Umm Salama


Hind, die Tochter von Abu Umayya, der wegen seiner Freigebigkeit sprichwörtlich berühmt war, und ihr Mann Abdullah bin Abdul Asad gehörten zu den ersten Muslimen. Sie freuten sich darüber, daß Allah Seinen Gesandten geschickt hatte, um sie aus der Unwissenheit zu befreien und zum Guten zu führen, und diese Freude gab ihnen die Kraft, bei allem Spott, den die Götzendiener ihnen entgegenbrachten, die Ruhe zu bewahren. Aber es blieb nicht beim Spott. Die Ratsherren der Quraish hatten versucht, den Propheten mit Versprechungen und Drohungen von seiner Aufgabe abzubringen, weil sie fürchteten, seine Botschaft würde die alte Ordnung in Mekka verändern und die Leute von ihren Traditionen abbringen. Dazu gehörte auch die Verehrung der vielen Götzen, die in der Kaaba aufgestellt worden waren, obwohl sie gebaut worden war, damit die Menschen darin den Einzigen Gott anbeteten, und zahlreiche abergläubische Vorstellungen, die mit dem Götzendienst verbunden waren und die Menschen in ihrem Bann hielten. Als sie mit Versprechungen und Drohungen ihr Ziel nicht erreichen konnten, fingen sie an, die Muslime zu terrorisieren. Am schlimmsten erging es den Sklaven, wenn sie nicht rechtzeitig freigekauft wurden. Sie wurden nicht nur beschimpft und geschlagen, weil sie sich der Lehre des Propheten angeschlossen hatten, sondern auch auf grausame Weise mißhandelt und manchmal sogar getötet. Aber auch andere Muslime waren nicht mehr sicher, wenn sie nicht von ihrer Familie geschützt wurden. Junge Leute, die gegen den Willen ihrer Eltern den Islam annahmen, wurden eingesperrt und geschlagen, und ihre Verwandten ließen sie hungern und versuchten alles, um sie von ihrem Glauben abzubringen. Manche Götzendiener stifteten ihre Kinder dazu an, den Muslimen böse Streiche zu spielen, aber auch Erwachsene legten ihnen Dornen in den Weg, schütteten Unrat über sie oder überfielen sie, wenn sie abends im Dunkeln allein nach Hause gingen. Als diese Verfolgungen nicht mehr zu ertragen waren, schickte Prophet Muhammad (s) diejenigen, die am meisten darunter zu leiden hatten, nach Abessinien. Dort herrschte ein christlicher Kaiser, bei dem sie gut aufgehoben sein würden.

Unter den dreiundachtzig Männern und Frauen, die Mekka verließen, waren auch Hind und ihr Mann. Uthman und seine Frau Ruqayya, die Tochter des Propheten, waren für das Wohl der Auswanderer unterwegs verantwortlich, und Alis Bruder Ja'far bin Abi Talib sollte ihr Sprecher sein. Die Auswanderer reisten teils zu Fuß, teils auf Kamelen und Eseln die Karawanenstraße entlang bis in den Yemen. Sie wechselten sich beim Reiten ab und teilten alle Vorräte miteinander. Danach überquerten sie mit Schiffen das Meernach Afrika. Hind erzählte später:

Als wir in Abessinien ankamen, nahm uns der Negus, der abessinische Kaiser, sehr freundlich auf. Wir konnten in Sicherheit unsere Religion ausüben und Allah dienen, ohne deswegen verfolgt oder beschimpft zu werden. Als aber die Quraish in Mekka dies erfuhren, beschlossen sie, unserentwegen zwei bewährte Männer zum Negus zu schicken und ihnen Geschenke für ihn mitzugeben, und zwar von den besten Waren, die Mekka zu bieten hatte. Unter den Waren, die aus Mekka eingeführt wurden, war in Abessinien Leder am meisten geschätzt. Man brachte also für den Negus eine große Menge davon zusammen und bereitete auch Geschenke für seine Feldherren vor. Dann schickten sie Abdullah und Amr, die beiden ausgewählten Männer, damit nach Abessinien und wiesen sie an, zuerst den Feldherren und erst dann dem Negus selbst die Geschenke zu überreichen und diesen dann zu bitten, ihnen die Auswanderer auszuliefern, ohne zuvor selbst mit ihnen gesprochen zu haben. Die beiden brachen auf und gelangten zum Negus, unter dessen Schutz wir lebten. Sie brachten zuerst den Feldherren ihre Geschenke und sagten zu jedem von ihnen: "In das Land eures Herrschers sind einige törichte Leute von uns geflohen, die die Religion ihres Volkes verlassen, aber auch nicht eure Religion angenommen haben. Sie haben eine neue Religion erfunden, die wir genauso wenig kennen wie ihr. Die Führer unseres Volkes haben uns deshalb zu eurem Herrscher geschickt, damit er sie zu uns zurückschickt. Wenn wir nun mit dem Herrscher darüber sprechen, dann gebt ihm den Rat, sie an uns auszuliefern, ohne zuvor selbst mit ihnen zu sprechen, denn wir kennen ihre Schandtaten am besten." Das versprachen ihnen die Feldherren.

Danach brachten die beiden auch dem Negus ihre Geschenke, und dieser nahm sie an. Sie brachten vor ihm dieselben Anschuldigungen gegen die Auswanderer vor wie vor den Feldherren, die dem Negus rieten, die Bitte der Mekkaner zu erfüllen. Aber da wurde der Negus zornig und rief: "Nein, bei Gott, ich werde sie den beiden nicht ausliefern. Niemanden, der in meinem Land Schutz sucht und mich anderen vorzieht, werde ich preisgeben, ohne ihn vorzuladen und darüber zu befragen, was die beiden von ihnen behaupten. Wenn es dann so ist, wie sie sagen, dann werde ich sie ihnen ausliefern und zu ihrem Volk zurückschicken. Wenn es aber nicht so ist, dann werde ich sie vor den beiden schützen und ihnen meine Gastfreundschaft gewähren, solange sie mich darum bitten." Darauf schickte er einen Boten zu den Prophetengefährten, um sie zu sich zu holen. Als dieser zu ihnen kam, versammelten sie sich und überlegten gemeinsam, was sie dem Negus sagen sollten, wenn sie bei ihm waren. "Was immer auch geschieht," so sagten sie schließlich, "wir werden ihm sagen, was wir wissen und was uns unser Prophet befohlen hat." Der Negus hatte aber auch seine Bischöfe holen lassen, die nun um ihn herum ihre heiligen Schriften aufschlugen. Als die Muslime angekommen waren, fragte sie der Negus: "Was ist das für eine Religion, um derentwillen ihr euer Volk verlassen habt, ohne daß ihr dafür meine oder eine andere bekannte Religion angenommen habt? "Darauf antwortete Ja'far bin Abi Talib: "Majestät, wir waren ein unwissendes Volk. Wir dienten den Götzen, aßen unreines Fleisch, begingen Unzucht, verletzten die Verwandtschaftsbande, mißachteten das Gastrecht, und die Mächtigen von uns beuteten die Schwachen aus. So lebten wir also, bis Allah unter uns einen Propheten erweckte, dessen Abstammung, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Anstand wir kennen. Er forderte uns auf, Gottes Einheit zu bekennen und Ihm allein zu dienen und die Steine und Götzen aufzugeben, denen wir und unsere Vorfahren gedient hatten. Er forderte uns auf, immer die Wahrheit zu sprechen, unsere Versprechen zu halten, die Verwandtschaftsbande zu achten, den Gast zu schützen und Verbrechen und Blutvergießen zu meiden. Er verbot uns, Unzucht zu begehen, den Waisen ihr Eigentum zu nehmen und anständige Frauen zu verleumden. Er gebot uns, Allah allein zu dienen und Ihm nichts zur Seite zu setzen, zu beten, Spenden zu geben und zu fasten. Und wir haben ihm geglaubt, sind seiner Offenbarung gefolgt, haben Allah allein gedient, ohne Ihm etwas beizugesellen, haben gemieden, was er für verboten erklärte, und getan, was er uns erlaubte. Da fiel unser Volk über uns her, quälte uns und versuchte, uns von unserem Glauben abzubringen, damit wir den Gottesdienst aufgeben, zum Götzendienst zurückkehren und wieder wie früher Böses für erlaubt halten sollten. Als sie dann Gewalt gegen uns anwendeten, uns unterdrückten und einschränkten und daran hinderten, unsere Religion auszuüben, wanderten wir in dein Land aus und wollten lieber bei dir als bei irgend jemand anderem bleiben. Wir schätzen deine Gastfreundschaft und deinen Schutz und hoffen, daß uns bei dir kein Unrecht geschieht."

"Hast du etwas von der Offenbarung bei dir, die euer Prophet euch gebracht hat?" fragte darauf der Negus. "Ja," antwortete Ja'far. "Dann lies es mir vor," forderte ihn der Negus auf. Da trug ihm Ja'far einen Abschnitt aus der Sura Maryam vor, und der Negus weinte, bis ihm der Bart naß wurde. Auch seine Bischöfe weinten, so daß Tränen auf ihre heiligen Schriften fielen. Dann wandte sich der Negus an die beiden Gesandten der Mekkaner und sagte zu ihnen: "Diese Offenbarung und die Offenbarung Jesu kommen aus derselben Quelle. Geht weg! Bei Gott, ich werde sie euch nicht ausliefern und sie nicht hintergehen!"

Als die beiden den Negus verlassen hatten, sagte Amr zu Abdullah: "Morgen werde ich ihm etwas erzählen, womit ich sie von Grund auf vernichte." Abdullah, der gottesfürchtigere der beiden, wandte ein: "Tu es nicht! Auch wenn sie etwas gegen uns getan haben, so bleiben sie doch unsere Stammesbrüder." Amr aber bestand darauf und sagte: "Ich werde ihm mitteilen, daß sie behaupten, Jesus, der Sohn der Maria, sei nur ein Mensch." Und so ging Amr am nächsten Morgen zum Negus und sagte: "Majestät, jene Leute behaupten von Jesus Ungeheuerliches. Laß sie doch holen und frage sie einmal danach."

Der Negus kam seiner Aufforderung nach. So etwas war uns noch nie geschehen. Die Auswanderer versammelten sich wiederum und berieten, was sie über Jesus antworten sollten, wenn sie danach gefragt wurden. Dann beschlossen sie: "Mag kommen, was will, wir sagen das, was Allah uns mitgeteilt und unserem Propheten offenbart hat."

Als sie also beim Negus angekommen waren und er sie nach ihrer Ansicht über Jesus fragte, antwortete ihm Ja'far: "Wir sagen von ihm, was unser Prophet uns mitgeteilt hat, nämlich daß er ein Diener Allahs, Sein Gesandter, Sein Geist und Sein Wort ist, das Er der Jungfrau Maria eingegeben hat." Da hob der Negus einen Stock vom Boden auf und sagte: "Wahrhaftig, Jesus ist nicht um die Länge dieses Stockes mehr als das, was du gesagt hast." Ein Raunen ging durch die Menge der versammelten Würdenträger. Aber der Negus fuhr fort: "Und wenn ihr auch raunt." Und zu den Muslimen sagte er: "Geht. Ihr seid in meinem Land sicher. Wer euch beschimpft, der wird bestraft. Nicht einmal fUr einen Berg Gold würde ich einem von euch unrecht tun. Gebt den beiden Männern ihre Geschenke zurück. Ich brauche sie nicht. Allah hat keine Bestechung angenommen, als Er mir meine Herrschaft gab; warum sollte ich nun gegen Ihn Bestechung annehmen? Er hat damals nicht den Leuten gegen mich beigestanden; warum sollte ich ihnen jetzt gegen Ihn beistehen?"

Da verließen die beiden den Negus, beschämt und mit den mitgebrachten Geschenken. Wir aber blieben dort in seinem Schutz.

Bald darauf brachte Hind einen Sohn zur Welt. Sie nannte ihn Salama und hieß seither nach arabischer Sitte Umm Salama - Mutter von Salama - und sein Vater hieß seither Abu Salama - Vater von Salama.

Nachdem die Muslime drei Monate in Abessinien verbracht hatten, kam die Nachricht, daß 'Umar, ein Mann, der seiner Stärke und seines Jähzorns wegen gefürchtet und ein erbitterter Gegner des Islam war, wie durch ein Wunder Muslim geworden war und nun in aller Öffentlichkeit bei der Kaaba betete. Diese Nachricht löste große Freude aus. Vielleicht würden die Feinde des Islam jetzt nicht mehr wagen, die Muslime so zu verfolgen wie bisher, denn sie mußten damit rechnen, daß 'Umar es ihnen heimzahlen würde. Einige machten sich vor Freude gleich auf den Weg nach Mekka. Als sie jedoch dort ankamen, hatten die Ratsherren der Quraish inzwischen beschlossen, wie sie gegen die Muslime vorgehen wollten: sie hatten untereinander einen Vertrag geschlossen, die Muslime und ihre Familien zu boykottieren, das heißt, niemand sollte von ihnen etwas kaufen oder ihnen etwas verkaufen, und niemand sollte jemanden von ihnen heiraten. Die Muslime mußten in einer öden Schlucht abseits von Mekka leben und konnten nur während der heiligen Monate in die Stadt kommen, wenn aller Streit verboten war. Enttäuscht mußten die Heimkehrer wieder umkehren, und andere zogen mit ihnen.

Die meisten waren jedoch in Abessinien geblieben. Aber nach einiger Zeit begannen die Abessinier, die den Negus von Thron stürzen und selbst die Herrschaft übernehmen wollten, eine Revolution. Die Muslime hofften, Allah würde dem Negus gegen seine Feinde beistehen, aber sie konnten sich selbst nicht einmischen, weil sie Fremde und erst seit kurzer Zeit im Lande waren. Als die Gefahr zu groß für sie wurde, blieb den meisten von ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den Rückweg nach Mekka zu machen und zu hoffen, daß sie dort in der Nähe irgendeinen Unterschlupf finden konnten. Auch Umm Salama und ihre Familie kehrten zu dieser Zeit nach Mekka zurück.

Inzwischen hatten mehrere Männer und Frauen aus Yathrib, dem heutigen Medina, den Islam angenommen und den Propheten eingeladen, zu ihnen zu kommen und zwischen den dortigen verfeindeten Stämmen Frieden zu schließen. Als Gegenleistung versprachen sie, Allahs Gesandten und die Muslime bei sich aufzunehmen und so zu schützen wie ihre eigenen Angehörigen. Nach und nach wanderten die Muslime also nach Medina aus. Mit neuer Hoffnung berichtete Abu Salama seiner Frau von dieser Möglichkeit. Sie packten ihre wenige Habe zusammen, nahmen den kleinen Salama und brachen auf. Aber sie kamen nicht weit. Unterwegs trafen sie einige Männer aus Umm Salamas Sippe, die sie aufhielten und zu Abu Salama sagten: "Meinst du etwa, du kannst mit unserer Tochter in der Welt herumreisen, wie es dir paßt?" Und sie rissen die Zügel des Kamels an sich, auf dem Umm Salama mit ihrem Kind saß, jagten Abu Salama fort und machten sich auf den Heimweg. Unterwegs aber trafen sie auf Männer von Abu Salamas Sippe. Diese ergriffen das Kind und riefen: "Das ist der Sohn unseres Sohnes. Meint ihr etwa, wir werden ihn euch überlassen?" Umm Salamas Verwandte versuchten nun, den kleinen Jungen festzuhalten, und beide Parteien zogen ihn von einer Seite zur anderen, bis sie ihm den Arm ausgerenkt hatten. Schließlich aber nahmen Abu Salamas Verwandte ihn von seiner Mutter weg. Umm Salama erzählte später:

Mein Mann Abu Salama konnte nach Medina reisen, während Salama und ich jeder für sich von ihm getrennt waren. Ich bin jeden Tag hinausgegangen, um zu weinen, bis die Nacht kam, Tag für Tag, fast ein ganzes Jahr lang. So fand mich eines Tages einer meiner Onkel vom Stamm der Mughira. Er sah mein Elend und hörte sich meine Leidensgeschichte an. Dann sprach er mit dem Stamm der Mughira und legte ein gutes Wort für mich ein, bis mein Stamm mich endlich freiließ, damit ich zu meinem Mann reisen konnte. Als der Stamm der Bani Abdul Asad, Abu Salamas Stamm, davon erfuhr, gab er mir auch meinen Sohn Salama zurück. Dann verließ ich mit ihm Mekka und eilte zu meinem Mann nach Medina.

Umm Salama war eine tapfere Frau. Sie hatte keine Angst vor den Gefahren der Wüste, wo man leicht von Luftspiegelungen auf Irrwege gelockt, von wilden Tieren angegriffen oder von Räubern überfallen und in die Sklaverei verkauft werden konnte. Selbst erfahrene Männer unternahmen eine so lange Wüstenreise fast nie allein. Aber Umm Salama fürchtete eher, lhre Verwandten könnten ihre Ansicht ändern und sie noch einmal mit Gewalt zurückhalten. Sie vertraute auf Allahs Schutz und machte sich mit ihrem kleinen Sohn auf den Weg. Unterwegs begegnete ihr ein guter Mensch, der sie wohlbehalten nach Medina begleitete. Voller Freude schloß Abu Salama Frau und Kind in die Arme.

In Medina begann für alle Muslime ein neues Leben. Anfangs mußten sie viel Armut erdulden und vieles erst lernen, was sie bisher nicht gewußt hatten. Umgekehrt konnten sie aber auch die Leute in Medina einiges lehren. Die Muslime halfen sich gegenseitig wie Geschwister und teilten alles miteinander. Umm Salama freute sich über ihre Freiheit und über die Herzlichkeit, mit der sie empfangen wurde. In der nächsten Zeit brachte sie noch einen Sohn zur Welt und später eine kleine Tochter, und ihr Familienglück wäre ungetrübt gewesen, wenn nicht die Götzendiener von Mekka immer wieder versucht hätten, Krieg gegen die Muslime zu führen. So blieb sie dann auch zu Hause bei ihren kleinen Kindern und betete für den Erfolg der Muslime, während ihr Mann am Kampf von Badr teilnahm, wo die Götzendiener trotz ihrer großen Übermacht zurückgeschlagen wurden. Abu Salama war ein enger Freund des Gesandten Allahs und genoß sein volles Vertrauen. Einmal ließ Allahs Gesandter ihn sogar als seinen Stellvertreter in Medina zurück, als er selbst einen Feldzug unternehmen mußte. Auch am Kampf von Uhud nahm Abu Salama teil.

Umm Salama erwartete gerade ihr viertes Kind, als die Nachricht kam, daß Abu Salamas Stamm aus Mekka, die Banu Abdul Asad, die Muslime angreifen wollten. Da schickte Allahs Gesandter Abu Salama mit 150 Männern aus, ihren Angriff abzuwehren. Die Muslime waren auch erfolgreich, aber Abu Salama wurde schwer verletzt nach Medina zurückgebracht. Umm Salama pflegte ihn, so gut sie konnte, und Allahs Gesandter blieb selbst an seinem Krankenbett und betete für ihn, aber nach einigen Tagen starb er an seinen Verletzungen.

So blieb Umm Salama mit ihren Kindern als Witwe zurück. Sie versuchte, durch Spinnen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber mit so kleinen Kindern war es sehr schwer. Zwar konnte Salama schon ein bißchen mithelfen, aber dann kam sein jüngstes Schwesterchen zur Welt und verlangte von der Mutter viel Zuwendung. Aber Umm Salama verlor nicht den Mut, auch dann nicht, wenn sie und die Kinder manchmal nach einem langen, arbeitsreichen Tag hungrig schlafengehen mußten. Als Abu Bakr und danach 'Umar ihr anboten, sie zu heiraten und für sie zu sorgen, lehnte sieh höflich ab. Da nahm sich der Prophet selbst der Sache an, denn er wollte auf keinen Fall, daß diese tapfere Frau seines gefallenen Freundes sichselbst überlassen blieb. Er schickte eine Botschafterin zu ihr, um für ihn zu werben. Aber Umm Salama antwortete: "Ich bin kein junges Mädchen mehr und habe vier Kinder zu versorgen. Außerdem weiß ich nicht, wie ich mit Aisha und Hafsa zurechtkommen soll, denn ich bin von Natur aus eifersüchtig." Darauf ließ Allahs Gesandter ihr sagen: "Wenn du auch nicht mehr jung bist, so bin ich doch älter als du. Allah wird dir helfen, deine Eifersucht zu beherrschen. Deine Kinder aber sollen wie meine eigenen Kinder sein." Damit war Umm Salama einverstanden. Sie heirateten, und Umm Salama zog in ein kleines Häuschen neben der Moschee wie die anderen Mütter der Gläubigen.

Umm Salama wurde von den anderen Frauen freundlich empfangen. Sie war wie Aisha und Hafsa eine kluge und schöne Frau und vertrat immer offen und ehrlich ihre Meinung. Als einmal 'Umar seiner Tochter Hafsa für ihre Diskussionen mit dem Propheten Vorwürfe machte, sagte sie zu ihm: "Ich bin erstaunt, Ibn Khattab, daß du dich in Angelegenheiten zwischen dem Propheten und seinen Frauen einmischst!" Alle Frauen gaben sich große Mühe, ihre Eifersucht zu beherrschen und sich gemeinsam für die Sache des Islam einzusetzen, wie es ihre Aufgabe als Mütter der Gläubigen war. Umm Salamas Kinder wuchsen unter der liebevollen Fürsorge des Propheten heran und waren für ihn wirklich wie seine eigenen Kinder. Ihre Tochter Zeinab sollte später eine der größten Gelehrten werden.

Eines Tages erfuhren die Muslime, daß die Banul Mustaliq, ein götzendienerischer Stamm aus der Umgebung von Medina, zu einem Kriegszug gegen sie aufgebrochen war. Es kam zu einem schweren Kampf, bis schließlich die Muslime siegten und die Banul Mustaliq als Gefangene nach Medina brachten. Unter ihnen war auch Burah, die Tochter des Stammesführers Al-Harith. Sie ging sogleich zu Allahs Gesandtem, um sich zu beschweren: "Ich bin Burah, die Tochter des Stammesführers Al-Harith bin Abi Dirar. Wie du weißt, ist mir Unheil wiederfahren. Ich bin in den Beuteanteil des Thabit bin Qais geraten und möchte mich freikaufen. Bitte hilf mir dabei." Allahs Gesandtem tat es leid, daß sich diese edle, mutige Frau in einer so unwürdigen Lage befand. Aber er wollte nicht nur sie selbst daraus befreien, sondern auch ihren Stamm. Dem ungeschriebenen Gesetz der damaligen Zeit entsprechend wären die Leute sonst nämlich zunächst einmal Sklaven der Muslime geworden, bis sie sich freikaufen konnten. Um sie zu befreien mußte Allahs Gesandtereinen Kunstgriff anwenden. Er fragte deshalb Burah: "Wünschst du dir auch noch etwas besseres als dies?" "Was sollte das sein?" fragte sie erstaunt. Er antwortete: "Ich kaufe dich frei und heirate dich." Burah verstand gleich, was das für sie alle bedeuten würde. Ein Hoffnungsstrahl glitt über ihr Gesicht. Sie war nicht nur voll mit dem Vorschlag des Propheten einverstanden, sondern erkannte, daß darin der aufrichtige Wunsch eines großen Menschen lag, Frieden zu stiften. So konnte nur ein heiliger Mensch, ein Prophet handeln. Noch vor ihrer Hochzeit nahm sie den Islam an und bekam den Namen Juwairiya. Für die Muslime war es jetzt selbstverständlich Ehrensache, daß sie den Stamm einer Frau des Propheten nicht in Gefangenschaft behalten konnten, und ließen ihn ohne Gegenleistung frei. Die Banul Mustaliq hielten in Zukunft nicht nur Frieden mit den Muslimen, sondern nahmen im Laufe der Zeit selbst den Islam an, und Juwairiya wurde ihre erste Lehrerin. Sie erklärte zuerst ihrem Vater und ihren Verwandten und später allen anderen Stammesangehörigen, was der Islam für die Menschen bedeutete, forderte sie auf, Gutes zu tun und warnte sie vor Bösem. Aisha sagte später von ihr: "Ich kenne keine Frau, die für ihren Stamm ein größerer Segen gewesen wäre."

Nach mehreren Kriegen und einer erfolglosen Belagerung der Stadt Medina hatten die Quraish inzwischen einsehen müssen, daß sie gegen die Muslime nichts ausrichten konnten. Da rief Allahs Gesandter (s) eines Tages die Muslime auf, mit ihm zusammen die Umra, die kleine Pilgerfahrt nach Mekka durchzuführen. Mehr als 700 Menschen folgten seinem Aufruf und machten sich in freudiger Erwartung auf den Weg. Sie ließen ihre Kriegsausrüstung zu Hause und nahmen nur die Waffen mit, die man brauchte, um in der Wüste wilde Tiere und Räuber abzuwehren. Sie nahmen auch Opfertiere mit. Umm Salama begleitete Allahs Gesandten.

Als sie aber in der Nähe von Mekka angekommen waren, kamen ihnen Boten der Quraish entgegen und forderten sie auf, wieder umzukehren, denn sie dürften die Stadt nicht betreten, sonst würden die Quraish sie bekämpfen. Allahs Gesandter wollte aber um jeden Preis den Kampf vermeiden. Er forderte die Muslime auf, ein Lager aufzuschlagen, und verhandelte selbst mit den Boten der Quraish. Später schickte er Uthman in die Stadt, um den Ratsherren sein Anliegen vorzutragen. Diese machten während ihres Gesprächs Uthman das Angebot, allein die Riten der Umra durchzuführen, bevor er zu Allahs Gesandtem und seinen Gefährten zurückkehrte, denn sie hofften, damit seine Sympathie gewinnen zu können. Aber er ließ sich nicht darauf ein. Inzwischen hatten sich die Muslime schon Sorgen gemacht, weil er so lange ausgeblieben war. Sie glaubten, die Quraish hätten ihn hinterhältig getötet, und alle, Männer und Frauen, gingen zu Allahs Gesandtem und gelobten ihm ihre Treue, wenn es nun doch noch zu einem Kampf kommen sollte - es wäre dann ein sehr ungleicher Kampf gewesen, denn die Muslime hatten ja kaum Waffen dabei, während die Götzendiener in voller Rüstung ihre Häuser verlassen konnten. Aber schließlich kam Uthman wohlbehalten zurück. Auche in Bote namens Suhail kam, um mit den Muslimen zu verhandeln und einen Vertrag zu schließen. Die Quraish hatten nun einmal geschworen, die Muslime in diesem Jahr nicht nach Mekka kommen zu lassen, und sie wollten nicht ihr Ansehen verlieren, indem sie diesen Schwur rückgängig machten. Wie enttäuscht waren die Muslime, als Allahs Gesandter(s) vorschlug, zurückzukehren und im nächsten Jahr wiederzukommen!

Aber die Quraish waren auch bereit, einen Friedensvertrag abzuschließen. Allahs Gesandter rief Ali, um den Text aufzusetzen, und diktierte: "Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen." "Halt!" wandte Suhail ein, "Ich kenne den Erbarmer, den Barmherzigen nicht. Schreibe: In Deinem Namen, o Allah." Dann diktierte Allahs Gesandter weiter:

"Dies ist eine Übereinkunft zwischen Muhammad, dem Gesandten Allahs, und Suhail bin Amr ..." "Halt!" unterbrach ihn Suhail, "Wenn ich überzeugt wäre, daß du Allahs Gesandter bist, dann hätte ich nicht gegen dich gekämpft. Schreibe deinen Namen und den Namen deines Vaters."

Da hätten die Muslime am liebsten lautstark protestiert, aber Allahs Gesandter sagte ganz ruhig zu Ali: "Schreibe also: Dies ist eine Übereinkunft zwischen Muhammad bin Abdullah und Suhail bin Amr." Ali traten die Tränen in die Augen, denn er empfand dies als eine große Demütigung für den geliebten Propheten, aber er nahm sich zusammen und schrieb, wie ihm diktiert wurde:

"... sie sind übereingekommen, zehn Jahre lang auf Krieg zu verzichten. In dieser Zeit sollen die Menschen sich sicher fühlen und voneinander fernhalten. Muhammad verpflichtet sich, jeden den Quraish auszuliefern, der ohne die Erlaubnis seines Schutzherrn zu ihm kommt, aber die Quraish sind nicht verpflichtet, Überläufer von Muhammad zurückzuschicken. Es soll keine Feindseligkeiten, keinen heimlichen Diebstahl und keinen Betrug zwischen uns geben. Jedem steht es frei, sich für ein Bündnis mit Muhammad oder den Quraish zu entschließen."

Die Muslime aber waren bitter enttäuscht und traurig. Sie hatten sich auf die Umra gefreut und empfanden den Friedensvertrag zwar als eine große Erleichterung, die Bedingungen aber erniedrigend und ungerecht. Darum folgten sie auch nicht der Aufforderung des Gesandten Allahs, ihre Opfertiere zu schlachten und sich die Haare schneiden zu lassen, als hätten sie die Umra durchgeführt. Erschöpft ging Allahs Gesandter in sein Zelt. "Was ist mit dir?" fragte Umm Salama. "Ach," antwortete er, "sie sind so enttäuscht, daß sie nicht mehr auf mich hören wollen." Umm Salama dachte eine Weile schweigend nach. Ihr war ja selbst das Herz schwer, und sie wußte, daß der Prophet selbst enttäuscht und traurig war, aber dann dachte sie, daß Allah vielleicht noch etwas besseres für die Muslime daraus entstehen ließe, und sicher hatte auch er wohl daran gedacht, denn er war ein erfahrener Mann und ließ sich nicht einfach einen Vertrag aufdrängen, von dem nur die anderen Vorteile hätten. Sicher war wohl auch ein langer Frieden viel besser als eine kurze Pilgerfahrt, wenn sie es genau überlegte. Schließlich sagte sie: "Wenn du willst, daß sie deiner Aufforderung folgen, dann gehe doch einfach selbst hinaus und sprich mit niemandem ein Wort, bis du dein Tier geschlachtet hast, und dann rufe jemanden, der dir die Haare schneidet." Diesem Rat folgte Allahs Gesandter, und da folgten die Muslime seinem Beispiel und schlachteten vor den Toren der Stadt Mekka ihre Opfertiere und schnitten sich gegenseitig die Haare. Dann brachen sie zur Rückkehr nach Medina auf. Damals wurden diese Verse offenbart:

"Wir haben dir einen offenkundigen Sieg gewährt, auf daß Allah dich schirme gegen deine Fehler, vergangene wie zukünftige, und daß Er Seine Gnade an dir vollende und dich leite auf den geraden Weg, und daß Allah dir helfe mit mächtiger Hilfe. Er ist es, der die Ruhe in die Herzen der Gläubigen niedersandte, damit sie Glauben hinzufügen ihrem Glauben - und Allahs sind die Heerscharen der Himmel und der Erde, und Allah ist allwissend, allweise." (Sura 48:2-5).

Es dauerte aber noch eine Weile, bis die Muslime verstanden, warum dieser Friedensvertrag, so ungleich er auch aussah, ein größerer und wichtigerer Erfolg für sie war als ihr Besuch in Mekka hätte sein können. Sie mußten jetzt nämlich nicht mehr in der ständigen Angst vor einem Krieg leben, sondern ihrer Arbeit nachgehen, ihre Kinder erziehen, vieles lernen, was ihnen später nützlich sein konnte, und den Menschen mit Wort und Tat zeigen, was Islam wirklich ist. Viele fanden dadurch den Weg zum Islam.

In dieser Zeit schrieb Allahs Gesandter (s) Briefe an die Herrscher der umliegenden Großreiche, vor allem an die Kaiser von Byzanz und Persien. Darin forderte er sie auf, die Völker nicht zu unterdrücken und nicht hochmütig zu sein, sondern daran zu denken, daß sie dereinst von Allah zur Rechenschaft gezogen werden, und Ihm allein zu dienen. Diese Herrssher waren sehr mächtig. Sie hatten viele Länder erobert und viele Völker unterworfen. Chosroes, der Kaiser von Persien, ärgerte sich über den Brief des Gesandten Allahs und zerriß ihn. Dann forderte er Bazan, seinen Gouverneur im Yemen auf, gegen die Muslime ins Feld zu ziehen und ihm den Kopf des Mannes zu bringen, der es gewagt hatte, ihn, der sich für den obersten Herrscher seines Reiches, wenn nicht der ganzen bekannten Welt hielt, zur Verantwortung gegenüber Allah aufzufordern. Als Bazan jedoch die Muslime näher kennenlernte, war er von ihrem Glauben tief beeindruckt und bekannte sich schließlich selbst zum Islam. Chosroes Reich aber zerriß, so wie er den Brief des Propheten zerrissen hatte. Heraklius, der Kaiser von Byzanz, nahm den Brief des Gesandten Allahs zur Kenntnis und beantwortete ihn wohlwollend, aber er nahm den Islam eigentlich nicht ernst. Allerdings hinderte er einen seiner Unterkönige daran, empört gegen die Muslime ins Feld zu ziehen. Und der Brief wurde sorgfältig aufbewahrt und ist heute in einem Museum in Istanbul zu sehen. Der Kaiser von Abessinien, in dessen Reich immer noch ein paar der ausgewanderten Muslime lebten, freute sich über den Erfolg des Gesandten Allahs und stellte zwei Schiffe zur Verfügung, mit denen die Muslime in ihre Heimat zurückkehren konnten. Von den arabischen Fürsten nahmen einige auf den Brief des Propheten hin den Islam an, aber einige ärgerten sich darüber und antworteten mit unverschämten, herausfordernden Worten. Mukaukis, der Erzbischof der Kopten in Ägypten, schrieb Allahs Gesandtem, daß er überzeugt sei, daß ein Prophet kommen würde, und er schickte ihm Geschenke, darunter zwei junge ägyptische Sklavinnen, Maria und Shirin. Unterwegs erfuhren die beiden jungen Mädchen viel vom Glauben und Leben der Muslime, bei denen sie eine neue Heimat finden sollten. Als sie in Medina ankamen, nahm Maria den Islam an. Allahs Gesandter ließ sie frei und heiratete sie. Shirin gab er dem Dichter Hasan bin Thabit zur Frau, der viele schöne Gedichte über den Islam und den Propheten geschrieben hatte.

Maria war über diese Lösung sehr glücklich. Sie hatte schon befürchtet, ihr Leben ohne Familie in einem fremden Land als Sklavin verbringen zu müssen. Allahs Gesandter und die Muslime ließen sie den Schmerz der Trennung vergessen und waren Brüder und Schwestern für sie. Nach einiger Zeit brachte sie einen Sohn zur Welt und nannte ihn Ibrahim.

Da wurden die anderen Frauen des Gesandten Allahs sehr eifersüchtig. Sie waren so erregt, daß sie eine zeitlang ihre wichtige Aufgabe in der Gemeinschaft vergaßen und sich miteinander gegen Maria verbündeten. Selbst Umm Salama und Aisha, die sonst eher aufeinander eifersüchtig waren, fanden zusammen. Sie alle waren ja Menschen, und jede von ihnen hätte Allahs Gesandtem selbst gern ein Kind geschenkt. Allahs Gesandter hatte dafür Verständnis und versuchte, mit seinen Frauen zu sprechen und sie zu beruhigen und zu ermahnen, an ihre Aufgabe als Mütter der Gläubigen zu denken, aber vergeblich. Schließlich sah er keinen anderen Ausweg als sich einen Monat lang von ihnen allen zu trennen. Er zog in ein Dachzimmer und sprach mit keiner von ihnen ein Wort.

Da waren die Mütter der Gläubigen bestürzt. Sie wußten nicht, ob Allahs Gesandter sich nach Ablauf dieses Monats wieder mit ihnen versöhnen oder endgültig von ihnen trennen würde. Ihre Eltern und Geschwister kamen und machten ihnen Vorhaltungen, und alle Muslime waren über diese Situation sehr traurig. Wäre es nicht viel einfacher gewesen, wenn die Mütter der Gläubigen Maria als ihre neue Schwester akzeptiert und sich mit ihr über die Geburt ihres Kindes gefreut und sich gegenseitig geholfen hätten? Es war doch nicht Marias Schuld, daß der Erzbischof sie und ihre Schwester einfach verschenkt hatte und noch dazu schwer beleidigt gewesen wäre, wenn Allahs Gesandter sein Geschenk nicht angenommen hätte. Und in der damaligen Zeit gerieten Männer und Frauen, die nicht mit einer Familie verbunden waren, sehr schnell ins Elend oder in die Sklaverei. Die Mütter der Gläubigen mußten in diesem Monat über vieles nachdenken. Sie alle hätten gern noch Kinder bekommen, und das ist ein natürlicher, menschlicher Wunsch. Aber Mutter sein bedeutet nicht nur dies. Für die Frauen des Gesandten Allahs bedeutete es vor allem, Mütter der Gemeinschaft zu sein und sie zu lehren und zu erziehen. In diesem Bewußtsein hatten sie geheiratet. Allahs Gesandter war nicht wie irgendein anderer Mann, der allein dafür lebt, seine Familie zu umsorgen. Bei seiner Aufgabe als Prophet, noch dazu als letzter Gesandter für alle Menschen, brauchte er Frauen, die wirkllche Partnerinnen waren und wie er selbst persönliche Wünsche in den Hintergrund stellen konnten. Das war nicht leicht und in der damaligen Zeit sehr ungewöhnlich. Trotzdem wußten die Mütter der Gläubigen, daß sie ihre Aufgabe gern erfüllten und mit niemandem hätten tauschen wollen. Am Ende des Monats wurden Allahs Gesandtem diese Verse offenbart:

"O Prophet, sprich zu deinen Frauen: Wenn ihr das Leben dieser Welt begehrt und seinen Schmuck, so kommt, ich will euch ein Geschenk reichen und euch dann auf geziemende Weise entlassen. Doch wenn ihr Allah begehrt und Seinen Gesandten und die Wohnstatt im zukünftigen Leben, dann hat Allah für die unter euch, die Gutes tun, einen herrlichen Lohn bereitet ... " (Sura 33:29 ff.)

Allahs Gesandter stellte also seine Frauen vor diese Wahl. Sie hätten sich von ihm trennen und jemand anderes heiraten können, der ihnen ein ruhigeres, angenehmes Leben bieten konnte und weniger Pflichten außerhalb der Familie hatte. Sie selbst hätten sich dann wie die gewöhnlichen Frauen ihrer Zeit auf ihr Familienleben konzentrieren können. Aber die Mütter der Gläubigen brauchten nicht lange zu überlegen. Sie liebten Allahs Gesandten und ihre Aufgabe, und sie wußten, daß er sie liebte und daß sie sich alle zusammen für Allahs Sache einsetzten. Keine einzige hätte sich von ihm trennen mögen, und alle waren sehr traurig, als der kleine Ibrahim ein Jahr später starb.

Wieder ein Jahr später wurde Allahs Gesandter selbst krank und starb. Umm Salama gehörte zu den Müttern der Gläubigen, deren Hauptaufgabe es war, in Medina zu lehren und das Wissen zu verbreiten, das sie selbst von Allahs Gesandten erworben hatte. Viele Schülerinnen und Schüler kamen zu ihr, und vieles von dem, was wir heute von Allahs Gesandtem (s) wissen, wurde uns von ihr überliefert. Wie Aisha und Hafsa leitete auch sie die Gebete der Frauen. So erlebte sie die Zeitder Kalifen Abu Bakr, 'Umar, Uthman und Ali und erfuhr, wie sich der Islam in drei Erdteilen verbreitete und das persische Reich auseinanderbrach und die Muslime vielen Juden und Christen halfen, die ihres Glaubens wegen unterdrückt wurden. Sie erlebte, wie es 'Umar gelang, in Medina für alle Jungen und Mädchen Schulen einzurichten, wo sie lesen und schreiben lernen konnten, und wie er persönlich dafür Sorge trug, daß Witwen und Waisen keine Not leiden mußten. Sie mußte aber auch erleben, wie die Uneinigkeit unter den Muslimen zunahm. Mißgünstige Menschen verbreiteten Neid und Unzufriedenheit und Verleumdungen, bis sich schließlich zur Zeit des Kalifen Uthman Rebellen gegen diesen verschworen, sein Haus belagerten und ihn zum Rücktritt aufforderten. Umm Salama war sicherlich nicht immer mit allem einverstanden gewesen, was Uthman getan hatte, und hatte ihn ebenso mit Ratschlägen und Kritik bedacht wie Abu Bakr und 'Umar vor ihm. Aber sie verabscheute Ungerechtigkeit und Gewalt und war entsetzt, als sie erfahren mußte, daß die Rebellen in Uthmans Haus eingedrungen waren und ihn getötet und seine Frau, die ihn schützen wollte, verletzt hatten. In ganz Medina war Unruhe ausgebrochen, und als Ali die Verantwortung für die Regierung übernahm, war es schwierig, wieder Frieden zu schaffen. Einiges von dem alten arabischen Familienstolz aus der vorislamischen Zeit war allmählich wieder zur Geltung gekommen, und so gab es einflußreiche Männer, denen Vergeltung für den Mord an Uthman wichtiger schien als Frieden und Einigkeit unter den Muslimen. Sie machten Ali schwere Vorwürfe und wollten nicht einsehen, daß zuerst einmal die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden mußte, bevor man daran denken konnte, die Mörder zu suchen. Mu'awiya, der von Uthman zum Gouverneur in Syrien ernannt worden war, weigerte sich sogar, Alis Regierung anzuerkennen, und rief seine Männer zum Krieg gegen ihn auf. In dieser Zeit versuchte Umm Salama ebenso wie Ali und andere Prophetengefährten, die Menschen zur Vernunft zu rufen und zur Einigkeit zu mahnen. Trotz ihres hohen Alters setzte sie sich unermüdlich dafür ein, daß die islamischen Werte und Grundsätze verkündet und verwirklicht wurden. Nicht persönliche Interessen wie Stolz, Neid, Gier oder Herrschsucht sollten das Leben bestimmen, sondern die Verantwortung vor unserem Schöpfer und geschwisterliche Liebe unter den Menschen. Umm Salama hatte mit Allahs Gesandtem an vielen Feldzügen teilgenommen. Aber jetzt war sie zu alt, um Ali auf seinem tragischen Feldzug zu begleiten, als er sich gegen Mu'awiyas Truppen zur Wehr setzen mußte. Sie schöpfte neue Hoffnung, als sie erfuhr, daß Vertreter beider Seiten über eine friedliche Lösung verhandeln wollten, aber um so härter traf sie später die Nachricht, daß Ali von einem Attentäter ermordet worden war.

Damit war die Zeit der rechtgeleiteten Kalifen zu Ende gegangen. Die Muslime wollten nun einen neuen Kalifen wählen, und viele hofften, daß Alis Sohn Hasan, der inzwischen ein wichtiger Lehrer und Imam geworden war, diese Verantwortung übernehmen würde. In Syrien hatte sich aber Mu'awiya selbst zum Kalifen ernannt und seinen Sohn Yazid zu seinem Nachfolger bestimmt, beides nicht durch die Wahl der Muslime, sondern nach dem Vorbild der Könige und Kaiser der umliegenden Länder. Nach diesem Vorbild hatte er auch einen befestigten Palast angelegt und eine Leibwache aufgestellt, so daß niemand mehr so leicht mit einer Bitte oder Beschwerde zu ihm kommen konnte wie zu den ersten vier Kalifen oder gar zu Allahs Gesandtem selbst. Seiner Frau hatte diese Art zu leben überhaupt nicht gefallen. Sie liebte das einfache Leben, wie es für die Prophetengefährten noch selbstverständlich gewesen war. Im Palast mit allen Dienern und Leibwächtern hatte sie sich eingesperrt gefühlt, buchstäblich wie in einem goldenen Käfig, und hatte ihre Lage in wehmütigen Gedichten beklagt, bis Mu'awiya sich von ihr trennte und sie zu ihrem Beduinenstamm zurückschickte. Yazid war wie ein Prinz aufgewachsen und hatte fast keine Verbindung mehr zu dem einfachen Volk. Wohl hatte er Gelegenheit, die Wissenschaften und Künste seiner Zeit zu erlernen, aber die Mühe und Opferbereitschaft der ersten Muslime kannte er nur aus Erzählungen. Er hatte auch mehr Interesse am Spiel und an der Jagd als am Gebet, und wenn er mit seinen Freunden ausgelassen war, trank er sogar Wein. Das war nicht der Charakter eines Mannes, den man sich als Führer der Muslime vorstellen kann. Als Umm Salama das erfuhr, war sie um so mehr empört, als Yazid schließlich Nachfolger seines Vaters werden sollte, noch dazu ohne das Einverständnis der Muslime, obgleich die Muslime doch ihre Angelegenheiten in gegenseitiger Beratung regeln sollten. Sie und die anderen Prophetengefährten drängten Hasan, die Regierungsverantwortung so zu übernehmen, wie es die rechtgeleiteten Kalifen getan hatten. Aber Hasan wollte kein neues Blutvergießen. Er sah, daß vieles von dem, was Allahs Gesandter gelehrt hatte, schon in Vergessenheit geraten war. Viele Prophetengefährten und auch einige der Mütter der Gläubigen waren schon gestorben, und die wenigen, die noch am Leben waren, waren alt und oft krank und schwach. Sie wandten ihre gesamte Kraft auf, die jungen Muslime zu lehren sowie auch die vielen tausend Menschen, die in den letzten Jahrzehnten den Islam angenommen hatten. Dies war Hasan wichtiger, als in einem aussichtslosen Kampf gegen den unrechtmäßigen Herrscher und seine Armee sinnlos Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Er verzichtete auf den Kampf und setzte sich stattdessen dafür ein, daß das Wissen des Propheten lebendig blieb. Aber schon nach kurzer Zeit wurde er ermordet.

Hasans Bruder Hussain war ein weiterer großer Lehrer und Imam. Nach Hasans plötzlichem Tod versprachen viele Muslime Hussain, ihm treu zur Seite zu stehen. Als Mu'awiya gestorben und Yazid an die Macht gelangt war, luden die Muslime Husain nach Kufa ein, damit sie nach seiner Anleitung die Gemeinschaft wieder so gestalten konnten, wie sie in Medina zu Lebzeiten des Propheten gewesen war. Aber während er noch mit den seinen unterwegs war, besetzten Yazids Truppen die Stadt Kufa und schnitten Hussain bei Karbala den Weg ab.

Entsetzt hörte Umm Salama in Medina die Nachricht von dem schrecklichen Blutbad, das dann folgte. Die Soldaten waren über Hussains kleine Schar hergefallen und hatten ihn und seine Männer und sogar ein kleines Kind getötet, und die Frauen auf schmachvolle Weise gefangengenommen und nach Syrien gebracht. Diese Nachricht war zu viel für die alte Frau, die ihr ganzes Leben im Einsatz für Allahs Sache verbracht hatte. Sie wurde krank und starb und wurde in Medina bei den anderen Müttern der Gläubigen begraben, die ihr vorausgegangen waren. Aber ihre Schülerinnen und Schüler gehörten zu denen, die sich weiter unermüdlich für die Sache des Islam bemühten, so wie sie es nicht nur gelehrt, sondern auch in ihrem Leben gezeigt hatte.


Zurück zum Index Islamische Studien
Home Page 1