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Der Cuelebre


In einer Hütte nahe einer asturischen Stadt lebte eine wunderschöne Maid. Sie war eitel und verbrachte ihre Zeit mit Tagträumen. Stunde um Stunde kämmte sie ihr langes, fließendes Haar an einer Quelle, nichts bewunderte sie mehr als ihr hübsches Spiegelbild im Wasser. Voller Eifersucht warnten sie Mutter und Großmutter: "Es ist gefährlich, das Haar an der Quelle zu kämmen. Sei vorsichtig, denn wenn nur eines deiner Haare in die Quelle fällt und die Oberfläche kräuselt, so wird dich der Geist der Quelle verhexen."
"Gewäsch von alten Weibern", rief das Mädchen, "es gibt keinen Geist in der Quelle." Doch da irrte sie sehr. In den Tiefen hauste ein mächtiger Geist, eine dieser Nymphen der Ströme und Berge, wie sie in der asturischen Mythologie bekannt waren. Der Geist sah mit Zorn, wie das Mädchen den ganzen Tag mit dem Kämmen der Haare vergeudete und niemals beim Spinnen der Wolle oder Kneten des Teiges half. Es gab allerdings keine Möglichkeit einzugreifen, da das Mädchen die Wasseroberfläche nie gekräuselt hatte, doch die Nymphe wartete geduldig auf ihre Chance.
Dann fiel eines Tages doch eines der goldenen Haare des Mädchens auf das Wasser. Die Nymphe, gekleidet in einem Umhang aus grünem Wasser, stieg zornig empor.
"Hat dich deine Mutter nicht davor gewarnt, den Wasserspiegel zu zerstören?" fragte sie mit ruhiger Stimme.
"Ein Haar so schön wie dieses zerstört den Wasserspiegel nicht", entgegnete das stolze Mädchen.
"Ich werde dich verhexen, um dich für deine Eitelkeit zu strafen", sagte die Wassernymphe eisig. Barfuß, das lange goldene Haar mit Perlen verziert und einer Krone aus dem Licht des Mondes ließ sie sich im Gras am Brunnen nieder. Finster verkündete sie: "Ich werde dich in einen Cuelebre verwandeln. Du wirst erst deine Menschengestalt wiedererlangen, wenn du auf einen Ritter triffst, der mutig genug ist, sich nicht vor dir zu fürchten und dessen Herz so rein ist, daß er Schönheit an dir erkennt."
Kaum waren die Worte verklungen, da wuchs der Körper des Mädchens zu enormer Größe heran und wurde überall von Schuppen bedeckt. Von grausigem Heulen und Wehklagen begleitet, stahl sich der Cuelebre davon und verbarg sich in einer Höhle am Meer.
Da alle jungen Männer, die jemals des Cuelebres ansichtig wurden, voller Furcht zurückwichen, lebt das eitle Mädchen, das vom Geist der Quelle verhext wurde, noch immer in der Höhle am Meer und wartet bis heute auf einen Ritter, der sie schön findet so wie sie ist, damit sie sich wieder in ein Mädchen zurückverwandeln kann.


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last updated: 23-11-1997 1