15 Jahre "Arbeitsgemeinschaft Interreligiöser Dialog"

am Fachbereich Evangelische Theologie

Olaf Schumann


A. Zum Hintergrund

Zur Tradition der Hamburger Universität gehört die von ihrer Vorgängerin, dem Kolonialinstitut, ³bernommene Offenheit gegenüber außereuropäischen Kulturen und Zivilisationen. Auch wenn die Gründungsväter der Universität 1919 nicht der Meinung waren, daß eine Theologische Fakultät in den Kanon ihrer universitas litterarum hineingehöre, so konnten sie doch davon überzeugt werden, daß die bereits etablierte und auch weiterhin zu pflegende wissenschaftliche Beschäftigung mit jenen Kulturen den sie prägenden religiösen Faktor auch in einer republikanischen Universität nicht ausklammern könnte. Die seit 1909 vom damaligen Kolonialinstitut erteilten Lehraufträge für Missionswissenschaft als jenem Zweig der Theologie, die sich vornehmlich mit überseeischen Fragen unter religiösem Aspekt beschäftigt, wurden deshalb fortgeführt. Seit 1929 war Walter Freytag mit ihrer Wahrnehmung betraut und 1947 wurde er zum Honorarprofessor ernannt. Als sich schließlich die politische Leitung der Hansestadt 1952 entschloß, ihrer Universität eine Theologische Fakultät anzugliedern, wurde diese nach Übersee hin orientierte theologische Disziplin selbstverständlich mit aufgenommen und mit der Schaffung eines eigenen missions- und ökumenewissenschaftlich orientierten Seminars in ihrer Bedeutung gewürdigt.

Mit der zunehmenden Niederlassung neuer Bürger Hamburgs aus Übersee, die an ihren religiösen und kulturellen Traditionen festhielten, verschoben sich die mit dem Studium und der Erforschung dieser überseeischen Traditionen verbundenen Fragestellungen. Diese Traditionen verloren nolens volens auch für diejenigen, die sich weniger mit ihnen befaßten, allmählich den Charakter lediglich in weiter Ferne existierender Exotika, vielmehr waren sie unversehens zu einem Faktor inmitten der eigenen Hamburger gesellschaftlichen Realität geworden. Nicht nur die christlichen Gemeinden erhielten religiöse Nachbarschaft und Konkurrenz, auch in den Schulklassen und an den Arbeitsplätzen forderte die Präsenz von in nichtchristlichen Traditionen lebenden Schülerinnen und Schülern oder Arbeitskollegen Beachtung und Anerkennung. Künftige Pfarrer/-innen und Religionslehrer/-innen waren in gleicher Weise gefordert, sich mit dieser neuen Situation vertraut zu machen und sich bereits im Studium auf die neuen Herausforderungen an ihre künftige Arbeit vorzubereiten.


B. Neue Aufgaben für die Missionswissenschaft

Um diesen Bedürfnissen der Studierenden zu entsprechen, schlug Ende der 70er Jahre der damalige Lehrstuhlinhaber für Missionswissenschaft und Ökumenische Beziehungen der Kirchen, Prof. Dr. H.J. Margull, erfolgreich vor, sein Seminar zu teilen und dem Missionswissenschaftlichen Seminar eine stärker religionswissenschaftliche Orientierung zu geben. Inzwischen, d.h. seit 1995, sind zwar als Folge der Schrumpfungsmaßnahmen in der Universität beide Seminare wieder in ein "Institut für Missions-, Ökumene- und Religionswissenschaft" zusammengefaßt, die Unterteilung des Instituts in zwei Abteilungen: eine für Missionswissenschaft und Ökumenik, die andere für Religionswissenschaft und Theologie der Religionen, hält jedoch an der damals getroffenen Aufgabenverteilung fest.

Mit der 1981 erfolgten Besetzung der Professur für Religions- und Missionswissenschaft durch den derzeitigen Lehrstuhlinhaber konnte mit einem regelmäßigen Lehrangebot sowohl an Einführungskursen (Proseminaren) in das Studium der Religionen als auch an Hauptseminaren mit dem Ziel, anhand bestimmter, jeweils in einer Religion diskutierter Fragen oder religionenübergreifender Probleme tiefer in das Verständnis anderer Religionen einzuführen, begonnen werden. Es gehörte von Anfang an zur Methodik dieser Veranstaltungen, daß, soweit möglich, Angehörige der jeweils behandelten Religion eingeladen wurden, um entweder als Vortragende oder als regelmäßige Teilnehmer/-innen ggf. Rückfragen beantworten, Mißverständnisse klären oder das Verständnis bestimmter Aspekte aus ihrer Sicht klären zu können.


C. Methodik des interreligösen Dialogs

Nach einem sich über zwei Semester hinziehenden Seminar zum Thema "Theologie der Religionen" beschlossen einige der Teilnehmer/-innen, die gemeinsame Arbeit in Form einer "Sozietät", später "Arbeitsgemeinschaft Interreligiöser Dialog" fortzusetzen. Durch Vermittlung der mit dem Islamischen Zentrum e.V. an der Schönen Aussicht bzw. dem Buddhistischen Tibetischen Zentrum e.V. verbundenen Studierenden, die an diesem Seminar teilgenommen hatten (u.a. Halima Krausen und Oliver Petersen), gelang es, die Unterstützung von Imam Mehdi Razvi und Geshe Thubten Ngawang zu erhalten und beide Zentren als Mitveranstalter zu gewinnen. Die "Arbeitsgemeinschaft" selbst wurde auch weiterhin als ordentliche Lehrveranstaltung (Übung bzw. Seminar) im Tableau des Missionswissenschftlichen Seminars angeboten. Die Beteiligung beider Zentren hat sich z.B. darin ausgedrückt, daß in jedem Semester in beiden jeweils eine Arbeitssitzung stattfindet. Die Bemühungen, auch andere religiöse Zentren oder Vertreter/-innen anderer christlicher Traditionen (neben der protestantischen) in die Arbeitsgemeinschaft einzubeziehen, hatten bisher - in der Regel aus terminlichen oder organisatorischen Gründen - nur einen zeitlich begrenzten Erfolg, zumeist im Zusammenhang mit einem oder mehreren Vorträgen zur Thematik des jeweiligen Semesterprogramms. Nachhaltigen Eindruck machte z.B. die wiederholte Begegnung mit dem zwitweise im Völkerkundemuseum tätigen indianischen Künstler David Seven Deers und seine Bereitschaft, die Teilnehmer/-innen an seiner Spiritualität und Lebensphilosophie teilnehmen zu lassen. Um kontinuierliche Teilnahme bemühten sich in den vergangenen Jahren insbesondere Pater Gregor Mundus vom Benediktinerkloster Nütschau und - während seiner Anwesenheit in Hamburg - Prof. Alexander Schwarz, Jerusalem, sowie, seit seiner Ernennung, der Landesrabbiner L.D. Barsiley.

Nach einer Vorbesprechung

Für jedes Semesterprogramm wurde ein Thema gewählt, das entweder Grundfragen des (gemeinsamen) Menschseins aufgreift wie z.B. die Frage nach dem Sterben, dem Tode, Unsterblichkeit bzw. Neuschöpfung, oder nach Spiritualität im Alltagsleben, nach der Bedeutung von Gebet und Andacht o.ä., oder aber gesellschaftsbezogene Fragen von alle betreffender Relevanz wie z.B. die Haltung gegenüber Fremden/Fremdheit in den Religionen, die Bedeutung und Stellung der Menschenrechte und der Menschenwürde, der Umgang mit Fragen der Erziehung und ihrer Ziele sowie der Jugendproblematik, Religion und Gesellschaft, oder Recht und Gerechtigkeit in den Religionen als Grundlage für ein "Projekt Weltethos", usw. Auch brisante Fragen wurden nicht ausgespart wie das Verhältnis zwischen Religion und Krieg (aktuell z.B. während des 2. Golfkrieges) oder die rechtliche und gesellschaftliche Position religiöser Minderheiten; im Rahmen dieses Themas wurde auch ein fachbereichsoffizieller Studientag zur Situation der Armenier veranstaltet (1988). Am Rande einiger Kirchentage, insbesondere dem in Hamburg 1994, war die Arbeitsgemeinschaft mit einem eigenen Programm präsent; in Hamburg zum Thema Politik-Wirtschaft-Spiritualität-Ethik. Diese und andere Aktivitäten verdankten sich der Initiative der Teilnehmer/-innen selbst; insbesondere Frau Brigitte Werner, die zudem von 1990-1997 die Arbeitsgemeinschaft als Lehrbeauftragte leitete, ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.


D. Ziele des interreligiösen Dialogs

Die Arbeitsgemeinschaft verfolgt verschiedene Ziele. Zuvor steht jedoch eine bereits am Anfang getroffene ethische Grundentscheidung: es wird nicht über "die anderen", sondern mit ihnen gesprochen. Der nächste Punkt betrifft die häufig anzutreffende Sprachunfähigkeit, die sich dann einstellt, wenn in ungewohnter Umgebung oder mit anders denkenden Gesprächspartnern über Dinge gesprochen werden soll, für die im eigenen Kontext meistens eine Formelsprache geprägter Begriffe zur Verfügung steht. Diese in allgemein verständliche Sprache zu übersetzen fällt zumeist schwerer als angenommen. An diese Erfahrung anknüpfend geht es im Dialog also ferner darum, dialogisches Denken und Sprechen einzuüben. Dazu gehört auch die Entwicklung der Fähigkeit, den/die andere(n) von seinen bzw. ihren Denkvoraussetzungen und -traditionen her zu verstehen. Das setzt Kenntnisse über diese Traditionen und ihre Selbstverständnisse und Denkstrukturen voraus; sie besser zu verstehen wird durch den Dialog, das gemeinsame Ringen um bestimmte gemeinsame Fragen (dialegein) und die Suche nach gemeinsam verantwortbaren Antworten, erreicht. Dabei wird dann auch die Grundlosigkeit vieler Klischees und Vorurteile offenbar.

Stupa im Buddhistischen Tibetischen Zentrum

Allerdings führt dieser Dialog nicht nur zu einer differenzierteren Wahrnehmung und zu einem angemesseneren Verständnis von Menschen anderer Kultur und Religion und dem Respekt vor ihnen, sondern auch zu einer sensibilisierten Wahrnehmung der Partikularität der eigenen Zivilisation, ihres kulturellen und religiösen Hintergrundes und ihrer inhärenten Probleme. Die besondere gesellschaftliche Relevanz des interreligiösen Dialogs liegt darin, daß im gemeinsamen dialegein in der Gesellschaft gewünschte und nötige und für alle verbindliche ethische Werte und sittliche Normen erarbeitet und formuliert werden können. Über eine letztlich aneinander teilnahmlos vorbeilebende Koexistenz hinaus wird das gemeinsame Engagement zur Lösung gemeinsamer Probleme eigeübt, auf der Basis eines im Dialog entstandenen und gewachsenen gegenseitigen Vertrauens.

Eröffnung einer Ausstellung

Die Teilnahme an der Arbeitsgemeinschaft wird in erster Linie den Pfarramts- und Lehramtsstudierenden angeboten, da sie in ihrer späteren Berufstätigkeit "mitten drin" in den Problemen des Zusammenlebens in einer miltireligiösen und multikulturellen Gesellschaft arbeiten werden. Von Anbeginn an beteiligten sich jedoch auch Studierende anderer Fachbereiche und Studienrichtungen aktiv am Dialog. Besondern Zuspruch erhält er auch von Gasthörern und Gasthörerinnen, die bereits im Berufsleben stehen und hier ein Forum finden, in dem sie sich über bereits gemachte Erfahrungen beraten bzw. nötige Informationen sammeln können.


E. Die spirituelle Dimension des Dialogs

Das dialogische Gewpräch über religiöse oder mit dem Glauben zusammenhängende Fragen trifft an irgendeiner Stelle auf die spirituelle Dimension der Religion. Ein solcher Punkt war beispielsweise beim Ausbruch des 2. Golfkrieges 1991 erreicht. Auf der Basis des bereits entstandenen Vertrauens wurde angesichts der wenig friedensbereiten öffentlichen Stimmung beschlossen, die Semesterarbeit mit einem Friedensgebet zu beenden. Es galt als selbstverständlich, daß ein solches gemeinsames Friedensgebet nicht "interreligiös", sondern nur "multireligiös" abgehalten werden kann, daß also kein von allen gemeinsam gesprochener Text zu Grunde liegen kann, sondern jede Gruppe einen Text aus ihrer Tradition spricht, der die jeweilige Spiritualität zum Ausdruck bringt und damit erfahrbar macht, daß trotz der unterschiedlichen Sprachen und Selbstverständnisse alle vor derselben Macht stehen.

Die Sensibilität für diese Dimension bewirkt in der Arbeitsgemeinschaft schließlich auch viel Sympathie für Bemühungen verschiedener studentischer Initiativen, auf dem Gelände der Universität einen interreligiösen, d.h. für verschiedene Gruppen zugänglichen Andachtsraum zur Verfügung gestellt zu bekommen, in dem sowohl die verschiedenen studentischen Gruppen für sich zur Meditiation und Andacht zusammenkommen als auch mit anderen in einer angemessenen Atmosphäre über religiöse oder spirituelle Anliegen sprechen können. Eine zukunftsorientierte Gesellschaft, die sich ihre Humanität erhalten will, sollte auch der von ihr unterhaltenen Universität die Möglichkeit einräumen, ihren Studierenden Raum zu geben, in dem sie, neben dem Aneignen von Wissen, auch ihre Persönlichkeit bilden können.

Nach einem Vortrag in der Hamburger Gnadenkirche

Literatur:
Brigitte Werner, "Der Dialog zwischen VertreterInnen verschiedener Religionen vor Ort - Grenzen und Möglichkeiten", in: Ingrid Lohmann und Wolfram Weiße (Hrsg.), Dialog zwischen den Kulturen: Erziehungshistorische und religionspädagogische Gesichtspunkte interkultureller Bildung, Münster - New York 1994, S. 265-273;
Olaf Schumann, "Wer nur eine Religion kennt, kennt keine. Das Studium fremder Religionen innerhalb des Theologiestudiums", in: Theodor Ahrens (Hrsg.), Zwischen Regionalität und Globalisierung. Studien zu Mission, Ökumene und Religion (= Perspektiven der Weltmission, 25). Hamburg 1997, S. 205-247.


Nähere Auskünfte:
Institut für Missions-, Ökumene- und Religionswissenschaft
Sedanstr. 19,
Hamburg,
Tel. +49 (0)40-41233775


Programm des laufenden Semesters
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