Abu Bakr kauft Bilal frei |
Ali trifft eine Entscheidung |
Abrahams Gast |
Die zwanzig Brote |
Brot und Gold |
Der Kalif Ali und die arme Frau |
Mut zum Guten |
Bilal war der Sklave eines reichen Mannes in Mekka. Er hatte seine Heimat in Afrika nie richtig kennengelernt, weil er schon als Kind geraubt und in die Sklaverei verkauft worden war, und er konnte sich auch nicht mehr an die lange Reise nach Mekka erinnern, so daß es ihm nie gelang nachzuforschen, was aus seinen Eltern, Geschwistern und Freunden geworden war. Arabisch hatte er schnell und gut gelernt, nur einige Laute würde er nie ganz richtig aussprechen können. Bei seinem reichen Herrn hatte er nun zwar genug zu essen und anzuziehen, aber als Sklave mußte er dafür auch schwer arbeiten und durfte auch nicht ohne die Erlaubnis seines Herrn die Stadt verlassen. Ein Sklave durfte auch nicht ohne die Erlaubnis seines Herrn heiraten oder Geld besitzen, und wenn sein Herr ihn schlug, konnte er ihn deswegen nicht beim Richter verklagen.
Im Laufe der Zeit hatte Bilal sich an das Leben in Mekka und an seine Arbeit gewöhnt. Er machte Botengänge für seinen Herrn und half beim Beladen und Entladen der Kamele, wenn neue Waren ankamen oder verschickt wurden. Abends traf er sich mit seinen Freunden, die er unter den Sklavinnen und Sklaven gefunden hatte. Sie saßen dann zusammen am Feuer und erzählten einander von ihren Kindheitserinnerungen, wie sie nach Mekka gekommen waren, und was sie tagsüber während der Arbeit gehört hatten.
Eines Abends erzählte ein Sklave eine große Neuigkeit. Er hatte gehört, daß Muhammad, ein Kaufmann, der in der ganzen Stadt für seine Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Großzügigkeit bekannt war, seinen Freunden und Verwandten von einem wunderbaren Erlebnis erzählte, und daß er den Menschen Gottes Botschaft bringen sollte. "Stellt euch vor," sagte der Sklave,"Muhammad sagt, daß es nur einen eizigen Gott gibt, und daß man vor anderen unsichtbaren und sichtbaren Wesen keine Angst zu haben braucht. Er sagt auch, daß Gott die Menschen auffordert, gerecht zu sein." "Das wäre schön," meinte ein anderer Sklave, "aber die Reichen und Mächtigen werden ja doch nicht darauf hören. Sie wollen immer alles für sich behalten und nutzen jede Gelegenheit, andere zu beherrschen." "Das ist schon richtig," bestätigte der erste. "Die Reichen haben auch schon angefangen, über die neue Botschaft zu spotten. Aber Muhammad sagt, daß Gott am Ende ein großes Gericht hält, bei dem die guten und gerechten Menschen belohnt und die bösen und ungerechten bestraft werden. Alle Menschen der Welt werden vor dieses Gericht geladen, und sogar die Toten werden dazu wieder auferweckt."
An diesem Abend ging Bilal sehr nachdenklich nach Hause. Alle Sklaven kannten Muhammad. Er hatte sich immer für die Armen und Rechtlosen eingesetzt. Als er vor fünfzehn Jahren die Kaufmannswitwe Khadija geheiratet hatte, hatten die beiden alle Sklaven und Sklavinnen freigelassen, und Muhammad hatte einen von ihnen, Zaid, als Sohn angenommen. Bilal erinnerte sich auch, daß er als Kind schon einmal etwas von Gott gehört hatte, und die Weisen seines Volkes hatten oft davon gesprochen, daß gute Handlungen Gutes bringen und böse Handlungen bestraft werden, und daß es nach dem Tod ein neues Leben gibt.
Voller Hoffnung ging Bilal am nächsten Abend Zaid besuchen, der sehr glücklich aussah und überhaupt nicht stolz war, obwohl er als freier Mann in dem großen Kaufmannshaus wohnte und von allen "Zaid, der Sohn Muhammads" genannt wurde. Von ihm erfuhr Bilal noch mehr als das, was der Sklave am vorigen Abend erzählt hatte, und er erfuhr auch, daß jeder, der wollte, kommen und von Muhammad lernen konnte.
Kaum hatte Bilal am nächsten Abend seine Arbeit beendet, da ging er klopfenden Herzens zum Haus des Propheten (s). Dort war schon eine ganze Schar von Menschen versammelt, und Bilal war froh, als er unter ihnen auch gleich Zaid entdeckte. Auch einige andere Sklavinnen und Sklaven und einige Freigelassene waren da und andere Männer und Frauen, Mädchen und Jungen. Dann kam auch der Prophet (s) und sprach von seiner Botschaft, und alle redeten noch freundlich und liebevoll miteinander, und zum Schluß beteten sie zusammen.
Von nun an ging Bilal zum Haus des Propheten (s), sooft er konnte. Er lernte und betete mit den anderen und fand viele neue Freunde. Er brachte auch selbst seine Freunde mit. In diesen Versammlungen konnte man keinen Unterschied zwischen Sklaven und Freien spüren. Alle genossen den gleichen Respekt, und Muhammad lehrte, daß alle Menschen Gottes Geschöpfe und wie Brüder und Schwestern sind.
Aber eines Tages erfuhr Bilals Herr von diesen Besuchen. Empört stellte er ihn zur Rede und warf ihm vor: "Du hast nur den Kopf voll mit unnützen Gedanken und versäumst deine Arbeit." "Ich gehe erst dann zu Muhammad, wenn ich mit der Arbeit fertig bin," verteidigte sich Bilal. Das wußte sein Herr wohl, aber er wollte sich nicht von einem Sklaven widersprechen lassen. "Ich werde dir zeigen, wer hier der Herr ist," schrie er. "Sofort schwörst du bei allen Göttern, daß du dort nie wieder hingehst!" "Ich schwöre bei keinen Göttern," entgegenete Bilal ruhig. "Es gibt nur einen einzigen Gott, und Ihm sind wir verantwortlich." Wütend ergriff der Herr einen Stock und schlug Bilal, bis seine Kräfte nachließen. "Schwöre bei allen Göttern!" befahl er noch einmal, aber Bilal erwiderte: "Es gibt nur einen einzigen Gott."
Da packte der Herr Bilal und brachte ihn auf einen freien Platz in der Wüste vor der Stadt. Er band ihm Hände und Füße zusammen, warf ihn in den Sand ind legte ihm einen schweren Stein auf die Brust, so daß er kaum atmen konnte. "Hier sollst du liegenbleiben, bis du dich von deinem Gott und von Muhammad lossagst," rief er. "Es gibt nur einen einzigen Gott," antwortete Bilal.
Als am Mittag die Sonne heiß vom Himmel herunterbrannte und Bilal vor Durst und Atemnot fast ohnmächtig war, kam sein Herr wieder und fragte: "Hast du es dir überlegt?" Bilal konnte kaum noch sprechen, aber er sagte: "Einer! Einer!"
In diesem Augenblick kam Abu Bakr vorbei, der ein wohlhabender Kaufmann und ein guter Freund des Propheten (s) war. Er sah, wie Bilal von seinem Herrn mißhandelt wurde, und machte diesem Vorhaltungen dafür. "Was geht es dich an?" erwiderte der Herr. "Er ist mein Sklave, und ich kann mit ihm machen, was ich will." Das hätte auch der Richter gesagt, wenn Abu Bakr mit dem Herrn einen Streit angefangen hätte. Schnell überlegte Abu Bakr, wie er Bilal helfen könnte. Schließlich sagte er: "Ich will diesen Sklaven kaufen. Wieviel verlangst du für ihn?" "Willst du für einen solchen Nichtsnutz auch noch Geld bezahlen?" knurrte der Herr, aber zuletzt gewann seine Habgier die Oberhand. Er handelte noch eine Weile mit Abu Bakr, dann überließ er ihm Bilal und ging mit seinem Geld nach Hause.
Abu Bakr brachte Bilal in sein Haus. Er und seine Familie pflegten ihn, bis er wieder zu Kräften gekommen war. Dann sagte Abu Bakr zu ihm: "Gottes Gesandter (s) möchte nicht, daß die Menschen Sklaven sind. Er möchte, daß die Menschen freie Diener Gottes sind. Darum schreibe ich dir jetzt eine Freilassungsurkunde, damit die Leute dich als freien Menschen kennen und respektieren."
Der Prophet Muhammad (s) war bei seinem Onkel Abu Talib aufgewachsen, nachdem seine Eltern und sein Großvater gestorben waren. Abu Talib hatte sich liebevoll um ihn gekümmert und dafür gesorgt, daß er eine gute Ausbildung zum Kaufmann bekam.
Aber Abu Talib war nicht reich, und er hatte viele Kinder. Als der Prophet Muhammad (s) verheiratet war und zusammen mit seiner Frau Khadija sein eigenes Geschäft führte, nahm er Abu Talibs jüngsten Sohn Ali in seine Familie auf. Ali spielte also mit den Kindern des Propheten (s) und fing auch bald an, von ihm die Dinge zu lernen, die später für seinen Beruf wichtig sein würden. Mit seinen zwölf Jahren war er schon fast selbst ein kleiner Kaufmann.
Eines Abends kam Ali nach Hause und fand dort den Propheten (s) und Khadija, wie sie zur Kaaba gewandt ganz still dastanden und leise Worte sprachen. Nach einer Weile beugten sie sich nieder, dann richteten sie sich wieder auf, dann knieten sie hin und berührten mit der Stirn zweimal den Boden, dann standen sie wieder auf. Ali blieb verwundert stehen und schaute zu, wie sie dies alles noch ein paarmal wiederholten. Schließlich sprachen sie einen Gruß nach rechts und nach links, und Ali fragte: "Was macht ihr denn da?" "Wir haben gebetet," antwortete Khadija.
Nun wußte Ali wohl, daß man auf verschiedene Weise beten kann. Die meisten Leute in seiner Heimatstadt Mekka beteten zu Götterfiguren, die sie bei der Kaaba aufgestellt hatten und denen sie gelegentlich auch Opfer brachten. Die jüdischen Kaufleute kamen am Sabbath zusammen und sprachen lange Gebete auf hebräisch und lasen in einer Buchrolle. Onkel Waraqa, der ein Christ war, betete ähnlich wie sie zu dem Einen Gott, den man nicht sehen kann, und auch er las Bücher in fremden Sprachen, aus denen er viele Geschichten erzählen konnte. Aber so ein Gebet hatte Ali noch nie gesehen. Er fühlte sich aber sehr dazu hingezogen und fragte: "Wie kommt es, daß ihr so betet?"
"Du erinnerst dich doch an den letzten Ramadan, wie wir im Zelt in der Wüste gewohnt haben?" fragte Khadija. Nein, das würde Ali nie vergessen. Es war für die Kinder immer etwas wie eine Ferienzeit, wenn sie die stickige laute Stadt verließen und ein paar Wochen lang wie die Beduinen in der Wüste wohnten. Aber letztesmal war auch etwas geschehen, worüber die Erwachsenen nicht sprachen, obwohl es sie sehr erschüttert haben mußte. Ali spürte, daß dieses Geheimnis etwas mit dem Gebet zu tun haben mußte, und nickte.
Da erzählte ihm Prophet Muhammad (s) von seinem Erlebnis im Ramadan. Er war ein Stück in die Wüste hinausgewandert, ziemlich weit weg vom Lager der Familie, und hatte sich in eine Höhle gesetzt, um nachzudenken. Mekka war nämlich eine reiche Stadt aber es gab viel Ungerechtigkeit und Herzlosigkeit. Viele von den reichen Kaufleuten mißbrauchten ihre Macht, um die Armen zu unterdrücken und zu betrügen. Einige Männer aus einflußreichen Familien glaubten sogar, ihre Götter hätten sie auserwählt und ihnen besondere Rechte gegeben. Muhammad und seine Freunde hatten oft versucht, die Armen zu schützen und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Khadija hatte einmal bei einer Epidemie ein Krankenhaus für Menschen eingerichtet, die nicht genug Geld hatten, um den Arzt zu bezahlen. Und selbst die Kinder hatten oft ihr Essen mit den Waisenkindern geteilt. Aber das schien alles so wenig, während die meisten Leute in der Stadt nur an sich selbst dachten.
Prophet Muhammad (s) hatte also nachgedacht, und dann hatte ein Engel ihn angesprochen und ihm eine Botschaft von Gott gebracht. Er war sehr erschüttert gewesen, denn es ist eine große Verantwortung, den Menschen Gottes Botschaft zu bringen. Aber dafür hatte der Engel ihn auch gelehrt, sich im Gebet immer wieder daran zu erinnern, daß Gott Seine aufrichtigen Diener nie alleinläßt. "Seitdem beten wir so," schloß Prophet Muhammad (s) seine Erzählung. "Wenn wir stehen, erinnern wir uns an die Worte der Botschaft Gottes. Und wir danken Ihm nicht nur mit Worten, sondern beugen uns und knien mit dem ganzen Körper. Wir denken auch an frühere Gesandte Gottes und bitten für sie und für uns um Segen und Frieden, und zum Schluß grüßen wir die ganze Welt rechts und links mit dem Friedensgruß."
Nachdenklich hatte Ali der Erzählung zugehört. Wie wäre es wohl, wenn die Menschen auf Gottes Botschaft hören und nicht mehr so viel an sich selbst denken würden, sondern zueinander ehrlich, freundlich und hilfsbereit wären, wenn die Reichen mit den Armen teilen und sich gerecht verhalten würden, und wenn man keine Angst mehr zu haben brauchte, weil man sich immer wieder daran erinnert, daß Gott bei uns ist und uns schützt?
Ali sagt: "Ich will gleich morgen meinen Vater fragen, ob ich auch so ein Gottesdiener sein darf wie ihr."
Lange konnte Ali an diesem Abend nicht einschlafen. Was denn, wenn sein Vater ihm nicht erlauben würde, ein Gottesdiener zu sein? Vielleicht würde er sagen, daß ein Gottesdiener kein erfolgreicher Kaufmann sein kann. Onkel Waraqa lebte ja auch wie ein Armer und fastete viel und hatte keine Frau und keine Kinder. Aber Muhammad war doch gleichzeitig ein Gottesdiener und ein Kaufmann, und zwar einer, der für seine Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft stadtbekannt war. Endlich gewann die Müdigkeit die Oberhand, und er schlief ein.
Am nächsten Morgen sagte Ali: "Ich habe nachgedacht. Gott hat meinen Vater nicht gefragt, als Er mich geschaffen hat. Daraum denke ich, daß ich meinen Vater auch nicht zu fragen brauche, wenn ich Gottes Diener sein will."
Abraham, der Gottesfreund, war für seine sprichwörtliche Gastfreundschaft bekannt. Diese ging so weit, daß er nur wenig aß, wenn er allein war, aber wenn er Gäste hatte, bemühte er sich immer, ihnen ein reichhaltiges Mahl anzubieten. Oft lud er auch einfach Vorbeireisende zum Essen ein.
So geschah es eines Tages, daß er einen unbekannten Reisenden als Gast bei sich hatte. Als das Essen aufgetragen war, sagte er zu ihm: "Nun sprich: 'Im Namen Gottes!' und lang zu." Der Fremde erwiderte: "Ich glaube aber gar nicht an Gott," und wollte anfangen zu essen, ohne einen Segenswunsch gesprochen zu haben. Also hielt Abraham seine Hand zurück und sagte: "Wer nicht an Gott denkt, den Geber aller Gaben, der soll auch nicht mit mir essen." Da stand der Gast auf und ging ohne Gruß fort.
Darauf sprach Gott zu Abraham: "Mein Freund, warum hast du deinen Gast gehen lassen?" Abraham antwortete: "Er wollte nicht an Dich denken, den Geber aller Gaben." Gott erwiderte: "Wie kommt es, daß du, Mein Freund, deine Gabe mit einer solchen Bedingung verbindest? Ich lasse doch auch die Sonne scheinen über Gute und Böse und den Regen fallen für Gläubige und Ungläubige. Geh und hole deinen Gast zurück und gib ihm zu essen."
Da schämte sich Abraham und ging hinaus, um den Fremden einzuholen. Als dieser Abraham hinter sich herkommen sah, dachte er: "O weh! Und ich dachte, er wäre nur unhöflich. Aber er scheint wohl auch fanatisch zu sein, so daß er mich jetzt verfolgt." Und er fing an zu laufen.
Abraham lief hinter ihm her, und endlich holte er ihn ein. "Ich möchte mich bei dir entschuldigen," keuchte er, "Gott hat mir für mein Verhalten Vorwürfe gemacht und mir aufgetragen, dich zurückzubitten und zu bewirten, denn auch Er gibt Seine Gaben ohne Bedingungen."
Da nahm der Reisende die Einladung an und dachte: "Einen solchen Gott, der Seinem eigenen Gesandten meinetwegen Vorwürfe macht, möchte ich auch gern näher kennenlernen."
Die Mystikerin Rabi'a wohnte in einer Hütte in der Wüste bei Basra und lebte von dem, was ihr die Menschen mitbrachten, wenn sie kamen, um sie um Rat und Hilfe zu bitten oder von ihr zu lernen. Eines Tages kamen zwei Gelehrte zu Besuch, und Rabi'an hatte nichts, was sie ihnen anbieten konnte, außer zwei Fladenbroten vom Vortag. Kaum hatte sie ihnen diese aber vorgelegt, da kam ein Bettler und bat um eine Gabe, um seinen Hunger zu stillen. Da nahm Rabi'a kurzerhand die Brote wieder weg und gab sie dem Bettler. Die beiden Gelehrten wurden innerlich ärgerlich, sagten aber aus Respekt vor Rabi'a nichts.
So saßen sie eine Weile und sprachen miteinander, und heimlich gewöhnten sich die beiden Besucher schon an den Gedanken, daß sie hungrig wieder fortgehen müßten, als eine Magd erschien und achtzehn frische Fladenbrote brachte, die noch warm vom Ofen waren. Sie sagte: "Meine Herrin schickt dir dies."
Rabi'a zählte die Brote und sagte: "Ich glaube nicht, daß deine Herrin mir diese geschickt hat. Geh und nimm sie wieder mit." Während die Magd blaß wurde und gehorchte, wurden die beiden Gelehrten wieder ärgerlich, und diesmal mehr als zuvor, aber sie sagten nichts.
Nach kurzer Zeit kam die Magd wieder und brachte diesmal zwanzig Fladenbrote. Sie hatte nämlich das erstemal zwei davon für sich selbst beiseitegelegt. Als Rabi'a sah, daß es zwanzig waren, sagte sie: "So ist es richtig." Sie gab der Magd zwei davon als Lohn und gab die anderen ihren Gästen, und sie aßen.
Schließlich fragten die beiden Gelehrten nach dem Geheimnis dieser Geschichte, und Rabi'a antwortete: "Als ihr hereinkamt, sah ich, daß ihr hungrig wart, und bot euch die beiden Brote von gestern an. Gleichzeitig schämte ich mich aber, daß ich nichts Besseres hatte, um so geehrte Gäste bewirten zu können. Darauf kam der Bettler, und ich gab ihm die beiden Brote, weil ich ihn nicht abweisen wollte, und weil ich darauf vertraute, daß Gott Seinen Dienern hilft, wenn sie freigebig und gastfreundlich sind. Da Gott jede gute Handlung zehnfach vergilt, merkte ich gleich, daß zwei von den zwanzig Fladenbroten fehlten, die mir dann gebracht wurden, und gab der Magd die Möglichkeit, ihre Unehrlichkeit wiedergutzumachen."
Als Jesus, der Sohn der Maria, einmal in einer Einöde unterwegs war, schloß sich ihm ein egoistischer Mann an. Nun hatte Jesus drei Fladenbrote bei sich, und bei einer Rast gab er eins davon seinem Weggefährten und aß eins selber, und das dritte blieb übrig. Während nun Jesus fortging, um Wasser zu holen, aß der Mann das Brot auf, und als Jesus zurückkam, fand er das Brot nicht mehr. Da fragte er: "Mein Freund, wo ist das dritte Brot hingekommen?" Jener antwortete: "Ich weiß es nicht." Darauf gingen die beiden zusammen weiter.
Bald darauf kamen sie an einen Fluß, und weit und breit gab es weder Fähre noch Brücke. Da nahm Jesus seinen Weggefährten bei der Hand und ging mit ihm über das Wasser dahin. Als sie mitten auf dem Fluß angekommen waren, sagte Jesus: "Bei der Macht dessen, der dieses Wunder geschehen läßt, sage mir doch, wo das dritte Brot hingekommen ist." Der Mann erwiderte: "Ich weiß es nicht." Darauf überquerten die beiden den Fluß und gingen weiter.
Als sie ein Stück weit gewandert waren, wurden sie wieder hungrig. Da sie nun aber kein Brot mehr hatten, fingen sie eine Gazelle, schlachteten sie, brieten das Fleisch und aßen es. Danach legte Jesus die Knochen zusammen und sprach ein Gebet, und die Gazelle wurde wieder lebendig und lief fort. Da sagte Jesus: "Bei der Macht dessen, der dieses Wunder geschehen läßt, sage mir doch, wo das dritte Brot hingekommen ist." Jener antwortete: "Ich weiß es nicht, und ich wünschte, du würdest mich nicht weiter mit Fragen belästigen."
Als sie weitergingen, kamen sie an drei Steinhaufen. Da sprach Jesus ein Gebet, und die Steinhaufen verwandelten sich zu Goldhaufen, und er sagte zu seinem Weggefährten: "Ein Teil davon soll dir gehören, ein Teil mir und der dritte dem, der das dritte Brot gegessen hat." Da war der Mann plötzlich wie umgewandelt und sagte: "Das dritte Brot habe ich gegessen, weil ich so hungrig war." Als Jesus dieses Geständnis gehört hatte, sagte er: "Ich will und brauche kein Gold. Alle drei Haufen sollen dir gehören. Aber du kannst nicht länger mein Weggefährte sein." Also ließ er den Mann zurück und ging allein weiter.
Nach einiger Zeit kamen zwei Männer vorbei. Sie sahen das Gold und fragten: "Wem gehört alles dieses viele Gold?" Der erste Mann antwortete: "Es gehört mir." "Nein," sagten darauf jene beiden, "es soll uns gehören." Sie stritten eine Weile, dann kamen sie überein, das Gold zu teilen.
Inzwischen waren sie aber durch den Streit sehr hungrig geworden. Da sagte der erste Mann: "Ich will ins nächste Dorf gehen und Brot holen." Damit waren die beiden anderen gern einverstanden und sagten: "Wenn wir gegessen haben und wieder zu Kräften gekommen sind, wollen wir das Gold gerecht teilen und fortschaffen."
Da ging der erste Mann ins Dorf, kaufte Brot, aß selbst eins und vergiftete die beiden anderen Brote, denn er dachte sich, daß die beiden anderen dann sterben und die drei Goldhaufen wieder ihm allein gehören würden.
Die beiden anderen hatten aber inzwischen beschlossen, ihn zu töten und das Gold unter sich aufzuteilen. Als er also zurückkam, warteten sie in einem Hinterhalt auf ihn, schlugen ihn tot, aßen die beiden Brote, die er bei sich hatte, und starben an dem Gift.
Als Jesus nach einiger Zeit wieder des Weges kam, fand er die drei Goldhaufen und daneben die drei toten Männer und sagte: "Wenn dieses Gold hier liegenbleibt, wird es durch die Habgier der Menschen noch viel mehr Unheil anrichten." Er sprach ein Gebet, und die drei Goldhaufen wurden wieder zu Steinhaufen.
Als Ali Kalif geworden war, ging er oft unerkannt durch die Stadt, um zu sehen, ob es den Bürgern auch an nichts fehlte und alle ihr Recht bekamen und in Frieden leben konnten. Eines Tages traf er unterwegs eine Frau, die einen schweren Wasserbehälter schleppte. Um ihr zu helfen, lud er ihn auf seine Schultern und folgte der Frau, bis sie an eine armselige Hütte kamen, in der mehrere kleine Kinder auf ihre Mutter warteten. Sie waren hungrig und weinten, aber die Frau sagte: "Ich habe nichts, was ich euch geben kann, nur Wasser zum Trinken." Ali, der den Wasserbehälter inzwischen abgestellt hatte, fragte: "Habt ihr denn niemanden, der für euch sorgt?" "Nein," antwortete die Frau, "Mein Mann ist vor einiger Zeit gestorben, und nun stehe ich mit den Kindern allein." Da senkte Ali beschämt den Kopf, verabschiedete sich und ging.
Am nächsten Tag kam er wieder und brachte einen Korb mit Getreide, Früchten und Fleisch. Er kümmerte sich um die Kinder, während die Mutter eine Mahlzeit zubereitete, und gab ihnen dann eigenhändig zu essen. Die Frau bedankte sich überschwenglich und sagte: "An dir sollte sich der Kalif ein Beispiel nehmen! Er wohnt ruhig und zufrieden in seinem Haus und vergißt die Witwen und Waisen, die für ihn gearbeitet haben." Ali schwieg.
Am nächsten Tag kam er wieder, brachte Lebensmittel und half der Frau bei ihrer Arbeit. Da kam eine Nachbarin herein. Sie sah den fremden Mann, erkannte ihn und sagte: "O weh, Schwester! Du läßt den Kalifen Ali für dich arbeiten?!"
Da erschrak die Frau zutiefst und wollte sich entschuldigen, aber Ali sagte: "Nein, sondern ich muß mich bei dir entschuldigen, denn als Kalif ist es meine Pflicht, für euer Wohlergehen Sorge zu tragen."
Ein Prediger sprach vor seiner Gemeinde immer von Gottes Barmherzigkeit und Vergebung und machte damit den Leuten Mut, Gutes zu tun und nicht ihrer Schlechtigkeit wegen die Hoffnung aufzugeben, und er drohte ihnen niemals mit Gottes Zorn und den Folgen böser Handlungen.
Als er gestorben war, wurde er vor Gottes Gericht gestellt, und Gott fragte ihn: "Du bist doch ein gelehrter Mann. Warum hast du dann den Leuten nicht alles gesagt, was du von Mir weißt? Warum hast du von Meiner Barmherzigkeit gesprochen, aber nicht von Meinem Zorn?"
Der Prediger antwortete: "Ich wollte, daß sie Gutes von Dir erwarten, die Hoffnung auf Deine Vergebung nicht aufgeben und Liebe zu Dir in ihren Herzen empfinden."
Da sprach Gott zu ihm: "Wer Gutes von Mir erwartet, den will Ich in seiner Erwartung nicht enttäuschen, und wer die Hoffnung auf Meine Vergebung nicht aufgibt, dem will Ich vergeben, und wer Mich liebt, dessen Liebe will Ich erwidern. Sei also willkommen in Meinem Garten."
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