Auf dieser Seite möchte ich meinen Leidensweg beschreiben, der 1996 begonnen hat. Diese Seite dient vor allem einem Selbstzweck, weil es mir hilft, über meine Krankheit zu sprechen und so meine Schmerzen zu lindern. In meiner Leidensgeschichte werden oft Ereignisse geschildert, die nur dann verstanden werden, wenn man meine "Vorgeschichte" kennt. Auch wird die Ursache meiner Depression klarer.

 

 

09. Oktober 1996

Heute ist Physikprüfung angesagt, und ich büffle am Morgen noch, weil ich die letzten Tage krank war (hatte mir eine Bauchgrippe eingefangen) und deshalb noch nichts gelernt hatte. Meine Eltern merken sowieso dass ich blau mache, weil sie nach Italien gefahren sind.

Als ich den Physikstoff endlich alles im Kopf habe, nehme ich wie gewöhnlich den Zug nach Brig. Was aber dann im Zug passierte, ist mir bis heute unerklärlich. Kurz bevor ich in Brig eintreffe, überfällt mich ein unbeschreibliches Gefühl, dass ich vorher noch nie hatte. Es wird alles irgendwie dumpf und glaube, es sei ein Backflash vom LSD, das ich an der Streetparade zum ersten (und letzten) Mal genommen habe. Als ich in Brig endlich ankomme, eile ich schleunigst in die Schule, weil die Zeit knapp bemessen ist. Auf diesem Weg wird das Gefühl immer dumpfer und als ich ankomme, kommt mir alles irgendwie anders vor. Ich fühle mich irgendwie nicht mehr in dieser Welt. Als die Prüfung beginnt, ist es mir fast unmöglich, mich zu konzentrieren. Die ersten fünf Minuten fällt mir nichts ein. Danach wird es ein wenig besser und ich bring die Prüfung doch noch irgendwie zu Ende.

Jetzt sind Herbstferien angesagt. Ich denk mir, das Gefühl vergeht am Abend schon wieder, und überbrücke irgendwie die Zeit bis dahin. Und tatsächlich, am Abend ist alles wieder so wie gewohnt und ich geh´ ins Depot (Ich besitze eine eigene mobile Disco, die ich mit zwei anderen Kollegen aufgebaut habe). Alles ist wie üblich, ich setze mich an den Computer und führe Buch. Am Abend überlege ich mir, was heute mit mir passiert ist. Ja schon, ich war in letzter Zeit schon ziemlich im Stress. Ich hatte während den Sommerferien von morgens bis abend durchgehend gearbeitet. Auch die Wochenenden hab ich nie für mich Zeit genommen. Immer hatte ich mit der Disco einen Auftrag oder wir gingen etwas besichtigen. Auch als das neue Schuljahr wieder anfing, arbeitet ich unermüdlich am Abend im Depot weiter und auch in der Schule hab ich toll mitgemacht. Ich war richtig froh, dass nun endlich die Herbstferien begannen und ich mich mal ausspannen konnte; nur noch die Doppeldisco an diesem Freitag/Samstag, dann die ganze Zeit nur für mich.

Als ich aber am nächsten Morgen erwache, ist bereits nach einigen Sekunden dieses Gefühl wieder da. "Scheisse, was ist mit mir los?" denke ich mir, finde aber keine Antwort darauf. Danach gehe ich aber trotzdem meinen gewohnten Tätigkeiten nach (im Depot arbeiten und die Disco vorbereiten).

Bis zum Freitag stabilisiert sich meine Situation wieder, und ich merke schon bald nichts mehr von dem dumpfen Gefühl. Auch die Disco am Freitag verläuft reibungslos wie schon die letzten 20 anderen. Als ich um 5 Uhr ins Bett komme, fühle ich mich prächtig. Nach kurzem Schlaf geht’s am Nachmittag bereits mit der Arbeit wieder los. Ich muss mit meinen Kollegen eine Bar aufstellen. Wir packen also unsere sieben Sachen im Depot und begeben uns mit dem Bus auf den Weg. Doch dann, auf halber Strecke, kommt dieses Gefühl innert Sekundenbruchteilen wieder in mir auf. "Scheisse, bloss kein Backflash!" denke ich im Stillen für mich. Als wir angekommen sind und wir unsere Arbeit verrichten, vergesse ich dieses Gefühl jedoch wieder ein wenig. Doch ich bin sehr müde und kann mich nur sehr schlecht konzentrieren. Nach getaner Arbeit gehen wir nochmals kurz nach Hause, um uns ein wenig zu stärken und andere Kleidung anzuziehen. Danach geht’s wieder los. Aber irgendwie ist es heute nicht so wie immer, alles ist anders. Ich kann dieses scheiss Gefühl aber nicht besser beschreiben. Als um 21.00 Uhr die Disco beginnt, ist kaum noch jemand in der Halle. Um 23.00 Uhr ist immer noch nicht viel los und ich bin einerseits um den Veranstalter besorgt, dass so wenig Besucher kommen, andererseits bin ich froh darüber, weil ich mich gar nicht gut fühle und deshalb Fehler am Mischpult kaum bemerkt werden. Nach einiger Zeit frage ich meinen Kollegen, ob er nicht für mich einige Zeit auflegen könnte, da ich mich einige Zeit ausruhen möchte. Ich setz´ mich also erschöpft auf einen Stuhl und "schlafe" dort ca. 30 Minuten, bis mich meine Kollegin fragen kommt, was denn los sei. Ich sag ihr, dass ich mich ausgelaugt fühle und hundemüde bin. Ich frag sie, ob das vielleicht von einem Vitaminmangel komme, weil ich in diesem Sommer eine Radikaldiät gemacht habe. Sie nickt mir nur zu und holt mir einen Orangensaft, damit ich wenigsten mal etwas Vitamine bekomme. Ich raffe mich dann doch nochmals auf und bring die Disco über die Runden.

Als ich dann am anderen "Morgen" erwache, habe ich nur vier Stunden geschlafen. Wie ich mich fühlte ist unbeschreiblich, so fürchterlich war es für mich. Ich wollte nur eins: SCHLAFEN. Ich viel fast um vor Müdigkeit, brachte aber kein Auge mehr zu. Also suchte ich das ganze Haus nach einem Schlafmittel ab, fand jedoch keines. Ich beschloss nun einen Film zu schauen. Ich war jedoch so von einer Angst besessen, dass ich immer wieder dachte, dass ich ins Krankenhaus muss und dass die Ärzte mit irgendwie helfen, bloss etwas, egal was. Ich hatte so Angst, dass ich nicht mehr runterkommen würde, denn ich hatte fast das gleiche Gefühl, als ich im August auf LSD war. Die Gedanken schossen mir nur so durch den Kopf. Es musste etwas geschehen, ich wusste aber nicht was. Die einzige Hilfe sah ich darin, dass ich meiner Schwester telefonieren wollte, damit sie mich ins Spital bringen würde (hatte damals den Führerschein noch nicht). Sie war Krankenschwester und würde mich sicher zu einem guten Arzt bringen. Also nahm ich den Telefonhörer und wählte ihre Nummer. Sie war aber nicht da. Einerseits war ich glücklich darüber, andererseits brach eine grosse Angst aus. Ich beschloss dann ein Bad zu nehmen, vielleicht half das ja. Als ich dann einige Minuten im warmen, schon fast heissem Wasser lag, ging es mir auch wieder ein bisschen besser. Die Angst linderte sich. Nach ½ Stunde verliess ich dann die Wanne und legte mich aufs Bett und sah den Rest vom Film "Waterworld". Ich weiss nicht warum, aber dieser Film ist mir bis heute in bester Erinnerung geblieben, weil ich während diesem Film eine grosse Angst entwickelte. Ich konnte den Film nicht in einem Durchgang gucken. Mich überfiel immer wieder eine so grosse Angst, dass ich abschalten musste und ich wieder das ganze Haus nach Schlafmittel durchforstete. Meine einzige Hoffnung bestand darin, dass meine Eltern heute Abend nach Hause kommen würden und ich ihnen von meiner Lage berichten kann.

Ich überstand dann irgendwie diese LANGEN Stunden, bis meine Eltern nach Hause kamen. Aber plötzlich hatte sich der "Anfall" gelindert. Ich wollte ihnen zuerst nichts davon erzählen (Wer gibt schon gerne zu, das es einem psychisch schlecht geht), überwindete mich aber trotzdem dazu. Ich schilderte es ihr aber nicht so schlimm, wie ich mich gefühlt habe und sie sagte mir, dass sie einen Termin bei Dr. Z vereinbaren würde. Der Abend verlief dann einigermassen gut und ging dann auch zeitig ins Bett.

14 Stunden hatte ich geschlafen, als ich am nächsten Morgen aufstand. Ich fühlte mich für ungefähr 30 Sekunden blendend, danach kam dieses komische Gefühl wieder, dass ich nicht beschreiben kann. Den Tag verbrachte ich im Bett und als es allmählich dämmerte, fühlte ich mich wieder prächtig wie eh und je.

Am nächsten Tag teilte mir meine Mutter mit, dass ich am Donnerstag einen Termin bei Dr. Z bekommen hätte. Erst am Donnerstag? Heute ist aber erst Dienstag! dachte ich mir. Für mich war das eine Ewigkeit.

Als ich nach 2 langen Tagen endlich bei Dr. Z sass, sollte ich mein Leiden berichten. Ich konnte es aber nicht. Ich wusste ja selber nicht, was wie ich es beschreiben sollte. Ich teilte ihr mit, dass ich mich irgendwie benommen fühlte, es ihr aber nicht besser sagen könne. Sie zog daraus den Schluss, dass es mir an wichtigen Stoffen fehlen würde. Sie verschrieb mir also ein Vitamin- und Calciumpräparat.

Ich ging nun in die Apotheke, in der Hoffnung, dass mir diese Präparate helfen würden.Die Tage bis zum Montag kamen mich wie eine Ewigkeit vor. Auch der Samstag, an dem ich wieder eine Disco hatte, wollte nicht vergehen. Obwohl ich sonst immer gerne Musik auflegte, wollte ich nur eines: Nach Hause ins Bett.

 

21.10. 1996

Heute beginnt die Projektwoche "Pestalozzi", in der Schule. Meine Symptomatik blieb bis heute die gleiche: am Tag hatte ich dieses komische Gefühl, am Abend jedoch war es fast wieder so wie früher.

Obwohl ich positive Einstellungen an dieser Projektwoche hatte, sollte sie einer der schlimmsten in meinem Leben werden. Ich hatte so grosse Angst in dieser Woche, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Als wir eine Arbeitsgruppe Jugendlicher besuchten, die in einem Heim arbeiteten, befürchtete ich, dass ich eines Tages auch in irgendeinem Heim landen würde, und zwar in einem Irrenhaus. Die Woche war dann bald zu Ende, und ich war froh darüber. Solch eine schreckliche Woche hatte ich vorher noch nie erlebt, wohl deswegen, weil ich nicht wusste, was mit mir los war.

In der darauffolgenden Woche begann wieder der übliche Schulalltag und am Abend arbeitete ich im Discodepot, weil wir wieder viel zu arbeiten hatten (wir hatten immer viel zu tun). Am Donnerstag musste ich dann auch noch zu meinem zukünftigen Praktikumslehrer, weil wir die Lektionen besprachen, die ich am nächsten Freitag halten sollte (in einer 4. Primarklasse). Diesen Abend konnte ich mich wie üblich nicht ausruhen, sondern musste wieder Musikanlagen aufstellen gehen, obwohl es nur für ein Klassenfest war. Zum Glück hatten ich dieses Wochenende keine Disco, mit Nichtstun war aber nichts. Ich musste im Depot arbeiten, dazwischen noch an der Maturaarbeit weitermachen. (Wir mussten in der Schule eine Arbeit über ein selbstgewähltes Thema schreiben).

Weil sich mein Zustand in dieser Woche nicht die Bohne gebessert hatte, habe ich einen Termin mit dem Doktor vereinbart. Am darauffolgenden Dienstag war es dann soweit und ich schilderte ihr,dass mir immer so benommen sei. Sie untersuchte daraufhin meinen Nacken und stellte fest, dass ich total verkrampft war. Sie renkte also meine Wirbel richtig, und dabei dachte ich, dass sie mir was brechen würde, so hat es geknackst. Sie machte dann einen weiteren Termin, da man dies mehrmals machen solle, teilte sie mir mit.

Die nächste Woche verlief wie üblich: der ganze Tag war ein Horror, nur am Abend war ich wie früher. Total beschwerdelos. Am Freitag war dann der "grosse" Tag, als ich zum erstem Mal in die neue Klasse Unterricht hielt. Ich war wie üblich nervös, brachte die Lektionen doch noch hinter mich. Am Wochenende hatte ich seit langem endlich wieder einmal Zeit für mich und grübelte darüber nach, was ich haben könnte. Da fiel mir ein, dass wir im letzten Jahr etwas über Depressionen gelernt hatten. Ich kramte in meinem Psychoordner, fand die Blätter und verschlang sie richtig. Ich konnte mich seit langem endlich wieder mit etwas identifizieren, denn ich hatte viele Symptome, wie sie auf den Blättern beschrieben wurden.

 

12.11.1996

Am Dienstag hatte ich wieder einen Termin bei Dr. Z. und ich sprach sie darauf an, dass ich eventuell eine Depression haben könnte, da ich darüber gelesen hätte. Es sei aber sicher nicht so schlimm teilte ich ihr mit. (Wie ich gelogen hatte!). Sie wies mich aber darauf hin, dass diese Krankheit sehr ernst sein kann und verschrieb mir deshalb einen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (Seropram). Sie sagte mir auch, dass es zu kleinen Nebenwirkungen kommen könnte, jedoch nur sehr kurz. Ausserdem wurde mir in dieser Sitzung der Nacken wieder "eingerenkt".

Am Mittwoch holte ich dann das Seropram und schluckte am gleichen Abend 2 Pillen, wie es auf der Verpackung hiess. Am nächsten Morgen erwachte ich dann schweissgebadet und fühlte mich irgendwie "neben mir", so anders, wusste aber nicht wie! Als ich in der Schule ankam, wurde mir schlecht und ich musste nach Hause, obwohl wir heute doch ein Prüfung gehabt hätten. Im Zug ging ich dann auf die Toilette und erschrack, als ich meine Pupillen im Spiegel sah. Sie waren weit geöffnet, als ob ich ein XTC gespickt hätte. Zuhause angekommen rief meine Mutter sofort die Ärztin an, ob das von dem Medikament sei. Sie bejahte ihr die Frage und erklärte ihr, dass das nur vorübergehend sei und vergehe. Ich konnte jedoch nicht lange im Bett bleiben, da ich noch die Lektionen für morgen vorzubereiten hatte (hatte wieder Praktikum). Auch den Freitag brachte ich über die Bühne und am Wochenende war ich wieder die meiste Zeit im Depot.

In der nächsten Woche verschlechterte sich meine Verfassung zusehends. Die Lichtblicke am Abend blieben aus, und es kamen zusehends Suizidgedanken in mir auf. Ich wusste einfach nicht, wie ich früher einmal war. Ich war wie ein anderer Mensch, der ich nicht sein wollte.

Der 22.11. war einer meiner schlechtesten Tage seit langem. Als dann der Abend eintrat und ich ins Depot musste, um Anlagen aufzustellen (wir hatten wieder einmal ein Klassenfest) hat sich mein Zustand noch verschlechtert und die Suizidgedanken waren so stark wie noch nie. Kurz bevor wir fertig waren, fasste ich den Entschluss, dass ich wirklich sterben will und wusste auch schon wie: Schlafmittel, die mir Dr. Z. gegeben hatte. Als ich dann Zuhause war, nahm ich einen Zettel und fing an, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Aber komischerweise kam ich nicht über 2 Sätze, denn plötzlich kam in mir ein Wohlgefühl auf und fühlte mich wieder wie vorher, vor dem Oktober. Ich schmiss den Zettel weg und fragte mich, wie ich nur so etwas denken konnte. Ich führte dies auf den Seropram "Konsum" zurück und beschloss, dieses Zeug nicht mehr zu nehmen.

 

29.11.1996

Mir kam die Zeit bis zum Freitag wie eine Ewigkeit vor, sie wollte nicht vergehen. Als es dann endlich so weit war, erlebte ich einen der schönsten Abende in dieser Zeit: Bereits am Nachmittag begann es zu schneien und hörte nicht auf. Ich war am Abend dann Zuhause auch die meiste Zeit draussen auf der Terrasse und schaute dem Schneegestöber zu (Ich liebe es, wenn es schneit). An diesem Tag hat es über 50cm geschneit, ich hatte so etwas bis anhin nie vor meiner Haustür erlebt. Es war einfach toll. Die Ernüchterung kam aber am Morgen: Ich musste bereits früh aufstehen, weil ich eine Nachprüfung machen musste, ausserdem fing es an zu regnen. Ich legte am Morgen in B. die Prüfung nieder und eilte danach sofort ins Depot, weil wir heute Abend eine Disco in R. hatten. Dies fiel dann aber ins Wasser, oder besser gesagt "in den Schnee" weil die Strasse gesperrt blieb. Ich blieb noch eine Weile im Depot, bat dann jedoch meine Kollegin, ob sie mich nicht nach Hause fahren könnte, weil ich mich wieder so komisch fühlte.

Ich hatte dieses Wochenende viel Zeit zum Schlafen, konnte aber nicht.

Logischerweise fühlte ich mich am Montag wie gerädert und wollte am kommenden Wochenende wieder nichts tun. Das ging dieses Wochenende aber nicht, da wir wieder Disco hatten. Während der Disco bekam ich aber Schuldgefühle, weil ich das Seropram nicht mehr nahm, denn es stand ja auf dem Beipackzettel, dass die Wirkung erst in 2-4 Wochen eintrete. Ich nahm noch während der Disco eine Pille und fühlte mich wieder ein wenig besser.

Ach ja, in dieser Woche begann ich auch mit dem Führerschein. Ich langweilte mich am Theoriekurs zu Tode, weil für mich das alles logisch ist, was der mir erklären wollte.

In der nächsten Woche hatte ich wieder 2 Theoriekurse, sonst gibt es eigentlich nichts Neues, mein komisches Gefühl ist immer noch da und ich fühle mich weiterhin beschissen. Was mir jedoch zusätzlich zu schaffen machte, waren die vielen Prüfungen, die ich in der Schule hatte.

 

16.12.1996

Auch in der letzten Woche vor Semesterschluss hatte ich so viele Prüfungen, dass ich vor Erschöpfung fast umfiel. Doch damit nicht genug. Am Freitag hatte ich meine erste Fahrstunde, danach fühlte ich mich noch mehr erschöpft, weil es für mich sehr anstrengend war. Danach durfte ich ins Depot und den Bus beladen, da wir am Samstag wieder eine Disco hatten. Am Samstag beim Aufstellen hatte ich ein Gefühl, als ob ich neben mir stehen würde. Dies bemerkten auch meine Kollegen und fragten, was ich denn so umeinanderträume. Ich sei heute so gar nicht "bei der Sache". Nach dem Aufstellen verkroch ich mich auf die Bühne und übte noch meinen sogenannten "Rave-Teil". Ich konnte aber während dem Mixen immer nur an das Eine denken: Ich will so nicht mehr leben. Ich setzte mich auf einen Stuhl und fing an, einen Abschiedsbrief an meine Eltern zu schreiben! Ich weiss nicht mehr genau was ich geschrieben habe, aber es war sicher rührend. Als ich dann aber den Brief fertig geschrieben hatte, war die Bühne mit Kerzen dekoriert worden (von meiner Kollegin) und in der Turnhalle leuchteten nun nur diese Kerzen und dazu lief ein wunderschönes Lied. Ich weiss nicht was geschehen war, aber ich fühlte mich wie vorher. Es war einzigartig, und ich begriff erst jetzt, wie schön das Leben vorher war. Die "Gesunden" können sich nicht vorstellen, was sie haben. Dieses Gefühl hielt den ganzen Abend an und ich zeriss den Abschiedsbrief wieder.

Am Montag war dann der grosse Einkauf vor Weihnachten mit meinen Eltern angesagt (das gute Gefühl vom Samstag war natürlich wieder verschwunden). Ich fasste aber den Entschluss, dass ich nicht sterben wollte und genau untersuchen wollte, was ich habe. Ich sagte dies auch meiner Mutter, sie ignorierte es aber. Das war ein herber Rückschlag für mich. Endlich wollte ich mir helfen, man ignorierte es jedoch.

Der 24.12. war ein Tag wie jeder für mich. Ein Gefühl, als ob ich auf LSD wäre. Sicher nicht so schlimm, aber doch ähnlich. Der Abend wurde dann aber doch sehr schön, als ich mit meinen Eltern und meiner Schwester zusammen war. Ich bekam heuer nicht so viel geschenkt, da mir meine Eltern den Führerschein bezahlen würden. Ich erhielt allerdings doch noch was kleines: ein Mitsumi CD-Rom (12x), dass ich mir am Tag davor auswählte.

Diese Weihnachtsferien sind geprägt von Fahrstunden und stundenlangem Grübeln. Von Erholung keine Rede. Auch am 28.12 (Samstag) "darf" ich wieder eine Disco machen. Obwohl ich die Disco gegründet habe und aufgebaut habe, kotzt mich diese Arbeit mehr und mehr an, obwohl es vor Ausbruch der Krankheit meine Ein und Alles war; jetzt ist nichts mehr von dem da und ich merke erst jetzt, dass ich während dieser Zeit die Kontakte mit anderen Freunden fast aufgegeben habe. Das büsse ich jetzt bitterlich, denn ich bin meistens allein (mit meinem Fernseher).

 

31.12.1996

An Silvester hätten wir eigentlich auch eine Disco, ich bin aber zum 1. Mal seit der Gründung nicht dabei!!!!!!!! Obwohl ich eine Magenverstimmung habe und mir übel ist (dies kam von der Fresserei an Weihnachten), sage ich meinen Kollegen ab. Diese Magenverstimmung kommt mir sehr gelegen, da ich nämlich total keine Lust hatte, an diesem Abend irgendwo auszugehen. Ich wollte nur in meinem Zimmer bleiben und allein sein. Um Mitternacht betrat ich dann den Balkon und bewunderte das Feuerwerk. Ich grübelte wie oft wieder und kam zum Schluss, dass dieses Jahr ein Neubeginn sein werde und alles wieder besser wird (Ich konnte noch nicht ahnen, was noch geschehen würde!!!)

Die nächsten Tage verbrachte ich wie üblich im Bett vor dem Fernseher, mit Fahrstunden (mit meinem Vater) und mit ausfüllen der Theoriebögen, da ich am 6.1. meine Theorieprüfung hatte.

An diesem Tag "nahm" ich mir frei (die Schule begann eigentlich heute wieder) und füllte nochmals die Bögen aus. Am Nachmittag hatte ich dann die Prüfung und bestand prompt: mit 0 Fehler! Die nächsten Tage waren schlimm für mich. Das einzige, an das ich noch denken konnte war, dass ich mich selbst umbringen will, weil ich so nicht mehr leben konnte. Ich dachte auch darüber nach, wie ich mich umbringen wollte und kam immer wieder zum Schluss, dass ich Schlaftablette schlucken will. Am Wochenende hatten wir wieder eine Disco (wie üblich), aber meine Situation besserte sich wieder ein wenig.

Aber auch die nächste Woche war ich auschliesslich von Suizidgedanken geprägt und daher machte ich einen Termin bei Dr. Z., dass er mir nochmals Schlaftabletten verschreibt. Sie vertröstete mich aber auf nächste Woche. In dieser Zeit unternahm ich nun nochmals alles, was ich in meinem Leben bis letzten Oktober gerne gemacht habe und nun das letzte Mal erleben möchte. Was sonst um mich geschah war mir scheissegal. Ich freute mich nur noch auf den nächsten Dienstag, als ich endlich den Termin hatte.

 

21.01.1997

An diesem Dienstag trat dann aber eine starke Veränderung ein, die ich nicht mehr erhofft hatte. Es war alles anders: meine Gedanken waren wieder einigermassen geordnet und war nun nicht mehr bereit, diese wunderschöne Erde zu verlassen. Da ich nicht auffallen wollte, ging ich abends zu Dr. Z (ich hatte ja einen Termin) und holte mir das Rezept für die Schlafmittel, das ich sofort in der Apotheke einlösen ging.

Diese Veränderung hielt in den nächsten an, ich fühlte mich wieder einigermassen wie früher und ich führte meine Aktivitäten von letzter Woche fort: ich ging einkaufen, blieb am Abend öfters nur zu Hause und schaute fern (was ich sehr gerne mache) und sagte meinen Kollegen von der Disco ab, dass ich nicht kommen werde. Auch am Wochenende blieb ich zu Hause und unternahm für Dinge, die mir Spass machten.

 

27.01.1997

Am Montag verschlechterte sich mein Zustand jedoch wieder und ich geriet wieder ins Grübeln. Am Dienstag war dann DER Tag. Wir hatten heute in der Schule einen Nähmaschinenkurs L , konnte mich während den Stunden allerdings nicht konzentrieren (wie so oft in letzter Zeit) und konnte immernur an die Schlaftabletten denken und fasste den Entschluss, dass ich heute abend endgültig Schluss machen werde; entweder es klappt heute Abend oder mir wird endlich geholfen. Mir kam es auch vor, als ob dieser Schritt irgendwie in meinem Leben vorbestimmt sei, dass das zu meinem Leben gehört. Es war wie eine Art "deja-vu".

Ich "verabschiede" mich von der Schule, indem ich die letzten Jahre nochmals kurz reflektiere und all die schönen Erinnerungen nochmals vor Augen bringe. Am Abend arbeite ich im Depot (es war niemand da) und auch dort erinnere ich mich nochmals aller schönen erlebten Dinge, die ich in den letzten zwei Jahren erlebt hatte. Danach "verabschiede" ich mich (wie von einer Person) vom Depot und meinen Anlagen. Zuhause angekommen nehme ich das Päcklein Schlaftabletten und lege alle Pillen in eine Schublade, damit ich am Abend schnell alle schlucken kann. Danach schaue ich fern und spiele ein wenig am Computer. Dann kommt der grosse Zeitpunkt. Ich sage wie üblich meinen Eltern gute Nacht. Dann gehe ich ins Zimmer, nehme ohne gross zu überlegen die Pillen, lege mich ins Bett und schlafe voller Angst ein.

 

30.01.1997

Das nächste, ab das ich mich erinnern kann war, dass ich irgendwo in einem Bett lag und auf eine Uhr schaute. Der Zeiger stand auf 3.00Uhr. Ich wusste allerdings nicht, ob es Tag oder Nacht war. Danach folgte wieder ein Blackout. Am Morgen wurde ich geröngt, dass war das nächste, was ich mitbekam. Nach dem Röntgen wurde ich in mein Zimmer gebracht, wo auch schon meine Eltern warteten. Von diesem Moment an war ich wieder voll da. Ich schaute nur meine Eltern an und fing an zu weinen. Danach erfuhr ich, was geschehen war und wie ich hierher gekommen war. Ausserdem sagten sie mir, dass es bereits Donnerstag war. Ich war also 1 ganzer Tag im Delirium !!!

Kurz vor Mittag kam dann Dr. E vorbei und begrüsste mich und fragte mich, ob ich meinen Wunsch von heute Morgen nochmals überlegt habe. Ich wusste natürlich von allem nichts, weil ich bis um 9.00 Uhr nichts mitbekam. Er erklärte mir, dass ich den Wunsch äusserte, in die Psychiatrische Klinik in B eingeliefert zu werden). Ich verneinte diese Frage und hoffte, dass ich hier im Spital bleiben könne. Er stimmte mir zu und erklärte mir, dass ich nun eine Therapie mit Antidepressiva machen muss. Ich wollte aber nicht mehr "Seropram" nehmen und deshalb "verschrieb" er mir "Ludiomil" (eine tetrazyklisches). An diesem Abend wollte man mir auch ein Schlafmittel geben, damit ich gut schlafen könne! Ich lehnte dakend ab: von Schlafmittel habe ich jetzt die Nase voll!

Die nächsten anderthalb Wochen verliefen immer gleich: Am Abend bekam ich meine Infusion mit Antidepressiva (am Schluss hatte ich einen schönen Mix aus Ludiomil, Seropram und Vitaminen). Den ganzen Tag durch lag ich entweder im Bett (ich war andauernd schläfrig), ging in den Wintergarten (dort durfte man rauchen) oder war in der Cafeteria. Die Besuchszeiten verfluchte ich nach einiger Zeit, weil mir die Fragen, es waren immer die gleichen, langsam auf die Nerven gingen und weil ich nur meine Ruhe haben wollte.

An diesem Wochenende hätte ich eigentlich eine meiner wichtigsten Discos gehabt. Dr. E. wollte aber, dass ich dieses Wochenende noch hier bleibe und mich noch ausruhe. Früher wäre ich ausgerastet, wenn ich nicht an einer Disco Musik machen konnte, dieses Mal war es mir aber egal.

 

11.02.1997

Am Dienstag konnte ich dann das Spital verlassen. Ein Arzt verschrieb mir noch Ludiomil, Seropram und einen Tranquilizer (Temesta). Als ich Zuhause ankam, nahm ich zuerst meinen Computer wieder in Betrieb. Dies war in den letzten Wochen mein einziges Hobby und ich "vermisste" das Teil in den 2 Wochen, als ich im Spital war. Diese Woche besuchte ich die Schule noch nicht. Die Stimmung hebte sich ein wenig, das Grübeln blieb aber.

Am Montag ging ich dann wieder in die Schule und man bombardierte mich mit Fragen. Ich erklärte ihnen klar und deutlich, dass ich unter einer Depression leide, vertuschte aber den Selbstmordversuch. Das sollten sie nicht erfahren. Die nächsten 3 Wochen verliefen sehr stressig, da ich viel nachzuholen hatte und das Freitagspraktikum wieder begonnen hatte. Am Mittwoch hatte ich auch immer einen Termin bei Dr. E., bei dem ich über all meine Sorgen reden konnte.

Am 10.03. geschah dann etwas seltsames. Wir hatten am Nachmittag frei und ich spielte am Computer Solitaire. Plötzlich musste ich nichts mehr denken!! Das ist wohl für andere selbstverständlich, ich "musste" jedoch vom letzten Oktober an immer an etwas denken. Es gab keine freie Sekunde, an der ich nichts dachte. Jetzt aber konnte ich nach draussen im herrlichen Sonnenschein ein Zigarette rauchen gehen und an gar nichts denken. Es war unbeschreiblich schön. Obwohl diese automatischen Gedanken bis heute immer noch da sind, sind sie doch nicht mehr so schlimm wie vor diesem Tag. Die Woche endete dann wie üblich mit dem Praktikumstag.

 

18.03.1997

Am nächsten Dienstag hatte ich den Kontakttag mit meiner zukünftigen Praktikumsklasse, in der ich für 4 Wochen mein Vollpraktikum hielt. Ich hatte am Abend einen positiv Eindruck und freute mich halbwegs aufs Praktikum, weil ich den Eindruck hatte, dass der Lehrer sehr freundlich und hilfsbereit ist (was sich später bestätigte) und da mein Freund ebenfalls in L. sein Praktikum hielt.

An diesem Wochenende büffelte ich wie ein verrückter Physik, da am Montag die Physikmatura war. Heute weiss ich, dass ich eine 5.5 schrieb (CH Notensystem!). Die restlichen Tage wurde uns gezeigt, wie man Schule hielt; oder besser gesagt, was wir machen mussten, nicht wie man´s macht! Am Mittwoch hatte ich die Fahrprüfung, die ich auch prompt bestand (ohne Hilfe von Medikamenten). Freitags begannen endlich die Osterferien; für mich waren es aber keine Ferien, sondern die reinste Arbeit: Ich musste fürs Praktikum vorbereiten. Von Depotarbeit war nicht mehr die Rede, ich hatte keine Zeit und Interesse mehr, was oft zu Streitgesprächen im Depot führte.

Am 07.04. begann dann das Praktikum. Die nächsten 4 Wochen sind schnell erzählt: Am Tag hielt ich Schule und am Abend musste ich für den nächsten Tag bereits vorbereiten. Dazwischen kamen vielleicht noch 2 Stunden für mich, die mit Computerspielen und Fernseher verbracht wurden. Nach der Prüfung am 29.04. hatte ich das Schlimmste hinter mich gebracht und vom 05.05 bis 11.05. hatte ich frei. Ich genoss diese Tage und ruhte mich aus. Diese Woche genügte mir allerdings nicht. Ich war todmüde wie eh und je. Die Stimmung blieb auf gleichem Niveau, nur die Gedanken verschlechterten sich wieder während den letzten 5 Wochen.

Am 12.05. fing die Schule wieder an. Obwohl ich mich eigentlich vom Praktikum erholen müsste (es war sehr anstrengend) fing der Stress in der Schule richtig an. Die Maturaprüfungen fingen in 2 ½ Wochen an und ich hatte bis jetzt noch nichts gelernt (wie auch, im Praktikum war ich zu 150% ausgelastet). Von Disco war keine Rede mehr und in der Schule erledigte ich nur das allernotwendigste. Die Lehrer waren daran gewöhnt, von mit nur noch das wichtigste zu erhalten (ich hatte sie 2 Jahre lang trainiert).

Vom 2. Bis 4.05. hat man uns freigegeben, um zu büffeln. Ich lernte in dieser Zeit nur Psychologie, weil eine 4.0 in diesem Fach verlangt wurde. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich das Jahr wiederholen müssen, und das wollte ich nicht nochmals durchmachen.

Irgendwie brachte ich dann die 4 schriftlichen Prüfungen hinter mich und machte mich auf dem Weg nach L., wo ich hoffte, in aller Ruhe mit meinem Freund für die mündlichen Prüfungen zu lernen. Wir waren aber beide so erschöpft, dass wir während den ersten 4 Tagen nur fern schauten und tonnenweise Chips in uns hineinstopften. Danach lernten wir jeweils ½ Stunde und machten wieder 2 Stunden Pause! So ging das bis zum 18.05.

 

19.06.1997

Die nächsten beiden Tage hatten wir dann Staatskunde und Literaturmatura, die mir in die Hose gingen. Ich zog jeweils das Thema, das ich am schlechtesten gelernt hatte L . Obwohl ich vor Erschöpfung hätte umfallen können, lernte ich am Wochenende weiter.

Am Montag war der schlimmste Tag: Psycho und Mathe. Obwohl es sehr schwierige Themen gab, zog ich jeweils für mich die einfachsten, und das paradoxe daran: in der Psychologie zog ich das Thema DEPRESSION!!!!! Ich hätte den Lehrer wohl Stunden vollquatschen können. Die nächsten beiden Tage (wir hatten noch Franz, Musik und Italo) waren mir scheissegal. Ich lernte jeweils am Abend ca. ½ Stunde pro Fach. Ich konnte einfach nicht mehr.

Während diesen Tagen habe ich mich immer wieder mit meiner Disco auseinandergesetzt und beschlossen, dass ich aussteige. Obwohl das Geschäft prächtig lief, wollte ich nicht mehr mitmachen, weil es mir einfach keinen Spass mehr machte und weil ich den Stress dort endgültig satt hatte. Ich "kündigte" dann am Donnerstag bei meinen Kollegen und erhielt die Antwort, dass sie das vorausgesehen hätten.

 

27.06.1997

Am Freitag war die Abschlussfeier und Diplomübergabe (gähn) und am Samstag meine letzte Disco, die ich zum ersten Mal seit langem genoss. Ich hatte es endlich geschafft. Ich hatte die Schule beendet, aber leider keinen Job als Lehrer bekommen (2/3 unserer Klasse hat nichts bekommen).

Ich war total erschöpft und freute mich auf unsere Maturareise, die unsere Klasse nach KOS führte. Es war das erste Mal, das ich so weit verreiste und freute mich riesig und hoffte, das meine Benommenheit verschwinden würde. Der Flug war riesig. Obwohl mir ein wenig mulmig wurde (ja ja der Magen) genoss ich das Fliegen. Als wir angekommen waren und uns einquartiert hatten gings auch sofort los: Ich besuchte mit meinen Schulkameraden eine Bar nach der anderen. Sie versuchten mich immer wieder zu überreden, Alkohol zu trinken. Da ich aber Alkohol verabscheue lehnte ich danken ab. Die Depression merkte ich an diesem Abend wieder verstärkt, wohl wegen der anstrengenden Anreise. Die nächsten Tage waren herrlich. Ich konnte endlich das Tun, was ich schon seit langem wollte: Im Meer schwimmen gehen, sich in der Sonne braten und endlich mal abschalten. Ich fühlte mich besser. Am Abend jedoch schlich sich immer wieder das Grübeln ein, versuchte es aber zu unterdrücken, indem ich mich sofort mit meinen Schulkollegen unterhielt.

Am nächsten Montag mussten wir dann wieder zurück. Obwohl diese Ferien ziemlichg stressig waren, hatte ich mich ein wenig erholt; ich merkte es deutlich. Ich konnte mich jedoch nicht von den Ferien erholen (paradox, aber es ist so), weil ich am Dienstag bereits bei meiner neuen alten Sommerstelle anfangen musste: im Altersheim. Obwohl ich bereits mehrere Sommer hier arbeitete und ich mich an die Leute gewöhnt hatte, fühlte ich mich dieses Jahr komisch. Hier im Altersheim gibt es viele IV Patienten, die an Schizophrenie und Depressionen leiden. Ich fühlte mich so eigenartig, als ob ich das gleiche Schicksal erlitt wie sie; ich hatte das in den letzten Sommern nie so intensiv erlebt wie heuer. Ich gewöhnte mich aber langsam wieder an diese Leute und konnte mich von ihnen wieder distanzieren.

Nach 2 Wochen Arbeit hatte ich seit langem mal wieder einen Termin mit meinem Psychiater. Ich berichtete ihm, dass das Seropram keine Wirkung zeige und deshalb setzte ich das Antidepressiva wieder ab. Deshalb setzte ich nun ein anderes Medi ein: Aurorix (MAO-Hemmer). Ich musste aber 2 Wochen warten, bevor ich sie nehmen konnte.Nach zwei weiteren Wochen hatte ich dann eine Woche Ferien, die ich in unserm Chalet im T.tal verbringen wollte. Nach drei Tagen hatte ich aber genug, weil nicht ein einziger Mensch in meinem Alter dort war und ich so immer wieder tief ins Grübeln fiel. Ich beschloss, nach Hause zu gehen und am Computer zu spielen und im I-Net zu surfen.Am nächsten Dienstag fing ich im Altersheim wieder an zu arbeiten. Meine Sizuation verschlechterte sich wieder zusehends ich bekam wieder Suizidgedanken, weil meine Gedankengänge verrückt spielten ("Nebenwirkung" von MAO-Hemmer am Anfang).

 

16.08.1997

Heute war der Tag, an dem fast die ganze Schweiz nach Zürich ging: Streetparade. Ich durfte an diesem Anlass natürlich nicht fehlen und hatte mir auch ein entsprechendes Outfit zugelegt: Rot-blaue Haare!!! Als sich der Zug langsam in Bewegung setzte, ging es mir immer schlechter. Ich bekam ähnliche Symptome, wie bei der letzten Streetparade, als ich auf LSD war. Ich fiel wieder so tief in Depressionen, das ich mir am Abend das Leben nehmen wollte: mit einer Überdosis XTC.

Am Abend (Energy 97) wurde ich auch bald fündig und kaufte mir 5 Pillen!! Ich schmiss aber zuerst nur 2, weil ich mir ne letzte "Chance" geben wollte. Nach 2 Std merkte ich aber noch nicht den geringsten Unterschied!!!!! Ich zog also los und beschaffte mir nochmals 2Stk. Danach schmiss ich 5Stk gleichzeitig, zusammen mit den beiden vorherigen sollte es sicher gelingen. Nach einer Stunde bemerkte ich dann auch einen Unterschied. Ich bekam aber nicht einen Flash, wie es bei XTC üblich ist, sondern ich wurde "normal"!!!!!!!!!! Alle Symtome verschwanden!!! Ich glaubte, dass sei wahrscheinlich vom XTC. Da bei mir aber nach 2 Stunden der Flash immer vorüber war und das gute Gefühl bis am Morgen immer noch anhielt. Es war eine positive Kehrtwende in meiner Leidensgeschichte, denn dieses Gefühl hielt auch die nächsten Tage an und ich konnte mir die Wirkungsweise von diesem XTC Pillen nicht erklären. Da ich aber nicht wieder zurückfallen wollte, beschloss ich, das Aurorix wieder zu nehmen, zwar nur in geringen Mengen, aber immerhin.

 

02.09.1997

Heute war der letzte Arbeitstag im Altersheim. eigentlich stand ich vor dem Nichts, erhielt aber am selben Tag eine neue Stelle als Kellner im T.tal!! Ich schleppt also meine sieben Sachen (PC, Verstärker, Boxen etc) ins Tal und richtete mich dort ein. Am Donnerstag war dann mein erster Arbeitstag. An diesem Tag erhöhte ich auch meine Dosis von Aurorix auf eine Pille am Tag, verteilt auf 2 Einnahmen. Die ersten Tage wren ziemlich anstrengend, da ich noch nie in meinem Leben serviert hatte. Um mich nicht fertig zu machen, nahm ich manchmal auch einen Tranquilizer zu mir, der mir sehr geholfen hat. In der nächsten Woche ging es mir noch nicht so gut: Am Abend fiel ich manchmal wieder ins Grübeln. Ich beschloss deshalb, die Dosis auf 1 1/2 Pillen zu erhöhen. Obwohl ich am Anfang noch keinen Unterschied merkte, ging es mir allmählich viel besser. An manchen Abenden fühlte ich mich sogar wie vor beginn der Krankheit! Es gab aber auch immer wieder schlechte Tage. In den nächsten Tagen fing ich auch an, mich für ein neues Hobby zu begeistern: Ich versuchte, meine Soundkarte zu bedienen und fand gefallen daran, selber Musik zu machen und beschloss, professionelles Equipment einzukaufen. Mit viel Zufall konnte ich dann auch gleich 3 Synthesizer und einen Drummodul für 1200Fr. kaufen (Normalpreis: ca. 3000Fr.).

 

23.09.1997

Heute Abend ging ich nach Hause, weil morgen mein freier Tag war. Bei der Heimreise erlebte ich dann ein richtiges Glücksgefühl, das ich seit Monaten nicht mehr hatte. All meine depressiven Symptome verschwanden, ALLE! Ich genoss das Leben. Obwohl bei der Arbeit dieses gefühl manchmal wieder verschwand, so gab es doch jeden Tag immer wieder Zeiten dieses Glücksgefühls!! Ich bestellte auch noch einen Sampler, damit ich endlich richtig Musik machen konnte.

 

06.10.1997

Gestern war mein letzter Arbeitstag und ich fuhr zusammen mit meinen Eltern nach Hause. Heute erlebte ich seit langem wieder mal einen schlechten Tag. Föhn hatte sich breitgemacht und auf meine Stimmung gedrückt. Im letzten Monat hat sich aber so viel verändert, dass ich glücklich bin, diese Arbeit angenommen zu haben. Meine Depression ist fast verschwunden. Auch in dieser Woche fühlte ich mich einfach unbeschreiblich. Es war alles so schön und konnte mir nicht vorstellen, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Ich kaufte dann meinen Sampler und lernte mich langsam in diese Materie ein.

 

14.10.1997

Heute fing ich wieder im Altersheim an zu arbeiten. Zwar nur für 2 Wochen, aber immerhin. Im Sommer hatte ich ja immer das Gefühl, ich sei ähnlich wie viele IV-Patienten; dieses Gefühl kannte ich gar nicht mehr, es war verschwunden. Auch die meisten anderen Symptome der Depression waren verschwunden. Ich fühlte mich fast so wie früher.

 

21.10.1997

Diese Woche verschlechtert sich mein Zustand wieder ein wenig, ich weiss aber den Grund: Ich hab während 2 Nächten zuwenig geschlafen. Sofort setzte wieder das Grübeln wieder ein, dass aber wieder abflaut, da ich nun wieder mehr schlafe. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, geht es mir bereits wieder ein wenig besser. Ich hoffe, dass sich mein Zustand nicht wieder verschlechtert, aber ich habe keinen Grund zur Annahme dazu, weil ich in den nächsten Wochen arbeitslos bin und so genügend schlafen kann und mich auch meinem neuen Hobby widmen kann (Musik produzieren).

 

27.10.1997

Was soll ich über diese Zeit sagen? Ich weiss es nicht. Ich bin den ganzen Tag zuhause und sitze entweder vor dem Fernseher oder vor dem Computer. Mir macht es eigentlich nicht viel aus, arbeitslos zu sein, aber den ganzen Tag nichts zu machen ist schon "lästig". Der einzige Lichtblick im Tag ist immer der "Besuch" meines Nachbarns am Abend. Wir unterhalten uns dann immer über die Neuerscheinungen im Spielesektor.

 

03.11.1997

Ich hab ein neues Projekt in Angriff genommen: Ich will ein Netzwerk mit meinem Nachbarn aufbauen, damit wir Quake im Netzwerk spielen können. Endlich habe ich wieder eine "Aufgabe". Ich mach mich also ans Werk und grab die ganze Wiese vor dem Haus auf, um das Kabel zu verlegen. Bis unser Netzwerk aber funktioniert, soll es noch eine Weile dauern.

 

17.11.1997

Unser Netzwerk funktioniert endlich und haben endlich unser eigenes Netz. Durch diese Aufgabe ist meine Stimmung konstant geblieben und fühle mich recht gut. Am Samstag besuche ich einen Freund in Bern und erhalte endlich mein langersehntes Tomb Raider 2.

 

24.11.1997

Mein Stimmung verschlechtert sich zusehends. Am Tag geht es mir zwar recht gut, am Abend grüble ich aber wieder wie schon lange nicht mehr. Auch das Tomb Raider macht mir keine Freude, obwohl ich so lange drauf gewartet hatte. Dieses Wochenende nehme ich mir mal nichts vor, weil ich mich beschissen fühle. Am Samstag steigt dann meine Stimmung wieder merklich an. Ich hab wieder Freude an der Welt und beginne nun am Tomb 2.

 

01.12.1997

Diese Woche gehts mir wieder blendend und ich helfe meinem Vater in der Werkstatt. So vergesse ich, dass ich arbeitslos bin. Am Nachmittag bin ich dann jeweils vor dem fernseher und schau mir meine Lieblingsserien an (Start Trek und Babylon 5)

 

08.12.1997

Diese Woche ist wieder ein totaler Einbruch in meiner Stimmungslage. Am Mittwoch muss ich dann auch ins RAV (Arbeitsvermittlung) und muss einem Vortrag zuhören. Am Vormittag macht mir das noch nichts aus, am Nachmittag quälen mich aber wieder Verwirtheitszustände, wie damals in der Schule. Auch bis heute (Freitag) fühle ich mich sehr schlecht und kann nur hoffen, dass sich das bald ändert (an der Medieinnahme habe ich nichts geändert).

 

 

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