Zukunft der Unternehmen: Global Player oder National Loser?
Von André Presse
Bekanntlich stellt Wettbewerb Unternehmen vor neue Herausforderungen und setzt sie dem Druck besserer Alternativen und Produkte aus. In einem komplexer werdenden sozio-ökonomischen Umfeld sehen sie sich jedoch zunehmen auch Anforderungen von Gruppen der Gesellschaft gegenüber, die über die bisherigen Anforderungen im Spannungsfeld von Unternehmen, Kunde und Konkurrenz hinausgehen. Die Diskussion darum, ob Unternehmen vordergründig die Aufgabe haben, das Einkommen der Eigentümer (Shareholder) zu maximieren oder ob es die Ansprüche mehrerer von ihnen betroffenen Gruppen (Stakeholder- Ansatz), so zum Beispiel der Arbeitnehmer, zu berücksichtigen gilt, gewinnt angesichts des stärker werdenden Wettbewerbs an Schärfe.
In diesem Kapitel wird unter anderem untersucht, wie weit die scheinbar gegensätzlichen Positionen dieser Diskussion tatsächlich voneinander entfernt sind und ob Ansätze in Sicht sind, sie in Einer Theorie zusammenzuführen. Darüber hinaus soll betrachtet werden, wie sich Unternehmen aus der Abhängigkeit von einzelnen nationalen Volkswirtschaft lösen und zu globalen ökonomischen Einheiten entwickeln. Für die Einheit Europas war die wirtschaftliche Integration der beteiligten Staaten eine zentrale Voraussetzung. In diesem Sinne kann eine globale Wirtschaft und können weltweit operierende Konzerne Vorboten einer global zu koordinierenden Politik sein.
Die Tatsache jedoch, daß Unternehmen einen solchen Globalisierungsprozeß durchlaufen, entbindet sie jedoch nicht von der Verantwortung für die Gesellschaft der nationalen Volkswirtschaft sondern führt statt dessen zur Verpflichtung, sich zunehmend auch den globalen, z.B. sozialen, Problemstellungen zu widmen.
2 Entstehung und Rolle von Unternehmen in der Geschichte
Eine Beurteilung der heutigen Rolle von Unternehmen als Basis für eine tragfähige Bestimmung ihrer zukünftigen Entwicklung ist kaum möglich ohne eine zumindest kurze Betrachtung ihrer Herkunft und Bedeutung in der Geschichte.
Die sich als Folge der Arbeitsteilung einstellende und fortschreitende Spezialisierung der Arbeitskräfte bildete eine Basis für die Tauschwirtschaft und die Interaktion zwischen Stadt und ländlicher Region zu beiderseitigem Nutzen.
Die u. A. durch Kapitalbildung und Entwicklung von Basistechnologien (z. B. der Dampfmaschine) ermöglichte Industrielle Revolution führte zur Errichtung von Fabriken und somit zur Bildung von Strukturen, die auch im heutigen Sinne noch als Unternehmungen bezeichnet würden. Die gleichsam feudalistische Ausbeutung der Arbeitskräfte führte jedoch auch zu einer stark ungleichen Verteilung der Früchte der Errungenschaften jener Revolution.
Eine Beseitigung dieser Ungerechtigkeit war das Ziel von Marx´s "Das Kapital" im letzten und das kommunistischer Revolutionen in unserem Jahrhundert. Die Gründe für das Scheitern des Bolschewismus sind so zahlreich wie umstritten. Aufgrund ideologischer Erwägungen existierte in der Planwirtschaft kein Markt im marktwirtschaftlichen Sinne und an die Stelle von Unternehmen, die sich in Konkurrenz hätten befinden müssen, traten Kombinate, volkseigene Betriebe. Somit fehlten in diesem Wirtschaftssystem die wichtigsten Effizienz steigernden Faktoren und die Produktivität in Planwirtschaften mußte unweigerlich hinter die eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems zurückfallen. In der "westlichen Welt" hatte der Kommunismus des Ostblocks jedoch einen positiven politischen Nebeneffekt: um allgemeinen Wohlstand als wirksames Mittel gegen den expansionistischen Bolschewismus einsetzen zu können, wurde Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg nach marktwirtschaftlichen Prinzipien wieder errichtet und besonders der westliche Teil des geteilten Deutschland mit den Segnungen des Marschall-Planes bedacht. Statt einseitiger freikapitalistischer Ausbeutung war die Mehrung des allgemeinen Wohlstandes das Ziel.
In unseren Tagen, da die Gefahr des Kommunismus gebannt scheint, sind wieder verstärkt radikalkapitalistische Tendenzen auszumachen, während sich die ehemaligen kommunistischen Länder noch über Jahrzehnte von der Planwirtschaft erholen müssen. Die Idee vom allgemeinen Wohlstand von "sozialer Marktwirtschaft" ist jedoch mittlerweile zu einer Art Modell für eine globale Rahmenordnung gereift. In diesem Sinne hat also auch der real existierende Sozialismus letztendlich zur Entwicklung unserer Gesellschaft und zur Erkenntnis der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beigetragen (es soll allerdings keinesfalls behauptet werden, daß zu dieser Erkenntnis Sozialismus oder Kommunismus unabdingbar gewesen wären.
3 Reaktion der Unternehmen auf zeitgenössische Tendenzen.
Der Mensch unserer Zeit ist Zeuge einer Reihe von Veränderungen im Privat- und Berufsleben, deren besonderes Merkmal im Vergleich zur den vorangegangenen die hohe und sich weiter erhöhende Geschwindigkeit ist.
Dabei sind gleichermaßen natürliche und juristische Personen Objekt und Subjekt der Geschehnisse gleichzeitig. Menschen wählen, als Konsumenten, aus Produkten mit gleicher Qualität stets das zu geringeren Kosten aus. Das zwingt die Unternehmen in einen Preiswettbewerb und zu Rationalisierungen, um Einsparpotentiale zu realisieren. Diese Rationalisierungen ihrerseits betreffen wieder Menschen, diesmal in der Rolle der Arbeitnehmer.
Aufgrund sinkender Transport- und Transaktionskosten und erhöhter Vergleichbarkeit und Transparenz von Leistungen (z. B. über Produktvergleiche im Internet: die Konkurrenz ist nur noch den berüchtigten "Mausklick" weit entfernt) treten Unternehmen global in einen Wettbewerb zueinander. Würde sich ein Unternehmen dazu entschließen, sich auf einem regionalen Markt "einzuigeln" und nur einen eingeschränkten Kundenkreis zu bedienen, würde es dadurch weniger absetzen als ein Konkurrenzunternehmen, das sich dem Weltmarkt öffnet. Erhöhte Produktion führt jedoch zu sogenannten Skaleneffekten, also dazu, daß das einzelne Produkt oder die einzelne Dienstleistung kostengünstiger weil in höheren Stückzahlen produziert werden kann (beispielsweise durch verbesserte Kapazitätsauslastung). Die Kosten des "Global Player" lägen folglich systematisch unter denen des regionalen Anbieters. Wenn ein Kunde des letzteren jedoch das gleiche Produkt bei einem anderen Unternehmen billiger kaufen kann, wird er dies auch tun (von temporären Kundenbindungen einmal abgesehen). Der sich einstellende globale Wettbewerb stellt alle bisher dagewesenen Wettbewerbsformen in den Schatten. Was aber sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren dieses Hyperwettbewerbes?. Ist Wachstum aus eigener Kraft nicht mehr möglich oder würde zu lange dauern und sind einmal die Skaleneffekte intern ausgeschöpft, sehen sich Unternehmen nach strategischen Partnern um und es kommt zu Allianzen und Unternehmensverschmelzungen. Diese Zusammenschlüsse haben zum Ziel, Märkte gemeinsam besser zu bearbeiten, Skaleneffekte durch die Vergrößerung und Synergien in Bezug auf ihre Ressourcen zu erzielen. Die aus deutscher Sicht spektakulärsten Fälle in jüngster Zeit sind DaimlerChrysler und Deutsche Bank/Bankers Trust. Neben dem Wachstum sind Ertragskraft sowie die Geschwindigkeit der Entwicklung von Innovationen die entscheidenden Überlebensfaktoren für Unternehmen. Wenn sich international tätige Konzerne zusammenschließen treffen nicht selten Unternehmen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und mit unterschiedlichen Wertvorstellungen aufeinander. Man könnte sagen, in ihnen wird bereits die globale Gesellschaft gelebt, denn die Zusammenarbeit führt häufig zu einer Annäherung der Unternehmenskulturen.
Zur Nutzung von Synergien muß es jedoch nicht notwendigerweise gleich zu Fusionen kommen. Wenn zwei Unternehmen nicht als ganze zusammenpassen, können Vorteile einer Zusammenarbeit auch durch Kooperation, beispielsweise in der Produktentwicklung und Produktion, liegen.
Hohe Gewinne sind etwas Wünschenswertes. Dies gilt einerseits für den oder die Firmeninhaber, da er oder sie hohe Renditen für ihr eingesetztes Kapital erhalten. Das gilt aber auch für die Unternehmenslenker und die Angestellten, wenn Erträge in Forschung und Entwicklung für neue Produkte und Märkte und in Lohnerhöhungen gesteckt werden. Werden sie hingegen zur Finanzierung von Rationalisierungsprojekten und den Abbau von Arbeitsplätzen ausgegeben, sieht das Bild des Unternehmens in der öffentlichen Wahrnehmung schon nicht mehr so positiv aus. Wo jedoch liegt die Grenze? Inwiefern existieren Unternehmen einzig und allein zur Maximierung des Einkommens der Eigentümer oder haben sie doch noch anderen Ansprüchen zu genügen?
Daß Effizienz- und Produktivitätssteigerung gesellschaftlich wünschenswert sind, wird im Abschnitt 2.4 noch eingehender erläutert. In einem Unternehmen sollten tatsächlich auch nur die arbeiten, die positiv zum Ergebnis beitragen (also einen für die Schaffung von Wert durch ein Produkt nötigen Beitrag leisten). Das können gleichermaßen Verkäufer wie Strategen, Personal- wie Marketingfachleute, das Finanzwesen wie das Controlling sein. Diese Wert schaffenden Angestellten sind eine der wichtigsten Ressourcen eines Unternehmens. Sie sollten den Mittelpunkt interner Unternehmenspolitik bilden. Wenn ein Unternehmen seine diesbezüglichen Pflichten vernachlässigt und je nach Kassenlage Arbeitnehmer beschäftigt und entläßt, wird es für potentielle hochqualifizierte Arbeitnehmer uninteressant. Da es diese jedoch zum Überleben braucht schadet es sich mit einer solchen Politik selbst.
Mithin liegt gute Personalpolitik in der Verantwortung und im Eigeninteresse des Unternehmens und ist eine Voraussetzung für die Schaffung von Shareholder Value. Wie sehr dies zutrifft wird auch dadurch deutlich, daß einer der Vorreiter unserer Zeit für das Shareholder-Value-Konzept, General Electric, der Personalpolitik erste Priorität beimißt und "über Werte statt über Quartalsergebnisse" geführt wird. Aber nicht nur eine den Wertvorstellungen entsprechende Personalpolitik kann heute wichtig sein für die Maximierung des Shareholder Value. Das gleiche gilt etwa auch für eine ökologisch vertretbare, umweltorientiere Unternehmenspolitik und für die Produktion in Ländern, in denen es keine Kinderarbeit gibt. Dadurch finden externe Effekte, die ein Unternehmen durch seine Wirtschaftstätigkeit verursacht und für die es nicht unmittelbar zur Rechenschaft gezogen wird, ihre Rückkopplung in das Unternehmen.
Überhaupt werden Wertvorstellungen in der Wirtschaft und den Unternehmen der Zukunft eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Zu unseren Werthaltungen gehört auch die Auffassung vom Umgang mit der Natur zum Vorteil unseres und unserer Nachkommen Leben. Das die drohende Versenkung von Brent Spar zum Boykott von Shell-Tankstellen in Teilen Europas geführt hat ist nur ein Zeichen der Werteorientierung einer immer globaler denkenden und verantwortungsbewußter handelnden Gesellschaft. Die offene Informationspolitik, zu der sich Unternehmen verpflichtet sehen um Vertrauen und Ansehen bei ihren Kunden und Investoren gleichermaßen zu erzeugen und zu erhalten, läßt für Verstöße gegen anerkannte Konventionen und Werte nur noch wenig Toleranz.
4 Bedeutung in der Globalökonomie
Der Wettbewerb ist in vollem Gange. Das gilt für Unternehmen derzeit noch stärker als für nationalstaatliche Wirtschaftsregionen. Durch sinkende Transaktionskosten werden jedoch die Schwellen für Unternehmen und Privatpersonen niedriger, ein Land aufgrund ungünstiger wirtschaftlicher Bedingungen zu verlassen. Hinzu kommt, daß die von den Staaten zur Verfügung gestellten Leistungen (z. B. Infrastruktur, Ausbildung der Erwerbsbevölkerung, soziale Absicherung) bzw. die Kosten (z. B. Steuern, Löhne) transparenter werden. Dies resultiert darin, daß auch die Staaten zunehmend in einen Wettbewerb untereinander geraten.
Dadurch besteht die Gefahr des Sozialdumping und, zumindest theoretisch, die Möglichkeit, daß Staaten sich langfristig auch aus Kosten- und Effizienzgründen zusammenschließen. Dadurch besteht jedoch auch ein Anreiz, die Verwaltung zu straffen und effizienter zu organisieren, um Kosten zu sparen und beispielsweise Steuern zu senken. In diesem Sinne tragen also insbesondere international agierende Unternehmen und sinkende Transaktionskosten zu Reduzierung auch nationalstaatlicher Mißwirtschaft und Ineffizienz bei.
Die Entwicklung der Zivilisation tritt ein in eine neue Phase: waren es zu Beginn der sich beschleunigenden Forschung besonders Kriege, die eine treibende Kraft darstellten (man denke beispielsweise an die Raketen- und Atomforschung sowie an den Bau des ersten Computers während des 2. Weltkrieges oder an den Wettlauf von Ost- und Westblock beim Vorstoß in den Weltraum zur Zeit des Kalten Krieges), so ist es heute die Wirtschaft (von einigen Teilnehmern zuweilen als Krieg bezeichnet). Nicht umsonst wird einem Szenario der Studie "Scenarios Europe 2010", die für die Europäische Kommission angefertigt wurde vom 21. Jahrhundert als dem "triumph of trade over war" gesprochen. Der Kampf der Unternehmen um Kunden, Umsatz und Gewinn, spornt sie zu immer neuen wissenschaftlichen Höchstleistungen und Innovationen an und bildet somit die Grundlage für kundenorientierte Forschung und Entwicklung. Grundlagenforschung wird jedoch auch heute noch über weite Teile aus öffentlichen Mitteln finanziert (z. B. Max-Planck-Institute, Universtitäten).
Da Ressourcen Geld kosten und es gilt, Kosten zu senken um den Profit zu erhöhen, werden immer effizientere Verfahren bei der Nutzung dieser Ressourcen (z.B. 3-Liter-Motor) und gleichzeitig neue Technologien zur Ausnutzung bisher wenig genutzter Ressourcen entwickelt (z. B. Solarenergie).
Eine ebenfalls knappe und deswegen teure Ressource sind qualifizierte Arbeitskräfte. Es verwundert also nicht, daß Unternehmen die Erstellung der zu verkaufenden Güter und Dienstleistungen so wenig arbeitsintensiv wie möglich gestalten wollen. Durch diese Rationalisierungen wird weniger menschliche Arbeitszeit benötigt. Allerdings steht der Erwerbsbevölkerung dadurch auch insgesamt (zumindest theoretisch) mehr Freizeit zur Verfügung. Nach manchen Schätzungen sollen 20% der Erwerbsbevölkerung genügen, um die für Alle benötigten Güter und Dienstleistungen zu erstellen. Diese Prognosen sind jedoch zu kurz gegriffen, da sie unberücksichtigt lassen, daß mit dem Fortschritt sich auch die Art der Bedürfnisse ändert. Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse wird es natürlich wieder der Menschen bedürfen, die die benötigten Güter und Dienstleistungen herstellen. Die angesprochenen Produktivitätssteigerungen helfen jedoch auch dabei, zwei Entwicklungen auszugleichen. Demographische Untersuchungen weisen immer wieder darauf hin, daß etwa in der Mitte des nächsten Jahrhundersts ein Arbeitnehmer zwei Rentner "zu versorgen" hat, sofern die niedrige Fertilität in Deutschland als Industrienation nicht durch Zuwanderungen aus dem Ausland kompensiert werden kann. Neben der vorher zu treffenden Eigenvorsorge der Rentner und der Umstellung des Rentensystems scheint dies auch dadurch realistisch machbarer, wenn man bedenkt, daß ein Arbeitnehmer in 50 Jahren auch erheblich produktiver arbeiten wird als heute. Außerdem erfordert eine weitere Spezialisierung der Arbeit möglicherweise auch eine längere Ausbildung und somit einen späteren Eintritt in das Berufsleben. Auch für diese zusätzlichen Kosten kann ein Teil des aufgrund höherer Produktivität erzielten höheren Einkommens verwendet werden. Es gilt also, Arbeit und somit die Erzielung von Einkommen einer möglichst breiten Schicht von Bürgern zu ermöglichen.
Noch in der Mitte dieses Jahrhunderts waren. 30 bis 40% der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Heute ist es etwa noch ein Dezentil dieses Wertes, also 3 bis 4 %. Eine ähnliche Entwicklung konnten wir in der Industrie beobachten und sie beginnt, sich auch im Dienstleistungsbereich abzuzeichnen (der jederzeitige Zugriff z. B. auf Bankprodukte per Internet macht Servicestellen nahezu überflüssig, individuelle Betreuung ist auch online möglich). Selbstverständlich entstehen neue Betätigungsfelder, beispielsweise in der Forschung oder bei der Implementierung neuer Schlüsseltechnologien wie derzeit der Informationstechnologie. Der Einzelne wird möglicherweise weniger Zeit für die Erfüllung seiner beruflichen Aufgaben benötigen und das Mehr an Freizeit für seine persönlichen Belange verwenden können, sich z. B. um seine körperlichen und geistigen Fitneß kümmern können.
Doch wie wird sich die Wirtschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickeln und welche Verantwortung ergibt sich daraus für die Unternehmen? Die Beantwortung dieser Frage fällt leichter wenn wir die Hintergründe und Zusammenhänge der bisherigen Veränderungen zumindest kurz skizzieren. Der russische Wissenschaftler Kondratieff hat zu Beginn unseres Jahrhunderts Langzeitzyklen der Wirtschaft identifiziert, die durch sogenannte Basisinnovationen ausgelöst werden. Diese wurden später von Schumpeter, der dessen Forschungen aufgriff und fortsetzte, als Kondratieff-Zyklen bezeichnet. Der Beginn des ersten dieser Zyklen war die Entwicklung der Dampfmaschine, die zur industriellen Revolution führte. Im Sinne dieser Theorie macht eine Technologie selbst noch keinen Zyklus sondern vielmehr wird dieser erst durch die Produktivitätssteigerungen bemerkbar, die die Nutzung der Technologie nach sich zieht. Der nach den durch Stahl, Elektrotechnik und Chemie, Petrochemie und Automobilindustrie fünfte Zyklus sind die Produktivität steigernden Veränderungen, denen wir uns aufgrund der Nutzung der Informationstechnologie gegenüber sehen.
Die sich nach der Ausschöpfung der Basisinnovation Informationstechnologie abzuzeichnen beginnende Fokussierung auf psychosoziale Gesundheit, die im Bereich individueller körperlicher Gesundheit bereits jetzt mit den ersten Highflighern unter den Biotechnologie-Unternehmen ihre Schatten vorauswirft, wird möglicherweise die nächste Gelegenheit für Unternehmen und Volkswirtschaften sein, Produktivitätssteigerungen zu erzielen, "Der sechste Kondratieff".
5 Die Verantwortung von Unternehmen in der Gesellschaft
In aller Regel das Motiv ihrer Gründung und somit vornehmste Aufgabe von Unternehmen ist das Erwirtschaften von Gewinnen. Der Wahrheitsgehalt dieser Feststellung wird auch nicht von dem Ausmaß beeinträchtigt, in dem wir ihr zustimmen. Ebenso trifft zu, daß die Zeiten, in denen dieses Ziel durch Ausbeutung erreicht werden konnte, absehbar vorbei sind.
Wie bereits oben erwähnt muß ein Unternehmen die Forderungen vieler Anspruchsgruppen erfüllen, um erfolgreich zu sein. Dazu gehören neben Anderen Mitarbeiter wie Umweltschützer, Zulieferer wie Kunden. Shareholder-Value ist nachhaltig nur unter Berücksichtigung berechtigter Ansprüche von Stakeholdern zu erzielen. In diesem Sinne kann ein Unternehmen auch nach Gewinnmaßstäben nur erfolgreich sein, wenn es seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt. Umgekehrt gilt jedoch auch, daß auch die Ansprüche der Stakeholder desto umfassender erfüllt werden können, je stärker ein Unternehmen finanziell ist: Gehaltserhöhungen und Sozialpläne sind nicht vertretbar, wenn sie Unternehmen in den Ruin führen, das gleiche gilt für Umweltmaßnahmen. Daß Umweltorientierung alles Andere als unwirtschaftlich zeigt auch der neue Bericht an den Club of Rome. In ihm wird eindrucksvoll dokumentiert, wie bereits unter Zuhilfenahme heutiger technischen Möglichkeiten der weltweite Wohlstand verdoppelt und der Ressourcenverbrauch halbiert werden können. Der dadurch entstehende Faktor Vier bei der Nutzung von Ressourcen soll die Nachhaltigkeit der Entwicklung unserer Zivilisation sichern. Besonders wenn die Knappheit von Ressourcen in den Preisen widergespiegelt wird, ist deren Verbrauch teuer und für Unternehmen besteht ein Anreiz, weniger davon für die Erstellung zumindest gleicher Leistung zu verwenden.
Dadurch entsteht ein Trade-off in der Entscheidungssituation der Unternehmen. Einerseits wollen und müssen sie durch Rationalisierungen Produktivität erhöhen, andererseits werden sie für die dadurch entstehenden Folgen mitverantwortlich gemacht und tragen auch einen Teil der Kosten (z. B. durch Steuererhöhung infolge steigender Arbeitslosenzahlen).
Aber auch die Gesellschaft, insofern man abstrakt von einer solchen sprechen darf, besser wäre wohl "die öffentliche Meinung" oder "die Entscheidungsträger" (leider in unserer Form der repräsentativen Demokratie nur allzu selten der Bürger selbst), muß eine Entscheidung über das wünschenswerte Ergebnis treffen: möchte sie hohe Produktivität zuungunsten hoher Beschäftigtenzahlen? Wo beginnen die gesellschaftlichen Grenzkosten der Arbeitslosigkeit, über dem produktivitätsanstiegsbedingten volkswirtschaftlichen Grenzgewinn zu liegen?
Die Frage nach der Verantwortung der Unternehmen ist auch die Frage danach, inwiefern Unternehmen ethischen Verpflichtungen nachkommen müssen, selbst wenn deren Erfüllung nicht dem Image des Unternehmens und somit möglicherweise auch dem Gewinn zugute kommt. Generell kann von Unternehmen nicht erwartet werden, daß sie dauerhaft und systematisch entgegen dem Anreizsystem agieren, in das sie gestellt sind und in dem sie agieren. In diesem Sinne müssen auch die Unternehmen ihrer Verantwortung bei der Gestaltung der Rahmenordnung gerecht werden, in der sie mit der übrigen Wirtschaft und Gesellschaft interagieren. Das Ergebnis der Überlegungen über das, was für die Gesellschaft wünschenswert ist, muß natürlich in diese Gestaltung einfließen.
Eine ethisch anspruchsvolle Rahmenordnung entbindet Unternehmen jedoch nicht von der Verpflichtung zu moralischem Handeln über die Einhaltung dieser Rahmenordnung hinaus. Letztere soll nur verhindern, daß einige Wirtschaftseinheiten sich systematisch auf Kosten anderer bereichern können, die aufgrund moralischer Überlegungen nicht rein wettbewerbsorientiert handeln.
In diesem Sinne ist es auch Aufgabe der Unternehmen, möglichst frühzeitig zu erkennen und Aussagen darüber zu treffen oder zumindest Signale zu geben, welche Qualifikationen von Mitarbeitern von Unternehmen in den nächsten Jahren von Bedeutung sein werden, so daß sich der Arbeitsmarkt und zukünftige Arbeitnehmer (z. B. Studenten) auf die Anforderungen einstellen und Maßnahmen bezüglich der Orientierung ihrer Aus- und Weiterbildung einleiten können. Da Unternehmen, und mithin deren Eigentümer, im wahrsten Sinne des Wortes vom Bildungsstand der Mitglieder einer (nationalen oder globalen) Ökonomie profitieren, gewinnt auch deren Verantwortung für Bildung besonders angesichts leerer Staatskassen und nur unzureichender Förderung von staatlichen Bildungseinrichtungen neu an Bedeutung. Während die Unternehmen sich bislang fast ausschließlich bei der Förderung der Aneignung firmen- oder branchenspezifischen Wissens, beispielsweise im Rahmen einer betrieblichen Aus- und Weiterbildung, gefordert sahen, treten sie zunehmend in die Förderung der weiter greifender Bildungsmaßnahmen ein (die Finanzierung von Lehrstühlen an exponierten Privatuniversitäten seien als ein Beispiel hierfür angeführt) und bereits werden darüber hinaus gehende Forderungen laut und Initiativen gestartet, in denen sich Unternehmen auch an allgemeinbildenden Einrichtungen aktiv beteiligen. So unterstützt beispielsweise BMW derzeit Schulen in Berlin und es werden aller Voraussicht nach weitere Unternehmen und Schulen folgen, da zunehmend erkannt wird, daß Unternehmen selbst ein genuines Interesse an umfassender Allgemeinbildung haben, die nicht zuletzt die Basis für eine erfolgreiche innerbetriebliche und/oder universitäre Ausbildung bildet.
Darüber hinaus besteht eine Verpflichtung von Unternehmen, Menschen nicht mehr oder minder kommentarlos zu entlassen, auszugliedern und alleinzulassen sondern sie vielmehr nach einem Ausscheiden bei der Vorbereitung auf die neue Tätigkeit zu unterstützen. Menschen, die aufgrund von beispielsweise Behinderungen nicht in der Lage sind, am produktiven Wirtschaftsprozess teilzunehmen, bedürfen der besonderen Berücksichtigung. Insgesamt kann wohltätiges Engagement positiv auf das Image wirken und Unternehmen sehr zugute kommen.
6 Zusammenfassung und Ausblick
Bei den angesprochenen Entwicklungen kommt den Unternehmen eine hohe gesellschaftliche Verantwortung zu. Sie sind nicht nur Hauptakteure bei der Produktivitäts- und Effizienzsteigerung sondern auch mitverantwortlich für die Lösung der aus ihr resultierenden Probleme (z. B. negative externe Effekte wie Umweltverschmutzung oder Arbeitslosigkeit), da sie lange vor staatlichen oder suprastaatlichen Organisationen ihre globale Handlungsfähigkeit entfalten. Die Ursachen vieler Probleme sind nicht nationaler sondern internationaler Natur. Folgerichtig ist eine Lösung auch nur international bzw. global denkbar.
Die globalen Veränderungen machen auch eine globale Kooperation der Regierungen notwendig und langfristig unvermeidbar (ohne bereits eine Weltregierung prophezeien zu wollen).
Die gesamtdeutschen Regierungen, die nun wieder in Berlin regieren werden, werden bei der Gestaltung einer globalen Rahmenordnung mitwirken können und Gelegenheit haben, unsere jahrzehntelangen Erfahrungen mit der sozialen Marktwirtschaft dabei konzeptionell einfließen zu lassen.