OFFENBARUNG


Mit Offenbarung bezeichnet man im deutschen Sprachgebrauch die Enthüllung von Dingen, die Menschen gewöhnlich verborgen sind. Je nach dem Kontext können sehr verschiedene Inhalte mit diesem Wort verbunden sein. So spricht man z.B. davon, daß jemand seine Gefühle offenbart; eine Bankrotterklärung ist mit einem "Offenbarungseid" verbunden usw.

Im religiösen Sprachgebrauch meint Offenbarung die Enthüllung von Antworten auf tiefgreifende menschliche Fragen. Der Mensch ist in der Lage, über sich selbst nachzudenken, und er fragt dementsprechend

nach seinem Woher: die Antworten auf diese Fragen bestimmen sein Selbstverständnis und seine Erwartungen an sich selbst
nach seinem Wohin: in den Antworten darauf findet er Orientierung und Ziel
nach dem Warum: diese Frage ist gleichzeitig die Frage nach einer Gesamtschau des Daseins, seinem Sinn und dem Platz des Menschen darin.

Insgesamt stehen diese Fragen hinter den philosophischen und religiösen Bestrebungen des Menschen; bei letzteren ist alles auch mit der Frage nach dem Göttlichen, dem letztendlichen Urgrund des Seins, verbunden. Seit jeher gibt es mythologische und philosophische Versuche, Antworten zu finden und zu formulieren, die Suche nach Gott in Gebet, Meditation, Fasten, Weltentsagung usw., und wenn auch die Formen jeweils etwas anders sind, so sind doch diese Kommunikationsversuche von Seiten des Menschen in allen Religionen bekannt.

Der Islam lehrt, daß der Mensch mit seiner Suche nicht alleingelassen ist. Gott ist nahe und antwortet. Er läßt sich nicht nur finden, sondern ergreift selbst die Initiative. Neben der Lehre von Gottes Einheit (Tawhîd) steht an zentraler Stelle die Lehre, daß Gott die Menschen lehrt. Bereits im frühesten Qur'antext heißt es:

Lies im Namen deines Herrn, der erschuf, der den Menschen aus einem Embryo erschuf. Lies, denn dein Herr ist sehr gütig, der durch die Schreibfeder lehrt, den Menschen lehrt, was er nicht weiß (Sura 96:1-6).

Daß Gott den Menschen lehrt, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erschaffung des Menschen und seiner Aufgabe:

Der Sich Erbarmende - er hat dem Qur'an gelehrt; Er hat den Menschen erschaffen; Er hat ihn deutliche Rede gelehrt ... (Sura 55:1-5

Und (denke daran), wie dein Herr zu den Engeln sprach: "Ich will einen Statthalter auf Erden einsetzen," da erwiderten sie: "Willst Du dort jemanden einsetzen, der darauf Unheil stiftet und Blut vergießt, während wir Dich lobpreisen und Deine Heiligkeit rühmen?" Er antwortete: "Ich weiß, was ihr nicht wißt." Und Er lehrte Adam alle Namen ... (Sura 2:31-32).

Als "Statthalter Gottes auf Erden" ist der Mensch ein Wesen mit besonderen Fähigkeiten und einer besonderen Verantwortung. Nur er kann mit großen Freiheiten nicht nur sein eigenes Leben gestalten, sondern auch in die Lebenswelt seiner Mitmenschen und Mitgeschöpfe gestaltend oder zerstörend eingreifen. Es ist darum wichtig, daß er die enge Verbindung mit dem Schöpfer aufrechterhält. Dies geschieht einmal dadurch, daß der Mensch betet und Gott anruft:

Wenn dich Meine Diener nach Mir fragen: Ich bin nahe. Ich höre den Ruf des Rufenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie auch auf Mich hören und auf Mich vertrauen, damit sie rechtgeleitet werden (Sura 2:187).

Wir sehen also auf der einen Seite, daß Gott lehrt, und auf der anderen, daß Er dem Ruf und dem Suchen des Menschen antwortet. Bei diesem zweiseitigen Gespräch ist es nun wichtig, daß der Mensch erfährt, wie Gott zu ihm spricht, und hört, was Er ihm sagt. Dies geschieht nun nicht in einem Gespräch, das der zwischenmenschlichen Kommunikation vergleichbar wäre, sondern

Es steht dem Menschen nicht zu, daß Gott mit ihm spricht, es sei denn durch Eingebung oder von hinter einem Schleier oder indem Er einen Gesandten schickt, um mit Seiner Erlaubnis das einzugeben, was Er will. Er ist erhaben, weise (Sura 42:53).

Es hat sich in der islamischen Welt eingebürgert, auf die Frage nach göttlicher Offenbarung an das Wort wahy zu denken, das ich hier mit Eingebung übersetzt habe, und dies wiederum ausschließlich mit prophetischer Offenbarung zu identifizieren. Während der durchaus verständliche Beweggrund hierfür der ist, daß man sich gegen falsche Ansprüche theologisch abgrenzen möchte, besteht dabei die Gefahr, andere Aspekte des Redens Gottes zu den Menschen, wie sie in diesem Vers erwähnt werden, aus dem Blickfeld zu verlieren, und andererseits den Gebrauch des Wortes wahy im Qur'an nicht mehr vollständig wahrzunehmen. Ich möchte im folgenden beides anhand dieses Verses erläutern.

Darüberhinaus haben viele Kommentatoren alle Aussagen in diesem Vers auf prophetische Offenbarung bezogen, und darauf wird eine Phänomenologie der prophetischen Offenbarung aufgebaut, in der der Gesandte (rasûl; das arabische Wort wird sonst meist auf menschliche Gesandte Gottes angewendet) mit dem Engel identifiziert wird, der diese vermittelt. Da hier jedoch ausdrücklich vom Menschen die Rede ist und Gott nach dem Qur'an durchaus auch zu Menschen spricht, die keine prophetische Funktion haben, möchte ich dem qur'anischen Sprachgebrauch folgen. Außerdem scheint mir der Vers eine bestimmte Abstufung des Offenbarungserlebens auszudrücken, die ich in umgekehrter Reihenfolge aufgreifen möchte, um von dem, was Menschen gewöhnlich zugänglich ist, zu dem fortzuschreiten, was das Besondere des prophetischen Menschen ist.

I Der Gesandte

Abgesehen davon, daß Menschen durch Beobachtung, Nachahmung und Erfahrung lernen und zu eigenen Schlußfolgerungen kommen, lernen sie auch durch Lehre und Vorbild menschlicher Lehrer und die Auseinandersetzung damit, denn die Fülle der Eindrücke und Informationen erfordert eine Perspektive, zumal der Mensch durch seine vielfältigen Fähigkeiten besondere Macht hat. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es immer wieder solche Lehrer gegeben, unter anderen die Religionsstifter, aber auch andere erleuchtete und prophetische Persönlichkeiten. Zumindest die bedeutendsten von ihnen werden als Gesandte Gottes bezeichnet, denn im islamischen Denken ist Gott der Ausgangspunkt alles dessen, was Seiner Schöpfung zugutekommt, vor allem dann, wenn es Wege zu Ihm eröffnet. Ein Gesandter Gottes ist in erster Linie ein Mensch, der seine Mitmenschen lehrt, ihnen Leitbild und Ansprechpartner ist, sie versteht und ermutigt. Gerade aus diesem Grund wird in der islamischen Theologie die Menschlichkeit der Gesandten Gottes betont, denn eine zu große Idealisierung würde sie aus dieser Sphäre der mitmenschlichen Vorbildlichkeit und Solidarität hinaus in gefährliche Nähe zum Götzendienst heben. Die Aufgabe eines Gesandten wird in folgendem Gebet Abrahams (a) umrissen:

Unser Herr, erwecke unter ihnen einen Gesandten aus ihren eigenen Reihen, der ihnen Deine Zeichen verdeutlicht und sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist der Mächtige, der Weise. (Sura 2:130)

Der Begriff der Zeichen (Âyât) Gottes wird heute vielfach eingeengt im Sinne von "Verse" (des Qur'an bzw. anderer Heiliger Schriften) verstanden. Zeichen sind jedoch in einem viel weiteren Sinne Mitteilungen, Orientierungsmerkmale, die dazu anleiten, den Weg im Leben dieser Welt zu finden. Hier geht es um die Orientierung, die der Gesandte durch Lehre und Vorbild gibt, bei der im Falle der Schriftreligionen tatsächlich die Texte der Heiligen Schriften eine ausschlaggebende Rolle spielen, weil darin der Kern der prophetischen Lehre auch über die Lebenszeit des betreffenden Gesandten hinaus zugänglich ist.

Die Zeichen der Schrift in Verbindung mit der Lebenspraxis des Gesandten stehen jedoch nicht für sich allein, sondern sind als Schlüssel für andere Zeichen Gottes in der Schöpfung zu verstehen, auf die speziell der Qur'an immer wieder hinweist:

Und zu Seinen Zeichen gehört dies, daß Er Lebenspartner für euch erschuf aus euch selbst, damit ihr Frieden bei ihnen findet, und Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind Zeichen für Leute, die nachdenken. Und zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind Zeichen für die Wissenden. Und zu Seinen Zeichen gehört euer Schlaf bei Nacht und bei Tag euer Streben nach Seiner Fülle. Hierin sind Zeichen für Leute, die hören. Und zu Seinen Zeichen gehört dies, daß Er euch den Blitz zeigt zu Furcht und Hoffnung und Wasser vom Himmel niedersendet, um damit die Erde zu beleben nach ihrem Tod. Hierin sind Zeichen für Leute, die begreifen (Sura 30:22-25).

Immer wieder verweist der Qur'an auf die Zeichen Gottes in der Natur, in der Gesellschaft und Geschichte und im Inneren des Menschen und fordert auf, selbst zu beobachten, nachzudenken und Schlußfolgerungen zu ziehen, sowohl für das irdische Leben als auch für das zukünftige. Beobachtung und Forschung bringt Erkenntnisse, die einen unschätzbaren Wert für Wissen und Erkenntnis haben, und so haben die Muslime, angeregt und unterstützt durch diese Aufforderung, zeitweilig bedeutende Beiträge zu den Wissenschaften geleistet. Aber nicht nur im praktischen Lebensvollzug geben die Zeichen Gottes in der Schöpfung Orientierung. Sie weisen für jeden, der tiefer darüber nachdenkt und bereit ist, hinter die Oberfläche zu schauen, auch auf den Schöpfer hin und bilden damit eine Grundlage zur Gotteserkenntnis.

In den Schriftreligionen hat in der Tat die jeweilige Heilige Schrift einen zentralen Stellenwert, von der Redaktionsgeschichte einmal abgesehen. Schrift (Kitâb) bedeutet hier aber auch noch mehr als das geschriebene oder gedruckte Buch. Es bedeutet auch Vor-schrift im Sinne von Gesetzmäßigkeit. Es ist deutlich, daß in der Natur bestimmte miteinander vernetzte Gesetzmäßigkeiten gelten. Der Mensch ist in diese Gesetzmäßigkeiten eingebunden, nur ist seine Lage um ein vielfaches komplizierter, weil er bewußt Initiative ergreifen und Entscheidungen treffen kann, die eine große Tragweite und die entsprechenden Folgen haben. Es sind darum ethische Überlegungen erforderlich, die dem Menschen Orientierung hinsichtlich der Beziehung zu sich selbst, zu Mitmenschen, zu anderen Lebensformen, zur Schöpfung insgesamt und schließlich zum Schöpfer geben und ihm ermöglichen, den seiner Würde und seinen Anlagen entsprechenden Platz in seiner Gesellschaft und in der Welt zu finden. Die Lehre des Gesandten in Theorie und Praxis hilft, die Werte zu erkennen und umzusetzen, die zu einer ausgewogenen Gestaltung aller dieser Beziehungen von Bedeutung sind.

Religion ist aber grundsätzlich zukunftsbezogen. Es geht also noch um mehr als um eine Gestaltung der Beziehungen in der Gegenwart. Der prophetische Mensch erläutert darum nicht nur die Gesetzmäßigkeiten, die diesen Beziehungen zugrundeliegen (Kitâb), sondern er bringt auch eine Vision, die diesem Wissen eine Perspektive gibt, so daß Werte unterschieden werden und Entwicklungen beurteilt werden können und eine Orientierung auf eine zukünftige Verheißung hin möglich ist. Auf diese Weise vermittelt er Weisheit (Hikma). Sie läßt die Proportionen der Dinge erkennen und ermöglicht daher Entscheidungen, die auf wertvollere, dauerhaftere Ziele hin ausgerichtet sind. Der Gesandte ist daher sowohl Lehrer als auch Leitbild.

Aber die erzieherische Aufgabe des Gesandten geht noch weiter. Er reinigt und läutert die Menschen innerlich, so daß ihnen ein Verstehen möglich ist, das weit über das kognitive Lernen hinausgeht. Dies ist schon regelrecht eine schöpferische Aufgabe, bei der das "rohe Material" einer Person durch die verständnisvolle Anleitung des prophetischen Menschen geformt und verfeinert wird. Hier liegt schließlich auch die innere Bedeutung der Geschichte, in der Jesus (a) aus Ton Vögel formt und ihnen mit Gottes Erlaubnis Leben einhaucht (Sura 3:50): Er bildet seine Jünger und läutert sie, bis sie die Feinheit und Leichtigkeit erlangt haben, selbst zu spirituellen Höhen zu fliegen.

Was den prophetischen Menschen betrifft, so hat er bereits eine Lauterkeit erlangt, die es möglich macht, daß Gott selbst ihn auf diese Weise formt. Man spricht daher davon, daß Gott Engel als Gesandte zu den Propheten schickt bzw. diese im Gegensatz zu gewöhnlichen Menschen die Fähigkeit haben, Engel wahrzunehmen. Ein Beispiel sind die Gesandten, die Gott zu Abraham (a) schickt, um ihm die Geburt Isaaks (a) zu verheißen, und dann zu Lot (a), um diesen vor dem Untergang seiner Stadt zu retten (Sura 11:70-84; 29:32-36) sowie die Engel, die mit Maria (a) sprechen (Sura 3:43-47). Engel (arab. malâ'ika) sind Kräfte, die in Gottes Dienst stehen und in der Schöpfung verschiedene Aufgaben erfüllen. Zu ihnen zählt auch der Heilige Geist, der jedoch nicht wie in der christlichen Trinitätslehre als "Seisweise Gottes" gedeutet wird, sondern als eine Gott nahestehende Kraft, die prophetische Offenbarung vermittelt und, personifiziert gedacht, mit dem Engel Gabriel identifiziert wird.

II Der Schleier

Je nachdem, wie dicht ein Schleier ist, verhüllt oder offenbart er das dahinter Verborgene. Al-Ghazzali (gest. 1111 n.C.) spricht in seinem Buch Mishkât al-Anwâr von siebzigtausend Schleiern aus Licht und Finsternis, hinter denen Gott verborgen ist und die sich dem Suchenden im Verlauf seiner inneren Läuterung Schritt für Schritt lüften, und ähnliche Bilder finden wir immer wieder in der Mystik.

Den dichtesten Schleier bilden die Phänomene, wenn sie nur ihrer oberflächlichen, materiellen Bedeutung entsprechend verstanden werden. Dann sind nämlich die Phänomene der Schöpfung, die im Qur'an als Zeichen Gottes bezeichnet werden, nichts weiter als Welt und werden je nach Sachlage als nützlich, lästig oder gefährlich eingestuft oder ignoriert, und ihre spirituelle Dimension wird nicht wahrgenommen. Der materialistische Betrachter wird zwar in der Lage sein, sie technologisch zu nutzen, aber kaum, sie mit Verantwortung und ethischen Forderungen in Verbindung zu bringen, geschweige denn Gottes Stimme daraus zu hören.

Eine Wahrnehmung der Naturphänomene, der historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen, der Stimmen im eigenen Inneren usw. als Zeichen Gottes und eine zunehmende Welt- und Gotteserkenntnis in diesem Sinne beginnt mit der ernsthaften Frage nach dem Sinn und dem Begreifen größerer Zusammenhänge:

In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind Zeichen für die Verständigen, die Gottes gedenken, wenn sie stehen, sitzen oder auf der Seite liegen und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: "Unser Herr, Du hast dies alles nicht sinnlos erschaffen. Heilig bist Du ..." (Sura 3:191-192)

Das Ergebnis des Beobachtens und Nachdenkens ist also nicht nur Natur- und Geschichtswissenschaft u.dgl., sondern die Einsicht in die Hintergründe des Seins. Schon mancher einstmals materialistische Wissenschaftler hat diesen Weg beschritten. In diesem Zusammenhang ist dann gelegentlich davon die Rede, daß die Weisen die Sprache der Tiere und Pflanzen verstehen können. Mystiker schließlich, die einer Disziplin der inneren Läuterung gefolgt sind, erleben Gottes Wirken und Seine Gegenwart überall, und nur ein sehr dünner Schleier trennt sie von dem letztendlichen Licht.

Beliebte Beispiele der Kommentarliteratur für Schleier, durch die Gott zu prophetischen Menschen spricht, ist der Brennende Busch, durch den Er zu Mose (a) spricht, um ihn zu seiner Aufgabe zu berufen (Sura 20:10-15; 28:30-31 usw.), oder die Palme, an die sich Maria (a) in den Geburtswehen klammert, oder nach einigen auch der Bach, der zu ihren Füßen entspringt (Sura 19:24-27), oder das neugeborene Kind.

III Eingebung

Das Wort wahy ist im Qur'an noch keineswegs der Fachausdruck, der heute für prophetische Offenbarung benutzt wird, sondern bezeichenet Eingebungen aus durchaus verschiedenen Quellen, darunter auch negativen:

... Die bösen Mächte geben nämlich ihren Freunden ein, mit euch zu streiten ... (Sura 6:122).

(Die bösen Kräfte unter den Menschen und den verborgenen Wesen) geben einander trügerische prahlende Rede ein ... (Sura 6:113).

Eingebung von Gott ist ein schöpferischer Akt:

Und dein Herr hat der Biene eingegeben: "Baue dir Häuser in den Bergen und in den Bäumen und in den Spalieren, die (die Menschen) aufrichten, dann iß von allen Früchten und reise geschickt auf den Wegen deines Herrn." Aus ihren Leibern kommt ein Trank von vielfacher Farbe, in dem es Heilung für die Menschen gibt. Hierin liegt ein Zeichen für Leute, die nachdenken. (Sura 16:69-70)

Oder sie ist ein Akt der Entscheidung und Erneuerung, wie in diesem Falle beim Weltgericht:

Wenn die Erde erschüttert wird, und wenn die Erde ihre Last herauswirft, und wenn der Mensch fragt: "Was ist mit ihr?" - an jenem Tage wird sie ihre Geschichte erzählen, weil es dein Herr ihr eingegeben hat ... (Sura 99:2-6).

Zu erkennen, woher eine Eingebung kommt, ob es sich um Licht oder um Verblendung handelt, ist eine Sache der Selbsterkenntnis und der inneren Lauterkeit und Aufrichtigkeit. Deswegen wird nahegelegt, daß jemand, der außerordentliche Erlebnisse hat, die in diese Richtung gehen, mit einem erfahrenen Meister darüber spricht. Um Eingebungen von Gott zu verstehen bedarf es großer innerer Klarheit und einer großen Nähe zu Gott. So sagt Gott zu Mose (a):

Wir hatten dir schon ein anderes Mal Gnade erwiesen, als Wir deiner Mutter die deutliche Eingebung schickten: "Lege ihn in einen Kasten und setze ihn im Fluß aus. Dann wird der Fluß ihn ans Ufer schwemmen, und ein Feind von Mir und ein Feind von ihm wird ihn aufnehmen ... (Sura 20:38-40).

Bei prophetischen Menschen wird diese Anrede Gottes im Sinn ganz klar bis hin zum verbalen Verständnis. So heißt es am Ende eines Abschnitts im Qur'an, der dem biblischen Dekalog ähnelt:

Dies gehört zu dem, was dein Herr dir an Weisheit eingegeben hat ... (Sura 17:40).

Dem Propheten Muhammad (s) wird diese zunächst beunruhigende Erfahrung erläutert und darauf hingewiesen, daß sie sowohl phänomenologisch als auch inhaltlich mit der Erfahrung früherer Propheten übereinstimmt:

Wir haben dir Eingebung geschickt, so wie Wir Noah und den Propheten nach ihm Eingebung geschickt haben, und Wir haben Abraham, Ismail, Isaak, Jakob und den Stämmen und Jesus, Hiob, Jonas, Aaron und Salomo Eingebung geschickt, und Wir haben David die Psalmen gegeben. (Sura 4:164).

Er verordnete für euch von der Religion das, was Er Noah zum Vermächtnis gab und was Wir dir eingegeben haben, und was Wir Abraham, Mose und Jesus zum Vermächtnis gegeben haben: verwirklicht die Religion und seid nicht zwiespältig darin ... (Sura 42:14).

Aus gegebenem Anlaß war das Anliegen späterer Autoren vor allem, echte religiöse Erfahrungen von Inspirationen zweifelhafter Herkunft, Verblendung und größenwahnsinnigen Anmaßungen zu unterscheiden. Wie bereits erwähnt, wurde auf diese Weise das Wort wahy im Laufe der Zeit zum Fachausdruck für prophetische Offenbarung, während für andere Erfahrungen andere Termini gebraucht wurden, z.B. ilhâm für Inspiration, die Gott nahestehenden Menschen zuteil wird, ohne daß diese deswegen mit Propheten gleichgestellt würden, oder kashf, Enthüllung verborgener Wahrheiten, wie sie Mystiker erleben, während Eingebungen des Bösen als waswâs, Einflüsterung, bezeichnet werden. Besonders in der mystischen Literatur werden alle diese Erfahrungen ebenso detailliert erörtert wie verschiedene psychische und spirituelle Zustände und nicht zuletzt die Frage, was der Maßstab für die Echtheit einer außerordentlichen religiösen Erfahrung ist. Solche Erörterungen sind zwar gewöhnlichen Muslimen heute kaum präsent, teils durch die Notwendigkeit, sich mit geistigen Herausforderungen von außen auseinanderzusetzen, teils durch Tendenzen, die das Fragen und Forschen überhaupt als gefährlich ablehnen, finden aber dennoch statt, gelegentlich durchaus im Dialog mit mystischen Traditionen anderer Religionen.

Abgesehen von der Definition von Begriffen wie Prophet oder Gesandter müßten diese Überlegungen auch als Beitrag zur Erörterung der qur'anischen Bezeichnung für den Propheten Muhammad (s), Khâtam an-nabiyîn, Siegel der Propheten, herangezogen werden. Dem Konsens der Muslime entsprechend besagt diese Bezeichnung, daß Muhammad (s) der letzte prophetische Gesandte Gottes war, wobei allerdings nicht eindeutig geklärt ist, was diese Aussage impliziert. Sicherlich ist Muhammad (s) der einzige Gesandte, der alle Gesandten vor ihm ausdrücklich bestätigt, auch diejenigen, die außerhalb der semitischen Tradition aufgetreten sind, und er ist der einzige, der historisch auf solche Weise greifbar ist, daß man seine Intentionen und Perspektiven gut rekonstruieren kann, so daß Muslimen dadurch nicht ein Schlüssel zum Verständnis der bedeutendsten ethischen und spirituellen Anliegen gegeben ist, sondern auch ein Ausblick auf die Möglichkeit zu einer konstruktiven Koexistenz der Menschen in ihrer Vielfalt in Beziehung zu dem Einen. Intuitiv bringen Muslime daher oft die Überzeugung zum Ausdruck, daß im Qur'an alle menschlichen Fragen angesprochen werden. Andererseits macht sich besonders bei Orientierungskrisen immer wieder die Hoffnung auf einen "Imam Mahdi" bemerkbar oder eine Empfänglichkeit für Führerpersönlichkeiten, die sich als solcher oder gar als neuer Prophet ausgeben. Dieses Phänomen ist m.E. theologisch noch nicht genügend durchdacht worden, weil man sich lange Zeit gescheut hat zu ergründen, wie Gott in nachprophetischer Zeit Menschen führt und leitet, und ob und wie Er heute tatsächlich zu Menschen spricht.


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