Wenn Wissen im Ausland greifbar wird

Studienfahrten der dreizehnten Klassen als echte Kultur-Touren

 

ODENWALDKREIS. Mehrere dutzend Schüler und Lehrer, mindestens genauso viele Schlafsäcke, Koffer und Luftmatratzen, Kochgeschirr, Grillausrüstung, unzählige Zelte, Biertischgarnituren und was noch dazugehört, um auf Zeltplätzen zu überleben: All das musste vor wenigen Wochen sorgfältig und möglichst platzsparend in Busse gepackt werden, als sich Schülergruppen aus dem Odenwaldkreis zu ihren Studienfahrten auf den Weg machten.

Denn wie in jedem Jahr brachen auch in diesem Herbst die angehenden Abiturienten der verschiedenen Odenwälder Gymnasien aus Michelstadt, Reichelsheim und Höchst auf, um ein bisschen mehr von der Welt und ihren kulturellen Zentren kennen zu lernen. Dabei standen Ziele in Italien, Spanien, Rumänien und Griechenland auf dem Programm.

Die Studienfahrten sind - wenn man es so formulieren will - die letzten Klassenfahrten vor dem Abitur und mit rund vierzehn Tagen dauern sie länger als normale Schulfreizeiten. Außerdem haben Studienfahrten – im Gegensatz zu Klassenfahrten – das Ziel, dass die Schüler viel über das bereiste Land und die besuchten Orte lernen. Deshalb trafen sich Lehrer und Schüler zum Beispiel am Gymnasium Michelstadt schon mehrere Monate vor der eigentlichen Fahrt, um sich mit Referaten auf die Reiseziele und die jeweiligen Sehenswürdigkeiten einzustellen. An der Höchster Ernst-Göbel-Schule wurden die Referate während der Studienfahrt nach dem Abendessen zur Vorbereitung des Folgetages gehalten, denn – so stellte es Georg Hofmann, der stellvertretende Schulleiter in Höchst klar – „Studienfahrten sind kein Badeurlaub“.

Meist zeichnen die Leistungskurslehrer der Oberstufenschüler für die Studienfahrten verantwortlich und oft haben die gewählten Reiseziele etwas mit dem Unterrichtsfach der Lehrkräfte zu tun. So verwundert es nicht, wenn es die Geschichts- und Deutsch-Leistungskurse nach Rom und in die Toskana, die Geburtsstätte der Renaissance, zieht; die Mathe- und Physiklehrer mit ihren Schützlingen in Richtung Griechenland aufbrechen und sich die Schülerinnen und Schüler eines Erdkunde-Leistungskurses mit der Kultur und Geographie Rumäniens befassen.

Neben dem kulturellen Pflichtprogramm, das Orte wie die griechische Akropolis oder das römische Kapitol beinhaltet, wird den Schülerinnen und Schülern auch genügend Zeit gegeben, Städte wie Barcelona, Rom oder Athen auf eigene Faust zu erkunden und dabei in die jeweilige Lebenswelt einzutauchen. So können sie dann auch nach eigenem Geschmack weitere Museen wie die des Vatikans oder geschichtsträchtige Gebäude besuchen – vorrausgesetzt ihnen fehlt es nicht am nötigen Antrieb: Denn dass bei dem umfangreichen Kulturprogramm auch mal ein genervtes „Nicht schon wieder eine Kirche!“ von Schülerseite oder gar Lehrerseite zu hören ist, ist klar – schließlich stellt sich irgendwann bei jedem eine gewisse Kultursättigung ein und der Schnellimbiss am Pantheon wird wichtiger als das berühmte Heiligtum selbst.

Auch das Zusammenleben in der Gruppe ist auf den Studienfahrten eine echte Herausforderung für alle Beteiligten: In Koch- und Spülgruppen muss eigenverantwortlich für das Essen gesorgt werden, denn die im Vergleich noch luxuriöse Bewirtung einer Jugendherberge fehlt. Auch die Zelte oder Campingheime müssen - vor allem bei Regenwetter - sauber gehalten werden und allein schon das Miteinanderauskommen auf einer zwölf- bis zwanzigstündigen Busfahrt ins Zielland stellt hohe Ansprüche an die Disziplin der einzelnen Fahrtenteilnehmer.

Auf der anderen Seite bieten Studienfahrten aber auch eine Möglichkeit für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, ihre Mitschüler besser kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Außerdem werden die Lehrer spätestens nach einer gemeinsamen Weinprobe oder anderen einschlägigen Erlebnissen zu den ganz normalen Menschen gezählt, was das Lernklima zurück an der Schule nachhaltig verbessern kann.

Einzig finanziell können Studienfahrten für einige Reiselustige zum Problem werden: Mit  knapp siebenhundert Mark für Fahrt, Unterkunft oder Zeltplatz und Eintrittsgelder plus Lebenshaltungskosten für zwei Wochen im fremden Land kommen schnell tausend Mark zusammen – und die müssen sich viele zukünftige Abiturienten erst einmal selbst verdienen. Deshalb verzichteten auch in diesem Jahr einige Odenwälder Schüler aus finanziellen Gründen auf eine Teilnahme an den Fahrten. Andere sprangen – die momentane weltpolitische Situation berücksichtigend – kurzfristig ab. Dies war auch der Grund dafür, dass eine nach Griechenland geplante Studienfahrt des Kunst-Leistungskurses am Gymnasium Michelstadt kurzfristig abgesagt werden musste.

Schon jetzt laufen an den Odenwälder Gymnasien die Planungen für die Studienfahrten im nächsten Schuljahr auf Hochtouren. Und da Abwechslung bekanntermaßen sinnvoll ist, stehen am Gymnasium Michelstadt schon zwei neue Reiseziele fest: Norwegen und England.

 

Jork H e r r m a n n

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