MUHAMMAD (s)


Lies im Namen deines Herrn, der erschafft, der den Menschen aus einem Embryo erschafft. Lies, denn dein Herr ist sehr gütig, der durch die Schreibfeder lehrt, den Menschen lehrt, was er nicht weiß (Sura 96:2-6).

Mit diesen Worten begann das Offenbarungserlebnis des Propheten Muhammad (s), der sich im Alter von 40 Jahren in eine Höhle in der Wüste zurückgezogen hatte, um über die brennenden Fragen seiner Zeit nachzudenken und durch Fasten und Gebet Zugang zu Gottes Führung zu finden.

Muhammad (s) war als Waisenkind bei seinem Onkel Abu Talib in der Handelsstadt Mekka aufgewachsen, die sowohl Pilgerort als auch - als Knotenpunkt der wichtigsten Karawanenstraßen - mit allen damals bekannten Erdteilen verbunden war. Sein Onkel hatte ihn in den Kaufmannsberuf eingeführt und ihm ermöglicht, auf Reisen erste Erfahrungen zu sammeln, aber gleichzeitig hatte der junge Mann mit einem feinen Gespür für Recht und Unrecht die tiefe Kluft zwischen Reich und Arm beobachtet, die durch Unwissenheit, Aberglauben und menschenverachtende Praktiken unter dem Vorwand religiöser Privilegien nur noch vertieft wurde, und sich schließlich mit Gleichgesinnten zu einem Bund zusammengeschlossen, der sich für die Rechte der Armen und Schwachen einsetzte. Mit etwa 25 Jahren hatte er eine Anstellung bei der reichen Kaufmannswitwe Khadîja gefunden, die es gegen die Sitten und Vorstellungen der damaligen Zeit durchgesetzt hatte, ihre Geschäfte selbst weiterzuführen. Nach dem ersten Auftrag war sie nicht nur von der Tüchtigkeit und Ehrlichkeit ihres jungen Angestellten beeindruckt gewesen, sondern hatte auch in seinem Engagement für die Armen eine Parallele zu ihrem eigenen sozialen Anliegen entdeckt, für das sie schon viel Geld und Energie eingesetzt hatte. Obwohl sie beträchtlich älter war als er, hatte sie ihn bald darauf geheiratet.

Khadîja war auch die erste, die Muhammad (s) ermutigte und bestärkte, als er nach seinem ersten Offenbarungserlebnis tief erschüttert nach Hause zurückkam. In der ersten Zeit sprach er nur mit unmittelbaren Familienangehörigen und engen Freunden über seine Berufung und seinen Auftrag. Zu seinen ersten Anhängern und treuen Gefährten gehörten außer Khadîja auch sein Vetter Ali, der, kaum dem Kindesalter entwachsen, in seinem Haushalt lebte, der freigelassene Sklave Zaid, den er adoptiert hatte, und sein langjähriger Freund Abu Bakr. Die Nachricht verbreitete sich aber wie von selbst, vor allem unter Armen, Sklaven und jungen Leuten, und eine zunehmende Anzahl schloß sich ihm an, denn die frühen Texte der Offenbarung bewegten sie zum Nachdenken und gaben ihnen Hoffnung. Sie sprachen befreiend von Gottes Einheit gegenüber der bedrückenden Menge der Gottheiten und religiösen Autoritäten; sie erinnerten an Gottes barmherzige Fürsorge und riefen zur Dankbarkeit auf; sie mahnten zum verantwortlichen Handeln in Gottes Gegenwart, das dann auch Segen bringen würde, und warnten vor Eigennutz und Gottlosigkeit. Islâm, Hingabe an Gott, sollte Grundlage für Gerechtigkeit und Frieden sein.

Nach drei Jahren erhielt der Prophet (s) den Auftrag zur öffentlichen Verkündigung. Er wandte sich also an die Ratsherren der Stadt, viele davon ältere Verwandte, und stieß zunächst auf spöttische Ablehnung. Der Glaube an die Einheit Gottes und die Absage an den Götzenkult hätte einen Verzicht auf Privilegien und Prestige bedeutet, und soziale Gerechtigkeit oder wenigstens wirtschaftliche Redlichkeit wäre gleichbedeutend mit Gewinneinbußen gewesen. Beides kam für sie nicht in Frage. Als die einflußreichen Männer der Stadt im Laufe der Zeit erkennen mußten, daß die neue Bewegung durchaus nicht mit Spott beiseitegeschoben werden konnte, sondern ernstzunehmen war, kam es zu Belästigungen, Repressalien und Verfolgungen vor allem gegen die schwächeren Anhänger des Propheten (s), der inzwischen in einem Haus, das ihm zur Verfügung gestellt worden war, Männer und Frauen systematisch lehrte. Dort entstand eine geschwisterliche Gemeinschaft von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die gemeinsam beteten und lernten und einander unterstützten, u.a. dadurch, daß Vermögende ihren Reichtum mit Ärmeren teilten oder zum Freikauf von Sklaven aufwendeten, die von ihren Eigentümern mißhandelt wurden, oder dadurch, daß Einflußreiche den Schwächeren Schutz boten. Die Offenbarungstexte aus dieser Zeit enthalten zahlreiche Hinweise auf die Erfahrungen früherer Propheten und ihrer Gemeinschaften, z.B. die Auseinandersetzung Abrahams mit seinem götzendienerischen Vater, die Geschichte von Noah und der Arche, die Rettung des kleinen Mose und den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten, die Erfahrungen Marias und das Wirken Jesu, aber auch auf nichtbiblische Propheten wie Hud und Saleh, die aber alle mit demselben Anliegen zu den Menschen geschickt worden und ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen waren. Im Vordergrund stehen Prinzipien einer persönlichen Ethik, die ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden ermöglichen soll, und die Warnung vor den destruktiven Folgen von Machtmißbrauch. Einige Texte sind unmittelbar an den Propheten (s) gerichtete Trostworte, denn er ist besonders durch seine Liebe zu seinen Mitmenschen motiviert und leidet dementsprechend nicht nur persönlich unter ihrer Ablehnung, sondern vor allem darunter, daß sie sich gegenseitig so viel Unrecht, Leid und Kummer zufügen.

Als die Verfolgungen zunahmen, schickte der Prophet (s) eine Gruppe seiner Anhänger nach Abessinien, wo der christliche Kaiser ihnen Schutz gewährte. Aus dieser Zeit stammen die ersten Augenzeugenberichte von einem christlich-muslimischen Dialog, denn von den vereinzelten Christen in Mekka wissen wir wenig, abgesehen davon, daß Khadîjas Vetter Waraqa bin Nawfal, der ein christlicher Asket und Gelehrter war, biblische Schriften ins Arabische übersetzt haben soll. Hier berichtet uns Umm Salama, eine mutige Frau, die später nach dem Tod ihres Mannes den Propheten (s) heiratete, von den Gesprächen der Auswanderer mit dem Kaiser selbst, der daraufhin den Auslieferungsantrag des Stadtrates von Mekka ablehnte, und wir erfahren aus anderen Quellen einiges über das Leben im Exil.

Die Situation in Mekka spitzte sich inzwischen weiter zu. Die Ratsherren beschlossen einen Boykott der Muslime und ihrer Sippen, der sich dann zwar über mehrere Jahre hinzog, aber aufgrund der Geduld der Betroffenen und des heimlichen Widerstandes einiger junger Leute aus einflußreichen Kaufmannsfamilien nicht das erstrebte Ergebnis hatte und schließlich ohne den erwarteten "Erfolg" abgebrochen wurde. Khadîja und Abu Talib erholten sich jedoch nicht mehr von den Entbehrungen und starben bald darauf.

Inzwischen hatten Vertreter der etwa 400 km nördlich von Mekka gelegenen Oasenstadt Yathrib dem Propheten (s) und seinen Anhängern Aufnahme und Schutz angeboten. Sie hofften nämlich, durch die Vermittlung des Propheten (s) eine generationenlange Fehde zwischen den Stammesgruppen der Stadt beenden zu können, deren Ursachen längst vergessen waren und bei der es nur noch um zweifelhafte Ehrgefühle ging. Die Muslime nahmen das Angebot an und wanderten nach Yathrib aus, unmittelbar bevor die mekkanischen Ratsherren ihren Beschluß umsetzten konnten, sich des Propheten (s) durch Mord zu entledigen.

Tatsächlich gelang es ihm, die verschiedenen Stämme und Sippen der Stadt, arabische wie jüdische, sowie die Gruppe der Ausgewanderten miteinander zu integrieren. Auf der persönlichen Ebene wurden Bruderschaften zwischen Familienoberhäuptern gestiftet, und der Prophet (s) regte an, Kenntnisse miteinander auszutauschen, die dann für alle eine neue wirtschaftliche Basis bilden sollten, denn die Bewohner von Yathrib waren überwiegend Bauern und Handwerker, und die Leute aus Mekka brachten kaufmännisches Wissen mit. Auf der politischen Ebene entstand der Stadtstaat Madînat an-Nabî (Stadtstaat des Propheten). Der Vertrag, der diesem zugrundelag, sah ein Zusammenleben der verschiedenen Stammesgruppen in ihrer Vielfalt vor, d.h. ihre Vertreter berieten in einer Ratsversammlung über gemeinsame Beschlüsse, vor allem in der Außen- und Verteidigungspolitik, während die Stämme intern ihre rechtliche und kulturelle Autonomie und, was die Juden betrifft, auch ihre religiöse Identität beibehielten. Dieses Zusammenleben in der Vielfalt wird auch im Qur'an hervorgehoben, denn Religionsstifter wie Mose und Jesus werden ausdrücklich als Gesandte Gottes und die biblischen Schriften ausdrücklich als für Juden und Christen verbindlich bestätigt, und Muslime sind aufgefordert, mit diesen "Leuten der Schrift" gutnachbarliche Beziehungen zu unterhalten und möglichst nach verbindenden Gemeinsamkeiten zu suchen. Das Prinzip des Zusammenlebens in der Verschiedenheit hat, allen Rückschlägen zum Trotz, in der islamischen Geschichte fortgewirkt und spielt bis heute bei Überlegungen zu Verfassungsentwürfen für einen modernen islamischen Staat eine Rolle.

Das Leben im Stadtstaat erforderte nun eine Reihe von konkreten praktischen Überlegungen, z.T. bedingt durch die neue Situation und Verantwortung in einer selbstbestimmten Gemeinschaft, z.T. aber auch durch gesellschaftliche Veränderungen aufgrund eines neuen Selbstverständnisses und Menschenbildes der Muslime. Von großer Bedeutung war zunächst der Bau einer Moschee, die Platz für das regelmäßige gemeinsame Gebet bieten sollte. In Medina wurde das Gemeinschaftsgebet und vor allem das Freitagsgebet zu einem festen Bestandteil des Lebens, und um den Beginn der jeweiligen Gebetszeit anzukündigen, beschloß man, "mit menschlicher Stimme zum Gebet zu rufen," weil sie als das Schönste galt - Bilal, der aus der Sklaverei freigekauft worden war, bevor sein grausamer Besitzer ihn zu Tode quälen konnte, wurde als erster Gebetsrufer berühmt. Die Moschee war gleichzeitig ein Ort des Studierens, auch über das hinaus, was der Prophet (s) selbst dort lehrte. Er machte es zu einer Pflicht für jeden Muslim, Mann und Frau, zeitlebens nach Wissen zu streben, und selbst nach der Gründung von Schulen und Hochschulen sind bis heute viele Moscheen Zentren der Wissensvermittlung. Die Moschee war aber auch eine zeitweilige Unterkunft für Arme und Obdachlose - bis heute besteht vielfach die Sitte, in unmittelbarer Nähe der Moschee Armenspeisungen zu veranstalten - und sie war ggf. Krankenhaus und Lazarett. In Medina zur Zeit des Propheten (s) war sie auch der Ort für Gespräche und Verhandlungen. Er selbst hatte angrenzend daran seine Privaträume, leitete Gebete, lehrte, entschied Streitfälle und war grundsätzlich für jeden ansprechbar.

Wichtig sind auch eine Reihe von Regelungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Um den Armen effektiv helfen zu können, beließ es der Prophet (s) nicht nur bei der Anregung zum Spenden, wie es schon vorher selbstverständlich gewesen war, sondern erklärte ein gewisses Minimum zur religiösen Pflicht (Zakat), das dann wie eine Steuer eingesammelt wurde, so daß Bedürftige aus diesem Fonds versorgt werden konnten. Allerdings achtete er auch darauf, daß diese Möglichkeit nicht mißbraucht wurde, und viele Muslime kennen die Geschichte, in der ein junger, kräftiger Mann den Propheten (s) um eine Zuwendung bittet und von ihm stattdessen zum Holzhacken geschickt wird mit dem Hinweis, dies sei besser als unnötigerweise um Hilfe zu bitten.

Um die wirtschaftliche Gerechtigkeit zu fördern, wurden auf der anderen Seite Wucher, Spekulation und Glücksspiel verboten, und es wurde angeregt, Geschäftsverträge schriftlich und vor Zeugen abzuschließen. Ein besonderes Anliegen war es auch, Waisen und andere nicht geschäftsfähige Personen vor Übervorteilung zu schützen und die Freilassung und Integration von Sklaven voranzutreiben.

Dem neuen Verständnis von Mann und Frau entsprachen neue familienrechtliche Regelungen. Aus der Sicht des Qur'an haben Männer und Frauen den gleichen Stellenwert vor Gott, und für beide gelten dieselben ethischen Werte und religiösen Verpflichtungen. Beide sind aufgefordert, in der Gesellschaft zu wirken, indem sie Gutes fördern und Böses verhindern. Ihre familiären Verpflichtungen sollen sie auf gerechte Weise miteinander teilen. Aus Entscheidungen des Propheten (s), die uns überliefert wurden, ersehen wir seine praktischen Schlußfolgerungen aus diesen Grundprinzipien. Abgesehen davon, daß er Eltern ermahnte, besondere Sorgfalt auf die Erziehung und Bildung ihrer Töchter zu verwenden, sorgte er dafür, daß Mädchen nicht mehr gegen ihren Willen verheiratet wurden und Frauen vor Willkür seitens ihrer Familien geschützt waren, vor allem anläßlich einer Scheidung, bzw. daß sie ggf. auch selbst die Initiative zur Scheidung ergreifen konnten. Das neue Frauenbild brachte eine Tendenz zur Einehe mit sich; allerdings blieb zur Lösung sozialer Probleme die begrenzte Möglichkeit zur Mehrehe offen, wenn es darum ging, in Nachkriegszeiten Witwen und Waisen ein gesichertes Familienleben zu ermöglichen. Die Ehen des Propheten (s) selbst geben Einblicke in die Aktivitäten muslimischer Frauen der damaligen Zeit und bieten Orientierung und Rechtsgrundlagen für manche späteren Entwicklungen und viele heutige Fragen. Grundsätzlich erhielten Frauen das Recht, uneingeschränkt über ihr Vermögen und Einkommen zu verfügen, eine Brautgabe von ihrem Ehemann zu erhalten, zu erben und Tätigkeiten im öffentlichen Leben auszuüben.

Die Texte, die in Medina offenbart wurden, enthalten über die grundlegenden spirituellen, theologischen und ethischen Aussagen hinaus eine ganze Reihe von Einzelregelungen und soziopolitischen Prinzipien. Um so wichtiger ist es, sie im Zusammenhang mit ihrem historischen Hintergrund zu lesen, denn sonst fehlt die Perspektive, und es kann zu unangebrachten Verallgemeinerungen, nicht mehr dem Sinn entsprechenden Interpretationen und anderen Mißverständnissen kommen. Von Bedeutung ist hier das Beispiel des Propheten (s) selbst, der diese Texte auslegte und anwandte, und wenn wir daher von den Quellen des islamischen Rechts sprechen, erwähnen wir außer dem Qur'ân auch die Sunna (Lebenspraxis des Propheten (s)), abgesehen von Vernunftmethoden und Konsensbildung, die uns helfen, diese beiden Grundlagen zu verstehen und in unserer Zeit anzuwenden.

Allerdings hatte der Prophet (s) auch schon sehr bald mit äußeren und inneren Spannungen und Konflikten zu kämpfen. Zu inneren Konflikten kam es dadurch, daß es unter den Arabern, aber auch unter den Juden Medinas solche gab, die im nachhinein doch nicht mit der Friedensregelung und der Stadtverfassung einverstanden waren, z.T. deswegen, weil sie ihren Wirtschafts- und Machtinteressen entgegenstand. Bei einigen Arabern war der Übertritt zum Islam schon aus opportunistischen Überlegungen geschehen, und sie mußten nun erkennen, daß es im Stadtstaat Medina nicht um ein neues Machtspiel gehen sollte, sondern tatsächlich um Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit. Sie fingen an, dagegen zu intrigieren, bis sie schließlich Bündnisse mit den äußeren Feinden eingingen. Der Umgang mit solchen inneren Gefahren ist bis heute für jede menschliche Gesellschaft ein Problem. Daß der Prophet (s) selbst in die Verträge eingebunden war und nicht über dem Gesetz stand, machte die Sache für ihn kaum leichter. Es gelang ihm jedoch, einige der Stämme, die bei dem Verrat mitgewirkt hatten, vor der grausamen Strafe zu bewahren, die ihre eigenen Rechtsvorstellungen vorsahen.

Zu den äußeren Konflikten gehörten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Mekkanern, die sich an den Gütern bereichert hatten, die die Muslime bei ihrer Auswanderung hatten zurücklassen müssen, und die nun im Stadtstaat Medina einen Konkurrenten und eine Bedrohung ihrer Handelsverbindungen mit Syrien sahen. Nach dem Kampf von Badr und Uhud und dem Grabenkrieg, so genannt nach einem Verteidigungsgraben, durch den die Muslime Medina vor der Übermacht der Mekkaner und ihrer Verbündeten schützten, kam es zum Friedensvertrag von Hudaibiya, der für die Muslime ungünstige Bedingungen vorsah, aber einen zehnjährigen Verzicht auf Kampfhandlungen und die Möglichkeit zur Pilgerfahrt nach Mekka beinhaltete. Der Vertrag wurde von mekkanischer Seite bald gebrochen. Bis dahin hatte sich die Situation aber so weit verändert, daß die Muslime die Stadt kampflos übernehmen konnten. Der Prophet (s) erklärte eine allgemeine Amnestie für alle, die sich gegen die Muslime in irgendeiner Weise vergangen hatten. Aus den Texten des Qur'an, die sich auf diese Erfahrung beziehen, wird deutlich, daß es Muslimen erlaubt ist, sich selbst und andere zu verteidigen, allerdings im Rahmen bestimmter Voraussetzungen und Bedingungen. So dürfen z.B. keine Unbeteiligten wie Frauen und Kinder getötet werden, und man soll Friedensangebote des Gegners annehmen. Der Qur'an weist auch durchaus darauf hin, daß Großzügigkeit und Vergebungsbereitschaft bei einem Feind einen Gesinnungswandel auslösen kann. Fairness und Großmut waren noch lange selbstverständliche Eigenschaften, die Muslime bei kriegerischen Auseinandersetzungen auszeichneten, was auch sonst die Sachlage gewesen sein mag. Ehrgeizige Heerführer haben nämlich später durchaus im Namen des Islam das Angenehme mit dem Nützlichen verknüpft; andererseits haben Muslime auch Kriege geführt, um jüdische und christliche Gemeinschaften zu schützen, die sich Verfolgung und Unterdrückung ausgesetzt sahen.

In allen diesen Jahren wurden die Offenbarungstexte gewissenhaft gesammelt, sowohl schriftlich als auch im Gedächtnis der Gläubigen. Letzteres war eins der Erfordernisse für das rituelle Gebet, bei dem u.a. Qur'antexte aus dem Gedächtnis rezitiert werden. Die schriftlichen Dokumente wurden den Anweisungen des Propheten (s) entsprechend angeordnet und regelmäßig überprüft und bildeten die Grundlage für Ansprachen und Unterweisungen. Eine ganze Reihe von Männern und Frauen kannten den gesamten Text des Qur'an auswendig und konnten ihn erläutern, darunter Aisha, eine Frau des Propheten (s), die er nach der Auswanderung geheiratet hatte und die eine der wichtigsten Gelehrten ihrer Generation war, und sein Vetter Ali, der inzwischen mit seiner Tochter Fatima verheiratet war und sein geistiges Erbe fortführte.

Muslime sind dem Propheten Muhammad (s) in Liebe und großem Respekt verbunden und bringen dies auf verschiedene Weise zum Ausdruck. So sind im Laufe der Zeit Legenden und sogar Wundergeschichten entstanden, aber auch Lieder und Gedichte, die vor allem an seinem Geburtstag (wenn auch das genaue Datum nicht mehr einwandfrei feststellbar ist) vorgetragen werden.

Ein Beispiel ist folgendes Lied von Yunus Emre aus dem 13. Jahrhundert:

Im inspirierten Traum bei Nacht betrachtete Muhammad ich.
In meines Herzens Spiegel rein betrachtete Muhammad ich.
Die Engel stellten sich in Reih'n; sie legten grüne Kleider an.
Sie sagten: "O Muhammad!" - So betrachtete Muhammad ich.
Muhammad reicht' mir den Pokal; berauscht ward ich mit einemmal!
Von Gott kam solche Huld - einmal betrachtete Muhammad ich.
Ich Tropfen ward zum Meere weit; ich fand die Heilung für mein Leid.
Heut' ward vom Schicksal ich geweiht: betrachtete Muhammad ich

Und in einem Lied aus Bengalen heißt es:

Ich werde nicht noch einmal
einen mitleidigen Freund wie dich finden ...
Du bist ein Freund Gottes,
Steuermann zu den fernen Küsten der Wahrheit -
ohne dich würden wir
die Welt an jenem Ufer
niemals erblicken ...

Gemäß dem Satz des Qur'an:

Gott und Seine Engel schütten Segen über den Propheten aus. Ihr, die ihr glaubt, betet auch ihr um Segen für ihn und grüßt ihn ehrerbietig mit dem Friedensgruß (Sura 33:57)

bitten Muslime regelmäßig um Segen für den Propheten (s) und seine Angehörigen und fühlen sich mit ihm verbunden. Ein fester Bestandteil des fünfmaligen rituellen Gebets ist die Bitte:

Gott, schenke Muhammad und seinen Angehörigen Heil,
so wie Du Abraham und seinen Angehörigen Heil geschenkt hast,
und segne Muhammad und seine Angehörigen,
so wie Du Abraham und seine Angehörigen gesegnet hast.

Das islamische Glaubensbekenntnis enthält außer dem Zeugnis für Gottes Einheit auch das Zeugnis für Muhammad (s) als Gesandten Gottes. Außer dem Qur'an gilt die Sunna, die Lebenspraxis des Propheten (s), als verbindliche Orientierung für alle Muslime. Seine Person und der Qur'an sind unmittelbar miteinander verbunden. Gottes Licht wird darin sichtbar.

Vielleicht gerade deswegen sind besonders im interreligiösen Dialog einige klärende Worte hinsichtlich der theologischen Einordnung des Propheten (s) angebracht.

Bei aller Liebe und Verehrung ist es wichtig, daß Muhammad (s) ein Mensch ist mit einem menschlichen Schicksal und menschlichen Regungen, ist es doch gerade der Mensch, dem die Verantwortung für die Schöpfung anvertraut wurde und in dessen Potential sich Gott auf besondere Weise offenbart. Im Qur'an wird dies folgendermaßen ausgedrückt:

Ein Gesandter ist zu euch gekommen aus eurer Mitte. Es wäre ihm schmerzlich, wenn ihr in Unheil geraten solltet. Er ist eifrig auf euer Wohlergehen bedacht. Den Gläubigen gegenüber ist er mitfühlend, barmherzig (Sura 9:128),

wobei die Worte Ra'ûf, mitfühlend, und Rahîm, barmherzig, wenn man den bestimmten Artikel hinzufügt, zwei Namen Gottes ergeben (ar-Ra'ûf, der Mitfühlende, ar-Rahîm, der Barmherzige).

Muhammad (s) ist gewi&szl ig; ein einzigartiger Mensch, aber andererseits gehört er zur Gruppe der Propheten, Gesandten und Gott nahestehenden Menschen (awliya' Allah) und glaubt und handelt wie diese. Ein wichtiger und oft rezitierter Vers drückt dies so aus:

Dieser Gesandte glaubt an das, was von seinem Herrn zu ihm herabgesandt wurde, desgleichen auch die Gläubigen. Sie alle glauben an Gott und an Seine Engel und an Seine Schriften und an Seine Gesandten (wobei sie sprechen): "Wir machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten," und sie sagen: "Wir hören und wir gehorchen. (Schenke uns) Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Heimkehr" (Sura 2:286).

Insofern ist auch die Bezeichnung "Mohammedaner" für Muslime unangebracht. Muhammad (s) hat im Islam nicht dieselbe Stellung wie Christus im Christentum oder Buddha im Buddhismus; es ist, wie wir aus dem eben zitierten Vers sehen, ein Erfordernis unserer Religion, auch die anderen Gesandten Gottes und Heiligen Schriften in unserem Blickfeld zu behalten.

Der Prophet (s) ist weder ein Übermensch noch eine Vaterfigur. In Sura 33:41-48 heißt es:

Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern Gottes Gesandter und das Siegel der Propheten, und Gott kennt alle Dinge wohl. Ihr, die ihr glaubt, gedenkt Gottes in häufigem Gedenken und lobpreist Ihn früh und spät. Er ist es, der euch segnet, und Seine Engel beten um Segen für euch, daß Er euch aus den Finsternissen zum Licht führe, und Er ist barmherzig zu den Gläubigen. Ihr Gruß an dem Tag, da sie Ihm begegnen, ist: "Friede!", und Er hält für sie einen ehrenvollen Lohn bereit. O Prophet, Wir haben dich als einen Zeugen ausgeschickt, als Überbringer von Verhei-ung und als Warner, und als jemanden, der zu Gott mit Seiner Erlaubnis einlädt, und als leuchtende Sonne. Verkünde den Gläubigen die Verhei-ung, daß ihnen von Gott große Huld zuteil werden soll.

Den Ausdruck "Siegel der Propheten" verstehen Muslime so, daß Muhammad (s) der letzte Gesandte Gottes ist, der eine umfassende Botschaft dieser Art vermittelt hat. Vor allem drei Aspekte sind mit dieser Aussage verbunden:

  1. Der Qur'an als Offenbarungsschrift ist unverändert so erhalten geblieben, wie er auf Anweisung des Propheten (s) hin aufgeschrieben und gesammelt wurde (Berichte von Aussagen und Handlungen des Propheten, Darstellungen seiner Biographie, Erläuterungen u.dgl. sind in separaten Literaturgattungen vorhanden. Er bestätigt frühere Heilige Schriften, weist klar und eindeutig auf Gottes Einheit hin und erinnert nicht nur noch einmal an die wesentlichen ethischen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, die für das individuelle und gesellschaftliche Leben von Bedeutung sind, sondern zeigt besonders Perspektiven für das Zusammenleben in der Vielfalt auf - gerade auch der religiösen Vielfalt.
  2. Insofern spricht der Qur'an zwar in seine Zeit hinein, aber darüberhinaus in Zeiten, in denen den Menschen Kenntnisse und Begegnungsmöglichkeiten zugänglich sind, die weit über ihren unmittelbaren Horizont und ihre eigenen Interessen hinausgehen. Es ist vielmehr nun die Aufgabe der Vernunft, Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen und die Beziehungen zu Mitmenschen, Mitgeschöpfen anderer Art und dem Schöpfer verantwortlich zu gestalten. Daher gelten die Wissenden dieser Zeit als "Erben der Propheten" und haben "eine Aufgabe wie die der Propheten der Kinder Israel".
  3. Muhammad (s) ist ein Gesandter, der historisch greifbar ist. Bis ins Detail wurde uns sein Charakter und sein Verhalten überliefert. Er war liebevoll zu Kindern, korrekt im Umgang mit Geschäftspartnern, hilfsbereit zu Schwachen und Bedürftigen, respektvoll zu Älteren, zärtlich und rücksichtsvoll zu seinen Frauen, klar uns konsequent in seinen Anschauungen und Lehren, intensiv im Gebet, aufmerksam gegenüber Gesprächspartnern und Bittstellern, intensiv im Gebet, verbebungsbereit und großmütig gegenüber Gegnern, großzügig im Geben, freundlich gegenüber Nachbarn, auch andersgläubigen. Er war ein Mensch, der uns in verschiedenen Situationen des Lebens zugänglich ist: als Waisenkind, als sozial engagierter junger Mann. als Kaufmann, als Suchender und Fragender, als Reisender, als Ehemann und Familienvater, als Lehrer, Richter und politischer Verantwortungsträger, als Mensch, der sich Herausforderungen und Problemen stellt und für alle ansprechbar ist, ein Mensch in seiner Liebe zu Gott und den Mitmenschen, von dem wir wohl mit Recht erwarten können, daß er uns versteht.

Für mich bedeutet "Siegel der Propheten" noch etwas anderes. Muhammad (s) in seiner Greifbarkeit sowohl in der Lehre als auch in der Persönlichkeit ermöglicht mir, frühere Gesandte Gottes (wie Mose, Jesus usw.) und Menschheitslehrer deutlicher und lebendiger zu sehen, und zwar sowohl die biblischen prophetischen Gestalten und großen Gesandten als auch weise und erleuchtete Menschen, Lehrer und Religionsstifter anderer Religionen. Aber dies ermöglicht mir andererseits auch, die Gottesbeziehung bei Menschen anderer religiöser Traditionen und ihre Wege zu verstehen und Einsichten und Inspirationen zu erkennen.

Ich bete um Gottes Segen und Frieden für Seinen Propheten Muhammad und seine treuen und reinen Angehörigen und seine aufrichtigen Gefährten sowie für alle anderen Propheten und Gesandten, alle diejenigen, die mit ihrem Leben und Sterben Zeugnis für Gott ablegen, alle wahrhaftigen Menschen, die Gott nahestehen, und alle rechtschaffenen Gottesdiener.


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