäuschte Erwartungen, Perspektiv- und Orientierungslosigkeit sowie Verunsicherunganders formulieren, ggf. genauer. Ostdeutschland hat die praktische Erfahrung von Fehlern und fehlerhaften Gesellschaftskonzepten gemacht und ertragen müssen. Die posttotalitären Neurosen (in Gestalt von Komplexen oder Zwängen) zwingen zur Aufarbeitung; Sturheit, Verbohrtheit, Irrationalität, oder mangelnde Selbstkritik stehen dabei im Weg.
Die Generation der mit oder nach der politischen Wende und Vereinigung der beiden deutschen Staaten politisch Sozialisierten kann und sollte vieles aus den Erfahrungen der DDR und deren Erbe lernen. Sie muss jedoch auch die Verantwortung für die schwierige Aufgabe der Aufarbeitung und selbstkritischen Reflexion der totalitären Vergangenheit mit übernehmen. Sie darf dabei nicht arrogant und vorwurfsvoll sein. Ihr Ziel liegt im Verstehen und Lernen, in der Annahme von Verantwortung aus der Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft der Gesellschaft. Bewußtsein über Stärken und Schwächen ist Voraussetzung der Entwicklung einer nachhaltigen, integrierenden Architektur des Politischen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die osteuropäischen Länder, die das gemeinsame Haus Europa zukünftig selbstverständlich mit bauen sollen, verfügen ebenfalls über Erfahrungen mit dem "realexistierenden Sozialismus" und dessen Bewältigung, dessen Folgen. Keine Nation kann die Frage danach, woher sie kommt, dauerhaft verdrängen oder die Antworten reduzieren.
Die "reflexive Modernisierung" macht uneingeschränkte Selbstkritik unerlässlich, Innovationsfähigkeit zur Bedingung jeglichen Handelns und Vertrauen und Glaubwürdigkeit entscheidend für Legitimität.
Die DDR steht als Beispiel für ein staatliches Gebilde, dass keine dieser Bedingungen erfüllte und daher von der Bildfläche verschwand, nicht jedoch ohne sich nach Kräften und unter Inkaufnahme von Opfern dagegen zu wehren. Verhindern ließ sich ihr Untergang nicht.
Die neue alte Bundesrepublik von 1990 hat die Erfüllung der Bedingungen durch ihre Verfassung und Verfasstheit internalisiert: Demokratie und Pluralismus als Grundlage der Selbstkritik und ständigen Erneuerung, Demokratie und Marktwirtschaft sichern Innovation, Demokratie und Parteienkonkurrenz realisieren so gut als möglich Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Diese Grundsätze und ihre Wirkung gelten prinzipiell und führen in die richtige Richtung – als normatives Leitbild. Die operative Umsetzung birgt jedoch ihre eigenen Gefahren. Zu den größten gehören Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit. Noch immer ist es nicht gelungen, einzelne Politiken systematisch zu evaluieren und Maßstäbe dafür zu entwickeln.
Solche Maßstäbe müssen auf jeden Fall Wirksamkeit, Nachhaltigkeit - sowohl in ökologischer wie finanzieller Hinsicht – oder die Überprüfung der Verursachung nichtintendierter Folgekosten sein. Auch aus ideologischen Gründen liebgewonnene (vermeintliche) Besitzstände wie bestimmte Sozialprogramme oder Subventionen aller Art müssen abgeschafft oder neugestaltet werden, wenn sie nicht wirksam oder nachhaltig sind, oder in ihrer Folge Kosten entstehen, die nicht vorgesehen und verantwortbar sind.
Die DDR war nicht in der Lage, ihre Politik den Gegebenheiten der Realität und den daraus resultierenden Herausforderungen anzupassen. Wenn wir heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von der Informationsgesellschaft reden, so wird jedem schnell klar, dass eine solchediese politisch wie wirtschaftlich in der DDR unvorstellbar gewesen wäre. Der technologische Wandel, aber auch jener der Arbeitswelt oder der globalen Verflechtung von Wirtschaft und Politik erscheinen uns ganz normal und die Reflexion darüber notwendig, wären in der DDR aber in dieser Tragweite überhaupt nicht möglich gewesen. Aus diesem Blickwinkel erscheint die DDR fast dinosaurierhaft, weit weg und antiquiert. Es(Was?) verdeutlicht aber auch die Kräfte und die Dynamik der gegenwärtigen Veränderungen, auf die der Einzelne ebenso reagieren und denen er(wer?) sich anpassen muss wie Parlamente und Verwaltungen, Unternehmen und Schulen, Universitäten und Parteien – Anregungen finden sich umfangreich in diesem Band.
Kommunikationsstörungen zwischen Ost und West sind oft diskutiert worden. Setzt man den inklusiven Diskurs, der auf Verständigung und Verständnis zielt, als Standard der Debatte durch, dann wird der Raum für Ressentiments und Klischees auf beiden Seiten verschwinden. Man sollte weniger übereinander, als miteinander reden, und so "in der Wahrheit leben" wie Vaclav Havel einst forderte.
Hallo John,
Ich habe mir den Artikel gestern und heute durchgelesen. Mein Fazit: Du bist auf dem richtigen Weg und bringst sehr gute Gedanken aufs Parkett. Es wird auch deutlich, daß Du den Osten, die DDR auch selbst erlebt hast und auch heute noch darin und damit lebst.
Ich fände es interessant und neu, wenn mehr Beispiele im Text auftauchen würden, die man noch nicht überall gehört hat. Was ist mit den Unis, an denen immer mehr Wessisi studieren, was ging konkret in den Köpfen der kleinen leute vor, die bis zur Wende in der Deckung lebten, um ja keinen Repressionen ausgesetzt zu werden?
Sprachlich sind manche Stellen etwas holprig, hier solltest Du in erster Linie den Satzbau vereinfachen (Keep it simple, kürzere Sätze). Manchmal verwendest Du (Fremd-)Wörter nicht im eigentlichen Sinn. Auch hier hilft einfache Ausdrucksweise weiter.
Laß Dich nicht davon verunsichern, daß´ich so viel angestrichen habe. Erstens mußt Du nicht alles so akzeptieren, wie ich es jetzt angemerkt habe, und zweitens sollen meine Anmerkungen keine wirklichen Korrekturen sein, sondern Änderungsvorschläge – die Du übernehmen kannst oder auch nicht!
Viele Grüße und bis Freitag!
Florian