Phonetik und Phonologie für LogopädInnen

Phonetisch gesehen besteht die Sprache aus Ausatmungen, die als Ton oder als Lufthauch in den Mund- oder Nasenhohlraum gelangen und dort durch bestimmte Bewegungen der Organe im Mundraum eine Abfolge von charakteristischen Klängen erhalten oder zu bestimmten Geräuschen werden. Betrachtet wird dann von der Phonetik die physikalisch-akustische Qualität dieser Klänge und Geräusche oder die Art und Weise, wie sie auditiv wahrgenommen werden. Diese Betrachtungen sind die Aufgaben der akustischen oder der auditiven Phonetik. Für die Logopädie-Ausbildung werden diese Bereiche in großen Teilen von der Phoniatrie oder der Akustik abgedeckt. Die Linguistik ist hauptsächlich dafür zuständig, den Bereich der artikulatorischen Phonetik, also der Erzeugung der Klänge und Geräusche im Mundraum zu beschreiben, aber auch ihre Eigenschaft als kleinste sinnunterscheidende, nämlich phonologische Sprachkomponenten bewusst zu machen und zu erklären.

Die Phonologie, die im Gegensatz zur Naturwissenschaft „Phonetik“ eine Geisteswissenschaft ist, betrachtet nicht die physikalische Erscheinungsform der Laute, sondern deren Bedeutung für eine bestimmte Sprache. Diese Bedeutung der Laute ist eine abstrakte Größe. Die Laute als „sinnunterscheidende“ Größen einer Sprache existieren demnach nur im Gebrauch und im Verstehen dieser Sprache, also eigentlich im Kopf resp. kognitiven System derjenigen, die sie gerade benutzen. Und so kann man auch sagen: die Untersuchungsgegenstände der Phonetik, die Phone, sind physikalisch messbare Phänomene, während die Untersuchungsgegenstände der Phonologie, die Phoneme, abstrakte, kognitive Phänomene sind. In der auf die Logopädie angewandten Phonetik und Phonologie überschneiden sich beide Fachgebiete indem z.B. von vornherein nur die Sprachlaute der deutschen Sprache betrachtet werden und nicht alle in menschlichen Sprachen möglichen.


Die Sprachlaute


Konsonanten

In der deutschen Sprache gibt es 6 Plosive (Spreng- oder Lösungslaute), zehn Frikative (Reibelaute), drei Nasale, den Lateral-Engelaut [l] und den Hauchlaut [h]. Bei den Plosiven und Frikativen stehen sich stark gespannte Laute mit stärkerem Geräusch (fortis, immer stimmlos) und schwach gespannte Lauten mit schwächerem Geräusch (lenis, meist stimmhaft, manchmal stimmlos) gegenüber. Zudem gibt es den „Knacklaut“, den harten Vokaleinsatz, und die Halbvokale (Approximanten) [j] und [ɰ].

Zu den genannten Artikulationsarten sei folgendes gesagt:



Die Laute werden an 10 Artikulationsorten gebildet:





Hieraus ergibt sich folgende Übersicht:
 
 

Artikulations

stelle

:

bi

labial

labio

dental

alveo

lar

prae

palatal

palatal

velar

uvular

glottal

Plosive

fortis

p


t



k


ʔ


lenis

b


d



g



Frikative

fortis


f

s

ʃ

ç

x

χ



lenis


v

z

ʒ

ʝ

ɣ

ʁ

h

Nasale


m

ɱ

n



ŋ



Approximant






j


ɰ


Lateral-Engelaut




l








Vokale

Die deutsche Sprache gehört zu den vokalreichen Sprachen. Sie hat 16 Vokale und 3 Diph­thonge. Hinzu kommt, dass das R in einigen Lautumgebungen als Vokal gesprochen wird. Einen Überblick über die Artikulationsstellen der Vokale und Diphthonge erhält man durch das sogenannte Vokalviereck. Mit ihm wird die Zungeneinstellung im Mundraum symbolisiert.

Die Vokale werden mit nach vorne gehobener oder nach hinten gehobener Zunge gebildet, oder mit relativ entspannter, zentraler Zungenlage. Die Zunge kann flach im Mund liegen; bzw. mittelhoch oder hoch aufgewölbt sein.

Die Vokale könnte man als paarweise auftretend bezeichnen. Jedes Paar besteht aus einem gespannten und einem ungespannten Vokal. Bei den gespannten Vokalen ist im Vergleich zu den dazugehörigen ungespannten

Man bezeichnet die gespannten Vokale oft als lang, im Gegensatz dazu nennt man die ungespannten Vokale oft kurz.

Die drei Diphtonge des Deutschen sind:

Mit Ausnahme des Murmelvokals treten alle Vokale in akzentuierten und in akzentlosen Silben auf.

Die Stimmgebung

Bei der Beschreibung der Konsonanten wurde explizit und bei der Beschreibung der Vokale implizit(alle Vokale sind stimmhaft) von Stimmhaftigkeit bzw. Stimmlosigkeit gesprochen. Wie wird die „Stimme“ erzeugt, wie kommt es zur „Phonation“ von Lauten?

Zur Beantwortung dieser Frage will ich eine kurze anatomische Betrachtung voranstellen: Das wichtigste Organ für die Stimmgebung ist der Kehlkopf. Er ist das obere Ende der Luftröhre (Trachea) und besteht aus einem Skelett aus gelenkig verbundenen Knorpeln und Knorpelringen, der inneren und äußeren Muskulatur und der ihn auskleidenden Schleimhaut. Die knorpeligen Teile des Kehlkopfes sind der Schildknorpel, zwei Knorpelplatten, die in einem mehr oder weniger spitzen Winkel an der Halsvorderseite zusammentreffen (die obere Spitze dieser beiden winklig zusammenstoßenden Platten ist bei Männern als „Adamsapfel“ sichtbar) und der tiefer und innen liegende Ringknorpel und zwei innen liegende Stellknorpel.

An einer bestimmten Stelle im Kehlkopf befindet sich ein Schließmechanismus, der in seiner Primärfunktion zum Schutz von dem Eindringen von Fremdkörpern in Luftröhre und Lunge dient, in seiner Sekundärfunktion aber die Stimmgebung möglich macht. In Scheitelrichtung sind hier zwei Muskel vorne am Schildknorpel und hinten an den sehr beweglichen Stellknorpeln befestigt und auf ihnen liegen zwei Sehnen, die Stimmbänder. Darüber liegt die Schleimhaut, die den ganzen Kehlkopf bzw. die ganze Luftröhre auskleidet. Durch das sich Annähern der Muskeln mit ihren Sehnen und der darüber liegenden Schleimhaut bis hin zum Verschluss und dem schnellen Öffnen des Verschlusses durch den sich darunter bildenden Luftdruck aus der Lunge entsteht bei entsprechender Häufigkeit dieses Öffnens und Schließens eine Reihe von Explosionen bzw. „Knällen“, die einen Ton erzeugen. Im Mundraum entstehen durch Resonanzen dann die verschiedenen Klänge, die den einzelnen stimmhaften Sprachlauten ihre Charakteristik verleihen.

Bei der Hervorbringung von stimmlosen Lauten ist diese Stelle, die von den Muskeln und Sehnen umschlossen ist und die „Glottis“ genannt wird, geöffnet. Der Zeitpunkt, zu dem sich die Glottis zu stimmhaften Lauten schließt bzw. zu stimmlosen Lauten öffnet, ist von Sprache zu Sprache verschieden. Der Unterschied bei der Aussprache des Plosivs [p] im Namen <Peter> im Deutschen und Englischen liegt z.B. darin, das die Stimmgebung zum nachfolgenden Vokal im Englischen früher einsetzt ( das Englische hat eine frühere VOT - Voice Onset Time) als im Deutschen, d.h. im Deutschen bleibt die Glottis bei besonders deutlicher Aussprache länger offen, daher kommt es dann auch zu einer deutlicheren Aspiration - die Behauchung - der Plosive.


Silbenbildung


Die kleinsten, tatsächlich in der Sprache auftauchenden Klanggebilde sind nun aber nicht die eben beschriebenen Laute, sondern Lautketten - die Silben. Sie sind entweder selbst WWorte oder werden zu Worten verbunden.

Die Verwendung der Laute in ihrer Abfolge in einem Wort unterliegt einigen Beschränkungen. Beispielhaft sei hier die phonotaktische Struktur dreier einsilbiger Worte im Deutschen dargestellt:



möglicher Plosiv / Frikativ

ʃ




möglicher Plosiv / Frikativ

t




möglicher Plosiv / Frikativ oder Nasal, /l/ oder /r/

χ



oder

<h>


h

h

gefolgt von






Vokal - muss auftreten

ʋ

a

ɛ


möglicher Nasal, /l/ oder /r/

m

l

ɰ

gefolgt von






möglicher Plosiv / Frikativ oder Nasal, /l/ oder /r/

p

s

p


möglicher Plosiv / Frikativ

f


s

gefolgt von






möglicher Plosiv / Frikativ, Morphemgrenze und Plosiv / Frikativ



t

oder






Morphemgrenze und Plosiv / Frikativ, möglicher Plosiv / Frikativ



s


Eine Silbe - dies kann auch, wie in den Beispielen ein einsilbiges Wort sein - hat in ihrem Kern immer einen Vokal. In unbetonten Silben, in denen sich z.B. Endungen befinden, kann der Vokal (der dann ein Schwa-Laut ist) auch von einem Nasal ersetzt werden. Vor dem obligatorischen Vokal in betonten Silben oder Einsilblern können am Wortbeginn bis zu drei Konsonanten stehen(z.B. [ʃtr] in <Strumpf>) oder ein einzelnes [h] wie in <Hals> oder <Herbsts>.

Am Wortende können bis zu fünf Konsonanten auftreten, wenn eine Morphemgrenze vorliegt (z.B. in (des) <Herbsts>/ [ɰpsts] (Genitiv-S)). Die Auslautverhärtung des Deutschen schränkt Konsonanten am Wortende jedoch auf die stimmlosen Varianten ein. Überwiegend treten in dieser Stellung [t] und [s] auf.



Gesprochene Sprache


Die tatsächlich gesprochene Sprache ist nicht genormt wie die Schriftsprache. Zwar gibt es ein sogenanntes Standard-Hochdeutsch, doch auch innerhalb dieser Norm gibt es eine Variationsbreite von möglichen Aussprache-Variationen, die z.B. von der jeweiligen Sprechsituation abhängig ist. Keinesfalls darf man jedoch glauben, die lautliche Umsetzung der Buchstaben der geschriebenen Sprache sei der Maßstab für das „richtige Sprechen“ - man denke nur an die geringere Zahl voon Buchstaben gegenüber der Zahl der Sprachlaute im Deutschen. Die Schrift ist zwar in gewissem Sinn „lautorientiert“, ist jedoch keine phonetische Umschrift. Trotz dieser Tatsache spricht man von bestimmten regelmäßigen Erscheinungen der gesprochenen Sprache als den „Reduktionserscheinungen“, die an der Schriftsprache gemessen werden.

Mit Vokalreduktion bezeichnet man z. B. eine Neutralisation bzw. Verkürzung von Vokalen in unbetonten Funktionswörtern (Pronomen, Artikel, Hilfsverben, Präpositionen, Konjunktionen). Die Vokale werden dabei zeitlich verkürzt. Auch in akzentlosen Silben wird häufig reduziert. Lange Vokale verlieren zuerst an Länge, werden dann zu ungespannten Vokalen und in manchen Wörtern auch zum Murmelvokal. Kurze Vokale werden zum Murmelvokal reduziert und können in einigen Wörtern dann auch entfallen.

Diese Reduzierungen erfolgen vor allem bei den meist nicht akzentuierten sinnschwachen Wörtern wie Artikeln, Präpositionen, Pronomen usw. Die volle Form [de:m] für den Artikel dem kann so zu [dem] mit kurzem gespannten [e] oder sogar mit dem kurzen ungespannten oder dem Murmelvokal, manchmal sogar nur zum [m] (auf dem [a ɔfm]) geschwächt werden. Diese Verkürzungen bzw. Vokalreduktionen gehören zum normalen Sprechen und würden beim Zuhören als Solche nicht auffallen, viel eher die buchstabengetreue Aussprache in jeder Situation. Trotzdem wird hier ausgehend von der geschriebenen Form des Wortes von einer Reduktion gesprochen.

Ein zweiter „Reduktions“effekt, der unmittelbar aus der eben beschriebenen Vokalreduktion folgt, ist die Schwa-Tilgung. In Silben, in denen der Schwa-Laut als Silbenkern auftritt, wird dieser nur noch sehr kurz oder häufig überhaupt nicht mehr ausgesprochen (z. B. in /können/ [kœn̩]).

Auch bei den Konsonanten gibt es beim Sprechen Reduktionen gegenüber der geschriebenen Sprache. Gruppen von Konsonanten werden z. B. häufig zu einem Laut zusammengefaßt. Insbesondere wird bei Plosiven die Aspiration unterdrückt und die Artikulationsstelle dem umgebenden konsonantischen Kontext angeglichen. Beispiele für diesen Effekt stellen etwa die Kombinationen dar: Plosiv + Plosiv (<mitbringen> [tb] wird zu [pb] wird zu [b], wobei das [b] stimmlos realisiert wird, Plosiv + Nasal <mitmischen> [tm] wird zu [pnm], wobei das [p] nasal gelöst wird).

Auch über Wortgrenzen hinweg findet man diese Zusammenziehung, etwa /mit manchen/ [tm] wird zu [pnm], auch hier: nasale Lösung des [p].

Der Grund insbesondere der Konsonantenreduktionen liegt in einer Vereinfachung des Bewegungsablaufs bei der Artikulation. Analog zur zeitlichen Verkürzung der Vokale wird auch bei Konsonanten eine Kompression angestrebt. Da Konsonanten zeitlich nicht komprimierbar sind, werden die Artikulationsbewegungen in kürzerem zeitlichen Abstand ausgeführt. Dabei überlagern sich unterschiedlich schnelle Bewegungsabläufe vor allem der (schnellen) Zungenspitze und der (langsameren) Lippen, Kiefer, des Zungenrückens und des Velums. Gleichzeitig überlagern etwa Lippenverschlüsse einen Zungenspitzenverschluss an anderer Stelle und lassen ihn nicht mehr hörbar werden. Als Konsequenz dieser Nicht-Wahrnehmbarkeit werden die entsprechenden Laute oft auch nicht mehr realisiert.

Eine weitere Erscheinung der gesprochen Sprache ist die Variation in der Aussprache einzelner Laute in verschiedenen Lautumgebungen. Durch die Koartikulation von Sprachlauten kommt es häufig zu Angleichungen von Artikulationsarten oder -orten.

Im Folgenden einige nähere Erläuterungen zur Aussprache einzelner Laute in verschiedenen Lautumgebungen:


 


 


 


Gesprochene vs. geschriebene Sprache

Da die Schrift ja allgemein als Lautschrift, also die Buchstaben als an Sprachlauten orientiert, gilt, ist in der logopädischen Praxis ist besonders die Diskrepanz zwischen den angenommenen Lautwerten der Buchstaben (resultierend aus deren „Namen“) und den tatsächlichen Lauten im gesprochenen Wort zu bedenken.



 

 

 


 

Der Vokaleinsatz tritt bei Vokalen am Wort- oder Silbenanfang in zwei Formen auf, als Kehlkopfknacklaut und als weicher Einsatz, das heißt als sanftes Einsetzen der Stimmlippenschwingungen. Der Kehlkopfknacklaut, den man als leises Sprenggeräusch hört, wird häufiger in satzakzentuierten Silben und besonders bei lautem nachdrücklichem Sprechen verwendet, z.B. Achtung! . In anderen Fällen fehlt dieses Sprenggeräusch. Die am Wort- oder Silbenanfang stehenden Vokale werden dann ohne Bindung an vorausgehende Laute neu eingesetzt, das heißt, nach einer kurzen Unterbrechung beginnt die Stimmgebung mit einem sanften Anlauf, z.B. am Rheinufer [ʔam 'ra en(sanfter Stop)u:f ɐ]. Die Unterscheidung „sanfter“ und „harter Vokaleinsatz wird im IPA nicht gemacht.


Melodie und Intonation


Sprachen haben nicht nur ein charakteristisches Lautinventar sondern auch eine ganz bestimmte Sprachmelodie und einen bestimmten Rhythmus. Das Deutsche ist besonders deutlich an seinem „Stakkato-Rhythmus“ zu erkennen, d.h. es unterscheidet stark zwischen betonten und unbetonten Wort- und Satzakzenten und weniger zwischen Tonhöhen wie das Russische oder das Italienische. So sind die Akzentgebungen so wichtig, dass unbetonte Silben und auch Worte bis hin zur Tilgung reduziert werden können (siehe oben). Die wichtigst Silbe im Wort ist also die betonte und ihre richtige Artikulation entscheidet über Verstehen oder Nicht-Verstehen des Gesprächspartners. Mit der Rhythmik der Silbenstrukturen kann in der Therapie mit Klatschen, Trommeln oder Singen gut gearbeitet werden. Worte können auch über ihre Betonungsstruktur erkannt bzw. gefunden werden.

Auch Satzmuster sind über die Satzrhythmik zu verdeutlichen. Dabei kommt es besonders auf Pausierungen und Satzintonation an. Die Möglichkeiten fallend (Aussage), steigend (vor Einschüben, in Frage oder Zweifel) oder gleichbleibend (unvollendet) sind allgemein bekannt. Weniger bewusst sind die Möglichkeiten, im Laufe einer Äußerung durch bestimmte Pausierungen Sinn zu schaffen. Dabei hängt die Länge oder die Häufigkeit von Pausen vom Sprechanlass, von der Sprechgeschwindigkeit und von der emotionalen Befindlichkeit ab. Besonders deutlich kann man die Pausierungs-Charakteristik des Deutschen während des Vorlesens erkennen. Während des schnellen ungestörten Sprechens werden nur sehr wenige, aber auch hier entscheidende Pausen gemacht.

Keine Pausen gibt es z.B. zwischen Artikel, Adjektiv und Nomen oder zwischen Adjektiv/Adverb-Reihen: <ein besonders lieber kleiner Junge>, hier wäre eine kurze Pause zwischen <lieber> und <kleiner> möglich, nicht aber zwischen <ein> und <besonders>, <besonders> und <lieber> oder <kleiner> und <Junge>. Je nach Aussageintention sind allerdings sogenannte „Kontrastbetonungen“ möglich, die den Sinn einer Aussage verändern können.


Phonologischer Aspekt des Spracherwerbs


Möglicherweise ist den LeserInnen aufgefallen, dass verschiedene Arten von Klammerungen benutzt worden sind. Es gibt eckige Klammern [], die die phonetische Umschrift kennzeichnen, spitze Klammern<>, die die orthographische Umschrift kennzeichnen und Schrägstriche //, die den „gemeinten“ Laut und nicht seine tatsächliche Aussprache kennzeichnen. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, denn sie bezieht sich auf den Unterschied zwischen der kognitiven Einheit „Phonem“, eine abstrakte gedankliche bzw. synaptische Repräsentation eines Sprachlautes, der benutzt wird, um eine Bedeutung lautlich von einer anderen zu unterscheiden.

Das bedeutet, dass Phoneme Konzepte sind und die lautliche Verwirklichung von Phonemen, die Phone, auch nur als solche, nämlich als Phone, wahrgenommen werden können. Phoneme werden Phone erst durch die Einordnung des wahrgenommenen Lautes in eine bestimmte Phonemkategorie/ein Phonemkonzept.

Zur Verdeutlichung: Wenn ein Mensch einen Laut nicht bilden kann, so kann es eine artikulatorische oder eine kategorielle als Ursache geben: er artikuliert nicht den Unterschied zwischen /vɛlə/ und /fɛlə/, was ja im Deutschen zwei verschiedene Worte sind: Welle und Felle. Ein Grund kann sein, dass er "einfach" die phonetischen Kategorien fortis (also mit großer Muskelspannung) und stimmhaft artikulatorisch nicht getrennt hinbekommt. Der Grund kann aber auch sein, dass er nicht zwei Konzepte für diese beiden Laute hat - bei ihm sind /f/ und /v/ ein einziges Konzept. Dies drückt sich dadurch aus, dass er selbst die Worte auch nicht unterscheiden kann. Dies kann wiederum verschiedene Gründe haben (z.B. Schwerhörigkeit). Im ersten Fall sind artikulatorische Übungen angesagt, im zweiten wird man mit solchen Übungen nichts erreichen, bevor das Kind nicht zwei verschiedene Phonemkategorien gebildet hat, also die beiden Laute auch als unterschiedlich wahrnehmen kann.

Phonemkategorien bilden sich, sobald das Gehirn seine Wahrnehmungsfunktion aufnimmt und Sprache verarbeitet. Die erste Unterscheidung nach bestimmten Kategorien wird nach bisherigen Forschungen wohl die in stimmhafte und stimmlose Laute sein. Wenn die Phonemkonzepte ausgebildet sind (dies ist wahrscheinlich so, wenn Kinder die „50-Worte“ Grenze überschreiten), wird die kognitive Phonemanalyse zur Erkennung und Produktion von Worten eingesetzt. Vor diesem Zeitpunkt werden Worte als ganzheitliche Klanggebilde gespeichert und produziert. Mit den kognitiven Möglichkeiten oder der „Strategie“ der Phonemanalyse können durch diese ökonomischere Vorgehensweise des Gehirns sehr große Mengen von neuen Worten sehr schnell gespeichert werden. Das Erreichen dieser Phase im Spracherwerb kann man an plötzlich auftretenden Fehlartikulationen von Worten, die bisher korrekt ausgesprochen wurden, erkennen. Hier wird nun nämlich keine unanalysierte Klangkette mehr geäußert, sondern ein aus einzelnen Klangsegmenten bestehendes Wort, wobei einzelne Segmente, Phoneme, noch nicht in allen Charakteristika voll ausgebildet sein könnten. D.h. ein Kind, das ein relativ schwieriges Wort (z.B. eins mit vielen Konsonanten hintereinander) lange Zeit sprechen kann, verliert im Verlauf des Spracherwerbs diese Fähigkeit und macht scheinbar einen Rückschritt, es kann ein Wort, das es mal aussprechen konnte, nun nicht mehr artikulieren oder nur noch „falsch“ artikulieren.

Dies ist aber nur scheinbar ein Rückschritt, weil das Kind eigentlich erst auf dieser Stufe erkannt hat, aus welchen Lauten dies Wort zusammengesetzt ist, und nun „bewusst“ versucht, die entsprechenden Laute nacheinander korrekt zu artikulieren. Da es nun praktisch weiß, wie komplex dies Wort eigentlich ist, kann es nun zu den entsprechenden Fehlartikulationen kommen. Das Kind ist also von der Stufe des unanalysierten Nachplapperns einer Lautkette zum bewussten Artikulieren einzelner Phoneme in ihrem Zusammenspiel aufgestiegen und muss dabei zwangsläufig zunächst Fehler machen, bis sein Sprachvermögen voll ausgebildet ist.

So wie also Wortbedeutungen über die Bildung von semantischen Konzepten zu Stande kommen, müssen auch Konzepte über die Phoneme einer Sprache gebildet werden, die nicht nur den Klang eines Lautes und die Muskelbewegungen, die ihn erzeugen, sondern seine Veränderungen durch Koartikulationen, seinen andersartigen Klang von verschiedenen Menschen ausgesprochen, seine „Verschluckbarkeit“ (z.B. des Schwas), seine Kombinierbarkeit usw. enthalten. Erst später im Verlauf des Schriftspracherwerbs können diese Konzepte von Lauten dann durch ihre möglichen graphischen Repräsentationen ergänzt werden.


Schluss


Fundierte Kenntnisse in den relevanten Bereichen der Phonetik und der Phonologie sind für LogopädInnen unerlässlich zur fundierten Diagnose und zur Entscheidung über adäquate Therapieformen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sind einerseits m.E. umfassend aber andererseits naturgemäß nur oberflächlich. In jedem einzelnen Gebiet kann für einen angemessenen Kenntnisstand noch beliebig in die Tiefe gegangen werden. Besonders die Fähigkeit, genau hinhören zu können und dabei phonetische Besonderheiten und ihre möglicherweise phonologischen Ursachen zu erkennen, bedarf einer guten Schulung. Während der logopädischen Ausbildung sollte daher besonders auf das Mittel der phonetischen Transkription zurückgegriffen werden, was weniger dem Üben dieser Fertigkeit für den täglichen Gebrauch, als vielmehr dem Erlernen des gezielten Hörens dienen sollte. Zudem kann auch die genaue Kenntnis des IPA (internationalen Phonetischen Alphabets) nicht schaden.

Auch für Überlegungen zur Therapie eines gestörten Schriftspracherwerb oder einer Lese-Rechtschreib-Schwäche sind gute Kenntnisse dieser beiden linguistischen Teilgebiete nötig. Durch diese guten Kenntnisse zusammen mit den Kenntnissen geeigneter Therapiemöglichkeiten können sich LogopädInnen auch für diesen immer größer werdenden Klienten-Bereich gegenüber anderen Anbietern profilieren.


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