Jenseits von Rente und Vollbeschäftigung - Die Neue Arbeitsgesellschaft

Von Jan Freese

In den letzten 200 Jahren hat unsere Gesellschaft im Zuge der Aufklärung einen dramtischen Wandel von der Agrar-, über die Industrie- hin zur Dienstleistungsgesellschaft vollzogen. Treibendes Moment hierbei war vor allem das marktwirtschaftliche Denken, durch das Wohlstand in unbekanntem Ausmaß für soviel Menschen wie nie zuvor ermöglicht wurde. Die Gliederung in marktvermittelte Produktion und der über Erwerbsarbeit organisierten Verteilung materieller Chancen war bis in unsere Zeit immer charakteristisch, weshalb unsere Gesellschaft mit Fug und Recht auch als Arbeitsgesellschaft bezeichnet wurde. Doch das weitere Fortschreiten der wirtschaftlichen Entwicklung scheint diese Einteilung nun zu unterminieren.

Sinn und Zweck ökonomischen Handelns war und ist die Steigerung der Rentabilität; Rationalisierung die logische Folge. Von Taylors "Arbeitsplanung" über Fords "Fließbandproduktion" bis hin zu Toyotas "lean production" zieht sich der Gedanke "höhere Produktivität, niedrigere Kosten, höherer Profit". Der technische Fortschritt führte somit natürlich auch immer dort zu Entlassungen von Angestellten, wo deren Arbeit von Maschinen billiger vollrichtet werden konnte.

Dieses eingedenk, stellt sich einer Gesellschaft die prinzipielle Alternative: Ausweitung der Beschäftigung bei (nach unten) flexiblen Löhnen oder Erhöhung der Einkommen bei sinkender Beschäftigung. In Deutschland hatte man sich nach dem 2. Weltkrieg für letztere Variante entschieden. Schließlich befand man sich gerade erst am Anfang eines Wirtschaftswunders, das Vollbeschäftigung und Wohlstand für alle versprach. Würde es aber dennoch zu einigen Entlassungen kommen, dann sollten die freigesetzten Arbeitnehmer in anderen Betrieben unterkommen bzw. vom sozialen Sicherungsnetz aufgefangen werden.

Jenes, ursprünglich von Reichskanzler Otto von Bismarck zwischen 1883 und 1889 errichte System sozialer Pflichtversicherungen, mit dem das Los kranker, alter und dauerhaft arbeitslos gewordener gemildert werden sollte, galt lange Jahre als die Lösung zur Besänftigung des Manchester-Kapitalismus und dem damit verbundenen Elend und sozialen Unruhen. Dabei handelt es sich bei dem in der Bundesrepublik vorzufindenden System sozialer Sicherungen nicht um ein einheitlich konzipiertes System, sondern um eine große Vielfalt historisch gewachsener Einrichtungen für unterschiedliche Bevölkerungsschichten. Grundsätzlich lassen sich neben verschiedenen rechtlichen und makroökonomischen Maßnahmen fünf Säulen der finanziellen Risiko-Absicherung erkennen. Es sind dies die Renten-, Kranken-, Unfall-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. Hinzu kommt noch die Sicherung des Existenzminimums für jedermann, die von den Kommunen finanzierte wird und als letztes Netz für alle Notlagen prinzipiell jedem zugänglich ist. Anders als in den anglo-amerikanischen und skandinavischen Ländern wird das deutsche System nicht allein durch allgemeinen Steuermitteln, sondern durch die Beiträgen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gedeckt.

Mittlerweile ist dieses Modell der totalen pauschalen Absicherung aller Lebensrisiken durch den Staat allerdings schwer unter Beschuß geraten. Wegen hoher Arbeitslosigkeit, steigender Lebenserwartung, sinkender Geburtenraten und überzogenen Ansprüchen der Leistungsempfänger seien die überkommenen Sozialversicherungs- und Sozialhilfesysteme stark reperaturbedürftig, meinen die einen. Das Herumbasteln an den alten Strukturen genüge nicht mehr, es müsse ein völlig neues System der sozialen Sicherung her, behaupten dagegen andere.

Im Anschluß an die Ölkrise von 1973/74 waren in der Bundesrepublik erstmals nach dem Krieg sozialpolitische Korrekturen erforderlich, die zu gedrosselten Leistungen führten. So wurde die Anpassung der Renten an die Löhne wieder verzögert, Leistungssätze wurden gekürzt und Mittel der Bundesanstalt für Arbeit zur Entlastung der Rentenversicherungen herangezogen. Vor allem in den achtziger und neunziger Jahren taten sich immer größere Finanzierungslücken auf, die durch Beitragserhöhungen, Leistungskürzungen oder Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln gestopft werden mußten. Beispielsweise versuchte man durch verschiedene Kostendämpfungsgesetze zu verhindern daß die Ausgaben im Gesundheitswesen viel schneller steigen als die Durchschnittseinkommen, allerdings mit geringem Erfolg. Von 1970 bis 1990 stieg das BSP in Deutschland um 2,6%, der Aufwand für das Gesundheitswesen nahm im selben Zeitraum jedoch um das fünffache zu; eine verheerende Schieflage, die in Zukunft das ganze System ad absurdum führen könnte.

Aber nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch das deutsche Rentensystem kränkelt vor sich hin. Denn das überkommene Umlageverfahren führt dazu, daß die Beitragszahler für immer mehr Rentner aufzukommen haben. Aufgrund der demographischen Entwicklung (hohe Lebenserwartung und niedrige Geburtenzahlen) wird sich dieses Verhältnis sogar noch weiter verschlechtern. Würde man trotz dieses Trends an der gegenwärtigen Relation zwischen der Lohnhöhe der Aktiven und dem Durchschnittseinkommen der Rentner festhalten, müßten in den nächsten 40 Jahren die Rentenbeiträge von heute 19,5% auf bis zu 30% der Bruttolöhne steigen. Ein Ausweg wäre das Verhältnis zwischen Arbeitenden und Rentner wieder zugunsten der Arbeitenden zu verschieben. Dies ginge jedoch nur, wenn es erheblich mehr Arbeitsplätze gäbe oder die Lebensarbeitszeit verlängert würde. Um ersteres zu erreichen, bedürfte es eines längeren zweistelligen Wachstums des BSP, womit aber nicht zu rechnen ist und letzteres wiederum erscheint unsinnig, da man z.Zt. aufgrund der geringen Zahlen an Arbeitsplätzen genau das Gegenteil versucht, nämlich ältere Arbeitnehmer in den Vorruhestand zu schicken, in der Hoffnung, daß junge nachrücken.

Eine andere, viel debattierte Lösung wäre der Wechsel von einem Umlage- zum Kapitaldeckungsverfahren. Die Renten würden dann nicht mehr aus den laufenden Beiträgen der jeweils aktiven Generation gezahlt, sondern jede/r Versicherte würde mit seinen Beiträgen einen Kapitalstock ansparen, aus dem später die eigene Rente gezahlt würde. Dies wäre eine weitgehende Angleichung an eine private Kapitallebensversicherung, allerdings mit obligatorischer Mitgliedschaft. Problematisch hierbei ist jedoch, daß die Umstellung sehr langwierig sein würde, da die bestehenden Ansprüche erst noch abgegolten werden müßten und die aktive Generation eine doppelte Last zu tragen hätte, weil sie die bestehenden Ansprüche weiter decken und gleichzeitig für sich den Kapitalstock aufbauen müßte. Da nur Erwerbstätige dazu beitragen könnten, wäre das Umstellen des Rentensystems bei der gegenwärtigen hohen Arbeitslosigkeit ein nicht zu leistendes Unterfangen. Es sei denn durch erhöhte staatliche Ausgaben.

Besonders entscheident ist im hier dargestellten Kontext jedoch vor allem die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Von den rund 4 Mio. Arbeitslosen bezogen 1998 durchschnittlich 1,5 Mio. Arbeitslosenhilfe. Im Westen erhöhte sich zwischen 1994 und 1998 die Zahl der Empfänger von Arbeitslosenhilfe um 300000, im Osten um knapp 200000. Die steuerfinanzierten Ausgaben für die Unterstützungsleistungen stiegen dementsprechend von 17,4 Mrd. DM in 1994 auf 30,4 Mrd. DM in 1998. Verantwortlich hierfür ist vor allem die starke Zunahme von Langzeitarbeitslosen, die nach durchschnittlich 12 Monaten aus dem Arbeitslosengeldbezug herausfallen und dann Arbeitslosenhilfe erhalten. Die eine Möglichkeit, die steigenden Kosten in den Griff zu bekommen, ohne schmerzhafte Kürzungen der Leistungenn, wäre, die Finanzierungsstruktur zu verändern. Als alternative Bemessungsgrundlage wird seit Jahrzehnten u.a. die Wertschöpfungssteuer diskutiert, bei der nicht nur der Faktor Arbeit (Löhne), sondern auch der Faktor Kapital zur Finanzierung der sozialen Sicherung herangezogen wird. Die Bemessungsgrundlage für die Arbeitgeberbeiträge ist danach die Bruttowertschöpfung, die neben der Lohn- und Gehaltssumme, die Gewinne, Fremdkapitalzinsen, Mieten, Unternehmenssteuern und Abschreibungen einschließt. Da diese Bemessungsgrundlage fast doppelt so hoch wie die bisherige wäre, könnten die Beitragssätze halbiert und die Arbeitseinkommen bzw. die Lohnnebenkosten der Unternehmen entsprechend entlastet werden.

Ein anderer Vorschlag sieht vor, ähnlich wie bei der Kfz-Haftpflichtversicherung, die Beiträge der Unternehmen abhängig von ihrem Entlassungsverhalten in der Vergangenheit zu machen. Im positiven Fall könnte dies dann natürlich auch bedeuten, daß die Beiträge bei Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze reduziert werden.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen, die aus dem ersten Arbeitsmarkt herausgefallen sind. Hierzu wiederum gibt es drei voneinander unterscheidbare Wege:

1) man senkt die Kosten von Arbeit beispielsweise indem die Tarifpartner in Konsensrunden niedrige Lohnabschlüsse aushandeln bzw. indem man staatlicherseits die Lohnnebenkosten senkt. Dahinter steht der Gedanke, daß hohe Gewinne zu mehr Wachstum und in der Folge auch zu mehr Investitionen und Arbeitsplätzen führt. Diese Hoffnung hat sich jedoch in letzter Zeit als sehr trügerisch entpuppt.

2) man verteilt die bestehenden Arbeitsplätze auf mehr Arbeitnehmer z.B. durch eine stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Ausbau von Teilzeitarbeit, Abbau von Überstunden und Jobrotation.

3) die öffentliche Hand subventioniert, fördert und erleichtert die Existenzgründung bzw. tritt selbst als Arbeitgeber in Form von Beschäftigungsprogrammen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf.

In den Nachbarländern der Bundesrepublik, wurden durch die Kombination dieser drei Wege beachtliche Erfolge erzielt. Das holländische "Beschäftigungswunder" beruht z.B. hauptsächlich auf einer intensiven Kooperation der Tarifpartner und des Staates. Das Abkommen von Wassenaar aus dem Jahr 1982, das als Ausgangspunkt des niederländischen Modells gesehen wird, sah eine moderate Lohnpolitik auf der einen und eine breite Arbeitszeitverkürzungs und Teilzeitarbeitsoffensive auf der anderen Seite vor. In Verbindungen mit einer starken Frühverrentungspolitik konnte so das Arbeitskräfteangebot verringert werden bzw. neue niedrig entlohnte Teilzeitjobs geschaffen werden. Hinzu kamen noch Leistungskürzungen und Einschränkungen der Zugangsberechtigungen bei den einzelnen Sozialversicherungen.

Gerade im Hinblick auf die Niederlande, fordert deshalb die Benchmark Gruppe des Bündnisses für Arbeit unter Federführung der Professoren Streeck und Heinze die Schaffung eines staatlich subventionierten Niedriglohnsektors. Doch der Gedanke dahinter: "lieber schlecht bezahlte Arbeit statt Arbeitslosigkeit fördern", läßt viele Kritiker negative Entwicklungen wie in den USA befürchten und sie prophezeien die Entstehung einer Klasse von "working poor", also Menschen, die trotz zwei oder drei Jobs nur knapp oberhalb der Armutsgrenze leben. Eine Entwicklung, die tatsächlich auch in den Niederlanden festzustellen ist. Zudem bezweifeln sie, daß ein Niedriglohnsektor zusätzliche Jobs im Dienstleistungsbereich entstehen ließe, da es in Deutschland schon eine Art Niedriglohnsektor, nämlich die 630 Mark Jobs gäbe.

Einen anderen, an den Chancen des Individuums orientierten Ansatz um mehr Menschen zurück ins Berufsleben zu bringen, stellt die aktivierende Arbeitsmarktpolitik dar Unter anderem von G. Schmid wurde kürzlich gefordert, die durch die Neufassung des Arbeitsförderungsgesetzes im Jahr 98 verstärkte Eigenverantwortung des Arbeitnehmers nicht einfach auf die Ausweitung der Zumutbarkeitsregeln bei der Aufnahme von Beschäftigung zu begrenzen, sondern auch das institutionelle Arrangement so zu verändern, daß die Arbeitnehmer befähigt werden die gewünschte Verantwortung auch wahrzunehmen. Das Zauberwort zur Stärkung eigenverantwortlichen Handelns und Verbesserung der Eigengestaltung heißt in diesem Zusammenhang empowerment.

Eine Möglichkeit hierzu wäre die Aufspaltung des Beitrags zur Bundesanstalt für Arbeit in einen passiver Anteil zur solidarischen Risikoabsicherung und einen aktiven Anteil zur individuellen Pflege der Beschäftigungsfähigkeit. So könnte jeder die erworbenen Ansprüche auf Arbeitslosengeld bzw. -hilfe eigenständig zur Verbesserung seiner Arbeitsmarktlage z.B. zur Weiterbildung nutzen oder im Falle der Wiedereingliederung als Einarbeitungszuschuß für ein Unternehmen, Qualifizierungsgutschein oder gar zur Existenzgründung verwenden. Dies würde jedoch auch bedeuten, daß die Maßnahmen individueller zugeschnitten und von den Empfängern frei gewählt werden können. Im Falle der Wiedereingliederung könnte dies bedeuten, daß Arbeitsamt und Betroffener zusammen einen Aktionsplan ausarbeiten in dem individuelle Interessen und arbeitsmarktpolitische Erfordernisse zu einem Kompromiß gebracht werden. Belebend würde sich wahrscheinlich auch ein stärkerer Wettbewerb zwischen den Maßnahmenanbietern bzw. Arbeitsvermittlern auswirken. Schließlich sei auch noch eine spezielle Form des Empowerments erwähnt: die Sozialunternehmen. Dabei handelt es sich um Firmen, die einen sozialen Zweck mit unternehmerischen Mitteln verfolgen wie z.B. die Brings & Kauf Gebrauchtkaufhaus AG in Bielefeld. Das Land Nordrhein-Westfalen trägt zwar im ersten Jahr noch 80% der tariflichen Lohnsumme für die 17 angestellten ehemaligen Langzeitarbeitslosen, die nun in dem Secondhandladen arbeiten, der Zuschuß nimmt jedoch Jahr für Jahr ab und nach fünf Jahren soll sich das Unternehmen selbst finanzieren.

Doch trotz aller Reperatur- und Verbesserungsvorschläge kann der grundsätzliche Widerspruch des sozialen Sicherungssystems in der Bundesrepublik, daß nämlich immer Weniger für immer Mehr aufkommen müssen oder aber immer Mehr immer weniger erhalten, je effizienter der Wirtschaftssektor arbeitet, nicht aufgelöst werden.

Betrachtet man das System einmal ausschließlich aus ökonomischer Perspektive, so erscheint es sogar in Gänze als sehr fragwürdig: Volkswirtschaftlich gesehen kommt es nämlich zu Fehlsteuerungen, da der von den Unternehmen beispielsweise durch Rationalisierung erwirtschaftete Umsatz teilweise wieder abgeschöpft wird, um die Folgen eben dieser Rationalisierung rückgängig zu machen oder abzumildern. Aus dieser Sicht scheint es verständlich, wenn Unternehmen dorthin abwandern, wo sich ihnen dieser sozialstaatliche Kostenfaktor nicht stellt.

Das System der sozialen Sicherung gerät somit in die Zange zweier gegenläufiger Entwicklungen:

a) Dank der Globalisierung mit der die weitreichende Öffnung der Märkte und die Mobilität von Produktion und Kapital erreicht wurde, besteht für Unternehmen stärker als bisher die Möglichkeit, dort zu produzieren, wo es am wirtschaftlichsten ist. Arbeitskräfte stehen daher heute mehr denn je in Konkurrenz zueinander und das weltweit Hohe Lohnforderungen bzw. teure Ansprüche, wie die Garantie einer lebenslangen Anstellung oder langer Freizeit haben somit wenig Aussicht auf Erfolg.

Die negative Seite der so erzielten starken Produktivitätssteigerung ist das sog. "jobless growth"- Wirtschaftswachstum ohne Arbeiter. Einige Autoren proklamieren schon die 20 : 80 bzw. die 40 : 60 Gesellschaft, in der 20% bzw. 40% der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Dieser Trend trifft vor allem die geringqualifizierten Arbeiter, denn in Zukunft werden eher "Wissensarbeiter" benötigt, also Menschen, die ganze Produktionen organisieren und leiten können, die kreativ neue Modelle, Produkte und Verfahren entwickeln. Es gilt, flexibel und mobil überall dort seine Kentnisse anzubringen, wo sie benötigt und gut bezahlt werden.

Normalarbeitsverhältnisse (lebenslange, feste Vollzeitanstellung im erlernten Beruf) sind für die Zukunft nicht mehr zu erwarten. Schon heute sind in Deutschland nur noch zwei Drittel aller Erwerbstätigen "regulär" beschäftigt. 35% bis 40% hingegen stehen in nichtregulären Beschäftigungsverhältnissen (in den 60er Jahren waren es nur 3%) wie z.B. befristete Anstellungen, Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung auf 630-Mark-Basis, Heimarbeit, Telearbeit, Zeitarbeit. In den Niederlanden waren bereits 1995 über 45% der Arbeitnehmer in Teil- und Zeitarbeit beschäftigt. Hinzu kommen nach Schätzungen des DIW ca. 3 Millionen Erwerbspersonen, die regelmäßig einer zweiten Beschäftigung nachgehen bzw. die mehrere Nebentätigkeiten kombinieren. Die ehemals klare Einteilung in Schule/ Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Ruhestand gilt nicht mehr. Vielmehr kommt es zu mehrfachem Wechsel der Firma, des Ortes und des "Berufes". Die Erwerbsbiographien werden fragmentiert und dynamisiert.

b) Dies wiederum unterstützt die zweite, gegenläufige Entwicklung, die als das Hauptcharakteristikum der Moderne bezeichnet werden kann, nämlich die Individualisierung. Die spezielle Verfaßtheit einer marktwirtschaftlichen Ordnung, mit ihrer Idee von freien und gleichen Individuen, die durch den ökonomischen Austausch mit anderen ihren maximalen Nutzen selbst erzielen können, hat zu einer enormen sozialen Mobilität und Freisetzung der Menschen aus traditionellen Lebensformen geführt. "Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, daß die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt wird" Gleichbedeutend damit ist natürlich auch ein Wandel der Bedeutung von Arbeit und persönlicher Wertschöpfung..

"Der Aufstieg der Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Kategorie ging einher mit dem Niedergang überkommener, identitätsstiftender Strukturen wie Kirche/Religion, Familie, Haus und Hof, Verwandtschaft, Zunft etc. Erwerbsarbeit wurde zum zentralen Lebensinhalt, zum Anker in einer Welt, deren Strukturen und Traditionen sich zunehmend auflösten."

Hinter der Wahl des Berufes steht nun also vermehrt das Bedürfnis "sich selbst zu verwirklichen", "seinem Leben einen Sinn zu geben" oder "Spaß zu haben". Aus einer repräsentativen Befragung von 3000 Bundesbürgern durch das BAT Freizeitforschungsinstitut in Hamburg geht hervor, daß 70% eine Arbeit, die Spaß macht für wichtiger halten als ein höheres Einkommen, das nur 45% bevorzugen würden. Sinnvolle Arbeitsinhalte (51%) haben eine größere Bedeutung, als Status und Karriere im Beruf, die nur 34% als Ziel ihrer Arbeit nannten. Auch das Ehrenamt erfreut sich in diesem Zusammenhang großer Beliebtheit. (Allein im früheren Bundesgebiet ist die Zahl der im Non-Profit-Sektor Tätigen von 383000 im Jahr 1960 auf 1430000 im Jahr 1995 gestiegen).

"Andererseits nimmt die Bedeutung der Erwerbsarbeit als ‘Träger des sozialen Beziehungsgeflechts’ eher noch zu. Über Arbeit gewinnt der - und heute zunehmend auch die - Arbeitende seine/ihre soziale Identität: diese bestimmt, wie einen andere sehen. Weil ‘die persönliche Selbstverwirklichung (..) in unserer Zivilisation fast zur Gänze an Arbeit gebunden‘ ist, drängt es Frauen zunehmend in diese Form der Identitätsfindung. Ihre weiter steigende Erwerbsbeteiligung kann als Ausdruck dafür gesehen werden, daß sie in der Erwerbsarbeit die Anerkennung, Selbstverwirklichungschancen und sozialen Kontakte- kurz: den Sinn - suchen bzw. finden, der ihnen in ihrer Traditionellen Familien- und Mutterrolle zunehmend abhanden gekommen ist." Hinzu kommt natürlich, daß es sich auch ökonomisch für junge Menschen nicht mehr rentiert, Kinder zu bekommen, da da sie über mindestens 18 Jahre finanzielle Einbußen hinnehmen müssen, einerseits bedingt durch den Berufsausfall eines Elternteils und andererseits durch die notwendige Versorgung des Kindes. Zusätzlich verbaut sich des erziehende Elternteil aufgrund seiner langen Pause praktische alle Möglichkeiten, im Anschluß an die Erziehungszeit in den Beruf zurückzukehren. Nell-Breuning wies, ebenso wie Kaufmann darauf hin, daß Kinderlosigkeit in dieser Hinsicht ein parasitäres Verhalten ist, bei dem vom Generationenvertrag profitiert wird, ohne selbst etwas dafür zu tun, wodurch auch noch ein höherer Lebensstandard in der Gegenwart erwirtschaftet werden kann.

Das Resultat der dargestellten Entwicklungen ist, daß das vergangene Jahrzehnt als das Jahrzehnt der Arbeitslosigkeit in die Geschichte eingehen wird,. denn nach Angaben der OECD sind in den Industrieländern mittlerweile annähernd 35 Millionen oder etwa 8,5% der Erwerbsbevölkerung arbeitslos: mehr Menschen als je zuvor, doch ist dies nur die eine Seite der Medaille. Denn wer vom Ende der Arbeit spricht (J.Rifkin, R.Thome), muß auch erwähnen, daß sowohl in Deutschland als auch in den Industrieländern insgesamt Anfang der 90er Jahre ein historischer Höchststand der Erwerbsarbeit erreicht worden ist. Das eigentliche Problem ist also darin zu sehen, daß die Zahl der Arbeitssuchenden schneller zugenommen hat als die Zahl der Arbeitsplätze.

Eine Chance auf einen der knappen Arbeitsplätze hat wiederum nur, wer flexibel und mobil ist. Erwerbsarbeitsuchende müssen sich daher individualisieren, d.h. der neoklassischen ökonomischen Theorie ähnlich, wie autonome und eigennützige Markt-Individuen verhalten, sie müssen ihre Handlungs- und Entscheidungsoptionen steigern, um ein hohes Maß an Eigengestaltung zu erreichen. Andererseits heizen sie damit aber die Konkurrenz noch stärker an und steigern das eigene Risiko des Scheiterns.

Was also bleibt? Sollte man statt der bisher gewählten Alternative "Erhöhung der Einkommen bei relativ sinkender Beschäftigung" doch lieber zum amerikanischen Modell der Ausweitung der Beschäftigung bei nach unten flexiblen Löhnen wechseln? Ist man bereit die Schere zwischen arm und reich somit weiter auseinander klaffen zu lassen? Sollte man also vielleicht doch den Forderungen neoliberaler Theoretiker nachgeben, das ganze System sozialer Sicherungen kippen und einfach auf die Marktkräfte vertrauen, gerade angesichts der Globalisierung?

Wir glauben nein. Denn die soziale Verarmung und der Ausschluß großer Bevölkerungsteile kann nicht nur aus humanitären Gründen nicht hingenommen werden. Eine Marktwirtschaft kann nicht ohne eine stabile, auf sozialem Konsens und Solidarität gebaute Zivilgesellschaft existieren. Ein Beleg hierfür ist die gegenwärtige Situation in Rußland.

Es gilt zu erkennen, daß ökonomische Interaktionen immer auch soziale Interaktionen sind und daß die scheinbare Unvereinbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft nur eine überkommene theoretische Konstruktion ist. So wenig eine moderne Gesellschaft auf - im weitesten Sinne - ökonomisch rationale Austauschprozesse verzichten kann, so sehr sind gerade diese Prozesse auf irrationale, soziale Motive als Basis angewiesen. Öffentliche Güter wie Demokratie, Umweltschutz aber eben auch Marktwirtschaft bedürfen eines gewissen Maßes an Kooperation und Vertrauen zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft. Nur wenn Gesetze (auch Marktgesetze, wie das Aneignen eines Gutes durch Erbringung einer Gegenleistung z.B. in Form von Geld) als Normen eigenen Handelns verinnerlicht und freiwillig befolgt werden funktioniert das Ganze.

Reflektiert man die gesamte Entwicklung der Arbeit, ihren Bedeutungswandel sowie die dargestellten Probleme der sozialen Sicherung, dann erscheint es erfolgversprechender statt einiger Detailänderungen, den Arbeits- und Wertschöpfungsbegriff selbst neu zu definieren.

"Um der Arbeit in Arbeitsgesellschaften (wieder) ihren prominenten Stellenwert zu geben, ist es notwendig, Tätigkeitsfelder jenseits der Erwerbsarbeit zu erschließen und gesellschaftlich aufzuwerten. Dies bedeutet, daß die (im-) materielle soziale Sicherung der Menschen nicht länger nur an deren Arbeitsleistung innerhalb des Erwerbssytems gekoppelt sein darf. Es muß möglich werden, daß Menschen ihre gesellschaftliche und individuelle Identität aus unterschiedlichen Arbeitsformen bilden, nicht nur aus ihrer zunehmend instabilen Erwerbsarbeit."

Die in der Triade der Arbeit dargestellten Arbeitsformen: 1. Erwerbsarbeit, 2. individuell nützliche Arbeit (öffentliche oder private Eigenarbeit, Weiterbildung, etc.) und 3. gesellschaftlich-nützliche Arbeit (Ehrenamt, gemeinnützige Arbeit) sollen in einer Tätigkeitsgesellschaft ausgewogen vorhanden sein und ein unkomplizierter Wechsel von der einen Form in die andere möglich werden.

G. Schmids Idee der Übergangsarbeitsmärkte stellt einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung dar Dies beruht darauf, daß nicht wie bisher ein vom ersten Arbeitsmarkt abgeschotteter zweiter Arbeitsmarkt durch die öffentliche Hand errichtet wird, sondern daß die Übergänge zwischen verschiedenen persönlich oder gesellschhaftlich nützlichen Aktivitäten und Erwerbsarbbeit finanzieren werden. Schmid geht es dabei vor allem um die Stabilisierung und Innovation von Beschäftigungsbrücken, die die Übergänge z.B. zwischen Kurz- und Vollzeitarbeit bzw. Lernen und Arbeiten, Erwerbstätigkeit und Rente etc. erleichtern. Das dänische Modell verfolgt einen ähnlichen Ansatz: hier wurde eine breit angelegte Arbeitsplatzrotation eingeführt. Mit staatlicher Unterstützung können Arbeitnehmer für maximal ein Jahr eine Auszeit nehmen, wenn sie dies mit einer Fortbildungsmaßnahme oder Elternarbeit begründen. Sie erhalten dann bis zu 100% des Arbeitslosengeldes. Wollen sie hingegen nur ein Sabbatjahr einlegen, fallen die Unterstützungsleistungen geringer aus. Die Priorität der Erwerbsarbeit wird allerdings in beiden Konzepten nicht ernsthaft bezweifelt. Anders beim Modell der Tätigkeitsgesellschaft. Alle in der Triade der Tätigkeiten dargestellten Aktivitäten werden als gleichrangig angesehen.

Als praktisches Beispiel gelten das Münchner Modell und das New Work Projekt von Prof. F. Bergmann. Beide Konzepte versuchen in Absprache mit den beteiligten Unternehmen, den Wechsel zwischen den verschiedenen Tätigkeitsformen zu erleichtern, indem die Unternehmen den Angestellten verschiedene Arbeitszeitmodelle so anbieten, daß z.B. die Erwerbsarbeit (und der Lohn) im Tausch für bürgerschaftliches Engagement oder Weiterbildung reduziert wird. Der Angestellte hat auch die Möglichkeit, diese Zeiten über mehrere Monate zu kumulieren, so daß er etwa ein ganzes Jahr mit seiner Erwerbsarbeit aussetzt, um sich zu engagieren oder sich selbst zu verwirklichen. Unterstützend werden in der näheren Umgebung der Unternehmen New Work Zentren (z.B. in Wolfen) bzw. Häuser der Eigenarbeit (z.B. das HEI in München) aufgebaut, in denen ihnen mit Rat und Tat beim Erlernen neuer Fähigkeiten oder beim Herstellen eigener Produkte geholfen wird. Teilweise gehen hieraus dann sogar neue Existenzgründungen hervor.

In Amerika gibt es die "Caring Capitalism" Bewegung, die man im weitesten Sinne ebenfalls als Beispiel anführen könnte. Über 750 Unternehmen, darunter auch der Sportartikelhersteller Reebok, unterstützen soziale Projekte in der Gemeinde. Neben direkter Unterstützung wie der Adoption eines Kindergartens fördern diese Unternehmen das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeiter durch Freistellungen und Auszeichnungen.

Um diese Tätigkeiten nun nicht zu "Beschäftigungstherapien" für "Reservearbeitnehmer" verkommen zu lassen, bedarf es natürlich auch anderer Formen der gesellschaftlichen Anerkennung und der ökonomischen Interaktionen. So haben sich in letzter Zeit vermehrt sogenannte LETs (local exchange trading systems), auch Tauschringe genannt, entwickelt, von denen es in der Bundesrepublik mittlerweile ca. 150 Stück gibt.

Über eine Vermittlungsagentur werden hier Angebot und Nachfrage privater Haushalte zusammengebracht. Statt aber in Geld werden die geleisteten Arbeit in speziellen internen Verrechnungseinheiten (green dollar, Taler, Zeitpunkte usw.) abgegolten. Jeder Teilnehmer hält ein Konto auf dem von der Agentur seine Leistungen gutgeschrieben bzw. sein Konsum abgezogen wird. Der Vorteil liegt u.a. darin, daß sich wieder kleine aktive soziale Gemeinschaften bilden und Personen dabei integriert werden, die Leistungen erbringen, welche im Wirtschaftssektor nicht entlohnt werden.

Ein solcher Tauschring ist ReWir 2000. Dabei handelt es sich um ein regionales Verbundsystem unter Leitung des Vereins "Neue Arbeit" im Raum Dessau, Bitterfeld, Wittenberg, dem Bürger, Unternehmen, Kirchengemeinden, Sozialverbände, Verwaltung und Interessenverein angehören. Das Vorhaben ist zunächst für die Dauer von zwei Jahren konzipiert und zwar von Anfang 1999 bis Ende 2000. Während dieser Zeit wird es wissenschaftlich begleitet und auf der EXPO 2000 vorgestellt. Die Funktionsweise ist denen anderer Tauschringe ähnlich, legt jedoch mehr Wert auf Dezentralität. Die Anbieter einer Sachspende oder Dienstleistung zeichnen Gutscheine für ihr Angebot und lassen sie dem Verein "Neue Arbeit" als Spende zukommen. Dieser verteilt sie am Anfang über ein Spendenparlament an die einzelnen Empfänger. In der Folge erhofft man sich jedoch, daß von diesen Empfängern wiederum Gutscheine in Umlauf gebracht werden, so daß es zu echten Austauschbeziehungen unter den Mitgliedern kommt. Ähnliche Experiment zu lokalen Währungen laufen mit Unterstützung der EU auch in anderen Ländern Europas so z.B. in Irland (Enterprise Connacht Ulster) oder in Spanien (La Kalle).

Ein eher typischen Tauschring stellt dagegen das Riedlinger Seniorennetzwerk in Baden Württemberg dar. Aktive Mitglieder bieten Sozialdienste wie Krankenpflege, Ausfahren von warmen Mittagessen, Hilfe bei Behördengängen etc. an und lassen sich dafür Punkte auf ihr Konto anrechnen oder einen geringen Lohn in Geld auszahlen, je nachdem, ob man später selbst einmal Leistungen des Netzes in Anspruch nehmen oder sich nur kurzfristig engagieren will. Die Organisation mit mittlerweile 500 Mitgliedern erfreut sich so großer Beliebtheit in der Region, daß die Vorsitzenden inzwischen durch die ganze Republik reisen und ihre Idee vorstellen.

Die Form der Verrechnung von Angebot und Nachfrage birgt jedoch einige Probleme, beispielsweise sind die Verrechnungseinheiten der meisten Tauschringe nicht kompatibel, die Notwendigkeit einer Vermittlungsagentur zwingt dazu, die Mitgliederzahlen klein zu halten, und vor allem bedarf der Austausch einer vorherigen Quantifizierung der einzelnen Leistungen. Einige dieser Leistungen leben jedoch gerade davon, daß sie nicht quantifiziert werden. Versucht man es dennoch, werden diese Leistungen nicht mehr erbracht (z.B. altruistische Handlungen wie Blutspenden oder die oben erwähnten, ökonomisch irrationalen sozialen Motive). Opaschowski schlägt statt der monetären Äquivalente daher vor, andere Formen der sozialen Anerkennung für solche Leistungen zu verwenden, wie z.B. öffentliche Ehrungen und Ehrentitel, zusätzlichen Urlaub oder freien Eintritt in öffentliche Einrichtungen. In eine ähnliche Richtung geht auch unser Vorschlag eines fuzzy money, bei dem ein universell anerkanntes Symbol sozialer Anerkennung für bestimmte Handlungen überreicht wird (sozusagen Geld ohne Zahlenwert). Zufriedenheit mit einer Dienst-, bzw Dankbarkeit für eine Hilfeleistung oder auch der Wunsch nach einem intensiveren Kontakt können so zusätzlich zur Geldebene kommuniziert werden. Es entsteht ein auf das Individuum bezogenes, soziales Netz von Leistung und Verpflichtung zur Gegenleistung (materiell oder immateriell), das jedoch flexibler ist, als das Verrechnungssystem der Tauschringe.

Welche Aufgabe könnte staatliche Sozialpolitik in einer solchen Tätigkeitsgesellschaft noch haben? Mit Sicherheit dürfte sie nicht mehr die Form der bisherigen, totalen und standardisierten Regulierung sozialer Programme haben, die sowohl im ökonomischen als auch sozialen Sinne ineffektiv sind. Eine zentrale Koordination der Absicherung aller Risiken des Lebens für alle Mitglieder einer Gesellschaft als utopisch. Dies hat der Untergang des "real existierenden Sozialismus" gerade gezeigt. Statt dessen gilt es angesichts der Individualisierung unterstützend und aktivierend tätig zu werden: Der Staat sollte nur noch als Moderator zwischen Markt und Zivilgesellschaft funktionieren. Über die Finanzierung und den Aufbau lokaler Infrastrukturen und die Gestaltung des lokalen, sozialen Kontextes wie z:B. der Gründung von New Work Zentren und Vernetzungsagenturen, sollten Menschen in die Lage versetzt werden, sich selbst zu helfen. Das Leitbild ist der aktive Bürger, der zum Unternehmer in eigener Sache wird. Wegweisend für eine solche Politik könnte das Beispiel Irland sein, in dem die LETS durch fachliche, staatliche Beratung unterstützt werden oder aber die Stadt Ulm, die mit 6 Millionen Mark eine Bürgerstiftung gründete um Projekte der Gemeinwesenarbeit zu fördern, vom Kinder- und Jugendpparlament bis hin zum Selbsthilfebüro. Hier in Ulm wird auch erkennbar, wie kommunale Sozialpolitik in der Tätigkeitsgesellschaft aussehen könnte: Die 1995 von Edith Bode gegründete Ulmer Tafel hatte ursprünglich gar nicht beabsichtigt eine eigene Währung einzuführen. Geplant war, daß Lebensmittelhändler Essen spenden, das dann in einem Raum des Roten Kreuzes an Obdachlose für einen Preis von 1,50 Mark verteilt würde. Doch nach und nach wuchs der Umfang und die Form der Spenden, so daß das Sozial- und Jugendamt der Stadt seit 1997 Ulmer-Lobby-cards an Personen mit niedrigem Einkommen verteilt. Damit wird es ihnen ermöglicht z.B. verbilligte Waren in einigen Läden zu erwerben oder für geringere Eintrittspreise ins Kino und Theater zu kommen. Umgekehrt engagieren sich aber auch wieder viele freiwillig in der Intitiative.

Staatliche Sozialpolitik hätte also lediglich eine Minimalsicherung auf kommunaler Ebene zu garantieren, die im Austausch für Arbeit in den anderen Tätigkeitsfeldern gewährt würde. Wie die Kommunen dies allerdings organisieren, blieb ihnen selbst überlassen.

Die "Kommunitarisierung der Sozialpolitik" würde die individuellen sozialen Gemeinschaften stärken und restrukturieren. Dies bedeutet jedoch nicht ein sozialkonservatives Zurück in die gute alte Zeit. Vielmehr würden die Herausforderungen der Individualisierung, die neuen sozialen und psychischen Bedürfnisse offensiv aufgenommen. Es entstünde etwas, das Ulrich Beck den "solidarischen Individualismus" nennt und das sich nicht auf geographisch begrenzte Gemeinschaften beschränkt, sondern zum Aufbau sich überlagernder, situationsabhängiger Netze führt. Amitai Etzioni hat kürzlich deutlich gemacht, daß es nur dort ein Wir geben kann, wo es auch verschiedene Ichs gibt. Eigennutz und Gemeinnutz sind zwei Seiten derselben Medaille. Dem blinden Eigennutz wird jedoch eine Absage erteilt. Auf diese Weise würden auch Beziehungen wieder gestärkt, die, wie oben erwähnt, zur Herstellung öffentlicher Güter wie Markt, Demokratie, soziale Sicherheit und Umweltschutz unabdingbar sind.

Der marktwirtschaftliche Sektor würde nicht nur auf dieser etwas abstrakten Ebene von einer Tätigkeitsgesellschaft profitieren. vielmehr erhielte er handfeste Leistungen in Form von Motivation, Know how, sozialer Kompetenz, psychosozialer Gesundheit und Kreativität der Arbeitnehmer. Also all die Qualitäten, die als Humankapital bezeichnet und als eine der wichtigsten Ressourcen der Zukunft angesehen werden. Aber natürlich kann dies nicht allein durch wirtschaftspolitische Maßnahmen und neue Konzepte erreicht werden. Ein so tiefgreifende Wandel, wie der hier skizzierte, stellte auch enorme Anforderungen an Bildung und Ausbildung. Nur, wenn schon in den Schulen die richtigen Weichen gestellt werden z.B. durch Ausbildung in sozialer Kompetenz,. wird eine Tätigkeitsgesellschaft möglich.

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