Deckblatt:

Anwar Syed Ali, M.A.

Jahrgang 1970

Studium der Politikwissenschaft, Neuere Geschichte, jura und Soziologie in

Giessen, Marburg und Potsdam.

Seit 1998 Doktorand am politikwissenschaftlichen Institut der wirtschafts-

und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam.

Mitglied der F.D.P. und Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe an der

Universität.

Im Landesvorstand der F.D.P. Brandenburg.

Graduiertenstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Adresse:

Eberschenweg 18

14557 Wilhelmshorst

Telefon: 033205-46825 o. 0172-6953346

Nationalisierung versus Universalisierung

Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis einer multi-ethnischen

Gesellschaft

Von Anwar Syed Ali

1. Einleitung

Seit jeher hat die deutsche Nation ihr Verhältnis zur eigenen, kollektiven

Vergangenheit in anderer Art und Weise beschäftigt wie das anderer Länder.

Vor dem Hintergrund der vielen geschichtlichen Brüche in der jüngsten

deutschen Vergangenheit kann diese wohl kaum verwundern.

Diebundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft sah sich vielerlei Kontroversen

über das richtige Umgehen mit der Nazi-Vergangenheit ausgesetzt.(1=Zum

Beispiel die Ausschwitzprozesse Ende der 60er Jahre, der Eichmann-Prozess

in Israel sowie die Turbulenzen um Hans Globke.) Dabei stand im Zentrum

der Auseinandersetzungen das ängstliche Beharren auf dem Status Quo, damit

das ohnehin fragile Selbstverständnis der Bonner Republik nicht allzu sehr

in Frage gestellt wurde. Der Kalte Krieg mit seinen unverrückbaren Zwängen

spielte dabei eine große Rolle, denn es gab ja einen anderen deutschen

Staat namens DDR, der in einer ideologisch verkürzten Linie sich jederlei

historische Schuldzuweisung verbat: mit der Verantwortung für Krieg und

Massenmord dürften die Bürger der DDR nichts zu tun haben.

Wie kann man nun so etwas wie kollektive Erinnerung analytisch herleiten ?

Wie entsteht Vergangenheit ?

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs entwickelte in den 20er

Jahren den Begriff des "memoire collective", des Kollektiven

Gedächtnisses, der das Gedächtnis im wesentlichen als soziales Phänomen

bezeichnet. (2= Siehe Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis.

Frankfurt/Main 1985 (2.Auflage)).

Das Individuum ist dabei in der Lage, seine eigenen Empfindungen und

Erinnerungen zu haben, gleichzeitig bewegt es sich andauernd in Gruppen,

über die es sich kollektiv erinnern kann (der Bezugsrahmen Gruppe). Zudem

erinnert sich der Einzelne "historisch" an z.B. nationale Ereignisse, die

er nicht unmittelbar miterlebt haben muß, wohl aber "historisch"

reproduzieren kann. Die Menschen nehmen also an Gruppen teil, die sie

nicht unbedingt als solche wahrnehmen, was sich entscheidend auf die Art

des Erinnnerns auswirkt, denn sie stellen im Prozeß der Erinnerung nur

Veränderungen dar. Während die Gruppe als Kontinuum empfunden wird, die

über die Zeit hinweg durch Gleichbleibendes geprägt ist, nimmt das

historische Gedächtnis nur den Wandel wahr und blendet Zeiten ohne diesen

als "leere" Intervalle aus. Assmann spricht hier von einem "homogenen

historischen Raum", der sich durch Wandel auszeichnet, für den

gleichbleibendes uninteressant ist, gleich einem Reporter auf der Jagd

nach Neuigkeiten. (3=Siehe Jan Assmann. Das kulturelle Gedächtnis. München

1992.) Das Gedächtnis steht in einem Widerstreit zur Historie, obwohl

beide eng miteinander verbunden sind, und da es nur eine Historie aber

viele Kollektivgedächtnisse gibt, liegt der entscheidende Punkt vin dem

Moment des Übergangs von gelebter zu "toter" Geschichte, bzw. von

kollektivem zu historischem Gedächtnis. Diese Abfolge ergibt sich aus der

Intention des Erinnerns eines Kollektivs, dass sich selbst und damit seine

Geschichte am Leben erhält. Erlischt dieses Bestreben, dann setzt die

Historie ein, man interessiert sich nur noch für die Fakten einer Epoche,

also nicht mehr für Identitäten, Gefühle und Gedanken dieser Zeit.

Ein historisches Gedächtnis im Bezug auf den Nationalsozialismus kann es

in absehbarer Zukunft kaum geben, dafür sind die unmittelbaren und

mittelbaren Auswirkungen auch für unsere Generation zu präsent. Wohl ist

es so, dass seit den Gedenkfeiern zum 50jährigen Kriegsende eine gewisse

Neiorientierung eingetreten ist. Dafür steht die Aussage von Michael Rutz

im Rheinischen Merkur, dass an diesem 8.Mai 1995 ein Schlußstrich gezogen

worden ist:"Nach dem 8.Mai die neue Rolle Deutschlands. Den Blick nach

vorne gerichtet. Der Weltkrieg ist Geschichte." (4= Siehe Michael Rutz:

"Nacht und Stürme werden Licht", in: Rheinischer Merkur, Nr.19 vom 12.Mai

1995, S.3)

Im Kontext dieser Entwicklungen sind die Goldhagen-kontroverse und die

Diskussion über die Rede von Martin Walser anlässlich der Verleihung des

Friedenspreisses des deutschen Buchhandels 1998 zu sehen.

Um nichts anderes als eine wie auch immer geartete "Historisierung" der

NS-Zeit geht es dabei und die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Das binäre

Diskussionsspektrum kreist immer um Fragestellungen von Nationalisierung

versus Universalisierung. Und damit wären wir beim Schwerpunkt dieses

Aufsatzes angelangt: Wie soll eine multi-ethnische deutsche Gesellschaft

am Ende diese Jahrhunderts mit der Vergangenheit umgehen ?!

2. Die kollektive Erinnerung im Vergleich

In den 50er und 60er Jahren stellte sich die Frage kaum, ob eine größere

Zahl Menschen in der Bundesrepublik mit nichtdeutscher Herkunft sich mit

der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen hätte. Die meisten dieser

Menschen waren als Gastarbeiter geholt worden, um den nach dem Bau der

Mauer notorischen Arbeitskräftemangel der deutschen Industrie

auszugleichen und am Wirtschaftswunder mitzuwerkeln. Sie selbst hätten

sich kaum vorstellen können, dass die Bundesrepublik einmal ihr dauerndes

Zuhause werden würde und genauso ging es der deutschen

Aufnahmegesellschaft. Mit dem Anwerbestopp von 1973 schmnälerte sich zwar

der Strom der Fremden, die ins Land kamen, aber durch Familiennachführung

und die höhere Geburtenrate der "Gastarbeiter" entstand im Laufe der Jahre

ein immer höherer Wohnbevölkerungsanteil von Menschen nichtdeutscher

Herkunft. Waren es anfangs vor allem Spanier, Italiener und Jugoslawen mit

christlich-europäischem Kulturhintergrund, die angeworben wurden, stieg ab

1967 der Anteil der aus der Türkei herbeigeholten Arbeitskräfte stetig an.

Diese Menschen sind größtenteils muslimischen Glaubens. Für die erste

Generation der "Gastarbeiter" wären Fragestellungen von kollektiver

Verantwortung für die deutsche Geschichte natürlich vollkommen abwägig

gewesen. Die Nachkommen haben anzunehmenderweise aber aufgrund der ganz

anderen Generationserfahrung ein Bedürfnis, sich an dem gesamtdeutschen

Diskurs zu beteiligen. Es ist ein ganz entscheidender Punkt, wer sich mit

der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt und dieses Themengebiet

besetzt.

Auffallend war dabei eine Diskussion mit dem Leiter der

Wehrmachtsausstellung, Hannes Heer, wobei dieser gefragt wurde, wo

dennsein Vater im Zweiten Weltkrieg gedient habe (Nach dem Motto. "Du bist

zwar ein Linker, aber dazu gehörst du doch"). Eine solche Frage könnte man

einem Emigranten natürlich nicht stellen. Die ganze Problematik wurde

sichtbar. Eine sehr deutsche Problematik. Denn mit der Frage. "Wie hälst

du es mit der deutschen Vergangenheit? ?" wird mit einer Art Gewissenstüv

gleichsam das politische Feld abgesteckt.

Nationalisierung versus Universalisierung wird auch hier zum binären

politisch-kulturellen Debattenzentrum: Ein ganz anderer Diskurs übrigens

wie beispielsweise in Frankreich oder im Vereinigten Königreich; denn

freilich sehen sich die dortigen Emigranten auch mit der Frage eines

gemeinschaftlich-kollektiven Gedächtnisses konfrontiert. Aber der Diskurs

bewegt sich mehr im Bereich der Kolonialvergangenheit und wie damit

umzugehen sei. Die Frage von Täter und Opfer wird oft nicht ohne einen

Beigeschmack von Selbstgerechtigkeit geführt: Während aber Frankreich sich

in den letzten Jahren mit einer ungewöhnlichen Offenheit seiner

Vichy-Vergangenheit und den Geschehnissen des Algerienkrieges stellen

mußte, verharrt die Diskussion in Großbritannien doch mehr im Bereich des

Gewohnten: "Sicher war der Kolonialismus nichts Gutes, aber na ja, manches

war doch gar nicht schlecht für die ŽBeherrschtenŽ".

Hier kommt die alte geschichtliche Erfahrung wieder mal zum Tragen, daß

Derjenige (oder eine Nation, im Kollektivsubjekt gesprochen), der alle

Kriege im Laufe der geschichte gewonnen hat, sich sehr schwer tut, eine

offene und ehrliche Diskussion über die nicht so schönen Seiten der

Vergangenheit zuzulassen. Verlierer sind dazu schon viel eher gezwungen.

Nichts desto Trotz wissen sich die Einwanderer in Großbritannen und

Frankreich einig in dem Gefühl, mit ihren Kolonialmutterländern im Kampf

gegen Nazi-Deutschland auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu

haben. Dies verbindet und trägt über alle in diesen Ländern sicher nicht

weniger zu machenden Erfahrungen mit Rassismus hinweg zu einem

gesellschaftlichen Grundkonsens bei, der für Stabilität sorgt. Für mich

als Sohn eines pakistanischen Vaters und einer deutschen Mutter war es

immer wieder erstaunlich bei meinen Besuchen der in London lebenden

Verwandtschaft festzustellen, daß das geschichtliche Empfinden doch bei

allen biographischen Gemeinsamkeiten so unterschiedlich ausfiel. Niemand

in Großbritannien würde anläßlich des Niederbrennens eines mit Emigranten

bewohnten Hauses daran zweifeln, ob die britsche Demokratie noch stabil

sei.

3. Funktionalisierung und Verdrängung

Die deutsche Diskussion über den Umgang mit der jüngsten Vergangenheit

leidet an einer eigentümlichen intellektuellen Schieflage. Definierte sich

die marxistische Linke über viele Jahre am Ausspruch "Kapitalismus führt

zu Faschismus, und Faschismus führt zu Krieg", verharrte die demokratische

Rechte in einem Gemisch von Anerkennung der Niederlage ("Da kann man halt

nichts machen"), Herausgreifen des konservativen Widerstandes gegen Hitler

(20.Juli 1944) und einer undeutlichen Mitverantwortlichmachung der

Westmächte für die Situation des 30.Januar 1933: "Die Destabilisierung der

Weimarer Repubik war nicht deutsches Werk allein".

Durch den Epochenwechsel von 1989 wurde natürlich auch ein neues Umgehen

mit der Nazi-Zeit dringlich: Besonders die Verquickung von

Vergangenheitsbewältigung und die Neuausrichtung der deutschen

Aussenpolitik stachen ins Auge. Der Golfkrieg 1991 reaktivierte noch ein

letztesmal die alten Reflexe des Kalten Krieges. Die Friedensbewegung

erlebte eine Renaissance mit all ihren oft widersprüchlichen Zielen und

Aussagen. Der Antiamerikanismusvorwurf wurde wie bei der Diskussion über

den Doppelbeschluß der Nato 1983 vorgebracht. Teile der deutschen Linken

solidarisierten sich mit der Friedensbewegung, während auf der anderen

politischen Seite das liberal-konservative Bürgertum und der rechte Flügel

der Sozialdemokratie standen. Aber schon damals ging ein Riß durch die

Reihen der Friedensbewegten: Konnte man ruhigen Gewiisens die Kriegsgegner

unterstützen, wo doch Sadam Husseins Raketen Israel bedrohten ?!

Diese zunächst noch verdeckte Diskussion geriet vor dem Hintergrund des

Bosnien-Krieges (1992-1995) vollends ans Licht der Öffentlichkeit. Niemand

mehr als der heutige Aussenminister Joschka Fischer steht für diesen

Positionswechsel: Vom entschiedenen Kriegsgegner wandelte er sich zum

Befürworter einer westlichen Intervention im ehemaligen Jugoslawien.

Schließlich in Amt und Würden angekommen, war er es, der den ersten

militärischen Auslandseinsatz deutscher Soldaten nach dem Zweiten

Weltkrieg befahl. Die ethnischen Säuberungen des Milosevic-Regimes im

Kosovo machten dies notwendig. Die Diskussion über die deutsche

Vergangenheit spielte dabei eine große Rolle: Gerade wegen Ausschwitz

dürfe es nie mehr so weit kommen, daß die Welt dabei zusieht, wenn

organisierter Völkermord beginne. Das politische Koordinatensystem,

welches 50 Jahre lang die Diskussion bestimmt hatte, erlebte einen totalen

Umbruch; zumal, weil die langjährige linke Opposition seit der

Bundestagswahl 1998 in der Regierungsverantwortung steht. Für eine

Nationalisierung der Vergangenheitsdebatte tritt mit vorsichtiger Fühlung

die politische Rechte ein: Jetzt soll auch die Rolle der

Heimatvertriebenen neu bewertet werden; bemerkenswert ist in diesem

Zusammenhang die Anerkennung des Friedenswillens der Heimatvertriebenen

nach dem Zweiten Weltkrieg durch Innenminister Otto Schily. Die politische

Linke nimmt Abschied von liebgewonnenen Positionen aus der Zeit des Kalten

Krieges. Wie sollen sich nun Angehörige von ethnischen Minderheiten zu

diesen Problemfeldern positionieren ?

Zunächst einmal ist zu sagen, daß es "die Emigranten" oder "die neuen

Deutschen" natürlich garnicht geben kann. Ein katholischer Italiener wird

zu vielen Punkten eine andere Meinung vertreten als ein muslimischer

Türke. Emigranten, die aus Ländern stammen, welche unter der deutschen

Besatzung im Zweiten Weltkrieg sehr gelitten haben, werden eine andere

Psition haben als solche, die aus mit dem Dritten Reich "befreundeten"

oder neutralen Ländern kommen. Für mich ist es besonders interessant, auf

die muslimischen Einwanderer einzugehen.

Für viele politisch Interessierte in Deutschland wird es immer noch ein

wenig befremdlich wirken, wenn sich solche "Fremde" an der deutschen

Nabelschau über die Vergangenheit beteiligen. Nicht umsonst habe ich die

Pointe mit der Frage an Hannes Heer, wo denn sein Vater im Zweiten

Weltkrieg gedient habe, als Ausgangspunkt meiner Überlegungen benutzt.

Genau damit wird nämlich die Nabelschau offensichtlich. Menschen mit

Großvätern,die nicht als Wehrmachtssoldaten gedient haben, sind

ausgeschlossen aus dem Diskurs. Vielleicht könnten Emigrantenkinder zu

einer positiven Entkrampfung der Diskussion beitragen. Denn ist es nicht

so, daß die ganze Diskussion in der alten Bundesrepublik im Rahmen des

politischen Rechts-Links-Schemas mit einer großen Unehrlichkeit geführt

wurde ?!

Überspitzt ausgedrückt, die Rechten verteidigen den deutschen Landser,

während die Linken vom bösen faschistischen Krieg reden. An die politische

Linke adressiert, könnte man bemerken, daß eine noch so gut gemeinte

Distanzierung von den Untaten der eigenen Nation nichts an der eigenen

Nationalität ändern kann. Dies ist eine Erfahrung, die man als Angehöriger

einer ethnischen Minderheit jeden Tag macht. Im Zweifelsfalle kann sich

ein Deutscher noch so "links" gebären, er wird im Ausland immer zuerst als

Deutscher wahrgenommen und im Kollektivsubjekt für die deutsche

Vergangenheit mitverantwortlich gemacht. Alles andere wäre eine Lüge.

Als Emigrant sollte man sich zunächst ohne wenn und aber zur Verantwortung

bekennen, die sich aus der Nationalität "Deutsch" ergibt. Aber

andererseits kann man auch unbefangener auf Mißstände im Umgang mit der

Vergangenheit aufmerksam machen. Zum Beispiel auf Instrumentalisierungen

aller Art. Es kann ohne bösen Willen durchaus diagnostiziert werden, daß

natürlich deutsche Schuld aus vielerlei Gründen zum eigenen Vorteil

desjenigen, der sie ins Felde führt, "gebraucht" wird. Leider haben die

ausländerfeindlichen Ausschreitungen sowie das museale deutsche

Staatsbürgerrecht vor seiner Reformierung Anfang 1999 nicht gerade zu

einer Loslösung vom Bild des gestrigen Deutschland beigetragen. Doch nun

besteht mit dem neuen Staatsbürgerrecht und vielleicht auch mit der

Änderung der politischen Kultur im Gefolge des Regierungsumzuges nach

Berlin, die Chance für junge Einwanderer sich in einer neuartigen Art und

Weise in den deutschen Dialog über die eigene Vergangenheit einzuschalten

und damit auch einen konkreten Beitrag ur Zukunftsgestaltung zu leisten.

4. Die Berliner Republik und ihre Einwanderer

Eine Universalisierung der Erinnerung bedeutet eben auch, daß es nicht

mehr eine einzig und allein deutsche Nabelschau zu betrachten gibt. Aber

diese Universalisierung ist gefährdet. Denn diese "neuen Deutschen" werden

sich politischer Angriffe von allen Seiten zu erwehren haben:

a) Von Seiten der deutschen Rechten; Die extreme Rechte wird jeden Diskurs

nichtdeutschstämmiger Menschen über die eigene Vergangenheit sowieso von

vornherein ablehnen. Es wäre in ihrem Verständnis nur ein weiterer Versuch

des Auslandes, die Deutschen in ihrer Schuld zu stigmatisieren. An der

deutschen "Schicksalsgemeinschaft" können demzufolge nur "richtige

Deutsche" teilnehmen, die deutsche Geschichte erlitten und erduldet haben.

Hier bietet sich auch der Anknüpfungspunkt für die demokratische Rechte.

Für sie ist es sicher nicht unmöglich, daß Einwanderer Teil der erwähnten

"Schicksalsgemeinschaft" werden, allerdings bei gleichzeitig vollständiger

Assimilierung. Es drängt sich der Verdacht auf, daß damit die ohnehin

befürchtete Überforderung der Bevölkerung bezüglich der Abgabe nationaler

Souveränitäten an die EU kompensiert werden soll. Wenn der Bevölkerung das

eine schon zugemutet werden muß, soll diese nicht auch noch mit einer

fremden Bevölkerungsgruppe konfrontiert werden, die allzu forsch

staatsbürgerliche Gleichheit einfordert. Wie man sieht, ist auch hier eine

Diskussion über Vergangenheit immer auch eine Diskussion über Zukunft.

b) Von Seiten der deutschen Linken; Denn man sieht Emmigranten allzu gerne

zwar als williges Wahlvolk und Unterstützer, aber bitte immer in

Demutshaltung gegenüber den Gönnern. Wird die deutsche Linke auf eigene

Unzulänglichkeiten in ihrem Geschichtsbild angesprochen-beispielsweise auf

die angebliche Widerstandskraft der deutschen Arbeiterklasse gegenüber dem

Faschismus- ist es schnell vorbei mit großem Wohlwollen. Widerstand würde

man auch von Leuten ernten, die sich zwar immer unheimlich links und

aufgeklärt darzustellen wissen, aber in Fragen von Familienwerten nicht an

ihren Überzeugungen rütteln lassen, wenn sie ihrer Meinung nach von

"rückständigen" Emmigranten kritisch hinterfragt werden.

c) Von Seiten der eigenen Landsleute; Gerade im Falle der türkischen

Einwanderer ist es ein nicht zu leugnender Fakt, daß Beteiligung am

deutschen Vergangenheitsdiskurs mit eigener Position von vielen führenden

politischen Kräften in der Türkei nicht gerne gesehen wird. Zu groß war

bis jetzt die Verlockung, die türkische Bevölkerungsgruppe als füfte

Kolonne der türkischen Regierungspolitik zu mißbrauchen. Nur eine sich

selbstbewußt und weltoffen darstellende deutsch-türkische

Einwanderergeneration wird diese Malaise endlich beheben können, zu der

ihre Elterngeneration aus vielerlei Gründen nicht in der Lage war. Die

Nationalisierung des kollektiven Gedächtnis wird, wie gesehen, von vielen

gesellschaftlichen Gruppen angestrebt. Der ersten Generation der Berliner

Republik obliegt es, die zu verhindern. Das Gegenteil hätte fatale

Wirkung.

 

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